real erkannte Vernichtung im Tode spielt der Mensch unbewußt den Trumpf der pränatalen Existenz aus, welche den einzig wirklich er- fahrenen Zustand jenseits des bewußten Lebens repräsentiert. Wenn das Kind einen störenden Konkurrenten beseitigen will, ihm also den Tod wünscht, so kann es dies nur mittels der eigenen lustvollen Erinnerung an den Ort tun, von wo es selbst gekommen ist und woher auch das Geschwisterchen kam: von der Mutter. Man könnte auch sagen, es wünscht sich selbst an den Ort zurück, wo es noch keinerlei Störungen von außen gab. Die Berechtigung, in den kindlichen Todeswünschen das eigene unbewußte Wunschelementzu betonen, erhellt aus demVerständ- nis der neurotischen Selbstvorwürfe, mit denen regelmäßig auf die zu- fällige Erfüllung eines solchen Wunsches reagiert wird. Wenn man eine nahestehende Person, gleichgültig welchen Geschlechts, verliert, so er- innert diese Trennung wieder an die Urtrennung von der Mutter und die schmerzliche Aufgabe, die Libido von dieser Person abzulösen, welche Freud im Vorgang der Trauer erkannt hat, entspricht einer psychi- schen Wiederholung des Urtraumas. An den verschiedenen Trauerriten der Menschen wird unzweifelhaft klar, wie erst kürzlich Reik in einem Vortrag gezeigt hat,‘ daß der Trauernde sich mit dem Toten zu iden- tifizieren trachtet, was zeigt, wie er ihn um die Rückkehr zur Mutter beneidet. Die bedeutungsvollen Eindrücke, die tatsächlich frühverstorbene Geschwister im Unbewußten des Überlebenden, später oft neuro- tisch Gewordenen zurücklassen, zeigen deutlich die unheimliche Nach- wirkung dieser Identifizierung mit dem Verstorbenen, die sich nicht selten darin äußert, daß der Betreffende sein Leben sozusagen unbewußt in steter Trauer, d.h. in einem Zustande verbringt, der dem suppo- nierten Aufenthaltsort des Verstorbenen verblüffend angepaßtist. Manche Neurose läßt sich geradezu in ihrer Gänze als eine solche embryonale Fortsetzung der unterbrochenen Existenz eines frühverstorbenen Geı) „Tabnit, König von Sidon“ (Wiener PsA. Vereinigung, März 1923).
28 Das Trauma der Geburt schwisters verstehen und die Melancholie zeigt denselben Mechanismus häufig als Reaktion auf einen aktuellen Todesfall.’
Das Kind beneidet den Toten um das Glück der Rückkehr zur Mutter und dementsprechend knüpft die eigentliche Eifersucht auf das neue Geschwisterchen, wie man in den Analysen noch deutlich sieht, in der Regel an dieSchwangerschaftsperiode, d.h. dessen Aufenthalt im Mutter- leibe an, während die bekannte Abfindung mit der Tatsache des neuen Konkurrenten durch Identifizierung mit der Mutter (dasKind vom Vater) bald nach der Geburt beginnt (das Kind als lebende Puppe). In dieser unbewußten Tendenz des Kindes, sich mit dem intrauterinen Geschwi- sterchen, dessen bevorstehende Ankunft ihm ja genugsam angekündigt wurde, zu identifizieren, liegt das Wesentliche dessen beschlossen, was man im Sinne der psychoanalytischen Forschungen als das Trauma des zweiten Kindes (Geschwister-Trauma) bezeichnen könnte. Das Wesentliche dabei besteht darin, daß das nachfolgende Kind die tiefste Wunschtendenz des bereits vorhandenen, den Aufenthalt in der Mutter realisiert, so aber ein- für allemal den Weg zur Rückkehr sozusagen verlegt, was bestimmend für die ganze weitere Einstellung und Ent- wicklung des Erst- oderVorhergeborenen werden kann (siehe die Psycho- logie des Jüngsten S. 107: „Die heroische Kompensation“). Von da aus werden auch manche sonst unverständliche Zügeim erwachsenen Liebes- leben (neurotische Kinderbeschränkung usw.) —, wie gewisse organ- neurotische Frauenleiden analytisch zugänglich (Pseudo-Sterilität usw.).
