SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Innerhalb dieses lebendigen Zusammenhangs, welcher in der To- talität der Menschennatur gegründet ist, hat sich allmählich die in- tellektuelle Entwicklung des Menschengeschlechts in der Wis- senschaft abgesondert. — Sie bildet einen vernünftigen Zusammen- 12 8 Zweites Buch. Erstet Abschnitt hang, der über das Individuum hinausreicht. Die Zwecktätigkeit der einzelnen Menschen, die Schleiermacher als „Wissenwollen", andere als „Wissenstrieb" bezeichnen (Namen für eine Tatsache des Bewußt- seins, nicht aber Erklärung dieser Tatsache), muß auf die entspre- chende Zwecktätigkeit anderer Menschen rechnen, dieselbe aufnehmen und in sie hinübergreifen. Und zwar sind gerade Vorstellungen, Be- griffe, Sätze einfach übertragbar. Darum findet in diesem Zusam- menhang oder System eine so stetige Fortentwicklung statt, als auf keinem anderen Felde menschlichen Tuns. Obwohl dieser Zweckzu- sammenhang der wissenschaftlichen Arbeit nicht durch einen Gesamt- willen geleitet wird, sondern er vollzieht sich in der freien Tätigkeit der einzelnen Individuen. — Die allgemeine Theorie dieses Systems ist Erkenntnistheorie und Logik. Sie hat das Verhältnis der Elemente in diesem vernünftigen Zusammenhang des im Menschengeschlecht sich vollziehenden Erkenntnisprozesses zueinander, sofern es einer all- gemeinen Fassung fähig ist, zu ihrem Gegenstände.^ Somit sucht sie in dem über das Individuum hinausreichenden Zusammenhang dieses Erkenntnisvorgangs Notwendigkeit, Gleichförmigkeit und Gesetz. Ihr Material ist die Geschichte der menschlichen Erkenntnis als Tatsache, und ihren Schlußpunkt bildet das zusammengesetzte Bildungsgesetz in dieser Geschichte der Erkenntnis. — Denn obgleich die Geschichte der Wissenschaft teilweise durch sehr mächtige, zum TeU höchst eigen- willige Individuen gemacht wird, obgleich die verschiedenen Anlagen der Nationen auf diese Geschichte einwirken, das Milieu der Gesell- schaft, in welchem dieser Erkenntnisvorgang sich vollzieht, überall ihn mitbestimmt: dennoch zeigt die Geschichte des wissenschaftlichen Geistes eine über solchen Pragmatismus hinausreichende folgerichtige Einheit. Pascal betrachtet das Menschengeschlecht als ein einziges Individuum, welches immerfort lernt. Goethe vergleicht die Geschichte der Wissenschaften mit einer großen Fuge, in welcher die Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen.

In diesem Zweckzusammenhang der Geschichte der Wissenschaf- ten tritt an einem bestimmten Punkte, im 5. Jahrhundert v. Chr., bei den europäischen Völkern die Metaphysik hervor, beherrscht in zwei großen Zeiträumen den wissenschaftlichen Geist Europas und ist alsdann seit mehreren Jahrhunderten in einen allmählichen Auf- lösungsprozeß eingetreten.

