SigPhi · Nietzsche

Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band (German)

German

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Freiheit in Fesseln — eine fürstliche Frei- heit. — Der letzte der neueren Musiker, der die Schön- heit geschaut und angebetet hat gleich Leopardi, der Pole Chopin, der Unnachahmliche — alle vor und nach ihm Gekommenen haben auf diess Beiwort kein Anrecht —, Chopin hatte dieselbe fürstliche Vornehmheit der Con- vention, welche Raffael im Gebrauche der herkömmlichen einfachsten Farben zeigt, — aber nicht in Bezug auf Farben, sondern auf die melodischen und rhythmischen Herkömmlichkeiten. Diese Hess er gelten, geboren in der Etiquette, aber wie der freieste und anmuthigste Geist in diesen Fesseln spielend und tanzend — und zwar ohne sie zu verhöhnen.

Chopin's Barcarole. — Fast alle Zustände und Lebensweisen haben einen seligen Moment. Den wissen die guten Künstler herauszufischen. So hat einen solchen selbst das Leben am Strande, das so langweilige schmutzige ungesunde, in der Nähe des lärmendsten und habgierigsten Gesindels sich abspinnende. — Diesen seligen Moment hat Chopin, in der Barcarole, so zum Ertönen gebracht, dass selbst Götter dabei gelüsten könnte, lange Sommerabende in einem Kahne zu liegen.

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Robert Schumann. — Der „Jüngling", wie ihn die romantischen Liederdichter Deutschlands und Frank- reich's um das erste Drittel dieses Jahrhunderts träumten, — dieser Jüngling ist vollständig in Sang und Ton über- setzt worden — durch Robert Schumann, den ewigen Jüngling, so lange er sich in voller eigener Kraft fühlt: es giebt freilich Momente, wo seine Musik an die ewige „alte Jungfer" erinnert.

Die dramatischen Sänger. — „Warum singt dieser Bettler?" — Er versteht wahrscheinlich nicht zu jammern. — „Dann thut er Recht: aber unsere dra- matischen Sänger, welche jammern, weil sie nicht zu singen verstehen — thun sie auch das Rechte?"

Dramatische Musik. — Für Den, welcher nicht sieht, was auf der Bühne vorgeht, ist die dramatische Musik ein Unding; so gut der fortlaufende Commentar zu einem verloren gegangenen Texte ein Unding ist. Sie verlangt ganz eigentlich, dass man die Ohren gerade dort habe, wo die Augen stehen; damit ist aber an Euterpe Gewalt geübt: diese arme Muse will, dass man ihre Augen und Ohren dort stehen lasse, wo alle anderen Musen sie auch haben.

Sieg und Vernünftigkeit. — Leider entscheidet auch bei den ästhetischen Kriegen, welche Künstler mit ihren Werken und deren Schutzreden erregen, zuletzt die Kraft und nicht die Vernunft. Jetzt nimmt alle Welt als historische Thatsache an, dass Gluck im Kampfe mit Piccini Recht gehabt habe: jedenfalls hat er gesiegt; die Kraft stand auf seiner Seite.

Vom Principe des Vortrags in der Musik. — Glauben denn wirklich die jetzigen Künstler des musi- kalischen Vortrags, das höchste Gebot ihrer Kunst sei, jedem Stück so viel Hochrelief zu geben, als nur möglich sei, und es um jeden Preis eine dramatische Sprache reden zu lassen? Ist diess, zum Beispiel auf Mozart angewendet, nicht ganz eigentlich eine Sünde wider den Geist, den heiteren sonnigen zärtlichen leicht- sinnigen Geist Mozart's, dessen Ernst ein gütiger und nicht ein furchtbarer Ernst ist, dessen Bilder nicht aus der Wand herausspringen wollen, um die Anschauenden in Entsetzen und Flucht zu jagen. Oder meint ihr, Mozartische Musik sei gleichbedeutend mit „Musik des steinernen Gastes"? Und nicht nur Mozartische, sondern alle Musik? — Aber ihr entgegnet, die grössere Wir- kung spreche zu Gunsten eures Princips — und ihr hättet Recht, wofern nicht die Gegenfrage übrig bliebe, auf wen da gewirkt worden sei, und auf wen ein vornehmer Künstler überhaupt nur wirken wollen dürfe! Niemals auf das Volk! Niemals auf die Un- reifen! Niemals auf die Empfindsamen! Niemals auf die Krankhaften! Vor Allem aber: niemals auf die Abge- stumpften!

