SigPhi · Sigmund Freud

Das Ich und das Es

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Das Verhältnis des Ichs zum Bewußtsein ist wieder- holt gewürdigt worden, doch sind hier einige wichtige Tatsachen neu zu beschreiben. Gewöhnt, den Gesichts- punkt einer sozialen oder ethischen Wertung überall- hin mitzunehmen, sind wir nicht überrascht zu hören, daß das Treiben der niedrigen Leidenschaften im Un- bewußten vor sich geht, erwarten aber, daß die see- lischen Funktionen umso leichter sicheren Zugang zum Bewußtsein finden, je höher sie in dieser Wertung angesetzt sind. Hier enttäuscht uns aber die psycho- analytische Erfahrung. Wir haben einerseits Belege dafür, daß selbst feine und schwierige intellektuelle ‘Arbeit, die sonst angestrengtes Nachdenken erfordert, auch vorbewuft geleistet werden kann, ohne zum Be- wußtsein zu kommen. Diese Fälle sind ganz unzweifel- haft, sie ereignen sich z. B. im Schlafzustand und äußern sich darin, daß eine Person unmittelbar nach dem Erwachen die Lösung eines schwierigen mathe- matischen oder anderen Problems weiß), um das sie sich am Tage vorher vergeblich bemüht hatte.’ Weit befremdender ist aber eine andere Erfahrung. Wir lernen in unseren Analysen, daß es Personen gibt, bei denen die Selbstkritik und das Gewissen, also überaus hochgewertete seelische Leistungen, unbewußt sind und als unbewußt die wichtigsten Wirkungen ı) Ein solcher Fall ist mir erst kürzlich und zwar als Ein- wand gegen meine Beschreibung der „Traumarbeit‘“ mitgeteilt worden.

4 ES KOPEN Rh Lo N 2 SS NN LEN has Ir NR PERLE PANNE EIERN IE RE Ne EN TR N Das Ich und das Es Wollen wir zu unserer Wertskala zurückkehren, so.

wußten Schuldgefühl zu reden, verwirrt uns weit mehr und gibt uns neue Rätsel auf, besonders wenn wir allmählich erraten, daß ein solches unbewußtes Schuldgefühl bei einer großen Anzahl von Neurosen eine ökonomisch entscheidende Rolle spielt und dr Heilung die stärksten Hindernisse in den Weg legt.

müssen wir sagen: Nicht nur das Tiefste, auch das Höchste am Ich kann unbewußt sein. Es ist, als würde & uns auf diese Weise demonstriert, was wir vorhin vom bewußten Ich ausgesagt haben, es sei vor allem ein Körper-Ich. ee I DAS ICH UND DAS ÜBER-ICH (ICH-IDEAL) Wäre das Ich nur der durch den Einfluß des Eenichninnizeepehen modifizierte Anteil des Es, der Vertreter der realen Außenwelt im Seelischen, so hätten wir es mit einem einfachen Sachverhalt zu tun. Allein es kommt etwas anderes hinzu.

Die Motive, die uns bewogen haben, eine Stufe im Ich anzunehmen, eine Differenzierung innerhalb des Ichs, die Ich-Ideal oder Über-Ich zu nennen ist, sind an anderen Orten auseinandergesetzt worden.‘ Sie bestehen zu Recht.” Daß dieses Stück des Ichs eine weniger feste Beziehung zum Bewußtsein hat, ist die Neuheit, die nach Erklärung verlangt.

ı) Zur Einführung des Narzißmus, Massenpsychologie und Ich- Analyse.

5 2) Nur daß ich die Funktion der Realitätsprüfung diesem Über-Ich zugewiesen habe, erscheint irrig und der Korrektur be- dürftig. Es würde durchaus den Beziehungen des Ichs zur Wahr- nehmungswelt entsprechen, wenn die Realitätsprüfung seine eigene Aufgabe bliebe. — Auch frühere, ziemlich unbestimmt gehaltene Äußerungen über einen Kern des Ichs sollen jetzt dahin richtig gestellt werden, daß nur das System W-Bw als Kern des Ichs anzuerkennen ist.

32 Das Ich und das Es Wir müssen hier etwas weiter ausgreifen. Es war uns gelungen, das schmerzhafte Leiden der Melanchlie durch die Annahme aufzuklären, daß ein verlorenes Objekt im Ich wieder aufgerichtet, also eine Objekt-, besetzung durch eine Identifizierung abgelöst wird. Ei Damals erkannten wir aber noch nicht die ganze B- deutung dieses Vorgangs und wußten nicht, wie häufig = und typisch er ist. Wir haben seither verstanden, daß =. ‚solche Ersetzung einen großen Anteil an der Gestaltung — des Ichs hat und wesentlich dazu beiträgt, das herr zustellen, was man seinen Charakter heißt. Se Uranfänglich in der primitiven oralen Phase des Indivi- E duumsssind Objektbesetzung und Identifizierungwohlnichtt ‘von einander zu unterscheiden. Späterhin kann man ur annehmen, daß die Objektbesetzungen vomEs ausgehen, welches die erotischen Strebungen als Bedürfnisse em- pfindet. Das anfangs noch schwächlicheIch erhältvonden Objektbesetzungen Kenntnis, läßt sie sich gefallen oder sucht sie durch den Prozeß der Verdrängung abzuwehren.”

