So entsprang in der schönsten Epoche der griechischen Geschichte aus der Wissenschaft vom Kosmos, insbesondere aus der astronomi- schen Forschung, der griechische Monotheismus, d. h. der Gedanke von dem bewußten Zweck als Leiter des einheitlichen und zweck- mäßigen Bewegungsinbegriffs im Kosmos und von der Vernunft als dem selbständigen, zweckmäßig wirkenden Beweger. Der Mann, der ihn entwarf, ward von der athenischen Bevölkerung jener Tage mit einer Mischung von Bewußtsein seiner fremdartigen Erhabenheit und von Scherz der Nus genannt. Den Kreis von Anaxagoras, Perikles und Phidias umgab diese große Lehre mit einer Fremdartigkeit, die von dem altgläubigen Volke stark empfunden wurde und ihn unpopulär machte. In dem Zeus des Phidias empfing dieser Gedanke seinen künstlerischen Ausdruck.
Es ist hier nicht der Ort, darzulegen, wie Anaxagoras die Schwie- * Anaxagoras sagt: keinem^ xP^IMCfi, Massenteilchen.
* Arist. de anima I, 2 p. 404b i von Anaxagoras: iroXXaxoO |li^v yöp TÖ aiTiov toü KaXüJc Kai öpGujC tÖv voOv Xe^ei- Anaxagoras selbst (Mullach I, 249 fr. 6): xal ÖKOla lneXXe fcecGai Kai ÖKOia fjv Kai äcca vöv gen koI ökoio?CTai, -rrcivTa öiGKÖC)ir|C6 v6oc.
Anaxagoras begründet den Monotheismus auf die Astronomie 167 rigkeiten überwand, welche die Durchführung seines großen Gedan- kens im einzelnen darbot. — Den ersten Schritt in seiner genaueren Konstruktion der Weltentstehung nötigte ihm eine eingebildete Schwie- rigkeit ab. Die Sache ist sehr bezeichnend für das Vorherrschen der Vorstellungen von geometrischer Regelmäßigkeit im griechischen Geiste. Die schiefe Stellung des Pols und der parallelen Kreise der Gestirne zum Horizont bestimmte ihn zu der Annahme, ursprünglich liabe die Drehung der Gestirne parallel dem Horizont von Ost nach West stattgefunden, sonach habe die Drehungsachse der Weltkugel senkrecht zu der oberen Fläche der Erde gestanden (welcher er die Gestalt einer flachen Walze gab); der Endpunkt dieser Achse trifft die über dem Horizont so sich erhebende Kuppel in der Mitte (im Zenit). Indem sich dann die Erdoberfläche gegen Süden neigte, er- hielt der Pol seine jetzige Stellung; und zwar geschah es gleich nach dem Auftreten des organischen Lebens auf der Erdoberfläche. Die Berichterstatter setzen dies in Beziehung zu dem Entstehen verschie- dener Klimate und bewohnter im Gegensatz zu unbewohnbaren Erd- strichen.^ Die Vorstellung des Anaxagoras, wie nun durch den Umschwung, welchen der Nus in der Weltmaterie hervorbrachte, die Gestirne und ihre Bahnen entstanden, ist sehr unvollkommen. Man sieht auch hier, wie in der Atomistik: aus einzelnen Prämissen, welche der modernen Wissenschaft konform sind, entspringen noch keine entsprechenden Ergebnisse, da andere notwendige Prämissen fehlen und falsche aus dem Sinnenschein abstrahierte physikalische Vorstellungen dafür ein- gesetzt werden. — Das im Anfangszustande des Anaxagoras Gebun- dene wird durch die Umdrehung auseinandergerissen, und seiner Na- tur folgend, steigt nun das Warme, Glänzende, Feuerartige, das Anaxagoras als Äther bezeichnet, aufwärts; aus der Atmosphäre setzt sich niederwärts das Flüssige ab, aus diesem das Feste, welches nach einer weiteren Grundvorstellung dem Ruhezustand zustrebt, v^on diesem Sinkenden reißt der Umschwung Teile ab, welche nun als Gestirne rotieren.
