SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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lichkeit des Seins als die Voraussetzung seines Denkens.^ Dem ent- spricht, daß er allem Seienden zumutet, entweder bewegt oder ruhend zu sein, Bewegung aber dann in dem Sinne faßt, daß sie Teilung ein- schließt. Der Gedanke liegt gar nicht in seinem Gesichtskreis, daß nach der Zerstörung der Begriffe, durch welche die Außenwelt ge- dacht werden kann, das Subjekt, in welchem wahrgenommen und ge- dacht wird, als Realität zurückbleibe. So sieht man den Skeptizismus in diesem Kopfe an die Schranken des griechischen Geistes anstoßen: er durchbricht sie nicht.

Denn bevor die Selbstbesinnung in dem Subjekt selber eine keinem Zweifel unterworfene Realität aufdeckte, ward Realität nur in der * Ps. Arist. de Melisso etc. p. 979 b 21 ff.

Gorgias. — Soktates. Er geht auf den Erkenninisgrund zurück 177 Vertiefung in den Naturzusammenhang aufgesucht. Wo daher Reali- tät im Altertum geleugnet wurde, war diese Leugnung entweder mit dem tragischen Bewußtsein der Trennung des Erkennens von seinem Objekte verbunden oder mit dem frivolen Bewußtsein, welches mit dem Schein spielte und sich in ihm sonnte. ^ Inder mächtigen Intellektuellen Organisation des Sokrates- voll- zog sich eine tiefe und anhaltende Gedankenarbeit, durch welche im Zweckzusammenhang des Erkennens eine neue Stufe erreicht wurde. Er fand in der Sophistik das prüfende, zweifelnde Subjekt vor, welchem gegenüber die vorhandene Metaphysik nicht standhielt. In der unge- heuren Erschütterung aller Vorstellungen suchte er einen Halt; durch dieses Positive in seiner großen wahrheitsdurstigen Natur schied er sich von den Sophisten. Er zuerst wandte beharrlich die Methode an, vondemvorhandenenWissenundGlauben der Zeit a u f d e n Rechtsgrund jedes Satzes zurückzugehen. ^ Er setzte also an die Stelle eines aus genialen Aufstellungen ableitenden Verfahrens eine Methode, welche jede Aufstellung auf ihre logische Begründung zu- rückführte. — Und zwar, wie in diesem griechischen Volke auch das wissenschaftliche Leben ein öffentliches war, mußte die einfachste, nächstliegende Form von Untersuchung des Rechtsgrundes für die umherschwirrenden Meinungen die Frage nach diesem Rechtsgrunde sein, welche den Gefragten nicht losließ, bis er das Letzte gesagt hatte: das sokratische Gespräch.* In ihm wurde das analy- * Langes Auffassung des Zusammenhangs der griechischen intellektuellen Entwicklung gelangt zu der Antithese: „Wir haben oben gezeigt, wie, abstrakt genommen, der Stand- punkt der Sophisten hätte weiter entwickelt werden können, aber wenn wir die treiben- den Kräfte hätten nachweisen sollen, welche vielleicht ohne Dazwischenkunft der sokratischen Reaktion solches geleistet hätten, so würden wir in Verlegenheit geraten." Gesch. d. Materialismus I, 43. So wären nach Lange die Prämissen der modernen Erkenntnistheorie im fünften Jahrhundert vor Christus dagewesen: nur die Personen fehlten, welche die Konsequenz gezogen hätten!

* Die kritischen Schwierigkeiten, welche aus der Verschiedenheit zwischen der Rela- tion des Xenophon und dem Platonischen Bilde entspringen, lösen sich nicht zureichend vermittels des von Schleiermacher aufgestellten und seitdem von der Forschung meist ak- zeptierten Kanons (vgl. nebst Lit. bei Zeller II' 85 ff.), sondern indem man Piatos Apologie des Sokrates zur kritischen Entscheidung zwischen jener Relation und den anderen Plato- nischen Schriften verwertet. Die Verteidigung hatte nur dann einen Sinn, wenn sie ein treues Bild des Sokrates, mindestens in bezug auf die Gegenstände der Anklage, gab. Diese Treue der Darstellung ist also hier gewährleistet, während sie in allen anderen Werken Piatos nur durch eine der Diskussion mehr ausgesetzte Untersuchung festgestellt werden kann.