ı) Trauer und Melancholie.

2) Eine interessante Parallele zur Ersetzung der Objektwahll durch Identifizierung enthält der Glaube der Primitiven, daß die A Eigenschaften des als Nahrung einverleibten Tieres dem, der es ißt, als Charakter verbleiben werden, und die darauf gegründeten Be Verbote. Dieser Glaube geht bekanntlich auch in die Begründung des Kannibalismus ein und wirkt in der Reihe der Gebräuche der Totemmahlzeit bis zur heiligen Kommunion fort. Die Folgen, die hier der oralen Objektbemächtigung zugeschrieben werden, treffen für die spätere sexuelle Objektwahl wirklich zu.

FREENET BEER TEE EEE ENTE Ge II. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 33° ‚ Soll oder muß ein solches Sexualobjekt aufgegeben werden, so tritt dafür nicht selten die Ichveränderung auf, die man als Aufrichtung des Objekts im Ich wie bei der Melancholie beschreiben muß; die näheren Ver- hältnisse dieser Ersetzung sind uns noch nicht bekannt. Vielleicht erleichtert oder ermöglicht das Ich durch diese Introjektion, die eine Art von Regression zum Mechanismus der oralen Phase ist, das Aufgeben des Objekts. Vielleicht ist diese Identifizierung überhaupt die Bedingung, unter der das Es seine Objekte auf- gibt. Jedenfalls ist der Vorgang zumal in frühen Ent- wicklungsphasen ein sehr häufiger und kann die Auf- fassung ermöglichen, daß der Charakter des Ichs ein Niederschlag der aufgegebenen Objektbesetzungen ist, die Geschichte dieser Objektwahlen enthält. Es ist natür- lich von vorne herein eine Skala der Resistenzfähig- keit zuzugeben, inwieweit der Charakter einer Person ‚diese Einflüsse aus der Geschichte der erotischen Ob- jektwahlen abwehrt oder annimmt. Bei Frauen, die viel Liebeserfahrungen gehabt haben, glaubt man, die Rück- stände ihrer Objektbesetzungen in ihren Charakter- zügen leicht nachweisen zu können. Auch eine Gleich- zeitigkeit von Objektbesetzung und Identifizierung, also eine Charakterveränderung, ehe das Objekt auf- gegeben worden ist, kommt in Betracht. In diesem Fall könnte die Charakterveränderung die Objekt- beziehung überleben und sie in gewissem Sinne kon- servieren.

Freud: Das Ich und das Es ’ 3 34 Das Ich und das Es Ein anderer Gesichtspunkt besagt, daß diese Um-. = = setzung einer erotischen Objektwahl in eine Ichver- änderung auch ein Weg ist, wie das Ich das Es be- meistern und seine Beziehungen zu ihm vertiefen kann, allerdings auf Kosten einer weitgehenden Gefügigkeit gegen dessen Erlebnisse. Wenn das Ich die Züge des Objekts annimmt, drängt es sich sozusagen selbst dem Es als Liebesobjekt auf, sucht ihm seinen Verlust zu ersetzen, indem es sagt: ‚Sieh’, du kannst auch mich lieben, ich bin dem Objekt so ähnlich.“ Die Umsetzung von Objektlibido in narzißtische Libido, die hier vor sich geht, bringt offenbar ein Auf- geben der Sexualziele, eine Desexualisierung mit sich, ‚also eine Art von Sublimierung. Ja, es entsteht die eingehender Behandlung würdige Frage, ob dies nicht der allgemeine Weg zur Sublimierung ist, ob nicht alle Sublimierung durch die Vermittlung des Ichs vor sich geht, welches zunächst die sexuelle Objektlibido in narzißtische verwandelt, um ihr dann vielleicht ein anderes Ziel zu setzen.‘ Ob diese Verwandlung nicht auch andere Triebschicksale zur Folge haben kann, z. B. eine Ent- mischung der verschiedenen mit einander verschmolzenen Triebe herbeizuführen, wird uns noch später beschäftigen.

ı) Als das große Reservoir der Libido, im Sinne der Ein- führung des Narzißmus, müssen wir jetzt nach der Scheidung. von Ich und Es das Es anerkennen. Die Libido, welche dem Ich durch die beschriebenen Identifizierungen zufließt, stellt dessen „sekun- dären Narzißmus“ her.

7 II. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 35. a TE ET a EEE EEE EEE EZ ie, Es ist eine Abschweifung von unserem Ziel und doch nicht zu vermeiden, daß wir unsere Aufmerksam- keit für einen Moment bei den Objektidentifizierungen des Ichs verweilen lassen. Nehmen diese überhand, werden allzu zahlreich, und überstark und miteinander _ unverträglich, so liegt ein pathologisches Ergebnis nahe.

