SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Was setzte nun die Zerlegung der zusammengesetzten Formen der Natur an die Stelle dieser formae substantiales, welche einst der Gegen- stand einer deskriptiven Auffassung und Zurückführung auf geistähn- liche Wesenheiten gewesen waren? Man hat wohl gesagt: eine neue Metaphysik. Und in der Tat: soweit ein Standpunkt reicht, wie ihn neuerdings Fechner als die Nachtansicht geschildert hat, ein Stand- punkt, für welchen Atome und Gravitation metaphysische Entitäten sind, wie sie vorher die substantialen Formen waren, ist natürlich nur eine alte mit einer neuen Metaphysik vertauscht worden, und man kann nicht einmal sagen: eine schlechtere mit einer besseren. Der Materialis- mus war eine solche neue Metaphysik, und eben darum ist der gegen- wärtige naturwissenschaftliche Monismus sein Sohn und Erbe, weil auch ihm Atome, Moleküle, Gravitation Entitäten sind, Wirklichkeiten, so gut als irgendein Objekt, das gesehen und betastet werden kann. Aber das Verhältnis der wahrhaft positiven Forscher zu den Begriffen, durch welche sie die Natur erkennen, ist ein anderes, als das der meta- physischen Monisten. Newton selber sah in der anziehenden Kraft nur einen Hilfsbegriff für die Formel des Gesetzes, nicht die Erkenntnis einer physischen Ursache. ^ Solche Begriffe, wie Kraft, Atom, Molekül sind für die meisten hervorragenden Naturforscher ein System von Hilfskonstruktionen, vermittels deren wir die Bedingungen für das Gegebene zu einem für die Vorstellung klaren und für das Leben benutz- baren Zusammenhang entwickeln. Und dies entspricht dem Sach- verhalt.

Ding und Ursache können nicht als Bestandteile der Wahr- nehmungen in den Sinnen aufgezeigt werden. Sie ergeben sich auch nicht aus der formalen Anforderung eines denknotwendigen Zusam- menhangs zwischen den Wahrnehmungselementen, noch weniger aus den bloßen Beziehungen derselben in Koexistenz und Sukzession. Für den Naturforscher mangelt ihnen daher die Legitimität des Ursprungs.

' Newton, Principia def. VIII: Voces autem attractionis, impulsus vel propensionis cujuscunque in centrum, indifferenter et pro se mutuo promiscue usurpo; has vires non physice, sed mathematice tantum considerando. Unde caveat lector, ne per hujusmodi voces cogitet me speciem vel modum actionis causamve aut rationem physicam alicubi de- finire vel centris (quae sunt puncta mathematica) vires vere et physice tribuere, si forte aut centra trahere, aut vires centrorum esse dixero.

366 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Sie bilden die inhaltlichen im Erlebnis gegründeten Vorstellungen, durch welche Zusammenhang unter unseren Empfindungen besteht, imd zwar treten sie in einer vor der bewußten Erinnerung liegenden Entwicklung auf.

Aus ihnen sahen wir im Verlauf dieses geschichtlichen Überblicks die abstrakten Begriffe von Substanz und Kausalität hervorgehen. Nun bestimmt die Unterscheidung des Dings von Wirken, Leiden und Zustand nebst den aus ihr rechtmäßig vom Erkennen abgeleiteten Unterscheidungen, welche mit den Begriffen der Substanz und der Kau- salität gegeben sind, die Form des Urteils. Also können wir diese Be- griffe wohl im Wort, nicht im wirklichen Vorstellen eliminieren, und die Naturforschung kann nur darauf gerichtet sein, vermittels dieser Vorstellungen und Begriffe, welche den einzigen uns möglichen, unse- rem Bewußtsein eigenen Zusammenhang in sich schließen, ein zu- reichendes und in sich geschlossenes System der Bedingungen für die Erklärung der Natur zu konstruieren.

