Ehrlich gegen die Ehrlichkeit. — Einer, der gegen sich öffentlich ehrlich ist, bildet sich zu allerletzt Etwas auf diese Ehrlichkeit ein: denn er weiss nur zu gut, warum er« ehrlich ist — aus demselben Grunde, aus dem ein Anderer den Schein und die Verstellung vorzieht.
Glühende Kohlen. — Glühende Kohlen auf des Andern Haupt sammeln wird gewöhnlich missverstanden und schlägt fehl, weil der Andre sich ebenfalls im guten Besitze des Rechts weiss und auch seinerseits an das Kohlensammeln gedacht hat.
Gefährliche Bücher. — Da sagt Einer „ich merke es an mir selber: diess Buch ist schädlich." Aber er warte nur ab und vielleicht gesteht er sich eines Tages, dass diesselbe Buch ihm einen grossen Dienst erwies, indem es die versteckte Krankheit seines Herzens hervortrieb und in die Sichtbarkeit brachte. — Veränderte Meinungen verändern den Charakter eines Menschen nicht (oder ganz wenig); wohl aber beleuchten sie einzelne Seiten des Gestirns seiner Persönlichkeit, welche bisher, bei einer andern Constellation von Meinungen, dunkel und unerkennbar geblieben waren.
Geheucheltes Mitleiden. — Man heuchelt Mit- leiden, wenn man über das Gefühl der Feindseligkeit sich erhaben zeigen will: aber gewöhnlich umsonst. Diess bemerkt man nicht ohne ein starkes Zunehmen jener feindseligen Empfindung.
Offner Widerspruch oft versöhnend. — Im Augenblick, wo Einer seine Differenz der Lehrmeinung in Hinsicht auf einen berühmten Parteiführer oder Lehrer öffentlich zu erkennen giebt, glaubt alle Welt, er müsse ihm gram sein. Mitunter hört er aber gerade da auf, ihm gram zu sein: er wagt es, sich selber neben ihn aufzustellen, und ist die Qual der unausgesprochenen Eifersucht los.
Sein Licht leuchten sehen. — Im verfinsterten Zustande von Trübsal, Krankheit, Verschuldung sehen wir es gern, wenn wir Anderen noch leuchten und sie an uns die helle Mondesscheibe wahrnehmen. Auf diesem Umwege nehmen wir an unserer eigenen Fähigkeit zu erhellen Antheil.
Mitfreude. — Die Schlange, die uns sticht, meint uns wehe zu thun und freut sich dabei; das niedrigste Thier kann sich fremden Schmerz vorstellen. Aber fremde Freude sich vorstellen und sich dabei freuen ist das höchste Vorrecht der höchsten Thiere und wieder unter ihnen nur den ausgesuchtesten Exemplaren zu- gänglich — also ein seltenes humanuni: so dass es Philosophen gegeben hat, welche die Mitfreude geleugnet haben.
Nachträgliche Schwangerschaft. — Die, welche zu ihren Werken und Thaten gekommen sind, sie wissen nicht wie, gehen gewöhnlich hinterher um so mehr mit ihnen schwanger: wie um nachträglich zu beweisen, dass es ihre Kinder und nicht die des Zufalls sind.
Aus Eitelkeit hartherzig. — Wie Gerechtigkeit so häufig der Deckmantel der Schwäche ist, so greifen billig denkende, aber schwache Menschen mitunter aus Ehrgeiz zur Verstellung und benehmen sich ersichtlich ungerecht und hart — um den Eindruck der Stärke zu hinterlassen.
Demüthigung. — Findet Jemand in einem ge- schenkten Sack Vortheil auch nur ein Korn Demüthigung, so macht er doch noch eine böse Miene zum guten Spiele.
Ausserstes Herostratenthum. — Es könnte Herostrate geben, welche den eignen Tempel anzündeten, in dem ihre Bilder verehrt werden.
Die Deminutiv-Weit. — Der Umstand, dass alles Schwache und Hilfsbedürftige zu Herzen spricht, bringt die Gewohnheit mit sich, dass wir Alles, was uns zu Herzen spricht, mit Verkleinerung^- und Abschwächungs- worten bezeichnen — also, für unsere Empfindung, schwach und hülfsbedürftig machen.
