ı) Es ist bemerkenswert, daß der Paranoiker Strindberg die Erklärung für die ersten Wahrnehmungen des Kindes, Furcht und Hunger, in der vorgeburt- lichen Einwirkung erkannt hat. (In seinem autobiographischen Werk: Die Vergangenheit eines Toren). Auf die Beziehungen, die sich von hier zum Ver- sehen“ der Schwangeren ergeben, kann nur hingewiesen werden. Es seien hier einige für unsere Auffassung besonders bezeichnende Äußerungen Strind- bergs angeführt (nach Storch 1. c. S. 46f). Als ihm die Geliebte durch einen Fremden genommen wird, ist ihm das eine „Erschütterung seines ganzen Seelenkomplexes“, denn „es war ein Teil von ihm selber, der jetzt von einem andern eingenommen wurde, ein Teil seiner Eingeweide, mit dem man jetzt spielte“. (Entw. einer Seele, Kap. 5). — „In der Liebe schmilzt er mit der geliebten Frau zusammen, dann aber, wenn er ‚sich und seine Form verloren‘ hat, erwacht sein Selbsterhaltungsdrang, und in der Angst, sein ‚Selbst durch die ähnlich machende Macht der Liebe zu verlieren‘, sucht er sich von ihr frei zu machen, um sich als etwas ‚für sich Existierendes‘ wiederzu- finden (Entzweit, Kap. 2/3). Nach der Psychose zieht er sich in die Einsam- keit zurück, hat sich in „die Seide seiner eigenen Seele eingesponnen“ (Einsam, Kap. 3). Aus seiner schizophrenen Spätzeit berichtet er von Schutzmaßregeln, die er gegen die ihn zur Nachtzeit störenden Ströme anwendet: „Wenn man den Strömen einer Frau ausgesetzt ist, meistens während des Schlafes, so kann man sich isolieren; ein Zufall veranlaßte mich eines Abends, ein wollenes Tuch über Achsel und Hals zu werfen, und in dieser Nacht war ich ge- schützt, obwohl ich die Attaken der Ströme merkte“. Schließlich verrät er auch, daß die „Verfolgung“ bei ihm an die Angst geknüpft ist, indem er den „pani- schen Schrecken vor allem und nichts“ für seine Ruhelosigkeit verantwortlich macht. — Strindbergs traurige Kindheit und sein besonderer „Mutterkom- plex“ sind bekannt (s. den Hinweis „Inzestmotiv“, 1912,$.32 Note ). Von diesem Punkte aus ist seineganze Entwicklung, Persönlichkeit und Leistung zu verstehen.
Die neurotische Reproduktion zıI Im Sinne dieser Rücktendenz zur Mutter, die der Psychotiker auf dem Wege der Projektion anstrebt, ist der psychotische Krankheitsver- lauf, wie Freud erkannt hat, tatsächlich als Heilungsversuch aufzu- fassen, was wir ja im analytischen Heilungsprozeß, von dem wir aus- gegangen waren, auch deutlich sehen. Nur findet die Psychose aus dem unterirdischen Labyrinth der Mutterleibssituation nicht mehr den Weg zum Tageslicht der Gesundung, während der Neurotiker sich an dem ihm vom Analytiker zugeworfenen Ariadnefaden der Erinnerung wie- der ins Leben zurückzufinden vermag.
Wie nach der Freudschen Auffassung die Hysterie der künst- lerischen Produktion, die Zwangsneurose der Religionsbildung und philosophischen Spekulation nahestehen, so die Psychosen dem mytho- logischen Weltbild. Wenn analytisch eingestellte Psychiater erkannt haben, daß der Inhalt der Psychose, „kosmologisch“ sei, so dürfen wir den nächsten Schritt, zur Analyse der Kosmologien selbst, auch nicht scheuen und werden dann finden, daß sie nichts anderes als die auf die Natur projizierte infantile Reminiszenz der eigenen Geburt darstellen. Indem ich mir die eingehendere Begründung dieser Auffassung an reichem mythisch-kosmologischen Material vorbehalte, wie ich sie seit langem unter dem Titel „Mikrokosmos und Makrokosmos“ geplant habe, kann ich hier nur auf verschiedene eigene Vorstudien aus dem Gebiet der Mythologie verweisen, welche zu zeigen versuchen, daß das mensch- liche Geburtsproblem tatsächlich im Mittelpunkt des mythischen wie des infantilen Interesses steht und den Inhalt der Phantasiebildungen entscheidend bestimmt."