Die Identifizierung des Todeszustandes mit der Rückkehr in den Mut- terleib erklärt auch, warum die Toten in ihrer Ruhenicht gestört werden dürfen und warum eine solche Störung als die größte Strafe empfunden wird. Dies beweist die sekundäre Natur der ganzen Wiedergeburts- phantasie, welche keinen andern Sinn hat, als den ursprünglichen Zu- ' stand wiederherzustellen. Dies zeigen auch verschiedene biologische BEER TITTEN TEEN EA ERENEEUN # - ı) Es wäre der Mühe wert, in den Anamnesen Melancholischer darauf zu achten, ob sie in der Kindheit einen Todesfall (in der Familie) erlebt haben.
Die infantile Angst 29 Tatsachen, bei denen das von Jung irrtümlich für das Wesentliche gehaltene ethisch-anagogische Element der Wiedergeburtsidee ausge- schlossen ist." Ein besonders lehrreiches Beispiel bildet eine bestimmte Art der Cichliden, „Maulbrüter“, deren Weibchen die Laichkörner bis zur Reife in einem Kehlsack austragen.* Bei der in Nordafrika leben- den Art Haplochromis strigigena, die ihre Eier an Pflanzen und Steine heftet, wird erst den ausgeschlüpften Jungen der Kehlsack der Mutter Zuflucht und Schutzorgan. Droht Gefahr oder kommt die Nacht, dann öffnet die Mutter das Maul und eine ganze Schar der jungen Haplochromen kriechen darin unter und bleiben so lange dort, bis die Gefahr vorüber ist oder der Morgen graut. Dies Gebahren ist besonders interessant, weil es nicht bloß den durch die ganze Tierreihe hindurch- gehenden physiologischen Schlaf als zeitweilige Rückkehr in den Mutter- leib erweist, sondern weil gerade bei dieser Spezies die eigentliche Brütung außerhalb des mütterlichen Körpers erfolgt (auf Steinen und Pflanzen) und von diesen Tieren sozusagen später nachgeholt wird, weil sie scheinbar nicht darauf verzichten können.
Andere Tiere, die nicht wie die Beuteltiere (Känguruh) die partielle Rückkehr in den Mutterleib als Schutz haben, ersetzen diesen in einer nur „symbolisch ° zu nennenden Weise, wie beispielsweise die Vögel ı) Jung ist hier blind an den biologischen Tatsachen vorbeigegangen, weil er sich gegen die „analytische“ Regressionstendenz zu schützen suchte und dabei die biologische übersah. So ist er oppositionell in die ethisch-anagogische Rich- tung geglitten, welche die Idee der Wiedergeburt in den Mittelpunkt stellt, die doch nur ein intellektualistischer Ausläufer ist („Wandlungen und Symbole der Libido“, Jahrbuch, IV, 1912, S. 267).
2) Die Maulbrutpflege findet sich bei zahlreichen Knochenfischen, ja sogar vereinzelt unter den Wirbeltieren. S. Meisenheimer: Geschlecht und Ge- schlechter im Tierreich. Jena ıg21, I. Band, Kap. 20: „Die Verwendung des elterlichen Körpers im Dienst der Brutpflege“, VIII. Stufe, S. 566 f. — Hierher gehören auch die wunderbaren Ortsinstinkte der Zugvögel und Wanderfische, die von jedem fremden Platz, an den man sie bringt oder an den sie selbst ge- langen, wieder an den Ortihrer Geburt zurückkehren.
30 Das Trauma der Geburt durch den Nestbau' (den übrigens schon Jung heranzieht). Wir werden hier darauf aufmerksam, daß das, was wir tierischen Instinkt nennen, im wesentlichen die Anpassung der pränatalen Libido an die Außenwelt beinhaltet, also die Tendenz, diese Außenwelt möglichst getreu dem vorher erlebten Urzustand anzugleichen, während der Mensch auf Grund seiner langen Graviditätsperiode und mit Hilfe der später ent- wickelten höheren Denkfähigkeiten den wirklichen Urzustand auf alle mögliche Weise, sozusagen schöpferisch wieder herzustellen sucht, was ihm in den sozial angepaßten Phantasieprodukten der Kunst, Religion, Mythologie bis zu einem hohen Grade von Lustgewinnung gelingt, während es in der Neurose kläglich scheitert.