' Über diesen fundamentalen Tatbestand besteht Einigkeit zwischen der direkten Dar- stellung in der Apologie, der ganzen Stellung, die Plato seinem Sokrates gibt, und der Hauptstelle des Xenophon über das Verfahren des Sokrates Memorab. IV, 6, vgl. bes. da- selbst § 13 ^tri Triv ^TTÖGeciv ^TravfjYev öv irdvTa töv Xö^ov und 14 outlu bk twv Xöyujv ^iravaYOiidvujv koI toTc dvTiX^TOuciv aürok qpavepöv ^YiTvexo TÖXriö^c. Er suchte dc- cpdXeiav Xö^ou (§ 15).

* Dieser Zusammenhang mit sokratischer Ironie vorgetragen Plat. Apol. p. 31 Bf., Diltbeys Schriften I 12 178 Zweites Buch. Ziueiter Abschnitt tische, auf den letzten Erkenntnisgrund des wissenschaftlichen Bestan- des, schließlich der wissenschaftlichen Überzeugung überhaupt zurück- gehende Verfahren in der Geschichte der Intelligenz entbunden. Und daher ward dies Gespräch, nachdem der unermüdliche Frager durch seine Richter zum Schweigen gebracht worden, zur Kunstform der Philosophie seiner Schule, — Indem er so die vorhandene Wissen- schaft, die vorhandenen Überzeugungen auf ihren Rechtsgrund prüfte, wies er nach, daß eine Wissenschaft nochnichtvorhanden sei, und zwar auf keinem Gebiet. ^ Von der ganzen Wissenschaft des Kos- mos hielt vor seiner Methode nur die Zurückführung des zweckmäßi- gen Zusammenhangs im Kosmos auf eine weltbildende Vernunft stand. Er fand aber auch kein deutliches Bewußtsein der wissenschaftlichen Notwendigkeit auf dem Gebiet des sittlichen, des gesellschaftlichen Lebens. Er sah das Handeln des Staatsmanns, das Verfahren des Dich- ters ohne Klarheit über seinen Rechtsgrund und daher unvermögend, sich vor dem Gedanken zu rechtfertigen. Aber er entdeckte zugleich, daß gerecht und ungerecht, gut und böse, schön und häß- lich einen unwandelbaren, dem Streit der Meinungen enthobenen Sinn haben.

Hier auf dem Gebiete des Handelns gelangte die Macht der Selbst- besinnung, welche mit ihm in die Geschichte trat, zu positiven Ergeb- nissen. Der Erkenntnisgrund der Sätze und Begriffe auf diesem Ge- biet liegt zunächst im sittlichen Bewußtsein. Indem Sokrates von den Allgemeinvorstellungen, die galten, den Sätzen, die herrschend waren, ausging, prüfte er dieselben an einzelnen Fällen imd dem Verhalten des sittlichen Bewußtseins zu denselben und so, durch entgegen- stehende Instanzen hindurchschreitend, entwarf er sittliche Begriffe. Sein Verfahren bestimmte sich daher hier näher dahin, das sittliche Bewußtsein zu befragen, um an ihm als dem Erkenntnisgrunde aus den Allgemeinvorstellungen Begriffe zu entwickeln und zu rechtfertigen, welche das klare Maß für das handelnde Leben sein konnten. - Hat nun Sokrates die Grenzen überschritten, welche wir als die des griechischen Menschen überhaupt bezeichnet haben? Auch der * Vgl. Xenophons Relation der einzelnen Gespräche sowie die unbeholfene, aber wahrhafte Charakteristik des Verfahrens von Sokrates IV, 6, nach welcher er sittliche und politische Fragen durch Zurückführung auf Begriffe, welche an dem l^rkenntnisgrund des sittlichen Bewußtseins erwiesen wurden, zur Entscheidung brachte. Hierbei ist die beson- dere Natur dieser Wertbegriffe, welche Sätze in sich schließen, zu erwägen. Vgl. weiter Aristoteles (Stellen b. Bonitz ind. Arist. p. 741); wenn dieser Metaph. XIII, 4 p. 1078b 27, dem Sokrates Induktion und Begriffsbestimmung (nicht nur die letztere) zuschreibt, so muß berücksichtigt werden, daß derselbe ein analytisches Verfahren als Bestandteil der logischen Operation nicht kennt und darum das ganze Verfahren des Sokrates der Induk- tion unterordnen muß.

