SigPhi · Otto Rank

Der Mythus von der Geburt des Helden

German

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(Die gleiche Betonung des Tiermotivs findet man in der Sage von Schalü, dem indischen Wolfskind; vgl. Jülg: Mon- golische Märchen, Innsbruck 1868.)

Von späteren Heldenepen seien noch angeführt: aus dem XIII, Jahrhundert die Sage von Horn, dem Sohne Alufs, der aufs Meer ausgesetzt, schließlich an den Hof des Königs Hunlaf kommt und nach vielen Abenteuern dessen Tochter Rimhilt zum Weibe gewinnt.

Ferner ein an Siegfried erinnerndes Detail aus der Sage von Wieland, dem Schmied, der nach Rächung seines auf hinter- listige Weise getöteten Vaters mit den Schätzen und Werkzeugen seiner Lehrmeister beladen in einen Baumstamm künstlich eingeschlossen die Weser hinabtreibt. (Hagen, Schwanen- Endlich enthält auch die Arthursage die Verwandlung des göttlichen und menschlichen Vaters, die Aussetzung und das Auf- wachsen bei einem niederen Manne.

Tristan.

Dem Schema dieser Erzählungen reiht sich die Tristan- sage an, wie sie im Epos Gottfrieds von Straßburg er- Verleumder den Antrag, die Gräfin mit ihrem Kind im Wasser zu ersäufen. — Zur literarhistorischen Orientierung vgl. man J. Zacher: Die Historie von der Pfalzgräfin Genovefa, Königsberg 1860, und B. Seuffert: Die Legende von der Pfalzgräfin Genovefa,. Würzburg 1877. — Verwandte Überlieferungen von der Untreue beschuldigten und zur Strafe ausgesetzten Frauen sind im XI. Kapitel meiner Untersuchung „Das Inzestmotiv in Diehtung und Sage” behandelt.

a ma mn m a nn Em I LE —— mm nn om dr gr nn un nn in TRISTAN. 1 zählt wird. Vor allem die Vorgeschichte, die dann in den Schicksalen des Helden selbst wiederkehrt (Doublierung) Riwalin, König im Parmenierlande, hatte bei einem Zuge zu Marke, dem König von Kurnewal und England, dessen schöne Schwester Blancheflure kennen gelernt und war zu ihr in hefticer Liebe entbrannt. Als Riwalin einst in einem Feldzuge Marke unterstützte, wurde er, auf den Tod verwundet, nach Tintajole gebracht. Blancheflure eilte, als Bettlerin ver- kleidet, an sein Krankenlager und es gelang ihrer auf- opfernden Liebe, den König zu retten. Sie entfloh mit dem Geliebten in dessen Heimatland (Hindernisse) und wurde dort als seine Gattin ausgerufen. Allein Morgan über- fiel Riwalins Land um Blancheflures willen, die der König da sie ein Kind von ihm unter dem Herzen trug, seinem‘ treuen Marschall Rual anvertraute, der die Königin auf Kastell Kanoel in Sicherheit brachte. Dort gebar sie ster- bend ein Söhnlein, während ihr Gatte im Kampf gegen Morgan fiel. Rual verbreitete nun, um den Sprößling vor Morgans Nachstellungen zu schützen, das Gerücht, das Kind sei tot zur Welt gekommen, und legte dem Knaben den Namen Tristan bei, weil er in Trauer empfangen und in Trauer geboren sei. Unter der Obhut seiner Pflege- eltern wuchs Tristan heran, geistig und körperlich gleich gut erzogen, bis ihn im 14. Lebensjahre norwegische Kauf- leute entführten und aus Furcht vor dem Zorn der Götter in Kurnewal ans Land setzten. Dort fanden ihn Mannen des Königs Marke, dem der schöne, tapfere Jüngling so gut gefiel, daB er ihn bald zu seinem Jägermeister ernannte (Karriere) und sich seiner in voller Zuneigung annahm. Unter- dessen war der treue Rual aufgebrochen, um den geraubten Pflegling zu suchen, den er schließlich, bettelnd durch die Marken ziehend, in Kurnewal fand und König Marke über Tristans Abstammung aufklärte Der Herrscher, sehr erfreut, den Sohn seiner geliebten Schwester vor sich zu sehen, ernannte ihn zum Ritter. Um den Vater zu rächen, zog nun Tristan mit Rual nach Parmenien, stürzte den Usur- pator Morgan und gab das Land Rual als Lehen, selbst zum mE!

il rn nn 12 TRISTAN.