ı) Siehe die Arbeiten: Der Mythus von der Geburt des Helden (1909), Die Lohengrinsage (ıgıı), Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage (1912) (namentlich Kap. IX: Die Weltelternmythe) und schließlich: Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung. Gesammelte Studien aus den Jahren 1911— 1914; 2. veränd. Auflage ıg22 (namentlich die Sintflutsage, Verschlingungsmythen, Tiermärchen usw.)
Die symbolische Anpassung Bevor wir uns den mythischen Verarbeitungen des Geburtstraumas in den großartigen Kompensationsschöpfungen der Heroenbildung zu- wenden, haben wir teils näherliegende; teils menschlich bedeutsamere Tatsachen anzuführen, welche die fundamentale Bedeutung des Geburts- traumas und die unsterbliche Sehnsucht, es zu überwinden, in geradezu ° überwältigender Weise offenbaren. Diese biologischen Tatsachen sind schließlich auch geeignet, uns die zwischen der asozialen neurotischen und der überwertigen heroischen Leistung liegende Anpassung des Nor- malen verständlich zu machen und zu erklären, wieso ihm diese An- passung, die wir Kultur nennen, überhaupt gelingen kann.
Der Zustand des Schlafes, der sich allnächtlich automatisch her- stellt, legt die Auffassung nahe, daß auch der normale Mensch, wie zu erwarten, das Geburtstrauma eigentlich nie ganz überwindet, da er ja die Hälfte seiner Lebenszeit in einem dem intrauterinen fast gleichkommenden Zustand verbringt." In diesen Zustand verfallen wir autoı) Siehe dazu besonders Freud: Vorlesungen (Taschenausg. S. 80) und Fe- renczi: Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Internat. Zschr.f. PsA. 1913- Die neurotische-Schlaflosigkeit scheint regelmäßig auf zu intensiver Ver- drängung dieser biologischen Notwendigkeit auf Kosten libidinöser Strebungen (zur Mutter) zu beruhen (wie der Somnambulismus in allen seinen Formen). Die so.häufige Angst, lebendig begraben zu werden, gehört gleichfalls in diesen Zusammenhang (s. Traumdeutung, 2. Aufl. 1909, $. 199 Fußnote), ebenso wie ihr „perverses“ Gegenstück, die Nekrophilie.
Die symbolische Anpassung 73 matisch, sobald es dunkel wird, also wieder wie beim dunkeln Zimmer der Kinderangst, wenn die äußeren Umstände dem Unbewußten die Identifizierung mit dem Urzustand nahelegen. Daher wird auch das Dunkelwerden im Vorstellungsleben aller Völker in anthropomorpher Angleichung als Rückkehr der Sonne in den Mutterleib (Unterwelt) aufgefaßt. ' Im Schlafzustand, in dem wir selbst täglich in weitgehendem Maße in die Intrauterinsituation zurückkehren, träumen wir und bedienen uns dabei, wie schon die Alten wußten, merkwürdiger Symbole, die von der Psychoanalyse empirisch festgestellt, aber in ihrer Herkunft und allgemein-menschlichen Bedeutung noch nicht ganz verstanden sind. Nun zeigen die analytischen Träume, von deren Verständnis wir in der Heilungssituation ausgegangen sind, daß dieseSymboleim Wunsch- traum letzten Endes regelmäßig den Aufenthalt im Mutterleib darstellen, während im Angsttraum das Geburtstrauma, die Verı) Der Mond mitseinem periodischen Wachsen und Verschwinden scheint sich noch besser zur mythologischen Darstellung der immer wieder aufs neue ersehnten Rückkehr zu eignen, und erscheint in den Mythen nicht nur direkt als schwangeres und gebärendes Weib, sondern auch als das verschwindende und wiederkehrende Kind. Auch gilt die Mondgöttin als Beistand der Geburt (Heb- amme), was mit ihrem Einfluß auf die Menstruation zusammenhängt. Die „Kon- gruenz der weiblichen Menses und der lunaren Phasen, die ja auch noch bei uns im Volksglauben als identisch gelten“, führt Th. W.Danzel dazu, die astrono- misch-kosmische Periodik erst als symbolischen Ausdruck subjektiver Pe- rioden und Rhythmen ins Bewußtsein treten zu lassen und dem Kalender zu- grunde zu legen, der ursprünglich in den Astralländern (China, Babylonien, Ägyp- ten, Mexiko) ein „Buch der guten und bösen Tage“ war (siehe „Mexiko“ Bd. I, S. 28 [Kulturen der Erde, Bd. XT], Darmstadt 1922). „Der 26otägigen Periode des Tonal-anatl, die im mexikanischen Kalender eine besondere Rolle spielt, hat vielleicht außer astronomischen Zeiträumen auch die DauerderSchwanger- schaft zugrunde gelegen“ (Danzel: Mexiko II, S. 25, Darmstadt 1922). Fuhr- mann (Mexiko III) erhebt diese Vermutung zu größerer Sicherheit, indem er das mexikanische Jahr auf die vorgeburtliche Zeit des Menschen und die neue (nicht auf den Sonnenlauf basierte) Zeitrechnung auf dieses Embryo-Jahr zurückführt (S. 21).