Wir ziehen wieder nur einen Schluß aus der historischen Über- sicht, wenn wir zunächst weiter behaupten: der Begriff der Substanz und der von ihm ausgehende konstruktive Begriff des Atoms sind aus den Anforderungen des Erkennens an das, was in der V^eränderlich- keit des Dinges als ein zugrunde liegendes Festes zu setzen sei, ent- standen; sie sind geschichtliche Erzeugnisse des mit den Gegenstän- den ringenden logischen Geistes; sie sind also nicht Wesenheiten von einer höheren Dignität als das einzelne Ding, sondern Geschöpfe der Logik, welche das Ding denkbar machen sollen und deren Erkenntnis- wert unter der Bedingung des Erlebens und Anschauens steht, in denen das Ding gegeben ist. Dem Schema dieser Begriffe haben sich die großen Entdeckungen eingeordnet, welche in den Grenzen unserer chemischen Erfahrungen die Unveränderlichkeit der Stoffe nach Masse und Eigenschaften mitten in dem Wechsel der chemischen Verbin- dungen und Trennungen erweisen. So entsteht die Möglichkeit, an welche alle fruchtbare Naturforschung gebunden ist, die in der An- schauung gegebenen Tatbestände und Beziehungen rückwärts dem zu- grunde zu legen, was der Anschauimg entzogen ist, und solchergestalt eine einheitliche Naturansicht durchzuführen. Die klaren Vorstellun- gen von Masse, Gewicht, Bewegung, Geschwindigkeit, Abstand, welche an den größeren sichtbaren Körpern gebildet sind und an dem Studium der Massen im Weltraum sich bewährt haben, werden auch da benutzt, wo die Sinne durch die Vorstellungskraft ersetzt werden müssen. Daher ist auch der Versuch des deutschen Idealismus, diese Grundvorstellung von der Konstitution der Materie zu verdrängen, eine unfruchtbare Episode geblieben, während die Atomistik in ihrer Entwicklimg stetig.

Mechanische Naturerklärmig darf nicht als neue Metaphysik angesehen werden 367 weim auch zuweilen durch sehr barocke Vorstellungen von den Massen- teilchen, voranschreitet. Diese barocken Vorstellungen wollen zwar unseren idealen Anforderungen an die ersten Gründe des Kosmos nicht entsprechen, sind aber den sichtbaren Erscheinungen gleichartig, und ermöglichen den nach der Lage der Wissenschaft zur Zeit für die Er- klärung dieser Erscheinungen am meisten geeigneten Begriffszusam- menhang. Wogegen die Vorstellungen der idealistischen Naturphilo- sophie zwar durch ihre Verwandtschaft mit dem geistigen Leben höchst würdig erschienen, den Ausgangspunkt der Erklärung der Natur zu bilden, aber indem sie eine den sichtbaren Objekten heterogene Iimer- lichkeit hinter diesen dichteten, waren sie andererseits unfähig, diese sichtbaren Objekte wirklich zu erklären, und darum gänzlich un- fruchtbar. 1 Dieselbe Folgerung ergibt sich alsdann in bezug auf den Erkennt- niswert des Begriffes der Kraft und der ihm benachbarten von Kau- salität und Gesetz. Während der Begriff der Substanz im Alter- tum ausgebildet wurde, hat der Begriff der Kraft seine gegenwärtige Gestaltung erst im Zusammenhang mit der neueren Wissenschaft emp- fangen. Wiederum blicken wir rückwärts; den Ursprung dieses Begriffs erfaßten wir noch im mythischen Vorstellen als Erlebnis. Die Natur dieses Erlebnisses wird später Gegenstand der erkenntnistheoretischen Untersuchung sein. Hier sei nur herausgehoben: wie wir in unserem Erlebnis finden, kann der Wille die Vorstellungen lenken, die Glieder in Bewegung setzen, und diese Fähigkeit wohnt ihm bei, wenn er auch nicht immer von ihr Gebrauch macht; ja im Falle äußerer Hemmung kann sie zwar durch eine gleiche oder größere Kraft in Ruhestand ge- halten werden, wird jedoch als vorhanden gefühlt. So fassen wir die Vorstellung einer Wirkensfähigkeit (oder eines Vermögens), welche dem einzelnen Akt von Wirken voraufgeht; aus einer Art von Reservoir wirkender Kraft entfließen die einzelnen Willensakte und Handlun- gen. Die erste wissenschaftliche Entwicklung dieser Vorstellung haben wir in der Aristotelischen Beigriffsreihe von Dynamis, Energie und Entelechie vorgefunden. Jedoch war die hervorbringende Kraft in dem System des Aristoteles noch nicht von dem Grunde der zweckmäßigen Form ihrer Leistung gesondert, und wir erkannten gerade hierin ein charakteristisches Merkmal und eine Grenze der Aristotelischen Wissen- schaft, Erst diese Sonderung ermöglichte die mechanische Weltansicht. Dieselbe trennte den abstrakten Begriff von Quantität der Kraft (Ener- gie, Arbeit) von den konkreten Naturphänomenen ab. Jede Maschine zeigt eine meßbare Triebkraft, deren Quantum von der Form verschie- * Vgl. Fechner, Über die physikalische und philosophische Atomenlehre. ^Leipzig 1864.

