SigPhi · Otto Rank

Das Trauma der Geburt und seine Bedeutung fur die Psychoanalyse

German

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Verfasser zu sehr darauf ausgeht, das zu finden, was er sucht und dabei dem Material vielfach Zwang antun muß. Jedenfalls ergibt sich aber, daß das von ihm herangezogene Material der vorbabylonischen Siegel- bilder aus der Zeit um 4.000 v. Chr. stammt, wo uns bereits „die ganze Symbolik der jungsteinzeitlichen Sonnenreligion, die wir aus den nor- dischen Felszeichnungen kennen“, als fertiges Produkt entgegentritt (l. c. S.ı1). Erst wenn man sich um die psychische Genese ebensosehr kümmert wie um die historische Bestimmung, ist man imstande, das ganze Problem derEntwicklung dieser jungsteinzeitlichen Sonnen- religion zu erfassen.

Das astrale Weltbild, das uns hier scheinbar fertig entgegentritt, ist — wie ich an anderer Stelle ausführlich begründen werde — das späte Produkt eines langen psychischen Entwicklungsprozesses der Projektion, auf den im Laufe der folgenden Ausführungen noch einiges Licht fallen wird, Hier genügt es, hervorzuheben, daß auch nach Ansicht Schneiders diese ganze Entwicklung ‚von der Wertung des Feuers ausgehen‘ mag, das auch „als Sonne am Himmel steht‘, wie es „im warmen Menschen- und Tierleib gegenwärtig ist (l. c. S. 4). Liegt hier der mütterliche Ursprung des Sonnenkults auf der Hand, so mag eineein- fache Danebenstellung des „‚Sternenkults“ primitiver Völker, der Cora- Indianer, veranschaulichen, wie auch diese „religiösen“ Vorstellungen tief im Verhältnis des Kindes zur Mutter wurzeln. Der Sternenhimmel wird dort mit der Unterwelt identifiziert, da an beiden Orten Nacht herrscht. So ist er der Ort des Todes. In diesem Zusammenhang gelten die Sterne als die verstorbenen Vorfahren, die durch ihr Eingehen in die Unterwelt zugleich am Nachthimmel auftauchen. Da aber aus der EBEN E an a Er ne rn ee ı) Leipzig 1923 (Mitteilungen der Vorderasiatisch- -Agyptischen Gesellschaft, Die religiöse Sublimierung II Unterwelt alle Vegetation emporwächst, so ist der als Spiegelbild der Unterwelt gedachte Nachthimmel zugleich ein Ort der Fruchtbarkeit." In altmexikanischen Mythen werden die Sterne als Opfer bezeichnet, welche der Sonne beim Untergehen als Nahrung dienen, die ohne diese Speise sich nicht erneuern könnte. Die irdischen Menschenopfer sind, wie Preuß ausführt, großenteils nur Nachahmungen dieses Opfers der Sterngottheiten (l. c. p. XXXV).

Ganz abseits, ja direkt entgegengesetzt dieser antiken Projektion ins Makrokosmische führt der andere große Zweig der altorientalischen Religionsentwicklung, die mystische Versenkungslehre Altindiens, in den menschlichen Mikrokosmos hinein und gelangt dort bis zum tiefsten Punkt der Überwindung des Geburtstraumas in der Seelenwanderungs- lehre. Den ausgesprochen „therapeutischen“ Charakter dieser religiös gefärbten Philosophie und Ethik, der „Yogapraxis“, hat erst kürzlich F. Alexander in einer ausgezeichneten Studie,? auf der Darstellung von Heiler fußend, aufgezeigt und dabei auf die Ähnlichkeit mit dem analytischen Verfahren hingewiesen.* Das Ziel all dieser Übungen ist das Nirwana, das lustvolle Nichts, die Mutterleibssituation, zu der noch Schopenhauers halb metaphysischer Wille einzig zurückzukehren sich sehnt. Der Weg dazu ist, ähnlich dem analytischen, die Versetzung ı) Preuß: Nayarit-Expedition, p. XXVII u. XXX (zit. nach Storch l. c.)

2) Der biologische Sinn psychischer Vorgänge. Eine psychoanalytische Studie über Buddhas Versenkungslehre. Imago IX, ı, 1923. (Kongreßvortrag, Berlin, 3) Die Buddhistische Versenkung. München 1922.

