SigPhi · Sándor Ferenczi

Versuch einer Genitaltheorie

German

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Die erste Wirkung jeder äußeren Erschütterung wird wohl schlummernde Autotomietendenzen der Organismen (Todes- trieb) entfachen; die Elemente des Organischen wollen ja gewiß die Gelegenheit zum Sterben, die sich ihnen dar- bietet, nicht unbenutzt lassen. Wenn aber die Störung all- zu stürmisch, also traumatisch und nicht im allmählichen Tempo des seinerzeitigen Aufbaues erfolgt, so kommt es zu einer unvollkommenen „Entmischung" (Freud) des Organischen und die Elemente der beginnenden Auflösung werden zu Bausteinen einer Fortentwicklung, gleichwie die von Jacques Loeb mit Hilfe hypotonischen Seewassers künstlich befruchteten Seeigeleier an der Peripherie ab- sterben, der Cytolyse verfallen, dann aber aus den ab- gestorbenen Zellteilen eine Membran bilden, die vor wei- terem Zerfalle schützt, während unter der Fortwrirkung des erhaltenen Stoßes das Zellinnere sich zu entfalten bei) Ein schönes Beispiel der „organischen Zensur" liefert das Ver- halten gewisser winterschlafender Tiere. Ihr Körper kühlt beim Sinken der äußeren Temperatur immer mehr ab. Sinkt aber die Körpertemperatur unter eine gewisse Grenze, so kommt es zu plötzlicher Wärmeproduktion, die Regression zur Poikilothermie wird rückgängig gemacht und das Tier erwacht: aus dem Rückenmarktier wird wieder ein Gehirntier.

122 Versuch einer Geniialtheorie ginnt.1 Die Frage der Philosophen, wie wir uns solche Rege- neration und Fortentwicklung vorzustellen haben, läßt sich auch ohne Zuhilfenahme mystischer Vorstellungen beant- worten. Es mag sein, daß der darin sich äußernde „Altruis- mus" nur die geschickte Kombination von Elementar egoismen ist; es ist aber auch sehr gut möglich, daß der bereits erreicht gewesene Grad der Komplikation auf die Zerfallsprodukte im Sinne einer Regression wirkt oder wenigstens dazu beiträgt, daß es die Organismen mit dem Absterben nicht so eilig haben, sondern aus ihrem eigenen Detritus sich selbst wieder aufbauen, ja die vis a tergo, die sie bei der partiellen Zerstörung erhielten, zur Weiterentwicklung verwerten.

Wie dem auch sei, die bioanalytische Auffassung der Entwicklungsvorgänge sieht überall nur Wünsche nach Wiederherstellung früherer Lebens- oder Todeszu- stände am Werke. Sie lernte von der psychoanalytischen Beobachtung der Hysterie, daß die psychische Macht des Wunsches auch im Organischen wirksam sei, daß ein Wunsch sich im Körper,, materialisieren", den Körper nach seinem Vorstellungsbilde ummodeln kann. Wir haben keinen Grund auszuschließen, daß solche Wunschtendenzen auch außerhalb des Psychischen, also im biologischen Un- bewußten wirken, ja wir sind geneigt, anzunehmen und können uns dabei der Übereinstimmung mit Freud rüh- men, daß erst die Zuhilfenahme des Wunsches als Ent- wicklungsfaktor die Lamarck'sche Anpassungstheorie ver- ständlich macht.

i) Die Einwirkung des Spermium auf das Ei dürfte gleichfalls mit einer Zerstörung beginnen, deren regressive Richtung dann ins „Pro- gressive" umschlägt.

X. Bio analytische Konsequenzen 123 Um auf den Grundgedanken zurückzukommen: in der biologischen Schichtung der Organismen werden alle früheren Etappen irgendwie erhalten und durch Zensurwiderstände auseinander gehalten, so daß es auch beim lebenden Orga- nismus mit Hilfe einer analytischen Untersuchung gelingen müßte, aus dem aktuellen Verhalten und aktuellen Funktions- weisen die entferntesten Vergangenheiten zu rekonstruieren.

