SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

Page 36 of 46

Es bestand kein Bedenken mehr, die metaphysische Beweis- führung auf diese geistige und gesellschaftliche Welt aus- zudehnen. Thomas von Aquino erwies vermittels der von den Neu- platonikern zuerst ausgeführten Gründe, umfassender aus dem teleo- logischen Zusammenhang der Welt in Gott, daß ein Reich endlicher Geister besteht und die Schöpfung in ihm zu ihrem Prinzip zurückkehrt: wie sie von dem göttlichen Intellekt ausging, so muß sie in geistigen Wesen ihren Abschluß erreichen. ^ Ja er leitet durch ein weiteres meta- physisches Schlußverfahren die Gliederung der Geisterwelt ab, nach welcher Gott getrennt ist vom Reiche der Engel, dieses von dem der menschlichen Seelen. 2 Und so hat die mittelalterliche Philosophie eine vollständige Metaphysik der geistigen Substanzen geschaffen, die lange in dem Denken der europäischen Völker ihre Macht behauptet hat, auch nachdem seit Duns Scotus die Angriffe gegen sie beständig an Ausdehnung und Gewicht zunahmen.

Wir nähern uns der erhabenen Konzeption des Mittelalters, welche nun der Metaphysik der Natur als der Schöpfung des griechischen Geistes zur Seite trat. Sie besteht in der auf die Lehre von den geisti- gen Substanzen gegründeten Pliilosophie der Geschichte und Gesell- schaft. Wie vielfach auch das mittelalterliche Denken von dem der alten Völker abhängig gewesen ist: hier ist es schöpferisch, und die am meisten auffälligen Züge in der politischen Tätigkeit des mittelalter- lichen Menschen sind durch dieses System von Vorstellungen mitbe- dingt; mag man nun den theokratischen Charakter der mittelalter- lichen Gesellschaft betrachten oder die Macht der Kaiseridee in der- selben oder die der Einheit der Christenheit, wie sie am gewaltigsten in den Kreuzzügen hervortritt. So zeigt sich von neuem, wie bedeu- tend die Funktion gewesen ist, welche die Metaphysik innerhalb der europäischen Gesellschaft auszuüben hatte. Es wird zugleich sicht- bar, wie vor ihr, während sie voranschritt, eine unlösbare Antinomie * In demselben Zusammenbang der Argumentation ebda, von p. 199b ab entwickelt.

ßS^ Zweites Buch. Dritter Abschnitt nach der anderen sich auftat, da sie doch keine wirklich gelöst hinter sich zurückließ. Sie gleicht den sagenhaften Helden, welche, je mehr sie ringen, um so fester sich in Banden verstrickt finden.

Die geistigen Substanzen, welche das Reich Gottes bilden, werden von dieser Metaphysik in ihrem Mittelpunkt, als Willen, gefaßt und so besteht nach ihr das menschliche und geschichtliche Leben in dem Zusammenwirken des Wollens dieser geschaffenen Sub- stanzen mit der göttlichen Providenz, welche in ihrer Willens- macht sie alle ihrem Ziele entgegenführt. Dieses Schema des Lebens ist von der Betrachtungsweise der Alten ganz verschieden. Dieselben hatten an dem Kosmos ihre Auffassung der Gottheit gebildet, und selbst ihre teleologischen Systeme kannten nur eine Gedankenmäßigkeit des Weltzusammenhangs. Hier tritt Gott in die Geschichte und lenkt die Herzen zur Verwirklichung seines Zweckes. Daher wird liier der Be- griff der Gedankenmäßigkeit der Welt durch den der Verwirklichung eines Planes in ihr ersetzt, für welchen jene ganze Gedankenmäßigkeit nur Mittel, nur Apparat ist. Ein Ziel der Entwicklung steht fest und so empfängt dier Gedanke des Zweckes einen neuen Sinn.

