SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Die Methoden, deren sich die Soziologie bedient hat, treten frei- lich mit dem Anspruch auf, daß durch sie die metaphysische Epoche abgetan, die der positiven Philosophie eröffnet sei. Doch hat der Be- gründer dieser Philosophie, Comte, nur eine naturalistische Meta- physik der Geschichte geschaffen, welche als solche den Tatsachen des geschichtlichen Verlaufs viel weniger angemessen war als die von Hegel oder Schleiermacher. Daher sind auch seine Allgemeinbegriffe viel unfruchtbarer. Brach Stuart Mill mit den gröberen Irrtümern Comtes, so wirken doch die feineren in ihm fort. Aus der Unter- ordnung der geschichtlichen Welt unter das System der Naturerkennt- nis war im Geiste der französischen Philosophie des i8. Jahrhunderts die Soziologie Comtes entstanden; die Unterordnung der Methode des Studiums geistiger Tatsachen unter die Methoden der Naturwissen- schaft hat wenigstens Stuart Mill festgehalten und verteidigt.

Die Auffassung Comtes betrachtet das Studium des mensch- lichen Geistes als abhängig von der Wissenschaft der Biologie, das, was von Gleichförmigkeiten in der Folge geistiger Zustände wahr- genommen werden kann, als den Effekt der Gleichförmigkeiten in den Zuständen des Körpers, und so leugnet sie, daß Gesetzmäßigkeit in psychischen Zuständen für sich studiert werden könne. Diesem logischen Verhältnis der Abhängigkeit unter den Wissenschaften ent- spricht daim nach ihm die historische Ordnung in der Abfolge, durch welche den Wissenschaften der Gesellschaft ihr historischer Ort be- stimmt ist. Da die Soziologie die Wahrheiten aller Naturwissenschaf- ten zu ihrer Voraussetzung hat, gelangt sie erst nach ihnen allen in das Stadium der Reife, d. h. zur Feststellung der Sätze, welche die gefundenen Einzelwahrheiten zu einem wissenschaftlichen Ganzen ver- knüpfen. Die Chemie trat in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- hunderts mit Lavoisier in dieses Stadium; die Physiologie erst im Be- ginn unseres Jahrhunderts mit der Gewebelehre von Bichat: so schien es Comte, daß die Konstituierung der gesellschaftlichen Wissenschaf- ten als der höchsten Klasse wissenschaftlicher Arbeiten ihm selber lo6 Erstes einleitendes Buch zufalle.^ — Allerdings erkennt er an (trotz seiner Neigung zu einför- miger Reglementierung der Wissenschaft), daß zwischen der Sozio- logie und den ihr voraufgehenden Wissenschaften, insbesondere der Biologie, welche auch unsere geringe Kenntnis psychischer Zustände in sich faßt, ein anderes Verhältnis bestehe als dasjenige, das zwischen, irgendeiner der früheren Wissenschaften und den sie bedingenden Wahrheiten sich findet; das Verhältriis der Deduktion und Induktion ist an diesem höchsten Punkte der Wissenschaften umgekehrt; die Generalisation aus dem in der Geschichte gegebenen Stoff ist der Schwerpunkt des Verfahrens der Wissenschaft der Gesellschaft, und die Deduktion aus den Ergebnissen der Biologie dient nur zur Verifi- zierung der so gefundenen Gesetze. — Dieser Einordnung der geistigen Erscheinungen unter den Zusammenhang der Naturerkenntnis liegen zwei Annahmen zugrunde, von denen die eine unbeweisbar, die andere augenscheinlich falsch ist. Die Annahme der ausschließlichen Bedingt- heit psychischer Zustände durch physiologische ist ein voreiliger Schluß aus Tatbeständen, welche nach dem Urteil der unbefangenen physiologischen Forscher selber durchaus keine Entscheidung gestat- ten.2 Die Behauptung, innere Wahrnehmung sei in sich unmöglich und unfruchtbar, „ein Unternehmen, das unsere Nachkommen einmal zu ihrer Belustigung auf die Bühne gebracht sehen werden", ist aus einer Entstellung des Wahrnehmungsvorgangs in irriger Weise ge- folgert und wird ausführlich widerlegt werden.

