Gerade die politische Isolierung des Proletariats in Deutschland, auf die sich Genosse Kautsky beruft, gerade die Tatsache, daß die gesamte Bourgeoisie bis ins Kleinbürgertum hinein wie eine Mauer hinter der Regierung steht, bringt es mit sich, daß jeder große politische Kampf gegen die Regierung sich zugleich zum Kampfe gegen die Bourgeoisie, gegen die Ausbeutung gestaltet. Und dieselben Umstände bürgen uns dafür, daß jede energische revolutionäre Massenaktion in Deutschland nicht die parlamentarischen Formen des Liberalismus oder die ehemaligen Kampfformen des revolutionären Kleinbürgertums, die der kurzen Barrikadenschlacht, sondern die klassische proletarische Form, die des Massenstreiks, annehmen wird.
Und endlich gerade weil wir in Deutschland „ein halbes Jahrhundert sozialistischer Aufklärung und politischer Freiheit“ hinter uns haben, muß die Aktion des Proletariats, sobald die Situation so weit reif ist, daß die Massen auf dem Plan erscheinen, aus Anlaß jedes politischen Kampfes alle veralteten Rechnungen mit der privaten und staatlichen Ausbeutung aufrollen und dem politischen einen wirtschaftlichen Massenkampf zugesellen. Denn, schrieb Genosse Kautsky im Jahre 1907, wir haben auch nicht den mindesten Grund, anzunehmen, daß der Grad der Ausbeutung des deutschen Proletariats ein geringerer sei als in Rußland. Im Gegenteil, wir haben gesehen, daß mit dem Fortschreiten des Kapitalismus die Ausbeutung des Proletariats steigt. Ist der deutsche Arbeiter vielfach noch besser gestellt als der russische, so ist dafür die Produktivität seiner Arbeit auch eine viel größere und sind seine Bedürfnisse entsprechend der allgemeinen Lebenshaltung der Nation viel höhere, so daß der deutsche Arbeiter das kapitalistische Joch vielleicht noch schmerzlicher empfindet als der russische. [3*] Genosse Kautsky, der jetzt so farbenprächtig ausmalt, wie der deutsche Arbeiter mit „Vereinen, Versammlungen, Wahlen aller Art vollauf beschäftigt“ ist, hat in diesem Moment die ganzen enormen Sklavenscharen der preußisch-deutschen Staatsarbeiter, der Eisenbahner, der Postangestellten sowie der Landarbeiter vergessen, die leider in sehr geringem Maße das Vergnügen haben, von „Vereinen, Versammlungen und Wahlen aller Art“ beschäftigt zu sein, dieweil ihnen das Koalitionsrecht rechtlich oder faktisch fehlt. Er hat vergessen, daß diese enormen Kategorien politisch wie wirtschaftlich mitten in der königlich preußischen Freiheit in echt „russischen“ Zuständen leben, daß also gerade diese Kategorien – von Bergarbeitern gar nicht zu reden – bei einer politischen Erschütterung unmöglich den Kadavergehorsam bewahren und nicht auch ihre Sonderrechnungen in Form von riesigen Massenstreiks präsentieren.
Doch blicken wir auf „Westeuropa“. Genosse Kautsky, der dies alles bestreitet, müßte sich noch mit einer anderen Opponentin als ich auseinandersetzen, mit der Wirklichkeit. Was sehen wir nämlich hier, wenn wir nur die wichtigsten Massenstreiks der letzten zehn Jahre hervorheben?
Die großen belgischen Massenstreiks, die das allgemeine Wahlrecht errungen haben, stehen noch isoliert in den neunziger Jahren als kühnes Experiment da. Seitdem aber, welche Fülle und Mannigfaltigkeit!
