SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Natur. — Alsdaim nahm in Plato mit den Jahren die Richtung auf die Ausbildung einer strengen Wissenschaft von den Beziehungen dieser Ideen zu. Dem Griechen jener Zeit stand der Vorgang noch nahe ge- nug, in welchem die Mathematik sich von den praktischen Aufgaben als Wissenschaft losgelöst und ihre Sätze miteinander in Verbindung ge- bracht hatte; Plato wollte in seiner Schule neben, ja über der Mathe- matik nun auch die Wissenschaft von den Beziehungen der Begriffe konstituieren. — Wie erheblich aber auch diese theoreti'- schen Beweggründe der Ideenlehre waren, dieselbe hatte für Plato einen weiter zurückliegenden Halt in anderen Beweggründen, welche über das Erkennen hinausreichen. Auch nachdem der mythische Zu- sammenhang dem wissenschaftlichen Denken Platz gemacht hatte, fin- den wir etwas, was aus der Totalität des Seelenlebens stammt, als den unauflöslichen Hintergrund in allen gedankenmäßigen Erfindungen: in dem Weltgesetz Heraklits wie in dem ewigen Sein der Eleaten; es bildet den Hintergrund in den Zahlen der Pythagoreer wie in der Liebe und dem Hasse des Empedokles und in der Vernunft des Anaxagoras, ja selbst in dem durch die Welt verbreiteten Seelischen des Demokrit. Das Erlebte, Erfahrene wurde nun durch Sokrates und Plato noch in weiterem Umfang zu philosophischer Besinnung gebracht. Die metho- dische Selbstbesinnung ließ die großen ethischen Tatsachen her- vortreten, welche vordem ebenso da, aber gewissermaßen unter dem Horizont der philosophischen Besinnung geblieben waren. Man kann die Frage aufwerfen, ob nicht die Ideenlehre in der ersten Konzeption, wie sie der Phädrus zeigt, noch auf sittliche Ideen beschränkt war. Gleichviel welche Beantwortung diese Frage finde: das Typische, Ur- bildliche in den Ideen beweist, welchen Anteil die erhabene Stimmung des Platonischen Geistes, das Sittliche und Ästhetische an der Ausbil- dung seiner Ideenwelt hatte.

Dies also war es, was der jugendliche Plato aus den Begriffs- bestimmungen seines Lehrers mit dem Blick des Genius herauslas. Das wahre, ewige Sein kann in dem System der Begriffe, welche das im Wechsel Beharrende erfassen, dargestellt werden. Diese in Be- griffen darstellbaren Bestandteile, die Ideen, und ihre Beziehungen zueinander bilden die denknotwendigen Bedingungen des Gegebenen. Plato bezeichnet in diesem Zusammenhang die Ideenlehre geradezu als „sichere Hypothesis''.^ Die Wissenschaft dieser Ideen, seine Wissen- schaft, ist daher, wie man richtig gesagt hat, ontologisch, nicht ge- netisch.

Das aber, was der Begriff an der Wirklichkeit nicht erfaßt, was sonach nicht aus der Idee begreiflich gemacht werden kann — ist die Die Ideenlehre Piatos als eine einzelne Gestalt dieser Lehre 1^87 Materie. Eine gestaltlose, unbegrenzte Wesenheit, Ursache und Er- klärungsgrund (sofern sie überhaupt etwas erklärt) für den Wechsel und die Unvollkommenheit der Phänomene, der dunkle Rest, welchen die Wissenschaft des Plato von der Wirklichkeit als gedankenlos, schließlich unfaßbar zurückläßt, ein Wort für einen Unbegriff, d.h. für das X, dessen nähere Erwägung diese ganze Formenlehre später ver- nichten sollte.

DieBegründung dieser Metaphysik der substantialenFormen. Ihr monotheistischer Abschluß.

Und welches sind nun die Glieder der Beweisführung, ver- mittels deren Plato die Ideen, welche er in dem ethisch mächtigen Menschengeiste, in dem schönheiterfüllten, gedankenmäßigen Kosmos schaute, als die Bedingungen des Gegebenen nachwies? vermittels deren er ihre Bestimmungen ableitete und die Wissenschaft ihrer Be- ziehungen entwarf?