In diesem Zusammenhang der Hierarchie der Wissenschaften ent- wickelt Comte „die notwendige Richtung des Gesamtzusammenhangs der menschheitlichen Entwicklung" ^^ welche ihm alsdann als Prinzip für die Leitung der Gesellschaft dient, aus der Anschauung des ge- schichtlichen Weltlaufs und verifiziert sie durcli die Biologie. — In der biologischen Verifikation berühren wir augenscheinlich den Le- bensknoten seiner Soziologie. Welches ist also die biologische Grund- lage, deren Herstellung erst die Schöpfung der Soziologie ermög- lichte? Comte erklärt: die Methode, deren die Soziologie sich bedient, mußte erst auf dem Gebiet der Naturforschung ausgebildet werden. Das Mittel (milieu), in dem der Mensch sich befindet, mußte erst in den Wissenschaften der anorganischen Natur erkannt werden. Sei das, wir verlangen aber einen Zusammenhang, der in den Mittelpunkt der Soziologie selber hineinreicht. Es ist schwer, ein Lächeln zurückzu- ^ Dieser Zusammenhang ausdrücklich als entscheidend für die Entwicklung der Sozio- logie anerkannt: philosophie positive 4, 225.

* So auch wieder Hitzig in den Untersuchungen über das Gehirn, S. 56 u. a. a. O., wozu vgl. Wundts Physiol. Psychologie, 6. Abschnitt des zweiten Bandes, 2. Aufl. 1880.

Die Methode der Soziologie Covites ist falsch 107 halten: er besteht darin, daß die Konstanz der äußeren biologischen Organisation die Konstanz einer gewissen psychischen Grundstruktur dartut, dann aber — doch wir geben seine Worte — iious avons re- connu, que le sens general de l'^volution humaine consiste surtout ä diminuer de plus en plus l'inevitable preponderance, necessairement toujours fondamentale, mais d'abord excessive, de la vie affective sur la vie intellectuelle, ou suivant la formule anatomique, de la region posterieure du cerveau sur la region frontale. ^ Derbe naturalistische Metaphysik — das ist die wirkliche Grundlage seiner Soziologie. — Andererseits ist der,, allgemeine Sinn der menschheitlichen Entwick- lung", wie er ihn der Anschauung des geschichtlichen Weltlaufs ab- gewinnt, wieder nichts als eine notio universalis, eine verworrene und unbestimmte Allgemein Vorstellung, welche aus dem bloßen Überblick über den geschichtlichen Zusammenhang abstrahiert ist. Eine un- wissenschaftliche Abstraktion, unter deren weitem Mantel die wach- sende Herrschaft des Menschen über die Natur, der wachsende Einfluß der höheren Fähigkeiten über die niederen, der Intelligenz über die Affekte, unserer sozialen über unsere egoistischen Neigungen sich zu- sammenfinden.2 Diese abstrakten Bilder der Geschichtsphilosophen stellen den geschichtlichen Weltlauf nur in immer anderen Verkür- zungen dar.

Geht man zur Ausführung über, vermittels deren der Schüler de Maistres sein Papsttum der naturwissenschaftlichen Intelligenz begrün- det, so bildet diese eine merkwürdige Bestätigung unserer Sätze. Das Gesetz, das Comte wirklich gefunden hat, welches die Beziehungen der logischen Abhängigkeit von Wahrheiten untereinander zu ihrer geschichtlichen Abfolge ausdrückt (wenn es auch noch unvollkommen bei ihm formuliert ist) gehört einer Einzelwissenschaft des Geistes an, und es wurde von ihm vermöge einer anhaltenden und tiefeindrin- genden Beschäftigung mit diesem Kreise der gesellschaftlichen Wirk- lichkeit gefunden. Die Generalisation von den drei Epochen ist in ihren wahren Grundzügen von Turgot festgestellt worden, und die Ausfüh- rung Comtes mißlang, da ihm das Detail der Geschichte der Theo- logie und Metaphysik nicht bekannt war. So vermag seine Soziologie die Stellung nicht zu erschüttern, welche das positive Studium des geschichtlich-gesellschaftlichen Lebens stets behauptet hat: als die eine Hälfte des Kosmos der Wissenschaften, ruhend auf ihren eigentüm- lichen und unabhängigen Erkenntnisbedingungen, anwachsend aus eigenen Erkenntnismitteln in erster Linie, dabei mitbestimmt durch den Fortschritt der Wissenschaften vom Erdganzen und von den Be- dingungen und Formen des Lebens auf ihm.

