SigPhi · Rosa Luxemburg

Die Akkumulation des Kapitals

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„Die Nationalökonomen haben seit A. Smith einander nachgesprochen und es als allgemeine und absolute Wahrheit aufgestellt, daß das Kapital nur durch Sparen und Ansammeln entstehe.“ (12) Gegen diese „Verirrung“ zieht nun Rodbertus wohlgerüstet zu Felde, und er weist auf 60 Druckseiten haarklein nach, daß Kapital nicht durch Sparen, sondern durch Arbeit entsteht, daß der „Irrtum“ der Nationalökonomen in bezug auf das „Sparen“ daher rühre, weil sie die irrtümliche Auffassung hätten, die Produktivität hafte dem Kapital an, dieser Irrtum endlich von einem anderen Irrtum: daß Kapital – Kapital sei.

v. Kirchmann seinerseits verstand sehr gut, was hinter dem kapitalistischen „Sparen“ steckt. Er führt ganz hübsch aus: „Kapitalansammlung besteht bekanntlich nicht in dem bloßen Anhäufen von Vorräten oder in dem Sammeln von Metall- und Geldvorräten, die dann in den Kellern des Eigentümers ungenützt liegenbleiben, sondern wer sparen will, tut es, um selbst oder durch andere seine ersparte Summe als Kapital wieder nutzbar anzuwenden, um davon Revenuen zu ziehen. Diese Revenuen sind nur möglich, wenn diese Kapitale zu neuen Unternehmungen verwendet werden, die durch ihre Produkte imstande sind, jene verlangten Zinsen abzuwerfen. Der eine baut ein Schiff, der andere baut eine Scheune, der dritte kultiviert damit eine öde Heide, der vierte läßt sich eine neue Spinnmaschine kommen, der fünfte kauft mehr Leder und nimmt mehr Gesellen an, um seine Schuhmacherprofession zu erweitern usw. Erst in dieser Anwendung kann das gesparte Kapital Zinsen (soll heißen: Profit – R.L.) tragen, was der Endzweck alles Sparens ist.“ (13) Was v. Kirchmann hier mit unbeholfenen Worten, aber im ganzen richtig schildert, ist nichts anderes als der Prozeß der Kapitalisierung des Mehrwerts, der kapitalistischen Akkumulation, die ja den ganzen Sinn des von der klassischen Ökonomie „seit A. Smith“ mit richtigem Instinkt befürworteten „Sparens“ ausmacht. v. Kirchmann ist denn von seinem Standpunkt ganz konsequent, wenn er, da nach seiner Auffassung – wie bei Sismondi – die Krisen sich direkt aus der Akkumulation ergeben, gegen die Akkumulation, gegen das „Sparen“ zu Felde zieht. Rodbertus ist auch hier der „gründlichere“ Mann. Er hat zu seinem Unglück aus der Ricardoschen Werttheorie die Einsicht gewonnen, daß Arbeit die einzige Quelle des Werts, also auch des Kapitals ist. Und diese elementare Weisheit genügt ihm vollständig, um ihn für alle komplizierten Verhältnisse der Kapitalproduktion und der Kapitalbewegungen völlig blind zu machen. Da Kapital durch Arbeit entsteht, so ist Kapitalakkumulation, d. h. „Sparen“, Kapitalisierung des Mehrwertes – bloßer Humbug.

