Innerhalb der Einzelwissenschaften hat diese Metaphysik der sub- stantialen Formen noch auffälligere Konsequenzen. Die mit ihr ver- bimdene Wissenschaft verzichtet auf die Erkenntnis des Ver- änderlichen an ihrem Gegenstande, denn sie faßt nur die bleibenden Formen auf. Sie gibt die Erkenntnis des Zuf älli gen auf, denn sie ist allein auf die Wesensbestimmungen gerichtet. Wenige Minuten nur fehlten Kepler, um welche seine Berechnung des Mars von der Beob- achtung abwich, aber sie ließen ihn nicht ruhen und wurden der An- trieb seiner großen Entdeckung. Diese Metaphysik dagegen schob den ganzen ihr unerklärbaren Rest, wie sie ihn an den veränderlichen Er- scheinungen zurückließ, in die Materie. So erklärte Aristoteles aus- ^ Aus derselben metaphysischen Behandlungsweise des Problems entspringt die un- selige, nicht aufzulösende Frage, ob die Substanz in der Form oder dem Stoff oder dem Efazelding zu suchen ist. Vgl. Arist. Metaph. VII, 3 p. 1028b 33 und die zutreffende Ausführung bei Zeller a. a. O. 309 ff. 344 ff.
Neuer Versuch, das Verhältnis der subst. Formen zu den Dingen zu bestimmen 207 drücklich, daß die individuellen Verschiedenheiten innerhalb einer Art, wie die Farbe der Augen, die Höhe der Stimme für die Erklärung aus dem Zwecke gleichgültig' seien: sie wurden den Einwirkungen des Stof- fes zugewiesen. 1 Erst als man die Abweichungen vom Typus, die Zwischenglieder zwischen einem Typus und einem anderen, die Ver- änderungen in der Rechnung aufnahm, durchbrach die Wissenschaft diese Schranken der Aristotelischen Metaphysik, und die Erkenntnis durch das Gesetz des Veränderlichen sowie durch die Entwicklungs- geschichte trat hervor.
3. Indem Aristoteles so die Realität der Ideen in die wirkliche Welt verlegte, entstand die Zerlegung dieser Wirklichkeit in die vier Prinzipien: Stoff, Form, Zweck und wirkende Ursache, und es traten als die letzten und die Zergliederung der Wirklichkeit abschließenden Begriffe seines Systems die von Dynamis (Vermögen) und Energie hervor.
Das Denken hebt am Kosmos als das Unveränderliche die Form heraus, die Tochter der Platonischen Idee. Diese enthält das Wesen der Einzelsubstanzen in sich. Da die unveränderlichen Formen in dem Entstehen und Vergehen enthalten sind, ihr Wechsel aber einen Träger fordert, sondern wir an dem Kosmos als ein zweites ihn konstituieren- des Prinzip die Materie ab. In dem Naturlauf ist dann die Form so- wohl der Zweck, dessen Realisation derselbe zustrebt, als die bewe- gende Ursache, welche von innen aus das Ding, gleichsam als seine Seele 2, in Bewegung setzt oder von außen seine Bewegung bewirkt. Sonach leitet diese Betrachtungsweise das, was im Naturlauf auftritt, nicht aus seinen Bedingungen in diesem ab, welche nach Gesetzen zu- sammenwirken, sondern an die Stelle eines Zusammenwirkens von Ur- sachen tritt der Begriff der Dynamis, des Vermögens, und ihm ent- spricht der Begriff der zweckmäßigen Wirklichkeit oder Energie.
In diesen Begriffen besteht der Zusammenhang der Wissenschaft des Aristoteles, sie werden schon in den ersten Büchern der Metaphysik als die Mittel der Naturauffassung entwickelt und führen durch das Bewegungssystem des Kosmos bis zum unbewegten Beweger. Denn dies ist die Seele der Aristotelischen Naturauffassung: nicht die Sonde- rung von bewegender Ursache, Zweck und Form — dieselbe ist nur analytisches Hilfsmittel —, vielmehr die Ineinssetzung des Zweckes, welcher Form ist, mit der bewegenden Ursache sowie die Sonderung dieses dreifach-einen realen Faktors von dem realen, wenn auch im Kosmos nicht isoliert vorkommenden Faktor: der Materie. Und hier entscheidet sich auch der Charakter seiner Naturwissenschaft. Im neue- - Arist. de gen. animal. IFI, 11 p. 762a 18.