^Oo Erstes einleitendes Buch Brachte so Comte seine Soziologie in eine blendende, aber falsche Beziehung zu den Naturwissenschaften, so hat er andererseits das wahre und fruchtbare Verhältnis jeder geschichtlichen Betrachtung zu den Einzelwissenschaften des Menschen und der Gesellschaft nicht erkannt und nicht benutzt. Im Widerspruch mit seinem Prinzip der positiven Philosophie, hat er seine ungestümen Generalisationen außer Zusammenhang mit der methodischen Verwertung der positiven Wis- senschaften des Geistes abgeleitet, ausgenommen seine Theorie über den Zusammenhang der Entwicklung der Intelligenz.

Als eine Abschwächung dieses Prinzips der Unterordnung der geschichtlichen Erscheinungen unter die Naturwissenschaften, wie es in Comte vorliegt, muß die Art von Unterordnung betrachtet werden, welche Stuart Mill in seinem berühmten Kapitel über die Logik der Geisteswissenschaften vertritt. Kehrt er dem Metaphysischen in Comte den Rücken und hätte demnach wohl eine gesundere Rich- tung in der Betrachtung der Geschichte vorbereiten können, so wirkt doch in seiner Methode die Unterordnung der Geisteswissenschaften unter die der Natur in verhängnisvoller Weise nach. Er unterscheidet sich von Comte, wie sich das auf Psychologie gegründete natürliche System der gesellschaftlichen Funktionen und Lebenssphären, v/elches die Engländer im i8. Jahrhundert aufgestellt hatten, von dem auf die Naturwissenschaften gegründeten unterscheidet, welches die fran- zösischen Materialisten des i8. Jahrhunderts verteidigt hatten. Er er- kennt die Selbständigkeit der Erklärungsgründe der Geisteswissen- schaften vollständig an. Aber er ordnet ihre Methoden zu sehr dem Schema unter, welches er aus dem Studium der Naturwissenschaften entwickelt hat. „Wenn", so sagt er in dieser Beziehung, „einige Gegen- stände Resultate ergaben, denen zuletzt alle auf den Beweis Achten- den einstimmig beistimmten, wenn man in Beziehung auf andere weniger glücklich war und die scharfsinnigsten Geister sich von der frühesten Zeit an mit denselben beschäftigten, ohne daß es ihnen gelungen wäre, ein ansehnliches, gegen Zweifel oder Einwürfe ge- sichertes System von Wahrheiten zu begründen, so dürfen wir diesen Fleck vom Antlitz der Wissenschaft dadurch zu entfernen hoffen, daß wir die bei den ersteren Untersuchungen so glücklich befolgten Me- thoden verallgemeinem und sie den letzteren anpassen." ^ So anfecht- bar dieser Schluß ist, so unfruchtbar ist die,, Anpassung" der Me- thoden der Geisteswissenschaften gewesen, welche durch ihn begrün- det wird. Bei Mill besonders vernimmt man das einförmige und er- müdende Geklapper der Worte Induktion und Deduktion, welches jetzt Die Methode der Soziologie Stuart Mills ist jalsch lOQ aus allen uns umgebenden Ländern zu uns herübertönt. Die ganze Geschichte der Geisteswissensciiaften ist ein Gegenbeweis gegen den Gedanken einer solchen „Anpassung". Diese Wissenschaften haben eine ganz andere Grundlage und Struktur als die der Natur. Ihr Ob- jekt setzt sich aus gegebenen, nicht erschlossenen Einheiten, welche uns von innen verständlich sind, zusammen; wir wissen, verstehen hier zuerst, um allmählich zu erkennen. Fortschreitende Analysis eines von uns in unmittelbarem Wissen und in Verständnis von vornherein besessenen Ganzen: das ist daher der Charakter der Geschichte dieser Wissenschaften. Die Theorie der Staaten oder der Dichtung, wie sie die Griechen zu Alexanders Zeit besaßen, verhält sich zu unserer Staats- wissenschaft oder Ästhetik ganz anders als naturwissenschaftliche Vor- stellungen jener Epoche zu den unseren. Und es ist eine eigene Art von Erfahrung, die hier stattfindet: das Objekt baut sich selber erst vor den Augen der fortschreitenden Wissenschaft nach und nach auf; Individuen und Taten sind die Elemente dieser Erfahrung, Versenkung aller Gemütskräfte in den Gegenstand ist ihre Natur. Diese Andeu- tungen zeigen hinlänglich, daß, im Gegensatz gegen die gewisser- maßen von außen an die Geisteswissenschaften herantretenden Methoden emes Mill und Buckle, die Aufgabe gelöst werden muß: durch eine Erkenntnistheorie die Geisteswissenschaften zu begründen, ihre selbständige Gestaltung zu rechtfertigen und zu stützen sowie die Unter- ordnrmg ihrer Prinzipien wie ihrer Methoden unter die der Natur- wissenschaften definitiv zu beseitigen.