Fortschritt der Methode der Metaphysik in Plato 179 Selbstbesinnung des Sokrates geht nicht auf, daß die Außenwelt Phä- nomen des Selbstbewußtseins, daß uns aber in diesem selber ein Sein, eine Wirklichkeit gegeben sei, deren Erkenntnis uns allererst eine un- anfechtbare Realität aufdeckt. Wohl ist diese Selbstbesinnung der tiefste Punkt, den der griechische Mensch in dem Rückgang auf die wahre Positivität erreichte, wie das frivole Nichts des Gorgias die äußerste Grenze bezeichnet, zu welcher sein skeptisches Verhalten ge- langte. Sie ist aber nur der Rückgang in den Erkenntnisgrund des Wissens; daher entspringt aus ihr Logik als Wissenschaftslehre, wie sie Plato als Möglichkeit sah und Aristoteles ausführte. Im Zusam- menhang hiermit steht dann die Aufsuchung des Erkenntnisgrundes für sittliche Sätze im Bewußtsein: und aus ihr entspringt die plato- nisch-aristotelische Ethik. Daher ist diese Selbstbesinnung logisch und ethisch; sie entwirft Regeln für die Beziehung des Denkens zum äuße- ren Sein in der Erkenntnis der Außenwelt, für die Beziehung des Wil- lens zu ihm im Handeln; aber noch ist in ihr keine Ahnung, daß im Selbstbewußtsein eine mächtige Realität aufgehe, ja die einzige, deren wir unmittelbar innewerden, noch weniger davon, daß alle Realität nur in unserem Erlebnis gegeben sei. Denn diese Realität wird für die metaphysische Besinnung erst vorhanden sein, wo der Wille in ihren Horizont tritt.

FÜNFTES KAPITEL PLATO Vermittels der neuen Methode des Sokrates gestaltete Plato die Wissenschaft vom Kosmos, von seinem gedankenmäßigen Zusammen- hang und seiner vernünftigen einheitlichen Ursache fort. So entstand die dem wissenschaftlichen Ergebnis des Sokrates entsprechende Metaphysik als Vernunftwissenschaft. Nur diesen Fortschritt in dem Erkenntniszusammenhang heben wir aus seinen Schriften her- aus, dem Zauber derselben hier widerstehend, der gerade aus der Ver- schmelzung solcher Sätze mit den Empfindungen eines von der Schönheit der griechischen Welt gesättigten Genius entspringt.

Fortschritt der metaphysischen Methode.