74 Das Trauma der Geburt treibung aus dem Paradies, oft mit allen wirklich erlebten körperlichen Sensationen und Detailsreproduziert wird. Die halluzinatorischeWunsch- erfüllung des narzißtischen Traum-Ich, zu deren Verständnis Freud auf den embryonalen Zustand zurückgreift," läßt sich tatsächlich aus völlig unbeeinflußten analytischen Träumen als ein wirkliches Zurück- gehen und Reproduzieren der intrauterinen Situation nachweisen, wie sie ja rein physiologisch durch den Schlafzustand in weitem Ausmaße bereits physisch realisiert ist. Ja, die Traumbildung erweist sich vielfach, zumindest ihrer von Freud postulierten unbewußten Wunscherfül- lungstendenz nach, als eine vollständigere Rückkehr in uterum, als sie durch den bloß physiologischen Schlaf vollzogen scheint.” Der infantile Charakter des Traumes geht also viel weiter zurück und ist viel tiefer fundiert als wir bis jetzt uns anzunehmen getrauten, weil wir mit un- serem Bewußtsein, das zur Wahrnehmung der Außenwelt geschaffen ist, dieses eigentliche tiefste Unbewußte nicht erfassen konnten. Indem ich unter Vorbehalt des zu veröffentlichenden reichen Ana- lysenmaterials hier nur darauf hinweise, daßsich Wunsch- und Angst- traum, die beiden von Freud aufgestellten Haupttypen, der Zurück- führung auf die Ursituation, bzw.ihrer peinlichen Unterbrechung durch ‘das Geburtstrauma,? zwanglos fügen, möchte ich nur noch den dritten Typus Freuds, den Straftraum erwähnen. Wenn sich der — meist ı) Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. 1917.
2) Wir glauben daraus auch besser zu verstehen, warum das Traumleben unter dem Einfluß der analytischen Situation oft in so überraschender Weise zu flo- rieren, ja üppig zu wuchern beginnt.
3) Das Erwachen, besonders aus dem Angsttraum, wiederholt regelmäßig den Geburtsvorgang, das Zurweltkommen; diesder Sinnder sogenannten „Schwel- lensymbolik“ (Silberer), die ja auch mythologisch ganz eindeutig als Geburts- situation erscheint. (SieheRöheim: Die Bedeutung des Überschreitens. Zschr. VI, ıgı10, im Anschluß an die dortselbst vorangehende Arbeit von Frau Sokol- nicka.) Übrigens äußert sich das Geburts-Schwellensymptom auch in den so häufigen Zuckungen der Beine beim Einschlafen.
Die symbolische Anpassung AR im Leben erfolgreiche — Träumer später, wie es den Anschein hat „strafweise“, in eine peinliche Situation zurückversetzt, so ist es, wie Freud angedeutet hat, neben einer „masochistischen“ Tendenz der Verjüngungswunsch, der ihn dazu bewegt, der aber letzten Endes auf die lustvolle Rückkehr in den Mutterleib abzielt. Typischerweise erfolgt dies im sogenannten Prüfungstraum, einem fast allgemeinen Angst- traumerlebnis aller Menschen, der eben bis zur Angstgrenze der bestandenen Prüfung in der Schulzeit zurückgeht. Der vorbewußte Trostgedanke, dem der Prüfungstraum Ausdruck verleiht, daß es näm- lich „damals“ auch gut gegangen sei, bezieht sich regelmäßig zutiefst aut den Geburtsakt, der übrigens auch die Vorstellung des glatten „Durchrut- schens“, bezw. des peinlichen „Durchfallens“ verständlich macht. Was auch hier zu erklären bleibt, ist das intensive Schuldgefühl, das sich an diesen Urwunsch regelmäßig knüpft und offenkundig mit dem Angstaffekt der Geburt so zusammenhängt, daß es seine volle Re- produktion vermeiden soll, wie ja auch das „Steckenbleiben“ bei der Prüfungssituation das weitere Zurückgehen zum Urtrauma selbst ver- hindert.