Der Grund hierfür liegt, wie die Psychoanalyse gezeigt hat, in einer psycho-biologischen Entwicklungshemmung, welche wir unter dem Gesichtspunkt des Sexualtraumas im nächsten Abschnitt besprechen wollen, da das wesentliche Moment der Neurosenentwicklung darin zu liegen scheint, daß der Mensch bei der biologischen wie kulturellen Überwindung des Geburtstraumas, welche wir Anpassung nennen, am Durchgangspunkt der Sexualbefriedigung scheitert, welche sich der Ursituation am meisten annähert, ohne sie doch vollinhaltich im in- fantilen Sinne wieder herzustellen.
Fr se Ta la Ta N a ST ı) Eine amerikanische Kindergärtnerin erzählte mir einmal, daß die kleinen Kinder, wenn sie mit Plastelin spielten, zumeist spontan Vogelnester nachbildeten.
BEE N EEE ERNUE ve x PEAYEN pi Die sexuelle Befriedigung Das ganze infantile Sexualproblem liegt eigentlich in der berühmten Frage nach der Herkunft der Kinder beschlossen. Diese Frage, zu der das Kind früher oder später spontan gelangt, tritt, wie wir erfahren haben, als Endresultat eines unbefriedigenden Denkprozesses hervor, der sich in mannigfachen Eigenarten des Kindes (Fragedrang) äußert, die beweisen, daß das Kind in sich selbst die verlorene Erinnerung an seinen früheren Aufenthalt sucht und infolge einer äußerst intensiven Verdrängungnicht finden kann, Daher bedarf es auch in der Regel eines äußeren Anstoßes, meist der Wiederholung des Ereignisses durch die Geburt eines Ge- schwisterchens," um die Frage schließlich offen hervorbrechen zu lassen und so an die Hilfe der Erwachsenen zu appellieren, die offenkundig dieses einmal verlorene Wissen irgendwie wiedergefunden zu haben scheinen. Bekanntlich bringt aber die Beantwortung der Frage, selbst durch analytisch aufgeklärte Erzieher, dem Kinde ebensowenig Be- freiung wie dem erwachsenen Neurotiker die Mitteilung irgendeines ihm nicht bewußt gewesenen Zusammenhanges, den er infolge innerer, gleichfalls unbewußter Verdrängungswiderstände nicht akzeptieren kann. Auch verrät die typische Reaktion des Kindes auf die wahrheits- getreue Antwort (das Kind wachse im Mutterleib, wie etwa die Pflanze ı) Es scheint nach verschiedenen analytischen Erfahrungen, daß einzige oder jüngste Kinder (bzw. auch solche, die ein schweres Geburtstrauma zu verdrängen hatten) die Frage nicht so direkt stellen.
32 Das Trauma der Geburt in der Erde), wo das eigentliche Interesse des Kindes liegt: nämlich im Problem, wie man hineinkomme! Dies bezieht sich aber nicht so sehr auf das Rätsel der Zeugung, wie die Erwachsenen von sich aus rückschließen, sondern zeigt zunächst die Tendenz zur Rückkehr dort- hin, wo man vorher war.‘ Da das Trauma der Geburt die intensivste Verdrängung erfahren hat, so kann das Kind die Erinnerung trotz der Aufklärung nicht herstellen und hält an seinen eigenen Theo- rien von der Herkunft der Kinder fest, welche offenkundig unbewußten Reproduktionen des pränatalen Zustandes entsprechen und ihm so die Illusion einer möglichen Rückkehr offen lassen, welcher es durch Akzeptierung der Aufklärung verlustig ginge.