Oheim Marke zurückkehrend (nach Chop: Erläuterungen zu Wagners Tristan, Reclam-Bibl.).

Es folgt nun in der eigentlichen Tristansage eine Wieder- holung der Hauptmotive. Im Dienste Markes tötet Tristan den Morold, den Bräutigam der Isolde, und wird, auf den Tod verwundet, von Isolde gerettet. Er wirbt um sie, aller- dings für Marke, seinen Oheim, erfüllt die Bedingung der Drachentötung und sie folgt ihm, wenn auch widerwillig, zu Schiff nach Kurnewal. Unterwegs trinken sie unwissentlich den unheilbringenden Liebestrank, der sie in rasender Leiden- schaft aneinander bindet. Sie begehen Treubruch an Marke und in der Hochzeitsnacht gibt Isoldens treue Dienerin Brangäne ihre Jungfräulichkeit an Stelle ihrer Herrin dem ‘König Marke preis. Es folet schließlich die Verbannung Tristans, seine verschiedenen Versuche, die Geliebte wieder- zusehen, trotzdem er inzwischen die ihr ähnliche Isolde Weiß- hand geheiratet hatte, endlich seine neuerliche Verwundung auf den Tod, zu deren Heilung Isolde zu spät kommt!).

Eine deutlichere Darstellung der Tristansace, im Sinne der den Mythus von der Geburt des Helden charakterisierenden Motive, findet sich in dem Märchen „Die rechte Braut”, das in der Ritters- hausschen Märchensammlung (XXVIL, p. 113) angeführt ist. Ein Königspaar hat keine Kinder. Da der König seine Frau zu töten droht, wenn sie bis zur Rückkehr von seiner Meerfahrt kein Kind habe, wird sie ihm von seiner besorgten Dienerin auf seiner Fahrt, ohne daß er sie kennt (vgl. die Brautunterschiebung Bran- gänes) als schönste von drei lustwandelnden Frauen zugeführt und er nimmt sie ins Zelt. Sie kehrt unbemerkt heim; sie gebiert dann ein Mädchen, Isol, und stirbt. Isol findet später am Strand einen kleinen, wunderschönen Knaben in einem Kasten, namens Tristan und zieht ihn auf, um sich mit ihm zu ver- ) Vgl. Immermann: „Tristan und Isolde. Ein Gedicht in Romanzen.” Düsseldorf 1511. Gleich dem Epos Gottfrieds beginnt das Gedicht mit der Urgeschichte, der Liebe von Tristans Eltern: Markes schüner Schwester Blancheflure und König Riwalin, der sterbend den Tristan heimlich zeugt. Der Knabe wächst in der Obhut des treuen Rual und seines Weibes (Floreto) a ge m u LOHENGERIN. 13 loben. Die weitere Erzählung, die das Motiv der rechten Braut enthält, ist für uns dadurch bemerkenswert, daß auch hier der Vergessenheitstrank und zwei Isolden vorkommen. Die zweite Fıau‘ des Königs gibt Tristan einen Trank, so daß er die blonde Isol ganz vergißt und die schwarze Isota zur Frau nehmen will. Schließlich entdeckt er aber den Betrug und wird mit Isol vereinigt.

Lohengrin.

Aus der weitverbreiteten und auf uralte keltische Über- lieferung zurückgehenden Sagengeruppe vom Schwanritter (altfranz. chevalier au cigne) sei hier die Fassung mitgeteilt, die uns seit Wagners Dramatisierung dieses Stoffes vertraut geworden ist: die Sage von Lohengrin, dem Ritter mit dem Schwane, wie sie uns das mittelhochdeutsche Helden- gedicht (erneut von Junghaus, Reclam) überliefert und wie sie die Brüder Grimm in ihren „Deutschen Sagen” (2, Teil, Berlin 1818,.S. 306) unter dem Titel: Lohengrin zu Brabant kurz wiedergeben!).

Der Herzog von Brabant und Limburg starb, ohne andere Erben als eine junge Tochter Els oder Elsam zu hinterlassen; diese empfahl er auf dem Todbette einem seiner Dienstmannen, Friedrich von Telramund. Friedrich, ein tapferer Held, wurde übermütig und warb um der jungen Herzogin Hand und Land, unter dem falschen Vorgeben, daß sie ihm die Ehe gelobt hätte. Da sie sich standhaft weigerte, klagte Friedrich bei dem Kaiser Heinrich dem Vogler; und es wurde Recht gesprochen, daß sie sich im Gotteskampf durch einen Helden gegen ihn verteidigen müsse. Als sich keiner finden wollte, betete die Herzogin inbrünstig zu Gott um Rettung. Da erscholl weit davon zu Montsalvatsch beim Gral der Laut der Glocke, zum Zeichen, daß jemand dringender Hilfe bedürfe. Alsobald beauf, bis er als Jäger im Dienste Markes von diesem — an einem Ringe der Blanchsflur — als Neife erkannt und dessen Günstling wird.