Das Gegenstück zum Straftraum, der Bequemlichkeitstraum, läßt sich als Versuch zur Wiederherstellung der Intrauterinsituation verstehen, auch wenn er scheinbar von so realen Nöten wie Hunger oder Sekretionsbedürfnis ausgelöst wird. Denn mit der physiologischen Schlafsituation lebt auch die Tendenz zur hemmungslosen Befriedigung aller Körperbedürfnisse in der intrauterinen Form wieder auf (Enuresis, auf sexueller Stufe Pollution, gleichbedeutend mit Inzest, weswegen gerade die offenkundigen Inzestträume so häufig mit Pollution einher- ‚gehen und anderseits der Pollutionstraum fast immer einen unverhüll- ten Inzestwunsch darstellt). Ja selbst auch der „Bequemlichkeits“- Wunsch zu schlafen, den Freud als wesentlich für die Traumbildung überhaupt hervorhebt, entspricht der Rückkehrtendenz in die intrauterine Situation.
76 Das Trauma der Geburt Alle Träume vonkörperlichenSensationen,auch wenn sie durch äußere Reize ausgelöst werden ' — wie die Bequemlichkeitsträume durch innere Reize — gestatten eine zwanglose Rückführung auf die Ursitu- ation. Beispielsweise die Kälteempfindung bei abgerutschter Bettdecke, die vom Unbewußten im Sinne des ersten Verlustes der schützenden Hülle interpretiert und durch traumhafte Zurückziehung in ein Mutter- leibssymbol kompensiert wird. Ähnlich die Hemmungs- resp. Flug- sensation, die nicht selten beim gleichen Träumer abwechseln: erstere häufig bei Menschen mit schwerer Geburt (Hemmung) vom Unbewuß- ten im wunscherfüllenden Sinne des Nichthinauskönnens aus der Mutter verwendet; letztere das heftige Geburtstrauma im Sinne der Storch- fabel zu einem leichten Hinausschweben verwandelnd, im tiefsten Un- bewußten aber den Dauerzustand des wohligen Schwebens in der Ur- situation reproduzierend (siehe die geflügelten Engel, die Seelen der noch Ungeborenen usw.); die entsprechende Angstsituation erscheint in den Fallträumen reproduziert.
Wir bemerken hier, vorläufig zusammenfassend, daß die bis jetzt besprochenen Traumtypen und -sensationen ganz allgemeine Traum- erlebnisse betrafen, deren typischer Charakter sich eben aus dem all- gemein-menschlichen Geburtserlebnis erklärt.” Dies gilt aber auch für die von der Analyse ihrem latenten Inhalt nach als typisch erkannten ı) Auch auf die sogenannten experimentellen Träume fällthierneues Licht. Die applizierten Reize werden im Sinne der erlebten Ursituation interpretiert (Stellung der Gliedmaßen usw.), um so mehr, als sie meist vom Experimentator unbewußt so gewählt werden (Auflegen von Gesichtsmasken, Nasenreize, Fuß- sohlenkitzel usw.).
2) Dies gilt auch für die sogenannten Zahnreizträume, die bereits Jung bei Frauen als Geburtsträume agnoszierte (s. Traumdeutung, 3. Aufl. ıg11, $. 200 Fußnote, sowie das dort von mir mitgeteilte Traumbeispiel). Im Sinne der hier dargelegten Auffassung ist das tertium comparationis der typische leichte Aus- fall des Zahnes, der die Schwere des Traumas (Schmerzen) kompensieren soll. Dieser Grundbedeutung lassen sich dann leicht die bisher gegebenen Deutungen unterordnen (Geburt, Todesbefürchtung, Kastration, Masturbation usw.).
