SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

Page 14 of 46

Wachsende Ausdehnung und Vervollkommnung der Geisteswissenschaften 1 1 5 Es gibt innerhalb der geschichtlichen Welt, die ja, dem Meere gleich, immer in Wellen bewegt ist, neben den dauernden Tatbestän- den, welche, Teilinhalte der psychophysischen Wechselwirkungen, wie sie sind, als Religionen, Staaten, Künste, dauernde Gebilde darstellen und als solche von den Einzelwissenschaften des Geistes erforscht wer- den, auch umfangreiche und in sich zusammenhängende Vorgänge von einer mehr vorübergehenden Art, die innerhalb der geschichtlichen Wechselwirkung auftreten, wachsen und sich ausbreiten, um dann bald wieder zu verschwinden, Revolutionen, Epochen, Bewegungen: das sind Namen für diese geschichtlichen Phänomene, welche weit schwerer faßbar sind als die dauernden Gestaltungen, welche die äußere Or- ganisation der Gesellschaft oder die Systeme der Kultur hervorbringen. Schon Aristoteles hat den Revolutionen eine scharfsinnige Unter- suchung gewidmet. Es sind aber besonders die geistigen Bewegungen, welche mit der Zeit einer sehr exakten Behandlung zugänglich wer- den müssen, da sie quantitative Bestimmungen gestatten. Von der Epoche der Geschichte ab, in welcher der Bücherdruck auftritt und eine hinlängliche Beweglichkeit erlangt hat, sind wir durch Anwendung der statistischen Methode auf den Bestand der Bibliotheken imstande, die Intensität geistiger Bewegungen, die Verteilung des Interesses in einem bestimmten Zeitpunkt der Gesellschaft zu messen; so werden wir instand gesetzt, den ganzen Vorgang, von den Bedingungen eines Kulturkreises ab, dem Grad von Spannung und Interesse in ihm, durch die ersten tastenden Versuche, bis zu einer genialen Schöpfung vor- stellig zu machen. Die Darstellung der Ergebnisse einer solchen Sta- tistik wird durch graphische Darstellung sehr an Anschaulichkeit ge- winnen.

So wird die positive Wissenschaft auch die mehr vorübergehenden Zusammenhänge inmitten der allgemeinen Wechselwirkung der Indi- viduen in der Gesellschaft der theoretischen Behandlung zu unterwer- fen bemüht sein. Doch wir sind an der Grenze angelangt, an welcher das Erreichte zu künftigen Aufgaben hinüberleitet — von der aus wir zu fernen Küsten hinüberblicken.

8* 1 16 Erstes einleitenaes Buch XIX.

DIE NOTWENDIGKEIT EINER ERKENNTNISTHEORETISCHEN GRUNDLEGUNG FÜR DIE EINZELWISSENSCHAFTEN DES GEISTES Alle Fäden der bisherigen Erwägungen laufen in der folgenden Einsicht zusammen. Das Erkennen der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit vollzieht sich in den Einzel Wissenschaften des Geistes. Diese aber bedürfen ein Bewußtsein über das Verhältnis ihrer Wahr- heiten zu der Wirklichkeit, deren Teilinhalte sie sind, sowie zu den anderen Wahrheiten, die gleich ihnen aus dieser Wirklichkeit abstra- hiert sind, und nur ein solches Bewußtsein kann ihren Begriffen die volle Klarheit, ihren Sätzen die volle Evidenz gewähren.

Aus diesen Prämissen ergibt sich die Aufgabe, eine erkenntnis- theoretische Grundlegung der Geisteswissenschaften zu entwickeln, alsdann das in einer solchen geschaffene Hilfsmittel zu gebrauchen, um den inneren Zusammenhang der Einzelwissenschaften des Geistes, die Grenzen, innerhalb deren ein Erkennen in ihnen mög- lich ist, sowie das Verhältnis ihrer Wahrheiten zueinander zu bestim- men. Die Lösung dieser Aufgabe könnte als Kritik der historischen Vernunft, d. h. des Vermögens des Menschen, sich selber und die von ihm geschaffene Gesellschaft und Geschichte zu erkennen, bezeichnet werden.