Es entsprach dem Zusammenhang der großen Bewegung, die er zum Stehen brachte, daß die Anforderung, die Möglichkeit des Wissens aufzuweisen, ihm im Vordergrund stand. Diese Möglichkeit sah er rings von den Sophisten bestritten; durch eine Erweiterung der philosophischen Besinnung war sie eben von Sokrates verteidigt wor- den; ihr war das intellektuelle Interesse zugewandt.

Die Beweisführung Piatos aus dem Wissen ist indirekt. Sie schließt die Möglichkeit aus, daß das Wissen aus der äußeren Wahr- nehmung entspringe und folgerte so, daß dasselbe einem von der Wahrnehmung unterschiedenen, selbständigen Denkvermögen ange- höre. Sic korrespondiert der anderen Beweisführung, daß das höchste Gut nicht in der Lust bestehe, die Gerechtigkeit nicht aus dem ICampf der Interessen sinnlicher Wesen entspringe, sonach das Handeln des einzelnen wie des Staates in einem von unserem sinnlichen Wesen un- abhängigen Beweggrund angelegt sein müsse. Beiden Beweisführun- gen liegt als Obersatz eine Disjunktion zugrunde, deren UnvoUstän- digkeit Piatos Begründung unzureichend macht. Zusammen sondern sie ein höheres Vermögen der Vernunft von der Sinnlichkeit. Von diesem aus erschließt dann Plato die Existenz der Ideen als selbständiger We- senheiten auf folgende Weise.

Unabhängig von der äußeren sinnlichen Erfahrung trägt nach Plato der Mensch die ideale Welt in sich. Die Selbstbesinnung des Sokrates ist in Piatos mächtiger Persönlichkeit erweitert, gesteigert. In der künstlerischen Darstellung, welche Plato in seinen Schriften l88 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt von Sokrates gibt, der höchsten Schöpfung des dichterischen Vermö- gens der Athener, ist diese Selbstbesinnung gleichsam Person gewor- den. Plato zeigt alsdann analytisch die Inhaltlichkeit der Menschen- natur in dem Dichter, in dem religiösen Vorgang, in dem Enthusias- mus. Er entnimmt endlich einen strengen Beweis für das Vorhan- densein eines Wissensinhaltes im Menschen, welcher un- abhängig von der Erfahrung in ihm sei, aus der Wissenschaft seiner Zeit und seiner Schule, der Mathematik, und auch in diesem Punkte ist er der Vorgänger PCants. Drastisch zeigt der Dialog Meno, wie mathematische Wahrheit nicht erworben, sondern in ihr nur eine vorhandene innere Anschauung entwickelt wird.^ Die Bedingung dieses Tatbestandes ist für Plato die transzendente Berührung der Seele mit den Ideen, und diese Lehre Piatos tritt als Versuch der Erklärung für den von der äußeren Wahrnehmung unabhängigen Inhalt unseres geistigen Lebens, hier zunächst unserer Intelligenz, neben die Theorie von Kant.

Der Tatbestand, um welchen es sich handelt, wird von Kant auf eine Form des Geistes, der Intelligenz wie des Willens zurückgeführt. Dies ist im Grunde gar nicht vorstellbar. Aus einer bloßen Form des Denkens kann eine inhaltliche Bestimmung unmöglich entstehen; die Ursache, das Gute sind aber augenscheinlich solche inhaltliche Be- stimmungen. Und wäre die Verhältnisvorstellung der Kausalität oder der Substanz in einer Form unserer Intelligenz gegründet, wie etwa die von Gleichheit oder Verschiedenheit ist, so müßte sie ebenso eindeu- tig bestimmt und der Intelligenz durchsichtig als diese sein. Daher enthält Piatos Lehre zunächst eine auch Kant gegenüber haltbare Wahrheit.

Hier aber tritt andererseits die Grenze des griechischen Geistes hervor. Die wahre Natur der inneren Erfahrung war noch nicht in seinem Gesichtskreis. Für den griechischen Geist ist alles Erkennen eine Art von Erblicken; für ihn beziehen sich theoretisches wie praktisches Verhalten auf ein der Anschauung gegenüberstehendes Sein und haben dasselbe zur Voraussetzung; ihm ist sonach das Er- kennen so gut als das Handeln Berührung der Intelligenz mit etwas außer ihr, und zwar das Erkennen eine Aufnahme dieses ihm Gegen- überstehenden.

