den Einzelwillen der zu einer Organisation verbundenen Personen. Diese Theorie erklärte die Entstehung von Willenseinheit in der äußeren Organisation der Gesellschaft nicht aus Übertragung des gött- lichen Herrscherrechtes, sondern durch ein von den Einzelwülen aus- gehendes pactum subjectionis, sonach durch eine Konstruktion von unten, von den Elementen des Staatslebens aus. Sie führte den Gnmd- gedanken des griechischen Naturrechtes fort. Aber wenn dieses das Problem einer mechanischen Erklärung der politischen Willenseinhei- ten aus der Anarchie der gesellschaftlichen Atome ganz allgemein vor- gestellt hatte und wir es so als eine Metaphysik der Gesellschaft be- zeichnen konnten, so verfolgte das Mittelalter das schon von den Rö- mern eingeschlagene Verfahren, diese griechischen Spekulationen mit der positiven Jurisprudenz in Beziehung zu setzen. Unter der Hand der Kanonisten und Legisten war der Begriff der Korporation zu dem herr- schenden auf dem Gebiet der äußeren Organisation der Gesellschaft geworden und wurde auf Staat wie Kirche angewandt. Die juristische Konstruktion dieses Begriffs ließ aus einem konstituierenden Akte die einheitliche Rechtssubjektivität der Korporation, vermöge deren sie Person ist, entspringen. So wurde die Konstruktion der Willenseinheit in einem politischen Ganzen durch einen solchen Akt Mittelpunkt jeder publizistischen Theorie, und die Mitwirkung oder die ausschließliche Wirksamkeit der vereinigten Willen in dem Akte, durch welchen der Staat entsteht, gaben diesem den Charakter eines Vertrags. Grund- vorstellungen des älteren deutschen Rechtes, dann die Rechtsfabel von einem konstituierenden Akte, in welchem das römische Volk die Herr- schaft auf den Imperator übertragen habe, weiter die Einwirkung der griechischen Theorien, endlich das Selbstregiment freier Kommunen in Italien, dem wichtigsten Lande für die politische Theorie jener Zeit: dies alles ließ die naturrechtliche Strömung anwachsen. Von der Wende des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts ab formierte sich systematisch die juristische Konstruktion aus den Einzelwillen und ihrem Vertrag. Gesellschaftsvertrag, Souveränität des Volkes, Ein- schränkung des positiven Rechtes durch das Naturrecht traten in das öffentliche Recht ein. Diese positiv-rechtliche Fortentwicklung des Na- turrechts verstärkte seine revolutionäre Kraft für eine künftige Zeit, zunächst aber hatte sie während des Mittelalters die Anpassung des- selben an die anderen gesellschaftlichen Ideen der Zeit zur Folge. Erst in einem Marsilius von Padua löst dieser radikale Standpunkt sich von den anderen gesellschaftlichen Ideen des Mittelalters los und das bezeichnet die Morgendämmerung der modernen politischen Ideen. Die volle Machtentfaltung des Naturrechts begann dann bei den neueren Völkern mit dem Niedergang der feudalen Ordnungen. Nun war der 34^ Zweites Buch. Dritter Abschnitt Punkt in der Entwicklung der neueren Gesellschaft erreicht, an wel- chem mit der Souveränität der Individuen Ernst gemacht werden konnte, entsprechend dem Punkte in der Entwicklung der griechischen Gesellschaft, an dem das Naturrecht der Sophisten sich Geltung ver- schafft hatte. ^ So fand die theokratische Gesellschaftslehre in der naturrecht- lichen ihre Grenze, und diese letztere ihrerseits entbehrte noch der generellen Fassung und der Hilfsmittel der Analysis, welche ihr eine zureichende Erklärung der Gesellschaft ermöglicht hätten.
