Der Herrschergeist des Aristoteles, durch welchen er sich zwei Jahrtausende unterwarf, lag nun darin, wie er diese dargelegten wis- senschaftlichen Bedingungen verknüpfte, wie er demnach die natür- liche Stellung der Intelligenz zum Kosmos in ein System brachte, das jeder Anforderung genügte, die innerhalb dieses Sta- diums der Wissenschaften gemacht werden konnte. Er war aller positiven Wissenschaften seiner Zeit mächtig (von der Mathematik wissen wir es am wenigsten); in den meisten derselben war er bahn- brechend. Infolge hiervon verkürzte er ihre Voraussetzungen an keinem Punkte, so daß es erforderlich gewesen wäre, über seine metaphysi- sche Grundlegung hinauszugehen; der Wahrnehmung wahrte er ihr Recht; er erkannte im Werden, der Bewegung, der Veränderung und dem Vielen Wirklichkeit, die nicht durch tinfruchtbares Räsonnement geleugnet, sondern erklärt werden muß; ihm hatte das Einzelding, das Einzelwesen die vollste Realität, die uns gegeben ist. So konmit es, daß seine einzelnen Gedanken Wendungen der Diskussion in den folgen- den Jahrhunderten unterlagen, daß aber die Grundlagen aeines Sy- stems feststanden, solange das bezeichnete Stadium der Wissenschaf- ten fortdauerte. Während dieser ganzen Zeit hat man seine Metaphysik zwar erweitert, aber ihre vorhandenen Voraussetzungen aufrechterhalten.
Die Sonderung der Logik von der Metaphysik und ihre Beziehung auf dieselbe.
Unter diesen Voraussetzungen entstand als abgesonderte Wissen- schaft Metaphysik, die Königin der Wissenschaften. Die Leistung des Hierdurch bedingte Bedeutung der Metaphysik. Sonderung der Logik von ihr 197 Aristoteles, welche dies zunächst ermöglichte, war die abgesonderte Behandlung der Logik. Aristoteles hat den denknotvvendigen Zusam- menhang, welchen die Erkenntnis bildet, einer theoretischen Betrach- tung unterworfen. Er stellte eine erste Theorie der Formen und Gesetze der wissenschaftlichen Beweisführung auf.
Wir knüpfen an die Darlegung über die beiden Klassen der un- mittelbaren Wahrheiten: Wahrnehmungen und Prinzipien an. Zwischen beiden bewegt sich alle andere Erkenntnis, als vermit- teltes Wissen. Denn jeder wissenschaftliche Schluß führt ver- mittels seiner Prämissen schließlich auf ein unmittelbar Gewisses, und ein solches ist entweder die Wahrnehmung als das für uns erste oder die unmittelbare Vernunftanschauung als das an sich erste. Mit deni Hinweis auf die letztere als den tiefsten Grund des vermittelnden Denkens oder des Räsonnements schließt die Aristotelische Analytik. ^ Die weltgeschichtliche Bedeutung der Aristotelischen Lo- gik liegt nun darin, daß in ihr die Formen dieses vermittelnden Den- kens zuerst in folgerechter Vollständigkeit abgelöst betrachtet wurden, und zwar mit einem logischen Verstände ersten Ranges. So entstand die Schlußlehre. 2 Für jene Zeit bot diese Logik zunächst einen Schlüs- sel zur Auflösung der Streitsätze der Sophisten und beendete daher die lange revolutionäre Bewegung, welche die Periode der Sophisten, des Sokrates, Antisthenes, sowie der Megariker erfüllt hatte. Alsdann enthielt dieselbe die Hilfsmittel für die formale Durchbildung der Einzel Wissenschaften. Wie die Mathematik dem Aristoteles das be- deutendste Beispiel logischer Entwicklungen in jener Zeit darbieten mußte, so hat sein logisches Gesetzbuch auch wieder rückwärts die Mittel gewährt, der Geometrie als Wissenschaft die einfach strenge, mustergültige Form zu geben, welche das Elementarwerk des Euklid zeigt, und diese Form ist dann das Vorbild mathematischer Entwick- lungen für alle Folgezeit geworden. ^ Die Grenzen der Aristotelischen Logik waren durch die zu enge Beziehung derselben zu der Metaphysik bedingt. In bezug auf das Einfache ist Wahrheit ein Erfassen in Gedanken, eine Art von Berüh- rung (GrfYdveiv), wie dieselbe die letzte Voraussetzung" dieses griechi- schen Objektivismus bildet; in bezug auf das Zusammengesetzte ist ^ Analyt. post. II, 19 p. loob 14 ei oöv jurib^v dXXo Trap' diriCTiVuTiv -{ivoa ^\o\xi.v äXiiGec, voöc äv €v(\ e-mcTriiLiric dpxil. Kai 1*1 fi^v äpxil thc öpXHC ein ^v, ri hk Träca öjaoioic ^x^* TTpöc TÖ äirav TrpäTMO.