XVIL SIE ERKENNEN NICHT DIE STELLUNG DER GESCHICHTSWISSENSCHAFT ZU DEN EINZELWISSENSCHAFTEN DER GESELLSCHAFT Mit diesen Irrtümern über Aufgabe und Methode steht die falsche Stellung dieser Träume von Wissenschaften zu den wirklich existenten Einzelwissenschaften im nächsten Zusammenhang. Dieselben erwarten von ihren tumultuarischen Bestrebungen, was stets nur das Werk der anhaltenden Arbeit vieler Generationen sein kann. Daher gleichen alle diese isolierten Entwürfe Backsteinbauten, welche durch Tünche die Blöcke, Säulen und Verzierungen in Granit nachahmen, die nur in der geduldigen und langsamen Bearbeitung eines spröden Stoffes ent- stehen.

In den unzähligen Abstufungen der Verschiedenheit von indivi- duellen Einheiten, in dem unermeßlich verteilten und veränderlichen I lO Erstes einleitendes Buch Spiel von Ursachen, Wirkungen, Wechselwirkungen zwischen ihnen, als der Wirklichkeit der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt, faßt die Wissenschaft, will sie diese Wirklichkeit auch nur auffassen, das Gleichartige der Tatsachen, das Gleichförmige der Beziehungen einer- seits in dem Nacheinander der Tatbestände und Veränderungen, andererseits in dem Nebeneinander derselben zusammen.

Die eine Seite des Problems vom allgemeinen Zusammenhang in dieser Wirklichkeit bildet also das höchst komplexe Ganze des Fort- gangs der Gesellschaft von seinem Lebensstande (status societatis) in einem bestimmten Durchschnitt zu dem in einem bestimmten an- deren, schließlich von ihrem ersten für uns auffaßbaren Lebensstande zu dem, welcher die Gesellschaft der Gegenwart ausmacht (ein Status, dessen Auffassung den früheren Begriff von Statistik bildete). Diese Seite des Problems hat, als die Theorie des geschichtlichen Fortschritts, von Anfang das Zentrum der Philosophie der Ge- schichte gebildet: Comte bezeichnet sie als Dynamik der Gesellschaft. — Nie hat nun die Philosophie der Geschichte vermocht, ein allge- meines Gesetz dieses Fortschritts von hinlänglicher Bestimmtheit aus der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit direkt abzuleiten. Eine solche Theorie müßte entweder die Beziehung zwischen Formeln enthalten, deren jede einzeln den Inbegriff eines bestimmten Status societatis ausdrückte und deren Vergleichung sonach das Gesetz des Gesamtfortschritts ergeben würde; oder eine solche Theorie müßte in einer Formel den Inbegriff aller Kausalbeziehungen ausdrücken, welche die Veränderungen innerhalb des Totalzusammenhangs der Gesellschaft hervorbringen. Es braucht nicht entwickelt zu werden, daß die Ableitung einer Formel der einen wie der anderen Art aus der Gesamt- anschauimg der geschichtlich - gesellschaftlichen Wirklichkeit die menschliche Anschauungskraft gänzlich übersteigt.