Eine solche Grundlegung der Geisteswissenschaften muß sich, wemi sie ihr Ziel erreichen will, in zwei Punkten von den bisherigen Arbeiten verwandter Art imterscheiden. Sie verknüpft Erkennt- nistheorie und Logik miteinander und bereitet so die Lösimg der Aufgabe vor, welche im Schulbetrieb als Enzyklopädie und Metho- dologie bezeichnet wird. Aber sie schränkt andererseits ihr Pro- blem auf das Gebiet der Geisteswissenschaften ein.

Die Logik als Methodenlehre zu gestalten, ist die gemein- same Richtung aller hervorragenden logischen Arbeiten unseres Jahr- hunderts. Aber das Problem der Methodenlehre empfängt durch den Zusammenhang, in welchem es in der neueren deutschen Philosopliie auftritt, eine besondere Form. Diese Form der Aufgabe ist in dem ganzen Zusammenhang unserer Philosophie objektiv angelegt und muß jede Methodenlehre, die unter uns auftritt, unterscheiden von den Ar- beiten eines Stuart Mill, Whewell oder Jevons.

Die Analysis der Bedingungen des Bewußtseins hat die unmittel- bare Gewißheit der Außenwelt, die objektive Wahrheit der Wahr- nehmung, alsdann der Sätze, welche die Eigenschaften des Räumliehen ausdrücken, sowie der Begriffe von Substanz und Ursache, welche die Natur des Wirklichen aussprechen, aufgelöst, und zwar wurde sie teils getragen, teils bestätigt durch die Ergebnisse der Physik und Physiologie: so entsteht die Aufgabe, die einzelnen Wissenschaften mit diesem kritischen Bewußtsein zu erfüllen. Den Anforderungen an Evidenz, in welchen die positiven Wissenschaften der früheren Zeit zusammentrafen mit der formalen Logik jener Tage, wurde genug- getan, indem die im Bewußtsein als unmittelbar gewiß auftretenden Tatsachen und Sätze unter die Gesetze des diskursiven Denkens ge- stellt wurden. Nunmehr aber, vom kritischen Standpunkte aus, sind an die Gestaltung eines seiner Sicherheit klar bewußten Denkzusam- menhangs innerhalb der einzelnen Wissenschaften andere Anforde- rungen zu stellen. Hieraus entspringt für die Logik die Aufgabe, diese Anforderungen zu entwickeln, wie sie der kritische Standpunkt an die Gestaltung eines seiner Sicherheit klar bewußten Denkzusammenhangs innerhalb der einzelnen Wissenschaften machen muß.

Eine Logik, welche diese Anforderungen erfüllt, bildet das Mittel- glied zwischen dem Standpunkt, welchen die kritische Philosophie er- rungen hat, und den fundamentalen Begriffen und Sätzen der einzelnen Wissenschaften. Denn die Regeln, welche diese Logik entwirft, wollen die Sicherheit von Sätzen der Einzelwissenschaften durch einen Zu- sammenhang gewährleisten, welcher auf die Elemente gegründet ist, bis zu denen die Analysis des Bewußtseins die Sicherheit des Wissens zurückführt. Es ist auch hier die nicht aufzuhaltende Bewegung in der Wissenschaft imseres Jahrhunderts, die Grenzen niederzureißen, welche ein eingeschränkter Fachbetrieb zwischen der Philosophie und den Einzelwissenschaften errichtet hat.