Indem dieser Plan Gottes mit der Freiheit des Menschen zusam- mengedacht werden soll, tritt in den Mittelpunkt der christlichen Me- taphysik der Geschichte das Problem, welches durch die Antinomie der Freiheit und eines objektiven den Menschen bestimmenden Weltzusammenhangs gebildet wird. Dasselbe entspricht innerhalb der realen geschichtlichen Welt dem, welches wir während des Mittel- alters in der Vorstellung Gottes aus der Antinomie zwischen dem denk- notwendigen Zusammenhang und dem freien Willen hervortreten sahen. 1 Es hat von dem Gegensatz der griechischen und lateinischen Väter und dem pelagianischen Streite ab mannigfache Formen ange- nommen. Aber sowenig einst das Verhältnis des Bestandes der Ideen zu dem Dasein der Einzeldinge hatte widerspruchslos gedacht v/erden können, war nun die innere Beziehung des schaffenden, erhaltenden und leitenden göttlichen Willens zu Freiheit, Schuld und Unglück menschlicher Willen der Aufklärung durch irgendeine begriffliche Zau- berformel fähig. Wie es dort unmöglich war, ein objektives und wider- spruchsloses System auf dem Begriff der Substanz aufzubauen, so ge- lang es hier nicht, eine reale innere Beziehung zwischen den Bestand- teilen des Systems von Ursachen und Wirkungen, welche für den Wil- len Raum gelassen hätte, dem Begriff der Kausalität abzugewinnen.

Die Formel, zu welcher an diesem Punkte das metaphysische Denken des Mittelalters gelangte, war die folgende. Alles Wirken eines end- Die Antinomie in demselben ZZ^ liehen Subjektes, sei es ein Naturding oder ein Wille, empfängt in jedem Augenblicke die Kraft zu seiner Leistung von der ersten Ur- sache. Doch verhält sich das Wirken der endlichen Substanzen zu dem der ersten Ursache nicht einfach wie das mittlere Glied einer Verket- tung von Ursachen rückwärts zur ersten Ursache oder Substanz. Die Wirkung, welche ein endliches Geschaffenes, sonach auch der Wille, hervorbringt, ist ganz bedingt durch seine Beschaffenheit und ebenso ganz durch die der ersten Ursache. Das endliche Reale ist in der teleologischen Ordnung gleichsam ein Instrument in der Hand Gottes, und dieser verwendet es der Natur dieses Realen gemäß, wenn auch in seinem Zweckzusammenhang. So gebraucht Gott den Willen des Menschen gemäß der Beschaffenheit desselben, welche Freiheit ein- schließt, und in der Richtung seines letzten Ziels, welches die Ähn- lichkeit mit ihm selber, sonach wiederum die Freiheit in sich faßt.^ Aber vergeblich versuchen nun die Formeln, welche Thomas entwarf, sich hindurchzuwinden zwischen dem Deismus, welcher für Gott etwa die Vollkommenheit der Leistung beansprucht, welche dem Erbauer einer Maschine zukommt, so daß seine Welt nicht beständiger Nach- hilfe bedarf, und dem Pantheismus, nach welchem aus der beständigen Erhaltung des gesamten Einzelwesens auch die gänzliche Verursachung aller von ihm ausgehenden Wirkungen folgt. Widersprüche quellen überall hervor, sobald man anstatt erkenntnistheoretisch den Ursprung dieser verschiedenen Bestandteile unserer Vorstellung vom Leben auf- zuzeigen und so die bloß psychologische Bedeutung dieser Antinomie klarzulegen, das Unvereinbare durch künstliche Veranstaltungen in Har- monie bringen will. Kausalzusammenhang können wir nicht denken, wo wir Freiheit denken. Ebensowenig können wir beide äußerlich voneinander abgrenzen. Und welche Art solcher äußerlichen Abgren- zung wir versuchen mögen, dieselbe vermag nicht die Schöpfung der endlichen Wesen durch Gott in solcher Weise faßbar zu machen, daß Gott von der Urheberschaft des Bösen freigesprochen werden könnte; sie vermag nicht den Widerspruch zwischen dem göttlichen Vorher- wissen und der Freiheit des Menschen aufzulösen.

Die veränderte Anschauung des Reiches der Geister spiegelt sich in der von den christlich gewordenen romanisch-germanischen Völ- kern geschaffenen Dichtung des Mittelalters, in den ritterlichen Epen so gut als in Dantes Göttlicher Komödie. Nicht mehr in sich geschlos- sene Typen allein, -welche gegeneinander in Wirksamkeit treten, er- scheinen in dieser Dichtung, sondern Geschichte des Seelenlebens, ins- besondere des Willens, wie denn Augustinus sagt: immo omnes nihil 332 Zweites Buch. Drittet Abschnitt aliud quam voluntates sunt, alsdann Auffassung dieser Geschichte des Willens nach ihren Beziehungen zu dem providentiellen Willen Gottes; in dieser Auffassung ist aber ein ungelöster Zwiespalt zwischen der inneren freien Entwicklung und dem dunklen Hintergrund von Kräften aller Art, die ihn beeinflussen.