' Diels 337 f.; die parallelen Stellen des Plutarch und Stobäus, vgl. Diog. II, 9. Daß die Erde nach Anaxagoras sich gegen Süden geneigt habe, nicht umgekehrt Himraelsachse und Pol eine Neigung ausführten, muß nach dem Wortlaut der parallelen Stellen und den Angaben über die entsprechende Theorie der Atomisten angenommen werden. Humboldt, Kosmos 3, 451 scheint die Stelle auf die Schiefe der Ekliptik zu beziehen. „Das grie- chische Altertum", sagt er,,,ist viel mit der Schiefe der Ekliptik beschäftigt gewesen...nach Plutarch plac. II, 8 glaubte Anaxagoras: „daß die Welt, nachdem sie entstanden und lebende Wesen aus ihrem Schöße hervorgebracht, sich von selbst gegen die Mittagsseite geneigt habe"...„Die Entstehung der Schiefe der Ekliptik dachte man sich wie eine kosmische Begebenheit." Dies Mißverständnis ist wohl durch die Beziehung dieser Neigung der Erdfläche auf die Entstehung der Klimate entstanden.
l68 Zweites Buch. Zweitei Abschnitt Nun tritt aber erst die Lebensfrage dieser Kosmogonie hervor. Anaxagoras hatte vor allem die Aufgabe zu lösen, die ihm bekannten Bewegungen am Himmel zu erklären, welche sich der täglichen allge- meinen Drehung nicht unterordnen lassen: so die jährliche Bewe- gung der Sonne, die Mondbahn, die so unregelmäßigen scheinbaren Bewegungen der anderen ihm bekannten Wandelsterne. Er erklärte diese Bewegungen mechanisch, indem er in dem Gegendruck der durch den Umschwung dieser Gestirne zusammengepreßten Luft eine dritte kosmische Ursache einführte. ^ Hier war der Punkt, welcher diese groß gedachte Kosmogonie des Anaxagoras schon im Zeitalter Piatos nicht mehr möglich er- scheinen ließ. Die genauere Kenntnis der scheinbaren Bahnen der fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten, deren Zahl in Piatos Zeit schon bestimmt ist, ließ die Erklärung aus dem Gegendruck der Luft als ganz unzureichend erscheinen. Und so erfuhr die monotheisti- sche Metaphysik des Anaxagoras eine bemerkenswerte Umgestaltung.
Die eine Richtung schied von der Eigenbewegung der Planeten die gemeinsame tägliche Bewegung des ganzen Himmels in der Ebene des Äquators als eine scheinbare aus und führte dieselbe auf eine täg- liche Bewegung der Erde zurück. Infolge hiervon brauchte sie nicht diese Eigenbewegungen der Planeten einer gemeinsamen Drehung einzuordnen. Die andere Richtung ersann einen ungeheuren Mechanis- mus, vermittels dessen innerhalb der gemeinsamen Bewegung des Himmels die zusammengesetzte Bewegung der Wandelsterne hervor- gebracht würde, und sie gab dementsprechend die Annahme einer einzigen und einfachen Kraft für die Erklärung dieses Systems von Bewegungen auf. Das erstere taten Pythagoreer zuerst; in den Frag- menten des Philolaus haben wir diese kosmische Ansicht vor uns. Das zweite tat die astronomische Schule, an welche sich Aristoteles anschloß, und teils auf diese, teils auf den neuen Versuch des Hip- parch und Ptolemäus stützte sich dann die das Mittelalter beherr- schende Metaphysik. So wurde also diese herrschende europäische Metaphysik weiter in der Ausbildung ihrer Vorstellung von der die Gestimwelt bewegenden Kraft durch Zerlegung der verwickeiteren Bahnen der Planeten geleitet. Diese Zerlegimg geschah nach der Regel der astronomischen Forschung, die schon Plato formulierte: Geht * Dies ist von Sonne und Mond überliefert. Es darf aber wohl angenommen werden, daß er auch die anderen von ihm wahrgenommenen unregelmäßigen Bewegungen am Himmel auf dieselbe Ursache zurückführte, welche er in bezug auf Sonne und Mond annahm Planeten als ihren Ort wechselnde Gestirne unterschieden er und seine Zeitgenossen, Arist. meteorol. I, 6 p. 342b 27, und aus ihrem Zusammentreten erklärte er die Kometen. Aber noch Demokrit kannte ihre Zahl und ihre Bewegungen nicht genauer, Seneca nat. quaest. 7. 3- Vgl. Schaubach Anax. fr. p. 166 f.