2o8 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt ren Denken ist das Studium der Bewegungen losgelöst von der Auf- fassung des Zweckes; die Bewegung wird durch ihr allein eigene Ele- mente bestimmt; so ist die Konsequenz der neueren Naturauffassung, daß sie, wenn sie von der metaphysischen Bewertung der Ideen nicht lassen will, dieselbe von der mechanischen Betrachtungsweise scheidet, wie Leibniz getan hat. Bei Aristoteles dagegen verbleibt der Begriff der Bewegung an die Formen des Kosmos gebunden; er wird von ihnen nicht wirklich losgelöst, sowenig wie die Analysis des Denkens in der Logik des Aristoteles hinter die Formen desselben zurückgeht. So entspringt seine Unterscheidung der vollkommenen, in sich zurück- kehrenden Kreisbewegung von einer geradlinigen, welche in ihrem End- punkt erlischt. Dieser Auffassung ist das Gedankenmäßige der Kreis- bewegung ein Ursprüngliches, ja in der Gottheit unmittelbar Bedingtes. Sie hat den verhängnisvollen Gegensatz der Naturformen unter dem Monde von denen jenseit desselben begründet, und solange er die Ge- müter beherrschte, bestand keine Möglichkeit einer Mecharük des Him- mels. Dies ist das Bezeichnende gerade der erfolgreichen Richtungen des griechischen Naturstudiums: es bleibt an die Anschauung mathe- matischer Schönheit und innerer Zweckmäßigkeit in den kosmischen Formen gebunden. Zwar zerlegt es die zusammengesetzten Formen der Bewegung in einfachere, aber in diesen einfacheren bleibt der zweck- mäßige, ästhetische Charakter der Form erhalten.
So will Aristoteles zwar die Bewegung im Weltall (welcher er in echt griechischem Geiste auch die qualitative Veränderung einordnet) auf ihre Ursachen zurückführen; da aber alle bewegende Kraft ihm zweckmäßige Aktion ist, welche die Form realisiert, ja ihm in der Form die Ursache der Bewegung liegt: so ist immer nur die in der Form ent- haltene Kraft, welche Entwicklung hervorbringt, Ursache einer ihr gleichartigen Form. Daher ist diese Erklärung in einen Zauberkreis gebannt, innerhalb dessen die Formen immer schon da sind, um deren Erklärung es sich eigentlich handelt: sie sind die Kräfte, welche das Leben im Weltall hervorbringen: sie führen folgerichtig auf eine erste, bewegende Kraft zurück.
Metaphysik und Naturwissenschaft.
Die Leistungen einer solchen Naturerklärung sind durch diesen ihren Charakter bestimmt. Wie die platonische Schule ein Mittelpunkt für mathematische Forschung war, so wurde es nun die aristotelische für die beschreibenden und vergleichenden Wissenschaf- ten. Gerade weil die Bedeutung dieser aristotelischen Schule für den Fortschritt der Wissenschaften so unermeßlich, der in ihr lebende Geist wissenschaftlicher Betrachtung, empirischer Forschung so hoch Die Aristotelische Metaphysik una die Naturwissenschaft 209 entwickelt gewesen ist, hat die Frage ein lebhaftes Interesse erregt, warum auch diese Schule sich mit unbestimmten, vereinzelten und teilweise irrigen Vorstellungen von Bewegung, Druck, Schwere usw. genügen ließ, warum sie nicht zu gesunderen mechanischen und physi- kalischen Vorstellungen fortging. Man fragt nach den Ursachen der Ein- schränkung der erfolgreichen griechischen Einzelforschung auf die formalen Wissenschaften der Mathematik und der Logik sowie auf die beschreibenden und vergleichenden Wissenschaften innerhalb eines so langen Zeitraums. Diese Frage steht augenscheinlich mit der anderen in Zusammenhang, wodurch die Herrschaft der Metaphysik der sub- stantialen Formen bedingt war. Der formale und deskriptive Charakter der Vv^issenschaften und die Metaphysik der For- men sind korrelative geschichtliche Tatsachen. Man bewegt sich nun im Zirkel, wenn man die Metaphysik als die Ursache betrachtet, welche den Fortschritt des wissenschaftlichen Geistes über diese seine damaligen Schranken hinaus gehemmt habe; denn alsdann muß die Macht dieser Metaphysik erklärt werden. Dies deutet darauf, daß bei- des, sowohl der Charakter der Wissenschaften in diesem Stadium als die Herrschaft der Metaphysik, in gemeinsamen, tiefer zurückliegenden Ursachen gegründet sei.
