SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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* Augustinus, Retractat. I, c. 3. Nee Plato quidem in hoc erravit, quia esse mundum intelligibilem dixit, si non vocabulum, quod ecclesiasticae consuetudini in re illa non usi- tatum est, sed ipsam rem velimus attendere. mundum quippe ille intelligibilem nuncupavit ipsam rationem sempiternam atque incommutabilem, qua fecit Deus mundum. quam qui esse negat, sequitur ut dicat, irrationabiliter Deum fecisse quod fecit, aut cum faceret, vel antequara faceret, nesci'se quid faceret, si apud eum ratio faciendi non erat, si vero erat, sicut erat, ipsam videtur Plato vocasse intelligibilem muu'lura. Vgl. weiter die S. 331 zitierte Stelle. Dazu vgl. Leibniz' Monadologie § 43. 44: die „ewigen Wahrheiten oder die Ideen, von denen sie abhängen", müssen in einem Reellen, Existierenden ihre Grund- lage haben.

302 Zweites Buch. Dritter Abschnitt sprechenden Prinzipien sind in den von Gott geschaffenen Ein- zelgeist hineingelegt.!

So bildete sich auf der Höhe dieser Entwicklung folgende Theorie, die Thomas von Aquino feinsinnig entwickelt hat. Plato nahm nach ihm irrtümlich an, das Objekt der Erkenntnis müsse in sich so existie- ren, wie in unserem Wissen, sonach immateriell und unbeweglich. In Wirklichkeit vermag die Abstraktion das, was in dem Objekt unge- sondert ist, zu sondern und einen Bestandteil in ihm, absehend von den anderen, für sich zu betrachten. Der Bestandteil, welchen unser Den- ken im Allgemeinbegriff am Gegenstande heraushebt, ist sonach real, aber er ist nur ein Teil der Realität desselben. Daher ist eine den Allge- meinbegriffen entsprechende Realität nur in den Einzeldingen ge- geben;,,die Universalia sind nicht für sich bestehende Dinge, sondern haben ihr Sein allein in dem einzelnen". Jedoch wird andererseits in den Universalien etwas Wesenhaftes ausgesondert von dem mensch- lichen Intellekt, denn sie sind in dem göttlichen Intellekt enthalten und von ihm den Objekten eingebildet. So kann Thomas sich einer den Streit über die Universalien scheinbar beendenden Formel bedienen. Die Uni- versalien sind vor den einzelnen Dingen, in ihnen und nach ihnen. Sie sind vor denselben im göttlichen, vorbildlichen Verstände; sie sind in den Dingen als Teilinhalte derselben, welche ihre allgemeine Wesenheit ausmachen; und sie sind nach denselben als Begriffe, v/elche durch den abstrahierenden Verstand hervorgebracht sind. Diese Formel kann alsdann leicht im Sinne der modernen Wissenschaft erweitert werden, und eine solche Erweiterung hat stattgefunden; sie ist schon im Mittelalter vorbereitet: in Gott sind nicht nur die allgemeinen Be- griffe, sondern die allgemeinen Wahrheiten, die Gesetze der Verände- rungen des Weltlaufs. 2 Metaphysik als Vemunftwissenschaft empfing in diesen Sätzen die vollkommenste Form, welche ihr während des Mittelalters gegeben worden ist. Diese Vemunftwissenschaft will das Gedankenmäßige des Weltalls deutlich und begreiflich machen; ihr Problem ist die Natur dieser Gedankenmäßigkeit, der Ursprung derselben in der Welt und der des Wissens von ihr im Bewußtsein. Die Lösung des Problems wird auch in dieser Formel in ein Transzendentes hineingeschoben; denn sie enthält eine Relation zwischen drei Gliedern, in deren jedem das- selbe X, die unaufgelöste, allgemeine Form der Einzeldinge, wieder- kehrt. Die Intelligenz, der Weltzusammenhang und Gott sind diese * Über die Entstehung dieser Formel nach ihrer logischen Seite ausführlich Prantl, Geschichte der Logik n, 305 f. 347 ff. ni, 94 ff. — Über die Einfügung der rationes in diese Formel, z. B. des Denkgesetzes des Widerspruchs, vgl. S. 331.