- Dies erklärt er selber mit berechtigtem Selbstgefühl Elcnch. soph. 33 p. 183 b 34 * Proklus in seinem Kommentar zu Euklid (p. 70 Friedl.) berichtet, daß Euklid eine besondere Schrift über die Trugschlüsse verfaßte, Avas seine eingehende Beschäftigung mit der logischen Theorie beweist.
198 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Wahrheit diejenige Zusammenfügung im Denken, welche der im Seien- den entsprechend ist^ Irrtum aber ist die andere, welche ihr wider- spricht. ^ Sonach haben wir das Verhältnis der Korrespondenz auch auf das Gebiet des vermittelnden Denkens auszudehnen; die For- men dieses Denkens und die Beziehungen im Seienden entsprechen einander. So ist der Begriff der Ausdruck des Wesens; so verknüpft das wahre bejahende Urteil, was in den Dingen verknüpft ist, und das entsprechend verneinende trennt, was in ihnen getrennt ist; so entspricht der Mittelbegriff in dem vollkommenen Zusammenhang des syllogistischen Schlusses der Ursache in dem Zusammenhang der Wirklichkeit. Und wie man endlich die Stellung der Arten der Aus- sage über das Seiende (fevri tüjv KaxriYopiuJv), der Kategorien, zu dem Denkzusammenhang bei Aristoteles auffasse: diese Kategorien entspre- chen ebenfalls Formen des Seins. - Und zwar behält diese Fassung des Verhältnisses, wie wir sie bei Aristoteles finden, so lange ihre Berechtigung und ihre Macht, als die logischen Formen, welche das diskursive Denken bietet, nicht auf- gelöst und die Beziehungen zwischen dem Denken und seinem Gegen- stand nicht hinter das fertige Objekt zurückverfolgt werden. Auch in diesem Punkte erweist sich Aristoteles als ein Metaphysiker, welcher bei den Formen der Wirklichkeit stehen bleibt. Seine Zergliederung der Wissenschaft verbleibt innerhalb der Zerlegung von Formen in Formen und zeigt so dieselbe Grenze wie die astronomische Zerglie- derung des Weltgebäudes durch die Alten. Was die Rede, das dis- kursive Denken als Zusammenhang darbietet, wird in eine Beziehung von Formen zueinander aufgelöst, und diese werden zu den Formen der Wirklichkeit in das Verhältnis des Abbildens gesetzt. Schleier- macher mit seiner Theorie der Korrespondenz, Trendelenburg, Über- weg haben, welches auch im einzelnen die Verschiedenheiten von Aristoteles sind, diesen objektivistischen Standpunkt festgehalten.
Der Begriff des Entsprechens, der Korrespondenz zwischen Wahrnehmung und Denken einerseits, Wirklichkeit und Sein anderer- seits, auf welchen hiernach die ganze Grundlegung dieses natürlichen Systems zurückgeht, ist vollständig dunkel. Wie ein Gedachtes einem draußen wirklich Existierenden entsprechen könne, davon kann sich niemand eine Vorstellung machen. Was Ähnlichkeit in mathemati- schem Verstände sei, kann definiert werden; hier wird aber eine Ähn- lichkeit behauptet, die ^anz unbestimmt ist. Ja man kann sagen, be- ständen nicht die Phänomene von Abspiegelung in der Natur sowie Die Beziehung der Logik auf die Metaphysik ^99 von Nachbildung in der Kunst des Menschen: eine solche Vorstellung hätte kaum entstehen können.