Üble Eigenschaft des Mitleidens. — Das Mitleiden hat eine eigne Unverschämtheit als Gefährtin: denn weil es durchaus helfen möchte, ist es weder über die Mittel der Heilung, noch über Art und Ursache der Krankheit in Verlegenheit und quacksalbert muthig auf die Gesundheit und den Ruf seines Patienten los.
Zudringlichkeit. — Es giebt auch eine Zudring- lichkeit gegen Werke; und sich als Jüngling schon nach- ahmend zu den erlauchtesten Werken aller Zeiten mit der Vertraulichkeit des Du und Du zu gesellen, beweist einen völligen Mangel an Scham. — Andre sind nur aus Ignoranz zudringlich: sie wissen nicht, mit wem sie es zu thun haben — so nicht selten junge und alte Philologen im Verhältniss zu den Werken der Griechen.
Der Wille schämt sich des Intellectes. — Mit aller Kälte machen wir vernünftige Entwürfe gegen unsre Affecte: dann aber begehen wir die gröbsten Fehler dagegen, weil wir uns häufig im Augenblick, wo der Vorsatz ausgeführt werden sollte, jener Kälte und Besonnenheit schämen, mit der wir ihn fassten. Und so thut man dann gerade das Unvernünftige, aus jener Art trotziger Grossherzigkeit, welche jeder Affect mit sich bringt.
Warum die Skeptiker der Moral missfallen. — Wer seine Moralität hoch und schwer nimmt, zürnt den Skeptikern auf dem Gebiete der Moral: denn dort, wo er alle seine Kraft aufwendet, soll man staunen, aber nicht untersuchen und zweifeln. — Dann giebt es Na- turen, deren letzter Rest von Moralität eben der Glaube an Moral ist: sie benehmen sich ebenso gegen die Skeptiker, womöglich noch leidenschaftlicher.
Schüchternheit. — Alle Moralisten sind schüch- tern, weil sie wissen, dass sie mit Spionirern und Ver- räthern verwechselt werden, sobald man ihren Hang ihnen anmerkt; sodann sind sie sich überhaupt bewusst, im Handeln unkräftig zu sein: denn mitten im Werke ziehen die Motive ihres Thuns ihre Aufmerksamkeit fast vom Werke ab.
Eine Gefahr für die allgemeine Moralität. — - Menschen, die zugleich edel und ehrlich sind, bringen es zu Wege, jede Teufelei, welche ihre Ehrlichkeit ausheckt, zu vergöttlichen und die Wage des moralischen Urtheils eine Zeit lang stillzustellen.
Bitterster Irrthum. — Es beleidigt unversöhn- lich, zu entdecken, dass man dort, wo man überzeugt war geliebt zu sein, nur als Hausgeräth und Zimmer- schmuck betrachtet wurde, an dem der Hausherr vor Gästen seine Eitelkeit auslassen kann.
Liebe und Zweiheit. — Was ist denn Liebe anders als verstehen und sich darüber freuen, dass ein Andrer in andrer und entgegengesetzter Weise als wir lebt wirkt und empfindet? Damit die Liebe die Gegen- sätze durch Freude überbrücke, darf sie dieselben nicht aufheben, nicht leugnen. — Sogar die Selbstliebe enthält die unvermischbare Zweiheit (oder Vielheit) in Einer Person als Voraussetzung.
Aus dem Traume deuten. — Was man mitunter im Wachen nicht genau weiss und fühlt — ob man gegen eine Person ein gutes oder ein schlechtes Ge- wissen habe, darüber belehrt völlig unzweideutig der Traum.
Ausschweifung. — Die Mutter der Ausschweifung ist nicht die Freude, sondern die Freudlosigkeit.
Strafen und belohnen. — Niemand klagt an, ohne den Hintergedanken an Strafe und Rache zu haben — selbst wenn man sein Schicksal, ja sich selber anklagt. — Alles Klagen ist Anklagen, alles Sich-freuen ist Loben: wir mögen das Eine oder das Andre thun immer machen wir Jemanden verantwortlich.