Den Anforderungen des kritischen Bewußtseins vermag aber die Logik nur zu entsprechen, indem sie ihr Gebiet über die Analysis des diskursiven Denkens hinaus erweitert. Die formale Logik schränkt sich auf die Gesetze des diskursiven Denkens ein, welche aus dem Überzeugungsgefühl abstrahiert werden konnten, das unser im Bewußt- sein verlaufendes Urteilen und Schließen begleitet. Diese Logik da- gegen, welche die Konsequenz des kritischen Standpunktes zieht, nimmt die von Kant als transzendentale Ästhetik und Analytik bezeichneten Untersuchungen in sich auf, d. h. den Zusammenhang der dem diskur- siven Denken zugrunde liegenden Vorgänge; sie dringt also rückwärts in die Natur und den Erkenntniswert von Prozessen ein, deren Ergeb- nisse unsere früheste Erinnerung schon vorfindet. Und zwar kann sie dem so entstehenden, den inneren und äußeren Wahrnehmungsvor- gang sowie das diskursive Denken umfassenden Zusammenhang ein Prinzip der Äquivalenz zugrunde legen, welchem gemäß die I^istung, 1 1 o Erstes einleitendes Buch durch welche der Wahmehmungsvorgang über das ihm Gegebene hin- ausgeht, dem diskursiven Denken gleichwertig ist. In der Richtung einer solchen Erweiterung der Logik liegt der von Helmholtz ent- worfene tiefe Begriff der unbewußten Schlüsse. ^ Diese Erweiterung muß alsdann auf die Formeln zurückwirken, in welchen die Bestand- teile und Normen des diskursiven Denkens dargestellt werden. Das logische Ideal selber ändert sich. Sigwart hat von diesem Stand- punkt aus die Formeln der Logik umgebildet und so eine Methoden- lehre unter kritischem Gesichtspunkt begründet. 2 Nachdem einmal das kritische Bewußtsein da ist, kann es unmöglich eine Evidenz erster und zweiter Klasse oder Wissende erster und zweiter Rangordnung geben; nur derjenige Begriff ist nunmehr vollkommen in logischer Rücksicht, welcher ein Bewußtsein seiner Provenienz in sich enthält; nur derjenige Satz besitzt Sicherheit, dessen Begründung in ein un- anfechtbares Wissen zurückreicht. Die logischen Anforderungen an den Begriff sind vom kritischen Standpunkt aus erst dann erfüllt, wenn im Zusammenhang der Erkenntnis, in welchem er auftritt, ein Bewußt- sein des Erkenntnisvorganges selber, durch den er gebildet wird, vor- handen und ihm durch dieses sein Ort in dem System der Zeichen, welche sich auf die Wirklichkeit beziehen, eindeutig bestimmt ist.

Den logischen Anforderungen an ein Urteil ist erst dann entsprochen, wenn das Bewußtsein seines logischen Grundes in dem Zusammen- hang der Erkenntnis, in welchem es auftritt, die erkenntnistheoretische Klarheit über Gültigkeit und Tragweite des ganzen Zusammenhangs psychischer Akte einschließt, welche diesen Grund ausmachen. Da- her führen die Anforderungen der Logik an Begriffe und Sätze bis in das Hauptproblem aller Erkenntnistheorie zurück: Natur des un- mittelbaren Wissens um die Tatsachen des Bewußtseins und Verhält- nis desselben zu dem nach dem Satze vom Grunde fortschreitenden Erkennen.

Diese Erweiterung des Gesichtskreises der Logik ist in Über- einstimmimg mit der Richtung der positiven Wissenschaften selber. Indem das naturwissenschaftliche Denken über die natürliche Bezie- hung unserer Empfindungen auf Einzeldinge in Raum und Zeit hin- ausgeht, findet es sich überall auf die genaue Bestimmung dieser Emp- findungen selber zurückgeführt, sonach auf die Bestimmung ihrer Ab- folge nach einem allgemeingültigen Zeitmaß, auf allgemeingültige Orts- und Größenbestimmungen sowie Eliminierung der Beobachtungs- fehler, kurz, auf Methoden, durch welche die Bildung der Wahrneh- ^ Vgl. die letzte Fassung, Tatsachen in der Wahrnehmung (1879) S. 27. - 1873 im ersten Band seiner Logik, dem dann 1878 im zweiten die Methodenlehre folgte.