Der nähere Zusammenhang des logischen Denkens, wie ihn die Lehre des Aristoteles von Schluß und Beweis entwickelt, ist ein Ge- genbild des von ihm angenommenen metaphysischen Zusammenhanges. Dies ergibt sich aus der angegebenen Vorstellung von Entsprechen. Sigwart sagt zutreffend: „Indem Aristoteles ein objektives Begriffs- system voraussetzt, das sich in der realen W^elt verwirklicht, so daß der Begriff überall als das das W^esen der Dinge Konstituierende und als die Ursache ihrer einzelnen Bestimmungen erscheint, stellen sich ihm alle Urteile, die ein wahres Wissen enthalten, als Ausdruck der notwendigen Begriffsverhältnisse dar, und der Syllogismus ist dazu da, die ganze Macht und Tragweite jedes einzelnen Begriffs der Er- kenntnis zu offenbaren, indem er die einzelnen Urteile verknüpft und durch die begriffliche Einheit voneinander abhängig macht; und der sprachliche Ausdruck dieser Begriffsverhältnisse ergibt sich daraus, daß sie immer zugleich als das Wesen des einzelnen Seienden erschei- nen, dieses also in seiner begrifflichen Bestimmtheit das eigentliche Subjekt des Urteilens ist, das Verhältnis der Begriffe also in dem allgemeinen oder partikularen, bejahenden oder verneinenden Urteil zutage tritt." 1 Hieraus ergeben sich die Stellung des kategorischen Urteils, die Bedeutung der ersten Figur und die Zurückführung der anderen Figuren auf dieselbe, die Stellung des Mittelbegriffs, welcher der Ursache entsprechen soll: kurz die Haupteigentümlichkeiten der Aristotelischen Analytik.
Sonach stand die Syllogistik des Aristoteles so lange fest, als die Voraussetzung eines objektiven, im Kosmos realisierten Begriffssystems festgehalten wurde. Seitdem die Logik diese Voraussetzung aufgab, bedurfte sie einer neuen Grundlegung. Und wenn sie trotzdem die logische Formenlehre des Aristoteles festzuhalten bemüht war, suchte sie den Schatten von etwas zu schützen, dessen Wesen dahin war. - Aufstellung einer selbständigen Wissenschaft der Metaphysik.
So hat Aristoteles zuerst den logischen Zusammenhang in dem I>enkenden für sich betrachtet, abgesondert von dem realen Zusam- menhang in der Wirklichkeit, aber in Beziehung auf ihn; dementspre- - Die Beziehung der Logik des Aristoteles zu seiner Meta])hysik und folgerecht den rechten Sinn der Aristotelischen Logik zuerst in ausführlicher Gründlichkeit dargelegt zu haben, ist ein großes Verdienst von Prantl. Sigwart hat dann von hier aus die Grenzen des Wertes der Aristotelischen Syllogistik kritisch gezeigt.
200 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt chend hat er klarer den Begriff des Grundes von dem der Ursache ^ geschieden: er hat von derLogik die Metaphysik abgetrennt. Diese Sonderung war ein wichtiger Fortschritt innerhalb des natürlichen Sy- stems, sonach in den Schranken des Objektivismus, verglichen mit der früheren Einheit von Metaphysik und Logik. Auch wird die Be- deutung dieser Sonderung für das Stadium, welches wir darstellen, dadurch nicht gemindert, daß diese Selbständigkeit der Metaphysik auf dem kritischen Standpunkt in Frage gestellt werden wird, weil der reale Zusammenhang ja nur in dem Bewußtsein, für und durch das- selbe vorhanden und jeder Bestandteil dieses Zusammenhangs, wel- chen die Metaphysik analysiert, wie die Substanz, das Quantum, die Zeit nur Tatsache des Bewußtseins ist.