Es fehlte den Alten nicht an Sinn für Tatsachen und Beobachtung; ja auch das Experiment ward von ihnen in größerem Umfang, als man gewöhnlich annimmt, angewandt, wenn auch die sozialen Ver- hältnisse hier hinderlich waren: der Gegensatz einer regierenden Bür- gerschaft, welche zugleich die Wissenschaft pflegte, zu dem Sklaven- stande, welchem die Arbeit mit der Hand zufiel, verbunden damit die Mißachtung der körperlichen Arbeit. Das Genie der Beobachtung in Aristoteles, die Ausbreitung desselben über ein ungeheures Gebiet haben in immer zunehmendem Grade die Bewunderung der positiven Forscher in der neueren Zeit erregt. Wenn Aristoteles nicht selten das, was Beobachtungen darbieten und was durch Schluß, insbesondere durch Analogie, aus ihnen abgeleitet ist, verwechselt, so macht sich hierin allerdings das Vorherrschen des Räsonnements im griechischen Geiste nachteilig geltend. Femer findet sich in den Schriften des Aristoteles eine große Anzahl von Experimenten erwähnt, die teils von anderen vor ihm angestellt waren, teils von ihm selber gemacht worden sind. Aber hier fällt nun die Ungenauigkeit in der Wieder- gabe derselben auf, der Mangel jeder Art von quantitativen Bestim- mungen, besonders aber die Unfruchtbarkeit des Experimentierens bei Aristoteles und seinen Zeitgenossen für wirkliche Auflösung theoretischer Fragen. Es bestand nicht eine Abneigung gegen das Experiment, wohl aber eine Unfähigkeit, von demselben den richtigen Gebrauch 2IO Zweites Buch. Zweiter Abschnitt ZU machen. Auch kann diese nicht in dem Mangel an Instrumenten, welche quantitative Bestimmungen ermöglichten, gelegen haben. Erst wo die Fragen an die Natur solche fordern, werden dieselben erfunden, und selbst der Mangel einer von wissenschaftlich Gebildeten betrie- benen Industrie hätte das Hervortreten solcher Erfindungen doch nur erschweren können.