Soll der Zusammenhang des geschichtlich-gesellschaftlichen Le- bens, nach der Seite der Abfolge der in ihm enthaltenen Zustände angesehen, der Methode der Erfahrung unterworfen werden, dann muß das Ganze desselben in Einzel zusammenhänge aufgelöst v/erden, welche übersichtlicher und einfacher sind. Dasselbe Verfahren muß angewandt werden, vermöge dessen die Naturwissenschaften ihr um- fassendes Problem des Zusammenhangs der äußeren Natur zerlegt und in der Lehre von Gleichgewicht und Bewegung der Körper, von Schall, Licht, Wärme, Magnetismus und Elektrizität sowie vom che- mischen Verhalten der Körper einzelne Systeme von Naturgesetzen konstituiert haben, vermittels deren sie sich alsdann der Auflösung ihres allgemeinen Problems nähern. — Nun existieren aber Einzel- wissenschaften, welche dies Verfahren angewandt haben. Der einzig Das Problem d. geschichtlichen Fortschritts u. d. Consensus gleichzeitiger Tatsachen III mögliche Weg einer Erforschung des geschichtlichen Zusammenhangs: Zerlegung desselben in Einzelzusammenhänge, ist in den Einzeltheo- rien der Systeme der Kultur und der äußeren Organisation der Ge- sellschaft längst eingeschlagen worden. Das Studium des Individuums als der Lebenseinheit in der Zusammensetzung der Gesellschaft ist die Bedingung für die Erforschung der Tatbestände, die aus der Wechsel- wirkung dieser Lebenseinheiten in der Gesellschaft durch Abstraktion ausgelöst werden können; nur auf dieser Grundlage der Ergebnisse der Anthropologie, vermittels der theoretischen Wissenschaften der Gesellschaft in ihren drei Hauptklassen, der Ethnologie, der Wissen- schaften von den Systemen der Kultur sowie derer von der äußeren Organisation der Gesellschaft kann das Problem des Zusammenhangs unter den aufeinanderfolgenden Zuständen der Gesellschaft allmählich einer Lösung nähergeführt werden. — Auch sind tatsächlich auf die- sem Weg alle exakten und fruchtbaren Gesetze gefunden worden, zu denen die Geisteswissenschaften bisher gelangt sind, wie das Grimmsche Gesetz in der Sprachwissenschaft, das Thünensche in der politischen Ökonomie, die Verallgemeinerungen über Struktur, Entwicklungsge- schichte und Störungen des Staatslebens seit Aristoteles, die Sätze, welche Winckelmann, Heyne, die Schlegel über die Entwicklungsgeschichte der Künste gewonnen haben, das Comtesche Gesetz der Be- ziehung zwischen der logischen Abhängigkeit der Wissenschaften von- einander und ihrer geschichtlichen Abfolge.