') Vgl. Des Verfassers „Lohengrinsage”, wo auch die weiter unten folgende Seeäfsage ausführlich behandelt ist, (Diese Sammlung, H, 13.)

a LL———e—e—eee—e ne nn A een 4 LOHENGERIN.

m gro nl sm en schloß der Gral, den Sohn Parsifals, Lohengrin, darnach aus- zusenden. Eben wollte dieser seinen Fuß in den Stegreif setzen, da kam ein Schwan auf dem Wasser geflossen und zog hinter sich ein Schiff daher. Kaum erblickte ihn Loben- orin, als er rief: „Bringt das Roß wieder zur Krippe; ich will nun mit diesem Vogel ziehen, wohin er mich führt”. Speise nahm er im Vertrauen auf Gott nicht in das Schiff; nachdem sie fünf Tage über Meer gefahren waren, fuhr der Schwan mit dem Schnabel ins Wasser, fing ein Fischlein auf, ab es halb und gab dem Fürsten die andere Hälfte zu essen. So wurde der Ritter von dem Schwan gespeist.

Unterdessen hatte Elsa ihre Fürsten und Mannen zu einer Landsprache nach Antwerpen berufen. Gerade am Tage der Versammlung sah man einen Schwan die Schelde herauf- schwimmen, der ein Schifflein zog, in welchem Lohengrin auf sein Schild ausgestreckt schlief. Der Schwan landete bald am Gestade und der Fürst wurde fröhlich empfangen. Kaum hatte man ihm Helm, Schild und Schwert aus dem Schiffe getragen, als der Schwan sogleich zurückfuhr. Lohengrin vernahm nun das Unrecht, welches die Herzogin litt, und übernahm es gerne, ihr Kämpfer zu sein. Elsa ließ hierauf alle ihre Ver- wandten und Untertanen entbieten; in Mainz wurde das Gestühl errichtet, wo Lohengrin und Friedrich in Gegenwart des Kaisers kämpfen sollten. Der Held vom Gral überwand Friedrich; dieser gestand, die Herzogin angelogen zu haben, und wurde mit Schlägel und Barte (Beil) gerichtet. Elsa fiel nun dem Lohenerin zu Teil, die längst einander liebten. Doch behielt er sich insgeheim vor, daß sie alle Fragen, welches Stammes er sei und woher er gekommen wäre, zu Ver- meiden habe: denn sonst müßte er sie augenblicklich ver- lassen, so daß sie ihn nimmer wiedersähe.

Eine Zeitlang verlebten die Eheleute in ungestörtem Glück und Lohengrin beherrschte das Land weise und mächtig. Auch dem Kaiser leistete er auf den Zügen gegen die Hunnen und Heiden große Dienste. Es trug sich aber zu, daß er einmal im Speerwechsel den Herzog von Cleve herunterstach, so daß dieser den Arm brach. Neidisch redete da die Clever Herzogin laut LOHENGRIN. 75 be unter den Frauen: „Ein kühner Held mag Lohengrin sein und Christenglauben scheint er zu haben; schade, daß Adels halben sein Ruhm gering ist; denn niemand weiß, woher er ans Land geschwommen kam”. Dieses Wort ging der Herzogin von Brabant durch das Herz, sie errötete und erblich. Nachts im Bette, als ihr Gemahl sie in Armen hielt, weinte sie und er sprach: „Was ist dir, Elsa mein?” Sie antwortete: „Die Clever Herzogin hat mich zu tiefen Seufzern gebracht”. Aber Lohen- grin schwieg und fragte nicht weiter. Die zweite Nacht ging es ebenso. Allein in der dritten Nacht konnte sich Elsa nicht länger halten und sprach: „Herr, zürnt mir nicht! Ich wüßte gern, um unserer Kinder willen, von wannen ihr ge- boren seid; denn mein Herz sagt mir, ihr seid reich an Adel”, Als nun der Tag anbrach, erklärte Lohengrin Öffentlich, woher er stamme: daß Parsifal sein Vater sei und Gott ihn vom Grale hergesandt habe. Darauf ließ er seine beiden Kinder bringen, die ihm die Herzogin geboren hatte, küßte sie, befahl ihnen, Horn und Schwert, das er zurücklasse, wohl aufzuheben und sagte: „Nun muß ich auf die Fahrt!” Der Herzogin ließ er das Fingerlein, das ihm einst seine Mutter geschenkt hatte. Da kam mit Eile sein Freund, der Schwan geschwommen, hinter ihm das Schifflein; der Fürst trat hinein und fuhr übers Wasser wieder in den Dienst des Grales. Elsa sank ohnmächtig nieder. Den jüngeren der Knaben, Lohengrin, beschloß die Königin um seines Vaters willen zu behalten und ihn wie ihr eigenes Kind zu erziehen. Die Witwe aber weinte und klaste ihr übriges Leben lange um den geliebten Gemahl, der nimmer wiederkehrte!).