Ursachen der Veränderung dieser Theorie. — Dauernde Bedeutung der Atomistik 1 69 man von den Bahnen aus, welche die Wandelsterne am Himmel be- schreiben, so sind die gleichmäßigen und regelmäßigen Bewegungen zu suchen, welche die gegebenen Bahnen erklären, ohne den Tatsachen Gewalt anzutun.i Die Formel der Aufgabe schließt die richtige Fassung von Problem und Methode, zugleich aber auch jene willkürliche Vor- aussetzung über die Bewegungen in sich, welche die alte Astronomie an die Zurückführung auf Kreisbewegungen festnagelte. Indem diese Formel angewandt wurde, wandelte sich die Anaxagoreische Lehre vom weltbewegenden Nus um in die Aristotelische von einer Geisterwelt, in welcher unter dem ersten die vollkommene Bewegung der Fixstern- sphäre unmittelbar bewirkenden, unbewegten Beweger die Drehung der anderen zahlreichen Sphären von ebensoviel ewigen und imkörper- lichen Wesen hervorgebracht wird.
DRITTES KAPITEL DIE MECHANISCHE WELT ANSICHT DURCH LEUKIPP UND DEMOKRIT BEGRÜNDET.
DIE URSACHEN IHRER VORLÄUFIGEN MACHTLOSIGKEIT GEGENÜBER DER MONOTHEISTISCHEN METAPHYSIK Vergeblich stellte sich damals dieser großen Lehre von der das Weltall zweckmäßig bewegenden Vernunft die atomistische Welt- ansicht in den Weg, welche Leukipp und Demokrit begründet haben, und die durch Epikur und Lukrez zu Gassendi und den modernen Theo- rien einer bloßen Mechanik von Massenteilchen hinüberreicht. Unter den Gründen, welche dem Einfluß des Demokrit in seiner Zeit ent- gegenstanden, befand sich gewiß in erster Linie, daß von seinen Prä- missen aus damals eine genauere Erklärung der Bewegungen der Weltkörper ganz unmöglich war.
Es ist dargelegt worden, wie mit der allgemeinen Lage der griechi- schen Wissenschaft nach dem Auftreten der Parmenideischen Meta- physik die Theorie der Massenteilchen entstand; sie war repräsentiert von Empedokles, Anaxagoras, Leukipp, Demokrit. 2 Auch kann noch festgestellt werden, wie die atomistische Theorie der zwei letztgenann- ten Denker zunächst in metaphysischen Betrachtungen begründet war. Denn Leukipp und Demokrit beweisen ihre Theorie, unter der Voraus- setzung der Realität von Bewegung und Teilung, aus dem eleatischen Begriff von dem Sein als einer unteilbaren Einheit sowie aus der mit ' Bericht des Sosigenes bei Simplic. zu de caelo Schol. p. 498b 2 tivuuv ÜTrore- eeicOüv ö^aXüjv xal TeTCTM^viuv Kivriceiov f)iaciu9q toi Trcpl toc Kiviqceic tujv Tr\avu))u^vu)v «paivöjicva.
I/O Zweites Buch. Ziveüer Abschnitt ihm verbundenen Leugnung von Entstehen und Vergehen i: so leiten sie das Atom und den leeren Raum ab.