4) Neuere Versuche, wie der von OscarA.H. Schmitz, „Psychoanalyse und Yoga“ zu verbinden, zeugen nur von der unzulänglichen psychologischen Er- Tassung beider Erscheinungen, die einander höchsteris in gewissem Sinne ersetzen « könnten. — Die Tendenz zur Modernisierung alter Formen der Überwindung des Geburtstraumas verrät nur die Unverwüstlichkeit des Regressionsdranges, dessen Quellen übrigens Schmitz an einem Punkte seiner Darstellung, in An- lehnung an psychoanalytische Gedankengänge, nahekommt. (eiyehoanalybe 6 und Yoga. Darmstadt 1923, S. 89.).

8* II6 Das Trauma der Geburt in eine dem Embryonalzustand angenäherte Situation des hindämmern- den Meditierens, dessen Ergebnis, nach Alexander tatsächlich ein weitgehendes Rückerinnern an die Intrauterinsituation ermöglicht. Den kürzlich erschienen Untersuchungen von Hauer" verdanken wir die Zugänglichkeit der altindischen Schilderungen ekstatischer Erlebnisse, die in unzweifelhafter Weise den Sinn all dieser Veranstaltung erkennen lassen. Der Brahmacarin, der geweihte Brahmanen- _ schüler, der sich mit der geheimen Zauberkraft zu erfüllen trachtet, die für den Inder den Urgrund des Seins bedeutet, muß während seiner Einweihung (Upanayana) einen dreitägigen hypnotischen Schlafzu- stand durchmachen. Es heißt von ihm, daß er drei Tage im Mutter- leib des Lehrers ruht: „Der Lehrer, der den Schüler einführt, macht ihn zum Embryo in seinem Innern, Drei Nächte trägt er ihn im Mutterleib. Dann gebiert er den, den zu schauen die Götter kommen“ (Atharvaveda XI, 5; nach Hauer, S. 86). Wahrscheinlich saß der Novize, wie dies Oldenburg für die sog. Diksa (Opferweihe) festgestellt hat, drei Tage lang mit geballten Fäusten und nach oben gebogenen Beinen in Embryostellung, mit allerlei Hüllen (amnion) umgeben, in einer Hütte (Hauer S. 98): „Die Priester machen den wieder zum. Em- bryo, an dem sie die Diksa vollziehen...Die Diksitahütte ist für den Diksita der Mutterleib: so lassen sie ihn in seinen Mutterleib ein- gehen,,.. sie umhüllen ihn mit dem Gewande. Das Gewand ist für den Diksita das Amnion; so umhüllen sie ihn mit dem Amnion. Man legt darüber ein schwarzes Antilopenfell, außerhalb vom Amnion ist das Chorion: so umhüllen sie ihn mit dem Chorion. Er ballt die Fäuste. Mit geballten Fäusten liegt der Embryo darinnen; mit geballten Fäusten wird der Knabe geboren...das schwarze Antilopenfell ablegend, steigt er zum Avabhrthabad hinab: deshalb werden die Embryonen vom Chorion gelöst geboren. Mit seinem Gewand steigt er hinab, deshalb a DT 1) Die Anfänge der Yogapraxis. Eine ee, über die Wurzeln der indischen Mystik. 1922.

Die religiöse Sublimierung 117 wird der Knabe mit dem Amnion geboren“." Deutlich wird im Rig- veda eine Stellung beschrieben, uttana, die sich bis auf die heutige Yogapraxis erhalten hat und die, wie Storch (l. c. S. 78) bemerkt, „ganz gewissen Embryostellungen gleicht, wie wir sie als Haltungs- stereotypie katatoner Kranken nicht selten sehen.“ An anderen Stellen des Rigveda ist von rollenden Kopf- und Augenbewegungen, von Schaukelbewegungen, Zittern und Schwanken die Rede, wassich wieder auf das Geburtstrauma zu beziehen scheint.