Es kann zu einer Aufsplitterung des Ichs kommen, indem sich die einzelnen Identifizierungen durch Wider- stände gegeneinander abschließen, und: vielleicht ist es das Geheimnis der Fälle von sogenannter multipler Persönlichkeit, daß die einzelnen Identifizierungen alternierend das Bewußtsein an sich reißen. Auch wenn es nicht so weit kommt, ergibt sich das Thema der _ Konflikte zwischen den verschiedenen Identifizierungen, in die das Ich auseinanderfährt, Konflikte, die endlich nicht durchwegs als pathologische bezeichnet werden können.

Wie immer sich aber die spätere Resistenz des Charakters gegen die Einflüsse aufgegebener Objekt- besetzungen gestalten mag, die Wirkungen der ersten, im frühesten Alter erfolgten Identifizierungen werden allgemeine und nachhaltige sein. Dies führt uns zur Entstehung des Ichideals zurück, denn hinter ihm ver- birgt sich die erste und bedeutsamste Identifizierung des Individuums, die mit dem Vater der persönlichen Vorzeit.‘ Diese scheint zunächst nicht Erfolg oder ı) Vielleicht wäre es vorsichtiger zu sagen, mit den Eltern, denn Vater und Mutter werden vor der sicheren Kenntnis des 3*+ 36 Das Ich und das Es Ausgang einer Objektbesetzung zu sein, sie ist eine direkte und unmittelbare und frühzeitiger als jede Objektbesetzung. Aber die Objektwahlen, die der ersten Sexualperiode angehören und Vater und Mutter be- treffen, scheinen beim normalen Ablauf den Ausgang in solche Identifizierung zu nehmen und somit die primäre Identifizierung zu verstärken.

Immerhin sind diese Beziehungen so kompliziert, daß es notwendig wird, sie eingehender zu beschreiben. Es sind zwei Momente, welche diese Komplikation verschulden, die dreieckige Anlage des Ödipusverhält- nisses und die konstitutionelle Bisexualität des Indi- viduums.

Der vereinfachte Fall gestaltet sich für das männ- liche Kind in folgender Weise: Ganz frühzeitig ent- wickelt es für die Mutter eine Objektbesetzung, die. von der Mutterbrust ihren Ausgang nimmt und das vorbildliche Beispiel einer Objektwahl nach dem An- lehnungstypus zeigt; des Vaters bemächtigt sich der Knabe durch Identifizierung. Die beiden Beziehungen gehen eine Weile nebeneinander her, bis durch die Geschlechtsunterschiedes, des Penismangels, nicht verschieden ge- wertet. In der Geschichte einer jungen Frau hatte ich kürzlich Gelegenheit zu erfahren, daß sie, seitdem sie ihren eigenen Penis- mangel bemerkt, den Besitz dieses Organs nicht allen Frauen, sondern bloß den für minderwertig gehaltenen aberkannt hatte. Die Mutter hatte ihn in ihrer Meinung behalten. Der einfacheren Darstellung wegen werde ich nur die Identifizierung mit dem Vater behandeln.

E = ; ® F - EEE Er Tr Se ne III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 37 Verstärkung der sexuellen Wünsche nach der Mutter und die Wahrnehmung, daß der Vater diesen Wünschen ein Hindernis ist, der Ödipuskomplex entsteht.‘ Die Vateridentifizierung nimmt nun eine feindselige Tönung an, sie wendet sich zum Wunsch, den Vater zu be seitigen, um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Von da an ist das Verhältnis zum Vater ambivalent; es scheint, als ob die in der Identifizierung von Anfang an ent- haltene Ambivalenz manifest geworden wäre. Die ambi- valente Einstellung zum Vater und die nur zärtliche Objektstrebung nach der Mutter beschreiben für den Knaben den Inhalt des einfachen, positiven Ödipus- ‚komplexes.

Bei der Zertrimmerung des Ödipuskomplexes muß die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. An ihre Stelle kann zweierlei treten, entweder eine Identifizierung mit der Mutter oder eine Verstärkung der Vateridentifizierung. Den letzteren Ausgang pflegen wir als den normaleren ‚anzusehen, er gestattet es, die zärtliche Beziehung zur Mutter in gewissem Maße festzuhalten. Durch den Untergang des Ödipuskomplexes hätte so die Männlichkeit im Charakter des Knaben eine Festigung erfahren. In ganz analoger Weise kann die Ödipuseinstellung des kleinen Mädchens in eine Verstärkung ihrer Mutteridentifizierung (oder in die Herstellung einer solchen) auslaufen, die den weib- lichen Charakter des Kindes festlegt.

SR. Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. VI.

rl.)

38 Das Ich und das Es Diese Identifizierungen entsprechen nicht unserer‘ Erwartung, denn sie führen nicht das aufgegebene Ob- jekt ins Ich ein, aber auch dieser Ausgang kommt vor und ist bei Mädchen leichter zu beobachten als bei Knaben. Man erfährt sehr häufig aus der Analyse, daß das kleine Mädchen, nachdem es auf den Vater als Liebesobjekt verzichten mußte, nun seine Männlich- keit hervorholt und sich anstatt mit der Mutter, mit dem Vater, also mit dem verlorenen Objekt, identi- fiziert. Es kommt dabei offenbar darauf an, ob ihre ‘ männlichen Anlagen stark genug sind, — worin immer diese bestehen mögen.