Im Jahre 1900 der Massenstreik der Bergarbeiter in Pennsylvania, der nach dem Zeugnis der amerikanischen Genossen mehr für die Ausbreitung der sozialistischen Ideen getan hat als zehn Jahre Agitation, 1900 gleichfalls Massenstreik der Bergarbeiter in Österreich, 1902 Massenstreik der Bergarbeiter in Frankreich, 1902 Generalstreik in der gesamten Produktion in Barcelona zur Unterstützung der kämpfenden Metallarbeiter, 1902 Demonstrationsmassenstreik in Schweden für das allgemeine, gleiche Wahlrecht, 1902 Massenstreik in Belgien für das allgemeine, gleiche Wahlrecht, 1902 Massenstreik der Landarbeiter in ganz Ostgalizien (über 200.000) zum Schutze des Koalitionsrechtes, 1903 im Januar und April zwei Massenstreiks der Eisenbahner in Holland, 1904 Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn, 1904 Demonstrationsmassenstreik in Italien als Protest gegen die Metzeleien in Sardinien, im Januar 1905 Massenstreik der Bergarbeiter im Ruhrrevier, im Oktober 1905 Demonstrationsmassenstreik in Prag und Umgegend (100.000 Arbeiter) für das gleiche, allgemeine Wahlrecht zum böhmischen Landtag, im Oktober 1905 Demonstrationsmassenstreik in Lemberg für das allgemeine, gleiche Wahlrecht zum galizischen Landtag, im November 1905 Demonstrationsmassenstreik in ganz Österreich für das allgemeine, gleiche Wahlrecht zum Reichsrat, 1905 Massenstreik der Landarbeiter in Italien, 1905 Massenstreik der Eisenbahner in Italien, 1906 Demonstrationsmassenstreik in Triest für das allgemeine, gleiche Wahlrecht zum Landtag, der die Reform auch siegreich erzwungen hat, 1906 Massenstreik der Hüttenarbeiter in Witkowitz (Mähren) zur Unterstützung von 400 wegen der Maifeier entlassenen Vertrauensmännern, siegreich beendet, 1909 Massenstreik in Schweden zur Verteidigung des Koalitionsrechtes, 1909 Massenstreik der Postangestellten in Frankreich, im Oktober 1909 Demonstrationsstreik sämtlicher Arbeiter in Trient und Rovereto als Protest gegen politische Verfolgungen der Sozialdemokratie, 1910 Massenstreik in Philadelphia zur Unterstützung der Trambahnangestellten im Kampfe um das Koalitionsrecht und in diesem Augenblick Vorbereitungen zum Massenstreik der Eisenbahner in Frankreich.
So sieht die „Unmöglichkeit“ der Massenstreiks, insbesondere der Demonstrationsmassenstreiks, in „Westeuropa“ aus, die Genosse Kautsky so schön schwarz auf weiß nachgewiesen hat. Genosse Kautsky hat theoretisch wie auf flacher Hand die Unmöglichkeit der Vermengung politischer und ökonomischer Streiks, die Unmöglichkeit allgemeiner imposanter Demonstrationsmassenstreiks, die Unmöglichkeit der Massenstreiks als einer Periode wiederholter Einzelkämpfe erwiesen, und er hat vergessen, daß wir seit zehn Jahren in einer Periode von ökonomischen, politischen, Kampf- und Demonstrationsmassenstreiks leben, einer Periode, die sich mit auffallender Übereinstimmung fast auf alle „westeuropäischen Länder“ sowie auf die Vereinigten Staaten erstreckt, auf kapitalistisch zurückgebliebenste wie Spanien und auf die fortgeschrittensten wie Nordamerika, auf Länder mit schwächster Gewerkschaftsbewegung wie Frankreich und auf solche mit strammen sozialdemokratischen Gewerkschaften wie Österreich, auf das agrarische Galizien und auf das hochindustrielle Böhmen, auf halbfeudale Staaten wie die habsburgische Monarchie, auf Republiken wie Frankreich und auf absolutistische Staaten wie Rußland. Neben den aufgezählten steht nämlich noch die grandiose Massenstreikaktion Rußlands 1902 bis 1906, die gezeigt hat, wie die Bedeutung und der Umfang des Massenstreiks erst zusammen mit der revolutionären Situation und der politischen Aktion des Proletariats wachsen.