Wenn man mit Berufung auf die in den Mythen nicht seltene Umordnung, ja Umkehrung der Motive den Schluß der 1 1) Die Brüder Grimm führen in ihren deutschen Sagen (2. Teil, | S, 286 uff.) noch sechs Fassungen der Sage vom Schwanritter an. In den gleichen mythologischen Zusammenhang gehören auch einige Märchen der Brüder Grimm; so „Die sechs Schwäne” (Nr. 49), „Die zwölf Brüder” (Nr. 9) und „Die sieben Raben” (Nr. 25) mit ihren im Ill. Bande der Kinder- und Hausmärchen angeführten Parallelen und Varianten. Weiteres Material aus diesem Sagenkreis findet manin Leos „Beowulf” undin Görres Einleitung zum „Lohengrin” (Heidelber& 1813).

i6 DER RITTER MIT DEM SCHWAN.

nn u ee —— Lohengrinsage voranstellt, so ergibt sich der uns geläufige Sagentypus: der kleine Lohengrin, der identisch ist mit seinem gleichnamigen Vater, schwimmt in einem Nachen auf dem Meere und wird von einem Schwan ans Land eebracht. Die Kaiserin nimmt ihn an Sohnesstatt an under wächstzum kühnen Helden heran. Mit einer edlen Jungfrau des Landes vermählt, verbietet er, nach seiner Her kunft zu fragen. Als das Gebot übertreten wird. muß er seine wunderbare Abkunft und göttliche Sendung enthüllen, worauf ihn der Schwan im Nachen wieder zum Gral zurückführt.

Andere Versionen der Sclwanrittersage haben diese ursprüng- liche Anordnung der Motive bewahrt, wenn sie auch mit märchen- haften Zügen vermengt erscheinen. So enthält die in dem flam- ländischerp Volksbuche mitgeteilte Sage vom Ritter mit dem Schwan (Deutsche Sage II, 291) zu Anfang die Geburt von sieben Kindern!), die Beatrix, die Gemahlin Königin Oriants von Flandern, zur Welt bringt. Matabruna, die böse Mutter des abwesenden Königs, befiehlt die Kinder zu töten und an deren Stelle der Königin sieben junge Hunde unterzuschieben. Der Diener begnügt sich jedoch mit der Aussetzung der Kinder, die von einem Einsiedler namens Helias gefunden und von einer Geiß gesäugt werden, bis sie herangewachsen sind. Beatrix wird in den Kerker geworfen. Später eıfährt Matabruna von der Rettung der Kinder und: ein neuerlicher Befehl, sie zu töten, hat den Erfolg, daß der damit beauftraste Jäger zum Zeichen der scheinbaren Vollführung des Befehls ihr die silbernen Halsketten bringt, welche die Kinder schon bei ihrer Geburt gehabt hatten, Einer der Knaben, nach seinem Pilegevater ) Ähnlich in der alten longobardischen Aussetzungssage, die Paulus Diaconus (I, 15) vom König Lamissio erzählt. Eine Dirne hatte ihre sieben neugeborenen Kinder in einen Fischteich geworfen, als König Agelmund vorbei kam und die Kinder neugierig betrachtete, indem er sie mit seinem Speere umwandte. Als dabei eines von den Kindern nach dem Speer griff, deutete der König das als günstiges Vorzeichen, befahl, diesen Knaben aus dem Teich zu ziehen und ihn einer Amme zum Säugen zu übergeben. Da er ihn aus dem Teich, der in seiner Sprache lama genannt wird, ge- zogen hatte, nannte er. den Knaben Lamissio. Herangewachsen wurde er ein tapferer IIeld und nach Agelmunds Tode König der Longobarden, Tee HT WET WERNER: | Helias genannt, behält allein seine Kette und wird so vor dem Schicksal seiner Geschwister bewahrt, dis sich mit Abnahme der Ketten in Schwäne verwandeln. Da soll nun auf neuerliches Anstiften der Matabruna, die sich erbötig macht, den Umgang der Königin mit dem Hunde zu erweisen, Beatrix getötet werden, wenn kein Kämpfer für ihr Recht eintrete. In dieser Not betet sie zu Gott, der ihren Sohn Helias als Retter schickt. Auch seine Ge- schwister werden nun mit Hilfe der Ketten wieder erlöst bis auf einen, dessen Kette schon verarbeitet ist, Hierauf übergibt König Oriant die Regierung seinem Sohne Helias, der die böse Matabruna verbrennen läßt. Eines Tages sieht Helias, wie sein Bruder, der Schwan, auf dem Schloßweiher einen Nachen zieht, hält das für ein Zeichen des Himmels und besteigt gewafinet das Schifflein. Der Schwan führt ihn durch Flüsse und Ströme zu der Stelle, wohin er nach Gottes Willen beschieden war. Nun folgt die der Lohengrin- sage analoge Befreiung -einer unschuldig angeklagten Herzogin und die Vermählung mit ihrer Tochter Klarissa, der die Frage nach der Herkunft ihres Gatten verboten wird. Im siebenten Jahr ihrer Ehe tut sie aber doch die Frage, worauf Helias in dem Schwanenschiff wieder nach Hause zurückkehrt, wo nun auch der letzte Bruder Sehwan erlöst wird.