Der Ausgang der ‚Ödipussituation in Vater- oder in Mutteridentifizierung scheint also bei beiden Ge- schlechtern von der relativen Stärke der beiden Ge- schlechtsanlagen abzuhängen. Dies ist die eine Art, wie sich die Bisexualität in die Schicksale des Ödipus- komplexes einmengt. Die andere. ist noch bedeutsamer. Man gewinnt nämlich den Eindruck, daß der einfache Odipuskomplex überhaupt nicht das häufigste ist, sondern einer Vereinfachung oder Schematisierung entspricht, die allerdings oft genug praktisch gerecht- fertigt bleibt. Eingehendere Untersuchung deckt zu- meist den vollständigeren Ödipuskomplex auf, der ein zweifacher ist, ein positiver und negativer, ab- hängig von der ursprünglichen Bisexualität des Kindes, d. h. der Knabe hat nicht nur eine ambivalente Ein- stellung zum Vater und eine zärtliche Objektwahl für ; E a a ra uf .JII. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 39 die Mutter, sondern er benimmt sich auch gleichzeitig wie ein Mädchen, er zeigt die zärtliche feminine Ein- stellung zum Vater und die ihr entsprechende eifer- süchtig-feindselige gegen die Mutter. Dieses Eingreifen der Bisexualität macht es so schwer, die Verhält- nisse der primitiven Objektwahlen und Identifizierungen zu durchschauen und noch schwieriger, sie faßlich zu beschreiben. Es könnte auch sein, daß die im Eltern- verhältnis konstatierte Ambivalenz durchaus auf die Bisexualität zu beziehen wäre und nicht, wie ich es vorhin dargestellt, durch die Rivalitätseinstellung aus der Identifizierung entwickelt würde.

Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen Ödipuskomplexes anzunehmen. Die ana- lytische Erfahrung zeigt dann, daß bei einer Anzahl ‘von Fällen der eine oder der andere Bestandteil desselben bis auf kaum merkliche Spuren schwindet, so daß sich eine Reihe ergibt, an deren einem Ende der normale, positive, an deren anderem Ende der um- gekehrte, negative Ödipuskomplex steht, während die Mittelglieder die vollständige Form mit ungleicher Be- teiligung der beiden Komponenten aufzeigen. Beim Untergang des Ödipuskomplexes werden die vier in ihm enthaltenen Strebungen sich derart zusammenlegen, daß aus ihnen eine Vater- und eine Mutter- identifizierung hervorgeht, die Vateridentifizierung wird das Mutterobjekt des positiven Komplexes festhalten T ae N TI TE NER TITTEN i Be - .: 40 Das Ich und das Es und gleichzeitig das Vaterobjekt des umgekehrten Kom- plexes ersetzen; analoges wird für die Mutteridentifizierung gelten. In der verschieden starken Ausprä- | gung der beiden Identifizierungen wird sich die Ungleichheit der beiden geschlechtlichen Anlagen spiegeln.

So kann man als allgemeinstes Ergebnis der vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase einen Niederschlag im Ich annehmen, welcher in der Herstellung dieser beiden, irgendwie miteinander vereinbarten Identifizierungen besteht. Diese Ichveränderung behält ihre Sonderstel- lung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als Ichideal oder Über-Ich entgegen.

Das Über-Ich ist aber nicht einfach ein Resiciig der ersten Objektwahlen des Es, sondern es hat auch die Bedeutung einer energischen Reaktionsbildung gegen dieselben. Seine Beziehung zum Ich erschöpft sich nicht in der Mahnung: So (wie der Vater) sollst du sein, sie umfaßt auch das Verbot: So (wie der Vater) darfst du nicht sein d. h. nicht alles tun, was er tut; manches bleibt ihm vorbehalten. Dies Doppel- angesicht des Ichideals leitet sich aus der Tatsache ab, daß das Ichideal zur Verdrängung des Ödipus- komplexes bemüht wurde, ja diesem Umschwung erst seine Entstehung dankt. Die Verdrängung des ÖOdipus- komplexes ist offenbar keine leichte Aufgabe gewesen. Da die Eltern, besonders der Vater, als das Hindernis gegen die Verwirklichung der Odipuswünsche erkannt III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 41 _ werden, stärkte sich das infantile Ich für diese Verdrängungsleistung, indem es dies selbe Hindernis in sich aufrichtete. Es lieh sich gewissermaßen die Kraft dazu vom Vater aus und diese Anleihe ist ein außerordent- lich folgenschwerer Akt. Das Über-Ich wird den Charak- ter des Vaters bewahren und je stärker der Ödipus- komplex war, je beschleunigter (unter dem Einfluß von Autorität, Religionslehre, Unterricht, Lektüre) seine Verdrängung erfolgte, desto strenger wird später das Über-Ich als Gewissen, vielleicht als unbewußtes Schuld- gefühl über das Ich herrschen. — Woher es die Kraft zu dieser Herrschaft bezieht, den zwangsartigen Charakter, der sich als kategorischer Imperativ äußert, darüber werde ich später eine Vermutung vorbringen.