Und wie Aristoteles seine Erste Philosophie von der Logik schied, so trennte er dieselbe andererseits von der Mathematik und Physik. Die Einzel Wissenschaften, wie die Mathematik, haben beson- dere Gebiete des Seienden zu ihrem Gegenstande, die Erste Philosophie aber die gemeinsamen Bestimmungen des Seienden. Die Einzelwissen- schaften gehen in der Feststellung der Gründe nur bis zu einem ge- wissen Punkte zurück, die Metaphysik aber bis zu den im Erkenntnis- vorgang nicht weiter bedingten Gründen. Sie ist die Wissenschaft der allgemeinen und unveränderlichen Prinzipien.- Und zwar geht Aristoteles von dem im Kosmos Gegebenen rückwärts zu den Prin- zipien. Wenn auch die Rückverweisungen auf die physischen Schriften nichts beweisen, so wird dieser Zusammenhang doch daraus deutlich, daß die Metaphysik die Aufzeigung der ersten Ursachen von der Phy- sik empfängt und selber zunächst nur durch eine historisch-kritische Musterung die Vollständigkeit der in der Physik gefundenen Prin- zipien bestätigt. 3 — In erster Linie folgert dieser Zusammenhang aus der Anerkennung und Betrachtung der Bewegung. „Uns aber stehe der Grundsatz fest, daß das von Natur Existierende, alles oder doch einiges in Bewegung ist; und zwar ist dies durch Schluß aus der Er- fahrung klar."^ Die eleatische Leugnung der Bewegung ist dementsprechend für Aristoteles, welcher in der Aufgabe der Erklärung der Natur lebt, nur die imfruchtbare Negation aller Wissenschaft des Kos- mos. Von den stetigen und vollkommenen Bewegungen der Gestirne, von dem Spiele der Veränderungen unter dem Monde geht die Erkennt- ^ dpxil der beides umfassende Ausdruck. Metaph. V, l p. 1013 a 17 die Einteilung: „Allem, was dpxH ist, ist also dies gemeinsam, das Erste zu sein, woraus etwas ist oder wird oder erkannt wird."
^ Metaph. I, 3 und 10, womit die schrittweise Ableitung der Prinzipien in der Physik (bes. Buch I und II) zu vergleichen.
Aufstellung einer selbständigen Wissenschaft der Metaphysik 20I nis zu den ersten Ursachen zurück, welche zugleich die ersten Erklä- rungsgründe enthalten. So wird der reale Zusammenhang des Kosmos, welcher Gegenstand der strengen Wissenschaft ist, durch eine Analyse erkannt, die von ihm, als dem uns gegebenen Zusammengesetzten, auf die Prinzipien zurückschließt, als auf die wahren Subjekte des Natur- zusamme nhangs. 1 Auf der selbständigen metaphysischen Wissenschaft beruhte, so- lange eine erkenntnistheoretische Grundlegung nicht bestand, zureinen Hälfte die Möglichkeit, die positiven Wissenschaften einer formalen Vollendung entgegenzuführen, wie sie zur anderen in der logischen Selbstbesinnung begründet war. So ist die Metaphysik die notwendige Grundlage der Wissenschaften des Kosmos geworden, und sie zuerst hat ihnen verstandesmäßig präparierte Grundbegriffe geliehen. In dem Iimeren dieser Metaphysik bereitete sich alsdann der kritische Stand- punkt vor; denn erst die vef standesmäßige Zergliederung der allge- meinen Bestandteile des Wirklichen ermöglichte, in ihnen Bewußt- seinstatsachen aufzufassen. In ihrem Schöße hat sich auch vorbereitet, was die Erkenntnistheorie vielleicht über Kant hinausführen kann. Denn wenn die Unmöglichkeit sich herausstellen sollte, diesen Be- standteilen der Wirklichkeit eine logisch klare Form zu geben, dann öffnete sich unserer geschichtlichen und psychologischen Betrachtung der Blick in einen Ursprung derselben, welcher nicht in dem abstrak- ten Verstände liegen könnte.
Der metaphysische Zusammenhang der Welt.