Denn während wir über den politischen Streik diskutieren und nach seiner theoretischen Formulierung und Begründung suchen, entbrennt spontan, durch Selbstentzündung der Massen, ein gewaltiger politischer Massenstreik nach dem anderen – oder wird jeder Massenstreik zu einer politischen Aktion, gipfelt jede große politische Kraftprobe in einem Massenstreik, sei es bei den Bergarbeitern, sei es unter den Proletariern Rußlands, den Landarbeitern und Eisenbahnern Italiens usw. [4*] Demnach scheint es beinahe, als wenn Genosse Kautsky durch seine neueste Theorie von der Unmöglichkeit einer Periode politischer Massenstreiks in Deutschland nicht einen Gegensatz zwischen Rußland und Westeuropa, sondern vielmehr einen Gegensatz zwischen Deutschland und der übrigen Welt, eingeschlossen Westeuropa wie Rußland, nachgewiesen hätte. Preußen müßte in der Tat eine Ausnahme unter allen kapitalistischen Ländern sein, wenn das wahr wäre, was Genosse Kautsky über die Unmöglichkeit selbst kurzer allgemeiner Demonstrationsmassenstreiks in Preußen ausführt. Es soll „gar nicht daran zu denken“ sein, „daß bei uns in einem Demonstrationsstreik gegen die Regierung Stadtbahnen, Straßenbahnen, Gaswerke zum Stillstand kommen“, daß wir in Deutschland einen Demonstrationsstreik erleben, der „das ganze Straßenbild ändert und dadurch auf die gesamte bürgerliche Welt wie auch auf die indifferentesten Schichten des Proletariats den tiefsten Eindruck macht“. [3] Dann müßte aber in Deutschland undenkbar sein, was in Galizien, in Böhmen, in Italien, in Ungarn, in Triest, Trient, in Spanien, in Schweden sich als möglich erwiesen hat. In allen diesen Ländern und Städten haben glänzende Demonstrationsstreiks stattgefunden, die „das Straßenbild“ gänzlich veränderten. In Böhmen herrschte am 20. November 1905 eine absolut allgemeine Arbeitsruhe, die sich selbst auf die Landwirtschaft erstreckte, was man in Rußland noch nicht erlebt hat. In Italien haben im September 1904 die Landarbeiter, die Trambahnen, Elektrizitäts- und Gaswerke gefeiert, sogar die gesamte Tagespresse hatte ihr Erscheinen einstellen müssen. „Es ist wohl der vollständigste Generalstreik gewesen“, schrieb die Neue Zeit, „den die Geschichte kennt: man hatte drei volle Tage die Stadt Genua ohne Licht und Brot und Fleisch gelassen, man hatte das ganze wirtschaftliche Leben unterbunden.“ [5*] In Schweden waren in der Hauptstadt Stockholm sowohl 1902 wie 1909 in der ersten Woche sämtliche Verkehrsmittel – Straßenbahnen, Droschken, Rollfuhren, kommunale Arbeiten – stillgelegt. In Barcelona ruhte 1902 das gesamte wirtschaftliche Leben mehrere Tage.
Wir bekämen so schließlich in dem Preußen-Deutschland mit seiner „stärksten Regierung der Gegenwart“ und seinen besonderen deutschen Verhältnissen“, die allerlei Unmöglichkeiten der proletarischen Kampf- weise erklären sollen, die in der ganzen übrigen Welt möglich sind, ein unerwartetes Gegenstück zu jenen besonderen „bayerischen“ und „süddeutschen“ Verhältnissen, die Genosse Kautsky seinerzeit mit uns anderen so weidlich auslachte. Namentlich aber machen sich diese deutschen „Unmöglichkeiten“ schön angesichts der Tatsache, daß wir ja gerade in Deutschland die stärkste Partei, die stärksten Gewerkschaften, die beste Organisation, die größte Disziplin, das aufgeklärteste Proletariat und den größten Einfluß des Marxismus haben. Wir kämen ja auf diese Weise tatsächlich zu dem eigentümlichen Resultat, daß, je stärker die Sozialdemokratie, um so ohnmächtiger die Arbeiterklasse ist. Ich meine aber, sagen, daß in Deutschland heute Massenstreiks und Demonstrationsstreiks unmöglich sind, die in verschiedenen anderen Ländern möglich waren, heißt dem deutschen Proletariat ein Armutszeugnis ausstellen, das es noch durch nichts verdient hat.
Fußnoten von Rosa Luxemburg und der Neuen Zeit 1.* Der ebenso unmotivierte wie scharfe Angriff der Redaktion der Neuen Zeit in der letzten Nummer [siehe Verzeichnisseite, Fußnote 1*] und ihre Behauptung, daß mein Artikel „im gegenwärtigen Moment der Sache des Proletariats nur schaden könne“, zwingen mich zur folgenden Erwiderung: 1. Ich weise mit aller Entschiedenheit die Behauptung der Redaktion zurück, als handle es sich in der vorliegenden Diskussion um „meine Angelegenheit“, die mir „so ungeheuer wichtig“ erscheine. Die Frage des preußischen Wahlrechtskampfes und der in ihm anzuwendenden Taktik ist nicht „meine“ Angelegenheit. sondern die der sozialdemokratischen Bewegung Deutschlands.
2. Die Wahlrechtsfrage steht auf der Tagesordnung des Parteitages in Magdeburg. ist auch nach dem Vorfall in Baden von der Tagesordnung nicht abgesetzt worden. Es besteht deshalb für die Parteipresse. in erster Linie für das theoretische Diskussionsorgan der Partei. die einfache Pflicht, die Debatten des Parteitages durch allseitige Klärung der Frage vorzubereiten.