Die andere Seite dieses Problems von dem allgemeinen Zusam- menhang in der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit, das Stu- dium der Beziehungen zwischen den gleichzeitigen Tatsachen und Veränderungen, fordert ebenfalls Zerlegung des komplexen Tatbestandes eines solchen Status societatis. Die Beziehungen von Ab- hängigkeit und Verwandtschaft, wie sie zwischen den Erscheinungen eines Zeitalters stattfinden und in der Störung sich kundgeben, die bei Abänderungen in einem Bestandteil des gesellschaftlichen Gesamtzu- standes üi anderen auftritt, können mit dem Verhältnis, welches zwi- schen den Bestandteilen, zwischen den Funktionen eines Organismus stattfindet, verglichen werden. Sie liegen dem Begriff der Kultur eines Zeitalters oder einer Epoche zugrunde, und jede kulturgeschichtliche Schilderung geht von ihnen aus. Hegel erfaßte sie höchst energisch; es war sein Kunstgriff, literarische Erzeugnisse eines Zeitalters zu be- nutzen^ um auf die Geistesverfassung desselben von ihnen aus ein Licht zu werfen, wie denn hierauf seine irrige Theorie von dem für den ganzen Geist einer Zeit repräsentativen Charakter philosophischer Sy- steme gegründet war. Die französischen und englischen Soziologen fassen diese Beziehungen in dem Begriff des Consensus zwischen 112 Erstes einleitendes Buch gleichzeitigen gesellschaftlichen Erscheinungen zusammen. Aber ein genauer Ausdruck für die Verwandtschaft zwischen den verschieden- artigen Bestandteilen, für die Abhängigkeit des einen vom anderen setzt auch hier augenscheinlich die Unterscheidung der einzelnen Glie- der und Systeme voraus, welche den Status societatis bilden; schon eine Übersicht über den Charakter der Kultur in einer Epoche muß zeigen, wie in der Verschiedenheit der Glieder und Systeme der Gesell- schaft gleichartige Grundverhältnisse sich als Verwandtschaft äußern. Diesem Verhältnis, welches die Methodologie der Geisteswissen- schaften tiefer zu entwickeln haben wird, entspricht der tatsächliche Bestand der allgemeinen Wahrheiten in der Philosophie der Geschichte vmd der Soziologie. Vico, Turgot, Condorcet, Herder waren in erster Linie Universalhistoriker in philosophischer Absicht. Der um- fassende Blick, durch welchen sie Wissenschaften miteinander kom- binierten, wie Vico Jurisprudenz und Philologie, Herder Naturkunde und Geschichte, Turgot politische Ökonomie, Naturwissenschaften und Geschichte, hat der modernen Geschichtswissenschaft erst ihre Wege gebahnt. Der Name der Philosophie der Geschichte, ja nicht selten dasselbe Werk, umfaßt aber mit diesen Arbeiten, welche fruchtbare Kombinationen in der Richtung einer wahren Universalgeschichte vollzogen, zugleich Theorien ganz anderer Art, welche der Gemeinschaft mit jenen Arbeiten den größten Teil ihres Ansehens verdanken. Aus diesen Formeln, welche den Sinn der Geschichte auszusprechen beanspruchen, ist keine fruchtbare Wahrheit geflossen. Alles metaphysischer Nebel. Bei keinem ist er dichter als bei Comte, der den Katholizismus de Maistres in das Schattenbild einer hierarchischen Leitung der Gesellschaft durch die Wissenschaften wandelte.^ Und wo irgend aus diesen Nebeln kla- rere Gedanken auftauchen, da sind es Sätze über Funktion, Struktur und Entwicklungsgeschichte der einzelnen Völker, Religionen, Staaten, Wissenschaften, Künste oder über die Beziehungen zwischen diesen im Zusammenhang der geschichtlichen Welt. Aus diesen Sätzen über das Leben der Glieder und Systeme der Menschheit setzt sich jedes genauere Bild zusammen, durch welches irgendeine Philosophie der Geschichte ihrem schattenhaften Grundgedanken etwas von Fleisch und Blut gibt.2 ' Besonders deutlich inSchlejermachers so großartiger Ethik, da hier das „Han- deln der Vernunft auf die Natur, auf der Basis ihres Ineinander, wie es als ein begrifflich Mannigfaltiges konstruiert wird" (§75 ff.), erst seinen Inhalt durch die Beziehung auf die Systeme, welche das Leben der Gesellschaft bilden, und die Ergebnisse der Einzelwissen- schaften über sie empfängt.

Ausdehnung und Vervollkommnung der Ceistesivissenschaften 113 xvni.

WACHSENDE AUSDEHNUNG UND VERVOLLKOMMNUNG DER EINZELWISSENSCHAFTEN Inzwischen unterwerfen sich die Einzelwissenschaften des Geistes immer neue Gruppen von Tatsachen, sie erhahen durch vergleichende Methode und psychologische Grundlegung immer mehr den Charakter allgemeiner Theorien, und wenn sie sich der Beziehungen zueinander in der Wirklichkeit immer deutlicher bewußt werden: so muß wohl klar werden, daß in ihrem Zusammenhang allmählich diejenigen unter den Problemen der Soziologie, der Philosophie des Geistes oder der Geschichte einer Lösimg sich nähern, die einer solchen überhaupt zu- gänglich sind.