Da ist vor allem die berühmte Storchfabel, die ja geradezu darauf gegründet scheint, daß der periodisch an denselben Ort wiederkehrende Zugvogel das Kind sowohl bringen als auch wieder mit sich zurück- nehmen kann,” wobei gleichzeitig der traumatische Sturz in die Tiefe durch den sanften Gleitflug des ausdauernden Fliegers ersetzt ist, Eine andere von Freud aus dem Unbewußten erschlossene infantile Geburts- theorie knüpft mit ihrer Beziehung auf die Verdauungszirkulation direkt an das Leibinnere der Mutter an: das Kind kommt (als Speise) durch den Mund in die Mutter und wird als Kot durch den Darm entleert. Auch dieser, wie wir wissen, für das Kind lustvolle Vorgang, der sich täglich abspielt, soll die Leichtigkeit der Wiederholungsmög- lichkeit im Sinne der Kompensation des Traumas gewährleisten. Auch a EEE SEE EEE ı) Mephistopheles: „’s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster: Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte.“ Die Indianer sollen bei der Herstellung von Flechtarbeiten u.ä. die Kreise in den Ornamenten nicht ganz schließen, weil die Frauen sonst keine Kinder be- kämen (nach mündlicher Mitteilung einer Reisenden). 2) Sei es zu anderen Eltern (Familienroman), sei es an den Ort der Herkunft („Todeswunsch“), Siehe des Verfassers Abhandlung über die Lohengrin- sage, ıgıı.
2 ie ml A u dann a a il I A un a uk an dd aan A a a Ai un Lu nn n/a A te WE LEE Die sexuelle Befriedigung 33 die spätere Theorie, an der viele Menschen ziemlich lange festhalten, daß nämlich die Kinder durch Aufschneiden der Mutter (meist in der Nabelgegend) geboren werden, beruht auf der Verleugnung der eigenen Geburtsschmerzen, die zur Gänze der Mutter aufgebürdet werden."
Der gemeinsame Zug aller infantilen Geburtstheorien, die auch ethnologisch (Mythen und besonders Märchen) reichlich zu belegen sind,” ist die Verleugnung des weiblichen Sexualorgans und dies verrät deutlich, daß sie auf der Verdrängung des dort erlebten Geburtstraumas beruhen. Die unlustvolle Fixierung an diese Funktion des weiblichen Genitales als Gebärorgan, liegt letzten Endes noch allen neurotischen Störungen des erwachsenen Sexuallebens zugrunde, der psychischen Impotenz wie der weiblichen Frigidität in allen ihren Formen, äußert sich aber auch besonders deutlich in bestimmten Arten von Platzangst (Schwindelanfällen), die mit dem Gefühl des Enger- und Weiterwerdens der Straße einhergehen usw.
Weiters gehen aber auch die Perversionen, die ja nach Freud das Positiv der Neurose darstellen, in entscheidender Weise auf die in- fantile Ursituation zurück. Wie ich bereits anderwärts ausgeführt habe?, ist das Verhalten des Perversen dadurch charakterisiert, daß er die inı) Hier ist die typische Mythenphantasie zu erwähnen, daß der furchtlose Held regelmäßig ein ausdem Mutterleib Geschnittener ist, der — meist frühreif — schon als Kind Wundertaten vollbringt; ihm bleibt offenbar mit der Geburts- angst auch die neurotische Frühperiode ihrer Erledigung erspart (siehe den Ab- schnitt: Die heroische Kompensation, $. 102).
Übrigens hat es nach vereinzelten Erkundigungen den Anschein, als ob Kinder, die operativ zur Welt gebracht wurden, sich tatsächlich in gewisser Beziehung besser entwickelten. Anderseits hatte eine Frau, die ihr Kind in Narkose zur Welt gebracht hatte, das Gefühl, es sei nicht ihres, weil sie bei der Geburt bewußtlos gewesen sei. Ihr infantiles Interesse, woher die Kinder wirklich kommen, ist also dabei unbefriedigt geblieben.
2) Siehe meine Abhandlung: Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen Sexualtheorien, ıgı1.
3) Perversion und Neurose. (Zschr., VIII, 1922.)