Diese metaphysische Analysis vollbringt als erste große Leistung die Auffindung und gedankenmäßige Darstellung der allgemeinen Be- standteile der Wirklichkeit, wie dieselben der Untersuchung des Aristo- teles sich ergaben. Solche Elemente oder Prinzipien, welche im realen Zusammenhang des Kosmos überall wiedergefunden werden, bieten sich dem gewöhnlichen Vorstellen schon in der Realität, dem Ding und seinen Eigenschaften, dem Wirken und Leiden dar. Aristoteles hat diese allgemeinen Bestandteile, welche in den Kosmos verwebt sind, zuerst isoliert und wie einfache Körper darzustellen versucht. Wir sind hier nicht genötigt, das sehr dunkle und schwierige Verhältnis zu unter- suchen, in welchem die von ihm aufgefundenen Kategorien zu seinen metaphysischen Prinzipien stehen; uns genügt der klare Tatbestand seiner Ergebnisse.
Das tragische Schicksal dieser großen und immer fortgehenden Arbeit der Metaphysik, welche unablässig darauf gerichtet ist, die all- 202 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt gemeinen Bestandteile der Wirklichkeit so zu entwickeln, daß eine reale und objektive Erkenntnis des Weltzusammenhangs möglich sei, beginnt, sich nunmehr Akt auf Akt vor uns zu enthüllen! Die Sinnes- qualitäten, Raum, Zeit, Bewegung und Ruhe, Ding und Eigenschaft, Ursache und Wirkung, Form und Materie: dies sind alles allgemeine Bestandteile, welche wir an jedem Punkte der Außenwelt antreffen und die also in unserem Bewußtsein von äußerer Wirklichkeit überhaupt enthalten sind. Unabhängig von dem Unterschied philo- sophischer Standpunkte ergibt sich nun hieraus die Frage: Wird die Klarheit über diese Elemente, isoliert von der Unter- suchung des Bewußtseins und der in ihm gegebenen allgemeinen Bedingungen aller Wirklichkeit, erreicht werden können? Der Verlauf der Geschichte der Metaphysik selber mag allmählich auf diese Frage antworten. Zunächst stellen sich einer solchen Erwägung die einfachen Begriffe von Sein und Substanz dar. • I. Die metaphysische Analysis des Aristoteles findet überall Sub- stanzen mit ihren Zuständen, die in Beziehung zueinander stehen i; hier sind wir im Mittelpunkt der metaphysischen Schriften des Aristoteles.
„Eine Wissenschaft existiert, welche das Seiende als Seiendes (tö öv r\ öv) und dessen grundwesentliche Eigenschaften untersucht. Sie ist nicht mit irgendeiner der Fachwissenschaften identisch; denn keine von diesen anderen Wissenschaften stellt im allgemeinen Unter- suchungen über das Seiende als Seiendes an, sondern indem sie einen Teil desselben abschneiden, untersuchen sie dessen besondere Beschaf- fenheit." 2 Die Mathematik hat das Seiende als Zahl, Linie oder Fläche, die Physik als Bewegung, Element zum Gegenstande; die Erste Philo- sophie betrachtet es, wie es überall dasselbe ist: das Seiende als solches.
Nun wird dieser Begriff des Seienden (des Gegenstandes der Meta- physik) in mehrfacher Bedeutung gebraucht; die Substanz (oucia) wird so gut mit diesem Namen bezeichnet wie die Qualität einer solchen. Immer aber steht der Begriff des Seienden zu dem der Substanz in Beziehung. 3 Denn was außer der Substanz als seiend bezeichnet wer- den kann, ist dies, weil es einer solchen, und zwar einer Einzelsubstanz zukommt. Daher ist die erste Bedeutung, in welcher von einem Seien- den die Rede ist, die von Einzelsubstanz: alles übrige wird darum als seiend bezeichnet, weil es die Quantität, Qualität oder Eigenschaft usw. eines solchen Seienden ist.^ Die Metaphysik ist sonach in erster Linie die Wissenschaft * Über diese Dreiteilung in oücia, TrdGoc und irpöc Ti s. Prantl, Gesch. der Logik I, 190. - Arist. Metaph. IV, i p. 1003 a 21.