Und hierbei ist es gleich, ob die Stellung des Subjekts eine skep- tische oder dogmatische ist: der griechische Geist faßt Erkennen und Handeln als Arten der Beziehung dieses Subjektes zu einem Sein. Der Skeptizismus behauptet nur die Unfähigkeit des auffassenden Vermö- » Meno 82 ff, vgl. Phädo 72 ff.

Beweis aus Tatsachen des Wissens. Voraussetzung in der Auffassung des Wissens 1 89 gens, das Objekt zu erfassen, wie es ist; er lehrt daher nur die theore- tische wie praktische Zurückziehung des Subjekts auf sich selber, die Enthaltung, seine Einsamkeit inmitten des Seienden. Dagegen geht das dogmatische Verhalten der griechischen Denker von dem sicheren Gefühl der Verwandtschaft mit dem Naturganzen aus; so ist es schließ- lich in der griechischen Naturrehgion begründet; so drückt es sich in dem Satze aus, der den älteren dogmatischen Theorien der Wahr- nehmung wie des Denkens zugrunde liegt: Gleiches wird durch Glei- ches erkannt. Aus dieser griechischen Denkweise entspringt Piatos Schluß: der Inhalt, welchen die Seele in sich findet, jedoch nicht in der Erfahrung während ihres diesseitigen Lebens erworben liat, muß vor demselben erworben sein; unser Weissen ist Erinnerung, die Ideen, welche wir in uns finden, haben wir geschaut. Selbst unsere sittlichen Ideen sind nach Plato vermöge einer solchen Anschauung für uns da. Geht man von der früheren Entstehung des Phädrus aus, so liegt hier die fundamentale Begründung der Lehre von der Transzendenz der Ideen. ^ Alle anderen einigermaßen strengen Schlüsse Piatos aus dem Wis- sen auf die Ideenlehre als seine Bedingung beruhen auf denselben Grimdlagen. Das Wissen ist nicht aus Wahrnehmen und Vorstel- len ableitbar, sondern von ihm gesondert und ihm gegenüber selb- ständig; dem so gesonderten Wissen muß auch ein für sich be- stehender Gegenstand entsprechen. — So schließt Plato: dem un- veränderlichen Wissen muß nach seinem Unterschied von der veränder- lichen Wahrnehmung ein unveränderlicher Gegenstand zukommen; bleibt doch der Begriff in der Seele, während das Ding untergeht, so- nach muß ihm ein bleibender Gegenstand entsprechen. — Oder er folgert mit Zuhilfenahme der eleatischen Sätze: ein Nichtseiendes ist nicht erkennbar, und da die Vorstellung sich auf das bezieht, was Sein und Nichtsein in sich vereinigt, so ist die Vorstellung nur teilweise Er- kenntnis; da nun im Begriff ein wahres Wissen gegeben ist, so muß derselbe ein von dem Objekt der Vorstellung unterschiedenes Objekt haben. — Derselbe Zusammenhang von Wissen und Sein wird dann auch von dem Begriff des Seins aus entwickelt: das Ding stellt das, was in seinem Begriff enthalten ist, nicht rein dar, sondern seine Prädi- kate sind relativ und wechselnd; also hat es keine volle Wirklichkeit, ' Die Grenze des Mythischen und Scientifischen in dieser Beweisführung Piatos kann allerdings der Natur der Sache nach nicht genau festgestellt werden. Schleiermacher, Ge- schichte der Philos. S. I0[ hat dieselbe daher dahin umgedeutet: „Plato nannte dieses zeit- lose, vom ursprünglichen Schauen abgeleitete Einwohnen eine (ivrmri". Die Voraussetzung der Ideenlehre bleibt aber auch in der Region der Zeitlosigkeit Beziehung eines überall und immer sich selber gleichen Wissens auf ein sein reales Objekt bildendes zeitloses und überall sich selber gleiches Sein. Im übrigen vgl. Zeller, II, l^ S. 555 ff.

igo Zweites Buch. Zweiter Abschnitt diese kommt nur dem zu, was der Begriff ausdrückt; dieser aber kann aus keiner Wahmehmimg der Dinge abstrahiert werden.