Um diesen verworrenen Knäuel von Irrtümern „der Nationalökonomen seit A. Smith“ zu entwirren, nimmt er sich, wie sich von selbst versteht, einen „isolierten Wert“ vor und weist in einer langen Vivisektion an dem unglücklichen Wurm alles nach, was er braucht. So findet er hier schon das „Kapital“, d. h. natürlich den berühmten „ersten Stock“, womit die Nationalökonomie „seit A. Smith“ die Früchte ihrer Kapitaltheorie vom Baume der Erkenntnis schlägt. Entsteht der Stock etwa aus „Sparen“? fragt Rodbertus. Und da jeder normale Mensch versteht, daß aus „Sparen“ kein Stock entstehen kann, sondern daß sich Robinson den Stock aus Holz verfertigen muß, so ist auch schon bewiesen, daß die „Spartheorie“ ganz falsch sei. Weiter: Der „isolierte Wert“ schlägt sich mit dem Stock eine Frucht vom Baume, diese Frucht ist sein „Einkommen“. „Wenn Kapital die Quelle von Einkommen wäre, so müßte sich dies Verhältnis schon an diesem ursprünglichen und einfachsten Vorgange nachweisen lassen. Aber kann man, ohne den Dingen und Begriffen Gewalt anzutun, den Stecken die Quelle des Einkommens oder eines Teils des Einkommens nennen, das in der herabgeschlagenen Frucht besteht, dieses Einkommen ganz oder zum Teil auf den Stecken als seine Ursache zurückführen. ganz oder zum Teil als Produkt des Steckens betrachten?“ (14) Sicher nicht. Und da die Frucht das Produkt nicht „des Steckens“, womit sie abgeschlagen, sondern des Baumes, auf dem sie gewachsen, so hat Rodbertus auch schon bewiesen, daß alle Nationalökonomen „seit A. Smith“ sich gründlich irrten, wenn sie behaupteten. das Einkommen rühre vom Kapital her. Nachdem so an der „Wirtschaft“ Robinsons alle Grundbegriffe der Nationalökonomie klargelegt sind, überträgt Rodbertus die so gewonnene Erkenntnis zuerst auf eine fingierte Gesellschaft „ohne Kapital- und Grundeigentum“, d. h. mit kommunistischem Besitz, sodann auf die Gesellschaft „mit Kapital- und Grundeigentum“, d. h. auf die heutige Gesellschaft – und siehe da: Alle Gesetze der Robinsonwirtschaft bewähren sich Punkt für Punkt auch in diesen beiden Gesellschaftsformen. Hier stellt Rodbertus eine Theorie vom Kapital und Einkommen auf, die seiner utopischen Phantasie die Krone aufsetzt. Da er entdeckt hat, daß bei Robinson „das Kapital“ schlicht und einfach die Produktionsmittel sind, so identifiziert er auch in der kapitalistischen Wirtschaft Kapital mit Produktionsmitteln, und hat er so das Kapital mit einer Handbewegung auf konstantes Kapital reduziert, so protestiert er im Namen der Gerechtigkeit und der Moral dagegen, daß die Existenzmittel der Arbeiter, ihre Löhne, auch als Kapital betrachtet werden. Gegen den Begriff des variablen Kapitals kämpft er hitzig, denn dieser Begriff sei an allem Unheil schuld! „Möchten doch die Nationalökonomen“, fleht er, „mir hier Aufmerksamkeit schenken und unbefangen prüfen, ob sie oder ich recht haben! Hier liegt der Knotenpunkt aller Irrtümer des herrschenden Systems über das Kapital, hier der letzte Grund der theoretischen wie praktischen Ungerechtigkeit gegen die arbeitenden Klassen.“ (15) Die „Gerechtigkeit“ fordert nämlich, daß man die „realen Lohngüter“ der Arbeiter nicht zum Kapital, sondern zur Kategorie Einkommen rechne. Rodbertus weiß zwar sehr wohl, daß für den Kapitalisten die von ihm „vorgestreckten“ Löhne ein Teil seines Kapitals sind, ganz so wie der andere in toten Produktionsmitteln vorgestreckte Teil. Allein das bezieht sich nach Rodbertus nur auf das Einzelkapital. Sobald er das gesellschaftliche Gesamtprodukt und die Gesamtreproduktion ins Auge faßt, erklärt er die kapitalistischen Kategorien der Produktion für ein Trugbild, eine boshafte Lüge und eine „Ungerechtigkeit“. „Etwas ganz anderes als das Kapital an sich, die Kapitalgegenstände, das Kapital vom Standpunkt der Nation, ist das Privatkapital, das Kapitalvermögen, das Kapitaleigentum, das, was gewöhnlich heute unter ‚Kapital‘ verstanden wird.