Musik von Heute. — Diese modernste Musik, mit ihren starken Lungen und schwachen Nerven, erschrickt immer zuerst vor sich selber.

Wo die Musik heimisch ist. — Die Musik er- langt ihre grosse Macht nur unter Menschen, welche nicht discutiren können oder dürfen. Ihre Förderer ersten Ranges sind desshalb Fürsten, welche wollen, dass in ihrer Nähe nicht viel kritisirt, ja nicht einmal viel ge- dacht werde; sodann Gesellschaften, welche, unter irgend einem Drucke (einem fürstlichen oder religiösen) sich an das Schweigen gewöhnen müssen, aber um so stär- kere Zaubermittel gegen die Langeweile des Gefühls suchen (gewöhnlich die ewige Verliebtheit und die ewige Musik); drittens ganze Völker, in denen es keine „Gesell- schaft" giebt, aber um so mehr Einzelne mit einem Hang zur Einsamkeit, zu halbdunklen Gedanken und zur Verehrung alles Unaussprechlichen: es sind die eigent- lichen Musikseelen. — Die Griechen, als ein red- und streitlustiges Volk, haben desshalb die Musik nur als Zukost zu Künsten vertragen, über welche sich wirk- lich streiten und reden lässt: während über die Musik sich kaum reinlich denken lässt. Die Pythagoreer, jene Ausnahme - Griechen in vielen Stücken, waren, wie verlautet, auch grosse Musiker: dieselben, welche das fünfjährige Schweigen, aber nicht die Dialektik erfunden haben.

Sentimentalität in der Musik. — Man sei der ernsten und reichen Musik noch so gewogen, um so mehr vielleicht wird man in einzelnen Stunden von dem Gegenstück derselben überwunden, bezaubert und fast hinweggeschmolzen. Ich meine jene allereinfachsten ita- liänischen Opern - Melismen, welche, trotz aller rhyth- mischen Einförmigkeit und harmonischen Kinderei, uns mitunter wie die Seele der Musik selber anzusingen scheinen. Gebt es zu oder nicht, ihr Pharisäer des guten Geschmacks: es ist so, und mir liegt jetzt nur daran, diess Räthsel, dass es so ist, zum Rathen aufzugeben und selber ein wenig daran herumzurathen. — Als wir noch Kinder waren, haben wir den Honigseim vieler Dinge zum ersten Mal gekostet; niemals wieder war der Honig so gut wie damals, er verführte zum Leben, zum längsten Leben, in der Gestalt des ersten Frühlings, der ersten Blumen, der ersten Schmetterlinge, der ersten Freund- schaft. Damals — es war vielleicht um das neunte Jahr unseres Lebens — hörten wir die erste Musik: und das war die, welche wir zuerst verstanden, die einfachste und kindlichste also, welche nicht viel mehr als ein Weiterspinnen des Ammenliedes und der Spielmanns- weise war. (Man muss nämlich auch für die geringsten „Offenbarungen" der Kunst erst vorbereitet und eingelernt werden: es giebt durchaus keine „unmittelbare" Wirkung der Kunst, so schön auch die Philosophen davon gefabelt haben.) An jene ersten musikalischen Entzückungen — die stärksten unseres Lebens — knüpft unsere Empfindung an, wenn wir jene italiänischen Melismen hören: die Kindes - Seligkeit und der Verlust der Kindheit, das Gefühl des Unwiederbringlichsten als des köstlichsten Besitzes — das rührt dabei die Saiten unserer Seele an, so stark wie es die reichste und ernsteste Gegenwart der Kunst allein nicht vermag. — Diese Mischung ästhetischer Freude mit einem moralischen Kummer, welche man gemeinhin jetzt „Sentimentalität" zu nennen pflegt, etwas gar zu hoffährtig, wie mir scheint — es ist die Stimmung Faustens am Schlüsse der ersten Scene —, diese „Sentimentalität" der Hörenden kommt der italiänischen Musik zu Gute, welche sonst die erfahrenen Feinschmecker der Kunst, die reinen „Ästhe- tiker", zu ignoriren lieben. — Übrigens wirkt fast jede Musik erst von da an zauberhaft, wo wir aus ihr die Sprache der eigenen Vergangenheit reden hören: und insofern scheint dem Laien alle alte Musik immer besser zu werden, und alle eben geborne nur wenig werth zu sein: denn sie erregt noch keine „Sentimentalität"; welche, wie gesagt, das wesentlichste Glücks -Element der Musik für Jeden ist, der nicht rein als Artist sich an dieser Kunst zu freuen vermag.