Rationale Theologie als erster Bestandteil der Begründung der transzendenten Welt 303 Glieder. Und zwar ist Gott nicht nur bewegende und Zweckursache der Welt, sondern auch vorbildliche Ursache derselben. Oder wie Scotus Gott als die letzte Bedingung eines inneren und notwendigen Welt- zusammenhangs aufzeigt: der Weltzusammenhang enthält eine Ver- kettung der Ursachen, eine Ordnung der Zwecke, eine Stufenreihe der Vollkommenheit; alle drei Reihen führen auf einen Anfangspunkt, der nicht durch ein weiter zurückliegendes Glied derselben Reihe bedingt ist, und zwar in derselben Wesenheit: denn, ebenso wie später Spinoza folgert, das necesse esse ex se kann nur einer Wesenheit zukommen. So ist Gott in diesem metaphysischen Zusammenhang die notwendige Ursache.^ Die Zahl der Wahrheiten, welche diese Vemunftwissenschaft fest- stellen zu können glaubte, verringerte sich ihr beständig während ilirer Arbeit; bis in dem Zeitalter Occams die Formel selber, nach wel- cher in Gott die Welt in Allgemeinbegriffen angelegt ist, aufgelöst wurde und die Erfahrung des Singularen ihr Recht geltend machte, nicht nur in Rücksicht auf die Außenwelt, sondern sowohl bei Roger Bacon als bei Occam auch in bezug auf die innere.

2. DIE VERSTANDES MÄSSIGE BEGRÜNDUNG DER TRANSZENDENTEN WELT Da im Gottesbewußtsein der Mittelpunkt der mittelalterlichen Metaphysik lag und man von Gott aus die Welt und den Menschen erblickte, hat diese Vemunftwissenschaft während des zweiten Zeit- raums der abendländischen Philosophie, ihrem Streben gemäß, alles der Denknotwendigkeit zu unterwerfen, das Dasein Gottes zunächst festzustellen versucht, Gottes Eigenschaften entwickelt und von ihm aus sich über die geschaffenen geistigen Wesen verbreitet. Dies hatte zur Folge, daß Einzelbeweise für das Dasein Gottes an die Spitze der Metaphysik traten und solche für den Bestand eines Geisterreiches, welchem auch die Menschen angehören, festgestellt wurden. Die ab- strakte Metaphysik der wolffischen Schule hat auf der Basis der Onto- logie die rationale Theologie, Kosmologie und Psychologie als die drei Teile der metaphysischen Wissenschaft gleichwertig behandelt, und Kant hat entsprechend aus dem einen Wesen der Vernunft die Ideen auf diesen drei Gebieten abzuleiten unternommen. Die geschichtliche Be- trachtung des Mittelalters zeigt, daß die rationale Theologie und Psychologie, als in eine transzendente Welt des Glaubens mit ihren Schlüssen zurückgreifend, eine ganz andere Stelle im menschlichen Denkzusammenhang einnehmen wie die Kosmologie, welche nur die Begriffe von der Wirklichkeit zu vollenden strebt.

^ Duns Scotus in senteiit. I, dist. 2 quaest. 2 und 3.