Sie soll Erkenntnistheorie und Logik verknüpfen 1 1 9 mungsurteile selber zu logischer Vollkommenheit geführt werden kann. In bezug auf die Geisteswissenschaften aber zeigte sich uns, daß psy- chische und psychophysische Tatsachen die Grundlage der Theorie nicht nur vom Individuum, sondern ebenso von den Systemen der Kultur sowie von der äußeren Organisation der Gesellschaft bilden, und daß dieselben der historischen Anschauung und Analysis in jedem ihrer Stadien zugrunde liegen. Daher die erkenntnistheoretische Unter- suchung über die Art, wie sie uns gegeben sind, und die Evidenz, die ihnen zukommt, allein wirkliche Methodenlehre der Geisteswissenschaf- ten begründen kann.

So tritt zwischen die erkenntnistheoretische Grundlegung und die Einzel Wissenschaften die Logik als Mittelglied; damit entsteht der- jenige innere Zusammenhang der modernen Wissenschaft, welcher an die Stelle des alten metaphysischen Zusammenhangs un- serer Erkenntnis treten muß.

Die zweite Eigentümlichkeit in Bestimmung der Aufgabe dieser Einleitung liegt in der Einschränkung derselben auf die Grund- legung der Geisteswissenschaften.! — Wären die Bedingun- gen, unter denen das Erkennen der Natur steht, in demselben Sinn grundlegend für den Aufbau der Geisteswissenschaften, wären alle Verfahrungsweisen, vermittels deren unter diesen Bedingimgen Natur- erkennen erreicht wird, auf das Studium des Geistes anwendbar, und zwar keine als sie, wäre endlich die Art von Abhängigkeit der Wahr- heiten voneinander sowie von Beziehung der Wissenschaften aufein- ander dieselbe hier wie dort: alsdann wäre die Sonderung der Grund- legung der Geisteswissenschaften von der für die Wissenschaften der Natur ohne Nutzen. — In Wirklichkeit sind gerade die am meisten umstrittenen von den Bedingungen, unter denen naturwissenschaftliches Erkennen steht, nämlich räumliche Anordnung und die Bewegung in der Außenwelt, auf die Evidenz der Geisteswissenschaften ohne Ein- fluß, da 2 die bloße Tatsache, daß solche Phänomene bestehen und Zeichen eines Realen sind, für die Konstruktion ihrer Sätze ausreicht. Tritt man also auf diese engere Grundlage, so eröffnet sich die Mög- lichkeit, für den Zusammenhang der Wahrheiten in den Wissenschaf- ten vom Menschen, der Gesellschaft und Geschichte eine Sicherheit zu gewinnen, zu welcher die Naturwissenschaften, sofern sie mehr als Beschreibung von Phänomenen sein wollen, niemals gelangen können. — In Wirklichkeit sind ferner die Verfahrungsweisen der Geistes- wissenschaften, als in denen ihr Objekt verstanden ist, noch bevor es I20 Erstes einleitendes Buch erkannt wird*, und zwar in der Totalität des Gemütes 2, sehr verschie- den von denen der Naturwissenschaf ten.^ Und man braucht nur die Stellung zu erwägen, welche hier die Auffassung der Tatsache als solcher hat*, alsdann ihr Hindurchgehen durch verschiedene Grade von Bearbeitung unter dem Einfluß der Analysis 5, um die ganz andere Struktur des Zusammenhangs in diesen Wissenschaften zu erkennen. — Endlich stehen hier Tatsache, Gesetz, Wertgefühl und Regel in einem inneren Zusammenhang, welcher innerhalb der Naturwissen- schaften so nicht stattfindet. Dieser Zusammenhang kann nur in der Selbstbesinnung erkannt werden^, und so hat dieselbe auch hier ein besonderes Problem der Geisteswissenschaften zu lösen, welches, wie wir sahen, auf dem metaphysischen Standpunkte der Philosophie der Geschichte seine Auflösung nicht fand.