Wir haben hier das primitive Urphänomen der lustvoll-schützenden Situation vor uns, aus dem dann später durch Trennung von der Mutter und Übertragung auf den Vater die Gestalt des allmächtigen und all- gütigen, aber auch strafenden Gottes als religiöse Sublimierung auf dem Wege der Projektionsschöpfung hervorgeht. Wie Rudolf Otto? meint, stehen am Ursprung aller Religionsgeschichte, vor der Ausbildung be- stimmt umrissener Dämonen- und Göttergestalten, gewisse „numinöse Urgefühle“, Gefühle des Erschauerns vor dem Unheimlichen, des Stau- nens vor dem Unbegreiflichen, die sich beim Primitiven zunächst als „dä- monische Scheu“ manifestieren.3? Wir wissen nun durch Freuds Auf- klärungen, * daß die Dämonen sich ursprünglich auf die Furcht vor den Toten beziehen, d. h. dem nach außen projizierten Schuldgefühl ent- sprechen, während sich anderseits die unbestimmte Angst selbst — wie beim Kinde — als Fortwirkung des Urtraumas erklärt. Aus der indi- viduellen Entwicklung ist es verständlich, daß sich dann die Urangst unmittelbar an den die Ursituation repräsentierenden Toten wieder anı) Oldenburg: Religion des Veda, 2. Aufl. S. 405. 2) Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. ı1. Aufl. Stuttgart 1923.

3) Die positive Seite dieses religiösen Urgefühls, das „mystische Kraftkonti- nuum“, wie es unter den Namen des Orenda, Wakondo, Mana als in und zwi- schen allen Menschen und Dinge wirksam gedacht wird, hat bereits Lorenz ll. c.$. 58ff.) als Projektion der Mutter-Kind-Beziehung aufgefaßt.

118 Das Trauma der Geburt knüpft. Der Weg vom Dämonen- zum Götterglauben ist mythologisch und folkloristisch gut erforscht; das psychologische Agens der ganzen Entwicklung liegt aber im allmählichen Ersatz der angstbesetzten Mutter (Dämonen) durch die an die „sublimierte“ Angst, das Schuldgefühl, appellierende Vatergestalt. Dieser Prozeß der religiösen Entwicklung geht absolut parallel dem der sozialen, wie wir sie (S. 86—90) geschildert haben. Auch hier anfangs der Kult der großen asiatischen Muttergott- heit, „bald als die wilde Göttin der wollüstigen Liebe und des üppigen Naturlebens“ genommen, „bald als reine Himmelskönigin, als die jung- fräuliche Göttin“,* die in der Eva und Maria wiederkehren und sich in der Charis des Irenäus, der Helena des Simon Magnus, der Sophia u.a. fortsetzen. „Es ist großartig,“ bemerktein neuerer Untersucherder „Gnostischen Mysterien“,?

„welche Biegsamkeit der Glaube an die Mutter- göttin beweist; in ihm konnte schlechterdings alles Heimatrecht finden, was religiös in irgendeinem Sinne war, vom Orgiasmus bis zum Kunst- und Schönheitswillen, von den Mysterien der ovvovoia bis zur Astro- logie und bis zum Licht von Bethlehem. Die Muttergöttin konnte Weltseele, Weltgeist, Weltentwicklung, Weltlust, Weltleid, Welt- erlösung, Weltlicht, Weltsame, Weltsünde — und alles dessen eine Ab- strahlung in allen Stufenreihen der Wesen bis zum Gemüse — sie konnte Lachen und Weinen, Geist und Leib, Göttin und Teufelin, Himmel, Erde und Hölle, sie konnte alles sein!“ Die späteren Vorstellungen religiöser und philosophischer Art von einer Schöpfung der _ Welt durch den männlichen Gott gehen, wie bereits Winterstein erkannte, nur auf eine Verleugnung der Urmutter hinaus’, ganz wie die RE EEE ENTER _ ı) Siehe Bousset in Realenzyklopädie von Pauly-Wissowa-Kroll, VII, ı513ff. 2) Ein Beitrag zur Geschichte des christlichen Gottesdienstes von Dr. Leon- hard Fendt. München 1922, S. 41.

:3) Noch in der christlichen Religion wird Gott daher mit einer Gebärmutter versehen. Bei Petavius, de Trinitate lib. V, c.7,$ 4 heißt es: „Ebenso sagt die Schrift, daß der Sohn aus der Gebärmutter vom Vater erzeugt sei: denn obgleich in Gott keine Gebärmutter, überhaupt nichts Körperliches ist, so ist doch in ihm .