Sceäf.

Die der Lohengrinsage eigentümlichen Züge, daß der göttliche Held auf dieselbe geheimnisvolle Weise, wie er gekommen ist, auch wieder verschwindet, und ebenso die Übertragung mythischer Motive aus dem Leben des älteren gleichnamigen Helden auf einen jüngeren, einen ganz allge- meinen Vorgang der Mythenbildung, enthält auch die anglisch- langobardische Sage von Scöäf, dieim Eingang des Beowulf- liedes, des ältesten deutschen, in angelsächsischer Mundart erhaltenen Heldengedichtes (übersetzt von H. v. Wolzogen, Reclam), erwähnt wird. Der Vater des alten Beowulf hat seinen Namen Seild Se@fing, d. i. Sohn des Seöäf, davon, daß er als ganz junger Knabe, den Bewohnern des Landes un- bekannt, auf einer Korngarbe (ags. seöäf) im Nachen 18 DER MYTHUS VON ZEUGUNG UND TOD DES HELDEN.

a — sehlafend von den Meereswogenan die Küste desLandes eetrieben wurde, das erzu beschirmen ausersehen war. Er wird von den Einwohnern als ein Wunder in Empfang genommen, auf- erzogen und später als ein Gottgesandter zu ihrem König gemacht (vel. Grimm: Deutsch. Mythol.‘, I, S. 306, II, S. 391 und H. Leo: Beowulf, Halle 1839'). Was von dem Ahnbherrn der Königsfamilie, von Scaf oder Scöäf erzählt wird, er- scheint im Beowulflied auf seinen Sohn, den Seöäfing Seild übertragen, nach übereinstimmender Angabe Grimms (a. a. O.) und Leos (S. 24): Sein Leichnam wird nämlich auf seine An- ordnung von königlichem Reichtum umgeben auf einem mann- schaftslosen Schiffe in die See ausgesetzt (Anfang des Beowulf- liedes). Er verschwindet also auf dieselbe geheimnisvolle Weise, wie sein Vater ans Land kam, ein Zug, der sich nach Analogie der Lohengrinsage durch die mythische Identität von Vater und Sohn erklärt?).

i) Der Name Beowulf, den Grimm als Bienenwolf erklärt, scheint ursprünglich (nach Wolzogen) Bärwelf d. i. Jungbär zu bedeuten, was an die Sage vom „Ursprung der Welfen” (Grimm II, 233) erinnert, wo die Knaben als Welfe ins Wasser geworfen werden sollen.

2) Das sich typisch wiederholende Motiv vom Ende des Heldenlebens verdiente — ebenso wie das Motiv von der Zeugung des Helden — eine ge- sonderte Behandlung, was in meiner Monographie über die Lohengrinsage an- gebahnt ist, Dabei zeigt sich der Mythus vom Tode des Helden von ähnlich wunderbaren Motiven (Entrückung), aber auch von der gleichen unbe- wußten Symbolik beherrscht, wie sie unsere Deutung im Mythus von der Geburt des Helden aufzeigen kann.