Fassen wir die beschriebene Entstehung des Über- Ichs nochmals ins Auge, so erkennen wir es als das Ergebnis zweier höchst bedeutsamer biologischer Fak- toren, der langen kindlichen Hilflosigkeit und Abhängig- keit des Menschen und der Tatsache seines Ödipus- komplexes, den wir ja auf die Unterbrechung der Libidoentwicklung durch die Latenzzeit, somit auf den zweizeitigen Ansatz seines Sexuallebens zurück- geführt haben. Letztere, wie es scheint, spezifisch menschliche Eigentümlichkeit hat eine psychoanalytische Hypothese als Erbteil der durch die Eiszeit erzwun- genen Entwicklung zur Kultur hingestellt. Somit ist die Sonderung des Über-Ichs vom Ich nichts Zufälliges, sie vertritt die bedeutsamsten Züge der individuellen Fr 42 Das Ich und das Es und der Artentwicklung, ja indem sie dem Elterneinfluß einen dauernden Ausdruck schafft, verewigt sie die Existenz der Momente, denen sie ihren Ursprung verdankt.

Es ist der Psychoanalyse unzählige Male zum Vorwurf gemacht worden, daß sie sich um das Höhere, Mora- lische, Überpersönliche im Menschen nicht kümmere. Der Vorwurf war doppelt ungerecht, historisch wie methodisch. Ersteres, da von Anbeginn an den mora- lischen und ästhetischen Tendenzen im Ich der An- trieb zur Verdrängung zugeteilt wurde, letzteres, da man nicht einsehen wollte, daß die psychoanalytische Forschung nicht wie ein philosophisches System mit einem vollständigen und fertigen Lehrgebäude auf- treten konnte, sondern sich den Weg zum Verständ- nis der seelischen Komplikationen schrittweise durch die analytische Zergliederung normaler wie abnormer Phänomene bahnen mußte. Wir brauchten die zitternde Besorgnis um den Verbleib des Höheren im Menschen nicht zu teilen, solange wir uns mit dem Studium des Verdrängten im Seelenleben zu beschäftigen hatten. Nun, da wir uns an die Analyse des Ichs heranwagen, können wir all denen, welche, in ihrem sittlichen Be- wußtsein erschüttert, geklagt haben, es muß doch ein höheres Wesen im Menschen geben, antworten: Gewiß, und dies ist das höhere Wesen, das Ichideal oder Über-Ich, die Repräsentanz unserer Elternbe- ziehung. Als kleine: Kinder haben wir diese höheren +2 49% y M EN “ Be. III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 43 Wesen gekannt, bewundert, gefürchtet, später sie in uns selbst aufgenommen.

Das Ichideal ist also der Erbe des Ödipuskomplexes und somit Ausdruck der mächtigsten Regungen und wichtigsten Libidoschicksale des Es. Durch seine Aufrichtung hat sich das Ich des Ödipuskomplexes en bemächtigt und gleichzeitig sich selbst dem Es unterworfen. Während das Ich wesentlich Repräsentant der Außenwelt, der Realität ist, tritt ihm das Über-Ich als Anwalt der Innenwelt, des Es, gegenüber. Kon- flikte zwischen Ich und Ideal werden, darauf sind wir nun vorbereitet, in letzter Linie den Gegensatz von Real und Psychisch, Außenwelt und Innenwelt, wieder- spiegeln. = FE Was die Biologie und die Schicksale der Menschenart im Es geschaffen und hinterlassen haben, das wird durch die Idealbildung vom Ich übernommen und an ihm individuell wieder erlebt. Das Ichideal hat infolge seiner Bildungsgeschichte die ausgiebigste Verknüpfung mit dem phylogenetischen Erwerb, der archäischen Erbschaft, des Einzelnen. Was im einzelnen Seelen- leben dem Tiefsten angehört hat, wird durch die Ideal- bildung zum Höchsten der Menschenseele im Sinne - unserer Wertungen. Es wäre aber ein vergebliches Bemühen, das Ichideal auch nur in ähnlicher Weise wie das Ich zu lokalisieren oder es in eines der Gleich- nisse einzupassen, durch welche wir die Beziehung von Ich und Es nachzubilden versuchten.

Wi 44 Das Ich und das Es Es ist leicht zu zeigen, daß das Ichideal allen Ansprüchen genügt, die an das höhere Wesen im Menschen gestellt werden. Als Ersatzbildung für die Vatersehnsucht enthält es den Keim, aus dem sich alle Religionen ge- bildet haben. Das Urteil der eigenen Unzulänglichkeit im Vergleich des Ichs mit seinem Ideal ergibt das demütige religiöse Empfinden, auf das sich der sehnsüchtig Gläubige beruft. Im weiteren Verlauf der Ent- wicklung haben Lehrer und Autoritäten die Vaterrolle fortgeführt; deren Gebote und Verbote sind im Ideal- Ich mächtig geblieben und üben jetzt als Gewissen die moralische Zensur aus. Die Spannung zwischen den Ansprüchen des Gewissens und den Leistungen = des Ichs wird als Schuldgefühl empfunden. Die sozialen Gefühle ruhen auf Identifizierungen mit anderen auf Grund des gleichen Ichideals.