3 Rank 34 Das Trauma der Geburt fantile Geburtstheorie vom analen Kind durch ihre teilweise Reali- sierung vor der Verdrängung mittels des Schuldgefühls bewahrt: er spielt selbst das anale Kind, ehe es das Geburtstrauma erleiden mußte, also in möglichster Annäherung an den Zustand der („polymorph-per- _ versen“) Urlustsituation. Für dieKopro- und Urolagniebedarfes dazu keiner weiteren Erklärung und ebenso setzen alle anderen Arten der Mundperversion die intrauterine Libidobefriedigung (bzw. die postnatale an der Mutterbrust) irgendwie fort." Der Exhibitionist ist dadurch charakterisiert, daß er in den paradiesischen Urzustand der Nacktheit zurückkehren will, in dem er vor der Geburt lebte und den das Kind darum so liebt. Eine besondere Lustbetonung weist dabei der Akt des Auskleidens, das Abstreifen der Hüllen auf, wie wir es in ausge- sprochenen Fällen finden. Die Entblößung der Genitalien entspricht dann im Sinne der heterosexuellen Entwicklungsstufe dem Ersatz des stellvertretenden Teiles (Penis — Kind) für den ganzen Körper, wobei der Mann die erste, das Weib die zweite Bedeutung bevorzugt, was mit der verschiedenen Entwicklung des Kastrationskomplexes (normal: Schamgefühl) zusammenhängt. Die besondere Charakteristik des sexu- ellen Schamgefühls, das Schließen oder Bedecken der Augen? und das Erröten weisen auf die pränatale Situation hin, in der bekanntlich dem nach unten gerichteten Kopf das Blut zuströmt. Übrigens ist auch die apotropaische Bedeutung der Genitalentblößung, die ein großes Stück des Aberglaubens beherrscht, ursprünglich nichts anderes als der Aus- druck des auf dem Gebärorgan lastenden Verdrängungsfluches, derauch ı) Aus der Analyse einer Frau, die den Cumnilingus bevorzugte, ergab sich, daß die Lustempfindung an das Gefühl geknüpft war, ihre Klitoris (analog dem Penis) in einer warmen Höhle zu spüren.
2) Die tiefe Verknüpfung der von mir als „exhibitionistisch“ erklärten Motive der Nacktheit: Kleidung, Blendung und Fesselung (s.w.unten) ergibt sich erst durch ihre gemeinsame Beziehung zur Ursituation. (Siehe meine damalige Abhandlung: Die Nacktheit in Sage und Dichtung, ı9ı1.)
Die sexuelle Befriedigung EEE in den verschiedensten Verwünschungen und Flüchen deutlich zum Ausdruck kommt.
Ähnliches gilt für den Fetischismus, dessen Mechanismusals einer Partialverdrängung mit kompensatorischer Ersatzbildung Freud längst beschrieben hat; die Verdrängung betrifft dabei ganz regelmäßig das mütterliche Genitale im Sinne der traumatischen Angstbesetzung und dessen Ersatz durch einen lustbesetzten Körperteil oder dessen ästhetisch noch einwandfreiere Hülle (Kleider, Schuhe, Korsett usw.).
Für den Masochismus haben mich schon frühere analytische Er- fahrungen ahnen lassen, daß es sich dabei um die Umwandlung der Geburtsschmerzen („Schlagephantasie“) in lustvolle Empfindungen handelt," was sich aus anderen typischen Elementen dermasochistischen Phantasie erklärt, wie der fast regelmäßigen Fesselung (Strafe: s. später), als teilweiser Wiederherstellung der intrauterinen Lustsituation der Unbeweglichkeit, die ja in der Windelsituation (Sadger) nur nachgeahmt erscheint.” Auf der anderen Seite scheint der typische Sadist, derim Blutund in den Eingeweiden wühlende Kinderschlächter (Gilles de Ray) oder Frauenmörder (Bauchaufschlitzer), die. infantile Neugierde, wie es im Leibesinnern aussieht, restlos zu agieren. Während der Masochist den ursprünglichen Lustzustand durch affektive Umı) Hierher scheint der weitverbreitete Fruchtbarkeitszauber des Ruten- schlagens („Lebensrute“) zu gehören, wie er in den Mythen der jungfräulichen Bona Dea als Strafe von seiten des eigenen Vaters erscheint, dessen Lüsten sich die keusche Göttin widersetzt. — Man vgl. dazu das Peitschen der Brautpaare in den deutschen Hochzeitsbräuchen (W. Mannhardt: Antike Feld- und Wald- kulte I, 299— 303), in den römischen Luperkalien, im Wintersonnenwendefest der Mexikaner, wobei die jungen Mädchen mit Säckchen geschlagen wurden, um sie fruchtbar zu machen.