“ (16) Die Einzelkapitalisten produzieren kapitalistisch, die Gesamtgesellschaft aber genauso wie Robinson, d. h. als ein Gesamteigentümer, kommunistisch: „Daß jetzt das gesamte Nationalprodukt auf allen verschiedenen Produktionsstufen zu größeren oder kleineren Teilen einzelnen Privatpersonen, die zu den eigentlichen Produzenten gar nicht zu rechnen sind, zu eigen gehört, daß die eigentlichen Produzenten dies ganze Nationalprodukt immerfort nur im Dienste dieser wenigen Eigentümer herstellen ohne Miteigentümer an ihrem eigenen Produkt zu sein, macht von diesem allgemeinen und nationalen Standpunkt aus keinen Unterschied.“ Freilich ergeben sich daraus gewisse Besonderheiten der Verhältnisse auch für die Gesellschaft im ganzen, nämlich erstens „der Tausch“ als Vermittler und zweitens die ungleiche Verteilung des Produkts. „Allein sowenig alle diese Wirkungen verhindern, daß nach wie vor die Bewegung der Nationalproduktion und die Gestaltung des Nationalprodukts im allgemeinen dieselbe bleibt (wie unter der Herrschaft des Kommunismus), sowenig alterieren sie auch vom nationalen Standpunkt aus in irgendeiner Beziehung den bisher aufgestellten Gegensatz von Kapital und Einkommen.“ Sismondi mühte sich gleich Smith und vielen anderen im Schweiße seines Angesichts ab, um den Begriff von Kapital und Einkommen aus den Widersprüchen der kapitalistischen Produktion zu entwirren; Rodbertus macht sich die Sache leichter: er sieht für die Gesellschaft im ganzen von allen Formbestimmtheiten der kapitalistischen Produktion einfach ab und nennt „Kapital“ die Produktionsmittel und „Einkommen“ die Konsumtionsmittel – basta! „Das Grund- und Kapitaleigentum hat nur in bezug auf die verkehrenden Individuen einen wesentlichen Einfluß. Faßt man also die Nation als eine Einheit auf, so verschwinden seine Wirkungen auf die Individuen.“ (17) Man sieht, Rodbertus zeigt, sobald er an das eigentliche Problem, an das kapitalistische Gesamtprodukt und seine Bewegung, herantritt, die typische Geringschätzung des Utopisten für historische Besonderheiten der Produktion, und auf ihn paßt wie angegossen die Bemerkung, die Marx über Proudhon macht, daß, sobald er von der Gesellschaft im ganzen spricht, er so tut, als ob sie aufhörte, kapitalistisch zu sein. [1*] Andererseits sieht man am Beispiel Rodbertus’ wieder, wie hilflos die gesamte Nationalökonomie vor Marx in ihren Bemühungen herumtappte, sachliche Gesichtspunkte des Arbeitsprozesses mit Wertstandpunkten der kapitalistischen Produktion, Bewegungsformen des Einzelkapitals mit denen des gesellschaftlichen Gesamtkapitals in Einklang zu bringen. Diese Bemühungen pendeln gewöhnlich zwischen zwei Extremen: der vulgären Auffassung à la Say, MacCulloch, für die überhaupt nur Gesichtspunkte des Einzelkapitals existieren, und der utopischen Auffassung à la Proudhon, Rodbertus, für die nur Standpunkte des Arbeitsprozesses existieren. Da lernt man erst schätzen, welches enorme Licht über die ganze Sache durch das Schema der einfachen Reproduktion von Marx verbreitet worden ist, wo alle jene Standpunkte in ihrem Einklang wie in ihrem Widerspruch zusammengefaßt und wo der heillose Wirrwarr zahlloser Bände in zwei Zahlenreihen von verblüffender Einfachheit aufgelöst ist.