Das Reich der Einzelgeister verwirklicht nun einen meta- physischen Zweckzusammenhang, welcher in der Offenba- rung ausgesprochen ist. Hierin stimmt das ganze europäische Mittel- alter überein, und nur die Frage, wieviel von diesem Inhalt aller Ge- schichte in Begriffen erkannt werden kann, wird ungleich entschieden. Die Metaphysik des Verlaufs der Geschichte und der Organisation der Gesellschaft hat während des Mittelalters ihre letzten Gründe in dem Bewußtsein, daß der ideale Gehalt dieses Verlaufs und dieser Organisation in Gott angelegt, in seiner Offenbarung verkün- digt und nach seinem Plane in der Geschichte der Menschheit ver- wirklicht ist und sich weiter verwirklichen wird. Hiermit war gegen- über dem Altertum ein Fortschritt von großer Bedeutung vollzogen. Das Zweckleben der Menschheit, wie es in den Systemen der Kultur sich entfaltet und durch die äußere Organisation der Gesellschaft wirkt, wurde als ein einheitliches System erkannt und auf ein erklärendes Prinzip zurückgeführt. So erlangte die Erkenntnis des inneren Zusam- menhangs in den Vorgängen der menschlichen Gesellschaft ein Inter- esse, das von der Absicht technischer Anweisimg für das Berufsleben ganz unabhängig war.i Diese Erkenntnis wurde jetzt bald in der Zelle des Mönchs durch vertiefte Versenkung in den Gedanken von der Vorsehung Gottes gesucht, bald von den Publizisten der Kurie wie des kaiserlichen Hofes im Dienste der Parteien verwertet.

Aber war schon die Methode der Aristotelischen Staatswissen- schaft darin ungenügend gewesen, daß sie für die Zergliederung nicht Kausalbegriffe aus durchgebildeten weiter zurückliegenden Wissen- schaften benutzen, sonach die einzelnen Zweckzusammenhänge, wie Wirtschaftsleben, Recht, Religion usw. nicht durch analytische Er- kenntnis, sondern nur durch unvollkommene Vorstellungen von einer in der Physis angelegten Zweckmäßigkeit erklären konnte*: das Mit- telalter war noch viel weniger geneigt, die Zusammenhänge, wie sie in den einzelnen Kultursystemen sich darstellen und schließlich der äußeren Organisation der Gesellschaft zugrunde liegen, methodisch zu zergliedern und die so gewonnenen Teilinhalte der gesellschaftlichen Wirklichkeit für die Erklärung zu verwerten. Zudem enthielt die ge- sellschaftliche Wirklichkeit, wie sie sich ihm darbot, die Inhaltlic h- Det eine Idealgehali in ihm. Keine analytische Methode und Kausalerkenntnis 2>2>}> keit des geschichtlichen Lebens noch auf einer niederen Stufe von Differenzierung. Das Auge des Betrachters sah da- mals in jedem geistigen Inhalt den Zusammenhang mit dem Gesetze Gottes oder den Widerstreit gegen dasselbe. Religion, wissenschaft- liche Wahrheit, Sittlichkeit und Recht wurden nicht als relativ selb- ständige Zweckzusammenhänge Vom mittelalterlichen Denken aufge- faßt, sondern für dieses war ein Idealgehalt in ihnen, und erst seine Verwirklichung unter den Bedingungen der Natur und Tat des Menschen schien die Verschiedenheit dieser Lebensformen hervorzu- bringen. So sah man in Gott^ sofern er das Vemunftideal in sich ent- hält, den Quell des Naturrechtes, welches als eine bindende Norm, und zwar die höchste, folglich als wirkliches Recht aufgefaßt wurde. ^ Daher wurde die ideale Inhaltlichkeit des geschichtlichen Lebens nicht wie sie in diesem wirklich da ist, als Recht, Sittlichkeit, Kunst usw. analysiert und dargestellt, sondern sie wurde in einförmiger und erha- bener Unbestimmtheit in Gott aufgesucht, und alle nähere Erklärung wurde dem System von Bedingungen anheimgegeben, unter welchen dieser ideale Gehalt auf dem Schauplatz der Erde sich verwirklicht.