2) Die bei den letztgenannten Formen (Exhibitionismus, Masochismus) be- sonders hervortretende Rolle der von Sadger sog. „Haut-Schleimhaut- und Muskelerotik“ scheint direkt aus der intrauterinen Situation ableitbar, wo der ganze Körper sozusagen ständig durch ein wohliges Gefühl von Weichheit, Wärme und Flüssigkeit angenehm „gekitzelt“ wird.
7= 367° Das Trauma der Geburt wertung des Geburtstraumas wieder herzustellen sucht, verkörpert der Sadist den unauslöschlichen Haß des Ausgestoßenen, der mit seinem voll erwachsenen Körper wirklich versucht, dort wieder hineinzu- kommen, wo er als Kind herausgekommen war, ohne Rücksicht darauf, daß er dabei auch sein Opfer zerfleischt, was keineswegs die Haupt- sache ist. (Siehe später über das Opfer, S. 94.)
Auch die Homosexualität scheint sich dieser Auffassung zwanglos zu fügen; basiert sie doch ganz offensichtlich beim Manne auf dem Abscheu vor dem weiblichen Genitale, und zwar wegen seiner innigen Beziehung zum Geburtsschock. Der Homosexuelle sieht im: Weib nur das mütterliche Gebärorgan und ist daher unfähig, es als lustspendendes Organ anzuerkennen. Überdies spielen die Homosexuellen beiderlei Geschlechts, wie wir aus den Analysen wissen, nur bewußterweise Mann und Frau, im Unbewußten regelmäßig Mutter und Kind— was bei der weiblichen Homosexualität direkt manifest ist — und stellen insofern tatsächlich eine besondere Art der Liebesbeziehung dar („das dritte Geschlecht“), nämlich.die direkte F ortsetzung der ungeschlecht- lichen aber libidinösen Bindung der Ursituation. Es ist der Hervor- hebung wert, daß die Homosexualität als diejenige Perversion, die sich anscheinend nur auf den Geschlechtsunterschied bezieht, eigent- lich zur Gänze auf der im Unbewußten fortlebenden Bisexualität des embryonalen Zustands beruht."
Mit diesen Erörterungen befinden wir uns mitten in dem Problem der Geschlechtlichkeit, welches die simplen Äußerungen der Ur- libido späterhin in so unerwünschter Weise kompliziert. Ich denke das konsequente Festhalten an unserer bisherigen Auffassung wird uns auch in den Stand setzen, dem Verständnis der normalen Sexualent- wicklung ein Stück näher zu kommen und die scheinbar entgegen- stehenden Schwierigkeiten zu überwinden.
ı) Hier wird die Hinfälligkeit von Adlers „männlichem Protest“ als Er- klärungsprinzip für die Perversionen (Homosexualität) offenkundig.
Die sexuelle Befriedigung 32 Es ist besonders in letzter Zeit wiederholt bemerkt worden, daß unsere gesamte Mentalität und Welteinstellung den männlichen Stand- punkt so sehr in den Vordergrund rückte und den weiblichen fast gänzlich vernachlässigt hat. Vielleicht das krasseste Beispiel für diese Einseitigkeit auch des sozialen und wissenschaftlichen Denkens ist die Tatsache, daß lange und bedeutsame Perioden der menschlichen Kul- turentwicklung unter dem Einfluß des von Bachofen „entdeckten“ und sogenannten „Mutterrechtes“, d. h. der Vorherrschaft der Frau standen und es erst einer besonderen Anstrengung, der deutlichen Über- windung von Widerständen bedurfte, um diese offenbar auch aus der Überlieferung „verdrängten“ Perioden wiederzufinden und als Tat- sachen zu akzeptieren.“ Wie weit diese Einstellung sogar noch in uns Psychoanalytikern nachwirkt, zeigt sich darin, daß wir in der Regel die Sexualverhältnisse stillschweigend nur für den Mann darstellen, wie wir vorgeben der Einfachheit wegen oder wenn wir ehrlicher sind, aus mangelhaftem Verständnis des weiblichen Lebens. Ich glaube kaum, daß diese Einstellung die Folge einer sozialen Unterschätzung der Frau ist, wie Alfred Adler meinte, sondern umgekehrt, beides der Ausdruck jener Urverdrängung, welche das Weib wegen seiner ursprünglichen Verbindung mit dem Geburtstrauma auch sozial und intellektuell herab- zusetzen und zu verleugnen sucht. Indem wir nun die verdrängte Urerinnerung an das Geburtstrauma wieder bewußt zu machen suchen, glauben wir auch, die damit zugleich verdrängte Hochschätzung des Weibes durch Befreiung des auf seinem Genitale lastenden Fluches wieder zu rehabilitieren.