Wir überblicken und prüfen schließlich die Verbindung der ent- wickelten Sätze in dieser theokratischen Metaphysik der Gesellschaft. — Diese Theorie war jeder früheren darin überlegen, daß sie von dem umfassenden Zusammenhang des gesellschaftlichen Lebens der Mensch- heit ausging und jeder Satz über die Befugnisse einer politischen Ge- walt sogut als jede Behauptung über den Begriff einer Tugend oder einer Pflicht durch diesen Zusammenhang bedingt war. — Aber die zu- sammengesetzten Tatsachen, welche sich der Geschichtskunde und der politischen Beobachtung darbieten, sind von den mittelalterlichen Den- kern nicht in einfachere Einzelzusammenhänge zerlegt worden, viel- mehr wurden sie durch teleologische Deutung zu einem Ganzen ver- bunden. Hieraus hätte nun nichts als ein willkürliches Spiel entstehen können, wenn nicht für diese Chiffren der Geschichte und der Gesell- schaft der Schlüssel in der Offenbarung zur Hand gewesen wäre: sie legte Anfang, Mitte und Ende des Lebenslaufs der Menschheit fest und bestimmte dessen Gehalt. Daher bildete den Grundzug dieser Meta- physik der Gesellschaft: Jede Konstruktion in Begriffen ist nur der nachträgliche Versuch, das, was Tradition imd religiöser Tiefsinn be- sitzen, in Begriffen darzustellen und zu beweisen. — Und zwar ist die herrschende mittelalterliche Gesellschaftslehre ein theokratisches Sy- stem, jedoch galt dieses nicht ohne Widerspruch. Das Leben der Kor- porationen enthielt ein anderes Element, ein Recht der Gesamtheit, welches auf ein Vertragsverhältnis zurückzuweisen schien. Dieser Be- standteil wurde von der theokratischen Gesellschaftslehre nicht erklärt, und wie die naturrechtliche Gesellschaftslehre sich entwickelte, be- zeichnete sie für das theokratische System eine Schranke seiner Brauch- barkeit und eine Lücke in seinen Prämissen. — Innerlich ist diese theo- kratische Metaphysik der Gesellschaft von den Antinomien zerrissen, welche aus der metaphysischen Prinzipienlehre in die Philosophie der Gesellschaft hineinreichen. Die tiefste dieser Antinomien wirkt in der * Von dieser zweiten geschichtlichen Formation des Naturrechts, der mittel- alterlichen, haben wir eine erste gründliche Darstellung und Belegstellen in Gierkes Genossenschaftsrecht erhalten, III, 627 ff., und in dessen Althusius S. 77 ff. 92 ff, 123 ff.
Logischer Zusammenhang dieser Metaphysik der Gesellschaft 349 Gesellschaftslehre als der Widerspruch zwischen der Auffassung Gottes als eines Intellekts, für welchen nur das Ewige und Allgemeine ist, und als eines Wülens, welcher Veränderungen zu einem Ziele liin durch- läuft, in zeitlichen Akten sich kundtut und von den Taten freier Willen zu Gegenwirkungen angeregt wird. Die ewigen Wahrheiten liaben als Prinzipien der gesellschaftlichen Ordnung für dasAlter- tum innerhalb der Menschenwelt dieselbe Bedeutung wie die sub- stantialen Formen innerhalb der Natur. Als Aristoteles die Pla- tonischen Ideen in die Welt selber verlegte, stattete er diese Welt mit Ewigkeit sowohl in Rücksicht ihres Bestandes als ihrer Formen aus. In unveränderlicher Selbstgleichheit entsteht innerhalb derselben aus dem organischen Keime das lebendige Wesen und der Keim selber rückwärts aus dem Leben. Der Verlauf der Geschichte erringt nach Aristoteles der Seele und der von ihr verwirklichten Eudämonie keinen tieferen Inhalt. Ein festes Gefüge von Begriffen, welches das sich stets gleiche Gesetz des Staatslebens enthält, wird von seiner deskrip- tiven Wissenschaft der Politik entwickelt und hat an den veränder- lichen Lebensbedingungen der Gesellschaft nur seinen wechselnden Stoff. So tief Aristoteles das Verhältnis