Der Ausdruck Metaphysik wird in so verschiedenem Verstände gebraucht, daß der Inbegriff von Tatsachen, welcher hier mit die- sem Namen bezeichnet wird, zunächst historisch einigermaßen abge- grenzt werden muß, Der Begriff der Metaphysik durch Aristoteles bestimmt 12g Es ist bekannt, daß der Ausdruck ursprünglich nur die Stellung der „ersten Philosophie" des Aristoteles hinter seinen naturwissen- schaftlichen Schriften bezeichnete, daß derselbe aber alsdann, der Zeit- richtung entsprechend, auf eine Wissenschaft dessen, was über die Natur hinausgeht, gedeutet wurde. ^ Was Aristoteles unter erster Philosophie verstand, wird darum der Bestimmung dieses Begriffs am zweckmäßigsten zugrunde gelegt, weil diese Wissenschaft durch Aristoteles ihre selbständige, von den Einzelwissenschaften klar unterschiedene Gestalt empfangen hat, und weil der Begriff der Metaphysik, wie derselbe im Zusammenhang hier- mit von Aristoteles geprägt wurde, in dem folgerichtigen Verlauf des Erkenntnisvorgangs angelegt war. Das, was historisch hier auftrat, kann zugleich als das, was in dem Zweckzusammenhang der Geschichte der Wissenschaften bedingt war, erwiesen werden. — Von der Er- fahrung unterscheidet sich nach Aristoteles die Wissenschaft dadurch, daß sie den Grund erkennt, welcher in der wirkenden Ursache ge- legen ist. Von der Einzelwissenschaft unterscheidet sich die Weis- heit, in welcher der Wissenstrieb seine in ihm selber gelegene Be- friedigung findet (das Wort Weisheit hier in seinem engsten, höchsten Verstände genommen, sonach die erste Weisheit), dadurch, daß sie die ersten Gründe, welche ganz allgemein die ganze Wirklichkeit be- gründen, erkennt. Sie enthält die Gründe für die besonderen Erfah- rungskreise, und sie beherrscht vermittels dieser Gründe das gesamte Handeln. Diese erste vollkommene Weisheit ist eben die erste Philosophie. Während die Einzelwissenschaften, z. B. die Mathematik, ein- zelne Gebiete des Seienden zu ihrem Gegenstand haben, hat diese erste Philosophie das ganze Seiende oder das Seiende als Seiendes, d.h. die gemeinsamen Bestimmungen des Seienden zu ihrem Gegenstand. Und während jede Einzelwissenschaft, entsprechend dieser Aufgabe, ein bestimmtes Gebiet des Seienden zu erkennen, in der Feststellung der Gründe nur bis zu einem gewissen Punkte zurückgeht, welcher selber im Zusammenhang der Erkenntnis rückwärts bedingt ist, hat die erste Philosophie die nicht weiter im Erkenntnisvorgang bedingten Gründe alles Seienden zu ihrem Gegenstand. 2 * Bonitz, Aristotelis Metaphysica II, p. 3 sq. erörtert erschöpfend, daß Aristoteles diese Wissenschaft als -rrptOxri q)i\ococpia bezeichnete, daß der Ausdruck luerd TCt qpuciKd für diesen Teil der Schriften des Aristoteles im Zeitalter des Augustus zuerst auftritt (wahr- scheinlich auf Andronikus zurückzuführen) und zunächst den Schrifteninbegriff bedeutet, welcher auf den naturwissenschaftlichen in der Sammlung und in dem von Aristoteles hin- reichend angedeuteten systematischen Zusammenhang folgte, alsdann aber, der Zeitrichtung entsprechend, auf eine Wissenschaft des Transzendenten gedeutet wurde.