Jedenfalls mußten wir es aber aufgeben, allzu komplexe Vorgänge als letzte Erklärungen der Entwicklung hinzu- nehmen. Wenn z. B. Lamarck den Gebrauch oder Nicht- gebrauch der Organe für die Fort- oder Rückbildung verantwortlich macht, so übersieht er, daß er das eigentliche Problem umgeht, die Frage nämlich, warum im Lebendigen der Gebrauch eines Organes nicht wie bei der anorganischen Maschine zur Abnützung, sondern zur Erstarkung führt. Erst die Beobachtungen, die wir bei der Hysterie und den Pathoneurosen1 machten, zeigen uns, wie unter dem Ein- fluß des Wunsches nach Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichts, unter Einziehung anderer Besetzungen, eine überstarke Gegenbesetzung an der gestörten Körperpartie aufgerichtet wird, die einerseits als Schutz des übrigen Organismus vor der einwirkenden Schädlichkeit, anderer- seits als Kraftquelle zur Heilung und Regeneration sich betätigt. Auch bei chronisch störenden Einwirkungen auf die Organfunktionen könnte es so zugehen und wir hätten so in der hysterischen und pathoneurotischen Reaktionsweise ein Vorbild für die Energieverschiebungen bei jeder An- passungs- und Entwicklungsleistung.

1) S. Hysterie und Pathoneurosen. Vom Verf. 191 9.

124 Versuch einer Genitaltheorie Es sei nur nebstbei bemerkt, daß bei der von uns postulierten Wiederkehr der verdrängten Lust in den not- gedrungen angenommenen, ja zu Triebenergien introjizierten Unlustmomenten vielleicht die eigentliche Erklärung der nach Spencer die Entwicklung beherrschenden Alterna- tive der Differenzierung und der Integrierung liegt. Die Not zwingt die Organismen zu Variationen; die ver- drängte Lust läßt sie immer wieder zur verlassenen Situation regredieren und letztere gleichsam,, redintegrieren".

Wahrscheinlich bemächtigt sich der Regressionstrieb bei der notgedrungenen Anpassung an eine neue Situation zunächst jener Organe und Funktionen, die durch die Ent- wicklung,, beschäftigungslos" geworden sind. Es ist z. B. auffällig, daß bei allen geschwänzten Tieren (Hunden, Katzen etc.) die Schwanzwirbelsäule, die einstmals als Stütz- organ seither untergegangener Körpersegmente diente, zu einem Organ der Ausdrucksbewegungen wurde, von denen wir seit Darwin und Freud wissen, daß sie eigentlich als Regressionen zu archaischen Reaktionsweisen aufzufassen sind. In solchen und ähnlichen Schlupfwinkeln mag sich die regressive Tendenz zu Zeiten angestrengter Anpassung verstecken, um dann nach dem Überstehen der ärgsten Gefahren als formbildender Faktor neuerlich in Aktion, zu treten. Anderseits ist auch dafür gesorgt, daß selbst die strengste Anpassungstätigkeit durch Intervalle der Ruhe perio- disch unterbrochen werde, in denen der ganze Organismus vorübergehend der Regression anheimfällt und seine Leistung sozusagen eine Ausdrucksbewegung wird (Schlaf, Begattung).1 i) Einige weitere „bioanalytische£* Gesichtspunkte zur organischen Entwicklung seien hier kurz aneinander gereiht. Die Anpassung kann X. Bioanalytische Konsequenzen 125 Die Bioanalyse, die analytische Wissenschaft vom Leben, wird sich auch der Aufgabe nicht verschließen können, zur Frage vom Anfang und vom Ende des Lebens Stellung eine autoplastische oder eine alloplastische sein, im ersteren Falle wird die eigene Körperorganisation den veränderten Umständen angepaßt, im letzteren trachtet der Organismus die Außenwelt so zu verändern, daß die Körperangleichung überflüssig wird. Die alloplastische Ent- wicklungsart ist die „intelligentere", sie ist die spezifisch „menschliche", ist aber auch im Tierreiche sehr verbreitet (Nestbau!). Die Veränderung der Außenwelt ist eine viel raschere, als die der eigenen Organisation; bei den Tierarten, die sich dazu aufschwingen, vermuten wir also bereits einen gewißen „Zeitsinn". Die Autoplastik kann rein regressiv sein (Einschränkung der Bedürfnisse, Rückfall auf primitivere Stufen), aber auch progressiv (Entfaltung neuer Organe). Die Entwicklung der Moti- lität (das Aufsuchen eines besseren Milieus) bringt Ersparnis an auto- plastischer Anpassungsleistung mit sich. (Döderlein'sches Prinzip: Parallelismus zwischen „Sessilität" (Festgewurzeltsein) und Variabilität einer-, „Vagilität" und geringerer Variabilität andererseits.)