368 Zweites Buch. Viertel- Abschnitt den ist, in welcher die Kraft auftritt, und sie zeigt zugleich, wie durch die Leistung Triebkraft verbraucht wird; vis agendo consumitur. Das Ideal eines objektiven dem Gedanken faßbaren Zusammenhangs der Bedingungen für das Gegebene ist in dieser Richtung durch die Entdeckung des mechanischen Äquivalents der Wärme und die Aufstellung des Gesetzes von der Erhaltung der Kraft verwirklicht. Auch hier haben wir kein apriorisches Gesetz vor uns, vielmehr haben positive Entdeckungen die Naturwissenschaft dem angegebenen Ideal angenähert. Indem eine Naturkraft nach der anderen in Bewegung auf- gelöst, diese aber dem umfassenden Gesetz untergeordnet wird, daß jedes Wirken Effekt eines früheren gleich großen, jeder Effekt Ur- sache eines weiteren gleich großen Effektes sei: schließt sich der Zu- sammenhang ab. So hat das Gesetz von der Erhaltung der Kraft in bezug auf die Benutzung der Vorstellung von Kraft dieselbe Funktion als der Satz von der Unveränderlichkeit der Masse im Weltall in bezug auf den Stoff. Zusammen sondern sie, auf dem Wege der Erfahrung, das Konstante in den Veränderungen des Weltalls aus, welches aufzu- fassen die metaphysische Epoche vergebens bemüht war.

So viel ist klar: man kann die mechanische Naturerklärung, wie sie nun das Ergebnis der bewundernswerten Arbeit des naturforschen- den Geistes in Europa seit dem Ausgang des Mittelalters ist, nicht gröber mißverstehen, als indem man sie als eine neue Art von Meta- physik, etwa eine solche auf induktiver Grundlage, auffaßt. Freilich sonderte sich nur allmählig und langsam von der Metaphysik das Ideal von erklärender Erkenntnis des Naturzusammenhangs ab, und erst die erkenntnistheoretische Forschung klärt den ganzen Gegensatz auf, der zwischen dem metaphysischen Geist und der Arbeit der m o - dernen Naturwissenschaft besteht. Sie mag ihn vorläufig, vor der Darlegung unserer Erkenntnistheorie, folgendermaßen bestimmen.

1. Die äußere Wirklichkeit ist in der Totalität unseres Selbst- bewußtseins nicht als bloßes Phänomen gegeben, sondern als Wirk- lichkeit, indem sie wirkt, dem Willen widersteht und dem Gefühl in Lust und Wehe da ist. In dem Willensanstoß und Wülenswiderstand werden wir innerhalb unseres Vorstellungszusammenhangs eines Selbst inne, und gesondert von ihm eines Anderen. Aber dies Andere ist nur mit seinen prädikativen Bestimmungen für unser Bewußtsein da, und die prädikativen Bestimmungen erhellen nur Relationen zu unseren Sinnen und unserem Bewußtsein: das Subjekt oder die Subjekte selber sind nicht in unseren Sinneseindrücken. So wissen wir vielleicht, daß dies Subjekt da sei, doch sicher nicht, was es sei.