3. Die Anklage, ich entfache „Streit im eigenen Lager des Marxismus“, ist unbegründet. Der Marxismus ist nicht eine Clique, die es nötig hätte, ernste sachliche Meinungsdifferenzen vor der Welt zu vertuschen. Er ist eine große geistige Bewegung. die wir nicht mit uns paar Leuten identifizieren dürfen, eine Weltanschauung, die im offenen freien Ideenkampf groß geworden Ist und nur in ihm sich vor Verknöcherung zu bewahren vermag.
4. Die Erklärung der Redaktion, mein Artikel stelle „sich die Aufgabe, den Parteivorstand. den Vorwärts, überhaupt jene Elemente zu diskreditieren“, läuft auf die Behauptung hinaus, daß, wer die leitenden Parteiorgane und die von ihnen befolgte Politik kritisiert, dabei nur die Absicht haben könne, sie zu „diskreditieren“. Das ist wörtlich dasselbe Argument, womit bis jetzt die Gewerkschaftsführer jede Kritik an der Politik der Gewerkschaften. insbesondere auch die Kritik des Redakteurs der Neuen Zeit, abzuwehren suchten. Die Redaktion eines theoretischen Diskussionsorgans der Partei sollte die allerletzte sein, die zu klejnlichen Verdächtigungen der Kritiker innerhalb der Partei greift, auch wenn sie sich zufällig selbst unter den Kritisierten befindet.
5. Die mir von der Redaktion aus Rücksicht auf die badische Budgetabstimmung zugemutete Abbrechung der Diskussion über den preußischen Wahlrechtskampf bedeutete, daß wir die Fragen des Kampfes gegen die bürgerlichen Gegner auf unbestimmte Zeit zurückstellen, um uns ausschließlich für den Kampf in den eigenen Reihen zu sammeln. Da die Vorstöße von opportunistischer Seite seit einem Dutzend von Jahren gar nicht aufhören, so hieße es die Partei einfach unter Belagerungszustand durch den Opportunismus erklären, wollte man alle ernsten Debatten über die Taktik, alle Probleme der Weiterentwicklung der sozialdemokratischen Kampfweise jedesmal an den Nagel hängen, wenn es unseren Revisionisten beliebt, einen neuen Streich zu spielen. Ein so aufgeregtes Getue widerspricht auch den eigenen Worten der Redaktion an einer anderen Stelle. Die badische Angelegenheit muß mit Energie und Konsequenz erledigt werden. „Allein“, lesen wir im Leitartikel des Genossen Mehring in derselben Nummer der Neuen Zeit, „die Partei wird sich ihre frohe Kampfstimmung nicht durch diese Episode trüben lassen. Soweit sich bisher die Partei presse darüber geäußert hat, ist es mit derselben überlegenen Ruhe geschehen, womit Engels die Krähwinkeleien des ‚Kanton Badisch‘ zu betrachten pflegte.“ [1] Ich wünsche der Redaktion der Neuen Zeit etwas von dieser „frohen Kanipfstimmung“ und dieser „überlegenen Ruhe“. – Rosa Luxemburg Mit jener „überlegenen Ruhe“, die Genossin Luxemburg von uns fordert, drucken wir neben den dreißig Seiten ihres Artikels auch noch diese Erklärung ab und überlassen ruhig unseren Lesern das Urteil darüber, ob eine Polemik von der Art der vorliegenden im jetzigen Moment am Platze ist und ob das heftige Sträuben der Genossin Luxemburg gegen jede Zurückschiebung ihrer Antwort um einige wenige Wochen nicht eine Überschätzung der Wichtigkeit ihrer eigenen Ausführungen bedeutet. – Die Red.
2*. K. Kautsky, Triebkräfte und Aussichten der russischen Revolution, in: Neue Zeit, XXV, 1, S. 333.
4*. K. Kautsky, Die Lehren des Bergarbeiterstreiks, in: Neue Zeit, XXIII. S. 781.
5*. Oda Olberg, Der italienische Generalstreik, in: Neue Zeit, XXIII, 1, S. 19.
Anmerkungen 1. Franz Mehring: Kanton Badisch, in: Die Neue Zeit (Stuttgart), 28. Jg. 1909/10. Zweiter Band, S. 562.
2. R. Luxemburg, Massenstreik, Partei und Gewerkschaft, in R. Luxemburg, Gesammelte Werke, Bd. 2, S. 146–148 u. 149/150. Hervorhebungen nur hier.