Zunächst kann nun die Tatsache nicht bestritten werden, daß die kontemplative Verfassung des griechischen Geistes, welcher den gedankenmäßigen und ästhetischen Charakter der Formen auf- faßte, das wissenschaftliche Nachdenken in der Betrachtung festhielt und die Verifikation der Ideen an der Natur erschwerte. Das Menschen- geschlecht beginnt nicht mit voraussetzungslosen methodischen Un- tersuchungen der Natur, sondern mit inhaltlich erfüllter Anschauung, religiöser zuerst, dann mit der kontemplativen Betrachtung des Kos- mos, in welcher der Zweckzusammenhang der Natur fortdauernd fest- gehalten wird. Orientierung, Auffassung der Formen und Zahlenver- hältnisse im Weltall ist das erste; die Ordnung des Himmels wird mit religiöser Scheu und kontemplativer Seligkeit in ihrer Vollkommen-^ heit angeschaut; die Geschlechter der Organismen lassen eine auf- steigende, von physischem Leben erfüllte Zweckmäßigkeit gewahren und ermöglichen vermittels ihrer eine deskriptive Wissenschaft. So wendet sich die Betrachtung, welche der ältere Glaube direkt auf den Himmel gerichtet hatte, der Einzelforschung über die Naturkörper auf der Erde zu, wird aber auch hier länger durch eine in der Naturreligion gegründete fromme Scheu von Zergliederung des Lebendigen zurück- gehalten. Dieser Zauberkreis der Anschauung eines idealen Zusammenhangs schließt sich in sich, scheint nirgend eine Lücke zu zeigen, und es ist der Triumph der Metaphysik, ihm alle Tatsachen, welche die Erfahrung darbietet, einzuordnen. — Dieser geschichtliche Tatbestand kann keinem Zweifel unterliegen, und es kann sich nur fragen, welche Tragweite er als Erklärungsgrund habe. Es sei jedoch gestattet, einen zweiten Erklärungsgrund von mehr hypotheti- schem Charakter einzuführen. Die abgesonderte Betrachtung eines Kreises zusammengehöriger Teilinhalte, wie sie Mechanik, Optik, Aku- stik darbieten, setzt einen hohen Grad von Abstraktion in dem For- scher voraus, welcher nur das Ergebnis langer technischer Ausbildung der isolierten Wissenschaft ist. In der Mathe- matik war eine solche Abstraktion durch später zu erörternde psycho- logische Verhältnisse von Anfang an vorbereitet. In der Astronomie wurde infolge der Entfernung der Gestirne die Betrachtung ihrer Be- wegungen von der ihrer übrigen Eigenschaften losgelöst. Aber auf keinem anderen Gebiet ist vor der alexandrini sehen Schule eine An- Die Bedeutung der Astronomie füt die Lehre des Aristoteles von Gott 2 1 1 zahl verwandter, zusammengehöriger Teilinhalte der Naturerscheinun- gen einer bestimmten und ihnen angemessenen erklärenden Vorstel- lung unterworfen worden. Geniale Apergus wie das der pythagorei- schen Schule über die Tonverhältnisse hatten keine durchgreifenden Folgen. Die beschreibende und vergleichende Naturwissenschaft be- durfte solcher Abstraktion nicht, sie hatte in der Vorstellung des Zweckes einen Leitfaden und führte vorläufig auf psychische Ursachen zurück. So erklärt sich die Verbindung der glänzenden Leistungen der aristotelischen Schule auf diesem Gebiet mit dem gänzlichen Mangel gesunder mechanischer und physikalischer Vorstellungen in derselben.
Die Gottheit als der letzte und höchste Geg^enstand der Metaphysik. Den Schlußpunkt der Metaphysik des Aristoteles bildet seine Theologie. In ihr vollzieht sich erst die vollständige Verknüpfung des Anaxagoreischen Monotheismus mit der Lehre von den substantialen Formen.
Seit Anaxagoras ist die herrschende europäische Metaphysik Be- gründung der Lehre von einer letzten, intelligenten und der Welt ge- genüber selbständigen Ursache derselben. Diese Lehre tritt aber hier unter veränderte Bedingungen der metaphysischen Begriffe und der allgemeinwissenscliaftlichen Lage. So erfährt sie eine Reihe von Um- gestaltungen während des auf Anaxagoras folgenden zweitausendjäh- rigen Lebens der Metaphysik. Die Umgestaltungen liegen in den Schriften von Plato, Aristoteles und den Philosophen des Mittelalters mit zureichender Klarheit vor und erfordern daher keine eingehende Erörterung des Tatbestandes. Der Zusammenhang dieser Geschichte verlangt nur den Nachweis, daß die Metaphysik fortdauernd an astro- nomischen Schlüssen einen positiven, wissenschaftlichen Rück- halt hatte, welcher ihr unerschütterliche Sicherheit gab. Diese Schlüsse, unterstützt durch solche aus der Zweckmäßigkeit der Organismen, haben erheblich dazu beigetragen, daß die Metaphysik zweitausend Jahre den Charakter einer Weltmacht behielt: königliche Gewalt, nicht in dem engen Kreise von Gelehrten, sondern über die Gemüter aller Ge- bildeten, wodurch auch die ungebildeten Massen ihr untergeordnet blieben. Das religiöse Erlebnis, welches für den Glauben an Gott die tiefste und unzerstörbare Grundlage enthält, wird nur bei einer Minderheit der Menschen in der von dem Wirbel der egoistischen Interessen nicht gestörten Besonnenheit eines gläubigen Herzens verstanden. Die Autorität der Kirche ist im Mittelalter oft bestritten worden. Die äuße- ren Mittel des kirchlichen Gehorsams und des kirchlichen Strafsystems haben beständige gärende Bewegungen und die schließliche Zerspal- 212 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt tiing der Kirche nicht aufhalten können. Aber unerschüttert steht in diesen zweitausend Jahren die auf die Lage der europäischen Wissen- schaft gegründete Metaphysik der intelligenten Weltursache.