Daher eine solche abgesonderte Behandlung die wahre Natur der Geisteswissenschaften für sich heraustreten läßt und so vielleicht dazu beiträgt, die Fesseln zu brechen^ in denen die ältere und stärkere Schwester diese jüngere gehalten hat, von der Zeit ab, in welcher Descartes, Spinoza und Hobbes ihre an Mathematik und Naturwissen- schaften gereiften Methoden auf diese zurückgebliebenen Wissenschaf- ten übertrugen.

ZWEITES BUCH METAPHYSIK ALS GRUNDLAGE DER GEISTESWISSENSCHAFTEN IHRE HERRSCHAFT UND IHR VERFALL Göttinneu thronen hehr in Einsamkeit, Um sie kein Ort, noch wen'ger eine Zeit; Von ihnen sprechen ist Verlegenheit.

Faust: Wohin der Weg? Kein Weg! Ins Unbetretene, Nicht zu Betretende.

Goethe.

ERSTER ABSCHNITT DAS MYTHISCHE VORSTELLEN UND DIE ENTSTEHUNG DER WISSENSCHAFT IN EUROPA ERSTES KAPITEL DIE AUS DEM ERGEBNIS DES ERSTEN BUCHS ENTSPRINGENDE AUFGABE Das erste einleitende Buch hat zunächst das Objekt dieses Werkes in einem Überblick dargestellt: die geschichtlich - gesellschaftliche Wirklichkeit, in dem Zusammenhang, in welchem sie innerhalb der natürlichen Gliederung des Menschengeschlechts aus Individualein- heiten sich aufbaut, sowie die Wissenschaften von dieser Wirklich- keit, d. h. die Geisteswissenschaften, in der Sonderung und den inneren Beziehungen, in welchen sie aus dem Ringen des Erkennens mit dieser Wirklichkeit entstanden sind: damit der in diese Einleitung Eintretende zuvörderst das Objekt selber in seiner Realität gewahr werde.

Dies war durch den leitenden wissenschaftlichen Gedanken des vorliegenden Werkes geboten. Denn in demselben ist jede von den bisherigen Ergebnissen des philosophischen Nachdenkens abweichende Erkenntnis ein Ausfluß des einen Grundgedankens, die Philosophie sei zunächst eine Anleitung, die Realität, die Wirklichkeit in reiner Erfahrung zu erfassen und in den Grenzen, welche die Kritik des Er- kennens vorschreibt, zu zergliedern. Dem mit den Geisteswissenschaf- ten Beschäftigten will dasselbe sonach gleichsam die Organe für die Erfahrung der geschichtlich-gesellschaftlichen Welt ausbilden. Denn dies ist die gewaltige Seele der gegenwärtigen Wissenschaft: ein un- ersättliches Verlangen nach Realität, welches sich, nachdem es die Naturwissenschaften umgestaltet hat, nunmehr der geschichtlich-gesell- schaftlichen Welt bemächtigen will, um, wenn möglich, das Ganze der Welt zu umfassen und die Mittel zu gewinnen, in den Gang der menschlichen Gesellschaft einzugreifen.