Daß bei einer solchen Auffassung von Kapital und Einkommen die kapitalistische Aneignung unerklärlich wird, versteht sich von selbst. Rodbertus erklärt sie denn auch einfach für „Raub“ und verklagt sie vor dem Forum des Eigentumsrechts, dessen schnöde Verletzung sie darstelle. „Wenn also...diese persönliche Freiheit (der Arbeiter), die rechtlich das Eigentum am Wert des Arbeitsprodukts involviert, infolge des vom Grund- und Kapitaleigentum über die Arbeiter geübten Zwanges in der Praxis wieder zur Entäußerung jenes Eigentumsanspruchs führt – so ist es, als ob eine instinktive Scheu, daß die Geschichte ihre strengen, unerbittlichen Syllogismen daraus ziehen könne, die Besitzer von dem Geständnis dieses großen und allgemeinen Unrechts abhielte.“ (18) „Daher ist endlich diese (Rodbertussche) Theorie in allen ihren Einzelheiten ein durchgängiger Beweis, daß jene Lobredner der heutigen Eigentumsverhältnisse, die sich doch wieder nicht entbrechen können, das Eigentum auf die Arbeit zu gründen, mit ihrem eigenen Prinzip im vollständigsten Widerspruch stehen. Sie beweist, daß die heutigen Eigentumsverhältnisse gerade auf einer allgemeinen Verletzung dieses Prinzips beruhen und daß jene großen individuellen Vermögen. die sich heute in der Gesellschaft anhäufen..., mit jedem neugeborenen Arbeiter den schon von alters her sich in der Gesellschaft anhäufenden Raub vergrößern.“ (19) Und ist der Mehrwert so zum „Raub“ erklärt worden, so erscheint die steigende Mehrwertrate als „ein merkwürdiger Fehler in der heutigen nationalökonomischen Organisation“. (20) Proudhon hat in seinem ersten Pamphlet wenigstens den paradoxen und rohen, aber revolutionär klingenden Satz Brissots ausgesponnen: Eigentum ist Diebstahl. Rodbertus beweist, daß das Kapital ein Diebstahl am Eigentum sei. Man vergleiche damit im ersten Bande des Marxschen „Kapitals“ das Kapitel über den Umschlag der Eigentumsgesetze in Gesetze der kapitalistischen Aneignung, das ein Meisterstück historischer Dialektik bietet, und man wird wieder einmal die „Priorität“ Rodbertus’ konstatieren können. Jedenfalls hat sich Rodbertus durch seine Deklamationen gegen die kapitalistische Aneignung vom Standpunkte des „Eigentumrecht“ das Verständnis für die Entstehung des Mehrwerts aus Kapital ebenso versperrt, wie er sich früher durch seine Deklamationen gegen das „Sparen“ das Verständnis für die Entstehung des Kapitals aus Mehrwert versperrt hatte. So gehen Rodbertus alle Voraussetzungen für das Begreifen der kapitalistischen Akkumulation ab, und er bringt es fertig, darin sogar vor v. Kirchmann den kürzeren zu ziehen.