Religion, Moral und soziales Empfinden — diese Hauptinhalte des Höheren im Menschen’ — sind ur- sprünglich eins gewesen. Nach der Hypothese von „lotem und Tabu‘ wurden sie phylogenetisch am Vaterkomplex erworben, Religion und sittliiche Beschränkung durch die Bewältigung des eigentlichen Ödipuskomplexes, die sozialen Gefühle durch die Nötigung zur Überwindung der erübrigenden Rivalität unter den Mitgliedern der jungen Generation. In all diesen sittlichen Erwerbungen scheint das Geschlecht I) Wissenschaft und Kunst sind hier bei Seite gelassen.

IIT. Das Ich und das Über-Ich ( Ich-Ideal) 45 der Männer vorangegangen zu sein, gekreuzte Ver- erbung hat den Besitz auch den Frauen zugeführt. Die sozialen Gefühle entstehen noch heute beim Ein- zelnen als Überbau über die eifersüchtigen Rivalitäts- regungen gegen die Geschwister. Da die Feindselig- keit nicht zu befriedigen ist, stellt sich eine Identi- ‘ fizierung mit dem anfänglichen Rivalen her. Beobachtungen an milden Homosexuellen stützen die Ver- mutung, daß auch diese Identifizierung Ersatz einer zärtlichen Objektwahl ist, welche die aggressiv-feindselige Einstellung abgelöst hat."

Mit der Erwähnung der Phylogenese tauchen aber neue Probleme auf, vor deren Beantwortung man zag- haft zurückweichen möchte. Aber es hilft wohl nichts, man muß den Versuch wagen, auch wenn man fürchtet, daß er die Unzulänglichkeit unserer ganzen Bemühung bloßstellen wird. Die Frage lautet: Wer hat seiner- zeit Religion und Sittlichkeit am Vaterkomplex er- worben, das Ich des Primitiven oder sein Es? Wenn es das Ich war, warum sprechen wir nicht einfach von einer Vererbung im Ich? Wenn das Es, wie stimmt das zum Charakter des Es? Oder darf man die Differen- zierung im Ich, Über-Ich und Es nicht in so frühe _ Zeiten tragen? Oder soll man nicht ehrlich eingestehen, daß die ganze Auffassung der Ichvorgänge nichts fürs 1) Vgl. Massenpsychologie und Ich-Analyse. — Über einige neurotische Mechanismen bei Eifersucht, Paranoia und Homo- sexualität.

yN= = Be: ® 46 Das Ich und das Es Ren” E>> Ro e- R . Verständnis der Phylogenese leistet und auf sie nicht = anwendbar ist?

Beantworten wir zuerst, was sich am leichtesten beantworten läßt. Die Differenzierung von Ich und Es müssen wir nicht nur’ den primitiven Menschen, sondern noch ‘viel einfacheren Lebewesen zuerkennen, da sie der notwendige Ausdruck des Einflusses der Außenwelt ist. Das Über-Ich ließen wir gerade aus jenen Erlebnissen, die zum Totemismus führten, entstehen.

Die Frage, ob das Ich oder das Es jene Erfahrungen 3 und Erwerbungen gemacht haben, fällt bald in sich zusammen. Die nächste Erwägung sagt uns, daß das Es kein äußeres Schicksal erleben oder erfahren kann außer durch das Ich, welches die Außenwelt bei ihm vertritt. Von einer direkten Vererbung im Ich kann man aber doch nicht reden. Hier tut sich die Kluft auf zwischen dem realen Individuum und dem Begriff der Art. Auch darf man den Unterschied von Ich und Es nicht zu starr nehmen, nicht vergessen, daß das Ich ein besonders differenzierter Anteil des Es ist. Die Erlebnisse des Ichs scheinen zunächst für die Erbschaft verloren zu gehen, wenn sie aber sich häufig und stark genug bei vielen generationsweise aufeinander- folgenden Individuen wiederholen, setzen sie sich so- zusagen in Erlebnisse des Es um, deren Eindrücke durch Vererbung festgehalten werden. Somit beherbergt das erbliche Es in sich die Reste ungezählt vieler Ich-Existenzen, und wenn das Ich sein Über-Ich aus.

; III. Das Ich und das Über-Ich (Ich-Ideal) 47 dem Es schöpft, bringt es vielleicht nur ältere Ich- gestaltungen wieder zum Vorschein, schafft ihnen eine Auferstehung.