Wir suchen die Bedeutung der atomistischen Theorie in ihrer da- mals von Leukipp und Demokrit erfundenen Gestalt uns deutlich zu machen. Wir sehen dabei ganz von ihrer eben hervorgehobenen meta- physischen Begründung ab und sondern die Betrachtung ihres allge- meinen wissenschaftlichen Wertes von der ihrer Benutzbarkeit in der damaligen Lage der Wissenschaft. Diese atomistische Theorie, wie sie nun Leukipp und Demokrit begründen, ist, nach der scientifi- schen Brauchbarkeit bemessen, die bedeutendste metaphy- sischeTheorie des ganzen Altertums. Sie ist der einfache Ausdruck der Anforderimg des Erkennens an seinen Gegenstand, für das Spiel der Veränderungen, des Entstehens und Vergehens stetige, standhal- tende Substrate zu haben. Dies erreicht die atomistische Theorie, in- dem sie mit natürlichem Sinne den Vorgängen von Teilung und Zu- sammensetzung der Einzeldinge, von scheinbarem Verschwinden eines Dinges im Wechsel des Aggregatzustandes und dem Wiedersichtbar- werden desselben folgt; so gelangt sie zu kleinen Dingen, Substanzen, welche als stetig raumerfüllend unteilbare Ganze sind. Denn wenn die Zerreißung eines Dinges als darum möglich vorgestellt wird, weil dies Ding aus diskreten Teilen besteht, so bilden die Grenze dieser Zer- legung Teile, welche darum nicht mehr trennbar sind, weil sie nicht mehr aus diskreten Teilen zusammengesetzt sind. Die atomistische Theorie kann alsdann die untrennbaren Einheiten als unveränderlich bestimmen, gleichsam als die wahren Parmenideischen Substanzen; denn Veränderung ist ihr nur durch Verschiebung von Teilen erklär- bar. Sie kann endlich, was der wahre Sinn aller echten Atomistik ist, dasanschaulicheBildvonBewegungenim Räume, Entfernun- gen, Ausdehnungen, Massen auf diese Welt des Kleinen, wel- che sich der Sichtbarkeit entzieht, übertragen. Zu den Be- standteilen dieses anschaulichen Bildes gehört auch der leere Raum; demi bevor wir von der Atmosphäre zureichende Begriffe ausbilden, glauben wir die Dinge in ihn ausweichen zu sehen, und auch nach Be- richtigung dieser Vorstellung können wir Bewegung nur vermittels dieses Hilfsbegriffs eines Leeren denken, in welches die Objekte aus- weichen. Diese einfache Anschaulichkeit vollendet sich durch zwei weitere Theoreme: Jede Wirkung, die im Kosmos stattfindet, wird auf Berührung, Druck und Stoß zurückgeführt; dementsprechend wird jede Veränderung auf die Bewegung der sich gleichbleibenden Atome im Räume reduziert, und sonach werden alle Eindrücke von Qualitäten Geringe Benutzbarke it der Atomistik in der damaligen Lage der Wissenschaft 17^ außer Dichtigkeit, Härte und Schwere der Sinnesempfindung zu- gewiesen und den Objekten abgesprochen. ^ Eine solche Betrachtungs- weise mußte dem mit den sinnlichen Objekten beschäftigten Verstände zusagen, wenn sie auch zunächst nur den Wert einer Metaphysik hatte, solange ihre Anwendbarkeit auf die Probleme der Naturwissenschaft noch eine so geringe war. Daher ist sie, nachdem sie einmal da war, dem griechischen Denken nicht wieder verlorengegangen.
Aber diese atomistische Theorie konnte andererseits zu der Zeit des Leukipp und Demokrit nicht zur Herrschaft gelangen, da die Bedin- gungen für ihre Verwertung zur Erklärung der Phänomene fehlten. Die Bewegungen der Massen im Weltraum bildeten das Hauptproblem der Naturwissenschaft jener Tage, und seit dem Auf- treten des Anaxagoras war immer mehr die Untersuchung der Plane- ten in den Vordergrund getreten. Trotzdem lehnt sich Demokrit in ent- scheidenden Punkten der astronomischen Konstruktion noch an Anaxa- goras an, dessen Theorie sich doch als nicht ausreichend erweisen mußte. Ja Demokrit besaß überhaupt in seinen Voraussetzungen keine Mittel astronomischer Erklärung.