Summa: Rodbertus will unumschränkte Erweiterung der Produktion, aber ohne alles „Sparen“, d. h. ohne kapitalistische Akkumulation! Er will unumschränkte Steigerung der Produktivkräfte – aber eine feste Mehrwertrate durch Staatsgesetz! Mit einem Wort, er zeigt völlige Verständnislosigkeit für die eigentlichen Grundlagen der kapitalistischen Produktion, die er reformieren will, wie für die wichtigsten Ergebnisse der klassischen Nationalökonomie, gegen die er kritisch zu Felde zieht.

Deshalb sagt Professor Diehl natürlich, Rodbertus habe in der theoretischen Nationalökonomie durch seine „neue Einkommenstheorie“ und durch die Unterscheidung der logischen und historischen Kategorien des Kapital (jenes bewußte „Kapital an sich“ im Gegensatz zum Einzelkapital) bahnbrechend gewirkt. Und deshalb nennt ihn natürlich Professor Adolph Wagner „den Ricardo des ökonomischen Sozialismus“, um so die eigene Unschuld in bezug auf Ricardo, Rodbertus wie den Sozialismus mit einem Schlage zu dokumentieren. Lexis aber findet gar, daß Rodbertus „seinem britischen Rivalen“ an Kraft des abstrakten Denkens mindestens gleichkäme; ihn aber in der „Virtuosität der Aufdeckung des tiefsten Zusammenhanges der Erscheinungen“, in der „Lebendigkeit der Phantasie“ und vor allem – in seinem „ethischen Standpunkt gegenüber dem Wirtschaftsleben“ weitaus überträfe. Das hingegen, was Rodbertus wirklich in der theoretischen Ökonomie außer seiner Kritik der Grundrente von Ricardo geleistet hat: seine stellenweise ganz klare Unterscheidung von Mehrwert und Profit, seine Behandlung des Mehrwerts als Ganzes im bewußten Unterschied von dessen Teilerscheinungen, seine teilweise vortreffliche Kritik des Smithschen Dogmas über die Wertzusammensetzung der Waren, seine scharfe Formulierung der Periodizität der Krisen und die Analyse ihrer Erscheinungsformen – wertvolle Ansätze, um die Analyse über Smith-Ricardo hinauszuführen, die freilich an der Konfusion in den Grundbegriffen scheitern mußte –, das alles sind den offiziellen Bewunderern Rodbertus’ meistens böhmische Dörfer. Franz Mehring hat schon auf das merkwürdige Los Rodbertus’ hingewiesen, für seine angeblichen nationalökonomischen Großtaten in den Himmel gehoben, wegen seiner wirklichen politischen Verdienste hingegen von denselben Leuten „wie ein dumme Junge“ behandelt zu werden. [2*] In unserem Fall handelt es sich |224| aber nicht einmal um den Gegensatz seiner ökonomischen und politischen Leistungen: Auf dem Gebiete der theoretischen Nationalökonomie selbst haben ihm seine Lobhudler ein großes Denkmal auf dem Sandfelde errichtet, wo er mit dem hoffnungslosen Eifer eines Utopisten grub, während sie zugleich die paar bescheidenen Beete mit Unkraut haben überwuchern und in Vergessenheit geraten lassen, in denen er einige fruchtbare Setzlinge hinterlassen hatte. (21) Im ganzen kann man nicht behaupten, daß das Problem der Akkumulation seit der ersten Kontroverse, in preußisch-pommerscher Behandlung, vorwärtsgekommen wäre. Wenn die ökonomische Harmonielehre inzwischen von der Höhe Ricardos auf Bastiat-Schulze heruntergekommen war, so hat auch die soziale Kritik dementsprechend den Abrutsch von Sismondi auf Rodbertus vollzogen. Und wenn die Kritik Sismondis im Jahre 1819 eine geschichtliche Tat war, so waren die Reformideen Rodbertus’ schon bei ihrem ersten Auftreten, zumal aber in seinen späteren Wiederholungen ein kläglicher Rückschritt.

In der Polemik zwischen Sismondi und Say-Ricardo bewies die eine Seite die Unmöglichkeit der Akkumulation infolge der Krisen und warnte vor der Entfaltung der Produktivkräfte. Die andere Seite bewies die Unmöglichkeit der Krisen und befürwortete die schrankenlose Entfaltung der Akkumulation. Jede war trotz der Verkehrtheit des Ausgangspunkts in ihrer Art konsequent. v. Kirchmann und Rodbertus gehen beide, wie auch nicht anders möglich war, von der Tatsache der Krisen aus. Trotzdem aber jetzt, nach der geschichtlichen Erfahrung eines halben Jahrhunderts, die Krisen sich gerade durch ihre Periodizität nur als Bewegungsform der kapitalistischen Reproduktion deutlich erwiesen hatten, wurde auch hier das Problem der erweiterten Reproduktion des Gesamtkapitals, der Akkumulation, mit dem Problem der Krisen völlig identifiziert und dadurch auf das tote Gleis des Suchens nach einem Mittel gegen Krisen geschoben. Die eine Seite sieht dabei das Mittel in dem restlosen Verzehren des Mehrwerts durch die Kapitalisten, d. h. im Verzicht auf die Akkumulation, die andere – in einer gesetzlichen Fixierung der Mehrwertrate, d. h. gleichfalls im Verzicht auf die Akkumulation. Die Spezialschrulle Rodbertus’ beruht hierbei darauf, daß er ohne kapitalistische Akkumulation eine schrankenlose kapitalistische Steigerung der Produktivkräfte und des Reichtums erhofft und befürwortet. Zu einer Zeit, wo der hohe Reifegrad der kapitalistischen Produktion bald ihre grundlegende Analyse durch Marx ermöglichen sollte, artete der letzte Versuch der bürgerlichen Ökonomie, allein mit dem Problem der Reproduktion fertig zu werden, in eine abgeschmackte kindische Utopie aus.

Fußnoten von Rosa Luxemburg 15. l. c., Bd. I, S. 295. Auch hier käute Rodbertus sein Leben lang nur die Ideen wieder, die er schon 1842 in seinem Zur Erkenntniß [unserer staatswirthschaftlichen Zustände] ausgesprochen hatte: „Indessen ist man für den heutigen Zustand selbst so weit gegangen, nicht bloß den Arbeitslohn, sondern selbst Renten und Profit zu den Kosten des Guts zu rechnen. Diese Ansicht verdient daher eine ausführliche Widerlegung. Ihr liegt zweierlei zum Grunde: a) eine schiefe Vorstellung von Kapital, in welcher man den Arbeitslohn in gleicher Weise zum Kapital rechnet wie Material und Werkzeuge, während er doch nur mit Renten und Profit auf gleicher Linie steht; b) eine Verwechselung der Kosten des Guts mit den Auslagen des Unternehmers oder den Kosten des Betriebs.“ (Zur Erkenntniß, Neubrandenburg und Friedland 1842, S. 14.)