Die Anaiysis des Substanzbegriffs bei Aristoteles 203 von den Substanzen, und es wird sich zeigen, daß der höchste Punkt, welchen sie erreicht, Erkenntnis der göttlichen Substanz ist. Nur in uneigentlichem Sinne darf man sagen, daß sie das Seiende in seinen weiteren Bedeutungen zum Gegenstande liabe, mag es als Qualitatives, Quantitatives oder als andere prädikative Bestim- mung auftreten.! Näher unterscheiden sich die folgenden einfachen Bestandteile der Aussage und der ihr entsprechenden Wirklichkeit: die Substanz ist ein meßbares Quantum von eigenschaftlicher Bestimmt- heit sowie in Relation stehend, und zwar in den Verhältnissen von Ort und Zeit, Tun und Leiden.- So bildet die Substanz den Mittelpunkt der Metaphysik des Aristoteles, wie sie ihn in der Metaphysik der Atomiker und Piatos gebildet hatte. Erst mit dem Auftreten der besonderen Er- fahrungswissenschaften tritt der Begriff der Kausalität in den Vorder- grund, welcher mit dem Begriff des Gesetzes in Beziehung steht. Kann nun die Metaphysik des Aristoteles diesen ihren Grundbegriff der Sub- stanz zu verstandesmäßiger Klarheit bringen?
Eine Definition, welche in dem Platonischen Sophistes erwähnt wird^ bestimmt das Wahrhaft-Seiende (övtujc öv) als das, was das Vermögen zu wirken und zu leiden besitzt, und nach anderen hat Leibniz diese Definition wieder aufgenommen.* Dieselbe führt den Begriff der Substanz in den der Kraft, der ursächlichen Beziehung zu- rück und löst ihn in diesen auf. Eine solche Begriffsbestimmung konnte sich in dem späteren Stadium, in dem Leibniz auftrat, nützlich erweisen, um der Substanzvorstellung einen Begriff von größerer Verwertbarkeit für die naturwissenschaftliche Betrachtung zu substituieren. Aber sie drückt nicht das aus, was in dem Tatbestand des Dinges von uns vor- gestellt ist und was folgerecht die dem Erkennen dienende Unterschei- dung der Substanz und des ihr Inhärierenden abgrenzen will. Der rea- listische Geist des Aristoteles war bemüht, dies direkt zu bezeichnen.
Aristoteles bestimmt einerseits, was wir in dem realen Zu- sammenhang der Wirklichkeit unter Substanz uns vorstellen. Sie ist das, was nicht Akzidens von einem anderen ist, von dem viel- mehr anderes Akzidens ist; wo von der Einzelsubstanz und ihrem SubStratum die Rede ist, drückt dies Aristoteles durch eine bildliche, räumliche Vorstellung aus. Er stellt andererseits fest, was wir in dem Denkzusammenhang unter Substanz vorstellen. In diesem ist die Substanz Subjekt; sie bezeichnet das, was im Urteil Träger von prädi- ' Vgl, VII, I p. 1028a 13 p. 1028b 6, IX, I p. 1045b 27, XII, I p. lüöga 18. ' Hierzu kommen in der vollständigen Aufzählung der zehn Kategorien noch 'tffXV und K6Tc6ai, vgl. die Übersicht in Prantls Geschichte der Logik I, 207. Plato Sophistes 247 DE, ipsam rerum substanliam in ugendi patiendique vi consistere Leibn. opp, I, 156. Erdm, 204 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt kativen Bestimmungen ist; daher werden alle anderen Formen der Aussage (Kategorien) von der Substanz prädiziert.i Verknüpft man diese letztere Bestimmung mit den früheren: so sucht Aristoteles in der Metaphysik das Subjekt oder die Subjekte für alle Eigenschaften und Veränderungen, die uns am Kosmos entgegen- treten. Dies ist die Beschaffenheit aller metaphysischen Geistesrich- tung: dieselbe ist nicht auf den Zusammenhang gerichtet, in welchem Zustände und Veränderungen miteinander verbunden sind, sondern geht geradenweges auf das dahinterliegende Subjekt oder die dahinter- liegenden Subjekte.