2. Für dieses Phänomen der äußeren Wirklichkeit sucht nun die mechanische Naturerklärung denknotwendige Bedingun- Mechanische Naturerklärung darf nicht als neue Metaphysik angesehen werden 369 gen. Und zwar ist die äußere Wirklichkeit jederzeit, weil sie uns als ein Wirkendes gegeben war, Gegenstand der Untersuchung in be2ug auf ihre Substanz und die ihr unterliegende Ursächlichkeit für den Men- schen gewesen. Auch verbleibt das Denken durch das Urteil als seine Funktion an die Unterscheidung von Substanz einerseits und Tun, Lei- den, Eigenschaft, Kausalität, schließlich Gesetz andererseits gebunden. Die Unterscheidung der zwei Klassen von Begriffen, welche das Urteil trennt und verknüpft, kann nur mit dem Urteilen, sonach dem Denken selber aufgehoben werden. Aber eben darum können für das Studium der Außenwelt die unter diesen Bedingungen entwickelten Begriffe nur Zeichen sein, welche, als Hilfsmittel des Zusammenhangs im Bewußt- sein, zur Lösung der Aufgabe der Erkenntnis in das System der Wahr- nehmungen eingesetzt werden. Denn das Erkennen vermag nicht an die Stelle von Erlebnis eine von ihm unabhängige Realität zu setzen. Es vermag nur, das in Erleben und Erfahren Gegebene auf einen Zusam- menhang von Bedingungen zurückzuführen, in welchem es begreiflich wird. Es kann die konstanten Beziehungen von Teilinhalten feststellen, welche in den mannigfachen Gestalten des Naturlebens wiederkehren. Verläßt man daher den Erfahrungsbezirk selber, so hat man es nur mit erdachten Begriffen zu tun, aber nicht mit Realität, und die Atome sind unter diesem Gesichtspunkte, wenn sie Entitäten zu sein bean- spruchen, nicht besser als die substantialen Formen: sie sind Geschöpfe des wissenschaftlichen Verstandes.

3. Die Bedingungen, welche die mechanische Natur- erklärung sucht, erklären nur einen Teil Inhalt der äußeren Wirklichkeit. Diese intelligible Welt der Atome, des Äthers, der Vibrationen ist nur eine absichtliche und höchst kunstvolle Abstraktion aus dem in Erlebnis und Erfahrung Gegebenen. Die Aufgabe war, Bedingungen zu konstruieren, welche die Sinneseindrücke in der exak- ten Genauigkeit quantitativer Bestimmungen abzuleiten und sonach künftige Eindrücke vorauszusagen gestatten. Das System der Bewe- gungen von Elementen, in welchem diese Aufgabe gelöst wird, ist nur ein Ausschnitt der Realität. Denn schon der Ansatz unveränderlicher qualitätsloser Substanzen ist eine bloße Abstraktion, ein Kunstgriff der Wissenschaft. Er ist dadurch bedingt, daß alle wirkliche Verände- rung aus der Außenwelt in das Bewußtsein hinübergeschoben wird, wodurch denn die Außenwelt von den lästigen Veränderungen der sinn- lichen Eigenschaften befreit wird. Das Medium von Klarheit, in wel- chem hier die leitenden Begriffe von Kraft, Bewegung, Gesetz, Element schweben, ist nur die Folge davon, daß die Tatbestände durch Ab- straktion von allem befreit sind, was der Maßbestimmung unzugäng- lich ist. Und daher ist dieser mechanische Naturzusammenhang zu- Diltheys Schriften I 24 37^ Zweites Buch. Vierter Abschnitt nächst sicher ein notwendiges und fruchtbares Symbol_, das in Quanti- täts- und Bewegungsverhähnissen den Zusammenhang des gesamten Geschehens in der Natur ausdrückt^ aber was er mehr sei als dies, darüber kann kein Naturforscher etwas aussagen, will er nicht den Boden der strengen Wissenschaft verlassen.

4. Der Zusammenhang der Bedingungen, welchen die me- chanische Naturerklärung aufstellt, kann vorläufig noch nicht an allen Punkten der äußeren Wirklichkeit aufgezeigt werden. Der organische Körper bildet eine solche Grenze der mechanischen Naturerklärung. Der Vitalismus mußte anerkennen, daß die physikali- schen und chemischen Gesetze nicht an der Grenze des organischen Körpers wirksam zu sein aufhören. Hat sich aber die Naturforschung das umfassende Problem gestellt^ unter Eiiminierung der Lebenskraft aus dem mechanischen Naturzusammenhang die Prozesse des Lebens, seine organische Form, seine Bildungsgesetze und seine Entwicklung, endlich die Art der Spezialisierung des Organischen in Typen abzu- leiten, so ist dies Problem heute noch ungelöst.