16. l. c., Bd. I, S. 304. Genauso bereits in Zur Erkenntniß [unserer staatswirthschaftlichen Zustände]“: „Man muß...das Kapital im engeren oder eigentlichen Sinne von dem Kapital im weiteren Sinne oder Unternehmungsfonds unterscheiden. Jener umfaßt den wirklichen Vorrat von Werkzeugen und Material, dieser den ganzen nach den heutigen Verhältnissen der Teilung der Arbeit zur Unternehmung eines Betriebes notwendigen Fonds. – Jener ist das zur Produktion absolut notwendige Kapital, dieser hat nur durch die heutigen Verhältnisse eine solche relative Notwendigkeit. Jener Teil ist daher das Kaital im engeren und eigentlichen Sinne allein, und nur mit ihm fällt der Begriff des Nationalkapitals zusammen.“ (l. c., S. 23 u. 24.)

21. Übrigens ist ihm das schlimmste Denkmal von seinen postumen Herausgebern gesetzt worden. Diese gelehrten Herren, Professor Wagner, Dr. Kozak, Moritz Wirth und wie sie alle heißen, die sich in den Vorreden zu seinen Nachlaßbänden wie ein Haufen ungebärdiger Diener im Vorzimmer zanken, ihren persönlichen Tratsch und ihre Eifersüchteleien austragen und einander coram publico beschimpfen, haben dabei nicht einmal die elementarste Sorgfalt und Pietät aufgebracht, um das Entstehungsdatum der einzelnen vorgefundenen Manuskripte Rodbertus’ festzustellen. Sie haben sich z. B. erst von Mehring belehren lassen müssen, daß das älteste aufgefundene Manuskript von Rodbertus nicht aus dem Jahre 1837, wie Professor Wagner souverän beschlossen hatte, sondern frühestens aus dem Jahre 1839 stammen könne, sintemalen darin gleich in den ersten Zeilen von geschichtlichen Ereignissen aus der Chartistenbewegung die Rede ist, die in das Jahr 1839 gehören, was zu wissen für einen Professur der Nationalökonomie sozusagen Pflicht war. Professor Wagner, der in den Vorreden zu Rodbertus mit seiner Wichtigtuerei und seiner schrecklich „besetzten Zeit“ alle Augenblicke lästig wird und der überhaupt nur mit seinen „Fachkollegen“ über die Köpfe des übrigen Menschenpöbel spricht, hat die elegante Lektion Mehrings vor versammelten Fachkollegen als großer Mann schweigend hingenommen. Professor Diehl aber hat ebenso schweigend im „Handwörterbuch der Staatswissenschaften“ das Datum 1837 einfach auf 1839 korrigiert, ohne auch nur mit einer Silbe den Lesern zu verraten, wann und von wem ihm die Erleuchtung ward.

Die Krone bildet jedoch die wohl „fürs Volk“ bestimmte „neue wohlfeile Ausgabe“ bei Puttkammer und Mühlbrecht aus dem Jahre 1899, die einige der sich zankenden Herren Herausgeber friedlich vereinigt, ihren Zank aber in den Vorreden mit aufgenommen hat, eine Ausgabe, wo z. B. aus dem früheren wagnerschen Band II nunmehr Band I gemacht worden ist, man aber Wagner trotzdem in der Einleitung zu Band III ruhig weiter von „Band II“ fortwährend reden läßt, wo der Erste sociale Brief in Band III, der zweit und dritte in Band II und der vierte in Band I geraten ist, wo überhaupt die Reihenfolge der Socialen Briefe, Kontroversen, Teile Zur Beleuchtung [der Socialen Frage] und Bände, chronologische und logische Zusammenhänge, Datum der Herausgaben und Datum der Entstehung der Schriften ein undurchdringlicheres Chaos darstellen als die Schichtungen der Erdrinde nach mehrmaligen vulkanischen Ausbrüchen und wo – im Jahre 1899 – wohl aus Pietät für Professor Wagner das Datum der ältesten Schrift Rodbertus’ auf 1837 beibehalten worden ist, trotzdem Mehrings Belehrung bereits 1894 erfolgt war! Man vergleiche damit des Marxschen Nachlaß in den Ausgaben von Mehring und Kautsky bei Dietz, und man wird sehen, wie sich in scheinbar so äußerlichen Dingen tiefere Zusammenhänge spiegeln. So wird das wissenschaftliche Erbe der Meister des klassenbewußten Proletariats gepflegt und so wird von des offiziellen Gelehrten der Bourgeoisie das Erbe eines Mannes vertrödelt, der nach ihrer eigenen interessierten Legende ein erstklassiges Genie war! Suum cuique – war der Wahlspruch Rodbertus’.