Der Fortschritt ist in der sokratischen Schule vollzogen; Wissen- schaft, damals sagte man: Philosophie, ist nun nicht mehr Ableitung von Erscheinungen aus einem Prinzip, sondern ein Gedankenzusam- menhang, in welchem der Satz durch seinen Erkenntnisgrund gewährleistet ist. Diesem logischen Bewußtsein Piatos erscheinen alle Denker vor Sokrates wie Märchenerzähler. „Jeder, scheint es, l8o Zweites Buch. Zweiter Abschnitt hat uns sein Geschichtchen erzählt, wie Kindern. Der eine: dreierlei wäre das Seiende, bisweilen einiges davon untereinander im Streit, dann wieder alles sich befreundet, da es dann Hochzeiten gibt und Zeugungen und Auferziehen des Erzeugten. Ein anderer nimmt der Dinge zwei an, feucht und trocken oder warm und kalt, macht ihnen ein gemeinsames Bett und verheiratet sie. Unser eleatisches Volk aber vom Xenophanes und noch früher her trägt seine Geschichte so vor, als ob das, was wir alles nennen, nur eines wäre." ^ Im Gegensatz hierzu ist dem Schüler des Sokrates das Merkmal wirklicher Erkenntnis der Zusammenhang des Satzes mit dem Erkenntnisgrund und die durch ihn bedingte Denknotwendigkeit. 2 Dieser Erkenntniszusammen- hang nach Grund und Folge gelangt daher nun als das die Wissen- schaft Konstituierende zum Bewußtsein. Und zwar richtet der organi- satorische Geist Piatos nicht wie Sokrates an die, welche er auf dem Markte findet, sondern an die Märchenerzähler der vergangenen Tage insgemein, „als ob sie selbst zugegen wären", die sokratische Frage nach dem Zusammenhang der von ihnen behaupteten Sätze mit dem in dem Bewußtsein Feststehenden. ^ Er fragt kraft der sokratischen Me- thode: der Dialog ist daher seine Kunstform, die Dialektik seine Methode; Sokrates ist der Führer des Gesprächs, den seine Feinde löteten, um seine Fragen verstummen zu machen, und den nun Plato an diesen Feinden rächt.

Ja indem dieser organisatorische Geist die Mathematik der Zeit in seiner Schule zusammenfaßt und diese Schule zu einem Mittel- punkt der mathematischen Gedankenarbeit macht, indem er die mathe- matische Naturwissenschaft, insbesondere die Astronomie in bezug auf ihren theoretischen Wert und ihre Evidenz prüft: bringt der Begriff einer Rechenschaft über unser Wissen die erste Einsicht in die zu- sammenhängende Organisation der Wissenschaften vom Kos- mos hervor. Die Philosophie empfängt nun die Aufgabe, von den Vor- aussetzungen, welche in jenen Wissenschaften noch ohne Rechenschaft über ihre Gültigkeit eingeführt werden, zu den ersten Erkenntnis- gründen zurückzugehen, welche diese Rechenschaft enthalten.* Und so entsteht in Plato ein klares Bewußtsein über das Problem, dessen ^ Plato, Sophistes 242 CD. Vgl. die verwandte Schilderung Theätet 180 f. und den entsprechenden Übergang zu der Aufgabe, von den Behauptungen der älteren Schulen auf die Erkenntnisgründe derselben zurückzugehen.

* Politie VI, 5 1 1 entwirft, zum erstenmal in der Geschichte der Wissenschaften, dieses Problem der Wissenschaftslehre; alsdann wird Politie VII, 523 — 534 eine Übersicht dieser positiven Wissenschaften gegeben, und aus ihr das Problem der Dialektik abgeleitet:,.die dialektische Methode allein geht, die Voraussetzungen (v)iro0dceic) aufhebend, gerade zum Anfang selbst, damit dieser fest werde" (533 c).

Dieser Fortschritt besteht in dem methodischen Schluß auf Bedingungen i8l Lösung nach der formalen Seite die griechische Wissenschaftslehre, nach der realen die griechische Metaphysik gewesen ist. Diese beiden grundlegenden philosophischen Wissenschaften sind in dem Geiste Piatos noch ungetrennt, und sie sind auch für Aristoteles nur zwei Seiten desselben Erkenntniszusammenhangs. Plato bezeichnet diesen Erkenntniszusammenhang als Dialektik.