L- ‚rT— Die symbolische Anpassung 77 Träume, von denen ich hier zunächst den sogenannten Geburtstraum anführen möchte. Dieser stellt nach meiner Erfahrung den Wunsch (oder die Ablehnung) eines eigenen Kindes regelmäßig durch Repro- duktion des eigenen Geburtsaktes bzw. der Intrauterinsituation (im Wasser) dar. Der Richtungswechsel, der in der Darstellung der Geburt. (des Herauskommens) durch das Hineinstürzen (ins- Wasser) liegt, er- klärt sich eben als gleichzeitige Darstellung des Traumas (Sturz) und der Rückkehrtendenz, welche es wieder aufzuheben strebt. Diese Nöti- gung, dem zeitlichen und topischen Regressionsanspruch' im mani- festen Traumbild gleichzeitig gerecht zu werden, ist für das Verständ- nis der Träume von ausschlaggebender Bedeutung. Sie erklärt nicht nur die Freudsche Beobachtung, daß die sogenannten „biographischen Träume“ in der Regel von rückwärts nach vorn zu lesen sind (d.h. wunschgemäß mit dem Intrauterinzustand enden), sondern legt es nahe, von der Umkehrungstechnik einen weitausgedehnteren Gebrauch bei der Deutung von Träumen zu machen, wobei der sekundäre Sinn der sogenannten progressiven Tendenzen in ihrem Verhältnis zu den regressiven deutlich greifbar wird. Die Doppelschichtung, die am besten in den Geburtsträumen zu beobachten ist,” äußert sich meist im Auftreten zweier Generationen oder in Wiederholungen von Situationen (z. B. des Geburtsaktes selbst, wie auch im Heldenmythus) und zeigt deutlich, wie die Mutteridentifizierung (aus dem Ödipuskomplex) dazu benützt wird, um gleichzeitig Mutter und Kind darzustellen und zwar letzteres mittels Reproduktion des eigenen Geburtsaktes. Diese Träume sind so der beste Beweis für die urnarzißtische Tendenz des Traumunbewußten und dafür, daß es gar nichts anderes als die Situation darstellen kann, die den Urnarzißmus in der vollkommenı) Siehe Freud: Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. 2) Siehe auch meine frühere Abhandlung: Die Symbolschichtung im Weck- traum. Jahrb. IV, 1912.
78 Das Trauma der Geburt sten Weise befriedigt, ja geradezu verkörpert." Damit bekommt auch die von Jung sogenannte Deutung auf der „Subjektstufe“, mit der so viel anagogischer Mißbrauch getrieben wurde, eine reale Basis, ebenso wie alle angeblich prospektiven Tendenzen, auch des Traumes, als Pro- jektionen der Mutterleibssituation in die Zukunft zu entlarven sind.?
Schließlich sei hier seines allgemeineren Interesses wegen noch eine typische Form des Angsttraumes besprochen, die uns zu zeigen ver- mag, wie alle vom Träumer und vom Traumdeuter dem Traum unter- legten prospektiven Tendenzen die Wirkung der Urverdrängung des Geburtstraumas darstellen. Es sind dies die sogenannten Reiseträume, deren charakteristische Details sich mit Leichtigkeit aus dem Urtrauma verstehen lassen: Nichterreichen des Zuges, Kofferpacken und Nichtı) Es gehört dieser Darstellungsmodus am eigenen Körper, mit eigenem Material einer ganz primitiven Stufe der Entwicklung an, wie sie beispielsweise im hysterischen Anfall wiederhergestellt wird (Ferenczis „Gebärdensprache“) und auf die Freud zuerst aufmerksam gemacht hat, indem er zeigte, wie der Hysterische an sich selbst auch die Aktion des gewünschten Liebespartners (z. B. die Umarmung) darstellt (Allgemeines über den hysterischen Anfall, 1909 und: Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität, 1908). — Man halte dazu die interessanten Beobachtungen von Köhler an den Anthro- poiden, die das Gewünschte dadurch zum Ausdruck bringen, daß sie es durch Andeutung am eigenen Körper vormachen. So deutete eine Schimpansin die Um- armung, die ihr Herr an ihr vornehmen sollte, dadurch an, daß sie sich ihre Arme um den eigenen Körper legte. (Zur Psychologie der Schimpansen. 1911.)
2) Die sogenannten telepathischen Träume lassen sich analytisch leicht als Projektionen der Ursituation in die Zukunft auflösen, wie überhaupt der ganze moderne Okkultismus, der auf der altindischen Wiedergeburtssymbolik ruht, sich restlos aus dem Urtrauma und seiner projektiven Verarbeitung (Astrologie) verstehen läßt. Nehmen doch die Okkultisten beispielsweise richtig an, daß im Traum Erinnerungen an Dinge wiederkehren, die im Vorleben des Träumers von Bedeutung waren; nur daß sie dieses Vorleben weiter zurück projizieren.
Anderseits entspricht die Grundidee der Telepathie einem in die Zukunft pro- jizierten, antizipierten deja vu, etwas schon einmal Erlebtem, was gleichfalls nur auf die vorgeburtliche Existenz bezug haben kann. (Vgl. dazu auch das inter- essante von Dr. Szilägyi unter dem Titel „Der junge Spiritist“ veröffentlichte Material, Zsch. IX/3, 1923. Zitiertnach Abschluß dieser Arbeit.)