304 Zweites Buch. Dritter Abschnitt Wir betrachten zunächst die Beweise für das Dasein Gottes, die rationale Theologie.

Das Christentum hatte in dem monotheistischen Ergebnis der an- tiken Wissenschaft des Kosmos seine geschichtliche Voraussetzung 1, und die Väter haben den Schluß auf Gott aus dem Charakter der Welt, welcher zweckmäßige Schönheit und doch zugleich Veränderlichkeit ist, als bindend betrachtet. Während der langen Jahrhunderte des Mittelalters ist die Zurückführung der Welt auf Gott, be- sonders der Schluß von der Drehung der Himmelskugel auf einen ersten Beweger derselben von keinem ernsthaften Forscher ver- worfen worden, wenn auch der Grad seiner Evidenz der Untersuchung unterzogen wurde; alle anderen Glaubenswahrheiten dagegen verfielen mehr oder minder der Diskussion. — Seit dem Jahre 1240 war De- zennien hindurch die kirchliche Autorität im Kampfe mit einer Partei der Pariser Universität, welche extreme Folgerungen der averroisti- schen Lehre ausbreitete. So wurde innerhalb der Universität che Ewig- keit der Welt verteidigt, da der „erste Anfang" als ein Mirakel den not- wendigen Zusammenhang der Wissenschaft durchbrach; die Schöp- fung aus Nichts wurde angegriffen als mit den Anforderungen der Wis- senschaft unverträglich; die Annahme eines ersten elternlosen Men- schen und sonach das Jüngste Gericht. Der Mittelpunkt dieser skep- tischen Bewegung lag in der Bestreitung der Fortdauer der Einzelseele, da dieselbe aus der Lehre von den substantialen Formen nicht gefol- gert werden kann. Aus diesen Voraussetzungen folgte dann das kecke Wort: quod sermones theologi sunt fundati in fabulis, und ihm ent- sprach ein anderes: quod sapientes mundi sunt philosophi tantum. Aber unter allen Sätzen, welche damals unter Studenten und Lehrern der Pariser Universität umliefen und der kirchlichen Zensur unter- worfen wurden, findet sich keiner, welcher das Dasein Gottes in Frage gezogen hätte. — Ein zweiter Herd des skeptischen Geistes war wäh- rend des dreizehnten Jahrhunderts 2 der Hof Friedrichs IL im Süden. Der abergläubische Sinn des niederen Volkes umgab die gedanken- mächtige Gestalt des großen Kaisers mit Erzählungen, in welchen als das Auffälligste sein Skeptizismus und seine Neigung zu experi- menteller Beantwortung solcher Fragen hervortritt, die man syllogisti- schen Erörterungen zu überlassen gewohnt war. Wollte man doch wis- sen, er habe Menschen den Leib öffnen lassen, zum Zwecke des Stu- * Die Chronica Fr. Salimbene Parmensis (Parmae 1857) spricht p. 169 von der de- stnictio credulitatis Friderici et sapientum suonim, qui crediderunt, quod non esset alia vita, nisi praesens, ut liberius carnalitatibus suis et miseriis vacare possent. ideo fuerunt epycurei...Der Schluß vom Kosmos auf Gott wird noch allgemein anerkannt 3^5 diums der Verdauung; er habe Kinder von dem Verkehr abgesondert aufnähren lassen wollen, um die Frage nach der Ursprache zu lösen; ein solcher Versuch erinnert an den philosophischen Roman des Ibn Tophail, welcher im dreizehnten Jahrhundert verbreitet war und die natürliche Entwicklung eines Menschen zum Gegenstande liatte. Die Schriftstücke, die im Kampfe der Kurie gegen den Kaiser ausgearbeitet wurden, und die öffentliche Meinung beschuldigten ihn der Leugnung der Unsterblichkeit, und fanden den letzten Beweggrund seiner Schrek- kensherrschaft im sizilianischen Reiche in dieser materialistischen Ver- werfung jeder Vorstellung eines jenseitigen Lebens. Zwar das furcht- bare VV^ort von den drei Betrügern, den Begründern der drei Reli- gionen des Abendlandes, kann nicht auf den Kaiser zurückgeführt werden; aber der Gedanke, daß die philosophische Wahrheit in allen drei Religionen von Fabeln verhüllt sei, muß als ein Gemeingut der Aufgeklärten an diesem bunten, bald im Morgen- bald im Abendlande unter religiös gemischten Bevölkerungen residierenden Hofe betrach- tet werden. Und doch wird uns unter allen Witzworten, welche damals von Friedrich umgingen, keines überliefert, welches den Schluß auf Gott als die Weltursache angetastet hätte. ^ — Untersucht man die Äußerungen von Skeptizismus aus anderen Kreisen, so setzen widrige und rohe Verhöhnungen Gottes wie die von Alberich von Romano berichtete, durchaus das Dasein Gottes voraus. 2 Auch gingen die Zwei- fel der Nominalisten gegen jeden Punkt einer rationalen religiösen Wissenschaft zwar bei Occam dazu fort, die Gründe für das Dasein Gottes einer scharfen Kritik zu unterwerfen, ja dieser sprach schon kühn die Möglichkeit aus, daß die Welt sich selbst bewege; aber auch er erkannte doch die überwiegende Kraft der Beweisführun- gen für das Dasein Gottes an.^ Der Grund dieser Tatsache, daß der metaphysische Geist des Mittelalters an der Evidenz des Daseins Gottes einen unerschütter- lichen Stützpunkt hatte, während keine andere Glaubenswahrheit von dem Zweifel unberührt blieb, kann nicht in der Macht rehgiöser Über- zeugungen gefunden werden; denn diese waren, wie wir eben sahen, vielfach erschüttert. Er lag nicht in der Tradition des Zusammenhangs ' In der schönen auf persönlicher Anschauun» beruhenden Schilderung der erwähnten Chronik p. 166 heißt es von Friedrich dem Zweiten: de fide Dei nihil habebat, aber diese fides Dei ist augenscheinlich im Sinne des Gottesglaubens eines Christen zu verstehen.