der Lebensbedingungen der Staaten zu den politischen Formen aufgefaßt hat: die Entwicklung der Zweckzusammenhänge des menschlichen Lebens bedarf nach ihm nicht einen immer neuen, dem veränderten Gehalt entsprechenden Ausdruck in den politischen Verfassungen, sondern die Bedingungen der Gesell- schaft ermöglichen, gleichsam als die Materie der Staatenbildung, hier eine geringere, dort eine höhere Ausgestaltung der einen Idealform. Dem Christentum wird Gott geschichtlich. Die vom Christen- tum getragene mittelalterliche Gesellschaftslehre benutzt zuerst die Idee eines göttlichen Willens, welcher eine aufsteigende Reihe von Ver- änderungen als Zweck enthält und in der Zeitreihe einzelner Willens- akte, in der Wechselwirkung mit anderen Willen, diesen Zweck ver- wirklicht. Die Gottheit tritt in die Zeit ein. So oft nun die mit- telalterliche Metaphysik das griechische System ewiger Wahrheiten mit dem Plane Gottes vereinigen will, zeigt sich die Unauflösbarkeit des Widerspruchs. Denn die lebendige persönliche Erfahrung des Willens, welcher Bedürfnis und Veränderung einschließt, kann nicht in Einklang gebracht werden mit der unveränderlichen Welt ewiger Gedan- ken, in denen der Intellekt die notwendige und allgemeingültige Wahr- heit besitzt. 1 — Erkenntnistheoretisch widerspricht die spekulative ' Augustinus de civ. Dei XI, c. lO: neque enim multae sed una sapientia est, in qua sunt imnnensi quidam atque infiniti thesauri rerum intelligibilium, in quibus sunt omnes invisibiles atque incommutabiles rationes rerum etiam visibilium et mutabilium; de trinitate IV, c. I: quia igitur unum verbum Dei est, per quod facta sunt omnia, quod est in com- 35° Zweites Buch. Drittet Abschnitt Konstruktion aus Begriffen der willkürlichen Tatsächlichkeit, die den Entscheidungen eines freien göttlichen Willens eigen ist. Daher löste die Willenslehre Occams die objektive Metaphysik des Mittelalters auf, und war der Nominalismus in seinem ersten Stadium <m seiner unfruchtbaren Negativität gegenüber den Aufgaben des mittelalter- lichen Denkens zugrunde gegangen: in der mächtigen Realität des Willens fand er nun auch hier innerhalb der Gesellschaftslehre seine höhere Berechtigung. Die geistesgewaltigen kirchenpolitischen Schrif- ten Occams zerstörten in weitläufiger Darlegung von Gründen und Gegengründen jeden Teil des rationalen Zusammenhangs einer Philo- sophie der Geschichte und der Gesellschaft.^ Und mit Recht; denn wirklich ist die Demonstration unfähig gewesen, die mittelalterliche Gesellschaftslehre einigermaßen zu begründen. Die Folgerichtigkeit des Schlusses versagt, wo aus dem theokratischen Prinzip der Dualis- mus von Staat und Kirche abgeleitet oder über Streitfragen, wie das Verhältnis von Staat und Kirche, von Weltmonarchie und Einzelstaat durch Syllogismen entschieden werden soll.
mutabilis veritas, ibi principalitcr et incommutabiliter sunt omnia simul. Auflösung sucht Augustinus vergebens in dem Satz trinitate IT, c. 5: ordo temporum in aetema Dei sapientia sine tempore est.
^ Das Prinzip Occams, welches die sittliche Ordnung mit dem Willen in ein psycho- logisches Verhältnis setzte, das vras dem Willen wertvoll ist von dem klar sonderte, was dem Verstände wahr ist, und so jede Metaphysik der sittlichen Welt aufhob, trat freilich zunächst in überspannter Fassung auf z. B. in sent. 11, quaest. 19: ea est boni et mali moralis natura ut, cum a liberrima Dei voluntate sancita sit et definita, ab eadem facile possit emoveri et refigi: adeo ut mutata ea voluntate, quod sanctum et justum est possit evadere injustum. Hierdurch war dann der extreme Supranaturalismus Occams bedingt.