3. K. Kautsky, Eine neue Strategie, in: Die Neue Zeit, 28. Jg. 1909/10, Zweiter Band, S. 370.
Die Theorie und die Praxis V Was bleibt eigentlich von der Massenstreiktheorie des Genossen Kautsky übrig, nachdem er alle die „Unmöglichkeiten“ nachgewiesen hat? Der eine „letzte“, rein politische Massenstreik, der nur ein einziges Mal, losgelöst von ökonomischen Streiks, aber ganz zum Schluß wie ein Donner aus heiterem Himmel einschlägt.
Hier, in dieser Auffassung, – sagt Genosse Kautsky – liegt der tiefste Grund der Differenzen über den Massenstreik, die zwischen meinen Freunden und mir bestehen. Sie erwarten eine Periode der Massenstreiks, ich vermag mir unter Verhältnissen, wie sie in Deutschland bestehen, einen politischen Massenstreik nur als ein einmaliges Ereignis vorzustellen [Hervorhebung – R.L.], in den das ganze Proletariat des Reiches mit seiner ganzen Macht eintritt, als einen Kampf auf Leben und Tod, als einen Kampf, der unsere Gegner niederringt oder die Gesamtheit unserer Organisationen und unsere ganze Macht für Jahre hinaus zerschmettert oder mindestens lähmt. [1] Zu diesem Bilde des „letzten Massenstreiks“, wie es dem Genossen Kautsky vorschwebt, ist nun vor allem zu sagen, daß es jedenfalls eine ganz neue Schöpfung ist, die nicht nach der Wirklichkeit, sondern aus reiner „Vorstellung“ gezeichnet ist. Denn es paßt nicht nur zu keinem russischen Vorbild; auch nicht ein Massenstreik unter den vielen, die in „Westeuropa“ oder den Vereinigten Staaten stattgefunden haben, ähnelt annähernd dem vom Genossen Kautsky für Deutschland erfundenen Exemplar. Keiner von den bisher bekannten Massenstreiks war ein „letzter“ Kampf „auf Leben und Tod“, keiner hat zum völligen Siege der Arbeiter geführt, keiner aber auch „die Gesamtheit der Organisationen“ und „die ganze Macht“ des Proletariats „auf Jahre hinaus zerschmettert“. Der Erfolg war meist nur ein teilweiser und ein mittelbarer. Die Riesenstreiks der Bergarbeiter endeten gewöhnlich unmittelbar mit einer Niederlage, im weiteren Gefolge hatten sie aber wichtige soziale Reformen durch ihren Druck erzielt: in Österreich den Neunstundentag, in Frankreich den Achtstundentag. Der belgische Massenstreik im Jahre 1893 [2] hat als hochwichtiges Ergebnis die Eroberung des allgemeinen, ungleichen Wahlrechts gehabt. Der schwedische Massenstreik des vorigen Jahres [3] hat formal mit einem Kompromiß abgeschlossen, im Grunde genommen eine Generalattacke des koalierten Unternehmertums auf die schwedischen Gewerkschaften abgewehrt. Die österreichischen Demonstrationsstreiks [4] haben die Wahlreform mächtig gefördert. Die Massenstreiks der Landarbeiter haben, bei ihrer formalen teilweisen Ergebnislosigkeit, die Organisation unter den Landarbeitern in Italien und Galizien gestärkt. Alle Massen streiks, ob ökonomische oder politische, demonstrative oder Kampfstreiks, haben das gehalten, was die Genossin Oda Olberg so treffend in ihrer Bilanz des italienischen Eisenbahnerstreiks seinerzeit in der Neuen Zeit schrieb: Die Errungenschaften des politischen Streiks sind nicht einzuschätzen: je nach dem Grade des proletarischen Klassenbewußtseins wechselt ihr Wert. Ein mit Kraft und Solidarität durchgeführter politischer Streik ist immer unverloren, weil er das ist, was er bezweckt, eine Machtentfaltung des Proletariats, bei der die Kämpfenden ihre Kraft und ihr Verantwortungsgefühl stählen und die herrschenden Klassen der Stärke der Gegner bewußt werden. [1*] Hat aber bis jetzt noch jeder Massenstreik ohne Ausnahme, in „Westeuropa“ wie in Rußland, im strikten Gegensatz zum neuesten Schema des Genossen Kautsky weder völligen Sieg noch