Nimmt man an 2, er habe den Fall der Atome im leeren Räume von oben nach unten infolge ihrer Schwere und das proportionale Ver- hältnis der Geschwindigkeit dieser ihrer Fallbewegung zu ihrer Masse als Voraussetzungen für die Erklärung des Kosmos betrachtet, dem- nach eine zusammenhängende mechanische Ansicht entworfen: dann erscheinen die von ihm benutzten Erklärungsgriinde als ganz unzu- reichend; das Mißverhältnis dieser Theorie zu der Erklärung des ge- dankenmäßig geordneten Kosmos konnte in diesem Falle doch kaum etwas anderes als Lächeln in der mathematischen Schule Piatos her- vorrufen. Schon die Bahn eines geworfenen Körpers konnte zeigen, wie vorübergehend die Wirkung der einzelnen Anstöße von einander treffenden Atomen gegenüber der beständig abwärts ziehenden Schwere sei.
* An diesem wichtigen Punkte kam Protagoras der genaueren Begründung der Ato- mistik zu Hilfe.
* So Zeller I' 779. 791, dessen Auffassung bestimmend gewesen ist (z. B, Lange, Geschichte des Materialismus I *, 38 ff.). Ich kann nur andeuten, warum seine Gründe mich nicht überzeugen. Die Stellen Arist. de caelo IV, 2 p. 308b 35, Theophrast de sensibus 61. 71 (Diels 516 ff.) erweisen nur die im Text angegebenen Sätze über Atomverbindungen. Aber man ist nicht berechtigt, Gewicht und senkrechten Fall von diesen zusammengesetzten Körpern auf das Verhalten der im öTvoc kreisenden Atome zu übertragen. Vermeidet man dies, so sind solche Stellen in Einklang mit denen, welche den senkrechlen Fall der Atome als Anfangszustand ausschließen und als solchen den bivoc statuieren: Arist. de caelo III, 2 p. 300b 8. Metaph. I, 4 p. 985b 19. Theophrast bei Simplic. in phys. f. 7r 6 ff. (Diels 483 f.) Diogenes Laert. IX, 44. 45. Plutarch plac. I, 23 mit Parallelst. (Diels 319) Epicur. ep. 2 bei Diogen. Laert. X, 90. Cicero de fato 20, 46.
172 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Jedoch ist diese Auffassung der Nachrichten über Demokrit kaum haltbar. Demokrit blieb dabei stehen, die ewige Bewegung der Atome im leeren Räume sei durch ihre Beziehung zu diesem bedingt. Den ersten Bewegungszustand dachte er als eine kreisende Bewegung aller Atome, als bivoc. In diesem Dinos stoßen die Atome aneinander, ver- binden sich und aus ihrer Anhäufung bildet sich ein Kosmos, der dann schließlich durch einen aus mächtigeren Massen bestehenden zertrüm- mert wird. Wo nun eine einzelne Atomverbindung entsteht, existiert innerhalb derselben ein bestimmtes quantitatives Verhältnis der Atom- masse zu dem in der Verbindung enthaltenen leeren Räume; hierdurch ist die Verschiedenheit des Gewichts bei gleicher Größe bedingt, das Aufsteigen der einen Atomverbindungen, das Fallen der anderen von oben nach unten, und zwar mit entsprechend verschiedener Geschwin- digkeit. Die Unbestimmtheit und Fehlerhaftigkeit dieser Grundvor- stellungen mußte eine solche Bewegung der Atome als ganz wertlos für die Welterklärung erscheinen lassen.
Nicht anders verhält es sich auf dem biologischen Gebiet, auf welchem ein originaler Fortschritt Demokrits in bezug auf Natur- erkenntnis noch aus den Quellen erkennbar ist: ist hier doch Demokrit augenscheinlich der einzige namhafte Vorgänger des Aristoteles. So- viel der hier noch so ungesichtete Zustand der Fragmente und Nach- richten erkennen läßt, bestand das Verdienst Demokrits in der Aus- bildung sorgfältiger beschreibender Wissenschaft, ja er verschmäht hier sogar nicht, den Tatbestand durch Vorstellung eines Verhältnisses von Zweckmäßigkeit zwischen den Organen des tierischen Körpers und den Aufgaben seines Lebens verständlich zu machen.