Wir sahen, wie diese Einzelwissenschaften aus dem Totalzusam- menhang durch einen Vorgang von Analysis und Abstraktion aus- gesondert worden sind. Nur in der Beziehung auf die Wirklichkeit, in der ihre abstrakten Sätze enthalten sind, liegt ihre Wahrheit. Nur indem diese Beziehung in ihre Sätze mit aufgenommen wird, gelten dieselben von dieser Wirklichkeit. In der Loslösung von diesem Zu- sammenhang entsprangen die verhängnisvollen Irrtümer, welche als abstraktes Naturrecht, abstrakte politische Ökonomie, als System der natürlichen Religion, kurz, als das natürliche System des 17. und 18. Jahrhunderts die Wissenschaften verdorben und die Gesellschaft geschädigt haben. Indem die Einzel Wissenschaften von einem erkennt- nistheoretischen Bewußtsein aus die Stellung ihrer Sätze zu der Wirk- lichkeit, aus der sie abstrahiert sind, festhalten, erhalten diese Sätze, wie abstrakt sie auch seien, das Maß ihrer Geltung an der Wirklich- keit. — Wir sahen aber ferner, daß uns keine Erkenntnis des kon- kreten Totalzusammenhangs der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirk- lichkeit vergönnt ist, als welche durch Zergliederung desselben in Einzelzusammenhänge, sonach vermittels dieser Einzelwissenschaften erreicht wird. In letzter Instanz ist unsere Erkenntnis dieses Zusam- menhangs nur ein sich ganz Klar-, ganz Bewußtmachen des logischen Zusammenhangs, in welchem die Einzelwissenschaften ihn besitzen oder ihn zu erkennen gestatten. Dagegen müssen die isolierten Einzel- wissenschaften des Geistes der toten Abstraktion verfallen; die iso- lierte Philosophie des Geistes ist ein Gespenst; die Sonderung der philosophischen Betrachtungsweise der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit von der positiven ist die verderbliche Erbschaft der Meta- physik.

Die Entwicklung der Einzelwissenschaften des Geistes zeigt einen DiUheys Schriften I 8 114 Erstes einleitendes Buch Fortschritt, welcher hiermit in Übereinstimmung ist. Unbefangene, von den Abstraktionen vergangener Tage freie Analysen einzelner Ge- staltungen aus dem Gebiet der äußeren Organisation der Gesellschaft oder der Systeme der Kultur, wie wir seit Toquevilles glorreichen Ar- beiten deren eine ganze Anzahl erhalten haben, legen den inneren Zu- sammenhang von geschichtlichen Gebilden bloß. Das Verfahren der Vergleichung hat in der Sprachwissenschaft seine Probe bestanden, hat sich siegreich auf die Mythologie ausgedehnt, und es verspricht, allmählich allen Einzelwissenschaften des Geistes den Charakter von wirklichen Theorien zu geben. Der Zusammenhang mit der Anthro- pologie wird von keinem der positiven Forscher mehr vernachlässigt. Die Wissenschaften der Systeme der Kultur und der äußeren Or- ganisation der Gesellschaft stehen aber mit der Anthropologie haupt- sächlich durch jene psychischen und psychophysischen Tatsachen in Verbindung, welche ich als solche zweiter Ordnung bezeichnet habe. Die Analysis dieser Tatsachen, welche in der Wechselwirkung der Individuen in der Gesellschaft sich bilden und keineswegs in die der Anthropologie völlig auflöslich sind, bedingt in einem erheblichen Grade die theoretische Strenge der Einzelwissenschaften, denen sie zugrunde liegen. Die Tatsachen von Bedürfnis, Arbeit, Herrschaft, Befriedigung sind psychophysischer Natur; sie sind Bestandteile der Grundlagen der politischen Ökonomie, der Staats- und Rechtswissen- schaft, und ihre Zergliederung gestattet, sozusagen in die Mechanik der Gesellschaft einzudringen. Man könnte sich eine allgemeine Be- trachtungsweise denken, gewissermaßen eine Psychophysik der Ge- sellschaft, welche die Beziehungen zwischen der Verteilung der ver- änderlichen Gesamtmasse des psychischen Lebens auf der Erdober- fläche und der Verteilung derjenigen Kräfte zum Gegenstande hätte, die in der Natur bereitliegen, in den Dienst dieser Gesamtmasse ge- bracht sind und durch deren Leistungen diese schließlich ihre Bedürfnisse befriedigt. Andere wichtige psychische Tatsachen liegen den Systemen der höheren geistigen Kultur zugrunde, so die Tatsache der Über- tragung und der in ihr sich vollziehenden Umbildung. In der Über- tragung verbleibt ein Zustand in A, während er auf B übergeht; hier- auf gründen sich die quantitativen Beziehungen in jedem System einer geistigen Bewegung. Geht man davon aus, daß in der Wissenschaft eine vollständige Übertragbarkeit der Begriffe und Sätze von dem Denker, der sie aufgefunden, auf den, dessen Fassungskraft der Aufgabe ihres Verständnisses angemessen ist, besteht: so entsteht das inter- essante Problem, die Ursachen der Störungen zu erforschen, welche einen solchen regelmäßigen Fortgang in der Geschichte des Wissens verhindert haben.