die Zerschmetterung des Proletariats gebracht, sondern umgekehrt fast immer eine Stärkung der Organisationen, des Klassenbewußtseins und des Machtgefühls der Arbeiter, so entsteht auf der anderen Seite die Frage: Wie kann in Deutschland jener große und „letzte“, jener apokalyptische Massenstreik, bei dem die stärksten Eichen krachen, die Erde berstet und die Gräber sich öffnen, überhaupt zustande kommen, wenn die Masse des Proletariats nicht vorher durch eine ganze lange Periode von Massenstreiks, von ökonomischen oder politischen Massenkämpfen dazu vorbereitet, geschult, aufgerüttelt wird? In diesen „letzten“ Massenstreik soll sich ja nach dem Genossen Kautsky „das ganze Proletariat des Reichs“ und noch dazu „mit seiner ganzen Macht“ stürzen. Wie sollen aber plötzlich die preußisch-deutschen Staatsarbeiter, die Eisenbahner, Postbeamten usw., die heute im „Kadavergehorsam“ erstarrt sind, die Landarbeiter, die kein Koalitionsrecht und keine Organisation haben, die breiten Schichten der Arbeiter, die noch in gegnerischen Organisationen, in christlichen, in Hirsch-Dunckerschen, gelben Gewerkschaften stecken, kurz, die ganze große Masse des deutschen Proletariats, die bis jetzt weder unserer gewerkschaftlichen Organisation noch der sozialdemokratischen Agitation zugänglich war, mit einem Sprunge für einen „letzten“ Massenstreik „auf Leben und Tod“ reif sein, wenn sie nicht durch eine vorhergehende Periode stürmischer Massenkampfe, Demonstrationsstreiks, partieller Massenstreiks, wirtschaftlicher Riesenkämpfe usw. nach und nach aus ihrer Starrheit, ihrem Kadaver- gehorsam, ihrer Zersplitterung losgelöst und der Gefolgschaft der Sozialdemokratie angegliedert wird?
Das muß wohl auch Genosse Kautsky einsehen. „Natürlich“, sagt er, „stelle ich mir dies einmalige Ereignis nicht als einen ‚aus der Pistole geschossenen‘ isolierten Akt vor. Auch ich erwarte eine Ära erbitterter Massenkampfe und Massenaktionen, aber den Massenstreik als die letzte Waffe.“ [5] Allein, welche „Massenkämpfe und Massenaktionen“ hat denn Genosse Kautsky im Sinne, die jenem „letzten“ Massenstreik vorausgehen und die selbst nicht aus Massenstreik bestehen sollen? Sollen es Straßendemonstrationen sein? Aber man kann nicht jahrzehntelang bloße Straßendemonstrationen machen. Und allgemeine, eindrucksvolle Demonstrationsstreiks sollen ja nach dem Genossen Kautsky in Deutschland eben ausgeschlossen sein; es sei ja „gar nicht daran zu denken, daß bei uns in einem Demonstrationsstreik gegen die Regierung Stadtbahnen, Straßenbahnen, Gaswerke zum Stillstand kommen“. Wirtschaftliche Massenstreiks können gleichfalls jene Vorbereitungsarbeit für den politischen Massen- streik nicht verrichten, sie sind ja nach dem Genossen Kautsky vom politischen Massenstreik streng fernzuhalten, sie seien ihm gar nicht förderlich, sondern geradezu schädlich. Worin sollen also schließlich jene „erbitterten“ Massenkampfe und Massenaktionen der Vorbereitungsära bestehen? Etwa in „erbitterten“ Reichstagswahlen oder in Versammlungen mit Protestresolutionen? Aber jene gewaltigen Schichten des nichtorganisierten oder gegnerisch organisierten Proletariats, auf die es beim „letzten“ Massenstreik ankommt, bleiben ja leider unseren Versammlungen fern. Und so ist es schlechterdings nicht abzusehen, wie wir eigentlich das „ganze Proletariat des Reiches“ für den letzten Kampf „auf Leben und Tod“ gewinnen, aufrütteln und schulen werden. Ob Genosse Kautsky es will oder nicht, sein letzter Massenstreik kommt eben, da er eine Periode von Massenstreiks wirtschaftlichen und politischen Charakters ausschließt, einfach aus der Pistole geschossen.