Zweimal ungerecht. — Wir fördern mitunter die Wahrheit durch eine doppelte Ungerechtigkeit, dann nämlich, wenn wir die beiden Seiten einer Sache, die wir nicht im Stande sind zusammen zu sehen, hinter- einander sehen und darstellen, doch so, dass wir jedesmal die andre Seite verkennen oder leugnen, im Wahne, Das, was wir sehen, sei die ganze Wahrheit.
Misstrauen. — Das Misstrauen an sich selber geht nicht immer unsicher und scheu daher, sondern mitunter wie tollwüthig: es hat sich berauscht, um nicht zu zittern.
Philosophie des Parvenü. — Will man einmal eine Person sein, so muss man auch seinen Schatten in Ehren halten.
Sich rein zu waschen verstehen. — Man muss lernen, aus unreinlichen Verhältnissen reinlicher hervorzu- gehen, und sich, wenn es noth thut, auch mit schmutzigem Wasser waschen.
Sich gehen lassen. — Je mehr sich Einer gehen lässt, um so weniger lassen ihn die Andern gehen.
Der unschuldige Schuft. — Es giebt einen lang- samen schrittweisen Weg zu Laster und Schurkenhaftig- keit jeder Art. Am Ende desselben haben Den, welcher ihn geht, die Insecten - Schwärme des schlechten Ge- wissens völlig verlassen, und er wandelt, obschon ganz verrucht, doch in Unschuld.
Pläne machen. — Pläne machen und Vorsätze fassen bringt viel gute Empfindungen mit sich; und wer die Kraft hätte, sein ganzes Leben lang Nichts als ein Pläne-Schmiedender zu sein, wäre ein sehr glücklicher Mensch: aber er wird sich gelegentlich von dieser Thätig- keit ausruhen müssen, dadurch dass er einen Plan aus- führt — und da kommt der Ärger und die Ernüchterung.
Womit wir das Ideal sehen. — Jeder tüchtige Mensch ist verrannt in seine Tüchtigkeit und kann aus ihr nicht frei hinausblicken. Hätte er sonst nicht sein gut Theil von Unvollkommenheit, er könnte seiner Tugend halber zu keiner geistig -sittlichen Freiheit kommen. Unsre Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.
Unehrliches Lob. — Unehrliches Lob macht hinter- drein viel mehr Gewissensbisse als unehrlicher Tadel, wahrscheinlich nur desshalb, weil wir durch zu starkes Loben unsere Urtheilsfähigkeit viel stärker blossgestellt haben als durch zu starkes, selbst ungerechtes Tadeln.
Wie man stirbt, ist gleichgültig. — Die ganze Art, wie ein Mensch während seines vollen Lebens, seiner blühenden Kraft an den Tod denkt, ist freilich sehr sprechend und zeugnissgebend für Das, was man seinen Charakter nennt; aber die Stunde des Sterbens selber, seine Haltung auf dem Todtenbette ist fast gleich- gültig dafür. Die Erschöpfung des ablaufenden Daseins, namentlich wenn alte Leute sterben, die unregelmässige oder unzureichende Ernährung des Gehirns während dieser letzten Zeit, das gelegentlich sehr Gewaltsame des Schmerzes, das Unerprobte und Neue des ganzen Zustandes und gar zu häufig der An- und Rückfall von abergläubischen Eindrücken und Beängstigungen, als ob am Sterben viel gelegen sei und hier Brücken schauer- lichster Art überschritten würden, — diess Alles erlaubt es nicht, das Sterben als Zeugniss über den Lebenden zu benutzen. Auch ist es nicht wahr, dass der Sterbende im Allgemeinen ehrlicher wäre als der Lebende: viel- mehr wird fast Jeder durch die feierliche Haltung der Umgebenden, die zurückgehaltnen oder fliessenden Thränen- und Gefühlsbäche zu einer bald bewussten bald unbewussten Komödie der Eitelkeit verführt. Der Ernst, mit dem jeder Sterbende behandelt wird, ist ge- wiss gar manchem armen verachteten Teufel der feinste Genuss seines ganzen Lebens und eine Art Schadenersatz und Abschlagzahlung für viele Entbehrungen ge- wesen.