VIERTER ABSCHNITT DIE AUFLÖSUNG DER METAPHYSISCHEN STELLUNG DES MENSCHEN ZUR WIRKLICHKEIT ERSTES KAPITEL DIE BEDINGUNGEN DES MODERNEN WISSENSCHAFTLICHEN BEWUSSTSEINS Dk zweite Generation der europäischen Völker erfuhr nun eine Umwandlung, welche der ähnlich ist, die in Griechenland aus der Auf- lösung der alten Geschlechterverfassung hervorging. Indem die feu- dalen Ordnungen, die Gliederung der Christenheit unter Papst und Kaiser, sich lösten, entstand die neuere europäische Gesellschaft und inmitten ihrer der moderne Mensch. Dieser ist das Erzeugnis der allmählichen inneren Entwicklung, welche in der Jugendzeit dieser zweiten Generation der europäischen Völker oder dem Mittelalter statt- fand. Was wir in ihm suchen, ist unser eigener Herzschlag, verglichen mit dem, was wir in den Seelen der Menschen älterer Zeiten zu lesen vermögen und das uns fremd ist. Nichts ist daher relativer, mag man auf die Allmählichkeit sehen, mit welcher es sich geltend macht, oder auf die Verschiedenheit des persönlichen Gefühls im Geschichtschrei- ber, von welchem aus ein solcher historischer Typus bestimmt wird. Dennoch sieht der Geschichtschreiber Wirkhchkeit, wenn er erste Bei- spiele des modernen Menschen an bestimmten Stellen auftreten sieht; mitten in einer kontinuierlichen Entwicklung faßt er das Ergebnis in anschaulich darstellbaren geschichtlichen Erscheinungen auf und hält es fest. Auch hindert ihn hieran nicht, daß der Punkt, an welchem in der Entwicklungsbahn des einen Volkes ein solcher Typus auftritt, der Zeit nach weit abliegt von dem Punkte, an welchem dies bei einem anderen stattfindet. Es beirrt ihn nicht, daß die besonderen Züge dieser Form bei dem einen Volke sehr abweichen von denen bei dem anderen. Ein solcher Typus ist augenscheinlich Petrarca, der mit Recht als der erste Repräsentant des modernen Menschen, wie er schon im vierzehnten Jahrhundert in klaren Zügen hervortritt, aufgefaßt wird. Es ist nicht leicht, denselben Typus in dem modernen Menschen des 352 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Nordens wiederzufinden, in Luther und seiner Independenz des Ge- wissens, in Erasmus und jener persönlichen Freiheit des untersuchen- den Geistes, welcher in einem grenzenlosen Meere von Tradition, nach Aufklärung verlangend, vorwärts dringt. Dennoch ist hier wie dort etwas die ganze Wesenheit dieser Menschen Bestimmendes, was wir mit ihnen teilen und was sie von allem absondert, das früher gewollt, gefühlt oder gedacht wurde.
Aus dem Zusammenhang dessen, was den modernen Menschen, ausmacht, heben wir einen Zug heraus, welchen wir im Verlauf der intellektuellen Geschichte langsam und mühselig sich entfalten sahen, und der nun für die Entstehung wie das Recht des modernen wissenschaftlichen Bewußtseins in seinem Gegensatz zu der metaphysischen Stellung des Menschen entscheidend ist. — Der Zweckzusammenhang der Erkenntnis in Europa hat sich in der Wis- senschaft von seiner Grundlage in der Totalität der Menschennatur abgelöst, wie neben ihm die Kunst oder in anderer Art das Recht. Auf dieser Differenzierung beruht nicht nur die technische Vollendung der großen Zwecksysteme der menschlichen Gesellschaft, sondern, als innerster Kern des Vorgangs, das Freiwerden aller Kräfte in der Einzel- seele aus ihrer anfänglichen Gebundenheit; die Seele wird Herrin ihrer Kräfte, einem Mann zu vergleichen, der gelernt hat, jede Bewegung der Glieder unabhängig von den Bewegungen der anderen auszuführen und in genauer und sicherer Abmessung auf die Wirkung zu benutzen. Die ursprüngliche Bindung der Seelenkräfte löst sich durch die Arbeit der Geschichte. Denn erst vermittels der Kunst besitzt das Gefühl sein mannigfaches, wechselndes und reiches Leben; die Werke der Künstler strahlen ihm wie in einem Wunderspiegel in Bildern, Wahrnehmungen, Vorstellungen seine innere Welt erhöht zurück. In der Arbeit der Wissenschaft erkennt erst der Intellekt seine Mittel und deren Tragweite, seine Methode und deren Macht und gebraucht nun mit der technischen Virtuosität gleichsam des logischen Athleten die in ihm liegenden Kräfte.