Diese ganze, volle, unverstümmelte Erfahrung ist aber bisher noch niemals dem Philosophieren zugrunde gelegt worden. Vielmehr ist der Empirismus nicht minder abstrakt als die Spekulation, Der Mensch, welchen einflußreiche empiristische Schulen aus Empfindungen und 124 Zweites Buch. Erster Abschnitt Vorstellungen, wie aus Atomen, zusammensetzen, steht mit der inneren Erfahrung, aus deren Elementen doch die Vorstellung vom Menschen gewonnen ist, in Widerspruch: diese Maschine hätte nicht für einen Tag die Fähigkeit, sich in der Welt zu erhalten. Der Zusammenhang der Gesellschaft, welcher aus dieser empiristischen Auffassung ge- folgert wird, ist nicht minder als der, den die spekulativen Schulen aufgestellt haben, eine von abstrakten Elementen aus entworfene Kon- struktion. Die wirkliche Gesellschaft ist weder ein Mechanismus noch, wie andere sie vornehmer vorstellen, ein Organismus. Nur zwei ver- schiedene Seiten desselben Standpunktes der Erfahrung sind die den strengen Anforderungen der Wissenschaft entsprechende Analysis der Wirklichkeit und das Anerkenntnis der über diese Analysis hinaus- reichenden Realität der Wirklichkeit. „Im Betrachten wie im Han- deln", bemerkt Goethe, „ist das Zugängliche von dem Unzugänglichen zu unterscheiden; ohne dies läßt sich im Leben wie in der Wissenschaft wenig leisten."

Im Gegensatz gegen den herrschenden Empirismus wie gegen die Spekulation mußte also zunächst die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrer vollen Reahtät sichtbar gemacht werden; auf diese Wirklichkeit beziehen sich alle folgenden Untersuchungen. Im Gegensatz gegen die Entwürfe einer den ganzen Zusammenhang dieser Wirklichkeit umspannenden Wissenschaft mußte das Ineinandergreifen der Leistungen der geschichtlich gewordenen, fruchtbaren Einzelwis- senschaften gezeigt werden; in ihnen vollzieht sich der große Prozeß einer zwar relativen, aber fortschreitenden Erkenntnis des gesellschaft- lichen Lebens. Und da wir den Leser mit den Einzelwissenschaften be- schäftigt oder in der mit ihnen verknüpften Technik des Berufslebens tätig vorfinden, so mußte, im Gegensatz gegen diese Vereinzelung, die Notwendigkeit einer grundlegenden Wissenschaft nachgewiesen werden, welche die Beziehungen der Einzelwissenschaften zu dem fort- schreitenden Erkenntnisvorgang entwickelt; in eine solche Grund- legung führen alle Geisteswissenschaften zurück.

Zu dieser Grundlegung selber wenden wir uns nunmehr. Sie ent- nimmt für ihren Aufbau aus dem Bisherigen nur den Beweis der Not- wendigkeit einer die Geisteswissenschaften begründenden allgenieinen Wissenschaft. Dagegen muß sie für die im ersten Buch entwickelte Anschauung der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit und des Vorgangs, in welchem deren Erkenntnis stattfindet, soweit diese An- schauung mehr als eine Zusammenordnung von Tatsachen ist, nun erst die strenge Begründung darlegen.

Wir finden nun in der Literatur der Geisteswissenschaften zwei imterschiedene Gestalten einer solchen Grundlegung. Wäh- Aufgabe der folgenden Grundlegung 125 rend die Begründung der Geisteswissenschaften auf die Selbstbesin- nung, somit auf Erkenntnistheorie und Psychologie bisher in einer geringen Anzahl von Arbeiten versucht worden ist, welche erst durch die kritische Philosophie des 18. Jahrhunderts hervorgerufen wurden, besteht seit mehr als zweitausend Jahren ihre Begründung auf Meta- physik. Denn seit einer so langen Zeit wurde die Erkenntnis der geistigen Welt auf die Erkenntnis Gottes als ihres Urhebers und auf die Wissenschaft von dem allgemeinen inneren Zusammenhang der Wirklichkeit als von dem Grunde der Natur sowie des Geistes zurück- geführt. Insbesondere bis in das i 5. Jahrhundert hat die Metaphysik (den Zeitraum von der Begründung der alexandrinischen Wissenschaft bis zum Aufbau der christlichen Metaphysik ausgenommen) über die einzelnen Wissenschaften gleich einer Königin geherrscht. Ordnet die- selbe sich doch, ihrem Begriff nach notwendig, alle einzelnen Wissen- schaften unter, wenn sie überhaupt anerkannt wird. Diese Anerken- nung aber war so lange selbstverständlich, als der Geist den inneren und allgemeinen Zusammenhang der Wirklichkeit zu erkennen gewiß war. Denn Metaphysik ist eben das natürliche System, welches aus der Unterordnung der Wirklichkeit unter das Gesetz des Erkennens entspringt. Metaphysik ist also überhaupt die Verfassung der Wissen- schaft, unter deren Herrschaft das Studium des Menschen und der Gesellschaft sich entwickelt haben und unter deren Einfluß sie noch heute, wenn auch in vermindertem Umfang und Grade, stehen.