Die Sitte und ihr Opfer. — Der Ursprung der Sitte geht auf zwei Gedanken zurück: „die Gemeinde ist mehr werth als der Einzelne" und „der dauernde Vortheil ist dem flüchtigen vorzuziehen"; woraus sich der Schluss ergiebt, dass der dauernde Vortheil der Ge- meinde unbedingt dem Vortheile des Einzelnen, nament- lich seinem momentanen Wohlbefinden, aber auch seinem dauernden Vortheile und selbst seinem Weiterleben vor- anzustellen sei. Ob nun der Einzelne von einer Ein- richtung leide, die dem Ganzen frommt, ob er an ihr verkümmre, ihretwegen zu Grunde gehe — die Sitte muss erhalten, das Opfer gebracht werden. Eine solche Gesinnung entsteht aber nur in Denen, welche nicht das Opfer sind — denn dieses macht in seinem Falle geltend, dass der Einzelne mehr werth sein könne als Viele, ebenso dass der gegenwärtige Genuss, der Augen- blick im Paradiese vielleicht höher anzuschlagen sei als eine matte Fortdauer von leidlosen oder wohlhäbigen Zuständen. Die Philosophie des Opferthiers wird aber immer zu spät laut: und so bleibt es bei der Sitte und der Sittlichkeit: als welche eben nur die Empfindung für den ganzen Inbegriff von Sitten ist, unter denen man lebt und erzogen wurde — und zwar erzogen nicht als Einzelner, sondern als Glied eines Ganzen, als Ziffer einer Majorität. — So kommt es fortwährend vor, dass der Einzelne sich selbst, vermittelst seiner Sittlichkeit, ma- jorisirt.
Das Gute und das gute Gewissen. — Ihr meint, alle guten Dinge hätten zu aller Zeit ein gutes Ge- wissen gehabt? — Die Wissenschaft, also gewisslich Nietzsche, Werke Band III. 4 etwas sehr Gutes, ist ohne ein solches und ganz bar alles Pathos in die Welt getreten, vielmehr heimlich, auf Umwegen, mit verhülltem oder maskirtem Haupte einher- ziehend, gleich einer Verbrecherin, und immer mindestens mit dem Gefühle einer Schleichhändlerin. Das gute Gewissen hat als Vorstufe das böse Gewissen — nicht als Gegensatz: denn alles Gute ist einmal neu, folglich ungewohnt, wider die Sitte, unsittlich gewesen und nagte im Herzen des glücklichen Erfinders wie ein Wurm.
Der Erfolg heiligt die Absichten. — Man scheue sich nicht, den Weg zu einer Tugend zu gehen, selbst wenn man deutlich einsieht, dass Nichts als Egois- mus — also Nutzen, persönliches Behagen, Furcht, Rück- sicht auf Gesundheit, auf Ruf oder Ruhm — die dazu treibenden Motive sind. Man nennt diese Motive unedel und selbstisch: gut, aber wenn sie uns zu einer Tugend, zum Beispiel Entsagung, Pflichttreue, Ordnung, Sparsam- keit, Maass und Mitte anreizen, so höre man ja auf sie, wie auch ihre Beiworte lauten mögen! Erreicht man nämlich Das, wozu sie rufen, so veredelt die erreichte Tugend, vermöge der reinen Luft, die sie athmen lässt, und des seelischen Wohlgefühls, das sie mittheilt, immer- fort die ferneren Motive unsres Handelns, und wir thun dieselben Handlungen später nicht mehr aus den gleichen gröbern Motiven, welche uns früher dazu führten. — Die Erziehung soll desshalb die Tugenden, so gut es geht, erzwingen, je nach der Natur des Zög- lings: die Tugend selber, als die Sonnen- und Sommer- luft der Seele, mag dann ihr eignes Werk daran thun und Reife und Süssigkeit hinzu schenken.
Christen thüml er, nicht Christen. — Das wäre also euer Christenthum! — Um Menschen zu ärgern, preist ihr „Gott und seine Heiligen"; und wiederum, wenn ihr Menschen preisen wollt, so treibt ihr es so weit, dass Gott und seine Heiligen sich ärgern müssen. — Ich wollte, ihr lerntet wenigstens die christlichen Manieren, da es euch so an der Manierlichkeit des christlichen Herzens gebricht.