Als Freunde der Musik. — Zuletzt sind und bleiben wir der Musik gut, wie wir dem Mondlicht gut bleiben. Beide wollen ja nicht die Sonne verdrängen — sie wollen nur, so gut sie es können, unsere Nächte erhellen. Aber nichtwahr? scherzen und lachen dürfen wir trotzdem über sie? Ein Wenig wenigstens? Und von Zeit zu Zeit? Über den Mann im Monde! Über das Weib in der Musik!

Die Kunst in der Zeit der Arbeit. — Wir haben das Gewissen eines arbeitsamen Zeitalters: diess erlaubt uns nicht, die besten Stunden und Vormittage der Kunst zu geben, und wenn diese Kunst selber die grösste und würdigste wäre. Sie gilt uns als Sache der Müsse, der Erholung: wir weihen ihr die Reste unserer Zeit, unserer Kräfte. — Diess ist die allgemeinste That- sache, durch welche die Stellung der Kunst zum Leben verändert ist: sie hat, wenn sie ihre grossen Zeit- und Kraft-Ansprüche an die Kunst-Empfangenden macht, das Gewissen der Arbeitsamen und Tüchtigen gegen sich, sie ist auf die Gewissenlosen und Lässigen angewiesen, welche aber, ihrer Natur nach, gerade der grossen Kunst nicht zugethan sind und ihre Ansprüche als An- maassungen empfinden. Es dürfte desshalb mit ihr zu Ende sein, weil ihr die Luft und der freie Athem fehlt: oder — die grosse Kunst versucht, in einer Art Ver- gröberung und Verkleidung, in jener anderen Luft heimisch zu werden (mindestens es in ihr auszuhalten), die eigentlich nur für die kleine Kunst, für die Kunst der Erholung, der ergetzlichen Zerstreuung das natür- liche Element ist. Diess geschieht jetzt allerwärts; auch die Künstler der grossen Kunst versprechen Erholung und Zerstreuung, auch sie wenden sich an den Er- müdeten, auch sie bitten ihn um die Abendstunden seines Arbeitstages — ganz wie die unterhaltenden Künstler, welche zufrieden sind, gegen den schweren Ernst der Stirnen, das Versunkene der Augen einen Sieg errungen zu haben. Welches ist nun der Kunstgriff ihrer grösseren Genossen? Diese haben in ihren Büchsen die gewalt- samsten Erregungsmittel, bei denen selbst der Halbtodte noch zusammenschrecken muss; sie haben Betäubungen, Berauschungen, Erschütterungen — Thränenkrämpfe: mit diesen überwältigen sie den Ermüdeten und bringen ihn in eine übernächtige Überlebendigkeit, in ein Ausser-sich-sein des Entzückens und des Schreckens. — Dürfte man, wegen der Gefährlichkeit ihrer Mittel, der grossen Kunst, wie sie jetzt, als Oper Tragödie und Musik, lebt, — dürfte man ihr als einer arglistigen Sünderin zürnen? Gewiss nicht: sie lebte ja selber hundertfach lieber in dem reinen Element der morgendlichen Stille und wendete sich an die erwartenden unverbrauchten kraftgefüllten Morgen- Seelen der Zuhörer und Zuschauer. Danken wir ihr, dass sie es vorzieht, so zu leben als davonzufliehen: aber gestehen wir uns auch ein, dass für ein Zeitalter, welches einmal wieder freie volle Fest- und Freudentage in das Leben einführt, unsere grosse Kunst unbrauchbar sein wird.