So hat diese mittelalterliche Metaphysik der Gesellschaft das Pro- blem der Geisteswissenschaften in weltumspannendem Geist gestellt, aber anstatt seiner methodischen Auflösung nur ein grandioses theo- logisches Schema der Gliederung geschichtlichen Lebens entworfen. Daher besitzt das Mittelalter kein anderes Studium der allge- meinen Eigenschaften des Rechts, der Sittlichkeit usw. als dies metaphysische. Und wie die Grundlegung der Metaphysik von dem Widerspruch zwischen dem Willen Gottes und dem not- wendigen Zusammenhang des Kosmos in seinem Verstände, zwischen der Ökonomie des Heils und den ewigen Wahrheiten innerlich zerris- sen wird, so setzt sich derselbe in die Metaphysik der Gesellschaft fort. Die so entstehende Antinomie tritt zu der zwischen der menschlichen Freiheit und der göttlichen Providenz. Willensgebot und Willensakt in Gott, durch sie gesetzte Institution und Tatsächlichkeit sind in bald verschwiegenem bald laut ausbrechendem Widerstreit mit der Kon- struktion aus der Notwendigkeit des Gedankens. Das Nachfolgende ^ Am klarsten entwickelt in Thomas von Aquino summa theol. II, l quaest. 90 ff. (wo seine Rechtsphilosophie beginnt): l. lex == quaedam rationis ordinatio ad bonum com- mune, ab eo qui curam communitatis habet, promulgata (quaest. 90 art. 4); 2. lex aetema = (da Gott als Monarch die Welt regiert) ratio gubernationis rerum in Deo sicut in principe universitatis existens (quaest. 91 art. i); diese lex aeterna ist bindende Norm oberster Art und Ursprung jeder anderen bindenden Norm; 3. lex naturalis = participatio legis aeternae in rationali creatura; durch eine Partizipation des Menschen an dem ewigen Ge- setz entsteht aus der lex aeterna in Gott die lex naturalis, welche die überall gleiche Norm der menschlichen Handlungen bildet (quaest. 91 art. 2).

334 Zweites Buch. Dritter Abschnitt wird zeigen, daß Wille und Plan Gottes der mächtigere Teil dieser theologischen Metaphysik waren; wie sie denn auch das letzte Wort behielten.

Von dem durch die Offenbarung vermittelten Bewußtsein des Idealgehaltes von Weltlauf und Geschichte geht nun das Licht aus, welches dieser mittelalterlichen Metaphysik der Gesellschaft den in- neren Zusammenhang der Weltgeschichte erleuchtet.

Die Einheit der Weltgeschichte liegt in dem Plane Got- tes. „Es ist nicht zu glauben", sagt Augustinus, „daß Gott, der nicht allein Himmel und Erde, nicht allein den Engel und den Menschen, sondern auch das Innere des kleinen so leicht mißachteten Tieres, das Flügelchen des Vogels, die kleine Blüte des Grases und das Blatt des Baumes ohne eine Angemessenheit ihrer Teile und gleichsam eine friedliche Harmonie nicht hat lassen wollen, die Reiche der Menschen, ihre Herrschafts- und ihre Abhängigkeitsverhältnisse von der Gesetz- gebung seiner Providenz hätte ausschließen wollen."^ Dieser Zusam- menhang des Planes der Vorsehung ist in Anfang, Mitte und Ende durch die Offenbarung festgestellt. Der Stammvater der Menschen, in welchem alle sündigten, Christus, in dem alle erlöst wurden, und die Wiederkunft, in der über alle gerichtet wird, sind solche feste Pimkte, zwischen denen nun die Deutung der Tatsachen der Geschichte ihre Fäden zieht. Diese Deutung ist ausschließlich teleologisch. Die Glieder des geschichtlichen Verlaufs werden nicht als die einer Kausal- reihe, sondern als die eines Planes betrachtet. Die Frage, welche folge- recht an die einzelne geschichtliche Tatsache gestellt wird, ist nicht die nach ihrer ursächlichen Beziehung zu anderen Tatsachen oder allgemeineren Verhältnissen, sondern die nach ihrer Zweckbeziehung zu diesem Plan. Daher bedienen sich die mittelalterlichen Geschicht- schreiber zwar des Pragmatismus zur Erklärung der Handlungen der einzelnen Personen, aber die geschichtlichen Massenerscheinun- gen treten ihnen niemals in einen kausalen Zusammenhang. Diese Metaphysik der Weltgeschichte sucht in ihr als Erklärung ihres Zusammenhanges einen Sinn, wie wir einen solchen in dem Epos emes Dichters suchen.