Die Anpassung kann in der Entwöhnung von Befriedigungsobjekten oder in der Angewöhnung neuer bestehen, d. h. in der Umwandlung der (zunächst immer unlustvollen) Störung in eine Befriedigung. Dies geschieht durch Identifizierung mit dem Störungsreiz und Introjektion desselben; so wird aus einer Störung gleichsam ein Teil des Ich (ein Trieb) und so wird die Innenwelt (Mikrokosmos) ein Spiegelbild der Umwelt und ihrer Katastrophen.

Die neugeschaffenen Organe resp. Organfunktionen überlagern nur die alten, ohne sie zu zerstören; auch wenn sie ihre Materie verwerten, bleibt die anscheinend verlassene Organisation resp. Funktion „virtuell", „biologisch unbewußt" erhalten und kann unter Umständen wieder aktiv werden. Solche Überlagerungen sind Hemmungsvorrichtungen vergleichbar; die primitive allgemeine „Irritabilität" z. B. wird durch die bereits gerichtete Reflexerregbarkeit und diese durch die psychische Wahlreaktion überlagert; in pathologischen oder sonstigen Ausnahms- zuständen (Tiefhypnose, Fakirleistungen) stellt aber die Psyche ihre Funktion ein und der Organismus regrediert auf die Stufe der Reflex- erregbarkeit oder gar auf die der Irritabilität.

j26 Versuch einer Genitaltheorie zu nehmen. Die Genitaltheorie war ja, wie wir sahen, ge- zwungen, beim Forschen nach den letzten Gründen der sexuellen Attraktion über die Grenze des Lebendigen hinaus zu gehen und auch Freud sieht in den Äußerungen der chemisch-physikalischen Attraktion Analoga desselben pla- tonischen Eros, der alles Lebendige zusammenhält. Und in der Tat erzählen uns die Physiker, daß in der schein- bar,, toten" Materie intensive Bewegung, also immerhin ein wenn auch minder labiles „Leben" herrscht. Von einem wirklichen Tode, von absoluter Ruhe, sprechen die Physiker höchstens theoretisch, indem sie sagen, daß alle Energie der Welt auf Grund des Zweiten thermodynamischen Gesetzes zum Tode durch Zerstreuung verurteilt ist. Doch schon finden sich Naturforscher,1 die uns sagen, daß die zer- streuten Energien, wenn auch nach langen, langen Zeiträumen, sich wieder zusammenballen müssen. Diese Auffassung ist etwa dem Selektionsprinzip Darwins an die Seite zu stellen, nach dem alle Änderung nur dem Zufalle zugeschrieben, und immanenten Tendenzen sozusagen gar nichts zugetraut wird.2 i) Nernst, Das Weltgebäude im Lichte der neueren Forschung. 1921.

2) Entschließt man sich einmal dazu, anzunehmen, daß schon in den anorganischen Einheiten jene „Erregbarkeit" irgendwie vorgebildet ist, die wir als Eigenschaft des Lebenden kennen, so kann man sich eine Vorstellung davon machen, was die Attraktion dieser Elemente motivieren könnte. Die Vereinigung zweier Elemente zu einer Einheit hätte allenfalls den Vorteil, daß die so aneinander gelehnten Teile der feindlichen Außenwelt eine viel kleinere Oberfläche zuwendeten, als solange sie isoliert waren, womit eine „Ersparnis an Aufwand'' und die erste „Lust" gegeben wäre. Etwas davon könnte auch noch bei der Begattung (l'animal a deux dos) zum Ausdruck kommen. Auch Bö Ische vergleicht gelegentlich die Attraktion zwischen Sonne und Erde mit der sexuellen Anziehung.