Die Angestellten der Wissenschaft und die Anderen. — Die eigentlich tüchtigen und erfolgreichen Gelehrten könnte man insgesammt als „Angestellte" be- zeichnen. Wenn, in jungen Jahren, ihr Scharfsinn hin- reichend geübt, ihr Gedächtniss gefüllt ist, wenn Hand und Auge Sicherheit gewonnen haben, so werden sie von einem älteren Gelehrten auf eine Stelle der Wissen- schaft angewiesen, wo ihre Eigenschaften Nutzen bringen können; späterhin, nachdem sie selber den Blick für die lücken- und schadhaften Stellen ihrer Wissenschaft erlangt haben, stellen sie sich von selber dorthin, wo sie noth thun. Diese Naturen allesammt sind um der Wissenschaft willen da: aber es giebt seltnere, selten gelingende und völlig ausreifende Naturen, „um derent- willen die Wissenschaft da ist" — wenigstens scheint es ihnen selber so —: oft unangenehme, oft eingebildete, oft querköpfige, fast immer aber bis zu einem Grade zauberhafte Menschen. Sie sind nicht Angestellte, und auch nicht Ansteller, sie bedienen sich dessen, was von Jenen erarbeitet und sichergestellt worden ist, in einer gewissen fürstenhaften Gelassenheit und mit geringem und seltenem Lobe: gleichsam als ob Jene einer niederen Gattung von Wesen angehörten. Und doch haben sie eben nur die gleichen Eigenschaften, wodurch diese Anderen sich auszeichnen, und diese mitunter sogar ungenügender entwickelt: obendrein ist ihnen eine Be- schränktheit eigenthümlich, die Jenen fehlt, und derent- wegen es unmöglich ist, sie an einen Posten zu stellen und in ihnen nützliche Werkzeuge zu sehen, — sie können nur in ihrer eignen Luft, auf eignem Boden leben. Diese Beschränktheit giebt ihnen ein, was Alles von einer Wissenschaft „zu ihnen gehöre", das heisst was sie in ihre Luft und Wohnung heimtragen können; sie wähnen immer ihr zerstreutes „Eigenthum" zu sammeln. Verhindert man sie, an ihrem eigenen Neste zu bauen, so gehen sie wie obdachlose Vögel zu Grunde: Unfreiheit ist für sie Schwindsucht. Pflegen sie einzelne Gegenden der Wissenschaft in der Art jener Anderen, so sind es doch immer nur solche, wo gerade die ihnen nöthigen Früchte und Samen gedeihen; was geht es sie an, ob die Wissenschaft, im Ganzen gesehen, unangebaute oder schlecht gepflegte Gegenden hat? Es fehlt ihnen jede unpersönliche Theilnahme an einem Problem der Erkenntniss: wie sie selber durch und durch Person sind, so wachsen auch alle ihre Ein- sichten und Kenntnisse wieder zu einer Person zusammen, zu einem lebendigen Vielfachen, dessen einzelne Theile von einander abhängen, in einander greifen, gemeinsam ernährt werden, das als Ganzes eine eigene Luft und einen eigenen Geruch hat. — Solche Naturen bringen, mit diesen ihren personenhaften Erkenntniss-Gebilden, jene Täuschung hervor, dass eine Wissenschaft (oder gar die ganze Philosophie) fertig sei und am Ziele stehe; das Leben in ihrem Gebilde übt diesen Zauber aus: als welcher zu Zeiten sehr verhängnissvoll für die Wissen- schaft und irreführend für jene vorhin beschriebenen, eigentlich tüchtigen Arbeiter des Geistes gewesen ist, zu anderen Zeiten wiederum, wo die Dürre und die Ermattung herrschten, wie ein Labsal und gleich dem Anhauche einer kühlen erquicklichen Raststätte gewirkt hat. — Gewöhnlich nennt man solche Menschen Philosophen.