II.

Überblickt man die Menge dieser mannigfach ausgestalteten Heldensagen, so drängt sich einem eine Reihe durchgängig gemeinsamer Züge auf, die es nahelegen, aus diesen typischen Grundelementen gleichsam eine Durchschnittssage zu bilden. Für die individuellen Züge der einzelnen Mythen und ins- besondere für manche scheinbare Abweichung vom Schema wird erst die Deutung volle Aufklärung bringen. Die Durch- sehnittssage selbst könnte man schematisch etwa so formu- lieren.

Der Held ist das Kind vornehmster Eltern, meist ein Königsohn.

Seiner Entstehung gehen Schwierigkeiten voraus, wie Enthaltsamkeit oder lange Unfruchtbarkeit oder heimlicher Ver- kehr der Eltern infolge äußerer Verbote oder Hindernisse. Während der Schwangerschaft oder schon früher erfolgt eine vor seiner Geburt warnende Verkündigung (Traum, Orakel), die meist dem Vater Gefahr droht.

Infolgedessen wird das neugeborne Kind, meist auf Veranlassung des Vaters oder der ihn vertretenden Person, zur Tötung oder Aussetzung bestimmt; in der Regel wird es in einem Kästehen dem Wasser übergeben.

Es wird dann von Tieren oder geringen Leuten (Hirten) gerettet und von einem weiblichen Tiere oder einem geringen Weibe gesäusgt.

Herangewachsen, findet es auf einem sehr wechselvollen Wege die vornehmen Eltern wieder, rächt sich am Vater FAMILIE.

re nn a 50 DER HELD UND SEINE EB - ZZ einerseits, wird anerkannt anderseits und gelangt zu Größe und Ruhm!).

Da in allen diesen Mythen, wie das Schema zeigt, regel- mäßig die normalen Beziehungen des Helden zu Vater und Mutter gestört erscheinen, SO ist die Annahme nicht unbegründet, daß etwas in der Natur des Helden liegen müsse, was eine solche. Störung zu bewirken im stande ist. Solche Motive sind zunächst nieht schwer zu finden. Es läßt sich leicht verstehen und wir können es ja an den Ausläufern des Heldentums in unserer Zeit beobachten, daß für den Helden, der in viel höherem Grade als jeder andere dem Neid, der Mißgunst und der Nachrede ausgesetzt ist, die Ab- kunft von seinen Eltern häufig zur Quelle peinlicher Ver- legenheiten wird. Das alte Wort: „Nemo propheta in patria” hat ja auch keine andere Bedeutung, als daß man den, dessen Eltern, Gesehwister und Gespielen man gekannt hat, schwerlich für einen Propheten gelten läbt (Evang. Mark. VI, 4). Es scheint eine gewisse Gesetzmäßigkeit darin zu liegen, daß der Prophet seine Eltern verleugnen muß. Der bekannten Oper Meyerbeers liegt ja das Bekenntnis zugrunde, dal der prophetische Held zugunsten seiner Mission selbst die zärtlich geliebte Mutter verlassen darf.

Wollen wir aber eine tiefere Ergründung der Regungen versuchen, die den Helden nötigen, seine Familienbeziehungen zu brechen, so stoßen wir auf eine Reihe von Schwierigkeiten. Daß man zum Verständnis der Mythenbildung auf ihre letzte Quelle, die individuelle Phantasietätigkeit, zurückgehen müsse, ist schon von vielen Forschern hervorgehoben worden?); ebenso die Tatsache, daß man diese Phantasietätigkeit in lebhafter, ungehemmter Entfaltung nur beim Kinde antrifft®). Man müßte also zunächst das Phantasieleben des Kindes erforschen, um t) Eine Möglichkeit weiterer Detaillierung einzelner Punkte dieses Schemas ergäbe sich aus der Zusammenstellung, die Heinrich Leßmann am Schluß seiner Arbeit: „Die Kyrossage in Europa,” gegeben hat.