* Diese Begriffsbestimmung der TrpuÜTr| qpiXocoqpia des Aristoteles ist vermittels der Verbindung von insbesondere Metaph. I, I. 2. III, l ff. VI, l abgeleitet. In betrefif des Diltheys Schriften I n i30 Zweites Buch. Erster Abschnitt Diese Begriffsbestimmung der ersten Philosophie oder Metaphy- sik, welche Aristoteles entwarf, wird von den am meisten hervorragen- den Metaphysikem des Mittelalters festgehalten. ^ In der neueren Philo- sophie überwiegt immer mehr die am meisten abstrakte unter den Formeln des Aristoteles, welche die Metaphysik als Wissenschaft der nicht weiter im Erkenntnisvorgang bedingten Gründe Destimmt. So definiert Baumgarten die Metaphysik als die Wissenschaft der ersten Erkenntnisgründe. Und auch Kant bestimmt ganz übereinstimmend mit Aristoteles den Begriff derjenigen Wissenschaft, welche er als die dogmatische Metaphysik bezeichnet und deren Auflösung zu vollbringen er unternahm. Er knüpfte in seiner Kritik der Vernunft genau an den Aristotelischen Begriff von Gründen, welche selber nicht mehr bedingt sind, an. Jeder allgemeine Satz (sagt Kant), insofern er als Obersatz in einem Vemunftschluß dienen kann, ist ein Prinzip, nach welchem dasjenige erkannt wird, was unter die Bedingung desselben subsumiert wird. Diese allgemeinen Sätze als solche sind nur kom- parative Prinzipien. Die Vernunft unterwirft nun aber alle Verstandes- regeln ihrer Einheit; zu den bedingten Erkenntnissen des Verstandes sucht sie das Unbedingte. Hierbei wird sie von ihrem synthetischen Prinzip geleitet: ist das Bedingte gegeben, so ist auch die ganze Reihe einander untergeordneter Bedingungen, die mithin selber unbedingt ist, gegeben. Dies Prinzip ist nach Kant das der dogmatischen Meta- physik, und dieselbe ist ihm ein notwendiges Stadium in der Ent- wicklung der menschlichen Intelligenz. ^ — Alsdann stimmen mit der Begriffsbestimmung des Aristoteles die meisten philosophischen Schriftsteller der letzten Generation überein. ^ In diesem Verstände ist der Materialismus oder der naturwissenschaftliche Monismus so gut Metaphysik als die Ideenlehre Piatos; denn auch in jenen handelt es sich um die allgemeinen notwendigen Bestimmungen des Seienden. Aus der Aristotelischen Begriffsbestimmung der Metaphysik er- gibt sich vermittels der sicheren Einsichten der kritischen Philosophie ein Merkmal der Metaphysik, welches ebenfalls einem Streit nicht imterliegen kann. Kant hat dies Merkmal richtig herausgehoben. Alle Metaphysik überschreitet die Erfahrung. Sie ergänzt das in der Erfahrung Gegebene durch einen objektiven und allge- Verhältnisses der Begriffe von cocpia, TTpiÜTr] coq)(a, öXuJC coqpöc zu -rrpiüxri q)i\ocoqpia ver- weise ich auf Schweglers Kommentar zur Metaphysik S. 14 und den Index von Bonitz s. v. coqpia.

* Thomae Aquinatis summa de veritate 1. I, c. i.

' Trendelenburg, Log. Untersuchungen (3. Aufl.) I, 6ff. Überweg, Logik (3. Aufl.) S. 9 ff. Schelling, der in seinen letzten Arbeiten ebenfalls auf Aristoteles zurückgeht, Philo- sophie der Offenbarung, W. W. IT, 3, 38. Lotze, Metaphysik S. 6ff.

Unhaltbarkeit abweichender Bestimmungen des Begiiffs Metaphysik 13^ meinen inneren Zusammenhang, welcher nur in der Bearbei- tung der Erfahrung unter den Bedingungen des Bewußtseins entsteht. Herbart hat diesen wahren Charakter aller Metaphysik, wie er sich aus der Betrachtung ihrer Geschichte unter dem Gesichtspimkt eines kritischen Denkens ergibt, meisterhaft dargelegt. Jede Atomenlehre, welche das Atom nicht bloß als einen methodischen Hilfsbegriff be- trachtet, ergänzt die Erfahrung durch Begriffe, welche in der Be- arbeitung dieser Erfahrung imter den Bedingungen des Bewußtseins entsprungen sind. Der naturwissenschaftliche Monismus fügt eine in keiner Erfahrung liegende, diese vielmehr ebenfalls ergänzende Be- ziehung zwischen materiellen und psychischen Vorgängen zu dem Er- fahrenen hinzu, welcher gemäß in den Bestandteilen der Materie ent- weder überall psychisches Leben verbreitet ist oder in den allgemeinen Eigenschaften dieser Bestandteile die Gründe des Auftretens von psy- chischem Leben liegen.

Einige Schriftsteller gebrauchen den Ausdruck Metaphysik in einem von diesem herrschenden Sprachgebrauch abweichenden Sinne, weil sie einzelne Beziehungen verfolgen, in welche naturgemäß die so geschichtlich aufgefaßte Tatsache der Metaphysik tritt.