Anerkennung des Talents. — Als ich durch das Dorf S. gieng, fieng ein Knabe aus Leibeskräften an, mit der Peitsche zu knallen, — er hatte es schon weit in dieser Kunst gebracht und wusste es. Ich warf ihm einen Blick der Anerkennung zu — im Grunde that mir's bitter wehe. — So machen wir es bei der An- erkennung vieler Talente. Wir thun ihnen wohl, wenn sie uns wehe thun.

Lachen und Lächeln. — Je freudiger und sicherer der Geist wird, um so mehr verlernt der Mensch das laute Gelächter; dagegen quillt ihm ein geistigeres Lächeln fortwährend auf, ein Zeichen seines Verwunderns über die zahllosen versteckten Annehmlichkeiten des guten Daseins.

Unterhaltung der Kranken. — Wie man bei seelischem Kummer sich die Haare rauft, sich vor die Stirn schlägt, die "Wange zerfleischt oder gar wie Ödipus die Augen ausbohrt: so ruft man gegen heftige körper- liche Schmerzen mitunter eine heftige bittere Empfindung zu Hülfe, durch Erinnerung an Verleumder und Ver- dächtiger, durch Verdüsterung unserer Zukunft, durch Bosheiten und Dolchstiche, welche man im Geiste gegen Abwesende schleudert. Und es ist bisweilen dabei wahr: dass ein Teufel den anderen austreibt, — aber man hat dann den anderen. — Darum sei den Kranken jene andere Unterhaltung anempfohlen, bei der sich die Schmerzen zu mildern scheinen: über Wohlthaten und Artigkeiten nachzudenken, welche man Freund und Feind erweisen kann.

Mediocrität als Maske. — Die Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren, nicht an Maskirung denken lässt —: und doch nimmt er sie gerade ihretwegen vor — um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleiden und Güte.

Die Geduldigen. — Die Pinie scheint zu horchen, die Tanne zu warten — und beide ohne Ungeduld: sie denken nicht an den kleinen Menschen unter sich, den seine Ungeduld und seine Neugierde auffressen.

Die besten Scherze. — Der Scherz ist mir am willkommensten, der an Stelle eines schweren, nicht unbedenklichen Gedankens steht, zugleich als Wink mit dem Finger uud Blinzeln des Auges.

Zubehör aller Verehrung. — Überall, wo die Vergangenheit verehrt wird, soll man die Säuberlich- Säubernden nicht einlassen. Der Pietät wird ohne ein wenig Staub Unrath und Unflath nicht wohl.