5. Aus der Natur dieses Verfahrens der Aufsuchung von Bedin- gungen für die äußere Wirklichkeit ergibt sich eine weitere Folge. Man kann sich nicht versichern, ob nicht noch weitere Be- dingungen in den Tatsachen versteckt sind, deren Kenntnis eine ganz andere Konstruktion erforderlich machen würde. Ja v/enn wir einen weiteren Kreis von Erfahrungen besäßen, so würden vielleicht diese von uns konstruierten Gedankendinge durch solche von einer weiter zurückliegenden, gleichsam mehr primären Beschaffenheit er- setzt werden. Hierauf leitet sogar positiv der noch unerklärte Rest, welcher die Metaphysiker bestimmt hat, von dem Ganzen, von der Idee auszugehen. Denn betrachtet man die Elemente als Ur- data, so muß die Betrachtung in einen Abgrund von Bedenken stürzen, daß diese Elemente aufeinander wirken, gemeinsames Verhalten zei- gen und vermittels desselben zum Aufbau zweckmäßig sich bewe- gender Organismen zusammenwirken. Die mechanische Naturerklä- rung kann die ursprüngliche Anordnung, aus welcher dieser gedanken- mäßige Zusammenhang hervorgeht, vorläufig nur als zufällig ansehen. Der Zufall ist aber die Aufhebung der Denknotwendigkeit, welche zu finden der Wille der Erkenntnis sich in der Naturwissenschaft in Be- wegung setzt.

6. Die Naturwissenschaft gelangt so nicht zu einem einheit- lichen Zusammenhang der Bedingungen des Gegebenen, welchen aufzusuchen sie doch ausgegangen war. Denn die Gesetze der Natur, unter denen alle Stoffelemente gemeinsam stehen, können nicht dadurch erklärt werden, daß sie dem einzelnen Stoffelement als sein Gegensatz des metaphysischen Geistes und der modernen Naturwissenschaft 371 Verhalten zugeschrieben werden. Die Analysis ist zu den beiden End- punkten, dem Atom und dem Gesetz, gelangt, und wie das Atom im na- turwissenschaftlichen Denken als Einzelgröße benutzt wird, liegt in ihm nichts, was mit dem System von Gleichförmigkeiten in <ler Natur in einen Erkenntniszusammenhang gebracht werden könnte. Daß ein Massenteilchen im System der Relationen dasselbe Verhalten als ein anderes zeigt, ist aus seinem Charakter als Einzelgröße nicht erklär- lich, ja erscheint von ihm aus als schwer faßbar. Und wie zwischen unveränderlichen Einzelgrößen ein Kausalzusammenhang stattfinden soll, ist nun gar vollständig unvorstellbar. Unser Verstand muß die Welt wie eine Maschine auseinandernehmen, um zu erkennen; er zer- legt sie in Atome; daß aber die Welt ein Ganzes ist, kann er aus diesen Atomen nicht ableiten. Wir ziehen wiederum eine Folgerung aus der geschichtlichen Darlegung. Dieser letzte Befund der Analysis der Na- tur in der modernen Naturwissenschaft ist demjenigen analog, zu wel- chem wir die Metaphysik der Natur bei den Griechen gelangen sahen: den substantialen Formen und der Materie. Das Naturgesetz korre- spondiert der substantialen Form, das Massenteilchen der Materie. Und zwar stellt sich in diesen isolierten Befunden schließlich nur der Unterschied von Eigenschaften dar, welche für die Einheit des Bewußtseins in Gleichförmigkeiten sich aufschließen, und dem, was ihnen als einzelne Positivität zugrunde liegt, kurz die Natur des Urteils, sonach des Denkens.

So ist selbst für die isolierte Naturbetrachtung der Monismus nur ein Arrangement, in welchem die Beziehung von Eigenschaf- ten und Verhalten auf das, was sich verhält, notwendig ist, da sie aus der Natur des Bewußtseinsphänomens Wirklichkeit richtig geschöpft vv^ird, aber die Herstellung dieser Beziehung bindet nur aneinander, was innerlich nicht zusammengehört: die einzelne Atomgröße und den gedankenmäßigen, gleichförmigen Zusammenhang, der für unser Be- wußtsein stets auf eine Einheit zurückweist. Überschreitet jedoch der naturwissenschaftlicher Monismus die Grenzen der Außenwelt und zieht auch das Geistige in den Bereich seiner Erklärung, alsdann hebt die Naturforschung ihre eigene Bedingung und Voraussetzung auf; aus dem Willen der Erkenntnis schöpft sie ihre Kraft, ihre Erklärungen aber können diesen in seiner vollen Realität nur verneinen.