* Zu den scholastischen Debatten über das Dasein Gottes in den Klöstern vgl. Thomas de Eccleston de adventu fratrum minorum in Angliam (Monum. Francisc. Lond. 1858) p. 50* cum ex duobus parietibus construatur aedificium Ordinis, scilicet moribus bonis et scientia, parietem scientiae fccenint fratres ultra coelos et coelestia sublimem, in tantum, at quaererent an Deus sit.

Diltheys Schriften I 20 3o6 Zweites Buch. Dritter Abschnitt der Weltgeschichte, die an Gott mit ihrem Beginn und Schluß gebun- den war; denn so wichtig diese für das Lebensgefühl und die Denkart des mittelalterlichen Menschen gewesen ist, so ward sie doch von kühnen Geistern wenigstens dem Zweifel, wenn auch noch nicht der Untersuchung unterworfen. Am wenigsten können wir ihn in dem onto- logischen Argumente finden; denn die Kraft desselben wurde von den hervorragendsten gläubigen Forschern bestritten. Er lag in dem Schluß, welcher auf Grund des damaligen Standes des Naturwissens von den regelmäßigen, harmonisch ineinandergreifenden Bahnen der Gestirne sowie von der die Formen der Natur durchwaltenden Zweck- mäßigkeit auf Gott zurückging. Dieser Schluß tritt nicht als ein ein- zelnes Argument auf, sondern bildet, wie bei Aristoteles, den Zusam- menhang der ganzen Naturansicht. Wohl haben die Scholastiker dieses Zeitraums zuerst eine geschlossene Zahl voneinander unabhängiger Einzelbeweise für das Dasein Gottes aufgestellt, auch hat sich wenig- stens die Unterscheidung des kosmologischen und des teleologischen (physiko-theologischen) Beweises in der Schulmetaphysik erhalten; doch nicht in dieser zersplitterten schulmäßigen Fassung lag die Macht der Gründe, die von der Welt auf Gott schließen, über den mittel- alterlichen Geist. 1 Die Physik der Erde war in den ersten Anfängen geblieben und wurde nicht auf die Erklärung der Phänomene der Gestirnwelt ange- wandt, weder die Hilfsmittel der Rechnung noch die Kunst des Instru- ments schlugen eine Brücke von den Ereignissen auf der Erde zu denen jenseits im Weltraum, die Schwere wurde als eine terrestrische Tat- sache aufgefaßt, Veränderungen waren noch an keinem Punkte als jenseits der irdischen Atmosphäre im Weltraum vorhanden nachge- wiesen, und diese Sonderung der Welt himmlischer Körper von der un- ter dem Monde wurde zu einer vorstellungsmäßigen, räumlichen Ver- gegenwärtigung des großen Gegensatzes benutzt, in welchem das Chri- stentum allen irdischen Wandel und alle irdische Unvollkommenheit dem gegenüber erblickt, was nicht von dieser Welt ist. Die Bedeutung dieser astronomischen Transzendenz für den Geist des mittelalter- lichen Menschen zeigt Dantes kosmisches Gedicht, dessen drei Teile nicht zufällig, ein jeder in anderer Wendung, mit einem anderen Aus- ^ An der Spitze der summa theologiae des Thomas steht p. I, quaest. 2 de Deo, an Deus sit (quaest. l behandelt nur den Begriff der christlichen Wissenschaft); im dritten Artikel derselben werden fünf Einzelbeweise gesondert: aus der Bewegung, aus der Ver- kettung der Ursachen und Wirkungen, aus dem Verhältnis des Möglichen, das sein kann, doch nicht zu sein braucht, entsteht, sich verändert und vergeht, zu dem Notwendigen (der spätere Beweis a contingentia mundi), aus dem Verhältnis der Grade in den Dingen zu einem Absoluten, aus der Zweckmäßigkeit. Hiermit vgl, Duns Scotus in sent. I, dist. 2 quaest. 2.