Kants Begriff von der dogmatischen Metaphysik schien in seinen elementaren Bestimmungen nur den des Aristoteles aufzimehmen und weiterzudenken. Dies ist darin gegründet: das Erkennen, auf seinem natürlichen Standpunkte, bewegt sich seinem Wesen gemäß in der Richtung von den gefundenen bedingten Wahrheiten auf ihren letzten, unbedingten Zusammenhang; aus dieser Richtung des Erkennens ent- sprang die Metaphysik des Aristoteles als geschichtliche Tatsache, sowie der Begriff von rückwärts nicht weiter bedingten Gründen, durch den sozusagen die Sprungfeder im Zweckzusammenhang des Denkens bloßgelegt wird, welcher diese metaphysische Geistesrichtung in Be- wegung setzt; und dieselbe Notwendigkeit im Grunde der Bedingungen des Bewußtseins erfaßte auch der tiefe Blick Kants. Er, auf seinem kritischen Standpunkt, so sahen wir weiter, durchschaute a.uch die erkenntnistheoretische Voraussetzung, welche in dieser dogmatischen Metaphysik enthalten war. — Aber hier beginnt seine Abweichung von Aristoteles. Seinem erkenntnistheoretischen Standpunkt gemäß will er den Begriff der Metaphysik aus ihrem Ursprung im Erkennen ent- werfen. Nun denkt er aber unter der unbeweisbaren Voraussetzung, allgemeine imd notwendige Wahrheiten hätten eine Erkenntnisart a priori zu ihrer Bedingung. Daher erhält für ihn Metaphysik als die Wissenschaft, welche die höchste uns mögliche Vemunfteinheit in un- sere Erkenntnis zu bringen strebt i, folgerecht das Merkmal, System 132 Zweites Buch. Erster Abschnitt der reinen Vernunft zu sein, d, h. „philosophische Erkenntnis aus reiner Vernunft in systematischem Zusammenhang". 1 Und so ist ihm Metaphysik durch ihren Ursprung in der reinen Vernunft bestimmt, welcher allein philosophisches, apodiktisches Wissen ermöglicht. Von der dogmatischen unterscheidet er sein eigenes System als kri- tische Metaphysik; biegt er doch die Ausdrücke der alten Schule auch sonst in das Erkenntnistheoretische um. Seine Fassung des Be- griffs Metaphysik ging auf seine Schule über.^ Aber diese Abweichung von dem historischen Sprachgebrauch verwickelt Kant in Wider- sprüche, da selbst die Metaphysik des Aristoteles eine solche reine Vemunftwissenschaft nicht ist, und sie bringt in seine Terminologie eine auch von seinen Verehrern bemerkte Dunkelheit.

Em anderer Sprachgebrauch hebt eine Beziehung an der Meta- physik hervor, welche für die allgemeine Vorstellung der Gebildeten am meisten in den Vordergrund tritt, und dieser Sprachgebrauch ist daher im Leben sehr verbreitet. Wohl sind auch die monistischen Sy- steme der Naturphilosophie Metaphysik. Aber der Schwerpunkt der großen geschichtlichen Masse von Metaphysik liegt den gewaltigen Spekulationen näher, welche nicht nur die Erfahrung überschreiten, sondern ein von allem Sinnfälligen unterschiedenes Reich von gei- stigen Wesenheiten annehmen. Diese Spekulationen blicken also in ein hinter der Sinnenwelt Verborgenes, Wesenhaftes: eine zweite Welt. Die Vorstellung findet sich daher bei dem Namen Meta- physik am stärksten zu der Gedankenwelt eines Plato oder Aristote- les, Thomas von Aquino oder Leibniz hingezogen. Und diese Idee von Metaphysik wird durch den Namen selber unterstützt, den auch Kant auf ein Objekt bezog, welches trans physicam gelegen sei.^ Auch hier wird eine einzelne Beziehung der Metaphysik einseitig herausgehoben; in die Welt des Glaubens reichen einige der tiefsten Wurzeln der be- zeichneten Klasse metaphysischer Systeme, und aus diesen sogen die- selben einen Teil ihrer Kraft, das Gemüt ganzer Zeitalter zu be- herrschen.