So tritt diese Rechenschaft über das Wissen in die bisherige For- schung ein, welche auf die ersten Ursachen gerichtet war. Das Er- kennen sucht die tatsächlichen Bedingungen, unter deren An- nahme das Sein wie das Wissen, der Kosmos wie das sittliche Wollen gedacht werden können. Diese Bedingungen liegen für Plato in den Ideen und ihren Beziehungen zueinander; die Ideen stehen nicht un- ter der Relativität der sinnlichen Wahrnehmung und werden nicht von den Schwierigkeiten einer Erkenntnis der veränderlichen Welt berührt; sie treten vielmehr neben die Erkenntnis der ruhenden, sich immer gleichen und typischen räumlichen Gebilde und ihrer Be- ziehungen sowie der Zahlen und ihrer Verhältnisse. Gleich ihnen werden sie in der Veränderlichkeit der Welt nirgend als einzelne äußere Objekte gesehen, sind aber in ihrem typischen Bestände die für den Verstand darstellbaren, einer streng wissenschaftlichen Be- handlung zugänglichen Bedingungen, welche Dasein und gleicherweise Erkenntnis der Welt möglich machen. ^ Die revolutionäre Erschütterung der europäischen Wissenschaft hat so zu einer höheren Stufe des methodischen Denkens geführt; wir bezeichnen das Verhältnis dieser Stufe zu den älteren Versuchen, welche wir nunmehr hinter uns lassen.

Die Mittel zu den bisherigen intellektuellen Fortschritten lagen, wie die Entwicklung seit Thaies zeigt, in der Erweiterung der Erfah- rung und der Anpassung von Erklärungen an deren Tatbestand. Das Verfahren des Denkens, welches die Geschichte der Wissenschaften hierbei gewahren läßt, ist ein Einsetzen von Voraussetzungen (Sub- stitution), alsdann eine versuchsweise Benutzung derselben; unvollkom- mene Erklärungen gehen beständig in großer Zahl zugrunde, wie ^ Politie VII, 527B wird die Meßkunst als eine,, Wissenschaft des immer Seien- den" bezeichnet und dementsprechend neben die Entwicklung der Ideen gestellt. Die rein theoretische Gedankenarbeit Piatos ist von der Mathematik als der damals schon konstituierten Wissenschaft geleilet. Ist ihm zunächst die Zahl das sinnliche Schema des rein Begrifflichen, so drängte die Konsequenz seines Systems zu einer Unterordnung der mathematischen Größen und der Ideen unter einen gemeinsamen Begriff, welcher dann der allgemeinste Ausdruck der Bedingungen für die Denkbarkeit der Welt wäre. Diesen fand er später in einem abstrakteren Begriff von Zahl: dementsprechend unterschied er zwischen Zahlen im engeren Verstände, welche aus gleichartigen "Einheiten bestehen, so daß jede dieser Zahlen von der anderen nur der Größe nach verschieden ist, und den Idealzahlen, deren jede von der anderen der Art nach unterschieden ist.

l82 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt wir denn diese Grausamkeit des Zweckzusammenhangs gegenüber der imühsamen Arbeit der Individuen beständig um uns ausgeübt sehen und selber von ihr bedroht sind; lebensfähige dagegen passen sich den Anforderungen an Erkenntnis der Wirklichkeit schrittweise an und bilden sich so fort. So haben sich die Atomtheorie und die Lehre von den substantialen Formen allmählich entwickelt. Und als Grund- lage dieser Einordnung der Erfahrungen unter lebensfähige Erklä- rungen wird, wenn auch noch in bescheidenem Umfang, die Mathe- matik bereits benutzt. — Nun bestehen die Erklärungen der Wissen- schaft bis zu der in Plato vollzogenen Umwälzung nur in einem un- methodischen Schlußverfahren auf Ursachen, auf einen ursächlichen kosmischen Zusammenhang, Von Plato ab ist Erklärung der metho- dische Rückgang auf die Bedingungen, unter welchen eine Wissenschaft vom Kosmos möglich ist. Diese Methode geht von der Korrespondenz des Erkenntniszusammenhangs mit dem realen Zusam- menhang im Kosmos aus. Daher sie, auf der Basis der natürlichen An- sicht, diese Bedingungen zugleich in irgendeiner Weise als Ursachen (sonach als Voraussetzungen, Prinzipien) betrachtet. — Wird diese Form des wissenschaftlichen Verfahrens für sich dargestellt, so son- dert sich die Logik von dem metaphysischen System selber, wenn auch beide vermittels der Voraussetzung der Korrespondenz miteinander in innerer Verbindung bleiben. Diesen Schritt sollte erst Aristoteles tun, und damit verschaffte er dieser auf dem Boden der natürlichen Welt- ansicht errichteten Metaphysik erst volle Klarheit über ihr Verfahren. Seine Logik ist demgemäß nur die Darstellung der Form der eben dargelegten vollkommeneren Methode der Metaphysik.