Hieraus verstehen wir, was sich nun ereignete. Die monothei- stische Metaphysik Europas hat nicht nur die pantheistischen Elemente der alten Zeit, die in Diogenes von Apollonia fortwirkten, sondern auch die mechanische Welterklärung als ungenügende Konstruktionen zur Seite geschoben. Jedoch hat sie nicht vermocht, dieselben zu vernich- ten. Die mechanische Weltansicht sprach eine dem Verstände entsprechende Möglichkeit aus und blieb aufrecht, mit starkem Be- wußtsein ihrer im Rechnen mit den sinnlichen Tatsachen wurzelnden Kraft; der Tag ihres Sieges brach freilich erst an, als die experimen- tellen Methoden sich ihrer bemächtigten. Die pantheistische Weltansicht entsprach einer Gemütslage, welche bald in der stoi- schen Schule ihre Erneuerung bewirkte. Aber stärker als diese beiden metaphysischen Grundansichten war der skeptische Geist. Er hatte in der eleatischen Schule Widersprüche in den Grundvorstellungen der Physik des Kosmos entwickelt, welche von keiner Metaphysik auf- gelöst werden konnten. Er hatte aus der Schule Heraklits vermittels Sieg der 7nonotheistischen Metaphysik 173 des Widerspruchs im Werden einen Tummelplatz des Skeptizismus gemacht. Dieser skeptische Geist war mit jedem neuen metaphysischen Versuche gewachsen und überflutete nun die ganze griechische Wissen- schaft. Er wurde begünstigt durch die Veränderungen in dem sozialen und politischen Leben von Athen, das seit Anaxagoras die griechische Wissenschaft zentralisierte. Er wurde gefördert durch eine Umände- rung der wissenschaftlichen Interessen, welche die Beschäftigung mit geistigen Tatsachen, mit Sprache, Redekunst, Staat in den Vorder- grund rückte. Der Wissenschaft vom Kosmos trat unter diesen Um- ständen der Anfang einer Erkenntnistheorie gegenüber.
Blicken wir voraus. Welches wird unter diesen Umständen das Schicksal der monotheistischen Weltansicht sein? Die monotheistische Metaphysik ist auch von der skeptischen Bewegung nicht gestört worden; sie war unabhängig von den einzelnen meta- physischen Positionen in der Anschauung des gedankenmäßigen Zu- sammenhangs des Kosmos begründet; zudem war sie getragen von einer inneren Entwicklung des religiösen Lebens; so wird sie auf der neuen von den Sophisten und Sokrates geschaffenen Grundlage durch Plato und Aristoteles vollendet werden. Es entsteht der höchste Aus- druck, den der griechische Geist für den Zusammenhang der Welt ge- funden hat, welcher in der Anschauung als schön, vor dem Erkennen als gedankenmäßig sich darstellt.
Das wird geschehen, indem sich der monotheistische Grundge- danke mit einer neuen Bestimmung über das Wesenhafte ver- bindet, in welchem der Zusammenhang des Kosmos gefunden werden kann. Sucht man das wahrhaft Seiende, so bietet sich ein doppelter Weg. Die veränderliche Welt kann einerseits in konstante Bestandteile zerlegt werden, deren Relationen sich ändern, andererseits kann die Konstanz in der Gleichförmigkeit gesucht werden, welche das Denken in dem Wechsel selber auffaßt. Und zwar wird zunächst diese Gleichförmigkeit in den Inhalten gefunden, wie sie in der Wirklichkeit wiederkehren. Lange Zeiten werden vergehen, in welchen die mensch- liche Intelligenz vorwiegend auf dieser Stufe des Erkennens verhaart. Dann erst, infolge einer tiefergreifenden Zerlegung der Erscheinungen, findet sie die Regel der Veränderungen in dem Gesetz, und damit ist die Möglichkeit gegeben, für dieses Gesetz in den konstanten Be- standteilen Angriffspunkte zu finden.
Aber was auch geschieht, jeder Gestalt des europäischen Denkens folgt das skeptische Bewußtsein der Schwierigkeiten und Wider- sprüche in den grundlegenden Voraussetzungen. Immer wieder beginnt die Metaphysik, unermüdlich, an einem tiefergelegenen Punkte der 174 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Abstraktion von neuem die Arbeit des Aufbaus. Werden nicht auch da jedesmal die Schwierigkeiten und Widersprüche, welche die Meta- physik begleiten, nur in einer noch verwickeiteren Weise wieder- kehren?