Die religiöse Sublimierung 119 biblische Menschenschöpfung. Dementsprechend finden wir die ketze- rischen Sekten sowohl des jüdischen wie des christlichen Glaubens charakterisiert durch eine sexuell betonte Rückkehr zur Muttergöttin. Diese revolutionären Bewegungen innerhalb der Religion erfolgen also auch vollkommen in der gleichen Weise wie bei den sozialen Be- wegungen, nämlich als Regressionen zur Mutter.

wahre Erzeugung, wahre Geburt, die eben mit dem Worte ‚Gebärmutter‘ an- gezeigt wird“ (zit. nach Wintersteinl. c. S. 194).

Weiteres hierhergehörige überaus interessante Material bei Wolfgang Schultz: Dokumente der Gnosis, Jena 1910.

Ich kann es mir hier nicht versagen, aus dem prachtvollen „Buch von der Schöpfung des Kindes“, wie es in den „Kleinen Midraschim“ überliefert ist, den Hauptgedankengang und einige Sätze anzuführen. Das „Buch“ beginnt mit dem Beischlaf der Eltern und den ersten Schicksalen des „Tropfens“, der von einem Engel beschützt wird. Nachdem „der Geist“ in den Tropfen gebracht ist, führt ihn der Engel des Morgens in „das Paradies“ und des Abends in „die Hölle“ und zeigt ihm dann den Ort, wo er auf Erden wohnen, und den Ort, wo erbegraben sein wird. „Der Engel führt ihn aber immer wieder in den Leib seiner Mutter zu- rück, und der Heilige, gelobt sei er, macht ihm Türe und Riegel. Und der Heilige, gelobt sei er, sagt zu ihm: Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter. Und es liegt das Kind in dem Schoße seiner Mutter neun Monate. — Die ersten drei Monate wohnt es in der untersten Kammer, die drei mittleren in der mittleren Kammer und die drei letzten in der obersten Kammer. Und es ißt von allem, wovon seine Mutter ißt, und es trinkt von allem, wovon seine Mutter trinkt, und führt keinen Kot ab; denn sonst würde seine Mutter sterben. — Und sobald jene Zeit gekommen ist, daß es hinausgehe, kommt jener Engel und sagt zu ihm: Gehe hinaus; denn die Zeit ist gekommen, daß du hinausgehest in die Welt. Und der Geist des Kindes antwortet: Ich habe bereits vor demjenigen, der da sprach, und die Welt ward, gesagt, daß ich es mir genügen lasse an der Welt, in der ich gewohnt habe. Und der Engel antwortet ihm: Die Welt, in die ich dich bringe, ist schön. Und ferner: Wider deinen Willen bist du im Leibe deiner Mutter gebildet worden und wider deinen Willen wirst du ge- boren, um hinauszugehen in die Welt. Sofort weint das Kind. Und weshalb weint es? Wegen jener Welt, in der es war, und die es jetzt verläßt. Und wie es hinausgeht, schlägt es der Engel unter seine Nase und verlöscht das Licht über seinem Haupte. Er bringt es gegen seinen Willen hinaus, und es vergißt alles, was es gesehen hat. Und wie es hinauskommt, weint es.“ ar E: = Bir: 120 Das Trauma der Geburt So erscheint der bekannte Spermakult im gnostischen Abendmahl der Sekte der Phibioniten (etwa 200—300 n. Chr.) verbunden mit dem Dienst der asiatisch-ägyptischen Muttergöttin: Mami bei den Sume- rern, Ischtar in Babylon, Magna Mater, Kybele, Ma, Ammas in Klein- asien, Große Mutter in Karthago, Isis in Ägypten, Demeter bei den Griechen, Astarte bei den Syrern, Anahita bei den Persern, Alilat bei den Nabatäern, Kwannyin im indischen, Kwannon im japanischen Buddhismus und die „Ur-Mutter“ des chinesischen Ta’oismus. Die Phibioniten-Mahle, diese religio libidinum, die ‚trotz allem echten Heidentum in ihnen, immer wieder wie alte schwerverständliche Kom- mentare zum christlichen Abendmahl und seinem Abkömmling, der Messe, anmuten“,* bestehen ihrem Wesen nach, wie Fendt richtig er- kannte (]. c. 4), nicht in der geschlechtlichen Vermischung, die ihnen so sehr zum Vorwurf gemacht wurde,? sondern im Genuß (Verzehren) der Sexualexkrete. „Es nehmen das Weib und der Mann das männliche Sperma in ihre Hände...Und so essen sie es und kommunizieren ihre eigene Schande und sprechen: Das ist der Leib des Christus...Ebenso aber (machen sie es) mit dem vom Weibe, wenn das Weib die Blutperiode hat...und sie essen es ebenso gemeinsam. Und sie spre- chen: Das ist das Blut des Christus.“? Folgerichtig sieht Fendt (l. c. 5) in der dritten Feier, die sie „das vollkommene Pascha“ nennen, die Ergänzung und Erklärung der beiden anderen in dem Sinne, daß der Sexualakt nur dazu verwendet wird, um den Samen, dieses Mittel 2) Besonders die inzestuösen Orgien, die ja zum asiatischen Mutterkult ge- nau so gehören (siehe Rank: Inzestmotiv, 1912) wie zur Satans-Messe, in der das Weib wieder angebetet wird (vgl. Löwenstein: Zur Psychologie der Schwar- zen Messen. Imago IX/ı, 1923).