Natureindruck der Frommen und Unfrommen. — Ein ganzer frommer Mensch muss uns ein Gegenstand der Verehrung sein: aber ebenso ein ganzer aufrichtiger durchdrungener Unfrommer. Ist man bei Menschen der letzteren Art wie in der Nähe des Hochgebirgs, wo die kräftigsten Ströme ihren Ursprung haben, so bei den Frommen wie unter saftvollen breitschattigen ruhigen Bäumen.
Justizmorde. — Die zwei grössten Justizmorde in der Weltgeschichte sind, ohne Umschweife gesprochen, verschleierte und gut verschleierte Selbstmorde. In bei- den Fällen wollte man sterben; in beiden Fällen liess man sich das Schwert durch die Hand der menschlichen Ungerechtigkeit in die Brust stossen.
„Liebe". — Der feinste Kunstgriff, welchen das Christenthum vor den übrigen Religionen voraus hat, ist 4* ein Wort: es redete von Liebe. So wurde es die lyrische Religion (während in seinen beiden anderen Schöpfungen das Semitenthum der Welt heroisch - epische Religionen geschenkt hat). Es ist in dem Worte Liebe etwas so Vieldeutiges Anregendes, zur Erinnerung, zur Hoffnung Sprechendes, dass auch die niedrigste Intelligenz und das kälteste Herz noch Etwas von dem Schimmer dieses Wortes fühlt. Das klügste Weib und der gemeinste Mann denken dabei an die verhältnissmässig uneigen- nützigsten Augenblicke ihres gesammten Lebens, selbst wenn Eros nur einen niedrigen Flug bei ihnen genommen hat; und jene Zahllosen, welche Liebe vermissen, von Eltern oder Kindern oder Geliebten, namentlich aber die Menschen der sublimirten Geschlechtlichkeit, haben im Christenthum ihren Fund gemacht.
y Das erfüllte Christ enthum. — Es giebt auch innerhalb des Christenthums eine epikureische Gesinnung, aus- gehend von dem Gedanken, dass Gott von dem Menschen, seinem Geschöpf und Ebenbilde, nur verlangen könne, was diesem zu erfüllen möglich sein müsse, dass also christliche Tugend und Vollkommenheit erreichbar und oft erreicht sei. Nun macht zum Beispiel der Glaube, seine Feinde zu lieben — selbst wenn es eben nur Glaube, Einbildung und durchaus keine psychologische Wirklichkeit (also keine Liebe) ist —, unbedingt glück- lich, so lange er wirklich geglaubt wird (warum? darüber werden freilich Psycholog und Christ verschieden denken). Und so möchte das irdische Leben durch den Glauben, ich meine die Einbildung, nicht nur jenem Ansprüche, seine Feinde zu lieben, sondern allen übrigen christlichen Ansprüchen zu genügen und die göttliche Vollkommen- heit nach der Aufforderung „seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist" wirklich sich ange- eignet und einverleibt zu haben, in der That zu einem seligen Leben werden. Der Irrthum kann also die Verheissung Christi zur Wahrheit machen.