An der Pforte der Geisteswissenschaften tritt uns daher die Meta- physik gegenüber, begleitet von dem Skeptizismus, der von ihr im- zertrennlich ist, gleichsam ihr Schatten. Der Beweis ihrer Unhaltbar- keit bildet den negativen Teil der Grundlegung der einzelnen Geistes- wissenschaften, welche wir im ersten Buch als notwendig erkannt haben. Und zwar versuchen wir die abstrakte Beweisführung des 18. Jahrhunderts durch die historische Erkenntnis dieses großen Phä- nomens zu ergänzen. Wohl hat das 18. Jahrhundert die Metaphysik widerlegt. Aber der deutsche Geist lebt, unterschieden von dem eng- lischen und französischen, in dem historischen Bewußtsein der Kon- tinuität, deren Faden bei uns im 16. und 17. Jahrhundert nicht abriß; hierauf beruht seine historische Tiefe, in welcher das Vergangene einen Moment des gegenwärtigen geschichtlichen Bewußtseins bildet. So hat die Liebe zum großen Altertum einerseits die gebrochene Meta- physik bei uns in edlen Geistern auch im 19. Jahrhundert gestützt; aber eben durch dieselbe gründliche Versenkung in den Geist des Vergangenen, in die Erforschung der Geschichte des Gedankens haben wir nun andererseits die Mittel envorben_, die Metaphysik in ihrem Ursprung, ihrer Macht und ihrem Verfall geschichtlich zu erkennen.

120 Zweites Buch. Erster Abschnitt Denn die Menschheit wird diese große geistige Tatsache, wie jede andere, welche sich überlebt hat, welche aber ihre Tradition mit sich fortschleppt, nur völlig überwinden, indem sie dieselbe begreift.

Indem aber der Leser dieser Darstellung folgt, wird er geschicht- lich für die erkenntnistheoretische Grundlegung vorbereitet. Die Meta- physik, als das natürliche System, war, wie die folgende Darstellung begründen wird, ein notwendiges Stadium in der geistigen Ent- wicklung der europäischen Völker. Daher kann der Standpunkt der Metaphysik von dem, welcher in die Wissenschaften eintritt, gar nicht durch bloße Argumente zur Seite geschoben, sondern er muß von ihm, wo nicht durchlebt, doch ganz durchgedacht und solchergestalt auf- gelöst werden. Seine Folgen erstrecken sich durch den ganzen Zu- sammenhang der modernen Begriffe; die Literatur der Religion und des Staats, des Rechts wie der Geschichte ist zum größten Teil unter seiner Herrschaft entstanden, und auch der übrigbleibende Teil be- findet sich meist, selbst gegen seinen Willen, unter seinem Einfluß. Nur wer diesen Standpunkt in seiner ganzen Kraft sich klargemacht, d. h. das Bedürfnis desselben, das in der unveränderlichen Natur des Menschen wurzelt, geschichtlich verstanden, seine lang währende Macht in ihren Gründen erkannt und seine Folgen sich entwickelt hat, ver- mag seine eigene Denkart von diesem metaphysischen Boden ganz loszulösen und die Wirkungen der Metaphysik in der ihm vorliegenden Literatur der Geisteswissenschaften zu erkennen sowie zu elimi- nieren. Hat doch die Menschheit selber diesen Gang genommen. Als- dann, nur wer die einfache und harte Form der prima philosophia an ihrer Geschichte erkannt hat, wird die Unhaltbarkeit der gegen- wärtig herrschenden Metaphysik durchschauen, welche mit den Er- fahrungswissenschaften verbunden oder ihnen angepaßt ist: der Philo- sophie der naturphilosophischen Monisten, Schopenhauers und seiner Schüler sowie Lotzes. Endlich, nur wer die Gründe der Sonderung von philosophischen und empirischen Geisteswissenschaften, welche in ebendieser Metaphysik gelegen sind, erkannt sowie die Folgen dieser Sonderung in der Geschichte der Metaphysik verfolgt hat, wird in dieser Sonderung in rationale und empirische Wissenschaften das stehengebliebene Gehäuse des metaphysischen Geistes erkennen und es entschlossen wegräumen, um dem gesunden Verständnis des Zu- sammenhangs der Geisteswissenschaften freien Boden zu schaffen.