Die Entstehungsgeschichte des Über-Ichs macht es verständlich, daß frühe Konflikte des Ichs mit den Objektbesetzungen des Es sich in Konflikte mit deren Erben, dem Über-Ich, fortsetzen können. Wenn dem Ich die Bewältigung des Odipuskomplexes schlecht ge- lungen ist, wird dessen dem Es entstammende Energie- besetzung in der Reaktionsbildung des Ichideals wieder zur Wirkung kommen. Die ausgiebige Kommunikation ‚dieses Ideals mit diesen zd6w Triebregungen wird das Rätsel lösen, daß das Ideal selbst zum großen Teil unbewußt, dem Ich unzugänglich bleiben kann. Der Kampf, der in tieferen Schichten getobt hatte, durch rasche Sublimierung und Identifizierung nicht zum Ab- schluß gekommen war, setzt sich nun wie auf dem Kaulbachschen Gemälde der Hunnenschlacht in einer höheren Region fort.

IV DIE BEIDEN TRIEBARTEN Wir sagten bereits, wenn unsere Gliederung des seelischen Wesens in ein Es, ein Ich und ein Über- Ich einen Fortschritt in unserer Einsicht bedeutet, so muß sie sich auch als Mittel zum tieferen Verständnis und zur besseren Beschreibung der dynamischen Be- ziehungen im Seelenleben erweisen. Wir haben uns auch bereits klar gemacht, daß das Ich unter dem besonderen Einfluß der Wahrnehmung steht und daß man im Rohen sagen kann, die Wahrnehmungen haben für das Ich dieselbe Bedeutung wie die Triebe für das Es. Dabei unterliegt aber auch das Ich der Ein- wirkung der Triebe wie das Es, von dem es ja nur ein besonders modifizierter Anteil ist.

Über die Triebe habe ich kürzlich (Jenseits des Lustprinzips) eine Anschauung entwickelt, die ich hier festhalten und den weiteren Erörterungen zu Grunde legen werde. Daß man zwei Triebarten zu unterscheiden hat, von denen die eine, Sexualtriebe oder Eros, IV. Die beiden. Triebarten die bei weitem auffälligere und der Kenntnis zugäng- lichere ist. Sie umfaßt nicht nur den eigentlichen un- gehemmten Sexualtrieb und die von ihm abgeleiteten zielgehemmten und sublimierten Triebregungen, sondern auch den Selbsterhaltungstrieb, den wir dem Ich zuschreiben müssen und den wir zu Anfang der analytischen Arbeit mit guten Gründen den sexuellen Objekttrieben gegenübergestellt hatten. Die zweite Triebart aufzuzeigen, bereitete uns Schwierigkeiten; endlich kamen wir darauf, den Sadismus als Repräsen- tanten derselben anzusehen. Auf Grund theoretischer, durch die Biologie gestützter Überlegungen supponierten wir einen Todestrieb, dem die Aufgabe gestellt ist, das organische Lebende in den leblosen Zustand zurück- zuführen, während der Eros das Ziel verfolgt, das Leben durch immer weitergreifende Zusammenfassung der in Partikel zersprengten lebenden Substanz zu komplizieren, natürlich es dabei zu erhalten. Beide Triebe benehmen sich dabei im strengsten Sinne konser- vativ, indem sie die Wiederherstellung eines durch die Entstehung des Lebens gestörten Zustandes anstreben. Die Entstehung des Lebens wäre also die Ursache des Weiterlebens und gleichzeitig auch des Strebens nach dem Tode, das Leben selbst ein Kampf und Kom- promiß zwischen diesen beiden Strebungen. Die Frage nach der Herkunft des Lebens bliebe eine kosmo- logische, die nach Zweck und Absicht des Lebens wäre dualistisch beantwortet. Freud: Das Ich und das Es Br 50 Das Ich und das Es Jeder dieser beiden Triebarten wäre ein besonderer physiologischer Prozeß (Aufbau und Zerfall) zugeordnet, in jedem Stück lebender Substanz wären beiderlei Triebe tätig, aber doch in ungleicher Mischung, so daß eine Substanz die Hauptvertretung des Eros über- nehmen könnte.

In welcher Weise sich Triebe der beiden Arten miteinander verbinden, vermischen, legieren, wäre noch ganz unvorstellbar; daß dies aber regelmäßig und in großem Ausmaß geschieht, ist eine in unserem Zusammenhang unabweisbare Annahme. Infolge der Ver bindung der einzelligen Elementarorganismen zu mehrzelligen Lebewesen wäre es gelungen, den Todestrieb der Einzelzelle zu neutralisieren und die destruktiven Regungen durch Vermittlung eines besonderen Organs auf die Außenwelt abzuleiten. Dies Organ wäre die Muskulatur und der Todestrieb würde sich nın — wahrscheinlich doch nur teilweise — als Destruktions- trieb gegen die Außenwelt und andere Lebewesen äußern.