Endlich bezeichnen Schriftsteller jeden Zustand von Über- zeugung über den allgemeinen objektiven Zusammenhang der Wirk- lichkeit oder enger über das die Wirklichkeit Überschreitende als Metaphysik, und so sprechen sie von einer naturwüchsigen, einer Volks- metaphysik. Sie drücken richtig eine Verwandtschaft aus, welche zwi- schen diesen Überzeugungen und der Metaphysik als Wissenschaft be- steht, aber das Bewußtsein dieser Verwandtschaft wird angemessener durch eine Anwendung der bezeichneten Ausdrücke in einem über- Problem ihres Verhältnisses zu den nächstverwandten Erscheinungen 133 trageneii Sinn bezeichnet, als durch eine solche Erweiterung des Wort- sinns von Metaphysik, welche die geschichtliche Einschränkung des- selben auf Wissenschaft aufhebt.

Wir gebrauchen also den Ausdruck Metaphysik in dem ent- wickelten, von Aristoteles geprägten Verstände. Während nun Wissen- schaft überhaupt nur mit der Menschheit selber wieder imtergehen kann, ist innerhalb ihres Systems diese Metaphysik eine ge- schichtlich begrenzte Erscheinung. Andere Tatsachen des geistigen Lebens gehen ihr innerhalb des Zweckzusammenhangs un- serer intellektuellen Entwicklung voraus, sie ist von anderen begleitet und wird von ihnen in der Herrschaft abgelöst. Der geschichtliche Verlauf zeigt als solche andere Tatsachen: die Religion, den Mythos, die Theologie, die Einzelwissenschaften der Natur und der geschicht- lich-gesellschaftlichen Wirklichkeit, endhch die Selbstbesinnung und die in ihr entspringende Erkenntnistheorie. So empfängt das Pro- blem, das uns beschäftigt, auch die Gestalt: welche sind die Bezie- hungen der Metaphysik zu dem Zweckzusammenhang der intellek- tuellen Entwicklung und den diesen ausmachenden, anderen großen Tatsachen des geistigen Lebens?

Comte hat versucht, diese Beziehungen in einem einfachen Gesetz auszudrücken, welchem gemäß in der intellektuellen Entwicklung des Menschengeschlechts ein Stadium der Theologie abgelöst worden sei von einem der Metaphysik und dieses von einem der positiven Wissen- schaften. Metaphysik ist also auch für ihn und seine 'veitverbreitete Schule ein vorübergehendes Phänomen in der Geschichte des fort- schreitenden wissenschaftlichen Geistes, wie sie es für Kant und seine Schule in Deutschland und für John Stuart Mill in England ist.

Auch Kant hat sich schließlich mit der Metaphysik auseinander- gesetzt, und dieser tiefsinnigste Geist, den die neueren europäischen Völker hervorgebracht haben, hat bereits erkannt, daß in der Ge- schichte der Intelligenz ein notwendiger, in der Natur des mensch- lichen Erkenntnisvermögens selber begründeter Zusammenhang be- stehe. Der menschliche Geist durchlief drei Stadien; „das erste war das Stadium des Dogmatism" (in den gewöhnlichen Sprachgebrauch übertragen: der Metaphysik), „das zweite das des Skepticism, das dritte das des Kriticism der reinen Vernunft; diese Zeitordnung ist in der Natur des menschlichen Erkenntnisvermögens gegründet".* Der Kno- ten in diesem Drama des Erkenntnisvorgangs liegt nach Kant in der oben 2 entwickelten Natur der Vernunft, aus ihr entspringt eine natür- liche und unvermeidliche Illusion, und so wird der menschliche Geist 134 Zweites Buch. Erster Abschnitt in den dialektischen Widerstreit zwischen Dogmatism (Metaphysik) und Skepticism verwickelt, die Auflösung dieses Widerstreits durch Erkenntnistheorie ist aber der Kriticism.i Sowohl diese Theorie von Kant als die von Comte enthalten eine einseitige Auffassung des Tatbestandes. Comte hat die historischen Beziehungen der Metaphysik zu demjenigen wichtigen Teil der in- tellektuellen Bewegung, welchen Skeptizismus, Selbstbesinnung und Erkenntnistheorie bilden, gar nicht untersucht; er hat die Beziehungen der Metaphysik zu Religion, Mythos und Theologie ohne die hier not- wendige Zerlegung des zusammengesetzten Tatbestandes behandelt, und seine Theorie tritt daher in Widerspruch mit den Tatsachen der Geschichte und der Gesellschaft. Ja seine Auffassung der Metaphysik selber entbehrt der geschichtlichen Einsicht in die wahren Grund- lagen der Macht derselben. Kant seinerseits gibt eine Konstruktion, nicht eine geschichtliche Darlegung, und diese Konstruktion ist von seinem erkenntnistheoretischen Standpunkt, innerhalb desselben von seiner Ableitung alles apodiktischen Wissens aus den Bedingungen des Bewußtseins, einseitig bestimmt. Die nachfolgende Darlegung ana- lysiert nur den geschichtlichen Tatbestand; an späterer Stelle kann ihm das Ergebnis aus der Analysis des Bewußtseins zur Bestätigung dienen.