Und zwar fand sich das christliche Nachdenken zunächst zu einer solchen teleologischen Deutung der Geschichte durch die Einwendun- gen der Gegner genötigt. Daher entstand die Metaphysik der Ge- schichte schon in der Epoche der Väter imd des Ringens zwischen Christentum, antikem Götterglauben und Judentum durch die Gewalt der Dinge und wurde vom Mittelalter nur fortgebildet. Warum, so ^ Augustinus de civ. Dei V, c. 1 1 vgl. Origenes c. Cels. II, c. 30. In Augustinus de civ. Dei kehrt dieser leitende Gedanke immer wieder, z. B. IV, c. 33; V, c. 21.

Der einheitliche Zusammenhang der Geschichte 335 fragten die Gegner des Christentums, mußte das von Gott durch Mo- ses gegebene Gesetz verbessert werden, da man doch nur verbessert, was schlecht gemacht worden ist?^ Warum soll der Römer die reli- giösen Überzeugungen, auf welchen die Gesellschaft beruht, und die gemeinsame Bildung, welche die zur Humanität Erzogenen verbindet, verlassen? 2 Warum, so fragten Celsus und Porphyrius in ihren Streit- schriften gegen das Christentum gemeinsam, ist es Gott erst nach so langem Verlauf der Geschichte eingefallen, die Menschen zu erlösen?* Und seitdem die Barbaren das römische Imperium zu bedrängen be- gannen, ja die christlichen Goten Rom erobert und verwüstet hatten, entstand die noch tiefer in die Deutung der weltlichen Geschichte hin- einführende Frage: ist nicht das Christentum die Ursache aller neue- sten Unglücksfälle des Imperiums, oder wie kann, im Gegensatz ge- gen die dahinzielenden Vorwürfe, diese ungeheure politische Krisis gedeutet werden?* Die ersten dieser Fragen riefen eine Deutung der inneren Geschichte der religiösen und philosophischen Ideen hervor, welche in dem geschichtlichen christlichen Bewußtsein schon ange- legt war.^ Die letzte Frage zwang, das römische Imperium in den Kreis dieser metaphysischen Betrachtung der Geschichte zu ziehen, und zu ihrer Beantwortung traten die ersten Entwürfe einer umfassenden Philosophie der Geschichte, die Schrift des Augustinus über den Got- tesstaat und die Historien seines Schülers Orosius, hervor.

Über diesen Rätseln sann der christliche Geist, geschichtlich in seinem Wesen, zurückblickend auf mmmehr abgeschlossene Gestal- ten des geistigen Lebens, die innerlich vergangen waren, und zu uni- versalhistorischer Betrachtung aufgeregt, da die Nacht der Barbaren - herrschaft über das Imperium Romanum hereinzubrechen schien. So entstand die Lösung dieser Rätsel durch den Gedanken einer inne- ren Entwicklung des Menschengeschlechtes als einer Ein- ' Anfrage des Marcellinus an Augustinus, in dessen Briefwechsel, epist. 136.

* So vielfach z. B. Celsus bei Origenes contra Cels. V, c. 3 5 ff.

' Celsus bei Origenes contra Cels. IV, c. 8, Porphyrius bei Augustinus epist. 102 (sex quaestiones contra paganos expositae, quaest. 2: de tempore christianae religionis).