Der mittelalterliche Mensch hatte die in der alten Welt erreichte Differenzierung nur unvollkommen festgehalten. Wohl hatte er die christliche Erfahrung tiefsinnig entfaltet. In dem katholischen Kirchensystem hatte er die selbständige Macht des religiösen Lebens und des ihm verbundenen gesellschaftlichen Bewußtseins, das alle Völker verknüpft, befestigt und verteidigt, wenn auch mit furchtbaren Gewaltmitteln. Unter dem Schutze und leider auch der Gewalt dieses Kirchensystems erwuchs der Zweckzusammenhang der Wissenschaft in den Universitäten ebenfalls zu einer größeren Organisation, und inmitten des korporativen Lebens des Mittelalters rang auch er nach Der moderne Mensch. Sein Unterschied vom inittelalterlichen Menschen 353 einer rechtlichen Selbständigkeitssphäre. Aber die Herrschaft der Re- ligion, welche allen höheren Gefühlen und Ideen eine seltene Sicher- heit und Tiefe im Mittelalter gab, hat doch alle selbständigen Zweck- zusammenhänge bis zu einem gewissen Grade gebunden. Die Legierung des Christentums mit der antiken Wissenschaft hat die Lauterkeit der religiösen Erfahrung beeinträchtigt. Die korporative und autoritative Bindung der Individuen hat die freie Beziehung der Tätigkeiten von Personen aufeinander in Gebieten, welche wie Wissenschaft und Re- ligion in der Freiheit ihren Lebensatem haben, gehemmt. So liaben die Lebensbedingungen des Mittelalters den Reichtum höheren Daseins zu einem von der Kirche geleiteten Zusammenhang verwebt, in dem das Christentum sich an eine metaphysische Wissenschaft verlor, Wis- senschaft und Kunst innerlich und äußerlich gefesselt waren. Dieser Zusammenhang der Büdung hatte in der äußeren Organisation der Kirche seinen Körper. Ihm gegenüber war alles, was sonst im mittel- alterlichen Menschen sich regte, Weltlichkeit, die vernichtet oder unterworfen werden mußte. So ging durch seine Seele derselbe Zwie- spalt, welcher die Gesellscliaft jener Tage in die kaiserliche und kirch- liche Gewalt auseinanderriß. Naturwuchs des Staatslebens, Verharren der Individuen in den ursprünglichen Beziehungen zum Boden, Be- sonderheit, persönliches Verhältnis und persönlicher Verband, unter Zurücktreten allgemeiner Rechtsregeln, dazu ein jugendliches Unge- stüm in der germanischen Rasse und den durch sie mit neuem Blute erfüllten älteren Völkern: dies alles hatte in dem Menschen jener Zeit ungebändigtes Leben der Sinne und des Willens zur Folge. Aber in seiner Seele kämpfte hiergegen der Glaube an ein transzendentes Reich, welches durch die Kirche, den Kleriker und das Sakrament in das Diesseits herüberwirkt und aus dem göttliche Kräfte beständig ausstrahlen. Die Macht dieses objektiven Systems wurde gesteigert durch die Ordnung der mittelalterlichen Gesellschaft. In dieser war das Individuum ganz in Verbände eingeghedert, von denen die Kirche und die feudale Ordnung nur die gewaltigsten waren. Die Zweckin- halte der Gesellschaft, welche am meisten der Freiheit zu bedürfen scheinen, waren von der Autorität und der Korporation getragen und gebunden. Diese Abhängigkeit des mittelalterlichen Menschen wurde vermehrt durch seine Stellung zu der gesamten historischen Überliefe- rung, welche sein Denken wie in einem dichten Walde von Traditionen festhielt. Und nicht der geringste unter den Gründen, welche Selbst- tätigkeit der Individuen und unabhängige Entfaltung der einzelnen Lebenszwecke in der Gesellschaft hinderten, bestand in einer Meta- physik, welche nach der Lage der Wissenscliaften in ihren Grundzügen siegreich sich behauptete und der von der Kirche verteidigten transzen- Diltheys Schriften I 2'?