Grund hiervon in der Lage der Naturwissenschaften 3^7 blick auf den Sternenhimmel schließen, der letzte mit den berühmten Worten: l'amor che muove il sole e l'altre stelle.

Der Schluß selber ging von der Gleichförmigkeit der Bewe- gungen am Himmel und ihrer Zweckmäßigkeit, vermittels deren der ganze Haushalt der irdischen Welt bis zum Menschen hinauf geregelt wird, auf eine vollkommene und geistige Wesenheit. Er beruhte bei den meisten Scholastikern auf der astronomischen Konstruktion, die sie in ihrem Aristoteles fanden, seltener auf der, welche sie aus Ptolemäus schöpften. Bald bediente dieser Schluß sich des Hilfssatzes, den Anaxa- goras, Plato und Aristoteles anwandten, daß jede Bewegung eines Körpers im Räume eine Bewegungsursache außerhalb desselben vor- aussetze, bald der Unterscheidung der Bewegungen auf der Erde, welche geradlinig sind und in einem Ziele zur Ruhe kommen, von denen am Himmel, die kreisförmig und kontinuierlich sind und so- nach auf ein intelligentes Prinzip von unendlicher Kraft zurückweisen. Er kann so gut bei Albertus Magnus als bei Thomas, bei Bonaven- tura als bei Duns Scotus gefunden werden. ^ Während ihm strenge Evi- denz zugeschrieben wurde, ist von den meisten Theologen Probabili- tät für die Annahme in Anspruch genommen worden, daß die Gott- heit durch geschaffene Geister übermenschlicher Art diese Bewegun- gen am Himmel bewirke, und die Zahl der bewegenden Engel durch die der bewegten Sphären bestimmt werden könne. Die Engellehre wurde auf Grund der aristotelischen Theorie mit der astronomischen Weltansicht verknüpft, und es waren daher auch hier schließlich psychische Beziehungen, welche statt eines mechanischen Naturzusammenhangs den letzten Erklärungsgrund für die Be- wegungen im Kosmos darboten. Die herrschende europäische Meta- physik fuhr fort, einen mythischen Willenszusammenhang psychischer Kräfte als letzten Erklärungsgrund des äußeren Weltzusammenhangs festzuhalten.