Metaphysik als Grundlegung. — Die intellekt. Entwickl. ein Zweckzusammenhang 12"] ZWEITES KAPITEL DER BEGRIFF DER METAPHYSIK. DAS PROBLEM IHRES VERHÄLTNISSES ZU DEN NÄCHSTVERWANDTEN ERSCHEINUNGEN Die Betrachtung der geschichtlichen Welt gab uns eine schwere Frage auf. Die Wechselwirkung der Individualeinheiten, ihrer Frei- heit, ja ihrer Willkür (diese Worte in dem Verstände von Namen für das Erlebnis, nicht für eine Theorie genommen), die Verschieden- heit der nationalen Charaktere und der Individualitäten, endlich die aus dem Naturzusammenhang, in welchem dies alles auftritt, stammen- den Schicksale: dieser ganze Pragmatismus der Geschichte bewirkt einen zusammengesetzten weltgeschichtlichen Zweckzu- sammenhang, vermittels der Gleichartigkeit der Menschennatur so- wie vermittels anderer Züge in ihr, welche eine Mitarbeit des einzelnen an einem über ihn selber HLnausreichenden ermöglichen, in den großen Formen der auf freies Ineinandergreifen der Kräfte gegründeten Sy- steme sowie der äußeren Organisation der Menschheit: in.Staat und Recht, wirtschaftlichem Leben, Sprache und Religion, Kunst und Wis- senschaft. So entstehen Einheit, Notwendigkeit und Gesetz in der Ge- schichte unseres Geschlechts. Mag der pragmatische Geschichtschrei- ber im Spiel der einzelnen Kräfte, in den Wirkungen der Natur und des Geschicks oder auch einer höheren Hand schwelgen, mag der Metaphysiker seine abstrakten Formeln diesen wirkenden Kräften sub- stituieren, als ob sie gleich den Gestirngeistern der ebenfalls durch metaphysische Vorstellungen genährten Astrologie dem Menschenge- schlecht seine Bahn vorschrieben: beide reichen nicht einmal an diese Frage selber heran. Das Geheimnis der Geschichte und der Mensch- heit ist tiefsinniger als die einen und die anderen. Sein Schleier lüftet sich, wo man den mit sich selber beschäftigten Willen des Menschen, gegen seine Absicht, an einem über ihn hinausreichenden Zweckzu- sammenhang wirken oder wo man seine eingeschränkte Intelligenz an diesem Zusammenhang etwas vollbringen sieht, dessen dieser bedarf, das aber von der einzelnen Intelligenz weder beabsichtigt noch vor- ausgesehen war. Der blmde Faust in der letzten täuschenden Arbeit seines Lebens ist das Symbol aller Helden der Geschichte, so gut als Faust, der mit Auge und Hand des Herrschers Natur und Gesell- schaft gestaltet.