Die grosse Gefahr der Gelehrten. — Gerade die tüchtigsten und gründlichsten Gelehrten sind in der Gefahr, ihr Lebensziel immer niedriger gesteckt zu sehen und, im Gefühl davon, in der zweiten Hälfte ihres Lebens immer missmuthiger und unverträglicher zu werden. Zuerst schwimmen sie mit breiten Hoffnungen in ihre Wissenschaft hinein und messen sich kühnere Aufgaben zu, deren Ziele mitunter durch ihre Phantasie schon vorweggenommen werden: dann giebt es Augen- blicke wie im Leben der grossen entdeckenden Schiff- fahrer — Wissen Ahnung und Kraft heben sich einander immer höher, bis eine ferne neue Küste zum ersten Male dem Auge aufdämmert. Nun erkennt aber der strenge Mensch von Jahr zu Jahr mehr, wie viel daran gelegen ist, dass die Einzelaufgabe des Forschers so beschränkt wie möglich genommen werde, damit sie ohne Rest gelöst werden könne und jene unerträg- liche Vergeudung von Kraft vermieden werde, an der frühere Perioden der Wissenschaft litten: alle Arbeiten wurden zehnmal gemacht, und dann hatte immer noch der Elfte das letzte und beste Wort zu sagen. Je mehr Nietzsche, Werke Band III. jo aber der Gelehrte dieses Räthsel - Lösen ohne Rest kennen lernt und übt, um so grösser wird auch seine Lust daran: aber ebenso wächst auch die Strenge seiner Ansprüche in Bezug auf Das, was hier „ohne Rest" genannt ist. Er legt Alles bei Seite, was in diesem Sinne unvollständig bleiben muss, er gewinnt einen Widerwillen und eine Witterung gegen das Halb- Lösbare — gegen Alles, was nur im Ganzen und Un- bestimmteren eine Art Sicherheit ergeben kann. Seine Jugendpläne zerfallen vor seinem Blicke: kaum bleiben einige Knoten und Knötchen daraus übrig, an deren Entknüpfung jetzt der Meister seine Lust hat, seine Kraft zeigt. Und nun, mitten in dieser so nützlichen, so rastlosen Thätigkeit überfällt ihn, den Altergewor- denen, plötzlich und dann öfter wieder ein tiefer Miss- muth, eine Art von Gewissens-Qual: er sieht auf sich hin, wie auf einen Verwandelten, als ob er verkleinert, erniedrigt, zum kunstfertigen Zwergen umgeschaffen wäre, er beunruhigt sich darüber, ob nicht das meister- liche Walten im Kleinen eine Bequemlichkeit sei, eine Ausflucht vor der Mahnung zur Grösse des Lebens und Gestaltens. Aber er kann nicht mehr hinüber — die Zeit ist um.

Die Lehrer im Zeitalter der Bücher. — Dadurch dass die Selbst -Erziehung und Verbrüderungs-Erziehung allgemeiner wird, muss der Lehrer in seiner jetzt ge- wöhnlichen Form fast entbehrlich werden. Lernbegierige Freunde, die sich zusammen ein Wissen aneignen wollen, finden in der Zeit der Bücher einen kürzeren und natür- licheren Weg, als „Schule" und „Lehrer" sind.

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Die Eitelkeit als die grosse Nützlichkeit. — Ursprünglich behandelt der starke Einzelne nicht nur die Natur, sondern auch die Gesellschaft und die schwächeren Einzelnen als Gegenstand des Raub -Baues: er nützt sie aus, so viel er kann, und geht dann weiter. Weil er sehr unsicher lebt, wechselnd zwischen Hunger und Überfluss, so tödtet er mehr Thiere, als er verzehren kann, und plündert und misshandelt die Menschen mehr, als nöthig wäre. Seine Machtäusserung ist eine Rache- äusserung zugleich gegen seinen pein- und angstvollen Zustand: sodann will er für mächtiger gelten, als er ist, und missbraucht desshalb die Gelegenheiten: der Furcht- zuwachs, den er erzeugt, ist sein Machtzuwachs. Er merkt zeitig, dass nicht Das, was er ist, sondern Das, was er gilt, ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der Eitelkeit. Der Mächtige sucht mit allen Mitteln Vermehrung des Glaubens an seine Macht. — Die Unterworfenen, die vor ihm zittern und ihm dienen, wissen wiederum, dass sie genau so viel werth sind, als sie ihm gelten: wesshalb sie auf diese Geltung hin- arbeiten und nicht auf ihre eigene Befriedigung an sich. Wir kennen die Eitelkeit nur in den abgeschwächtesten Formen, in ihren Sublimirungen und kleinen Dosen, weil wir in einem späten und sehr gemilderten Zustande der Gesellschaft leben: ursprünglich ist sie die grosse Nützlichkeit, das stärkste Mittel der Erhaltung. Und zwar wird die Eitelkeit um so grösser sein, je klüger der Einzelne ist: weil die Vermehrung des Glaubens an Macht leichter ist als die Vermehrung der Macht selber, aber nur für Den, der Geist hat — oder, wie es für Urzustände heissen muss, der listig und hinter- haltig ist.