Von der Zukunft des Christenthums. — Über das Verschwinden des Christenthums und darüber, in welchen Gegenden es am langsamsten weichen wird, kann man sich eine Vermuthung gestatten, wenn man erwägt, aus welchen Gründen und wo der Protestantis- mus so ungestüm um sich griff. Er verhiess bekanntlich alles dasselbe weit billiger zu leisten, was die alte Kirche leistete, also ohne kostspielige Seelenmessen, Wallfahrten, Priester-Prunk und -Üppigkeit; er verbrei- tete sich namentlich bei den nördlichen Nationen, welche nicht so tief in der Symbolik und Formenlust der alten Kirche eingewurzelt waren als die des Südens: bei diesen lebte ja im Christenthum das viel mächtigere religiöse Heidenthum fort, während im Norden das Christenthum einen Gegensatz und Bruch mit dem Altheimischen be- deutete und desshalb mehr gedankenhaft als sinnfällig von Anfang an war, eben desshalb aber auch, zu Zeiten der Gefahr, fanatischer und trotziger. Gelingt es, vom Gedanken aus das Christenthum zu entwurzeln, so liegt auf der Hand, wo es anfangen wird, zu verschwinden: also gerade dort, wo es auch am allerhärtesten sich wehren wird. Anderwärts wird es sich beugen, aber nicht brechen, entblättert werden, aber wieder Blätter ansetzen — weil dort die Sinne und nicht die Gedanken für dasselbe Partei genommen haben. Die Sinne aber sind es, welche auch den Glauben unterhalten, dass mit allem Kostenaufwand der Kirche doch immer noch billiger und bequemer gewirthschaftet werde als mit den strengen Verhältnissen von Arbeit und Lohn: denn welches Preises hält man die Müsse (oder die halbe Faulheit) für werth, wenn man sich erst an sie gewöhnt hat! Die Sinne wenden gegen eine entchristlichte Welt ein, dass in ihr zu viel gearbeitet werden müsse, und der Ertrag an Müsse zu klein sei: sie nehmen die Partei der Magie, das heisst — sie lassen lieber Gott für sich arbeiten (oremus nos, deus laborabü!).
Schauspielerei und Ehrlichkeit der Un- gläubigen. — Es giebt kein Buch, welches Das, was jedem Menschen gelegentlich wohlthut, — schwärmerische opfer- und todbereite Glücks -Innigkeit im Glauben und Schauen seiner „Wahrheit" als der letzten Wahrheit — so reichlich enthielte, so treuherzig ausdrückte als das Buch, welches von Christus redet: aus ihm kann ein Kluger alle Mittel lernen, wodurch ein Buch zum Weltbuch, zum Jedermanns -Freund gemacht werden kann, namentlich jenes Meister -Mittel, Alles als gefun- den, Nichts als kommend und ungewiss hinzustellen. Alle wirkungsvollen Bücher versuchen, einen ähnlichen Eindruck zu hinterlassen, als ob der weiteste geistige und seelische Horizont hier umschrieben sei und um die hier leuchtende Sonne sich jedes gegenwärtige und zukünftig sichtbare Gestirn drehen müsse. — Muss also nicht aus demselben Grunde, aus dem solche Bücher wirkungsvoll sind, jedes rein wissenschaftliche Buch wirkungsarm sein? Ist es nicht verurtheilt, niedrig und unter Niedrigen zu leben, um endlich gekreuzigt zu werden und nie wieder aufzuerstehen? Sind im Ver- hältniss zu Dem, was die Religiösen von ihrem „Wissen", von ihrem „heiligen" Geiste verkünden, nicht alle Red- lichen der Wissenschaft „arm im Geiste"? Kann irgend eine Religion mehr Entsagung verlangen, unerbittlicher den Selbstsüchtigen aus sich herausziehen als die Wissen- schaft? — — So und ähnlich und jedenfalls mit einiger Schauspielerei mögen wir reden, wenn wir uns vor den Gläubigen zu vertheidigen haben: denn es ist kaum möglich, eine Vertheidigung ohne etwas Schauspielerei zu fuhren. Unter uns aber muss die Sprache ehrlicher sein: wir bedienen uns da einer Freiheit, welche Jene nicht einmal, ihres eigenen Interesses halber, verstehen dürfen. Weg also mit der Kapuze der Entsagung! der Miene der Demuth! Vielmehr und vielbesser: so klingt unsere Wahrheit! Wenn die Wissenschaft nicht an die Lust der Erkenntniss, an den Nutzen des Erkannten geknüpft wäre, was läge uns an der Wissenschaft? Wenn nicht ein wenig Glaube Liebe und Hoffnung unsere Seele zur Erkenntniss hinführte, was zöge uns sonst zur Wissenschaft? Und wenn zwar in der Wissenschaft das Ich Nichts zu bedeuten hat, so bedeutet das erfinderische glückliche Ich, ja selbst schon jedes redliche und fleissige Ich, sehr viel in der Republik der wissenschaftlichen Men- schen: Achtung der Achtung-Gebenden, Freude Solcher, welchen wir wohlwollen oder die wir verehren, unter Um- ständen Ruhm und eine mässige Unsterblichkeit der Per- son ist der erreichbare Preis für jene Entpersönlichung, von geringeren Aussichten und Belohnungen hier zu schweigen, obschon gerade ihrethalben die Meisten den Gesetzen jener Republik und überhaupt der Wissenschaft zugeschworen haben und immerfort zuzuschwören pflegen.