Die Lehre von den substantialen Formen des Kosmos tritt in die monotheistische Metaphysik ein.

Und welches sind nun die Prinzipien, welche diese Rechenschaft über unser Wissen auffindet und deren Entwicklung das letzte Ziel der platonischen Wissenschaft ist?

Die Metaphysik Europas tut nun auch in Rücksicht ihres Inhaltes einen weiteren entscheidenden Schritt. Die konstanten Bedingungen der veränderlichen Welt konnten in der damaligen Lage der Wissen- schaft, in welcher Vorstellungen, wie die von der Ursprünglichkeit und Vollkommenheit kreisförmiger Bewegungen am Himmel oder von dem Streben jedes durch Stoß bewegten Körpers auf der Erde nach seinem Ruhezustand noch nicht durch eine beharrliche, vom Versuch unter- stützte Arbeit der Zerlegung komplexer Zusammenhänge in die ein- zelnen Verhältnisse von Abhängigkeit verbessert worden waren, keines- wegs mit wirklichem Nutzen für die Erkenntnis in Atomen und deren Die Ideen als denknotwendige Bedingungen ^°3 Eigenschaften aufgesucht werden. Denn zwischen diesen Atomen und dem Formenzusammenhang des Kosmos fehlte jede Verbindung. In dem System der Formen selber und in demselben entsprechenden psychischen Ursachen mußte der europäische Geist den meta- physischen Zusammenhang der Welt sehen, welcher ihren letzten Er- klärungsgrund enthalte.

Wer empfände nicht in dem bestrickenden Glanz der schönsten Werke Piatos, daß die Ideen nicht nur als Bedingungen für das Ge- gebene in seiner reichen dichterischen, ethisch gewaltigen Seele Be- stand hatten! Seine Ausgangspunkte sind die sittliche Person, der Enthusiasmus, die Liebe, die schöne, gedankenmäßige, in Maßen ge- ordnete Welt, sein Ideal ist das wahrhaft Seiende, welches alle Voll- kommenheit in sich schließt, die seine erhabene Geistesrichtung for- derte. Er schaute die Ideen in diesem Tatbestand, dachte sie nicht nur als die Bedingungen desselben. An dieser Stelle muß aber jede Erörterung ausgeschlossen bleiben, welche den Ursprung dieser gro- ßen Lehre zum Gegenstand hat. Wir haben es mit dem Zusammen- hang seiner Gedanken zu tun, sofern dieser in der Beweisführung auf- tritt und in dieser systematischen Form den weiteren Fortgang der europäischen Metaphysik bestimmte.