"Wetterzeichen der Cultur. — Es giebt so wenig entscheidende Wetterzeichen der Cultur, dass man froh sein muss, für seinen Haus- und Gartengebrauch wenigstens Ein untrügliches in den Händen zu haben. Um zu prüfen, ob Jemand zu uns gehört oder nicht — ich meine zu den freien Geistern —, so prüfe man seine Empfindung für das Christenthum. Steht er irgendwie anders zu ihm als kritisch, so kehren wir ihm den Rücken: er bringt uns unreine Luft und schlechtes Wetter. — Unsere Aufgabe ist es nicht mehr, solche Menschen zu lehren, was ein Scirocco-Wind ist; sie haben Mosen und die Propheten des Wetters und der Aufklärung: wollen sie diese nicht hören, so — Zürnen und Strafen hat seine Zeit. — Zürnen und Strafen ist unser Angebinde von der Thierheit her. Der Mensch wird erst mündig, wenn er diess Wiegen- geschenk den Thieren zurückgiebt. — Hier liegt einer der grössten Gedanken vergraben, welche Menschen haben können, der Gedanke an einen Fortschritt aller Fortschritte. — Gehen wir einige Jahrtausende mit ein- ander vorwärts, meine Freunde! Es ist sehr viel Freude noch den Menschen vorbehalten, wovon den gegen- wärtigen noch kein Geruch zugeweht ist! Und zwar dürfen wir uns diese Freude versprechen, ja als etwas Nothwendiges verheissen und beschwören, falls nur die Entwicklung der menschlichen Vernunft nicht stille steht! Einstmals wird man die logische Sünde, welche im Zürnen und Strafen, einzeln oder gesellschaftsweise geübt, verborgen liegt, nicht mehr über's Herz bringen: einstmals, wenn Herz und Kopf so nah zusammen wohnen gelernt haben, als sie jetzt noch sich ferne stehen. Dass sie sich nicht mehr so ferne stehen als ursprünglich, ist beim Blick auf den ganzen Gang der Menschheit ziemlich ersichtlich; und der Einzelne, der ein Leben innerer Arbeit zu überschauen hat, wird mit stolzer Freude sich der überwundenen Entfernung, der erreichten Annäherung bewusst werden, um daraufhin noch grössere Hoffnungen wagen zu dürfen.

Abkunft der „Pessimisten." — Ein Bissen guter Nahrung entscheidet oft, ob wir mit hohlem Auge oder hoffnungsreich in die Zukunft schauen: diess reicht in's Höchste und Geistigste hinauf. Die Unzufriedenheit und Welt- Schwärzerei ist dem gegenwärtigen Geschlechte von den ehemaligen Hungerleidern her vererbt. Auch unseren Künstlern und Dichtern merkt man häufig an, wenn sie selber auch noch so üppig leben, dass sie von keiner guten Herkunft sind, dass sie von unterdrückt lebenden und schlecht genährten Vorfahren Mancherlei in's Geblüt und Gehirn mitbekommen haben, was als Gegenstand und gewählte Farbe in ihren Werken wieder sichtbar wird. Die Cultur der Griechen ist die der Ver- mögenden und zwar der Altvermögenden: sie lebten durch ein paar Jahrhunderte hindurch besser als wir (in jedem Sinne besser, namentlich viel einfacher in Speise und Trank): da wurden endlich die Gehirne so voll und so fein zugleich, da floss das Blut so rasch hindurch, einem freudigen hellen Weine gleich, dass das Gute und Beste bei ihnen nicht mehr düster verzückt und ge- waltsam, sondern schön und sonnenhaft heraustrat.