X. Bio analytische Konsequenzen 127 Für uns aber, die wir ja wie gesagt dem mehr animi- stischen Entwicklungsgedanken Lamarck's zuneigen, ist es plausibler anzunehmen, daß es eine vollkommene Ent- mischung der Lebens- und Todestriebe überhaupt nicht gibt, daß es selbst in der sogenannten „toten" Materie, also im Anorganischen, noch,, Lebenskeime" gibt und damit auch Regressionstendenzen zu jener höheren Komplikation, aus deren Zerfall sie entstanden sind. Daß es ein absolutes Leben ohne Beimengung von Symptomen des Sterbens nicht gibt, hat ja die Naturwissenschaft schon lange be- hauptet, und erst vor Kurzem hat Freud die Wirksamkeit der Todestriebe bei allem Lebendigen nachgewiesen. „Das Ziel alles Lebens ist der Tod" denn,,das Leblose war früher da, als das Lebendige." Wie denn aber, wenn das „Sterben" kein Absolutes wäre, wenn sich Lebens- keime und Regressionstendenzen auch noch im Anorgani- schen versteckten oder wenn gar auch Nietzsche recht hätte, der da sagt: „Alle unorganische Materie ist aus organischer entstanden, es ist tote organische Ma- terie. Leichnam und Mensch."1 Dann müßten wir die Frage nach Anfang und Ende des Lebens endgültig fallen lassen und uns die ganze anorganische und organische Welt als ein stetes Hin- und Herwogen zwischen Leben- und Sterbenwollen vorstellen, in dem es niemals zur Alleinherrschaft, weder des Lebens noch des Sterbens, kommt.

Uns Ärzten zeigt die „Agonie", wie schon der Name besagt, sozusagen niemals ein friedliches Antlitz. Auch der des Lebens kaum mehr fähige Organismus endigt gewöhn- 1) Nietzsche, Taschenausgabe Bd. I. S. 499. „Die Philosopie im trag. Zeitalter der Griechen." (Entwürfe zur Fortsetzung, Anfang 1873.)

I28 Versuch einer Genitaltheorie lieh mit einem Todeskampfe; vielleicht gibt es einen „natür- lichen", sanften Tod, eine ungestörte Äußerung des Todes- triebes nur in unseren vom Todestrieb beherrschten Wunsch- vorstellungen, in der Wirklichkeit scheint das Leben immer katastrophal enden zu müssen, wie es mit einer Katastrophe, der Geburt, seinen Anfang nahm. Es hat sogar den An- schein, als ob in den Symptomen des Todeskampfes regressive Züge zu entdecken wären, die das Sterben zu einer Nach- bildung des Geborenwerdens und dadurch weniger qualvoll gestalten möchten.1 Erst unmittelbar vor den letzten Atem- zügen, manchmal allerdings schon etwas früher, kommt es zu einer vollen Resignation, ja zu Äußerungen der Befriedi- gung, die das endliche Erreichen der vollen Ruhesituation, etwa wie im Orgasmus nach der geschlechtlichen Kampf- handlung, ankündigen. Der Tod weist ähnliche Züge der Mutterleibsregression auf, wie der Schlaf und die Begattung. Nicht umsonst bestatten viele Primitive ihre Toten in der embryonal-hockenden Stellung und auch das Zusammen- fallen des Todes und der Geburtssymbolik in Träumen und Mythen können wir nicht für einen Zufall halten.

Wir sind damit zu unserem Ausgangspunkte zurück- gekehrt, zur zentralen Bedeutung der Mutterleibsregression für die Genital theorie, und wie wir nun hinzufügen möchten, für die Biologie überhaupt.

i) Die Verknüpfung der Todesangst mit Genitalerregung ist bekannt (S. die Ejakulation Gehenkter, die „Angstlust" v. Hattingberg's, den Galgenhumor der sich in sovielen Anekdoten äußert usw.)

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