Aber die Metaphysik des Aristoteles arbeitet, indem sie das ob- jektive Verhältnis der Substanz zum Akzidens erkennen will, wie es an diesen Subjekten besteht, mit Beziehungen, welche sie nicht aufzuhellen vermag. W^as heißt in sich, in einem anderen sein? Die Substanz im Gegensatz zum Akzidens wird noch von Spinoza durch das Merkmal von in se esse ausgedrückt; das Akzidens ist in der Substanz. Diese räumliche Vorstellung ist nur ein Bild. Was mit dem Bilde gemeint sei, ist nicht, wie Gleichheit oder Verschiedenheit, dem Verstände durch- sichtig und kann von keiner äußeren Erfahnmg aufgezeigt werden. In Wirklichkeit ist dieses In-sich-sein in der Erfahrung der Selbständig- keit, im Selbstbewußtsein gegeben, und wir verstehen es, weil wir es erleben. Und kann wohl weiter, ohne daß hinter die logische Form der Verknüpfung von Subjekt und Prädikat zurückgegangen wird, das Verhältnis dieses metaphysischen zu dem logischen Ausdruck der in der Substanz gelegenen Beziehung aufgehellt werden?
In dem vorliegenden Zusammenhang hat der verschiedene Sinn kein Interesse, in welchem sich Aristoteles dann im einzelnen des Aus- drucks Substanz bedient; derselbe entspringt daraus, daß Aristoteles von den verschiedensten Subjekten, auf welche seine Metaphysik zurück- geht, spricht: von Materie als Grundlage (\jTTOKei|iievov), von dem We- sen, das dem Begriff entspricht (f] Kaxd tov Xoyov oucia), von dem Ein- zelding (löbe Ti), Insbesondere an das Einzelding als die erste Sub- stanz lehnen sich Bestimmungen '^, die so unvollkommen durchgebildet sind, daß wir von ihnen absehen.
Unter den anderen Klassenbegriffen der Aussage, den Kategorien, haben Tun und Leiden für die Metaphysik die größte Bedeutung. Der Begriff der Kausalität tritt in der neueren Metaphysik neben den der Substanz, ja das Streben besteht, die Substanz in die Kraft auf- zulösen. Es ist bezeichnend für die Metaphysik der Alten, daß die Untersuchvmg der in diesem Begriff gelegenen Probleme noch zurück- ' KaTTiYOpoOvTai Karü tüjv ouciujv. Vgl. Bonitz ind. Ar. unter oücia.
Die Analysis det Kausalität bei Aristoteles 205 tritt; die Substanzen, ihre Bewegungen im Räume, die Formen büden den Gesichtskreis ihrer Physik und sonach ihrer Metaphysik; Tun und Leiden werden in diesem Zusammenhang der anschaulich klaren Vor- stellung der Bewegung untergeordnet.^ Und zwar führt in dem Zu- sammenhang der Welterklärung die Tatsache der Bewegung an den Substanzen zurück in die letzten erklärenden Begriffe des Aristoteli- schen Systems, welche in demselben eine gründliche Kausal Vorstel- lung und die Erkenntnis der Gesetze der Bewegung, der Veränderung ersetzen müssen; hier wird uns später der die Zergliederung der Wirk- lichkeit abschließende, aber unhaltbare Begriff von Vermögen (buvaiuic) begegnen. — Im einzelnen sah dann Aristoteles wohl die Schwierig- keit, den Unterschied von Tun und Leiden durchweg festzuhalten; so ist die Wahrnehmung ein Leiden, und dennoch verwirklicht der Ge- sichtssinn tätig im Sehen seine Natur.^ Auch bemerkt er die andere Schwierigkeit, Einwirkung des Wirkenden auf das Leidende vorstellig zu machen, aber wie unzureichend ist doch die von ihm gefundene Lö- sung, daß auf dem Boden des Gemeinsamen das Verschiedene auf- einander wirke und das Tätige sich das Leidende ähnlich mache l^ .2. So ringt Aristoteles vergeblich, Begriffe wie Substanz und Ur- sache wirklich faßbar zu machen; die Schwierigkeiten aber häufen sich, indem er nunmehr die Platonische Lehre von den substantialen Formen zur Aufklärung des Weltzusammenhangs benutzt. Wohl wideriegt er die Lehre Piatos von der getrennten Existenz der Ideen siegreich; aber wird er ein anderes objektives Verhältnis der Ideen zu den Dingen zur Klarheit bringen können?