So steht innerhalb des Umkreises der Selbstbesinnung, welche mit der sokratischen Schule in die Metaphysik eintrat und ihren Hori- zont erweiterte, gerade die Besinnung über das Wissen im Vorder- grund, indem vom Wissen aus auf seine Bedingung, die Ideen ge- schlossen wird. Jedoch verbindet sich mit diesem Schluß der aus dem Sittlichen. Denn die ganze Inhaltlichkeit der Menschennatur, wie dieser Geist von gewaltiger Realität sie in sich erfuhr, ist ihm, als aus der Sinnlichkeit nicht ableitbar, ein Beweis für ihren Zusam- menhang mit einer höheren Welt.

Demgemäß hat der zweite Bestandteil des für Piatos System grundlegenden disjunktiven Schlusses auf die Selbständigkeit der Ver- nunft zu seinem Obersatz die Disjunktion: Das Ziel des Handelns für den einzelnen ist entweder aus der Lust abzuleiten oder aus einem von ihrer Vergänglichkeit abgesonderten, selbständigen Grunde des Sittlichen; das Ziel des Staatswillens ist entweder durch die einander bekämpfenden selbstsüchtigen, auf Lust gerichteten Interessen entstan- den oder in einem von ihnen unabhängigen Wesenhaften gegründet. Piatos Polemik gegen die Sophistik schließt das erste Glied der Dis- junktion aus, und diese Ausschließung bildet den Untersatz seines Schlusses. Seine Erörterungen hierüber entwickeln wahrhaft tiefsinnig den Gehalt unseres sittlichen Bewußtseins; so wird ein neuer Kreis der wichtigsten Erfahrungen (vorbereitet von der sokratischen Schule) über den Horizont der philosophischen Besinnung erhoben und bleibt fortan im Bewußtsein der Menschheit. — Aber wie in Sokrates, btoßen wir an dieser Stelle auch in Plato wieder an die der griechischen Geistes- art eigentümlichen Schranken. Auch wo diesem gleichsam dem Kos- mos eingeordneten Bewußtsein die Selbstbesinnung aufgeht, findet die- selbe nicht in unmittelbarem Innewerden die Realität der Realitäten gegeben, das willenerfüllte Ich, in welchem die ganze Welt erst da ist, nein: Anschauung, welche ja nur in der Hingabe an das Angeschaute existiert, bildende Kraft, welche das Geschaute an dem Stoffe der Wirk- lichkeit gestaltet, das ist das Schema, unter welchem diese Selbstbesin- nung das Geistige und seinen Inhalt erblickt. Und wo der skeptische Geist auf dieses Verhältnis zum Objekt verzichtet, bleibt ihm nur „Ent- haltung". Daher begreift Plato den selbständigen Grund des Sitt- lichen nur als ein Anschauen der Urbilder des Schönen und Guten. So ordnet sich der Schluß aus dem sittlichen Bewußtsein auf Grund der angegebenen Disjunktion zuletzt der Folgerung aus dem Wissen unter. Dieser Schluß hat zunächst das Dasein des von der Lust unabhängigen wesenhaften Sittlichen abgeleitet, und von diesem Der Beweis aus dem sittlichen Bewußtsein hat dieselbe Voraussetzung IQ^ Ergebnis aus erweist er alsdann, daß die Tatsache des Sittlichen die Urbilder des Schönen und Guten zu ihrer Bedingung hat, auf welche schauend wir handeln. ^ In einem grandiosen Gleichnis ist dieser Zusammenhang von Plato dargestellt worden. Die Idee des Guten ist die Königin der geisti- gen Welt, wie die Sonne die der sichtbaren. Der Gesichtssinn für sich ermöglicht nicht das Wirkliche zu sehen, sondern das Licht, das von der Sonne ausströmt, muß dasselbe offenbaren; daher sind der Ge- sichtssinn und das Wahrnehmbare durch das Band des Lichtes zum Sehen miteinander verbunden; dieselbe Sonne gewährt dem Sichtbaren auch seine Entstehung und sein Wachstum. So ist die Idee des Guten das geheimnisvolle, aber reale Band des Kosmos. In diesem Gleichnis ist der Zusammenhang ausgedrückt, in welchem die Metaphysik den letzten Grund des Erkennens mit der letzten Ursache der Wirklichkeit verknüpft.