Den Phibioniten wirft Minucius Felix (nach 200) vor: „post multas epulas, ubi convivium caluit et incestae libidinis ebriatis fervor exarsit“ (Fendtl. c. ı2).

3) Eine ähnliche Gleichsetzung der Großen Mutter mit Christus als dem Logos s. bei Fendt, S. 80.

Die religiöse Sublimierung 12I des Archons der Begierde, zu vertilgen. „Ist nämlich trotz allem ein Kind erzeugt worden, so wird die heilige Speise des dritten Mahles dies Kind sein! Aus jeder so zufällig Mutter gewordenen Frau wird der Embryo herausoperiert, zerhackt, mit Honig, Pfeffer, Öl und Wohl- gerüchen präpariert, und jeder ißt mit dem Finger davon. Und danach beten sie zur Danksagung die Formel: ‚Der Archon der Begierde ver- mochte uns nicht zu narren, nein, wir haben die Sünde des Bruders aufgelesen.‘ — Nun kennen wir“, setzt Fendt ($. 5) erläuternd hinzu, „eine Bekämpfung der Archonten in der Form der Auflösung des Ge- botes, die der alexandrinische Klemens von den Antitakten und Niko- laiten aussagt: was der Vatergott schuf, war alles gut; aber ein Unter- gott mischte das Böse darein; von diesem Untergotte stammen die Gebote...der Archon der Begierde will, daß Kinder erzeugt werden — darum wird alles getan, um die Kindererzeugung zu verhindern.“ Wir haben diesen Kult und seine Kommentare ausführlich wieder- gegeben, weil darin der ganze Mechanismus der religiösen Sublimie- rung, also der eigentlichen Religionsbildung unverhüllt zutage tritt. Der böse Untergott, der die Kinder zur Welt bringen, sie also das Ge- burtstrauma immer wieder erleiden lassen will, ist die Mutter und die ganze (inzestuöse) Unzucht der Gnostiker läuft darauf hinaus, wieder in den Mutterleib einzudringen, wobei jedoch die Erneuerung des Ge- burtstraumas ausgeschlossen werden soll: daher wird der Same vom Mund aus einverleibt (gegessen). Ist dennoch Konzeption erfolgt, so wird der Embryo herausgeschnitten, um das Trauma zu verhindern und wieder nur durch den Mund einverleibt. „Man begreift“, sagt Fendt, „die Weltentwicklung ist ein ungeheurer Fehlschlag, die Er- lösung kommt nur durch Zurücknahme des im All Wirksamen.“ ' ı) Auch der Brahmanenschüler, der Samenverlust erlitten hat, betet: „Zu mir kehre zurück die Sinnenkraft, Leben und Segen, zu mir kehre Brahmanen- schaft, zu mir Besitz. Der Samen, der mir heute zur Erde entglitten ist, der zu den Kräutern, zu den Wassern entflohen ist, den nehme ich wieder in mich auf, zu langem Leben und Glanz“ (Oldenburg, 1. c. 450). Vom Yogin heißt 122 Das Trauma der Geburt Der Vatergott ist an Stelle der angst-lustbesetzten Urmutter ge- setzt worden, um ganz im Sinne des Freudschen „Totemismus“ die soziale Organisation zu schaffen und zu gewährleisten. Jeder Rückfall in die Mutterverehrung, der sich nur sexuell auswirken kann, gilt darum als antisozial und wird mit allen Schrecken des sog. religiösen Fanatismus verfolgt,‘ der aber letzten Endes, wie auch die soziale Re- volution, auf Erhaltung und Verstärkung der väterlichen Macht zum Schutz der sozialen Gemeinschaft hinausläuft. Deswegen folgt auf alle Zeiten solcher Rückfallsbewegungen eine verstärkte puritanische Reak- tion, wie auch in der Geschichte des jüdischen Glaubens. Die bekann- teste Bewegung dieser Art ist die pseudomessianische Zeit der „Schab- batianer“, vor etwa 300 Jahren, deren Urheber Schabbatai Z’wi ein spaniolischer Jude aus Smyrna war.? Ähnlich wie die Gnostiker prokla- mierte auch er eine Auflösung des Gebotes und seine Anhänger ent- fernten sich denn auch — besonders nach seinem Tode — vollständig von den sittenstrengen Satzungen des Judentums. Ihre Besonderheit bestand darin, daß ihnen die Frau als Gottheit galt und verbotene Formen des Geschlechtslebens, besonders inzestuöse, als Gottesdienst. „In Höhlen in der Nähe Salonikis veranstalteten sie zu religiösen Zwecken wildeste Orgien. Am Eingange des Sabbaths stellten sie eine nackte Jungfrau in die Mitte und tanzten, gleichfalls nackt, um sie herum, Die Stelle der Gebete nahmen Orgien ein. Ähnliche Gebräuche haben sich bald beinahe durch alle jüdischen Gemeinden der Welt verbreitet...Natüres: er zwinge durch Übung den Tropfen, der in den Schoß der Frau fahren will,umzukehren. Wenn aber der eigene Tropfen schon gefallen ist, zwinge erihn umzukehren und behalte ihn. Der Yogin, der so den Trop- fen bewahrt, wird den Tod besiegen. Denn wie der gefallene Tropfen den Tod bedeutet, ebenso bedeutet das Zurückgehaltene das Leben.“ (Schmidt: Fakire und Fakirtum. 1908.)

ı) Siehe zu diesem Thema Reik: Der eigene und der fremde Gott. Zur Psychoanalyse der religiösen Entwicklung. ı 923.

2) Nach M. D. Georg Langer: Die Erotik der Kabbala, Prag 1923.

Die religiöse Sublimierung 123 lich wurden sie durch die Rabbiner aufs schärfste verfolgt...Trotz- dem gelang es ihnen doch zweihundert Jahre lang nicht, die Sekte aus- zurotten. In der Türkei gibt es Überreste bis zum heutigen Tage.“ (Langer, 1. c. S. 39). Die unmittelbare Reaktion, welche dann allerdings nach Langers schöner Erklärung nicht nur zur asketischen Aus- schaltung des Weibes, sondern zur Verstärkung der (sozial wirkenden) homosexuellen Bindung führte," ist an den Namen des berühmten Rabbi Israel ben Elieser, Baal Schem Tow (1700—1ı760) und des von ihm geschaffenen Chassidismus geknüpft. Langer kommt zu dem Schluß: „Die ganze innere Geschichte des ewigen Volkes erscheint also eigentlich wie eine Kette mehr oder minder bewußter Kämpfe der beiden Richtungen. Der Kampf wurde gewöhnlich mit einem Kom- promiß abgeschlossen, welches in der prähistorischen Zeit neue Ge- setze und neue Symbole zu den schon bestehenden hinzufügte. Dabei greift der von Freud so genannte Ödipus-Komplex und der Todes- gedanke mächtig ein und so ist die gesamte jüdische Gesetzgebung eigentlich vom Eros präformiert, ehe sie durch die Offenbarung die goR: liche Sanktion erhält“ (l. c. 93).

An diese ausgezeichnete Formulierung möchten wir eine methodo- logische Bemerkung knüpfen, die auch auf die psychoanalytische Reli- gionsforschung Bezug hat. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir es in diesen mütterlichen Sekten und Kulten mit Rückfallserscheinungen im Sinne einer „Wiederkehr des Verdrängten“ zu tun haben. Man muß sich aber hier ebenso wie auf biologischem Gebiete vor dem vorzeitigen Hineintragen des phylogenetischen Gesichtspunktes hüten, auch durch- aus ein historisches Substrat finden oder rekonstruieren zu wollen, wo jedenfalls ein psychologisches Substrat, dieses aber sicher im Unbewuß- ten, vorliegt. So greifen die modernen jüdischen Sektierer scheinbar auf ı) Deuteronomium (13, 7) spricht von dem „Freunde, der dir wie deine Seele ist“ gleich neben der „Frau deines Schoßes“ als von etwas durchaus allgemein Bekanntem (Langer $. gı).

124 Das Trauma der Geburt die asiatischen Mutterkulte zurück, während sie natürlich gar nichts davon zu wissen brauchen, sondern die gleichen Reaktionen aus ihrem individuell erlebten Unbewußten produzieren können. Aber auch wo eine direkte Übernahme möglich oder sogar wahrscheinlich ist, wie beim „goldenen Kalb“ der Juden,* welches „das Neugeborene“ als Sohn- Gott darzustellen scheint, ist der psychologische Tatbestand bedeutsamer und interessanter als der immer nur mechanische der „Überlieferung“. Wenn wir anderseits in der Überlieferung der Vaterreligionen selbst Bruchstücke der verdrängten mütterlichen Vorstufen zu erkennen und zu rekonstruieren vermögen, werden wir daran festzuhalten haben, daß es sich eben nur um Vorstufen der Religionsbildung im eigent- lichen Sinne des Wortes handelt, die wir mit Freud? als Endresultat der Urkämpfe für um und gegen die Mutter und als Sieg der sozialen Vatermacht anerkennen müssen.

Unter diesem Gesichtspunkt können wir, neben der von Freud ge- schilderten sozialen Entwicklung der „Brüderhorde“ zur Gemeinschaft, auch deren religiöse Entwicklung ein Stück weiter verfolgen, und zwar in Übereinstimmung mit unserer Annahme von der sozialen Entwick- lung (König-infans), als Übergang des MutterkultuszurVaterreligion über die Sohn-Gottschaft, die im Christentum ihren reinsten Ausdruck gefunden hat. Vielleicht beruht die welthistorische Bedeutung des Chri- stentums überhaupt darauf, daß sie es zum erstenmale gewagt hat, den Sohn-Gott in den Mittelpunkt zu stellen, ohne gleichzeitig die ursprüng- lichen Rechte der Mutter und die sekundären des Vaters anzutasten. Dem entspricht auch die hohe Bewertung des Kindes durch Christus in den Evangelientexten. Christus selbst ist immer infant geblieben, wie ihn auch die Bildwerke — selbst noch als Toten — darstellen (Pieto).

1) „Götzendienst“ scheint schlechtweg Dienst der Muttergottheit zu bedeu- ten. Vgl. den Dienst des Baal (kanaanäisch: EI), dem bei den Phönikern und anderen Völkern kleine Kinder in den glühenden Rachen geworfen wurden.

2) Totem und Tabu, 1912. | Die religiöse Sublimierung 125 In den antiken Mysterien wurde jeder einzelne Myste selbst unmittelbar zum Gott. Die Bekenntnisformel: „Ich habe gefastet, ich habe den Kikeon (Mischtrank) getrunken, ich habe es aus der Kiste . genommen, und nachdem ich gearbeitet hatte, habe ich es in den Korb gelegt und aus dem Korb in die Kiste‘, zeigt, daß es sich dabei um eine Rückkehr (und Wiederkehr) in den Mutterleib handelt, als welcher die cysta mystica jetzt auch schon von den Archäologen aufgefaßt wird. „Indem der Myste aus der heiligen xı077) die Nachbildung eines Mutter- schoßes nahm und über seinen Leib gleiten ließ, empfing er die Gewiß- heit, aus dem Schoß der Erdmutter wiedergeboren, ihr leibliches Kind geworden zu sein.‘'* So erklären sich auch die noch dunkleren Andeu- tungen, in denen manche christlichen Schriftsteller vom Geheimnis der eleusinischen Mysterien sprachen: „Ist dort nicht der finstere Niedersteig und das feierliche Zusammensein des Hierophanten und der Priesterin, zwischen ihm und ihr allein, und hält nicht eine un- zählbare Menge für ihr Heil, was in der Finsternis von den beiden voll- zogen wird!“‘” Daß es sich nicht um den bloßen Koitus, auch nicht den „sakralen“ handelt, dessen ja die „unzählbare Menge“ auch teil- haftig werden kann, sondern um die Vereinigung mit der Mutter, be- weist nicht nur das Symbol der cysta mystica, sondern noch eindeutiger der realistische phrygische Mysterienkult, in dem der Myste in ein Grab hinabsteigt, „wo ihn das Blut eines geschlachteten Stieres über- rieselt. Nach der Wiedergeburt empfängt er Milchnahrung, da der Gott in ihm oder er in dem Gott noch ein Kind ist, dann steigt er empor und wird von der Gemeinde als Gott verehrt“. * Auch die indische.