DRITTES KAPITEL DRITTES KAPITEL DAS RELIGIÖSE LEBEN ALS UNTERLAGE DER METAPHYSIK. DER ZEITRAUM DES MYTHISCHEN VORSTELLENS Niemand kann bezweifeln, daß der Entstehung der Wissenschaften in Europa eine Zeit vorausgegangen ist, in welcher die intellektuelle Entwicklung sich in der Sprache, Dichtung und im mythischen Vor- stellen sowie im Fortschritt der Erfahrungen des praktischen Lebens vollzog, dagegen eine Metaphysik oder Wissenschaft noch nicht be- stand.- — Wir treffen die europäische Menschheit, ungesondert von den kleinasiatischen Griechen, in intimer Wechselwirkung mit den • Turgot hat zuerst versucht, das Gesetzmäßige in der Entwicklung der Intelligenz zu entwickeln, da Vicos scienza nuova (1725) sich auf die Entwicklung der Nationen be- zieht. Er geht richtig von der Sprache aus; das mythische Vorstellen bezeichnet ihm dann die erste Stufe des auf die Ursachen gerichteten Forschens. „La pauvret6 des langues et la n6cessit6 des metaphores, qui resultoient de cette pauvretd, firent qu'on employa les alldgories et les fables pour expliquer les phenomenes physiques. EUes sont les premiers pas de la philosophie." (CEuvres 2, 272 [Paris 1808] aus den Papieren Turgots, die auf seine Reden über die Geschichte von 1750 sich bezogen.) „Les hommes, frapp^s des phe- nomenes sensibles, supposferent que tous les effets inddpendans de leur action 6toient pro- duits par des Stres semblables ä eux, n:iis invisibles et plus puissans" (2, p. 63).