Die symbolische Anpassung 79 fertigwerden, Gepäckverlieren usw., was im Traum so peinlich emp- funden wird, ist nur zu verstehen, wenn man die Abreise im Sinne der Trennung von der Mutter auffaßt und das Gepäck (Koffer) als symbolischen Ersatz für den Mutterleib, der ja auch durch alle Arten von Fahrzeugen ersetzt wird (Schiff, Auto, Bahnkoupe, Wagen usw.). Die anscheinende Todessymbolik (Stekel’) ist darin ebenso vorbewußt wie etwaige prospektive Tendenzen (Lebensreise). Das Unbewußte kann die Trennung, die Abreise, ja selbst das Sterben, nur im Sinne der wunscherfüllenden Rückkehr in den Mutterleib auffassen, da es gar keine andere Wunschtendenz kennt und darstellen kann. Die Um- kehrungstendenz, die jede Fortbewegung im Traume doch wieder nur als eine Rückkehr auffassen muß, erklärt eine ganze Reihe sonst unverständlicher Traumsituationen mit einem Schlage”? (siehe vorhin die Umkehrung der Geburtsrichtung) und zeigt wieder, daß gerade die anscheinend höheren psychischen Funktionen (nicht nur im Traume), wie Form, Orientierung, übrigens auch alles Zeitliche,? gerade mit den ı) „Die Sprache des Traumes“, ıgıı, wo im Anschluß an die Traumfor- schungen Freuds eine reiche Sammlung der sogenannten „Todessymbolik“ zusammengestellt ist. — Auch im Kapitel „Mutterleibsträume“ finden sich eine Reihe guter Beobachtungen, die jedoch über das rein Praktische der „Symbol- deutung“ nurmitder Vermutung hinausgehen, daß eine Erinnerungsspur vielleicht das materielle Substrat für den Geburtstraum liefern mag.
2) So erklärt sich die Abneigung so vieler Menschen, gegen die Fahrtrichtung zu sitzen. Es ist dieselbe Urverdrängung, die den mythischen Personen verbietet, aufihrem Wege rückwärts zu blicken (Versteinerung), die das verkehrt zu Pferde Sitzen des verspotteten Helden (Christus!) bewirkt und noch in der Redensart nachklingt: Das Pferd beim Schwanz aufzäumen. — Die entsprechende lustvolle Situation zeigt das kindliche Reisespiel (Kutscher, Eisenbahn usw.), wobei im Sinne der Mutterleibssituation (Wagen, Schiff, Coupe usw.) der vom Erwachsenen als lächerlich empfundene Mangelder Fortbewegung gerade das eigentlich wunscherfüllende Element bildet (Siehe dazu Peer Gynts kindliche „Fahrt“ mit der toten Mutter, an die dann seine Weltreise anschließt).
3) Bei Frauen, die man in der Schwangerschaft — bis knapp zur Entbindung — zanalysieren kann, erweist sich, daß die Zeiten und besonders die Zahlen zurück- gehen aufSchwangerschaftund Geburt (Monate, Jahre, Kinder, Geschwisterusw.), 80 Das Trauma der Geburt allertiefsten unbewußten Wünschen zusammenhängt, nicht nur dasrein Körperliche (Sensationen, Stellung, Lage usw.). Die von Silberer in ihrer Bedeutung gewiß überschätzte „funktionale“ Deutung einzelner Traumelemente, in der wir immer schon einen „Widerstand“ gegen die analytische Deutung vermutet haben, erweist sich hier als unmittel- bare Folge einer Fluchttendenz vor dem eigentlich Verdrängten. Aller- dings folgt diese Tendenz gebahnten psychischen Wegen, die wahr- scheinlich auch in der psychischen Entwicklung des Einzelnen von der Verdrängung des Urtraumas zur Entwicklung der sogenannten höheren Funktionen führt.
Bevor wir uns von der Traumsymbolik zum allgemeinen Verständ- nis der Symbolik überhaupt und ihrer Verwendung im Dienste der Kulturanpassung wenden, möchten wir noch besonders betonen, daß unsere Auffassung von der durchgreifenden Bedeutung des Geburts- traumas ihre stärkste Stütze in der analytischen Traumdeutung findet, deren detaillierte Darstellung ich mir darum für einen größeren Zu- sammenhang aufsparen muß. Hier sei nur hervorgehoben, daß die ein- gangs erwähnten analytischen Erfahrungen uns in den Stand setzen, die in der Analyse sehr frühzeitig entdeckte „Mutterleibsphantasie“, wie sie seit Freud an zahlreichen in der analytischen Literatur mit- geteilten Beispielen gezeigt wurde, real zu fundieren. Da die Konsequenzen dieser Erfahrungen von ungeheurer Tragweite zu sein scheinen, wobei besonders die Geburtstage eine Rolle spielen, auf denen übrigens die meisten Analysen von Zahleneinfällen beruhen. Es darf dabei nicht wunder- nehmen, wenn im Unbewußten weniger die aus unserer Sonnenrechnung stam- mende Neunzahl (der Schwangerschaftsmonate) als die dem „natürlichen Kalen- der“ (siehe Note ı $. 73) entsprechenden Zahlen zu finden sind, ähnlich wie auch in der Mythologie die heiligen Zahlen zwischen Sieben, Neun, Zehn schwanken. So gibt es beispielsweise in Mexiko 9 Unterwelten, in Neuseeland 10 („die unterste Schicht meto oder Verwesungsgestank ist-der Ort, wo der Prozeß der Umwandlung des verwesenden Leichnams in die Gestalt eines Wurmes sich vollendet“. Danzel, Mexiko I, S. 21). In China befinden sich die zehn Höllen- regionen tief im Innern der Erde und heißen „Gefängnisse der Erde“ usw.
Die symbolische Anpassung 81 soll kein Zweifel daran gelassen werden, was damit gemeint ist. Daß es ein Rückphantasieren in den Mutterleib gibt, ist ebensowenig zu bestreiten‘ wie die von Silberer an schönen Beispielen von „Sperma- tozoenträumen“ aufgezeigte Wunschtendenz, noch weiter in der Ent- wicklung, also in den Körper des Vaters zurückzugehen.?” Doch sind dies wie bemerkt Phantasien, die z. T. sogar an gehörte oder gelesene Aufklärungen über die Sexualvorgänge anknüpfen. Aus der Analyse von Kurträumen ergibt sich aber mit zweifelloser Sicherheit, daß in den Träumen vielfach direkte, gänzlich unbewußte Reminiszenzen bzw. Reproduktionen der individuellen Intrauterinstellung oder der Besonderheiten des Geburtsaktes vorliegen, die aus keiner bewußten Erinnerung oder Phantasiebildung stammen können, weil sie nieman- dem bekannt sein konnten. Natürlich verwertet der Traum dann auch nachträglich über die eigene Geburt Gehörtes, oft aber in so charak- teristischer Weise, daß man sich genötigt sieht, dem unbewußten Ein- druck (der oft im wahren Sinne des Wortes ein „Eindruck“ war) des Träumers gegen die bewußte Erinnerung recht zu geben. Daß der Aufenthalt im Leib des Vaters reproduktionsfähig sei, möchte ich nicht behaupten, im Gegenteil scheint es mir, daß es sich bei diesen „Sper- matozoenträumen“, wenn man ihre Analyse unter Berücksichtigung der hier dargelegten Gesichtspunkte fortführt, letzten Endes doch wieder um Mutterleibsträume handelt, die mittels eines später erworbenen bewußten Wissens umgearbeitet sind.° Ja, oft genug erweisen sich die sogenannten „Vaterleibsträume“ insoferne direkt als verkappte Mutterleibsträume, als ja der einzige Weg, um wieder in die Mutter zu komı) Die klassische Darstellung bietet ein 1795 unter einem Pseudonym erschie- nenes Buch „Meine Geschichte eh’ ich gebohren wurde. Eine anständige Posse vom Mann im grauen Rocke“ (Neudrucke literarhistorischer Seltenheiten Nr. 2, Berlin o. J. Ernst Frensdorff).
2) Silberer: „Spermatozoenträume“ und „Zur Frage der Spermatozoen- träume“, Jahrbuch IV, ıgı2.
3) Dies hat bereits Winterstein (Imago I, 1913, $. 219) richtig vermutet.
6 Rack 82 Das Trauma der Geburt men, die Rückkehr zum väterlichen Spermatozoon ist. So entsprechen diese Träume keineswegs Phantasien von der Rückkehr in den „Vater- leib“, die vielmehr nur als Mittel benutzt wird, um sich neuerlich vom Vater zu trennen und so dauernd mit der Mutter zu vereinigen. Denn die Fötalsituation, mindestens in der letzten Zeit der Schwangerschaft, und die Geburtssituation sind dem Individuum als solchem doch unmittelbar gegeben und als solche zweifellos reproduktionsfähig. Wir behaupten also nicht mehr und nicht weniger als die Realität der „Mutterleibsphantasie“, wie sie sich im kindlichen Leben, in den neurotischen Symptomen und in der physiologischen Schlafsituation (Traum) tatsächlich offenbart.