2) Siehe auch Wundt (a. a. O., S. 48), der den Helden psychologisch als Projektion menschlicher Wünsche und Bestrebungen auffaßt.

er 2 e DIE NEUROTISCHEN PHANTASIEN. si dem Verständnis der ungleich komplizierteren, durch mancherlei Einflüsse modifizierten mythischen uud künstlerischen Phantasie- tätigkeit näher zu kommen. Die Erforschung-des kindlichen Phantasielebens ist aber kaum noch in‘ Angriff genommen, geschweige denn so weit geführt,. daß. man ihre ‚Ergebnisse zur Erklärung der komplizierteren Leistungen heranziehen könnte. Der Grund für diese mangelhafte Kenntnis’ des kind- lichen Seelenlebens ist darin zu suchen, daß es sowohl an einem geeigneten Instrument -als auch an einem sicheren Weee zur Erforschung dieses so heiklen und schwer zugänglichen Gebietes fehlte. Beim normalen erwachsenen Menschen lassen sich diese kindlichen Regungen schlechterdings nicht studieren; ja man kann sogar im Hinblick auf gewisse seelische Störungen sagen, daß die psychische Normalität des Normalen eben darin besteht, daß er sein kindliches Vorstellungs-: und Phantasie- leben überwunden, richtiger gesagt gut verdrängt hat: da fehlt uns also der Weg. Beim Kinde dagegen läßt uns die empirische Beobachtung, die in der Regel nur oberflächlich bleiben kann, bei der Erforschung seelischer Vorgänge im Stich, da wir noch nicht im stande sind, aus allen Äußerungen richtig auf ihre Triebkräfte zu schließen: hier fehlt uns also das Instrument. Bloß eine Klasse von Menschen, die sogenannten Psycho- neurotiker, die, wie uns die Forschungen Freuds gelehrt haben, gleichsam in gewissem Sinne Kinder geblieben: sind, wenn sie sich auch sonst als Erwachsene präsentieren, haben ihr kindliches Seelenleben sozusagen nicht aufgegeben; es hat vielmehr bei ihnen im Laufe der Reife eine Verstärkung und Fixierung statt einer modifizierenden Entwicklung erfahren. Beim Psychoneurotiker ist die Infantilität gesteigert erhalten und dadurch zu pathologischen Wirkungen befähigt, die uns diese sonst unbeachteten Regungen vergröbert, sozusagen in mikroskopischer Vergrößerung zeigen. Die Phantasien der Neurotiker gleichen in jeder Beziehung übertriebenen Repro- duktionen der kindlichen Phantasien; da hätten wir also den Weg. Unglücklicherweise ist hier aber der Zugang noch weit schwieriger als beim Kind. Es gibt nur ein Mittel, das diesen Weg gangbar macht, und.das ist die psychoanalytische Rank, Der Mythus von der Geburt des Helden, 2. Aufl. ü ne —— 82 DIE ABLÖSUNG DES KINDES VON DEN ELTERN.

m Methode, deren Ausbildung Freud zu verdanken ist. Die ständige Beschäftigung mit dieser Methode schärft dem Beob- achter den Blick so weit, daß er dann im Seelenleben der später nicht neurotisch gewordenen Menschen die gleichen Triebkräfte in ihren feiner nuancierten Äußerungen wiederzuerkennen vermag. he ur Herrn Professor Freud, der mir seine reichen Erfahrungen aus der Neurosenpsychologie zur Verfügung stellte, verdanke ich das Folgende über das Phantasieleben des Kindes und des Neurotikers: ' ' ' „Die Ablösung des heranwachsenden Individuums von der Autorität der Eltern ist eine der notwendigsten, aber auch schmerzlichsten Leistungen der Entwicklung. Es ist durehaus notwendig, daß sie sieh vollziehe, und man darf an- nehmen, jeder, normal gewordene Mensch habe sie in einem gewissen Maß zustande gebracht. Ja, der Fortschritt der Gesellschaft beruht überhaupt auf dieser Gegensätzlichkeit der beiden Generationen. Anderseits gibt es eine Klasse von Neu- rotikern, in deren Zustand man die Bedingtheit erkennt, daß sie an dieser Aufgabe gescheitert sind. | ‚Für das kleine Kind sind die Eltern zunächst die einzige Autorität und die Quelle alles Glaubens. Ihnen, das heißt dem gleichgeschlechtlichen Teile, gleich zu werden, oeroß zu werden wie Vater und Mutter ist der intensivste, folgenschwerste Wunsch dieser Kinderjahre. Mit der zunehmenden intellektuellen Entwicklung kann es aber nicht ausbleiben, dab das Kind allmählich die Kategorien kennen lernt, in die seine Eltern gehören. Es lernt andere Eltern kennen, vergleicht sie mit den seinigen und bekommt so ein Recht, an der ihnen zugeschriebenen Unvereleichlichkeit und Einzigartigkeit zu zweifeln. Kleine Ereignisse im Leben des Kindes, die eine unzufriedene Stimmung bei ihm hervorrufen, geben ihm den Anlaß, mit der Kritik der Eltern einzusetzen und die gewonnene Kenntnis, dab andere Eltern in mancher Hinsieht vorzuziehen seien, zu dieser Stellungnahme gegen seine Eltern zu verwerten, Aus der Neurosenpsychologie wissen wir, daß dabei unter anderen die intensivsten Regungen sexueller Rivalität mitwirken. Der Gegen- -—— En did _ ee EEE FREE VEEEEEETTET TWEERE ——— u m m U mm. oe DIE FANILIENROMANE DER NEUROTIKER. 85 - Te a stand dieser Anlässe ist offenbar das Gefühl der Zurücksetzung. Nur zu oft ergeben sich Gelegenheiten, bei denen’ das Kind zurückgesetzt wird oder sich wenigstens zurückgesetzt fühlt, wo es die volle Liebe der Eltern vermißt, besonders aber bedauert, sie mit anderen Geschwistern teilen zu müssen. Die Empfindung, daß die eigenen Neigungen nicht voll erwidert werden, macht sich dann in der aus frühen Kinderjahren oft bewußt erinnerten Idee Luft, man sei ein Stiefkind oder ein angenommenes Kind. Viele nicht neurotisch gewordene Menschen entsinnen sich sehr häufig an solche Gelegenheiten, wo’ sie — meist durch Lektüre beeinflußt — das feindselige Benehmen der Eltern in dieser Weise auffaßten und erwiderten. Es zeigt sich aber hier bereits der Einfluß des Geschlechts, indem der Knabe bei weitem mehr Neigung zu feindseligen Regungen gegen seinen Vater als gegen seine Mutter zeigt und eine viel intensivere Neigung, sich von jenem als von dieser freizumachen. Die Phantasietätigkeit der Mädchen mag sich in diesem Punkte viel schwächer erweisen. In diesen bewußt erinnerten Seelen- regungen der Kinderjahre finden wir das Moment, welches uns das Verständnis des Mythus ermöglicht.”