Vom vernünftigen Tode. — Was ist vernünftiger, die Maschine stillzustellen, wenn das Werk, das man von ihr verlangte, ausgeführt ist, — oder sie laufen zu lassen, bis sie von selber stille steht, das heisst bis sie verdorben ist? Ist Letzteres nicht eine Vergeudung der Unter- haltungskosten, ein Missbrauch von Kraft und Auf- merksamkeit der Bedienenden? Wird hier nicht weg- geworfen, was anderswo sehr noth thäte? Wird nicht selbst eine Art Missachtung gegen die Maschinen über- haupt verbreitet, dadurch dass viele von ihnen so nutzlos unterhalten und bedient werden? — Ich spreche vom unfreiwilligen (natürlichen) und vom freiwilligen (vernünf- tigen) Tode. Der natürliche Tod ist der von aller Ver- nunft unabhängige, der eigentlich unvernünftige Tod, wo die erbärmliche Substanz der Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht: wo also der verkümmernde kranke stumpfsinnige Gefängniss- wärter der Herr ist, der den Punkt bezeichnet, an dem sein vornehmer Gefangener sterben soll. Der natürliche Tod ist der Selbstmord der Natur, das heisst die Ver- nichtung des vernünftigsten Wesens durch das Unver- nünftigste, was an dasselbe gebunden ist. Nur unter der religiösen Beleuchtung kann es umgekehrt erscheinen: weil dann wie billig die höhere Vernunft (Gottes) ihren Befehl giebt, dem die niedere Vernunft sich zu fügen hat. Von der Religion abgesehen, ist der natürliche Tod keiner Verherrlichung werth. — Die weisheitsvolle An- ordnung und Verfugung des Todes gehört zu jener jetzt ganz unfassbar und unmoralisch klingenden Moral der Zukunft, in deren Morgenroth zu blicken ein unbeschreib- liches Glück sein muss.

Zurückbildend. — Alle Verbrecher zwingen die Gesellschaft auf frühere Stufen der Cultur zurück, als die ist, auf welcher sie gerade steht; sie wirken zurückbildend. Man denke an die Werkzeuge, welche die Gesellschaft der Nothwehr halber sich schaffen und unterhalten muss: an den verschmitzten Polizisten, den Gefängnisswärter, den Henker; man vergesse den öffentlichen Ankläger und den Advocaten nicht; endlich frage man sich, ob nicht der Richter selber und die Strafe und das ganze Gerichtsverfahren in ihrer Wirkung auf die Nicht - Verbrecher viel eher niederdrückende als erhebende Erscheinungen sind: es wird eben nie gelingen, der Nothwehr und der Rache das Gewand der Unschuld umzulegen; und so oft man den Menschen als ein Mittel zum Zwecke der Gesellschaft benutzt und opfert, trauert alle höhere Menschlichkeit darüber.

Krieg als Heilmittel. — Matt und erbärmlich werdenden Völkern mag der Krieg als Heilmittel an- zurathen sein, falls sie nämlich durchaus noch fortleben wollen: denn es giebt für die Völker-Schwindsucht auch eine Brutalitäts - Cur. Das ewige Leben -wollen und Nicht- sterben -können ist aber selber schon ein Zeichen von Greisenhaftigkeit der Empfindung: je voller und tüchtiger man lebt, um so schneller ist man bereit, das Leben für eine einzige gute Empfindung daran zu geben. Ein Volk, das so lebt und empfindet, hat die Kriege nicht nöthig.