Das Seiende, welches dem Werden und Vergehen entnommen ist, findet die von Plato ausgehende Richtung des metaphysischen Geistes in dem Hintergrund der in Raum und Zeit auftretenden Er- scheinungen, den unsere Allgemeinvorstellungen ausdrücken oder zu dem sie sich emporleiten. Die Metaphysik setzt damit nur fort, was die Sprache begonnen hat. Diese bereits hat in den Namen für Allgemeinvorstellungen, insbesondere für die Gattungen und Ar- ten, Wesenheiten aus den einzelnen Erscheinungen herausgehoben. Die Anwendung der Worte führt unvermeidlich mit sich, daß dies immer Wiederkehrende, welches das Vorstellen als einen Typus an die Dinge heranbringt, wie eine Macht über sie empfunden wird, welche die Dinge ein Gesetz zu verwirklichen zwingt. Die Allgemeinvorstellung, welche in dem Sprachzeichen einen abgeschlossenen Ausdruck emp- fängt, enthält schon ein Wissen von dem sich Gleichbleiben- den im Kommen und Gehn der Eindrücke, soweit dieses ohne Analysis der Erscheinungen, sonach aus der bloßen Anschau- luig derselben hergestellt werden kann. Jedoch vollzieht sich in der Sprache dieser Vorgang ohne Bewußtsein des Wertes seiner Erzeug- nisse für die Erkenntnis des Zusammenhangs der Erscheinungen. In- dem nun das Bewußtsein hiervon aufgeht, sonach diese Allgemeinvorstellungen in ihrer Beziehung zu den Tatsachen, welche durch sie vorgestellt werden, sowie zu den anderen neben-, über- oder unter- 184 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt geordneten AUgemeinvorstellungen bestimmt, berichtigt und definiert werden, entsteht der Begriff und der Zusammenhang der Begriffe. Und indem die Philosophie den Inhalt und den Zusammenhang der Welt in dem System dieser Begriffe festzustellen unternimmt, ent- steht diejenige Form der Metaphysik, welche als Begriffsphilosophie bezeichnet werden kann; dieselbe hat so lange das europäische Denken beherrscht, bis sozusagen von der tieferliegenden Gleichförmigkeit des Weltzusammenhangs der Vorhang weggezogen worden ist.

Diese Metaphysik der substantialen Formen drückte aus, was das unbewaffnete Auge der Erkenntnis erblickt. Das, was das Spiel der Kräfte im Kosmos stets neu hervorbringt, bildet einen er- kennbaren, immer gleichen Inhalt der Welt. Das, was im Wechsel der Orte, Bedingungen und Zeiten stets wiederkehrt, nein vielmehr immer da ist und niemals schwindet, bildet einen Zusammenhang der Ideen, dem Unvergänglichkeit zukommt. Während der einzelne Mensch an einer einzelnen Stelle in Raum und Zeit auftritt und verschwindet, verharrt doch, was in dem Begriff des Menschen ausgedrückt ist. Auch denken wir an nichts anderes zunächst, wenn wir den Gehalt der Welt uns vorzustellen bemüht sind. Wir denken an die Gattun- gen und Arten, Eigenschaften und Tätigkeiten, welche die Buchstaben der Schrift dieser Welt bilden. Diese sind, in ihren Beziehungen zueinander aufgefaßt, für das natürliche Vorstellen der unveränder- liche Bestand der Welt, welchen dies Vorstellen fertig vorfindet, an dem es gar nichts zu ändern vermag und der ihm daher als ob- jektiver zeitloser Bestand gegenübersteht. Wie sie dann zu Begriffen in der Wissenschaft geprägt worden sind, enthielten sie so lange unsere Erkenntnis des Weltinhaltes, als wir nicht die Erscheinungen aufzu- lösen und durch Zergliederung auf Zusammenwirken von Gesetzen zurückzuführen vermochten. Während dieser ganzen Zeit war die Meta- physik der substantialen Formen das letzte Wort der europäischen Er- kenntnis. Und auch nachher fand das metaphysische Denken in der Be- ziehung des Naturmechanismus zu diesem ideellen und in Zusammen- hang hiermit teleologisch aufgefaßten Gehalt des Weltlaufs ein neues Problem.