Schließlich muß man sich aber fragen: Was ist das eigentlich für ein „letzter“ Massenstreik, der nur einmal kommt und in dem das ganze Proletariat des Reiches mit seiner ganzen Macht auf Leben und Tod ringt? Soll darunter ein periodischer „letzter“ Massenstreik verstanden sein, der in jeder großen politischen Kampagne, also etwa um das preußische Wahlrecht, um das Reichstagswahlrecht, zur Verhinderung eines verbrecherischen Krieges usw., zum Schluß die Entscheidung gibt? Aber man kann nicht periodisch und mehrmals „auf Leben und Tod“ kämpfen. Ein so ausgemalter Massenstreik, in dem „das ganze Proletariat“ und obendrein „mit ganzer Macht“ „auf Leben und Tod“ ringt, kann nur jener Kampf sein, wo es sich um die ganze politische Macht im Staate handelt, das kann offenbar nur jener „letzte“ Kampf „auf Leben und Tod“ sein, in dem das Proletariat um seine Diktatur ringt, um dem bürgerlichen Klassen- staat den Garaus zu machen. Der politische Massenstreik für Deutschland verschiebt sich auf diese Weise immer weiter; erst wurde er durch die „Ermattungsstrategie“ nach den Reichstagswahlen im nächsten Jahr erwartet, jetzt entschwindet er als der „letzte“, der einzige Massenstreik unseren Blicken und neckt uns gar aus bläulicher Ferne der – sozialen Revolution.
Erinnern wir uns jetzt noch an die Bedingungen, die Genosse Kautsky in seinem ersten Artikel Was nun? an die Ausführung des politischen Massenstreiks knüpfte: die strengste Geheimhaltung der Vorbereitungen vor dem Feinde, Beschlußfassung durch den obersten „Kriegsrat“ der Partei, möglichste Überrumpelung der Gegner – und wir bekommen unversehens ein Gedankenbild, das eine starke Ähnlichkeit mit dem „letzten, großen Tag“, dem Generalstreik nach anarchistischem Rezept hat. Die Idee des Massenstreiks verwandelt sich aus einem geschichtlichen Prozeß der modernen proletarischen Klassenkämpfe in ihrer jahrzehntelangen Schlußperiode in einen Kladderadatsch, in dem das „ganze Proletariat des Reichs“ plötzlich mit einem Ruck der bürgerlichen Gesellschaftsordnung den Garaus macht.
Wie schrieb doch Genosse Kautsky 1907 in seiner Sozialen Revolution, 2. Auflage, Seite 54: Das ist unsinnig. Ein Generalstreik in dem Sinne, daß alle Arbeiter eines Landes auf ein gegebenes Zeichen die Arbeit niederlegen, setzt eine Einmütigkeit und eine Organisation der Arbeiter voraus, die in der heutigen Gesellschaft kaum je erreicht werden kann, und die, wenn einmal erreicht, so unwiderstehlich wäre, daß sie des Generalstreiks nicht erst bedürfte. Ein solcher Streik würde aber mit einem Ruck nicht bloß die bestehende Gesellschaft, sondern überhaupt jede Existenz unmöglich machen, die der Proletarier noch eher al die der Kapitalisten, er müßte also unfehlbar gerade in dem Moment usammenbrechen, in dem er seine revolutionäre Wirksamkeit zu entfalten begänne.
Der Streik als politisches Kampfmittel wird kaum je, sicher nicht in absehbarer Zeit, die Form eines Streikes aller Arbeiter eines Landes annehmen...Wir gehen einer Zeit entgegen, wo gegenüber der Übermacht der Unternehmerorganisationen der isolierte, unpolitische Streik ebenso aussichtslos sein wird, wie gegenüber dem Druck der von den Kapitalisten abhängigen Staatsgewalt die isolierte parlamentarische Aktion der Arbeiterparteien. Es wird immer notwendiger werden, daß beide sich ergänzen und aus ihrem Zusammenwirken neue Kräfte saugen.
Wie der Gebrauch jeder neuen Waffe, so muß auch der des politischen Streiks erst gelernt werden. [6] [Hervorhebung – R.L.]
So hat Genosse Kautsky, je mehr er zur Rechtfertigung seiner Stellungnahme im preußischen Wahlrechtskampf zu breiten theoretischen Verallgemeinerungen ausholte, um so mehr die allgemeinen Perspektiven der Entwicklung des Klassenkampfes in Westeuropa und in Deutschland aus dem Auge verloren, die zu zeichnen er selbst in den letzten Jahren nicht müde wurde. Er hat wohl auch selbst das unbehagliche Gefühl der In- kongruenz seiner jetzigen mit seinen früheren Gesichtspunkten gehabt und war deshalb so zuvorkommend, im letzten, dritten Teil seiner Replik gegen mich seine Artikelserie aus dem Jahre 1904 Allerhand Revolutionäres ausführlich zu reproduzieren. Der krasse Widerspruch ist freilich dadurch nicht aus der Welt geschafft, er hat nur den chaotischen, schillernden Charakter jenes letzten Artikelteils verursacht, der den Genuß bei dessen Lektüre so ungemein beeinträchtigt.