Unterscheidung der Religion vom mythiscJien Vorstellen 135 umgebenden Kulturländern, sechs Jahrhunderte v. Chr. im Übergang zu dem Stadium der Wissenschaft vom Kosmos sowie der Metaphysik an. Dieselben entstanden also in Europa in einer feststellbaren, ja in ihrem Charakter der Forschung zugänglichen Zeit, nachdem das mythische Vorstellen eine unabsehbare Zeit hindurch, welche sich in gänzliches Dunkel verliert, geherrscht hatte. Diese lange und dunkle Epoche empfängt nur in ihrem letzten Stadium ein direktes Licht durch erhaltene dichterische Werke und durch Überlieferungen, welche eine teilweise Rekonstruktion der verlorenen gestatten. Was in ihr diesen Denkmälern vorausliegt, ist einer vergleichenden Kulturgeschichte allein zugänglich. Und zwar kann diese wohl für die indogermanischen Völker an der Hand der Sprache Etappen ihrer äußeren Lage, der steigenden äußeren Zivilisation, ja vielleicht der Entwicklung der Vor- stellungen erschließen; sie kann an der Hand der vergleichenden My- thologie die Metamorphosen von indogermanischen Grundmythen auf- zeigen, Grundzüge der äußeren Organisation und des Rechtes erraten. Aber das Innere der Menschen selber in jenem Zeitraum, welchen man im Unterschied von dem prähistorischen den präliterarischen nen- nen könnte, d. h. einem Zeitraum, in welchem dichterische Werke hinter uns zurückbleiben, entzieht sich einer historischen Wiederher- stellung. Wenn Lubbock zu erschließen versucht, daß alle Völker ein Stadium des Atheismus, d. h. der vollständigen Abwesenheit jeder Art von religiöser Vorstellung durchlaufen haben 1, oder Herbert Spen- cer, daß aus Ideen von den Toten alle Religion erwachsen sei 2; so sind dies die Orgien eines die Grenzen des Erkennens nüßachtenden Empirismus. An den Grenzpunkten der Geschichte kann man eben auch nur dichten, vi^ie an jedem anderen Grenzpunkt der Erfahrung. Wir schränken uns also zunächst auf den Zeitraum ein, innerlialb dessen literarische Denkmale das Innere des Menschen erblicken lassen. Indem wir diese Grenzen des historischen Erkennens einhalten, ist uns innerhalb ihrer zunächst durch das Verhältnis von Nebenein- anderbestehen und Aufeinanderfolge der großen Tatsachen des gei- stigen Lebens eine Unterscheidung von Mythos und Reli- gion gegeben. Der Mangel derselben ist der erste Grund der Fehler- haftigkeit des Comteschen Gesetzes. Das religiöse Erlebnis steht zu dem Mythos und der Theologie, der Metaphysik und der Selbstbesinnung in einem viel verwickeiteren Verhältnis, als Comte angenommen hat. Hiervon überzeugt uns die Betrachtung des gegenwärtigen geistigen Zustandes; mußte doch Comte an seinem eigenen System im 19. Jahr- hundert die Erfahrung machen, daß dasselbe über die zweite Stufe ^ Lubbock, Entstehung der Zivilisation. Deutsche Ausg. 1875. S. 172, vgl. 170. * Spencer, System der Philosophie, Bd. VI, zusammengefkßt S. 504ff.

136 Zweites Buch. Erster Abschnitt der Metaphysik in den Geisteswissenschaften nicht hinauskam, schließ- lich aber durch eine Art von wissenschaftlichem Atavismus auf die erste, die theologische Stufe zurücksank. Deutlicher noch spricht die Geschichte gegen Comte. Der Zeitraum der Alleinherrschaft mythi- schen Vorstellens ging bei den griechischen Stämmen vorüber; aber das religiöse Leben blieb und fuhr fort, wirksam zu sein. Die Wissen- schaft erwachte langsam; das mythische Vorstellen bestand neben ihr fort, und wo das religiöse Leben den herrschenden Mittelpunkt der Interessen bildete, bediente es sich mancher von der Wissenschaft entwickelter Sätze. Ja jetzt geschah es, daß das religiöse Leben in tief von ihm bewegten Naturen, wie Xenophanes, Heraklit, Parmenides waren, an dem metaphysischen Denken eine neue Sprache fand. Es überlebte aber auch diese Art seines Ausdrucks. Denn auch die Meta- physik ist vergänglich, und die Selbstbesinnung, welche die Metaphysik auflöst, findet in ihrer Tiefe abermals — das religiöse Erlebnis.

So zeigt das empirische Verhältnis von Zusammenbestehen und Aufeinanderfolge der großen Tatsachen, die in der Geschichte der Intelligenz verwebt sind: das religiöse Leben ist ein Tatbestand, welcher gleicherweise mit dem mythischen Vorstellen wie mit der Metaphysik und mit der Selbstbesinnung verbunden ist. Dasselbe muß, wie eng auch die Art seiner Verbindimg mit diesen letzteren Erscheinungen sein mag, von denselben als ein Tatbestand viel umfassenderer Verbreitung abgesondert werden. Und zwar findet sich nicht nur in demselben Zeitalter, sondern in demselben Kopf, ohne Widerspruch, religiöses Leben, mythisches Vorstellen und meta- physisches Denken vereinigt; dies war bei vielen griechischen Denkern der Fall; mit grandiosem Ernst ringen ein Heraklit, Parmenides und Plato, die Mythensprache ihrer Gedankenwelt gemäß zu gestalten. Es findet sich in demselben Kopf mit der Metaphysik auch Theologie und religiöses Erleben verbunden, dies war bei vielen mittelalterlichen Denkern der Fall. Nur kann nicht dieselbe Tatsache zugleich mythisch vorgestellt und gedankenmäßig erklärt werden. Diese V^erhältnisse sondern noch deutlicher religiöses Leben von mythischem Vorstellen.