Aristoteles hat auch in diesem Punkte die Gestalt der europäischen Metaphysik wesentlich durch die Art, wie er die wichtigsten Tatsachen und Schlüsse zusammenfaßte, bestimmt. Die Gottheit ist der Beweger, durch welchen schließlich alle Bewegungen innerhalb des Kosmos (wenn auch auf vermittelte Weise) bedingt sind; und zwar sind die Bewegungen der Gestirne in ihrer Gedankenmäßigkeit ein Ausdruck der im Zwecke liegenden Bewegungskraft; die Astronomie ist die der Philosophie nächstverwandte mathematische Wissenschaft. ^ Diese Ge- danken schreiten in der von Anaxagoras zuerst betretenen Bahn fort, und ein Zug der Ideen wirkt von ihnen weiter bis auf die von dem gedankenmäßigen, harmonischen Charakter der Welt getragenen For- schungen Keplers, nach welchen in Abmessungen und Zahlen die Voll- kommenheit Gottes sich abspiegelt.
Die Theologie des Aristoteles liegt in der Abhandlung vor, welche als zwölftes Buch der Sammlung der metaphysischen Schriften eingefügt ist. Sie enthält den Höhepunkt derselben; denn sie erweist das Dasein der Einzelsubstanz, welche immateriell und veränderungs- los ist und von Anfang an als das eigentliche Objekt der Ersten Philo- sophie von Aristoteles bezeichnet worden ist.^ Die Abhandlung steht einerseits mit dem Schluß der Physik sowie der Schrift über das Himmelsgebäude, andererseits mit den Grundbestimmungen der meta- physischen Schriften in Beziehung.
Diese Aristotelische Theologie beherrscht das ganze Mittelalter. Jedoch übernahm in der späteren philosophischen Entwicklung die erstgeschaffene Intelligenz die Stelle des Bewegers des Fixsternhim- mels, und aus den göttlichen Substanzen, durch welche Aristoteles die zusammengesetzten Bewegungen der anderen Weltkörper hervorbrin- gen läßt, wurde ein phantastisches Reich von Gestirngeistern. Der Gegensatz der Welt des Äthers und der Kreisbewegung zu der Welt der vier andern Elemente und der geradlinigen Bewegungen, sonach des Bezirks des Ewigen zu dem des Entstehens und Vergehens wurde nun zum räumlichen Rahmen eines aus der inneren Welt stammenden Ge- gensatzes. So entstand jene Vorstellung, welche Dantes unsterbliches Gedicht verewigt hat.
Der Schluß des Aristoteles auf den unbewegten Beweger hat zwei Seiten.
Die erste Seite dieser Beweisführung zeigt besonders deutlich, wie Der Schluß des Aristoteles auf die Gottheit 213 innerhalb dieser Metaphysik für den Willen, welcher von innen an- fängt, keine Stelle ist, so daß diejenige Transzendenz, deren Wesen ist, von der Natur auf den Willen zurückzugehen, für sie noch nicht da ist. Aristoteles also lehrt folgendes. — Die Bewegung ist ewig, ein zeitlicher Anfang derselben kann nicht gedacht werden. Das Sy- stem der Bewegungen im Kosmos kann nun nicht so vorgestellt werden, daß jede Bewegung rückwärts eine weitere Bewegungsursache habe und diese Kette der Bewegungsursachen in das Unendliche verlaufe; denn so kämen wir nie zu einer wahrhaft wirkenden, ersten Ursache, ohne welche doch schließlich alle Wirkungen unerklärt bleiben würden. Sonach muß ein letzter Haltpünkt angenommen werden. — Und zwar muß diese erste Ursache als unbewegt bestimmt werden. Wenn sie sich selber bewegt, so muß in ihr das, was bewegt wird, von dem, was bewegt und welchem sonach Bewegtwerden nicht zukommt, unter- schieden werden. Da die Bewegung kontinuierlich ist, kann sie nicht auf einen veränderlichen Willen nach Art der Willen in den beseelten Wesen zurückgeführt werden, sondern muß in eine erste unbewegte Ursache zurückgehn. So gelangen wir zu dem unbewegten Beweger als der reinen Aktivität oder dem actus purus sowie zu der metaphysischen Konstruktion der ersten Bewegung als Kreisbewegung.'
Die andere Seite des Beweises benutzt die Betrachtimg der ge- dankenmäßigen Formen, welche sich in den Bewegungen des Kosmos verwirklichen. Bewegung erscheint in diesem Zusammenhang als ein Bestimmtwerden der Materie durch die Form. Da die Bewe- gung in der Gestirnwelt unwandelbar sich selber gleich und in sich zu- rückkehrend ist, so muß die Energie, welche sie hervorbringt, als unkörperliche Form oder reine Energie gedacht werden. In dieser fällt der letzte Zweck mit der bewegenden Kraft der Welt zusammen. 2 „Diesen obersten Zweck zu erreichen ist für alle das beste"; derselbe „bewegt wie etwas, das geliebt wird". 3 — Dieser Seite der Beweisfüh- rung des Monotheismus gehört die bei Cicero erhaltene erhabene Dar- stellung an. Der Gedanke des Anaxagoras ist hier von Aristoteles zu dem umfassenden Beweis des Daseins Gottes aus der Zweckmäßigkeit der Welt entfaltet, und das ganze System des Aristoteles kann ja schließlich zu einem solchen Beweis zusammengeordnet werden.,,Man denke sich Menschen von jeher unter der Erde wohnen in guten und hellen Häusern, welche mit Bildsäulen und Gemälden ausgeziert und * Diese Argumentation ist mit meisterhafter Strenge im acliten Buche der Physik durchgeführt, welches so in die Metaphysik überführt.
- Metaph. XII, 7: populär und ohne Benutzung der metaphysischen Begriffe und des Mittelglieds des astronomischen Tatbestandes gibt Simplic. zu de caelo Schol. p. 487a (> die Beweisführung, -welche auf das Vollkommenste zurückgeht.
2 14 Zweites Buch. Zweite?- Abschnitt mit allen Dingen versehen wären, an denen die Überfluß haben, welche für glücklich gehalten werden. Aber sie wären niemals an die Ober- fläche der Erde heraufgekommen, hätten nur durch eine dunkle Sage vernommen, eine Gottheit existiere und Macht der Götter. Täte sich nun diesen Menschen einmal die Erde auf, vermöchten sie dann aus ihren verborgenen Sitzen zu den von uns bewohnten Orten emporzustei- gen und nun hinauszutreten; sähen sie dann plötzlich die Erde, die Meere und den Himmel, nähmen die Wolkenmassen wahr und die Ge- walt der Winde; blickten zur Sonne auf, erkennten ihre Größe und Schönheit und auch ihre Wirkung, daß sie es ist, welche den Tag schafft, indem sie ihr Licht über den ganzen Himmel ergießt; erblick- ten dann, nachdem die Nacht die Erde beschattete, den ganzen Him- mel mit Sternen besetzt und geschmückt und betrachteten das wech- selnde Mondlicht in seinem Wachsen und Schwinden, aller dieser Him- melskörper Auf- und Untergang und ihre ewigen, unveränderlichen Bahnen: dann würden sie gewiß überzeugt sein, daß Götter existie- ren, und diese gewaltigen Werke von Göttern ausgehen." ^ Auch diese dichterische Darstellung sucht in der Schönheit und Gedankenmäßig- keit der Bahnen der Himmelskörper eine Stütze für den Monotheismus.
Aber der monotheistische Grundgedanke nimmt in Aristoteles, wie in Plato, die Annahme von mehreren nicht aus Gott stammenden Ursachen in sich auf.
Das astronomische Problem war viel komplizierter geworden, die Bahnen der Planeten bildeten die Hauptfrage. Es ward versucht, die scheinbaren Bahnen auf Drehungen von Sphären, verschieden nach Zeitdauer, Richtung und Umkreis, zurückzuführen, und die Drehung solcher Sphären, an welchen die Gestirne befestigt sind, legte nun auch Aristoteles zugrunde. Somit lagen die Voraussetzungen dieser astronomischen Theorie in dem Ineinandergreifen dieser verschiedenen Drehungen. Weder Aristoteles noch ein anderer Denker des Jahrtau- sends, das auf ihn folgte, hat diese Voraussetzungen in den Zusammen- hang einer mechanischen Vorstellung gebracht. Und so faßt denn Aristoteles das Verhältnis dieser Bewegungen zueinander mythisch als innere Beziehung von psychischen Kräften, von Gestimgeistern zueinander auf; jede dieser psychischen Kräfte verwirklicht gleichsam eine bestimmte Idee von Kreisbewegung; fünfundfünfzig Sphären (diese Hypothese bevorzugt er als die wahrscheinlichere ) ^ außer dem Fixstemhimmel greifen mit ihren Drehungen ineinander. Ungevvorden, unvergänglich stehen demnach neben der höchsten Vernunft diese fünf- imdfünfzig G^stimgeister, welche die Drehung der Sphären bewirken, * Cicero de natura deorum II, 37, 95.
Der Zweckzusammenhang der letzten Prinzipien geht in Gott zurück 215 alsdann die Formen der Wirklichkeit, endlich die mit den mensch- lichen Seelen verbundenen unsterblichen Geister, die ebenfalls als Ver- nunft bezeichnet werden. Und die Materie ist ebenso eine letzte, unab- hängige Tatsache.
Die Gottheit steht nach Aristoteles zu diesen Prinzipien in einem psychischen Verhältnis; sie bilden einen in ihr den Abschluß finden- den Zweckzusammenhang. So herrscht die Gottheit, wie der Feldherr im Heere, d. h. durch die Kraft, vermöge deren eine Seele die andere bestimmt. Hieraus allein erklärt sich der gedankenmäßige Zusammen- hang des Weltalls unter ihr als dem Haupte, während sie doch nicht die hervorbringende Ursache desselben ist. Der reine Geist, das Den- ken des Denkens, denkt nur sich selber in unwandelbarem, seligem Leben und bewegt, indem er als höchste^r Zweck anzieht, nicht indem er das im Zwecke Angelegte selber zu vollbringen tätig ist: wie eine Seele also auf andere geringere Seelen wirkt. So ist das letzte Wort der griechischen Metaphysik das zwischen psychischen Wesenheiten stattfindende Verhältnis als Erklärungsgrund des Kosmos, wie es im Götterstaate Homers schon angeschaut worden war.
SIEBENTES KAPITEL SIEBENTES KAPITEL DIE METAPHYSIK DER GRIECHEN UND DIE GESELLSCHAFTLICH-GESCHICHTLICHE WIRKLICHKEIT Das Verhältnis der Intelligenz zu der gesellschaftlich-geschicht- lichen Wirklichkeit hat sich uns ganz verschieden von dem gezeigt, welches zwischen ihr und der Natur besteht. Nicht nur beeinflussen die Interessen, die Kämpfe der Parteien, die sozialen Gefühle und Leiden- schaften hier die Theorie in einem viel höheren Grade. Nicht nur ist die aktuelle Wirkung der Theorie hier von ihrem Verhältnis zu diesen Interessen und Gemütsbewegungen innerhalb der Gesellschaft be- stimmt. Auch wenn man den Zusammenhang, welchen die Entwick- lung der Geisteswissenschaften bildet, betrachtet, sofern er nicht durch das Mittel der Interessen und Leidenschaften der Gesellschaft, in wel- chem er stattfindet, bedingt ist, zeigt derselbe ein anderes Verhältnis zu seinem Gegenstande, als es innerhalb der wissenschaftlichen Er- kenntnis der Natur obwaltet.
Dies ist in dem ersten Buche erörtert worden. Die Geschichte der Geisteswissenschaften bildet infolge dieses Grundverhältnisses ein rela- tiv selbständiges Ganzes, das in Koordination mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften sich entwickelt hat; diese Entwicklung steht un- ter eigenen Bedingungen, in betreff deren auf das erste Buch zurück- verwiesen wird. Und dieselben bestimmen nun zunächst das Verhält- 2l6 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt nis, in welchem die griechische Metaphysik zu dem Studium der gei- stigen Tatsachen steht.
Der Erfahrungskreis der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirk- lichkeit hat sich in den Generationen selber erst aufgebaut, welche über ihn reflektierten. Die Natur stand der Schule von Milet so gut als ein abgeschlossenes Ganzes gegenüber, wie einem heutigen For- scher: es galt nur, die vorhandene zu erkennen. Dagegen entstand erst zu der Zeit, in welcher die griechische Wissenschaft auftrat, all- mählich der umfassendere geschichtlich-gesellschaftliche Erfahrungs- kreis, welcher der Gegenstand der Geisteswissenschaften ist. Die Zustände der umliegenden, uralten Kulturstaaten waren den griechischen Stäm- men zu wenig bekannt und zu fremdartig, als daß sie Gegenstand einer wirklich fruchtbaren Forschung hätten werden können. Und zwar sto- ßen wir hier wieder an eine Grenze des griechischen Geistes, welche in dem tiefsten Lebensgefühl des griechischen Menschen begründet ist. Ein energisches Interesse der Auffassung zeigt der Grieche nur für den Griechen und in zweiter Linie für den verwandten Italiker. Wohl be- weist der Sagenkreis, der das Haupt des Solon als des großen Reprä- sentanten maßvoller griechischer Lebens- und Staatskunst umgibt, den lebendigen Anteil an den großen Katastrophen jener Kulturländer. Die Geschichtschreibung des Herodot macht die regsame Neubegier griechischer Forscher sichtbar in bezug auf fremde Lander und Völker. Die Kyropädie erweist, wie die Leistungsfähigkeit monarchischer Ein- richtungen die Bürger dieser freien, aber politisch und militärisch un- zureichend geschützten Stadtstaaten beschäftigte. Aber der griechische Forscher zeigt kein Bedürfnis, vermittels der Sprachen fremder Völker in ihre Literatur einzudringen, um sich den Quellpunkten ihres geisti- gen Lebens zu nähern. Er empfindet die zentralen Äußerungen des Lebens dieser Völker als ein Fremdes. Ihm liegt ihre wirkliche Kultur an den Grenzen dessen, was seine geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit ausmacht. Andererseits bauten sich die Kultur seines eigenen Volkes und dessen politisches Leben, soweit sie Gegenstand geschichtlichen Wissens sind, in der Zeit, in welcher die griechische Wissenschaft anhebt, erst allmählich auf. Sonach war die geschicht- lich-gesellschaftliche Welt, wie sie das Menschengeschlecht und dessen Gliederung umfaßt, für den griechischen Geist noch unter dem Horizonte.
Mit dieser engen Begrenzung finden wir einen positiven Irrtum verbunden, der aus derselben entsprang. Die griechischen Theorien empfingen ihre vollendete Gestalt zu einer Zeit, in welcher gerade die höchststehenden Politien rein griechischer Abkunft schon ihren Höhe- punkt überschritten hatten. Welche Achtung auch noch Plato für das Schranken des griechischen Studiums der Gesellschaft 2 1 7