VIERTES KAPITEL ZEITALTER DER SOPfflSTEN UND DES SOKRATES.
DIE METHODE DER FESTSTELLUNG* DES ERKENNTNISGRUNDES WIRD EINGEFÜHRT Seit etwa der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus fand eine intellektuelle Umwälzung in Griechenland statt, welche die Gei- ster so tief bewegte, wie keine Veränderung der Ideen seit dem Vor- gang der Entstehung der Wissenschaft selber.
Mit jedem neuen metaphysischen Entwurf war der skeptische Geist gewachsen und machte sich nun mit souveränem Bewußtsein geltend. Die sozialen und politischen Veränderungen verstärkten das Gefühl der Independenz in den Individuen. Sie bewirkten einen Wechsel in der Richtung der Interessen, durch welchen die Technik der mit dem Staatsleben zusammenhängenden Tätigkeit innerhalb der gesellschaft- lichen Wirklichkeit in den Vordergrund trat. Sie riefen eine glänzende, die Aufmerksamkeit von ganz Griechenland wie durch Zauber auf sich ziehende Berufsklasse in das Leben, die Sophisten, welche dem neuentstandenen Bedürfnis durch einen höheren Unterricht für die poli- tischen Geschäfte entsprachen. Die geistige Welt begann den Griechen neben der Natur aufzugehen.
Im Beginn dieser Erschütterung aller wissenschaftlichen Begriffe sprach Protagoras, der leitende Kopf dieser neuen Berufsklasse vor Gorgias, die Formel der Zeit aus. Der Relativismus, welchem diese Formel Ausdruck gab, enthielt den ersten Ansatz einer Erkenntnis- theorie.
Der Mensch ist „das Maß aller Dinge, der seienden, wie sie sind, der nichtSeienden, wie sie nicht sind"; so lautete es in dem berühm- ten Anfang seiner philosophischen Hauptschrift. Was einem jeden er- scheint, ist auch für ihn. — Aber diese Sätze des Protagoras müssen in bezug auf die Grenzen genau aufgefaßt werden, in denen sie mit Sicherheit aus den dürftigen Resten nachgewiesen werden können. Sie sind nicht der Ausdruck einer allgemeinen Theorie des Bewußt- seins, welcher jede in demselben gegebene Tatsache untergeordnet wurde. Sie enthalten daher nicht unseren heutigen, kritischen Stand- punkt. Vielmehr sind sie nur die Formel für seine geniale Wahrneh- mungslehre, die sich augenscheinlich unter dem Eindruck der medi- Protagoras ^ ^5 zinischen Betrachtungen seiner Zeit entwickelt hatte, und sie beschrän- ken sich im Zusammenhang derselben auf die prädikativen Bestim- mungen über die Außenwelt, dagegen stellen sie nicht die Realität einer solchen in Frage. — Wir erläutern das näher. Der Obersatz des Schlusses, welcher zu seiner Formel führte, war: Wissen ist äußeres Wahrnehmen. Wir können nicht mehr feststellen, ob dieser Obersatz die von ihm nicht ausdrücklich zum Bewußtsein gebrachte Voraus- setzung seines Standpunktes war oder ob derselbe von ihm in bewußter Klarheit hingestellt wurde. Der Untersatz zeigte an dem Vorgang der Wahrnehmung, daß diese von ihrem Gegenstand nicht getrennt werden könne, der Gegenstand nicht von ihr, d. h. das wahrgenommene Ob- jekt nicht von dem wahrnehmenden Subjekt, für welches es da ist. So ist Protagoras der Begründer der Theorie des Relativismus, welche nachher von den Skeptikern fortgebildet worden ist.^ — Aber dieser sein Relativismus behauptete zwar von den Qualitäten der Dinge, daß sie nur in der Relation bestünden, dagegen nicht von der Dinglichkeit selber. Süß, wenn man das Subjekt wegdenkt, welches die Süßigkeit schmeckt, ist nichts mehr; es besteht nur in der Relation auf die Emp- findung. Daß ihm aber mit dieser Empfindung des Süßen nicht das Objekt selber verschwand, zeigt seine nähere Theorie der Wahrneh- mung. Berührt ein Objekt das Sinnesorgan und verhält sich so jenes tätig, dieses leidend: so entsteht einerseits in diesem Sinnesorgan Sehen, Hören, die bestimmte sinnliche Empfindung, andererseits er- scheint nunmehr das Objekt als farbig, tönend, kurz in verschiedenen sinnlichen Qualitäten. Diese Erklärung des Vorgangs ermöglichte dem Relativismus des Protagoras erst eine Theorie der Wahrnehmung, und man sieht wohl, er konnte nicht die Realität der Bewegung außerhalb des Subjektes, durch welche die Wahrnehmung ihm entstand, zugleich wieder dadurch aufheben, daß er alle Dinglichkeit selber in Frage stellte. - — Er entwickelte alsdann die verschiedenen Zustände des empfindenden Subjekts und zeigte so die Bedingtheit der Qualitäten des erscheinenden Objekts durch diese Zustände. So ging aus seiner ' Schon Sextus Empiricus bezeichnet ihn als Relativisten, adv. Math. VII, 60: qprici...tOüv irpöc Ti €ivai tx\m dXriGeiav.