Haben wir einmal die Vorstellung von einer Mischung der beiden Triebarten angenommen, so drängt sich uns auch die Möglichkeit einer — mehr oder minder vollständigen — Entmischung derselben auf. In der sadistischen Komponente des Sexualtriebs hätten wir ein klassisches Beispiel einer zweckdienlichen Trieb- mischung vor uns, im selbständig gewordenen Sadis- mus als Perversion das Vorbild einer, allerdings nicht F JIV. Die beiden Triebarten bis zum äußersten getriebenen Entmischung. Es eröffnet sich uns dann ein Einblick in ein großes Gebiet von. Tatsachen, welches noch nicht in diesem Licht be- trachtet worden ist. Wir erkennen, daß der Destruk- tionstrieb regelmäßig zu Zwecken der Abfuhr in den Dienst des Eros gestellt ist, ahnen, daß der epilep- tische Anfall Produkt und Anzeichen einer Triebent- mischung ist, und lernen verstehen, daß unter den. Erfolgen mancher schweren Neurosen, z. B. der Zwangs- neurosen, die Triebentmischung und das Hervortreten des Todestriebes eine besondere Würdigung verdient. In rascher Verallgemeinerung möchten wir vermuten, daß das Wesen einer Libidoregression, z. B. von der genitalen zur sadistisch-analen Phase, auf einer Trieb- entmischung beruht, wie umgekehrt der Fortschritt von der früheren zur definitiven Genitalphase einen Zuschuß von erotischen Komponenten zur Bedingung hat. Es erhebt sich auch die Frage, ob nicht die regu- läre Ambivalenz, die wir in der konstitutionellen An- lage zur Neurose so oft verstärkt finden, als Ergebnis einer Entmischung aufgefaßt werden darf; allein diese ist so ursprünglich, daß sie vielmehr als nicht voll- zogene Triebmischung gelten muß.

Unser Interesse wird sich natürlich den Fragen zuwenden, ob sich nicht aufschlußreiche Beziehungen zwischen den angenommenen Bildungen des Ichs, Über- Ichs und des Es einerseits, den beiden Triebarten anderseits auffinden lassen, ferner, ob wir dem die 4* 52 Das Ich und das Es seelischen Vorgänge beherrschenden Lustprinzip eine feste Stellung zu den beiden Triebarten und den see- lischen Differenzierungen zuweisen können. Ehe wir aber in diese Diskussion eintreten, haben wir einen Zweifel zu erledigen, der sich gegen die Problemstellung selbst richtet. Am Lustprinzip ist zwar kein Zweifel, die Gliederung des Ichs ruht auf klinischer Rechtfertigung, aber die Unterscheidung der beiden Triebarten scheint nicht genug gesichert und möglicher Weise heben Tat- sachen der klinischen Analyse ihren Anspruch auf. Eine solche Tatsache - scheint es zu geben. Für den Gegensatz der beiden Triebarten dürfen wir die Polarität von Liebe und Haß einsetzen. Um eine Repräsentanz des Eros sind wir ja nicht verlegen, dagegen sehr zufrieden, daß wir für den schwer zu . fassenden Todestrieb im Destruktionstrieb, dem der Haß den Weg zeigt, einen Vertreter aufzeigen können. Nun lehrt uns die klinische Beobachtung, daß der Haß nicht nur der unerwartet regelmäßige Begleiter der Liebe ist (Ambivalenz), nicht nur häufig ihr Vorläufer in menschlichen Beziehungen, sondern auch, daß Haß sich unter mancherlei Verhältnissen in Liebe, und Liebe in Haß verwandelt. Wenn diese Verwandlung mehr ist als bloß zeitliche Sukzession, also Ablösung, dann ist offenbar einer so grundlegenden Unterscheidung wie zwischen erotischen und Todestrieben, die ent- gegengesetzt laufende physiologische Vorgänge vor- aussetzt, der Boden entzogen.

Bar er a, r Baer, KERNE Ki IV. Die beiden Triebarten = Nun der Fall, daß man dieselbe Person zuerst liebt und dann haft, oder umgekehrt, wenn sie einem die Anlässe dazu gegeben hat, gehört offenbar nicht zu unserem Problem. Auch nicht der andere, daß eine noch nicht manifeste Verliebtheit sich zuerst durch Feindseligkeit und Aggressionsneigung äußert, denn die destruktive Komponente könnte da bei der Objektbe- setzung vorangeeilt sein, bis die erotische sich zu ihr gesellt. Aber wir kennen mehrere Fälle aus der Psycho- logie der Neurosen, in denen die Annahme einer Ver- wandlung näher liegt. Bei der Paranoia persecutoria er- wehrt sich der Kranke einer überstarken homosexuellen Bindung an eine bestimmte Person auf eine gewisse Weise, und das Ergebnis ist, daß diese geliebteste Person zum Verfolger wird, gegen den sich die oft gefährliche Aggression des Kranken richtet. Wir haben das Recht einzuschalten, daß eine Phase vorher die Liebe in Haß umgewandelthatte. Bei der Entstehung der Homosexuali- tät, aber auch der desexualisierten sozialen Gefühle, lehrte uns die analytische Untersuchung erst neuerdings die Existenz von heftigen, zu Aggressionsneigung führen- den Gefühlen der Rivalität kennen, nach deren Überwindung erst das früher gehaßte Objekt zum geliebten oder zum Gegenstand einer Identifizierung wird. Die Frage erhebt sich, ob für diese Fälle eine direkte Umsetzung von Haß in Liebe anzunehmen ist. Hier handelt