* Gegen diesen Vorwurf ist Augustins Hauptwerk de civitate Dei gerichtet, vgl. lib. I und lib. II, c. 2. Ebenso beziehen sich auf ihn die sieben Bücher historiarum adversum paganos von Orosius. Vgl. I, prol.: er entspreche der Vorschrift des Augustin, die Vor- stellung einer Zerrüttung der Welt und der menschlichen Gesellschaft infolge des Christen- tums zu bekämpfen; daher schleppt er alle Unglücksfälle zusammen, praeceperas ergo, ut ex Omnibus, qui haberi ad praesens possunt, historiarum atquc annalium fastis, quaecum- que aut belHs gravia aut corrupta morbis aut fame tristia aut terrarum motibus terribilia aut inundationibus aquarum insolita aut eruptionibus ignium metuenda aut ictibus fulminum plagisque grandinum saeva vel etiam parricidiis flagitiisque misera, per transacta retro saecula repperissem, ordinale breviter voluminis textu explicarem. Das war ein unheil- volles Vorbild für die Geschichtschreibung des Mittelalters.

33^ Zweites Buch. Dritter Abschnitt heit in einer Stufenfolge, in welcher jede frühere Stufe die not- wendige Bedingung der späteren ist. Die Stufen sind nicht im Kausal- zusammenhang als Wirkimgen bedingt, sondern in dem Plane Gottes als Bestandteile angelegt. Und der Gedanke des Fortgangs durch sie verbleibt in den Grenzen eines Schema, nach welchem der Fortschritt durch eine Anpassung der göttlichen Erziehung an die Zustände des Menschengeschlechts bewirkt wird. — Tertullian betrachtet das Menschengeschlecht in Rücksicht seiner religiösen Erziehung als einen einzelnen Menschen, welcher in verschiedenen Lebensaltern lernend und voranschreitend die notwendigen Stufen seiner Entwicklung durch- läuft. Der religiöse Fortgang im Menschengeschlecht zeigt nach ihm ein organisches Wachstum. Das Bild des Organismus, welches als Leit- faden für das Verständnis des Verhältnisses der Teile zum Ganzen in der Gesellschaft verwandt worden war, wird von ihm gebraucht, um die Art, wie hier das Frühere das Spätere trägt und bedingt, aufzu- klären.^ Diesem Stufengang der Erziehung hat Clemens vermittels seiner Lehre vom Logos auch die griechische Philosophie eingeordnet 2; jedoch hat eine so weitherzige Lehre keine Folgen für den nächsten Verlauf der Metaphysik der Geschichte gehabt. Und Augustinus findet die Veränderungen, welche innerhalb der Offenbarungsreligion stattfinden, bedingt durch eine Entwicklung der Menschheit, welche der Stufenfolge der Lebensalter vergleichbar ist.^ — So beherrscht diese und andere Kirchenväter dieselbe Auffassung. Die Menschheit ist eine Einheit, gleichsam ein Individuum, welches eine Lebensent- wicklung durchlaufen muß, dem aber, als einem Zögling, die Regel dieser Entwicklung vorherrschend von dem planmäßig wirkenden Er- zieher kommt. 'Neben dieser tieferen Gliederung der Geschichte der Menschheit geht die mehr äußerliche Einteilung her, welche dieselbe in den Schöpfungstagen entsprechende Weltalter zerlegt.

Diese Idee Von dem inneren Zusammenhang der Geschichte der Menschheit, welche 'flüchtig und unfaßbar wie sie war zwischen den harten Tatsachen der Geschichte schien zerfließen zu müssen, emp- fing festen Umriß und Körperlichkeit durch den Zusammenhang religiöser und 'weltlicher Vorstellungen, in welchen sie ein- trat. In der Unabhängigkeit der religiösen Erfahrung und des auf sie * Tertullian de virginibus velandis c. i.

* Clemens stromat. I, c. 5 p. 122 (Sylb.) von der Philosophie: ^TraiboYUJYei Top xd auTY] TÖ '€XXr|viKÖv, uüc ö vöfaoc touc 'Gßpaiouc eic XpiCTÖv.

' Augustinus ep. 138, c. I, zur Auflösung des von Marcellinus (S. 333 Anm. l) ge- stellten Problems: quoties nostrae variantur aetates! adolescentiae pueritia non reditura cedit; Juventus adolescentiae non mansura succedit; finiens juventutem senectus morte finitur. haec omnia mutantur, nee mutatur divinae providentiae ratio, qua fit ut ista mutentur.. aliud magister adolescenti, quam puero solebat, imposuit.