Und hier nehmen wir den Faden der Geschichte des metaphysi- schen Schluß Verfahrens aus astronomischen Tatsachen wieder auf. Dieses Schlußverfahren vermittelt in Piatos System eine Vorstellung vom Wirken der Ideenwelt, welche freilich nur den Wert eines Mythus hat. Mathematik und Astronomie sind noch für Plato die einzigen Wissenschaften des Kosmos, und auch er schließt in erster Linie aus der gedankenmäßigen Anordnung der Gestirnwelt, deren Ausdruck ihre Schönheit ist, auf die vernünftige Ursache dersel- ben. „Zu sagen aber, daß Vernunft alles anordnete, ziemt dem, der die Welt und Sonne, Mond und Sterne und den ganzen Umschwung an- schaut." ^ Seinen näheren Schlüssen legt er folgende Theorie zugrunde. Jede durch Stoß mitgeteilte Bewegung geht in Ruhezustand über. Dies wurde damals irrtümlich aus der Erfahrung von den Bewegungen ge- stoßener Körper abstrahiert; man sah jeden Körper auf der Erde nach einem einzelnen Anstoß in den Ruhestand zurückkehren und hatte noch von Reibung und Luftwiderstand keine Vorstellung. So wird allein der Seele die Fähigkeit zugeschrieben, von innen und daher dauernd zu bewegen, die Bewegung bloßer Körper wird als mitgeteilt betrachtet und jede mitgeteilte Bewegung als vorübergehend. Das sind * Es könnte gezeigt werden, wie jede strengere Begründung der Ideenlehre solcher- gestalt die Vorstellung der Berührung mit dem Gegenstande (den unsinnlichen Ideen) in dem anschaulichen Denken voraussetzt. Und mit diesem inneren Zusammenhang ihrer Begründung ist in Übereinstimmung, daß der Phädrus aus ganz anderen, nämlich literar- historischen Gründen, welche von Schleiermacher, Spengel und Usener entwickelt worden sind, als eine frühe Schrift Piatos anerkannt werden muß, gerade diesen Zusammenhang der Ideenlehre aber in einem ersten Wurfe enthält, und zwar ausgehend von der Zurück- fiihrung des sittlichen Bewußtseins auf eine solche Berührung.

* Plato Philebus 28 E vgl. 30 und besonders Timäus sowie Gesetze an verschiedenen Stellen.

192 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Voraussetzungen, welche schon der Phädrus entwickelt, und dieser Psychismus stimmt mit dem mythischen Vorstellen üb^rein. Hieraus ergibt sich dann der Schluß von den regelmäßigen und konstanten Bewegungen der Gestirne auf konstant wirkende psychische Wesen- heiten als Ursachen dieser Bewegungen. Solche intelligente Ursachen müssen andererseits aus den harmonischen mathematischen Verhältnis- sen der Sphärendrehungen gefolgert werden, in welche sich die Bahnen der Wandelsterne zerlegen lassen. Denn die Verhältnisse der Drehun- gen nach Umfang, Richtung und Geschwindigkeit, die sich damals der mechanischen Betrachtung gänzlich entzogen, werden als Verhält- nisse psychischer Wesenheiten zueinander aufgefaßt und begreiflich gemacht. Und hierüber hinaus liegt überhaupt auf dem ganzen Kos- mos der Wiederschein der Ideen.