354 Zweites Buch. Viertet Abschnitt denten Ordnung einen festen Stützpunkt gewahrte. So erscheinen auch die intellektuell gewaltigsten mittelalterlichen Denker nur als Reprä- sentanten dieser Weltansicht und Lebensordnung^ vergleichbar den großen feudalen und hierarchischen Häuptern der Gesellschaft jener Tage. Was in ihnen individuell war, ordnete sich diesem System un- ter, und darin war gegründet, daß der Denker eine Weltmacht war. Wie einsam und verdüstert auch ein Dante seinen Weg ging, seine ganze große Seele war diesem objektiven Zusammenhang hingegeben, so gut als die eines Anseimus, Albertus oder Thomas. Hierdurch wurde er zu der „Stimme zehn schweigender Jahrhunderte".
Die wesenhafte Veränderimg, die wir als Auftreten des moder- nen Menschen bezeichnen, ist das Ergebnis eines zusammengesetz- ten Büdungsprozesses, und ihre Erklärung würde eine umfassende Untersuchung erfordern. — Hier, wo es sich um Entstehung und Recht des modernen wissenschaftlichen Bewußtseins handelt, ist zunächst das Wichtigste, daß die vorher von den Völkern der alten Welt vereinzelt erreichte Differenzierung und Verselbständigung der Zweckzusammen- hänge der Gesellschaft innerhalb der neuen Generation der europäi- schen Völker verwirklicht wird. Die geistige Bildung dieser Völker ruht auf der Selbstgewißheit der religiösen Erfahrimg, der Selbstän- digkeit der Wissenschaft, der Befreiung der Phantasie in der Kunst, im Gegensatz zu der früheren religiösen Gebundenheit. Eine solche neue Verfassung des inneren Zusammenhangs der Kultur ist eine höhere Stufe in der Entwicklung der neuen Generation europäischer Völker, da diese Nationen in der Gebundenheit der Seelenkräfte na- turgemäß begonnen hatten. Sie ist aber zugleich eine Wiederherstel- lung des von den Griechen Erarbeiteten und im Christentum Gewonne- nen, und daher sind Humanismus und Reformation hervorragende Be- standteile des Vorganges, in welchem unser modernes Bewußtsein entstand. — Zu dieser Differenzierung trat als eine andere Seite der igeschichtlichen Bewegung, welche dem modernen wissenschaftlichen Be- wußtsein das Leben gab, die Veränderung in der äußeren Organisation der Gesellschaft, welche alle individuellen Kräfte löste und das In- dividuum verselbständigte. Innerhalb der Städte vollzog sich zuerst diese soziale und politische Umgestaltung. In den Zusammenhang un- serer Darlegung fügt sich harmonisch das klassische Gemälde ein, welches Jakob Burckhardt von dem ersten Auftreten des modernen Menschen in dem Italien der Renaissance entworfen hat. „Im Mittel- alter, sagt er, lagen die beiden Seiten des Bewußtseins — nach der Welt hin und nach dem Inneren des Menschen selbst — wie unter einem gemeinsamen Schleier, träumend oder halbwach. In Italien zuerst ver- weht dieser Schleier in die Lüfte; es erwacht eine objektive Be- Wie in ihm das moderne wissenschaftliche Bewußtsein entsteht 355 trachtung und Behandlung des Staats und der sämtlichen Dinge dieser Welt überhaupt; daneben aber erhebt sich mit voller Macht das Sub- jektive; der Mensch wird geistig'es Individuum und erkennt sich als solches." Was hier als objektive Behandlung bezeichnet wird, ist zunächst durch die relative Verselbständigung der einzelnen Kreise der Existenz bedingt; indem die Wissenschaft die Unterordnung unter das mittelalterliche Schema des religiösen Vorstellens aufgibt, zerreißt das Band zwischen den religösen Ideen als