Jedoch konnte auf dem Standpunkt des natürlichen Systems un- serer Vorstellungen, welchen die Metaphysik einnimmt, das Verhält- nis dieser Ideen, wie sie den konstanten Inhalt des Weltlaufs bil- den, zu diesem selber, zu der Wirklichkeit, nicht auf angemessene Weise bestimmt werden. Einerseits hat erst die Erkenntnistheorie, in- dem sie das, was im Denken als Erklärungsgrund gegeben ist, nach seinem Ursprung und seiner durch denselben bedingten Geltung von dem sondert, was in der Wahrnehmung als Wirklichkeit gegeben ist.

Die Lehre von den substantialen Formen ein notwendiges Stadium der Metaphysik 185 das Verhältnis des Dinges zur Idee richtig auszudrücken vermocht. Daher sehen wir jede metaphysische Theorie dieses Verhältnisses an ihren Widersprüchen zugrunde gehen; jede scheiterte an der Unmög- lichkeit, das Verhältnis der Ideen zu den Dingen inhaltlich in Begriffen auszudrücken. Andererseits hat erst die positive Wissenschaft, welche das Allgemeine in dem Gesetz des Veränderlichen aufsuchte, die wahr- haft wissenschaftliche Grundlage geschaffen, durch welche für diese Typen der Wirklichkeit die Grenzen ihrer Geltung und die Unterlage ihres Bestandes festgestellt wurden.

Dies war im allgemeinen die geschichtliche Stellung der Meta- physilc der substantialen Formen, deren Schöpfer Plato gewesen ist, innerhalb des Zusammenhangs der intellektuellen Entwicklung.

Innerhalb dieser Metaphysik der substantialen Formen entwickelte nun aber Plato nur eine derMöglichkeiten, das Verhältnis dieser Ideen zu der Wirklichkeit und den Einzeldingen auszudrücken, also ein reales Sein der Ideen mit dem realen Sein der Einzeldinge in einen inneren objektiven Zusammenhang zu bringen. Piatos Idee ist der Gegenstand des begrifflichen Denkens; wie dieses an den Din- gen die Idee heraushebt als urbildlich, nur in dem Gedanken auffaß- bar, vollkommen, so besteht dieselbe, abgesondert von den Einzel- dingen, welche zwar teil an ihr haben, aber hinter ihr zurückbleiben: eine selbständige Wesenheit. Das Reich dieser ungewordenen, unver- gänglichen, unsichtbaren Ideen erscheint wie durch goldene Fäden mit dem mythischen Glauben im griechischen Geiste verbunden. Wir bereiten die Darlegung der Beweisführung für die Ideenlehre vor, in- dem wir einige einfache Bestandteile ihres Zusammenhangs heraus- heben, auf welche die offen daliegenden Schriften überall zurückführen.

Die Kritik der sinnlichen Wahrnehmung sowie der in ihr gege- benen Wirklichkeit hatte zu unwiderleglichen Ergebnissen geführt; so fand sich Plato auf das Denken und eine in diesem gegebene Wahr- heit verwiesen. In diesem Zusammenhang sondert er nun das Ob- jekt des Denkens von dem der Wahrnehmung. Denn er erkennt die Subjektivität der Sinneseindrücke vollständig an, dringt jedoch nicht zu der Einsicht vor, daß die Tatsache des Seins selber in diesen Ein- drücken, in der Erfahrung mitenthalten ist, und so erfaßt er nicht in dieser durch Erfahrung gegebenen Wirklichkeit zugleich das Objekt des Denkens, betrachtet nicht das Denken in seiner natürlichen Be- ziehung zum Wahrnehmen; vielmehr ist das Denken ihm Erfassen einer besonderen Realität, eben des Seins. Hierdurch vermied er zwar den inneren Widerspruch, in welchen der Objektivismus des Aristoteles später durch Annahme eines allgemeinen Realen in dem einzelnen geriet, verfiel aber freilich in Schwierigkeiten anderer l86 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt