SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Staatsleben der Spartaner hatte und wie große Hoffnungen er an eine Konstitution noch knüpfen mochte, welche die gespannte einheitliche Kraft dieser Staatsordnung in edlerer Richtung nachbildete: für Aristo- teles gab es kein Beispiel eines echt griechischen Staates mehr, der dem Schicksal des Sinkens entnommen gewesen wäre. So entsteht an der Erfahrung selber die Vorstellung von einem Kreislauf der mensch- lichen Dinge, der gesellschaftlichen wie der politischen Zustände, oder die noch mehr düstere von ihrem allmählichen Sinken. Und diese völ- lige Abwesenheit jeder Vorstellung von Fortschreiten und Entwicklung verbindet sich mit der dargelegten Einschränkung des untersuchenden Geistes auf den griechischen Menschen. Der griechische Erforscher der gesellschaftlichen und historischen Wirklichkeit hatte so noch kein ge- schichtliches Bewußtsein von einer inneren fortschreitenden Entwick- lung, und er näherte sich der Empfindung seines realen Zusammen- hangs mit dem ganzen Menschengeschlecht nur spät und allmählich durch die Vermittelung des makedonischen Reiches und des römischen Imperiums sowie durch die Einwirkung des Orients.

Dieser Schranke des griechischen Geistes, welche sich auf den Umfang seines geschichtlichen Gesichtskreises bezieht, entspricht eine andere, welche die Stellung der Person zu der Gesellschaft betrifft. Und auch diese Grenze ist im innersten Seelenleben des griechischen Menschen angelegt. Die Hingabe an das Gedankenmäßige der Welt ist mit einem Mangel an Vertiefung in die Geheimnisse des Seelen- lebens, an Erfassung der freien Person im Gegensatz zu allem, was Natur ist, verbunden. Erst in einer späteren Zeit wird der Wille, wel- cher sich als Selbstzweck von unendlichem Werte findet, wenn er zur metaphysischen Besinnung kommt, die Stellung des Menschen zu der Natur und zu der Gesellschaft abändern. Aber für den damaligen grie- chischen Menschen hat der Einzelwille noch nicht um seiner selbst willen den Anspruch auf eine Sphäre seiner Herrschaft, welche ihm der Staat zu schützen bestimmt ist und nicht rauben darf. Das Recht hat noch nicht die Aufgabe, dem Individuum diese Sphäre seiner Freiheit zu sichern, innerhalb deren es schalte. Die Freiheit hat noch nicht die Bedeutung ungehemmter Entfaltung und Bewegung des Willens inner- halb dieser Sphäre. Vielmehr ist der Staat ein Herrschaftsverhältnis, und die Freiheit besteht in dem Anteil an dieser Herrschaft. Die griechische Seele bedarf noch nicht einer Sphäre ihres Lebens, welche jenseit aller gesellschaftlichen Ordnung liegt. Sklaverei, Tötung ver- krüppelter oder schwächlicher Neugeborener, Ostrazismus bezeichnen diese unvollkommene Wertschätzung des Menschen. Der unablässige Kampf um den Anteil an der politischen Herrschaft bezeichnet die Wirkung derselben auf die Gesellschaft.

2 1 8 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Innerhalb dieser Grenzen durchlief die Anschauung der Völker des Mittelmeeres über die gesellschaftlich-geschichtliche Wirklichkeit die- selben Stadien, welche in größerem Maßstab, modifiziert durch die veränderten Umstände, auch die Anschauung der neueren Völker durchmessen hat.

In dem ersten dieser Stadien, während der Herrschaft des my- thischen Vorstellens, wird die Ordnung der Gesellschaft auf göttliche Stiftung zurückgeführt. Diese Vorstellung des Ur- sprungs der gesellschaftlichen Ordnung teilen die Griechen mit den umliegenden großen asiatischen Staaten, wie verschieden auch die näheren Bestimmungen der Vorstellung bei den Griechen von der bei den Orientalen sind. Sie bleibt so lange herrschend, als die heroische Zeit dauert. Alle Macht war in dieser Zeit persönlich. Der heroische König hatte keine physischen Machtmittel, den Gehorsam eines ewig widersprechenden Adels zu erzwingen; es gab keine geschriebene Ver- fassung, die einen Rechtsanspruch begründet hätte. So sind alle Vor- stellungen und Gefühle jener Tage in das Element des Persönlichen getaucht. Die Poesie war Heldengesang; das Heroische der Gegen- wart an ein Höheres der Vergangenheit zu knüpfen und dieses bis zu den persönlichen Gewalten der Götter zurückzuleiten, in den Bildern des Götterstaates die Motive des eigenen Lebens in mächtigerem Puls- schlag zu empfinden und zu genießen: war ein Grundzug der sozialen Gefühle und Vorstellungen jener Tage.

Die Vorstellung von dem Zusammenhang der gesellschaftlichen Ordnung mit den persönlichen Kräften einer höheren Welt ist dann ein lebendiger Bestandteil griechischer Überzeugungen geblieben.^ Zentralgriechenland, nördlich wie durch breite Querriegel des Gebir- ges vom Kontinent isoliert, gliedert sich durch die Verästelung der Gebirge zu einer Anzahl von Kantonen, die von Bergen mit hohen und engen Zugängen in ihrer Selbständigkeit geschützt sind: zugleich öffnet es sich dem Meere, das schützt und verbindet. Über die müde See leiten Inseln, den Pfeilern einer Brücke gleich. In vielen dieser Kantone erhielt sich lange mit zäher Gewalt die Macht der mythischen Vorstellungen. Denn die Wurzeln des mythischen Glaubens lagen für diese abgeschlossenen Gemeinschaften in den lokalen Kulten, wie aus dem späten Bericht des Pausanias noch ersehen werden kann.

Dieselben geogr^aphischen Bedingungen haben zugleich auf die Entwicklung kleiner Politien hingewirkt, in denen mit regsamer intellek- ' Die fortdauernde Macht dieser Vorstellungen kann, neben dem Beweis aus den bekannten Stellen, auch daraus erschlossen werden, daß die sophistische Aufklärung die Religion als eine Erfindung der Staatskunst auffassen konnte (Kritias bei Sextus Empiricns adv. Math. IX, 54, Plato Gesetze X, 889 E).

Stadium der Zurückfühi-ung der gesellschaßl. Ordnung auf göttliche Stiftung 2 1 9 tueller Entwicklung verbunden politische Freiheit sich entfaltete. Da- her fand die politische Freiheit in den Schriften der Griechen zuerst einen dauernden, künstlerisch mächtigen, wissenschaftlich begründe- ten Ausdruck. Hierdurch wurde sie erst für die europäische politische Entwicklung ein unvergänglicher Erwerb. Diese Bedeutung der politi- schen Literatur der Griechen ist unzerstörbar. Sie wird nur sehr ver- mindert durch eine Einseitigkeit ihrer politischen Auffassung, welche wir bald erörtern werden und die sich ebenfalls auf das neuere poli- tische Leben übertragen hat.

Die ersten Anfänge dieser Literatur gewahren wir in den großen Seestädten, deren politische, soziale und intellektuelle Entwicklung sehr rasch verlief. Hier entstand das Bedürfnis, den mythischen Glauben an die gesellschaftliche Ordnung durch eine metaphysische Be- gründung zu ersetzen. Und zwar begann eine solche erste theore- tische Betrachtung der Gesellschaft, indem die soziale Ordnung als solche mit dem metaphysischen Zusammenhang des Weltganzen in Beziehung gesetzt wurde. Heraklit ist der mächtigste Repräsentant die- ser metaphysischen Begründung der gesellschaftlichen Ordnung; aber auch die Reste der pythagoreischen Ideen deuten auf eine solche, ob- wohl dieselbe augenscheinlich mit mythischen Bestandteilen sehr ver- setzt war.

Die griechische Auffassung der gesellschaftlichen Ordnung trat in ein neues 'Stadium in dem Zeitalter der Sophisten. Das Auftreten von Protagoras und Gorgias bildet den Anfangspunkt dieser großen intellektuellen Umwälzung. Indessen wäre es irrig, den Stand der So- phisten (mit welchem Namen zunächst ein verändertes Unterrichts- system in Griechenland, nicht eine Veränderung der Philosophie be- zeichnet wurde) für den Wechsel in den politischen Vorstellungen, welcher nun eintrat, verantwortlich zu machen. Die Theorien der So- phisten folgen nur einer gänzlichen Veränderung der sozialen Gefühle und sind ihr Ausdruck. Diese wurde hervorgerufen durch die allmäh- liche Zerstörung der alten Geschlechterverfassung, in welcher das In- dividuum noch als Bestandteil einer Gliederung der Gesellschaft sich gefühlt hatte und von der es nach seinen wesentlichen Lebensbeziehun- gen umfaßt worden war. Noch die Tragödie des Äschylus gestal- tete darum so tief die Mythen einer vergangenen Zeit, weil sie noch die diesen zugrunde liegenden Verhältnisse und Gefühle nachempfand. Nun wurde eine individualistische Richtung in den Interessen, den Gefühlen wie den Vorstellungen herrschend. Athen ward der Mittel- punkt dieser Veränderung der sozialen Gefühle. Die so eintretende Umwälzung wurde allerdings mächtig befördert durch die Zentrali- 220 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt sation der intellektuellen Bewegung in dieser Stadt und den in ihr um sich greifenden skeptischen Geist. Anaxagoras schuf in Athen eine herrschende Macht intellektueller Aufklärung im fünften Jahrhundert; es darf angenommen werden, daß dann Zeno dort erschien und durch seine skeptische Geistesrichtung Einfluß gewann; das Auftreten des Protagoras sowie des Gorgias beförderte weiter denselben Geist skep- tischer Aufklärung in der Stadt. Waren die Sophisten auch nicht die Urheber der Umwälzung, welche sich im Leben und Denken der grie- chischen Gesellschaft jener Tage vollzog: dieselbe ward doch außer- ordentlich unterstützt, als, dem Bedürfnis einer Zeit entsprechend, in welcher die Rede zum mächtigsten Mittel geworden war, Einfluß und Reichtum zu erringen, dieser neue Stand von Vertretern eines höheren Unterrichts die athenische Jugend an sich zog. Ein Ideal von persön- licher Ausbildung entstand, in dessen Sinne später eüi Cicero im Red- ner daj Lebensideal eines römischen Mannes sah: der Humanismus hat in der Folgezeit nicht nur die Kultur der Alten, sondern auch dies ihr Biidungsideal erneuert und dadurch die unselige Vorherrschaft einer formalen Bildung unter uns herbeigeführt. In der Lehrtätigkeit der Sophisten ist von diesem allen die Wurzel; von ihr ging der Geist der Rhetorenschulen aus, die sich über die alte Welt verbreiteten. Ver- geblich haben Plato und Aristoteles im Kampfe gegen die Sophisten im Gegensatz zu dem armseligen Rhetor Isokrates diese Krankheit des griechischen Lebens bekämpft; vergeblich, weil die Sophisten nur in dem Privatunterrichtssystem der griechischen Politien, in welchem die Schule der freien Konkurrenz anheimfiel, gerade das geboten ha- ben, was den herrschenden Neigungen entsprach. Ein Privatunter- richtssystem kann eben nie besser sein als der Durchschnittsgeist einer Zeit. So floß denn in unzähligen Kanälen der individualistische und skeptische Geist, wie er sich seit der Mitte des fünften Jahrhunderts entwickelt hatte, abwärts dem Niveau der Massen entgegen, um sich dort zu verteilen, vermittels der Volksversammlungen, der Theater, des neuen sophistischen Unterrichts, zunächst in Athen und dann von diesem Zentrum aus über ganz Griechenland.

Jedoch zeigt die erste Generation der Sophisten noch keine entschiedene und klare negative Stellung der bestehenden ge- sellschaftlichen Ordnung gegenüber. In dem Relativismus des Prota- goras lagen die Prämissen einer solchen negativen Haltung. Auch war Protagoras nicht der Kopf, ihre Tragweite zu übersehen. ^ Aber hätte er die Konsequenzen dieses Relativismus bereits wirklich entwickelt, €0 wäre der Mythus, welchen Plato in seinem Namen in dem nach Das Naturrecht det Sophisten. — Erste und zweite Generation der Sophisten 221 ihm bezeichneten Dialog vortrug, unerklärlich. Gorgias, ein Genie der Sprache, von einem weisen Verhältnis zum Leben, eine neutrale und in bezug auf die sittlichen und gesellschaftlichen Probleme von keinem starken Affekt bewegte Virtuosennatur, ließ die sittlichen Ideale des Lebens in ihrer mannigfachen Tatsächlichkeit bestehen i; sie bildeten ihm die Voraussetzung seiner Technik, welche nur die Kraft und Kunst, Glauben hervorzurufen, zum Gegenstand hatte.

Dennoch lag in der Bewegung, welche die Sophisten der ersten Generation hervorriefen, der Ausgangspunkt einer negativen Philo- sophie der Gesellschaft. Die ungeheure Wandlung der geistigen Inter- essen, wie sie in diesem Zeitalter stattfand und das große Werk der Sophisten ist, an die in dieser Rücksicht Sokrates sich anschloß, läßt nunmehr geistige Tatsachen, Sprache, Denken, Beredsamkeit, Staats- leben, Sittlichkeit als Gegenstand von wissenschaftlicher Forschung in den Vordergrund treten. An diesen geistigen Tatsachen und ihrer Be- trachtung ging erst im Gegensatz zu den materiellen Vorstellungen von Seele ein Bild dessen auf, was im Geiste vollbracht wird. Dieselbe W^andlung der intellektuellen Entwicklung stellte andererseits jedes Phänomen unter den Gesichtspunkt der Relativität. Und so mußte die kluge Mäßigung der ersten Generation der Sophisten gegenüber der gesellschaftlichen Ordnung Griechenlands und den religiösen Grundlagen derselben schrittweise einer radikaleren Haltung Platz machen.

Zwischen der ersten und zweiten Generation der Sophisten steht Hippias. Auch in seiner Person spürt man, in einer anderen Modi- fikation als in der des Protagoras oder Gorgias, die Luft einer ganz veränderten Zeit. Virtuose Vielseitigkeit, deren intellektueller Ehrgeiz über die kleinen Politien hinausgewachsen ist, sonnt sich im Glänze einer Zeit, in welcher die Kunst weltlich und ein Ausdruck schönen Lebensbedürfnisses, jedes wissenschaftliche Problem Gegenstand radi- kaler Debatten geworden ist und in welcher Reichtum und Ruhm auf dem weiten Theater der griechisch redenden Völker in ganz neuem Maßstab zu erwerben waren. Ich habe dargelegt, daß der Gegensatz zwischen dem göttlichen, ungeschriebenen Gesetz und der mensch- lichen Satzung, welcher von Sophokles mit der eindringlichen Gewalt des Dichters ausgesprochen worden ist, durch Archelaus und Hippias eine wissenschaftliche Formulierung erhalten hat.^ Das göttliche Welt- gesetz, welches für die Metaphysik eines Heraklit der hervorbringende Grund aller gesellschaftlichen Ordnung der einzelnen Staaten gewe- sen war, wird von Hippias zu diesen Einzelordnungen in Gegensatz ge- ' Vgl. Arist. Polit. I, 13 p. 1260a 24 mit Piatos Meno.

222 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt Stellt. Gesetz der Natur und Satzung des einzelnen Staates sind die Schlagworte der Zeit, und dieser Gegensatz wird von nun an in den ganz verschiedenen Erscheinungen des geistigen Lebens auf- gesucht.

Doch war ein weit radikaleres Verhältnis zu der gesellschaftlichen Ordnung in dem Relativismus eines Protagoras angelegt, und es wurde in der zweiten Generation der Sophisten entwickelt. Nun wird die gesellschaftliche Ordnung aus dem Spiele des Egoismus von In- dividuen abgeleitet, wie in der Schule Leukipps die Ordnung des Kos- mos aus dem Spiele der Atome. Es entsteht eine metaphysische Kos- mogonie der sittlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Die ganze meta- physische Maschinerie dieses radikalen Naturrechts, wie sie uns in Hobbes und Spinoza wieder begegnet, findet sich in dieser Kosmo- gonie der Gesellschaft schon angewandt: der Kampf starker, den Tieren vergleichbarer Individuen untereinander in einem gesetzlosen Leben um Dasein und Macht; der Vertrag, in welchem eine gesetz- liche Ordnung entsteht und Ordnung nunmehr zwar vor dem Schlimm- sten der Vergewaltigung schützt, jedoch zugleich den Weg zu dem höchsten Glück schrankenloser Herrschaft versperrt; die Entstehung von Sittlichkeit und Religion als einer Ergänzung der S taats- gesetze im Interesse der Vielen oder der Starken; endlich die Fort- dauer des egoistischen Interesses in den Individuen als des wahren Hebels der gesellschaftlichen Bewegungen.^ Euripides ist der dichterische Vertreter dieser neuen individualistischen Zeiten, und er hat in seinen Schauspielen solche radikale Theoreme als Grundlage der Handlungen bestimmter Personen mit einer Energie hingestellt, welche sein persönliches Interesse durchblicken läßt. Aristophanes hat in einer berühmten Wechselrede den Satz, daß es kein der Gewalt gegenüber selbständig begründetes Recht gebe, als einen Streitsatz seiner Tage verspottet. Und wie auf dem Theater, so ließ sich dies radikale Naturrecht auch in den politischen Versammlungen verneh- men; soviel wenigstens kann aus den Reden des Thukydides geschlos- sen werden, welches auch der Grad ihrer Authentizität in jedem ein- zelnen Falle sein mag. 2 ^ Die Stellen Piatos müssen nach dem Kanon benutzt werden, daß, wo KonsequenEea von ihm selber gezogen werden, dies durch die Art, wie sie aus dem Gegner durch Fol- gern herausgelockt werden, angedeutet ist, dagegen wo die Sätze, wie von Thrasyraachus und Glauko im ersten und zweiten Buch der Politie geschieht, dem Sokrates entgegenge- bracht werden, ein Bericht über die fremde Theorie vorliegt. Was die Darlegung der Theorie durch Glauko betrifft, so hätte Plato sie nicht einem Jüngling in den Mund ge- legt, wäre sie eine selbständige Fortbildung.

* Vgl. besonders die Erörterung zwischen den Meliern und den athenischen Gesandten bei Thukydides V, 85 ff. aus dem Jahre 416.

Bedeutung und Grenzen des Naturrechts det Sophisten 223 Die Grenzen dieses Na turrechts sind bedingt durch die dar- gelegten Schranken des griechischen Menschen und der griechischen Gesellschaft. Nirgend handelt es sich im griechischen Naturrecht um die subjektiven Rechtssphären der in der Gesellschaft zusammenwir- kenden Individuen; nirgend ist das Ziel dieses Naturrechts die Frei- heit in solchem Verstände. Das Streben des Individuums ist nach diesen radikalen Schriften nur auf den Anteil der gesellschaftlichen Atome an der Macht und dem Nutzen der so entstehenden Ordnung gerichtet. So stützten sie hier die Tyrannis, dort den Gedanken einer demokrati- schen Gleichwertigkeit dieser gesellschaftlichen Atome in der Staats- ordnung, und hier wie dort ist ihr letztes Wort die Sklaverei jedes höheren und idealen Willens. Andererseits ist diese naturrechtliche Metaphysik in der gemäßigten Schule, die Hippias repräsentiert, nur auf die Sonderung einer objektiven Ordnung der Natur von der Satzung des einzelnen Staates gerichtet. An diese Schranken stößt die zynische und stoische Staatslehre, aber durchbricht sie nicht. Sie verhält sich auf diesem Gebiet izu unserer modernen Rechtsanschauung ganz so, wie sich der sophistische und skeptische Relativismus zu der moder- nen Erkenntnistheorie verhält.

So lagen in dieser Bewegung die Keime zu den verschie- denen Richtungen derjenigen Theorie der Gesellschaft, welche als Natur recht bezeichnet wird. Das Naturrecht ist, nachdem es nun- mehr ausgebildet war, in verhältnismäßig stetiger Sukzession von den alten Völkern auf die neueren übergegangen. Es ist auch im Mittel- alter in einer breiten Literatur gepflegt worden. Aber seine Herrschaft und seine praktische Wirksamkeit war auch bei den neueren Völkern durch das Eintreten desjenigen Stadiums der gesellschaftlichen Ent- wicklung bedingt, in welchem es bei den alten Völkern entstanden war. Erst mit dem Niedergang der feudalen Ordnungen bei dieser zweiten G^eration europäischer Völker erhebt sich das Naturrecht derselben zu einer leitenden Stellung in der Geschichte der Gesellschaft. Es vollbrachte nun sein negatives Werk, als dessen Beschluß die Wirkung eines Rousseau auf die Revolution, eines Pufendorf, Kant und Fichte auf die deutsche Reformarbeit angesehen werden muß. Denn seinen Ausgangspunkt bildet eben das Einzelindividuum, der abstrakte Mensch, durch Merkmale bestimmt, welche zu allen Zeiten gleich- mäßig ihm zukommen, in abstrakten Beziehungen, welche aus diesen Merkmalen auf einem gleichsam abstrakten Boden folgen. Aus solchen Prämissen folgert das Naturrecht allgemeine Bestimmungen einer jeden gesellschaftlichen Ordnung. Diese werden ihm der Maßstab für die Kritik der alten europäischen Gesellschaft und für die Neuordnung einer künftigen. So erhielt diese Begriffsdichtung in der Revolution 2 24 Zweites Buch. Zweite?- Abschnitt und ihrem Versuch eines Aufbaus der Gesellschaft auf die abstrakten Menschenatome eine furchtbare Realität.

Das Naturrecht kann als eine Metaphysik der Gesellschaft bezeichnet werden, wenn der Ausdruck Metaphysik in diesem engeren Sinne gestattet wird, in welchem er eine Wissenschaft ausdrücken würde, die den ganzen objektiven, inneren Zusammenhang der gesell- schaftlichen Tatsachen in einer Theorie darstellt. Von Metaphysik in vollem Verstände unterscheidet sich das Naturrecht eben dadurch, daß seine Absicht nur auf die Konstruktion des inneren Zusammenhangs der Gesellschaft gerichtet ist; daher es gerade in seiner vollkommen- sten Gestalt nicht einen objektiven inneren Zusammenhang aller Er- scheinungen dem Studium der Gesellschaft zugrunde legt, sondern die- sen Gegenstand selbständig behandelt. In diesen Grenzen hat es die Eigenschaften einer Metaphysik. Es analysiert nicht die Wirklichkeit, sondern setzt sie aus abstrakten Teilinhalten von Individuen als aus veris causis zusammen und betrachtet den so entstehenden Zusam- menhang als die reale Ursache der gesellschaftlichen Ordnung.^ Hat sich nun dieser soziale Atomismus in der damaligen Lage der Wissenschaft fruchtbarer für die Spezialerklärung der ge- sellschaftlichen Phänomene erwiesen, als der naturwissen- schaftliche für die Erscheinungen des Kosmos? Die erhaltenen Trüm- mer des damaligen Naturrechts erlauben kein ganz ausreichendes Ur- teil. Doch können wir auch hier ein Verhältnis noch feststellen, wel- ches dem an der Naturwissenschaft derselben Zeit beobachteten ana- log ist. 2 Das Naturrecht ging von den psychischen Einheiten aus und beabsichtigte eine Erklärung der bürgerlichen Gesellschaft, wie eine einzelne ttöXic sie umschließt; denn dieser konkrete politische Körper bildet den Gegenstand der griechischen politischen Wissenschaft. Nun sind die psychologischen Grundvorstellungen von Interesse, Be- friedigung, Nutzen, deren sich das sophistische Naturrecht bedient, höchst unvollkommen. Zwischen den psychologischen Grundvorstellun- gen imd der komplexen Tatsache dieses politischen Ganzen liegen als- dann Zwischenglieder, wie Arbeitsteilung, Nationalreichtum, Stufen des wissenschaftlichen Lebens, Formen des Familienrechts und der Eigen- tumsordnimg, religiöser Glaube und seine selbständige Kraft usw., deren wissenschaftliche Bearbeitung erst das exakt wissenschaftliche Studium des komplexen politischen Ganzen bedingt. Diese Tatsachen können aber nur durch abstrakte Wissenschaften bearbeitet werden, welche verwandte Teilinhalte des psychischen Lebens, wie sie die Ge- sellschaft enthält, zusammenordnen; dies ist im ersten Buche gezeigt Das Naturrecht e. Metaphysik d. Gesellschaft: d. Einzelwiss. d. Gesellschaft fehlen 2 2^ worden. Während nun die entsprechenden abstrakten Wissenschaf- ten innerhalb der Naturforschung erst in der alexandrinischen Zeit in sehr vereinzelten Ansätzen sich zu bilden begannen, bestanden die technischen Theorien der Grammatik, Logik, Rhetorik, Poetik, Natio- nalökonomie, juristischen Technik schon früh; das Bedürfnis der Ge- sellschaft hatte sie hervorgebracht, wie auch dies das erste Buch ge- zeigt hat. Trotzdem haben die Vorstellungen der Griechen über Ar- beitsteilung, über die Faktoren des Nationalreichtums, über das Geld niemals eine erheblich höhere Stufe erreicht als die über Druck, Be- wegung und Schwere, und die Griechen haben innerhalb dieser Speku- lationen, soweit wir sehen, niemals von exakten juristischen Begriffen Gebrauch gemacht. Daher war ihre naturrechtliche Konstruktion der Gesellschaft ganz ebenso zu einer verhältnismäßigen Unfruchtbarkeit verurteilt wie ihre atomistische Konstruktion des Kosmos. Auch auf diesem Gebiet fiel der sokratischen Schule, der Metaphysik der sub- stantialen Formen der Sieg für lange Jahrhunderte zu gegenüber der Metaphysik gesellschaftlicher Atome.

Die sokratische Schule war aus dem Bedürfnis entsprungen, inmitten der relativen Wahrheiten, welche die Sophistik übrigließ, einen festen Punkt zu entdecken. Ein solcher kann innerhalb des grie- chischen Vorstellungsschemas entweder in der Richtung der Abbildung des objektiven Seins im Denken oder in der Richtung der Bestimmung des Seins durch das Handeln gesucht werden. Er ist gegeben als Sub- stanz in der Wirklichkeit oder als höchstes Gut in der Welt des Wil- lens und Handelns, sei es der einzelnen oder der Gemeinschaften. Sokrates ließ die Möglichkeit eines festen Punktes für die Welterkennt- nis fallen; er fand dagegen einen solchen für das Handeln, nämlich in den sittlichen Begriffen. Diese Sonderung der theoretischen und praktischen Philosophie bezeichnet eine Grenze, welche aus der des griechischen Geistes überliaupt folgt. Daß im Inneren, im Inne- werden der feste Punkt für alle Erkenntnis, auch der objektiven Welt, liege: dieser Gedanke liegt selbst außerhalb des Gesichtskreises des Sokrates. Erst wann diese klare Einsicht vorhanden ist, tritt die sitt- liche Welt, der feste Punkt alles Handelns in ihr, in den umfassenden Zusammenhang der menschlichen Wissenschaft. Mit ihr ist erst die falsche Sonderung der theoretischen und praktischen Wissenschaften überwunden, und die wahre Sonderung der Naturwissenschaften von den Geisteswissenschaften kann begründet werden.

Indem Sokrates in den sittlichen Begriffen ein Unveränderliches entdeckt, empfängt auch die politische Wissenschaft ein kla- res Ziel. Das Ziel des Staates entsteht nun nicht aus dem Spiele der 220 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt denselben bildenden Atome. Vielmehr ist für Sokrates im Wissen un- verrückbar fest ein Punkt gegeben, um welchen die Individuen gravi- tieren: das Gute. Das Gute ist nicht relativ, sondern unbedingt gewiß. Dies Ziel ordnet sich also als der die Gliederung des Staates beherr- schende Gedanke die einzelnen unter. Diese politische Auffassung des Sokrates tritt in Gegensatz zu der herrschenden Demokratie und zu der Gleichberechtigung jedes gesellschaftlichen Atoms in bezug auf die Leitung des Staates, welche diese Demokratie am schroffsten in der Zuteilung von Staatsämtern durch das Los ausdrückte. Das Wissen macht zum Herrscher; es ist die Vorbedingung des Anteiles an der Staatsleitung. Piatos großer organisatorischer Geist konstruiert von diesem Ge- danken aus den idealen Staat als ein Gegenbild des äußeren Kos- mos, den Staat als Kimstwerk. Er fand die athenische Gesellschaft in soziale Atome aufgelöst; so faßte er den Gedanken, die Beziehung zwischen politischem Wissen und Können und den Anteil an der Staatsleitung nicht in das vorhandene politische Gefüge einzuordnen, sondern von diesem abstrakten Verhältnis aus den Staat zu kon- struieren; bei den neueren Völkern hat dann dieser Gedanke auf die vorhandene Realität der Staatsordnungen fortbildend eingewirkt, und