Anmerkungen der Redaktion 1*. Siehe Karl Marx: Das Elend der Philosophie. In Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 4, S. 130/131.

2*. Siehe Franz Mehring: Zur neueren Rodbertus-Literatur. In: Die Neue Zeit (Stuttgart), 12. Jg. 1893/1894, S. 528.

Die Akkumulation des Kapitals Zweiter Abschnitt Geschichtliche Darstellung des Problems Dritter Waffengang gegen Woronzow – Nikolai—on Achtzehntes Kapitel Das Problem in neuer Auflage In einem ganz anderen historischen Rahmen als die beiden ersten spielte sich die dritte Kontroverse um die Frage der kapitalistischen Akkumulation ab. Diesmal war die Zeit der Handlung der Anfang der 80er Jahre bis um die Mitte der 90er und ihr Schauplatz Rußland. Die kapitalistische Entwicklung hatte bereits in Westeuropa ihren Reifegrad erreicht. Die einstige rosige Auffassung der Klassiker Smith-Ricardo mitten in der in Knospen stehenden bürgerlichen Gesellschaft war längst zerronnen. Auch der interessierte Optimismus der vulgär-manchesterlichen Harmonielehre war unter dem niederschmetternden Eindruck des Weltkrachs der 70er Jahre [1*] sowie unter den wuchtigen Schlägen des seit den 60er Jahren in allen kapitalistischen Ländern entbrannten heftigen Klassenkampfes [2*] verstummt. Selbst von den sozialreformerisch geflickten Harmonien, die sich namentlich in Deutschland noch Anfang der 80er Jahre breitgemacht hatten, war sehr bald nur der Katzenjammer geblieben, die 12jährige Prüfungszeit des Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie [3*] hatte eine grausame Ernüchterung gebracht, alle Harmonieschleier endgültig zerrissen und die nackte Wirklichkeit der kapitalistischen Gegensätze in ihrer ganzen Schroffheit enthüllt. Optimismus war seitdem nur noch im Lager der aufstrebenden Arbeiterklasse und ihrer theoretischen Wortführer möglich. Ein Optimismus freilich nicht in bezug auf das natürliche oder künstlich hergestellte innere Gleichgewicht der kapitalistischen Wirtschaft und ihre ewige Dauer, sondern in dem Sinne, daß die von ihr mächtig geförderte Entfaltung der Produktivkräfte gerade durch ihre inneren Widersprüche einen ausgezeichneten historischen Boden für die fortschrittliche Entwicklung der Gesellschaft zu neuen ökonomischen und sozialen Formen biete. Die negative, herabdrückende Tendenz der ersten Periode des Kapitalismus, die einst Sismondi allein vor den Augen hatte und die noch Rodbertus in den 40er und 50er Jahren sah, war jetzt aufgewogen durch die emporhebende Tendenz: das hoffnungsvolle und siegreiche Aufstreben der Arbeiterklasse in ihrer gewerkschaftlichen und politischen Aktion.