Wir haben mit Überraschung aus den Analysen Freuds erfahren, daß es ein vollwertiges, wenn auch intensiv verdrängtes männliches Gegenstück zu dem schon oberflächlicher Beobachtung erkennbaren ı) Siehe M. Vaerting; Die weibliche Eigenart im Männerstaat und die männliche Eigenart im Frauenstaat. Karlsruhe 1921.
38 Das Trauma der Geburt Penisneid der Mädchen gibt: nämlich den unbewußten Wunsch des Knaben, Kinder — auf dem analen Weg — gebären zu können. Diese Wunschphantasie, die durch die unbewußte Gleichsetzung von Kind und Kot (anales Kind), späterhin mit dem Penis, im Unbewußten wirk- sam erhalten bleibt, stellt gleichfalls nichts anderes dar, als einen Ver- such zur Wiederherstellung der Ursituation, in der man selbst noch ein „anales“ Kind war; d.h. aber, ehe man als erstes Genitale das weib- liche kennen lernte, dessen primäre Wahrnehmung wohl physiologisch feststeht, psychologisch aber erst durch das Geburtstrauma repräsentiert wird. Daß der Knabe bald nach der Geburt das ihm eigene Glied bei allen anderen Geschöpfen voraussetzt, ist wohl aus der anthropomor- phen Einstellung des Menschen überhaupt leicht verständlich. Den- noch sollte uns die Hartnäckigkeit, mit der er gegen allen Augenschein an dieser Auffassung festhält, davor warnen, dies der narzißtischen Selbstüberschätzung allein zuzutrauen. Es liegt vielmehr nahe an- zunehmen, daß der Knabe die Existenz des weiblichen Genitales so- lange als möglich zu leugnen sucht, weil er es vermeiden will, an den ihm noch in allen Gliedern spukenden Schreck beim Passieren dieses Organs erinnert zu werden, d.h. den daran hängenden Ansgst- affekt zu reproduzieren. Beweisend dafür scheint mir jedoch, daß sich das kleine Mädchen in der gleichen ablehnenden Weise gegen das eigene Genitale einstellt, und zwar eben weil es auch das weibliche ist, ohne des narzißtischen Vorteils eines Penisbesitzes teil- haftig zu sein. Diese Einstellung manifestiert sich als der sogenannte „Penisneid“, wobei sich zeigt, daß auch der — mehr oder weniger bewußten — Motivierung vom Ich (Neid) keineswegs die Hauptrolle zufällt. Im Gegenteil ergibt sich, daß beide Geschlechter in gleicher Weise das weibliche Genitale geringschätzen und zu verleugnen suchen, weil beide ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht der Urverdrängung des mütterlichen Genitales unterworfen sind. Beider Überschätzung des Penis — von Adler in Anlehnung an die sexuale Schulpsychologie Die sexuelle Befriedigung 39 aus dem nicht einmal sekundären Gefühl der „Minderwertigkeit“ er- klärt — erweist sich letzten Endes als Reaktionsbildung gegen die Existenz eines weiblichen Sexualorgans überhaupt, aus dem man ein- mal schmerzhaft ausgestoßen wurde. Die Akzeptierung der „Kastration“, die ja die normale weibliche Entwicklung bedingt, die uns aber auch in so typischer Weise im Kastrationswunsch der männlichen Neuro- tiker entgegentritt, ist vermöge des bereits erwähnten phantastischen Elements geeignet, die reale Trennung von der Mutter durch die Identi- fizierung mit ihr zu ersetzen und so auf dem Umweg der Geschlechts- liebe sich wieder der Ursituation anzunähern.