Die Transzendenz dieser Platonischen Ideenordnung hat sich spä- ter mit der Transzendenz der unsichtbaren Welt des Christentums ver- schmolzen. In ihrem innersten Charakter sind beide durchaus ver- schieden. Wohl hat Plato die irdische Welt als ein ihm Fremdes emp- funden; aber nur insofern sie nicht der reine Ausdruck wesenhafter Formen ist. Er flüchtet in das Reich dieser vollkommenen Formen, und so bleibt der höchste Aufschwung seiner Seele an den Kosmos gebunden. Die Beziehungen dieser transzendenten Wesenheiten zu- einander sind ihm nur gedankenmäßige, ja sie werden, wie die Be- ziehungen geometrischer Gebilde, durch Vergleichung, Feststellung von Verschiedenheit sowie von teilweiser Gemeinschaft erkannt. Und indem er den wirklichen Kosmos von ihnen aus unter Vermittlung der Idee des Guten zu erklären unternimmt, ist es, in allem mythischen Glänze, der seine Darstellung umgibt, ein von den äußeren kosmischen Bewegungszusammenhängen entnommenes Schema, unter welchem er das Wirken der Gottheit selber vorstellt: ein Weltbildner, welcher eine Materie formt.

SECHSTES KAPITEL ARISTOTELES UND DIE AUFSTELLUNG EINER ABGESONDERTEN METAPHYSISCHEN WISSENSCHAFT Aristoteles hat die Metaphysik der substantialen Formen vollendet. In dieser suchte die Wissenschaft das im Wechsel und der Verände- rung Gleichförmige, fand aber zunächst dies Standhaltende und darum der Erkenntnis Zugängliche in dem, was die Allgemeinvorstellung, der Begriff umfaßt. Diese Metaphysik entsprach einer Naturforschung, welche in der Zerlegung vorzüglich auf der Intelligenz entsprechende, gedankenmäßige Naturformen zurückging; hiermit war die Erklä- Aristoteles. Voraussetzung, daß der geistige Vorgang sich des Seienden bemächtige 193 rung solcher Naturformen aus psychischen Ursachen verbunden, welche von Gedanken geleitet gedacht wurden; ein Bestandteil des mythischen Vorstellens dauerte in dieser Annahme psychischer Ursachen für den Naturlauf fort. Und zwar wurde in Aristoteles diese Metaphysik der substantialen Formen zum Mittel, die Wirklichkeit dem Erkennen zu unterwerfen, während Plato in den wirklichen Objekten nur die gigan- tischen Schatten sah, welche die Ideen werfen. Piatos Anschauung einer unveränderlichen Ideenordnung setzt sich bei Aristoteles um in die Anschauung einer ungewordenen ewigen wirklichen Welt, in welcher die Formen in unwandelbarer Gleichheit mit sich selber, auch inmitten des Wandels von Anlage, Entfal- tung und Untergang auf dieser Erde, sich erhalten. So bezeichnet Aristoteles eine wichtige Stelle in der geschichtlichen Verkettung der Gedanken, welche die Entwicklung des europäischen Denkens bildet.

Die wissenschaftlichen Bedingungen.

Aristoteles denkt unter der Voraussetzung, daß der gei- stige Vorgang sich des Seienden außer uns bemächtige^; dieser Standpunkt kann als Dogmatismus oder als Objektivismus be- zeichnet werden. Und zwar wird von Aristoteles die Vorstellung von der Erkenntnis des Gleichartigen durch Gleichartiges, welche die Form dieser Voraussetzung für den unter dem Einfluß seiner Naturreligion und Mythologie stehenden griechischen Geist ist, in einem abschlie- ßenden Theorem entwickelt; dasselbe hat auch eine einflußreiche Schule der neueren Metaphysik geleitet.

Von welcher Bedeutung der Satz, daß Gleichartiges nur durch Gleichartiges erkannt werde, für das Nachdenken der älteren griechi- schen Philosophen war, hat Aristoteles selber hervorgehoben. 2 Nach Heraklit wird das Bewegte durch das Bewegte erkannt. Von Empe- dokles erwähnt Aristoteles bei dieser Gelegenheit folgende Verse: Erde erblicken wir stets durch Erde, durch Wasser das Wasser, Göttlichen Äther durch Äther, verzehrendes Feuer durch Feuer, Liebe durch Liebe und Streit vermittels des traurigen Streites.

Ebenso ging Parmenides davon aus, daß Verwandtes das Ver- wandte empfinde 3; Philolaus entwickelt, die Zahl füge die Dinge har- monisch der Seele. Und denselben Satz, daß Gleiches durch Gleiches erkannt werde, findet schließlich Aristoteles bei seinem Lehrer Plato wieder. * ' Vgl. Theophrast de sensibus 3 bei Diels p. 499.