Wenn wir nicht in irgend einem Maasse unwissen- schaftliche Menschen geblieben wären, was könnte uns auch nur an der Wissenschaft liegen! Alles in Allem genommen und rund glatt und voll ausgesprochen: für ein rein erkennendes Wesen wäre die Erkennt- niss gleichgültig. — Von den Frommen und Gläubigen unterscheidet uns nicht die Qualität, sondern die Quantität Glaubens und Frommseins: wir sind mit Wenigerem zufrieden. Aber, werden jene uns zurufen — so seid auch zufrieden und gebt euch auch als zufrieden! — worauf wir leicht antworten dürften: „In der That, wir gehören nicht zu den Unzufriedensten! Ihr aber, wenn euer Glaube euch selig macht, so gebt euch auch als selig! Eure Gesichter sind immer eurem Glauben schäd- licher gewesen als unsere Gründe! Wenn jene frohe Botschaft eurer Bibel euch in's Gesicht geschrieben wäre, ihr brauchtet den Glauben an die Autorität dieses Buches nicht so halsstarrig zu fordern: eure Worte, eure Hand- lungen sollten die Bibel fortwährend überflüssig machen, eine neue Bibel sollte durch euch fortwährend entstehen! So aber hat alle eure Apologie des Christenthums ihre Wurzel in eurem Unchristenthum; mit eurer Vertheidigung schreibt ihr eure eigne Anklageschrift. Solltet ihr aber wünschen, aus diesem eurem Ungenügen am Christenthum herauszukommen, so bringt euch doch die Erfahrung von zwei Jahrtausenden zur Erwägung: welche, in be- scheidene Frageform gekleidet, so klingt: „wenn Christus wirklich die Absicht hatte, die Welt zu erlösen, sollte es ihm nicht misslungen sein?"
DerDichteralsWegzeiger für die Zukunft. — So viel noch überschüssige dichterische Kraft unter den jetzigen Menschen vorhanden ist, welche bei der Ge- staltung des Lebens nicht verbraucht wird, so viel sollte, ohne jeden Abzug, Einem Ziele sich weihen, nicht etwa der Abmalung des Gegenwärtigen, der Wiederbeseelung und Verdichtung der Vergangenheit, sondern dem Weg- weisen für die Zukunft: — und diess nicht in dem Ver- stände, als ob der Dichter gleich einem phantastischen Nationalökonomen günstigere Volks- und Gesellschafts- Zustände und deren Ermöglichung im Bilde vorweg- nehmen sollte. Vielmehr wird er, wie früher die Künstler an den Götterbildern fortdichteten, so an dem schönen Menschenbilde fortdichten und jene Fälle auswittern, wo mitten in unserer modernen Welt und Wirklichkeit, wo ohne jede künstliche Abwehr und Entziehung von derselben, die schöne grosse Seele noch möglich ist, dort wo sie sich auch jetzt noch in harmonische, ebenmässige Zustände einzuverleiben vermag, durch sie Sichtbarkeit Dauer und Vorbildlichkeit bekommt und also, durch Er- regung von Nachahmung und Neid, die Zukunft schaffen hilft. Dichtungen solcher Dichter würden dadurch sich auszeichnen, dass sie gegen die Luft und Gluth der Leidenschaften abgeschlossen und verwahrt erschienen: der unverbesserliche Fehlgriff, das Zertrümmern des ganzen menschlichen Saitenspiels, Hohnlachen und Zähneknirschen und alles Tragische und Komische im alten gewohnten Sinne würde in der Nähe dieser neuen Kunst als lästige archaisirende Vergröberung des Menschen- Bildes empfunden werden. Kraft, Güte, Milde, Reinheit und ungewolltes, eingeborenes Maass in den Personen und deren Handlungen: ein geebneter Boden, welcher dem Fusse Ruhe und Lust giebt: ein leuchtender Himmel auf Gesichtern und Vorgängen sich abspiegelnd: das Wissen und die Kunst zu neuer Einheit zusammengeflossen: der Geist ohne Anmaassung und Eifersucht mit seiner Schwester, der Seele zusammenwohnend und aus dem Gegensätzlichen die Grazie des Ernstes, nicht die Ungeduld des Zwiespaltes herauslockend: — diess Alles wäre das Umschliessende Allgemeine Goldgrund- hafte, auf dem jetzt erst die zarten Unterschiede der verkörperten Ideale das eigentliche Gemälde — das der immer wachsenden menschlichen Hoheit — machen würden. — Von Goethe aus führt mancher Weg in diese Dichtung der Zukunft: aber es bedarf guter Pfad- finder und vor Allem einer viel grössern Macht, als die jetzigen Dichter, das heisst die unbedenklichen Darsteller des Halbthiers und der mit Kraft und Natur verwech- selten Unreife und Unmässigkcit, besitzen.
Die Muse als Penthesilea. — „Lieber verwesen als ein Weib sein, das nicht reizt" Wenn die Muse erst einmal so denkt, so ist das Ende ihrer Kunst wieder in der Nähe. Aber es kann ein Tragödien- und auch ein Komödien-Ausgang sein.
IOI.
Was der Umweg zum Schönen ist. — Wenn das Schöne gleich dem Erfreuenden ist — und so sangen es ja einmal die Musen —, so ist das Nützliche der oft- mals nothwendige Umweg zum Schönen und kann den kurzsichtigen Tadel der Augenblicks-Menschen, die nicht warten wollen und alles Gute ohne Umwege zu erreichen denken, mit gutem Rechte zurückweisen.
Zur Entschuldigung mancher Schuld. — Das unablässige Schaffen-wollen und Nach-Aussen-spähen des Künstlers hält ihn davon ab, als Person schöner und besser zu werden, also sich selber zu schaffen — es sei denn, dass seine Ehrsucht gross genug ist, um ihn zu zwingen, dass er sich auch im Leben mit Andern der wachsenden Schönheit und Grösse seiner Werke immer entsprechend gewachsen zeige. In allen Fällen hat er nur ein bestimmtes Maass von Kraft: was er davon auf sich verwendet — wie könnte diess noch seinem Werke zu Gute kommen? — Und umgekehrt.
Den Besten genug thun. — Wenn man mit seiner Kunst „den Besten seiner Zeit genug -gethan", so ist diess ein Anzeichen davon, dass man den Besten der nächsten Zeit mit ihr nicht genug-thun wird: „gelebt" freilich „hat man für alle Zeiten" — der Beifall der Besten sichert den Ruhm.
Aus Einem Stoffe. — Ist man aus Einem Stoffe mit einem Buche ©der Kunstwerk, so meint man ganz innerlich, es müsse vortrefflich sein, und ist beleidigt, wenn Andere es hässlich überwürzt oder grossthuerisch finden.
Sprache und Gefühl. — Dass die Sprache uns nicht zur Mittheilung des Gefühls gegeben ist, sieht man daraus, dass alle einfache Menschen sich schämen, Worte für ihre tieferen Erregungen zu suchen: die Mittheilung derselben äussert sich nur in Handlungen, und selbst hier giebt es ein Erröthen darüber, wenn der Andere ihre Motive zu errathen scheint. Unter den Dichtern, welchen im Allgemeinen die Gottheit diese Scham versagte, sind doch die edleren in der Sprache des Gefühls einsilbiger und lassen einen Zwang merken: während die eigentlichen Gefühls-Dichter im praktischen Leben meistens unverschämt sind.
Irrthum über eine Entbehrung. — Wer sich nicht von einer Kunst lange Zeit völlig entwöhnt hat, sondern immer in ihr zu Hause ist, kann nicht von ferne begreifen, wie wenig man entbehrt, wenn man ohne diese Kunst lebt.
Dreiviertelskraft. — Ein Werk, das den Eindruck des Gesunden machen soll, darf höchstens mit Dreiviertel der Kraft seines Urhebers hervorgebracht sein. Ist er dagegen bis an seine äusserste Grenze gegangen, so regt das Werk den Betrachtenden auf und ängstigt ihn durch seine Spannung. Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.