Für den vorliegenden Zweck einer erfahrungsmäßigen Darlegung würde eine Bestimmung des Begriffs von religiösem Leben uns leicht dem Verdacht einer Konstruktion aussetzen: es genügt, den vor- handenen Tatbestand desselben zu umschreiben und zu bezeichnen. Das Vorhandensein von Erlebnis, von innerer Erfah- rung überhaupt, kann nicht geleugnet werden. Denn dieses unmittel- bare Wissen ist der Erfahrungsinhalt, desses Analysis alsdann Kennt- nis und Wissenschaft der geistigen Welt ist. Diese Wissenschaft be- stünde nicht, wenn inneres Erlebnis, innere Erfahrung nicht vorhan- Der Tatbestand des religiösen Lebens ^37 den wären. Nun sind Erfahrungen solcher Art die Freiheit des Men- schen, Gewissen und Schuld, alsdann der alle Gebiete des inneren Lebens durchziehende Gegensatz des Unvollkommenen und Vollkom- menen, des Vergänglichen und Ewigen sowie die Sehnsucht des Men- schen nach dem letzteren. Und zwar sind diese inneren Erfahrungen Bestandteile des religiösen Lebens. Dasselbe umfaßt aber zugleich das Bewußtsein einer unbedingten Abhängigkeit des Subjekts. Schleier- macher hat den Ursprung dieses Bewußtseins im Erlebnis aufgezeigt. Neuerdings hat Max Müller dieser Theorie eine festere empirische Grundlage zu geben versucht. „Wenn es uns zu kühn klingt, zu sagen, daß der Mensch wirklich das Unsichtbare sieht, so sagen wir, daß er den Druck des Unsichtbaren merkt, und dieses Unsichtbare ist eben nur ein besonderer Name für das Unendliche, mit dem der Natur- mensch so seine erste Fühlung gewinnt." ^ Und so führt die Betrach- tung religiöser Gemütszustände überall auf die Verwebung der Er- fahrung von Abhängigkeit mit der eines höheren und von der Natur unabhängigen Lebens zurück.

Das Merkmal des religiösen Lebens ist, daß es sich kraft einer anderen Art von Überzeugung behauptet, als die wissenschaft- liche Evidenz ist. Der religiöse Glaube verweist allen Angriffen gegen- über auf die innere Erfahrung, auf das, was das Gemüt noch gegen- wärtig in sich erleben kann, und das, was ihm geschichtlich wider- fahren ist. Er ist weder vom Räsonnement getragen, noch kann er von ihm widerlegt werden. Er entspringt in der Totalität aller Ge- mütskräfte, und auch nachdem der Differenzierungsprozeß des gei- stigen Lebens die Poesie, die Metaphysik wie die Wissenschaften zu relativ selbständigen Formen dieses geistigen Lebens entwickelt hat, bleibt das religiöse Erlebnis in der Tiefe des Gemüts fortbestehen und wirkt auf diese Formen. Denn nie wird das Erkennen, welches in den Wissenschaften tätig ist, des ursprünglichen Erlebens Herr, das in dem unmittelbaren Wissen dem Gemüt gegenwärtig ist. Das Er- kennen arbeitet an diesem Erlebnis sozusagen von außen nach innen. Aber mag es auch immer neue Tatsachen dem Gedanken und der Notwendigkeit iinlerwerfen — und das ist seine F'unktion —: mit zäher Kraft des Widerstandes erhalten sich ihm gegenüber im Be- wußtsein freier Wille, Zurechnung, Ideal, göttlicher Wille: sie bleiben stehen, ob sie gleich dem notwendigen Zusammenhang in dem Er-