•* Arist. de anima I, 2 p. 404 b 17 YivuücKecOai ^ap Ttü 6|iOiiu tö öjioiov. Er beruft sich hierfür auf den Timäus und auf eine Schrift TTcpl qpiXocoq)iac, in welcher über Piatos Diltheys Schriften I I ■» 194 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Diese Entwicklung schließt Aristoteles durch das folgende Theo- rem ab. Der Nus, die göttliche Vernunft, ist das Prinzip, der Zweck, durch welchen das Vernunft mäßige an den Dingen wenigstens mittelbar in jedem Punkte bedingt ist, und so kann durch die der gött- lichen verwandte menschliche Vernunft der Kosmos, sofern er ver- nünftig ist, erkannt werden. ^ Metaphysik, Vernunftwissenschaft ist ver- möge dieses Entsprechens möglich.

Führte nun Plato den Vorgang, in welchem wir den ideellen Ge- halt des Kosmos gleichsam von ihm ablesen, vorzugsweise auf den angeborenen Besitz dieses Gehaltes zurück und ließ gegen diesen ur- sprünglichen Besitz den anderen Faktor des Vorgangs, die Erfahrung, zurücktreten, ja grenzte ihren Anteil nirgend klar ab: so erhalten hin- gegen bei Aristoteles äußere Wahmehmimg und Erfahrung eine her- vorragende und äußerlich feste Stellung. Das Theorem des Entspre- chens erstreckt sich bei ihm auch auf das Verhältnis der W^ahrneh- mung zu dem Wahrnehmbaren. Sonach mußte er die nun entstehende Schwierigkeit aufzulösen suchen, daß die menschliche Vernunft den Grund des Wissens von der Vernunftmäßigkeit des Kosmos in sich trägt, jedoch dies Wissen selber erst durch die Erfahrung erwirbt. Er besteht darauf, daß wir nicht ein Wissen von den Ideen besitzen können, ohne ein Bewußtsein dieses Wissens zu haben 2, und versucht die so auftretende Frage im Zusammenhang seiner Metaphysik durch den Begriff der Entwicklung zu lösen. In dem menschlichen Denken ist vor dem Erkenntnisvorgang die Möglichkeit (Dynamis) des unmit- telbaren Wissens von den höchsten Prinzipien, und sie gelangt in dem Erkenntnis Vorgang selber zur Wirklichkeit.^ Die Ausführung dieser erkenntnistheoretischen Grundanschauung, so tiefe Blicke sie enthält, vermag den von Plato im Dunkel gelassenen Punkt, die Stellung der in der menschlichen Vernunft (dem Nus) gegebenen Bedingung der Erkenntnis zu der anderen in der Erfahrung liegenden nicht zu er- hellen. Der einzelne Sinn entspricht den Gegenständen einer einzel- nen Gattung; das Wahrnehmungsfähige ist (gemäß dem obigen all- gemeinen Lösungsverfahren) der Möglichkeit nach so beschaffen, wie es der Wahmehmungsgegenstand der Wirklichkeit nach ist*; inner- Lehre auf Grund der mündlichen Vorträge desselben berichtet wurde. Vgl, zur ganzen Stelle Trendelenburg zu Arist. de anima 1877 Ausg. 2, S. 181 fF.

^ Die Fassung ist vorsichtig gewählt worden wegen der bekannten Schwierigkeiten in bezug auf die Stellung des göttlichen voOc zu den substantialen Formen und zu den Gestimgeistern.

- So in der Polemik gegen die Ideenlehre Metaph. I, 9 p. 993 a i.

' Vgl. die Stellen sowie die nähere Darlegung bei Zeller II, 2*, 188 fF.