2) De Jong: Das antike Mysterienwesen, 1909, S. 22.

3) Reitzenstein: Hellenistische Mysterienkulte. 2. Aufl. 1920,$.32. In einem hermetischen Wiedergeburtsmysterium ruft der Myste aus: „Ich bin im Himmel, ich bin in der Erde, im Wasser bin ich, bin in der Luft, ich bin in den Tieren, in den Pflanzen, im Mutterleib, von Mutterleib, nach Mutterleib, bin überall“ (ebenda S.2gu. 35). — Man vgl. auch die Mysterien des persischen 126 Das Trauma der Geburt Yogapraxis ermöglicht es jedem einzelnen durch mystische Ver- senkung selbst zum Gott zu werden, daß heißt durch Eingehen in den Mutterleib, durch Rückverwandlung in den Embryo, der göttlicher Allmacht teilhaftig ist (siehe Ferenczi: Entwicklungsstufen). Erweist sich so dasinfans — letzten Endes das Ungeborene — als Gott, ganz wie sein Statthalter auf Erden, sei es nun der König oder der noch stärkeren Einschränkungen unterworfene Papst, so wird gefolgert: jeder war einmal selbst „„Gott‘‘ und kann es wieder werden, wenn bzw. so weit er sich wieder in den Urzustand zurückversetzen kann und deswegen ist jeder so leicht imstande, sich mit dem späteren „einen und einzigen Gott“ zu identifizieren.” Wie aber nicht alle in die Mutter zurück können, so können nicht alle König oder Gott sein. Daher sind die aus einer Viel- heit Auserwählten, die Priester, ursprünglich Kastrierte, d. h. sie müssen auf diesesVorrecht des Eindringens in die Mutter verzichten, schließlich zugunsten eines einzigen und zwar des Jüngsten, der sich wirklich an die Stelle des Vaters zu setzen vermag und mittels derreligiösen Subli- mierung die lustvollste Handlung, mit der ihn allerdings die Menge zu strafen glaubt, in ein freiwilliges Opfer für die anderen umzuwan- deln.* So rettet er aber die soziale Gemeinschaft vor dem Zerfall. Die Mutter wird dabei teils zur Himmelskönigin erhöht, teils als das böse verlockende Urprinzip alles Gebärens zur religiös-ethischen Ausgestaltung des antiken Unterweltsbegriffs verwendet, der aus der Himmels- mythologie (Jenseits) stammend, über die in der Johannes-Apokalypse Mithras und dessen Stieropfer. (Cumont: Mithras; Dieterich: EineMithras- liturgie).

ı) Siehe die gleiche Auffassung im „Mythus von der Geburt des Helden“, daß jeder einzelne ein „Held“ und die Geburt die eigentliche Leistung sei. — Wenn beispielsweise eine Schizophrene (Storch S. 60) sich mit Christus iden- tifiziert, da auch sie in einem Stall zur Welt gekommen sei, so hat sie vollkom- men recht: denn auch sie ist auf natürlichem Wege geboren und will das u burtstrauma verleugnen.

' 2) So scheint Mahomet in seinen epileptischen Zuständen (Aura?) das isla- mische Paradies mit seinen Wonnen (Huris) konzipiert zu haben.

Ei Die religiöse Sublimierung 127 vorbereitete religiöse Sublimierung bis zum andern Extrem der mittel- alterlichen Höllenvorstellung führt.

Diese offenbart sich in ihren krassen körperlichen Details als das angstbesetzte Gegenstück zur intrauterinen Paradies- und Himmels- phantasie. Insbesondere die Höllenstrafen, die den griechischen Un- terweltstrafen entsprechen, stellen bis ins einzelne gehende Reproduk- ‚tionen der Intrauterin-Situation dar (Fesseln, Hitze usw.), und es kann