Aristoteles erkennt der Einzelsubstanz allein Wirklichkeit in stren- gem Verstände zu. Aber mit dieser Einsicht, welche dem Naturfor- scher, dem gesunden Empiriker in ihm entspricht, ist das, was er von der Ideenlehre beibehält, auf dem Standpunkt des natürlichen Systems der Metaphysik nicht verträglich. — Auch er findet nur da Wissen, wo durch den allgemeinen Begriff erkannt wird; nur soweit die Fackel der allgemeinen Begriffe in die Einzelsubstanz hineinleuchtet, vermag diese erhellt zu werden. Der allgemeine Begriff macht die We- sensbestimmung oder Form des Dings sichtbar; diese bildet seine Substanz in einem sekundären Sinne, so nämlich, wie sie für den Verstand da ist (fi Karct töv Xotov oucia). Der Grund dieser Sätze über das Wissen liegt in der Voraussetzung, welche die Wurzel aller ' Phys. in, 3 p. 202a 25 ^irel ouv äjucpuj Kivrjceic vgl. de gen. et corr. I, 7 p. 324 a 24 Metaph. VII, 4 p. 1029b 22. In letzterer Stelle wird kivticic als Kategorie an die Stelle von Troi€iv und irdcxciv eingesetzt.
* Arist. de gener. et corr. I, 7 p. 323b.
2o6 Zweites Buch. Zweitet Abschnitt metaphysischen Abstraktion ist; das unmittelbare Wissen und Erfah- ren, in welchem das einzelne für uns da ist, wird für geringer und un- vollkommener gehalten, als der allgemeine Begriff oder Satz. Dieser Voraussetzung entspricht die metaphysische Annahme: das Wertvolle an den Einzelsubstanzen und das dieselben mit der Gottheit Verknüp- fende sei das Gedankenmäßige in ihnen. — In dem Widerspruch zwischen diesen Voraussetzungen und der gesunden Einsicht des Aristoteles über die Einzelsubstanz zeigt sich von neuem die Un- möglichkeit, auf dem Standpunkt der Metaphysik das Verhältnis des Einzeldinges zu dem, was die allgemeinen Begriffe als den Inhalt der Welt ausdrücken^ zu bestimmen. Das einzelne Ding hat nach Aristoteles allein volle Realität, aber es gibt nur von der allgemeinen Wesens- bestimmung, an welcher es teilnimmt, ein Wissen; hieraus ergeben sich zwei Schwierigkeiten. Es widerspricht dem Grundgedanken von der Erkennbarkeit des Kosmos, daß das an ihm wahrhaft Reale unerkenn- bar bleibt. Sodann wird nach den allgemeinen Voraussetzungen der Ideenlehre, dem Wissen von den allgemeinen Wesensbestimmungen entsprechend, eine Realität der Formen angenommen, und diese An- nahme führt nun zu dem halben und unglücklichen Begriff einer Sub- stanz, welche doch nicht die Wirklichkeit der Einzelsubstanz hat. Kann diese Verwirrung, welche in dem doppelten Sinne von Sein, von Sub- stanz liegt, gelöst werden, bevor die Erkenntnistheorie die einfache Wahrheit entwickelt, daß die Art, in welcher das Denken das Allge- meine setzt, keine Vergleichbarkeit hat mit der Art, wie die Wahrneh- mung die Wirklichkeit des einzelnen erfährt? bevor demnach die falsche, metaphysische Beziehung durch eine haltbare, erkenntnistheo- retische ersetzt wird? ^