So war das Milieu in Westeuropa beschaffen. Anders sah es freilich um dieselbe Zeit in Rußland aus. Hier stellen die siebziger und achtziger Jahre in jeder Hinsicht eine Übergangszeit, eine Periode der inneren Krise mit all ihren Qualen dar. Die Großindustrie feierte erst eigentlich ihren Einzug unter der Einwirkung der hochschutzzöllnerischen Periode. In der nun einsetzenden forcierten Förderung des Kapitalismus durch die absolutistische Regierung bildete namentlich die Einführung des Goldzolls an der westlichen Grenze im Jahre 1877 [4*] einen Markstein. Die „primitive Akkumulation“ des Kapitals gedieh in Rußland unter der Begünstigung allerlei staatlicher Subsidien, Garantien, Prämien und Staatsbestellungen herrlich und erntete Profite, die im Westen um jene Zeit bereits ins Reich der Fabel gehörten. Die inneren Zustände Rußlands boten dabei ein nichts weniger als anziehendes und hoffnungsvolles Bild dar. Auf dem platten Lande zeitigte der Niedergang und die Zersetzung der bäuerlichen Wirtschaft unter dem Druck der fiskalischen Auspowerung und der Geldwirtschaft grauenvolle Zustände, periodische Hungersnöte und periodische Bauernunruhen. Andererseits war das Fabrikproletariat in den Städten sozial und geistig noch nicht zu einer modernen Arbeiterklasse konsolidiert. Namentlich in dem größten industriellen Zentralbezirk Moskau-Wladimir, dem wichtigsten Sitz der russischen Textilindustrie, war es noch zum großen Teil mit der Landwirtschaft verwachsen und halb bäuerisch.

Dementsprechend primitive Formen der Ausbeutung riefen primitive Äußerungen der Abwehr auf den Plan. Anfangs der 80er Jahre sollten erst die spontanen Fabriktumulte im Moskauer Bezirk, bei denen Maschinen zertrümmert wurden [5*], den Anstoß zu den ersten Grundlagen einer Fabrikgesetzgebung im Zarenreiche geben.

Wies so die wirtschaftliche Seite des öffentlichen Lebens in Rußland auf jedem Schritt schreiende Dissonanzen einer Übergangsperiode auf, so entsprach ihr auch eine Krise im geistigen Leben. Der „volkstümlerische“, bodenständige russische Sozialismus [6*], der theoretisch auf den Eigentümlichkeiten der russischen Agrarverfassung basierte, war nach dem Fiasko seines äußersten revolutionären Ausdrucks: der terroristischen Partei der „Narodnaja Wolja“ [7*], politisch bankrott. Andererseits waren die ersten Schriften Georg Plechanows, die den marxistischen Gedankengängen in Rußland Eingang verschaffen sollten, erst 1883 und 1885 erschienen und etwa für ein Jahrzehnt noch von scheinbar geringem Einfluß geblieben. Während der 80er Jahre und bis in die 90er Jahre hinein war das geistige Leben der russischen Intelligenz, namentlich der oppositionell gesinnten, sozialistischen Intelligenz, von einem seltsamen Gemisch „bodenständiger“ Überbleibsel der Volkstümelei mit aufgegriffenen Elementen der Marxschen Theorie beherrscht, ein Gemisch, dessen hervorstechenden Zug die Skepsis in bezug auf die Entwicklungsmöglichkeiten des Kapitalismus in Rußland bildete.

Die Frage, ob Rußland die kapitalistische Entwicklung nach dem Beispiel des westlichen Europa durchmachen soll, beschäftigte sehr früh die russische Intelligenz. Diese sah auch in Westeuropa vorerst nur die Schattenseiten des Kapitalismus, seine zersetzende Wirkung auf die hergebrachten patriarchalischen Produktionsformen und auf den Wohlstand und die Sicherheit der Existenz breiter Volksmassen. Andererseits erschien das russische bäuerliche Gemeineigentum an Grund und Boden, die berühmte „Obschtschina“ [8*], als ein möglicher Ausgangspunkt für eine höhere soziale Entwicklung in Rußland, das unter Umgehung des kapitalistischen Stadiums mit seinen Leiden auf einem kürzeren und weniger qualvollen Wege als die westeuropäischen Länder in das gelobte Land des Sozialismus gelangen würde. Sollte man nun diese glückliche Ausnahmelage, diese einzigartige geschichtliche Gelegenheit verscherzen, indem man durch eine forcierte Verpflanzung der kapitalistischen Produktion nach Rußland unter staatlicher Beihilfe die bäuerlichen Besitz- und Produktionsformen vernichtete, der Proletarisierung, dem Elend und der Unsicherheit der Existenz der arbeitenden Massen Tür und Tor öffnete?