„Selten bewußt erinnert, aber fast immer durch die Payöhd; analyse nachzuweisen, ist dat die weitere Entwicklungsstufe dieser beginnenden Entfremdung von den Eltern, die man mit dem Namen: Familienromane der Neurotiker bezeichnen kann. Es gehört nämlich durchaus zum Wesen der Neuröse und auch jeder höheren Begabung eine ganz besondere Tätigkeit der Phantasie, die sich zunächst in den kindlichen Spielen offenbart und die nun, ungefähr von der Zeit der Vorpubertät angefangen, sich des Themas der Familienb eziehungen bemächtigt. Ein charakteristisches Beispiel dieser besonderen Phantasie- tätigkeit ist das bekannte Tagträumen!), das weit über die Pubertät hinaus fortgesetzt wird. Eine genaue Beobachtung dieser Tagträume lehrt, daß sie der Erfüllung von Wünschen, t) Vgl. darüber Freud: Hystefische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität, wo auch auf die Literatur zu diesem Thema verwiesen ist. Die Arbeit findet sich in der zweiten Folge der „Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre” (Wien und Leipzig) 1909, wieder abgedruckt.

6* St DIE PHANTASIEN VON HOHER ABKUNFT.

A der Korrektur des Lebens dienen und vornehmlich zwei Ziele kennen: das erotische und das ehrgeizige (hinter dem aber meist auch das erotische steckt). Um die, angegebene Zeit be- schäftigt sich nun die Phantasie des Kindes mit der Aufgabe, die jetzt gering geschätzten Eltern loszuwerden und durch in der Regel sozial höherstehende zu ersetzen. Dabei wird das zufällioe Zusammentreffen mit wirklichen Erlebnissen (die Bekanntschaft des Schloßherrn oder Gutsbesitzers auf dem Lande, der Fürstlichkeit in der Stadt) ausgenützt. Solche zu- fällige Erlebnisse erwecken. den: Neid des Kindes, der dann den Ausdruck in einer Phantasie findet, welche beide Eltern durch vornehmere ersetzt. In der Technik der Ausführung solcher Phantasien, die natürlich um diese Zeit bewußt sind, kommt es auf die Geschicklichkeit und das Material an, das dem Kinde zur Verfügung steht. Auch handelt es sich darum, ob die Phantasien mit einem großen oder geringen Bemühen, die Wahrscheinlichkeit zu erreichen, ausgearbeitet sind. Dieses Stadium wird zu einer Zeit erreicht, wo dem Kinde die Kenntnis der sexuellen Bedingungen der Herkunft noch fehlt.”