Der Rückstand, der so der wissenschaftlichen Erklärung zurück- bleibt, ist tatsächlich in dem Bewußtsein verbunden mit dem ganzen Verhältnis zur Natur, welches in der Totalität unseres geistigen Lebens gegründet ist und aus welchem sich die moderne wissenschaftliche Naturbetrachtung differenziert und verselbständigt hat. Wir haben nachgewiesen, daß in dem Geist von Plato oder Aristoteles, von Augn- 372 Zweites Buch. Vierter Abschnitt stinus oder Thomas von. Aquino diese Differenzierung noch nicht be- stand; in ihre Betrachtung der Naturformen war noch das Bewußtsein von Vollkommenheit, von gedankenmäßiger Schönheit des Weltalls untrennbar verwebt. Die Sonderung der mechanischen Naturerklärung aus diesem Zusammenhang des Lebens, in welchem uns die Natur ge- geben ist, hat erst den Zweckgedanken aus der Naturwissenschaft aus- gestoßen. Er bleibt jedoch in dem Zusammenhang des Lebens, wel- chem die Natur gegeben ist, enthalten, und wenn man die Teleologie im Sinne der Griechen als dies Bewußtsein von dem gedankenmäßigen, unserem inneren Leben entsprechenden schönen Zusammenhang er- kennt, ist diese Idee von Zweckmäßigkeit im Menschengeschlechte unzerstörbar. In den Formen, Gattungen und Arten der Natur bleibt ein Ausdruck dieser immanenten Zweckmäßigkeit enthalten und wird selbst von den Darwinisten nur weiter zurückgeschoben. Auch steht dieses Bewußtsein der Zweckmäßigkeit in einem inneren Verhältnis zu der Erkenntnis der Gedankenmäßigkeit der Natur, kraft welcher in ihr nach Gesetzen Typen hervorgebracht werden. Diese Gedanken- mäßigkeit ist aber streng beweisbar. Denn gleichviel wovon unsere Eindrücke Zeichen sind, der Verlauf unseres Naturwissens vermag, die Koexistenz und Sukzession dieser Zeichen, welche in einem festen Verhältnis zu dem im Willen gegebenen anderen stehen, in ein System aufzulösen, welches den Eigenschaften unseres Erkennens entspricht. Mit der JNIacht einer unwiderstehlichen Naturerscheinimg hat sich zugleich mit der Durchführung der mechanischen Naturerklärung das tiefe Bewußtsein des Lebens in der Natur, wie es in der Totalität un- seres eigenen Lebens gegeben ist, in der Poesie ausgesprochen; nicht als eine Art von schönem Schein oder von Form (wie Vertreter der for- malen Ästhetik annehmen würden), sondern als gewaltiges Lebens- gefühl; zunächst in der Naturempfindung von Rousseau, dessen Lieb- lingsneigungen naturwissenschaftliche waren, alsdann aber in Goethes Poesie und Naturphilosophie. Dieser bekämpfte mit leidenschaft- lichem Schmerz, vergebens, ohne die Hilfsmittel klarer Auseinander- setzung, die sicheren Resultate der Newtonschen mechanischen Natur- erklärung, indem er diese als Naturphilosophie betrachtete, nicht als das, was sie war: Entwicklung eines in der Natur gegebenen Teilzu- sammenhangs als abstraktes Hilfsmittel der Erkenntnis und Benutzung der Natur. Ja selbst Schiller hat der wissenschaftlichen Analysis, welche zerlegt und tötet, die Synthesis künstlerischer Betrachtung gegenüber- gestellt, als ein Verfahren von einem höheren Grad gleichsam meta- physischer Wahrheit, und hat dementsprechend in seiner Ästhetik die Erfassung des selbständigen Lebens in der Natur dem Künstler zuge- schrieben. So ist in dem Differenzierungsprozeß des Seelenlebens und Das Bewußtsein des Lebens in der Natur 373 der Gesellschaft das Heilige, Unverletzliche, Allgewaltige, was als Na- tur unserem Leben tatsächlich gegeben ist, von Dichtern und Künst- lern geliebt und dargestellt worden, während es einer wissenschaft- lichen Behandlung nicht zugänglich ist. Und hier ist weder der Dichter zu schmähen, der von dem erfüllt ist, was für die Wissenschaft gar nicht da sein kann, noch der Forscher, der von dem nichts weiß, was dem Dichter die glücklichste Wahrheit ist. In der Differenzierung des Lebens der Gesellschaft hat ein System wie die Poesie seine Funk- tion stets modifiziert. Die Dichtung hat seit der Herstellung der me- chanischen Naturauffassung das in sich verschlossene, keiner Erklä- rung zugängliche große Gefühl des Lebens in der Natur aufrecht- erhalten, wie sie überall schützt, was erlebt wird, aber nicht begriffen werden kann, daß es nicht in den zerlegenden Operationen der ab- strakten Wissenschaft sich verflüchtige. In diesem Sinne ist was Car- lyle und Emerson geschrieben haben eine gestaltlose Poesie. Während daher jene populären Darstellungen der Natur, welche in die harten klaren Vorstellungen des das Sinnliche zerlegenden Verstandes ein täuschendes Spiel von innerer Lebendigkeit sentimental hineinverlegen, eine verwerfliche Zwitterbildung sind; während die deutsche Naturphilosophie eine Verwirrung der Naturerkenntnis durch Hineintragung des Geistes und eine Herabminderung des Geistigen durch Versenkung in die Natur war, behält die Dichtung ihre unsterbliche Aufgabe.

Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, Worum ich bat. Du hast mir nicht umsonst Dein Angesicht im Feuer zugewendet.

Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich, Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur, Vergönnest mir in ihre tiefe Brust, Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen.

Du führst die Reihe der Lebendigen Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

DRITTES KAPITEL DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN Aus der Metaphysik löste sich ein zweiter Zusammenhang von Wissenschaften, der ebenfalls eine in unserer Erfahrung gegebene Wirklichkeit zum Gegenstande hat und dieselbe aus ihr allein erklärt. Auch hier hat die Analysis für immer die Begriffe zerstört, durch welche die metaphysische Epoche die Tatsachen gedeutet hatte. So ist die metaphysische Konstruktion der Gesellschaft und Geschichte, welche das Mittelalter geschaffen hatte, nicht nur an den dargelegten 374 Zweites Buch. Vürter Abschnitt Widersprüchen und Lücken der Beweisführung zugrunde gegangen, sondern indem ihre Allgemeinvorstellungen durch eine wirkliche Zer- legung in den Einzelwissenschaften des Geistes ersetzt zu werden be- gannen.

Zwischen der Schöpfung Adams und dem Weltuntergang hatte diese Metaphysik die Fäden ihres Netzes von Allgemeinvorstellungen ausgespannt. In der humanistischen Epoche begann Herstellung eines ausreichenden geschichtlichen Materials, Kritik der Quellen, Arbeit nach philologischer Methode. So wurde das wirkliche Leben der Grie- chen vermittels ihrer Dichter und Geschichtschreiber wieder sicht- bar. Ja wie wir emporsteigend immer entfernter liegende Landschaften und Städte gewahr werden, so hat sich der geschichtliche Überblick den aufwärts schreitenden neueren Völkern immer mehr erweitert, und der mythische Anfang des Menschengeschlechts verschwand nun vor einer Forschung, welche den geschichtlichen Zügen in der ältesten Überlieferung nachging. Hierzu trat die Erweiterung des räumlichen, geographischen Horizontes der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Schon den Abenteurern, welche in die neuen Weltteüe jenseit des Ozeans vor- andrangen, traten Völker von niederer Kulturstufe und von abweichen- dem Typus entgegen. Unter der Gewalt dieser neuen Eindrücke hat man gelegentlich einen schwarzen, einen roten und einen veißen Adam unterschieden. Das historische Gerüst der Metaphysik der Geschichte brach zusammen. Überall hat die historische Kritik das Gewebe der Sagen, Mythen und Rechtsfabeln zerstört, durch welche die theokratische Gesellschaftslehre die Institutionen mit dem Willen Gottes ver- knüpfte.