* TÖ 6' aicGirnKÖv 6uvd|iiei kriv oTov tö alcOriTÖv f\h-(\ evreXexeia de aoiaia II, 5 IVas der geistige Vorgang am Kosmos auffaßt 1 95 halb seiner Objektssphäre gewahrt daher das gesunde Sinnesorgan das Wahre. Ja Aristoteles legt dar, daß wir alle überhaupt möglichen SLnne besitzen ^ sonach die gesamte Realität auch durch unsere Sinne aufgefaßt wird, und diese Überzeugung kann als der Schlußstein seines objektiven Realismus betrachtet werden. Wie das Sinnesorgan zum Wahrnehmbaren, so verhält sich alsdann die Vernunft, der Nus, zum Denkbaren. Dementsprechend erfaßt auch die Vernunft die Prinzipien durch eine unmittelbare Anschauung, welche jeden Irrtum aus- schließt 2; ein solches Prinzip ist das Denkgesetz vom Widerspruch. Aber weder der Umfang der im Nus angelegten Prinzipien der Erkennt- nis, noch die Stellung des von den Wahrnehmungen zurückschreiten- den, induktiven Vorgangs zu den ursprünglichen im Nus angelegten Begriffen und Axiomen gelangt schließlich zur Klarheit.

Dieser objektive Standpunkt des Aristoteles repräsentiert die na- türliche Stellung der Intelligenz des Menschen zum Kosmos. Und zwar war es nun zweitens durch das Stadium, in welchem zu der Zeit des Aristoteles die Wissenschaft sich befand, bedingt, was die Intelligenz an dem Kosmos damals erkannte.

Zwar hatte die Wissenschaft des Kosmos von den Objekten die Betrachtung der allgemeinen Beziehungen losgelöst, welche zwischen Zahlen, Raumgebilden herrschen 3; dagegen bestand noch kein von den Objekten abstrahierendes, abgesondertes und in sich zusammen- hängendes Studium anderer Eigenschaften derselben, wie etwa der Bewegung, der Schwere oder des Lichtes. Die Schulen des Anaxa- goras. Leukipp und Demokrit neigten sich einer teilweise oder ganz mechanischen Betrachtimgsweise zu, doch haben auch sie nur höchst unbestimmte, unzusammenhängende und teilweise irrige Vorstellungen von Bewegung, Druck, Schwere usw. für ihre Erklärung des Kosmos angewandt, und wir erkannten hierin den Grund, aus dem die mecha- nische Betrachtimgsweise im Kampf mit derjenigen unterlag, welche die Formen mit psychischen Wesenheiten in Beziehung setzte.^ Be- gegnen wir doch zuerst bei Archimedes einigen angemessenen und bestimmten Vorstellungen über Mechanik. Unter solchen Umständen überwog immer noch in der griechischen Naturwissenschaft die Be- trachtung der Bewegungen der Gestirne, welche sich infolge der gro- ßen Entfernung derselben dem menschlichen Geiste von selber los- gelöst von den anderen Eigenschaften dieser Körper darboten, als- ^ Vgl. den Schluß der in den beiden Analytiken uns vorliegenden logischen Haupt s»hrift Analyt. post. II, 19 p. loob. * Vgl. die beachtenswerten Bemerkungen des Simplicius zu de caelo Schol. p. 491b:.

196 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt dann die vergleichende Betrachtung der interessanteren Objekte auf der Erde, und unter diesen zogen naturgemäß die organischen Köi-per besonders die Aufmerksamkeit auf sich.

Diesem Stadium der positiven Wissenschaften entsprach am be- sten eine Metaphysik, welche die Formen der Wirklichkeit, wie sie sich in Allgemeinvorstellungen ausdrücken, und die Beziehungen zwi- schen diesen Formen in Begriffen darstellte sowie als metaphy- sische Wesenheiten der Erklärung der Wirklichkeit zugrunde legte. Dagegen war die Atomistik diesem Stadium weniger angemes- sen. War sie doch in jener Zeit ebenfalls nur ein metaphysisches Theo- rem, nicht eine Handhabe für Experiment und Rechnung. Ihre Massen- teilchen waren begrifflich festgestellte Subjekte des Naturzusammen- hangs, und zwar erwiesen sich dieselben als unfruchtbar für die Erklä- rung des Kosmos. Denn die Zwischenglieder zwischen ihnen und den Naturformen fehlten: angemessene und bestimmte Vorstellungen über Bewegung, Schwere, Druck usw. sowie zusammenhängende Entwick- lung solcher Vorstellungen in abstrakten Wissenschaften.