* Die Beziehung der Wahmehmungslehre des Protagoras auf Heraklit und die Er- klärung der Wahrnehmung durch ein Zusammentreffen der Bewegungen, sonach eine Be- rührung, erscheint schon dadurch gesichert, daß Protagoras seinem Theorem nur durch ein Eingehen in den Wahrnehmungsvorgang Anschaulichkeit geben konnte, die Möglichkeit aber ausgeschlossen ist, daß er eine solche gegeben, Plato ihm aber eine ganz andere unter- geschoben hätte. Sie wird bestätigt durch die Darstellung des Sextus Empir. hypot. I, 216 f. adv. Math. VII, 60 ff., welche nicht auf Plato als ausschließliche Quelle zurückge- führt werden kann (Zeller I *, 984). Von dieser Differenz abgesehen, verweise ich auch auf die Darstellung bei Laas, Idealismus und Positivismus I, iSyt).
176 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Wahrnehmungslehre die Paradoxie hervor, die Wahrnehmungen seien in Widerspruch miteinander, jedoch alle gleich wahr. 1 Dieser Relativismus hat in Verbindung mit dem Skeptizismus der Eleaten und Herakliteer Plato bestimmt, die Erkenntnis jenseit der veränderlichen Phänomene aufzusuchen; er konnte von Aristo- teles mutig weggedrängt, doch nicht widerlegt werden; er behielt seine Anhänger und erscheint nach Aristoteles in der für die griechische Metaphysik des Kosmos undurchdringlichen Rüstung der skeptischen Schule.
Viel geringer waren die Schriften von Sophisten, welche aus der negativen Richtung der eleatischen Schule skeptische Konsequenzen zogen. Eine solche war die nihilistische Brandschrift des Gorgias „über das Nichtseiende oder die Natur". Sie bezeichnet den äußersten Punkt, zu welchem eine gehaltlose Skepsis fortging. Aber es ist wich- tig festzustellen, daß die Voraussetzungen der Metaphysik der Alten auch an diesem Punkte nicht überschritten wurden. Wir haben keine Andeutung, daß Gorgias die Phänomenalität der Außenwelt behauptet hätte. Dies hat kein Grieche getan; denn dies hätte in sich ge- schlossen, daß er von dem objektiven Standpunkt auf den des Selbstbewußtseins übergetreten wäre. Vielmehr setzt der Streitsatz des Gorgias eben voraus, daß ein anderes Sein als das der Auß en weit nicht bestehe. Er hebt — echt griechisch — das Sein auf, indem er zeigt, daß die Außenwelt durch die Begriffe, welche in ihr enthalten sind, nicht gedacht werden kann. Und zwar tut er dies vermittels einer Voraussetzung über das Sein, welche ihn in der ob- jektiven Wissenschaft vom Kosmos ganz befangen zeigt. Er zerstört nämlich die Möglichkeit, daß das Sein als anfangslos und eines ge- dacht würde, welche die Eleaten übriggelassen hatten, durch Folge- rungen aus der Räumlichkeit des Seienden. So erscheint diese Räum-