Für den Mann bedeutet ja ganz zweifellos, wie Ferenczi' in geist- reicher Weise ausgeführt hat, das Eindringen in die Vaginalöffnung des Weibes eine partielle Rückkehr in den Mutterleib, die durch Identi- fizierung mit dem Penis, den wir als Symbol des Kleinen („Däumling“) kennen, nicht nur zu einer vollständigen, sondern auch wieder zur infantilen wird. Bei der Frau liegen aber die Verhältnisse, wie sich an analytischem Material nachweisen läßt, ganz ähnlich, denn auch die Frau ist vermöge der in der Masturbation so intensiv erlebten Klitoris- libido imstande, sich in weitgehendem — oft genug zu weitgehendem — Maße mit dem Penis, bzw. dem Mann zu identifizieren und so sich indirekt auch der Mutterleibssituation anzunähern. Die darin schein- bar zutage tretende Männlichkeitstendenz, die auf der unbewußten Identifizierung mit dem Vater ruht, verfolgt letzten Endes den Zweck, wenigstens so des unschätzbaren Vorteils teilhaftig zu werden, den der Mann vor der Frau voraus hat und der darin besteht, daß er sich par- tiell mit dem das Kind selbst repräsentierenden Penis in die Mutter zurückbegeben kann. Für die Frau ergibt sich dann eine noch weiter- gehende, die normale, Befriedigung dieses Urwunsches in der Identi- fizierung mit der Leibesfrucht, die als Mutterliebe manifest wird.
ı) Versuch einer Genitaltheorie (Kongreßbericht), Zschr. VIII, 1922, $. 479.
40 Das Trauma der Geburt Die unbewußte Gleichsetzung von Kind und Penis, die wir in den Psychosen sohäufigbewußtfinden, vermagzweianalytisch gefundeneTat- sachen zu erklären. Einmal die so häufige, von Boehm (Zschr.VIII,ı922) beschriebene Angstvorstellung des (homosexuellen oder impotenten) Mannes, von einem bei der Frau versteckten ungeheueren „aktiven“ Penis, der plötzlich (nach Art eines Rüssels oder Pferdegliedes) heraus- geschleudert wird, was deutlich auf die Identifizierung mit dem im mütterlichen Genitale versteckten Kinde hinweist, das plötzlich — im Geburtsakt — herauskommt. Das weibliche Gegenstück zu dieser Vorstellung der „Frau mit dem Penis“ hat sich mir aus Analysen, besonders von weiblicher Frigidität ergeben, wo nicht, wie man meinen sollte, der erste Anblick eines männlichen Gliedes (etwa des Brüder- chens oder von Gespielen) im Sinne des „Penisneides“ pathogen wirkte.
Vielmehr war es der Anblick eines großen (erigierten oder väterlichen) Genitales, was die traumatische Wirkung hatte, weil es an die Kindesgröße erinnerte, d.h. statt eines am eigenen Leib (durch Masturbation) wahrgenommenen Körpereingangs bereits etwas drin stecken zeigt, was den supponierten Eingang versperrt und sich späterhin (auf der sexu- ellen Stufe) sogar als etwas erweist, das in den eigenen Körper ein- dringen will (vgl. dazu die Angst vor kleinen Tieren). Der oft bewußte Schreck neurotischer Frauen, wie denn das große Ding in sie hinein- gehen solle, rührt unmittelbar an die Urverdrängung des Geburts- traumas. Anderseits zeigt die bekannte Hochschätzung des großen Glie- des durch die Frau, daß sich gerade daran und eben deswegen die höchste Lustmöglichkeit knüpft, die durch eventuelle Schmerzen im Sinne der Ursituation nur gesteigert wird. Aus den Analysen der weiblichen Frigidität (Vaginismus) ergibt sich mit Sicherheit, daß die typischen (masochistischen) Vergewaltigungsphantasien, die bei diesen Frauen verdrängt sind, nichts anderes darstellen als mißglückte An- passungsversuche an ihre (weibliche) Sexualrolle, indem sie sich als Niederschlag der anfänglischen Identifizierung mit dem Manne (Penis) Die sexuelle Befriedigung 41