Kirche und Weltreich 337 begründeten religiösen Gemeinlebens, welches auch gegenüber der rö- mischen Weltherrschaft sich aufrechterhielt und sich im Gefühl seiner Unbesiegbarkeit behauptete, war die Trennung der religiösen Sphäre der Gesellschaft von der weltlichen begründet. Sie war zuerst in der Entscheidung Christi ausgesprochen worden: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott was Gottes ist. Durch diese Trennung wurden Gesetz und Staat Gottes, die das letzte Wort der alten Philosophie in der stoischen Schule gewesen waren, in eine welt- liche Ordnung der Gesellschaft und einen religiösen Zusammenhang zerlegt. Dementsprechend lehnte sich nun die nähere Vorstellung von dem Zusammenhang der Historie und der Gesellschaft an zwei ge- schichtliche Vorstellungskreise, deren einer die Kirche, der andere das römische Weltreich, seine Vorläufer und sein Schicksal zum Gegenstande hatte. Da diese Gesellschaftslehre von dem Willen und Plane Gottes ausging, konnte sie nicht rein aus einem Ver- nunftgehalt den Zusammenhang der Geschichte deduzieren, sondern mußte aus den großen geschichtlichen Beziehungen dieses Willens den Plan Gottes deuten. Die spekulative Konstruktion trat nur nach- träglich zu dieser religiösen Deutung hinzu^ wie ihre Lücken zeigen. Diese Deutung arbeitete aber mit einem elenden Material. Der unwissenschaftliche Charakter des mittelalterlichen Geistes und die Herr- schaft des Aberglaubens über denselben kann nur aus seiner Stellung zu den geschichtlichen Tatsachen und zu der geschichtlichen Tradi- tion verstanden v.'erden. Denn ihm stand eine abgekürzte und ver- fälschte Überlieferung über die alte Welt als Autorität gegenüber, gleichviel welche die Ursachen waren, die ihn zu einem so unkriti- schen Verhalten bestimmt haben. Und indem diese seine Lage gegen- über den historischen Wissenschaften mit dem Zustande seines na- turwissenschaftlichen Denkens zusammentraf, breiteten sich von hier aus tiefe Schatten und fabelhafte Wesen über die Erde aus.

Unter den Elementen, aus welchen die Erklär'ung der äußeren Organisation der Gesellschaft im Mittelalter sich zusammensetzt, war das wichtigste die Anschauung der Kirche. Diese bestimmte den theokratischen Charakter der mittelalterlichen gesellschaftlichen Auf- fassung. Die geistigen Substanzen aller Rangordnungen sind in der Kirche zu einem mystischen Körper verbunden, der von der Dreieinig- keit und den Engeln, die ihr zunächst stehen, hinabreicht bis zu dem Bettler an den Pforten der Kirchentür und dem leibeigenen Mann, der demütig in dem letzten Winkel der Kirche kniend das Opfer der Messe empfängt.

Der schöpferische Keim dieser Anschauung liegt in den Briefen des Apostels Paulus. Paulus bezeichnet die einzelnen Christen als Diltheys Schriften I 22 33^ Zweites Buch. D rittet Abschnitt Glieder des T.eibes Christi; unter Christus als dem Haupte sind die einzelnen Gemeindeglieder durch die Einheit des Geistes zu einem Organismus verknüpft. Innerhalb dieses Organismus haben die ein- zehien Gemeindeglieder verschiedene, aber dem Leben des Ganzen not- wendige Funktionen. Daher leiden mit jedem Glied alle anderen Glie- der mit. In dieser Paulinischen Anschauung des christlichen Gemeinde- lebens ist die Übertragung des Begriffs eines Organismus ein Tropus, und nie hat Paulus daran gedacht, den Zusammenhang des religiös- sittlichen Lebens der Gemeinde in die Naturgebundenheit des orga- nischen Lebens herabzumindern. Aber dieser Tropus drückt hier den Tatbestand einer Einheit aus, welche ganz anderer Natur ist, als die in einem politischen Ganzen. Denn das Pneuma ist in der Gemeinde eine reale Einheit, ein reales Band, wie die Psyche in einem mensch- lichen Körper. Und daher empfängt in dieser Anwendung der Tropus des Organismus einen genaueren Sinn.