Doch nicht jene Artikelserie allein bildet eine schrille Dissonanz mit dem, was Genosse Kautsky jetzt ausführt. In seiner Sozialen Revolution lesen wir von einer ganzen langen Periode revolutionärer Kämpfe, in die wir eintreten werden und in denen der politische Massenstreik „sicher eine große Rolle spielen“ wird (S.54). Die ganze Broschüre Der Weg zur Macht ist der Schilderung derselben Perspektiven gewidmet. Ja, hier sind wir bereits. in die revolutionäre Periode eingetreten. Hier revidiert Genosse Kautsky das „politische Testament“ von Friedrich Engels und erklärt, die Zeit der „Ermattungsstrategie“, die ja in der gesetzlichen Ausnutzung der gegebenen staatlichen Grundlage besteht, sei bereits vorüber: Anfangs der neunziger Jahre – sagte er – habe ich anerkannt, daß eine ruhige Weiterentwicklung der proletarischen Organisationen und des proletarischen Klassenkampf es auf den gegebenen staatlichen Grundlagen das Proletariat in der Situation jener Zeit am weitesten vorwärtsbringe. Man wird mir also nicht vorwerfen können, es sei das Bedürfnis, mich in Rrrevolution und Rrradikalismus zu berauschen, wenn mich die Beobachtung der heutigen Situation zu der Anschauung führt, daß die Verhältnisse seit dem Anfang der neunziger Jahre gründlich geändert sind, daß wir alle Ursache haben, anzunehmen, wir seien jetzt in eine Periode von Kämpfen um die Staatseinrichtungen und die Staatsmacht eingetreten, Kämpfe, die sich unter mannigfachen Wechselfällen durch Jahrzehnte hinziehen können, deren Formen und Dauer vorläufig noch unabsehbar sind, die aber höchst wahrscheinlich bereits in absehbarer Zeit erhebliche Machtverschiebungen zugunsten des Proletariats, wenn nicht schon seine Alleinherrschaft in Westeuropa herbeiführen.
Und weiter: Und weiter: In dieser allgemeinen Unsicherheit sind aber die nächsten Aufgaben des Proletariats klar gegeben. Wir haben sie bereits entwickelt. Es kommt nicht mehr vorwärts ohne Änderung der staatlichen Grundlagen, auf denen es seinen Kampf führt. Die Demokratie im Reich, aber auch in den Einzelstaaten, namentlich in Preußen und Sachsen, aufs energischste anzustreben, das ist seine nächste Aufgabe in Deutschland; seine nächste internationale Aufgabe der Kampf gegen Weltpolitik und Militarismus.
Ebenso klar wie diese Aufgaben liegen auch die Mittel zutage, die uns zu ihrer Lösung zu Gebote stehen. Zu den bisher schon angewandten ist noch der Massenstreik getreten, den wir theoretisch bereits anfangs der neunziger Jahre akzeptierten, dessen Anwendbarkeit unter günstigen Umständen seitdem wiederholt erprobt wurde. [2*] [Hervorhebungen – R.L.]
In seiner Sozialen Revolution, im Weg zur Macht, in der Neuen Zeit predigte Genosse Kautsky den deutschen Gewerkschaften den „politischen Streik“ als die „neue Taktik“, die immer mehr geboten sei angesichts der Tatsache, daß der rein gewerkschaftliche Streik durch die Unternehmerverbände immer mehr zur Erfolglosigkeit verurteilt werde. Diese Auffassung war es ja, die ihm im vergangenen Jahre die erbitterte Fehde mit dem Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften [Deutschlands] eingetragen hat.
Jetzt will Genosse Kautsky ökonomische Streiks von politischer Aktion streng scheiden, jetzt erklärt er, daß alle Streiks in Westeuropa unbedingt „bestimmte Erfolge“ erreichen [müssen], sonst haben sie „ihren Zweck verfehlt“, und zu Mitteln, welche „das Proletariat organisieren, seine Einsicht und sein Kraftgefühl heben und das Zutrauen der Volksmasse zu seinen Organisationen mehren“, zählt er nur „glücklich ausgefochtene Lohnbewegungen“. Jetzt brauchen wir überhaupt nichts dringender als „sichtbare Erfolge“, um den Massen zu imponieren. „Es gibt aber wenig Erfolge, die so sinnenfällig der Masse unsere steigende Kraft dokumentieren wie Wahlsiege, wie die Eroberung neuer Mandate.“ [7] Also Reichstagswahlen und Mandate – das ist Moses und die Propheten!