Mitteln der Konstruktion und der Wirklichkeit; man wird in unbefangener Auffassung dieser ge- wahr, und so entsteht objektive Betrachtung und positive Wissen- schaft, wo ehedem metaphysische Ableitung das Phänomen mit dem Tiefsten des geistigen Gesamtlebens verbunden gehalten hatte. Anderer- seits bewirkte die veränderte Lage des Individuums in der äußeren Organisation der Gesellschaft eine Befreiung der individuellen Kräfte und des individuellen Selbstgefühls. So entstand eine neue Stellung des erkennenden Subjekts zur Wirklichkeit. Endlich nahm mit dem Wachstum des individuellen Selbstgefühls und der Ausbildung der objektiven Betrachtung eine freie Mannigfaltigkeit der Weltansichtzu. In metaphysischem Denken wie in poetischem Sin- nen wurden alle Möglichkeiten der Weltbetrachtung durchgebildet. — Traf das volle Licht dieser neuen Zeit zuerst Italien, so war doch schon das erste Aufdämmern derselben im Norden ein mächtigeres Phäno- men. In Occam finden wir eine tiefere Grundlage des modernen Be- wußtseins, als in seinem jüngeren Zeitgenossen Petrarca: die Selbst- gewißheit der inneren Erfahrung. Gegenüber der Autorität, der Wort- beweisführung, dem die Erfahrung überschreitenden Syllogismus wird hier im Willen eine mächtige Realität, aufrichtige und vvahrhaftige Wesenheit wahrgenommen.
So erweisen sich Veränderungen in dem ganzen Status hominis auch innerhalb der relativ selbständigen intellektuellen Entwicklung als einwirkend, ja bestimmend. Es ist eine äußerliche Betrachtung, wenn man die Umänderung des wissenschaftlichen Geistes seit dem vierzehnten Jahrhundert auf den Humanismus zurückführt. Durch das ganze Mittelalter geht das Anwachsen der Kenntnis von Büchern und Hilfsmitteln des Altertums.i Trat nun inneres Wiederverständnis des Geistes der alten Schriftsteller zuerst im vierzehnten Jahrhundert in Italien, später bei den anderen Völkern hervor, so war dies die Folge tieferliegender Ursachen. Es bildeten sich bei den neueren Völkern, insbesondere in den Städten, soziale und politische Zustände, welche denen in den alten Stadtstaaten analog waren; dies hatte ein persön- * Prantl hat in seiner Geschichte der Logik im Abendlande 1855 ff. für einen einzelnen Zweig der wissenschaftlichen Literatur den Beweis dieses wichtigen Satzes erschöpfend geführt.
356 Zweites Buch. Vierter Abschnitt liches Lebensgefühl, Stimmungen, Interessen, Vorstellungen zur Folge, welche durch ihre Verwandtschaft mit denen der antiken Völker ein Wiederverständnis der alten Welt möglich gemacht haben. Denn der Mensch, welcher in sich das Vergangene erneuem soll, muß durch eine innere Wahlverwandtschaft hierzu vorbereitet sein.
Diese veränderte Verfassimg der geistigen Bildung, wie sie in der zunehmenden Selbständigkeit der Religion, Wissenschaft und Kunst und der wachsenden Freiheit des Individuums gegenüber dem Ver- bandsleben der Menschheit erscheint, ist der tiefste, in der psychischen Verfassung des modernen Menschen selber liegende Grund dafür, daß jetzt die Metaphysik ihre bisherige geschichtliche Rolle ausgespielt hat. Die christliche Religion, wie Luther und Zwingli sie auf die innere Erfahrung stellten, die Kunst, wie nun Lionardo sie den geheimnisvollen TiefsLnn der Wirklichkeit erfassen lehrte, die Wis- senschaft, wie sie Galilei auf die Analysis der Erfahrung verwies, kon- stituierten das moderne Bewußtsein in der Freiheit seiner Lebensäuße- rungen.