Auf der Erde wurde an den organischen Wesen eine Zweckmäßig- keit nachgewiesen, welche auf Gott zurückleitete. Diesen Schluß stat- tete Albertus Magnus, welcher auch hierin dem Aristoteles besonders nahe stand, mit dem größten Beweismaterial aus. „Durch die Weise und das Maß seines Seins, durch das spezifische Wesen, das ihm in der Reihe der übrigen Geschöpfe die bestimmte Stelle anweist, durch das Gewicht oder die Ordnung, in welcher es nach seiner Verwertung ^ Albertus Magnus de causis et processu universitatis üb. T, tract. 4, c. 7. 8. üb. II, tract. 2, c. 35 — 40. Thomas contra gentil. III, c. 23 sq. Bonaventura in üb. 11 senten- tiarum, besonders dist. 14. p. i (die Voraussetzungen des Schlusses am deutlichsten art. 3 quaest. 2: an motus coeü sit a propria forma vel ab intelligentia). Duns Scotus qu. subl. in met. Arist. üb. XII, q. 16—21.

3o8 Zweites Buch. Dritter Abschnitt mit den anderen in Harmonie ist und auf die Verwirklichung des Welt- zwecks Einfluß übt, beweist das Geschaffene sichtlich die Macht eines mächtigen, weisen und gütigen Urhebers." ^ Der Beweis für das Dasein Gottes aus dem gedankenmäßigen Zusammenhang der Vorgänge im Weltganzen hat uns von Anaxa- goras ab begleitet. Und zwar haben die Mittelglieder gewechselt, durch welche in ihm aus der Anschauung der Welt auf die Idee Gottes ge- schlossen wird. Denn sie wurden in einem jeden Zeitalter durch die- jenigen Begriffe von dem Zusammenhang der Natur gebildet, welche der Stand der positiven Wissenschaften entwickelt hatte. Die Funk- tion dieses Beweises in dem Körper der Metaphysik einer Epoche ist also abhängig von der zu derselben Zeit entwickelten Naturansicht. Dieses Grundverhältnis hat Kants ungeschichtlicher Geist verkannt, wie er denn überhaupt den vergeblichen Versuch machte, eine Meta- physik an sich aus den Systemen zu ziehen, dabei aber in der Regel sich begnügte, die wolffischen Kompendien durch Machtspruch für diese Metaphysik an sich zu erklären. In Wirklichkeit hat jede Form des vom Kosmos auf dessen Bedingung zurückgehenden Beweises für eine vernünftige Weltursache nur einen relativen Erkenntniswert, näm- lich in ihrer Relation zu den anderen Naturbegriffen eines Zeitalters; und auch die vollständige Begründung, welche nur im Zusammenhang des Systems selber sich vollzieht und welche den für sich ganz unzu- reichenden kosmologischen Schulbeweis mit dem physiko-theologischen verbindet, hat keine hierüber hinausreichende Tragweite. Sie kann nur zeigen, daß unter Voraussetzung der Begriffe, welche der Er- klärung der Wirklichkeit in einer gegebenen Zeit zugrunde gelegt werden, der Rückgang auf eine erste, zweckmäßig wirkende Ursache notwendig ist. Der Begriff Gottes ist in ihr nur ein Glied in dem System der Bedingungen, welches den Phänomenen zu ihrer Erklärung auf einer bestimmten Stufe der Erkenntnis zugrunde gelegt wird, und die Unentbehrlichkeit dieses Gliedes ist abhängig von der Beziehung der Annahme auf andere schon vorhandene Annahmen. So bedurfte New- ton neben der Gravitation eines Anstoßes, er bedurfte eines Grundes für die Zweckmäßigkeit in den Abmessungen der Verhältnisse der Planetenbahnen; hierbei war die Gravitation nur ein Ausdruck für einen Teil der Bedingungen, und der Gott, dessen er neben ihr zu be- dürfen erklärte, war ebenso nur der Ausdruck für einen anderen Teil dieser Bedingungen, die unter Annahme von Materie, P.aum, Zeit, Ursache, Substanz zur Erklärung der Wirklichkeit ihm notwendig er- schienen. Sonach ist ein strenger Beweis für das Dasein Gottes Die andere Schlußart ist die aus der inneren Erfahrutig 309 von dem Kosmos aus so lange unmöglich, als nicht die objek- tive Gültigkeit eines abgeschlossenen Systems von Naturbe- griffen ihm zugrunde gelegt werden kann. — Wir heben einzelne Bedenken noch besonders hervor. Ein solcher Beweis stünde unter der Voraussetzung der Anwendbarkeit des Kausalbegriffs auf den Welt- zusammenhang; wie schon mittelalterliche Philosophen feststellten, würde er nicht gestatten, auf einen Weltschöpfer zu schließen, sondern nur, nach Kants Ausdruck, „auf einen Weltbaumeister, der durch die Tauglichkeit des Stoffes, den er bearbeitet, immer sehr eingeschränkt wäre"; er würde nicht über eine der erkannten gedankenmäßigen Ein- heit proportionale Ursache hinausführen, und Schritt für Schritt haben sich in der neueren Zeit die Naturbegriffe über diese gedankenmäßige Einheit so geändert, daß der Zwang des Schlusses auf ein selbstän- diges, von der Welt unterschiedenes persönliches Wesen aufhörte.