Wenn wir versuchen, die nächste Konsequenz aus dieser Tatsache zu ziehen, so müssen wir darauf gefaßt sein, verschiedenen Einwen- dungen zu begegnen, die uns vor allem gerade die sogenannte Realität, d.h. die Außenwelt entgegenhalten werden, an der ja schließlich doch die Macht des Unbewußten, und wenn wir uns sie auch noch so groß vorstellen, ihre natürliche Grenze finden müsse. Nun wollen wir ge- wiß nicht so weit gehen, die reale Außenwelt zu leugnen, obwohl gerade die großartigsten Denker in der menschlichen Geistesgeschichte, zuletzt noch Schopenhauer in seiner idealistischen Philosophie, sich einer solchen Einstellung stark annähern. Die „Welt als Vorstellung“, d.h. als meine individuelle Vorstellung in meinem Ich, hat eben doch gute psychologische Gründe, deren analytische Aufdeckung die Realität der Außenwelt nicht einschränkt und doch die Macht der „Vorstellung“ erklärt. Wenn wir alles dem Ich als Objekt der Außenwelt Gegen- überstehende in das von Natur aus Gegebene und alles andere vom Menschen Geschaffene teilen, so ergeben sich zwei Gruppen, die wir als Natur und Kultur zusammenfassen können. Von der Kultur läßt sich nun, angefangen von den primitivsten Erfindungen, wie dem Feuer und den Werkzeugen, bis zu den kompliziertesten technischen Leistungen, zeigen, daß sie nicht nur vom Menschen, sondern auch nach Die symbolische Anpassung 83 dem Menschen gebildet sind, ' dessen anthropromorphe Weltanschauung von dieser Seite her erst ihre Berechtigung erhält. Es würde zu weit füh- ren, diese Auffassung, die von der Ur- und Kulturgeschichte in gleicher Weise wie von der Analyse die stärksten Beweise erhalten hat, hier im Detail zu begründen. Wesentlich ist das Verständnis des psycho- logischen Mechanismus, mittels dessen alles „Erfinden“, das eigentlich ein Herausfinden von etwas latent Vorhandenem ist, und somit die gesamte Kulturschöpfung, vor sich geht, die sich in den Mythen als menschliche Weltschöpfung nach dem Muster der eigenen Schöpfung spiegelt.
Das Studium und Verständnis der sogenannten Traumsymbolik setzt uns nun in den Stand, den Akt der Kulturschöpfung bis zu seinem Ur- sprungim tiefstenUnbewußten zurückzuverfolgen. Ausder verwirrenden Fülle des kulturellen Tatsachenmaterials, welches die Menschheit in vieltausendjährigem Fortschreiten immer wieder aufs neue aus der gleichen alten Ursehnsucht produziert, wollen wir hier nur ein einziges, bereits zum Verständnis der infantilen Angst herangezogenes Beispiel besprechen, das uns mitten in unsere Kultursphäre hineinversetzt, gleichzeitigaber den Rückblick auf dieEntwicklungsgeschichte gestattet. Es handelt sich um das Zimmer, den Raum, der für das Unbewußte _ regelmäßig das weibliche Genitale vertritt, wie noch unser Sprach- gebrauch vom „Frauenzimmer“ verrät;* und zwar im letzten Grunde das einzige dem Unbewußten bekannte weibliche Genitale, den mütter- lichen Körper, in dem man sich vor dem Geburtstrauma geschützt und gewärmt aufgehalten hat. Es ist nun nach kulturhistorischen Untersuchungen gar kein Zweifel, daß ebenso wie der Sarg und seine ı) Siehe Ferenczis Hinweis auf die „Psychogenese der Mechanik“ ‚Imago V, 1919) und die dort zitierten Arbeiten von Mach, E. Kapp u.a. Dazu: Die Maschine in der Karikatur, von Ing.H.Wettich (mit260 Bildern), Berlin 1916, sowie: Die Technik im Lichte der Karikatur, von Dr. Anton Klima (mit 139 Bildern), Wien 1913.
2) Siehe Bachofens griechische Parallele dazu („Das Mutterrecht“, S. 53).
6* D 84 Das Trauma der Geburt