Von jedem solchen einzelnen Beweis verschieden ist das ihnen allen zugrunde liegende Bewußtsein von Gedankenmäßigkeit, welches mit der Betrachtung der Bahnen und Abmessungen der Gestirne, so- wie der Formen der organischen Welt verknüpft ist: dieses drückt nur aus, daß wir über uns hinaus in ein dem menschlichen Gedanken Ana- loges, ihm in der Welt Entsprechendes blicken. Es ist die eine Seite des unvertilgbaren Gottesbewußtseins der Menschheit, und wie es die einzelnen Beweise hervorbringt, bleibt es bestehen, nachdem sie auf- gelöst sind, aber für sich enthält es nicht die Gewißheit eines von der Welt unterschiedenen persönlichen Wesens.* Es gibt neben dieser Schlußart nur eine andere, welche wir als die psychologische bezeichnen. Sie hat in der Analysis der inneren Erfahrung ihren Ausgangspunkt; hier findet sie psycho- logische Bestandteile zu einer lebendigen und persönlichen Überzeu- gung verbunden, welche unabhängig von aller Naturerkenntnis den Frommen des Daseins Gottes versichern. So führt die freie und der Aufopferung des eignen Selbst fähige Moralität eines Wesens, wel- ches sich doch nicht als seinen eigenen Schöpfer zu betrachten vermag, dasselbe über alle Naturbegriffe hinaus und setzt als ihre Bedingung einen göttlichen Willen. Die Art, wie wir die Vergänglichkeit in uns fühlen, alsdann den Irrtum sowie die Unvollkommenheit dessen, was wir sind, schließt, psychologisch angesehen, in sich, daß ein Maßstab für Uns da ist, welcher über dies alles hinausreicht; käme diesem Maßstab keine Realität zu, dann wäre das Gefühl von Unvoll- kommenheit und Schuld eine leere Sentimentalität, die die Wirklichkeit an unwirklichen Gedankenbildern messen würde. Das lebendige Be- * Die Voraussetzung der Schlüsse aus der Welt auf einen von ihr unterschiedenen Gott, daß ein regressus in infinitum unmöglich sei, ist von Occam aufgelöst worden.

3IO Zweites Buch. Dritter Abschnitt wußtsein der sittlichen Werte fordert, daß sie nicht als Ne- benerfolg des Naturzusammenhangs im Bewußtsein aufgefaßt wer- den, sondern als eine machtvolle Realität, auf welche die Gestaltung der Welt hingerichtet und welcher in der Weltordnung der Sieg ge- sichert ist. Hatte das antike Denken die in dem Beweis aus der ein- heitlichen Gedankenmäßigkeit des Kosmos entwickelte Seite unserer metaphysischen Besinnung zur Darstellung gebracht, so richtete sich das christliche vornehmlich auf diese andere Seite derselben, die Tiefen unseres Selbst durchmessend und die Erfahrungen des Willens aufrich- tig im Innern zu vernehmen bemüht. Wohl hat das Christentum in dem monotheistischen Ergebnis der antiken Wissenschaft des Kos- mos seine geschiclilliche Voraussetzung und in dem Bewußtsein derGe- dankenmäßigkeit des Weltganzen einen bleibenden Bestandteil seines Gottesgedankens; aber die Gewißheit Gottes, der für es mehr als eine intelligente Ursache ist, liegt ihm in erster Linie in den Erfahrungen des Gemüts und des Willens, und die ganze Literatur der Väter und des Mittelalters ist von Schlüssen aus diesen inneren Erfahrungen auf das Dasein Gottes durchzogen, unter denen die drei oben angegebenen besonders hervortreten.^ Wie so vieles im Mittelalter sym.bolisch ist, war damals dieser Zusammenhang der sittlichen Ordnung in Gott an der Hierarchie sichtbar, in welcher Gnade und Gewalt von Gott ab- wärts flössen; jedes Meßopfer ließ die Gegenwart Gottes im Diesseits gewahren.

Was so dem Frommen auf subjektive und persönliche Weise ge- wiß war und Kirchenväter wie mittelalterliche Schriftsteller in unzäh- ligen Formen frei und persönlich ausgesprochen haben, das wollte die christliche Metaphysik auf einen für alle zwingenden Schluß bringen. Und zwar hat diese psychologische Begründung die am meisten abstrakte begriffliche Fassung in dem ontologischen Be- weis erhalten. Anselm setzte sich die tiefgedachte Aufgabe, eine Be- gründung Gottes zu finden, welche die Existenz und Beschaffenheit der Welt nicht zur Voraussetzung habe. Er leitete aus dem Begriff Gottes durch logische Analysis die Einsicht in sein Dasein ab. Die Unhalt- barkeit des so entstehenden ontologischen Beweises ist von Gaunilo bis Thomas von Aquino und von diesem bis Kant überzeugend gezeigt worden: nicht in dem abstrakten Begriff Gottes, sondern in dem leben- ' Aus dem großen Material können keine einzelnen Belege herausgehoben -werden. Thomas verweist ausdrücklich diese Begründung nur darum aus seiner Beweisführung, weil sie keine allgemeingültige Fassung gestattet, Summa theol. p. I, quaest. 2 art. I. Der Fort- gang vom Streben nach dem höchsten Gut zu der Befriedigung in Gott wird in der Regel im Mittelalter nach Augustinus (vgl. S. 333) dargestellt; an ihn schließen sich die Mystiker, unter denen schon Hugo von St. Viktor den Beweis aus der Welt von der Be- gründung aus dem religiösen Erlebnis unterscheidet.

Rationale Psychologie zweiter Bestandteii der Begründung der transzendenten Welt 3 1 i digen Zusammenhang des Gottesgedankens mit der Totalität des psychischen Lebens ist eine von der Wissenschaft des Kosmos unab- hängige Gewißheit Gottes begründet. Dieser lebendige und natürliche Zusammenhang ist in dem früheren Beweis Anselms angemessener ausgedrückt; hier wird als Grundlage unseres Bewußtseins von ver- schiedenen Graden des Guten und Vollkommenen das eines höchsten Gutes, einer unbedingten Vollkommenheit aufgezeigt. So wird auf Gott als das höchste Gut geschlossen, im Unterschied von dem Schluß auf ihn als intelligente Ursache.^ Dem moralischen Beweis hat bekannt- lich Raymund von Sabunde eine zwingende Form zu geben versucht.