SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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Blieb aber nicht eine metaphysische Konstruktion übrig,, welche die nunmehr von der Arbeit philologischer imd histori- scherKritik reinlich festgestelltenTatsachen zu einem sinn- vollen Ganzen verknüpfen würde? Die mittelalterliche Vorstel- lung hatte die Einheit des Menschengeschlechtes durch ein reales Band erklärt, wie ein solches als Seele die Teile eines Organismus vereinige, und eine solche Vorstellung wurde nicht durch die historische Kritik zerstört wie die von der Schenkung Konstantins. Sie hatte von ihrem theokratischen Gedanken aus den Zusammenhang der Geschichte einer teleologischen Deutung unterworfen, und auch diese wurde von den Ergebnissen der Klritik nicht direkt vernichtet. Aber nachdem ein- mal die festen Prämissen dieser teleologischen Deutung in der histori- schen Tradition von Anfang, Mitte und Ende der Geschichte sowie in der positiv theologischen Bestimmung ihres Sinns sich aufgelöst hat- ten, trat nun die grenzenlose Vieldeutigkeit des geschicht- lichen Stoffes hervor. Hierdurch wurde die Unbrauchbarkeit Zerstörung des historischen Gerüstes der Metaphysik der Geschichte 375 eines teleologischen Prinzips der Geschichtserkenntnis nachgewiesen. Wie denn veraltete Dogmen zumeist weniger dem di- rekten Argument erliegen als dem Gefühl der Nichtübereinstimmung mit dem auf anderen Gebieten des Wissens Erworbenen. Die Kausal- untersuchung und das Gesetz wurden von der Naturforschung auf die Geistes'wissenschaften übertragen; so wurde der ganze Unterschied des Erkenntniswertes von teleologischen Ausdeutungen und von v/irklichen Erklärungen besser als durch jedes Argument deutlich, als man die Entdeckungen von Galilei und Newton mit den Behauptungen von Bos- suet verglich. Und im einzelnen hat die Anwendung derAnalysis auf die zusammengesetzten geistigen Erscheinungen und die aus ihnen abstrahierten AllgemeLnvorstellungen schrittweise diese Allge- meinvorstellungen und die aus ihnen gewebte Metaphysik der Geistes- wissenschaften aufgelöst.

Aber der Gang dieser Auflösung der metaphysischen Vorstellungen und der Herstellung eines selbständigen Zusammenhangs der auf un- befangene Erfahrung gegründeten Kausalerkenntnis ist auf dem Ge- biet der Geisteswissenschaften ein viel langsamerer gewesen als auf dem der Naturwissenschaften, und es muß dargelegt werden, wo- durch dies bedingt war. Das Verhältnis der geistigen Tatsachen zur Natur legte den Versuch einer Unterordnung insbesondere der Psycho- logie unter die mechanische Naturwissenschaft nahe. Und das berech- tigte Streben, Gesellschaft und Geschichte als ein Ganzes aufzufassen, hat sich nur langsam und schwer von den aus dem Mittelalter stam- menden metaphysischen Hilfsmitteln zur Lösung dieser Aufgabe ge- trennt. Dies beides erläutern die folgenden geschichtlichen Tatsachen, aber sie zeigen zugleich,, wie nebeneinander fortschreitend das Studium des Menschen, das der Gesellschaft und das der Geschichte die Schemen metaphysischer Erkenntnisse zerstört und überall lebensvolles, wir- kungskräftiges Wissen an ihre Stelle zu setzen begonnen haben.

Der Analysis der menschlichen Gesellschaft ist der Mensch sel- ber als lebendige Einheit gegeben i, und die Zergliederung dieser Lebenseinheit bildet daher ihr fundamentales Problem.^ Die Betrachtungsweise der älteren Metaphysik wird zunächst auf diesem Gebiet dadurch beseitigt, daß hinter die teleologische Gruppierung allgemeiner Formen des geistigen Lebens zurückgegangen wird auf erklärende Gesetze.

Die neuere Psychologie strebte also, die Gleichförmigkeiten zu erkennen, nach welchen ein Vorgang im psychischen Leben von an- deren bedingt ist. Hierdurch erwies sie die untergeordnete Bedeutung 376 Zweites Buch. Vierter Abschnitt der in der metaphysischen Epoche ausgebildeten Psychologie, welche für die einzelnen Vorgänge Klassenbegriffe aufgesucht und diesen Vermögen oder Kräfte untergelegt hatte. Es ist höchst interessant, in dem zweiten Drittel des siebzehnten Jahrhunderts zwischen den un- zähligen klassifizierenden W^erken diese neue Psychologie sich erheben zu sehen. Und zwar stand sie naturgemäß zunächst unter dem Einfluß der herrschenden Naturerklärung, innerhalb deren eine fruchtbare Me- thode zuerst durchgeführt worden war. Der Einführung der mecha- nischen Naturerklärung durch Galilei und Descartes folgte da- her unmittelbar die Ausdehnung dieser Erklärungs weise auf den Menschen und den Staat durch Hobbes und danach durch Spinoza.

Spinozas Satz: mens conatur in suo esse perseverare indefinite quadam duratione et hujus sui conatus est conscia stammt aus den Prinzipien der mechanischen Schule i; er ordnet augenscheinlich dem Naturbegriff der Trägheit das Lebendige des um sich greifenden Wil- lens unter. Nach denselben Prinzipien ist der weitere Aufbau einer Mechanik der psychischen Totalzustände (affectus) bei Spinoza durch- geführt. Er zieht Gesetze hinzu, denen gemäß psychische Totalzu- stände auf ihre Ursachen zurückbezogen, nach Gleichheit und Ähn- lichkeit zurückgerufen und fremde Gemütszustände in der Sympathie auf das Eigenleben übertragen werden. Wohl war diese Theorie höchst unvollkommen. Der tote und starre Begriff der Selbsterhaltung drückt den Lebensdrang nicht zureichend aus; wenn wir die Theorie durch den Satz ergänzen, daß die Gefühle ein Innewerden der Zustände des Wülens sind, so kann nur ein Teil der Gefühlszustände dieser Voraus- setzung untergeordnet werden; und die Sympathie wird nur durch einen Trugschluß aus der Selbsterhaltung abgeleitet.- Aber die außerordent- liche Bedeutung von Spinozas Theorie lag darin, daß sie im Geiste der großen Entdeckungen der Mechanik und Astronomie die scheinbar regellosen und von Willkür geleiteten Totalzustände des psychischen Lebens dem einfachen Gesetz der Selbsterhaltung unterzuordnen den Versuch machte. Dies geschieht, indem die Lebenseinheit, der Modus Mensch, welcher sich zu erhalten strebt, in das System der Bedingun- gen gleichsam hineingezeichnet wird, welches sein Milieu bildet. Da- durch, daß für die Selbsterhaltung Förderungen von außen und Hem- mungen in diesem Zusammenhang abgeleitet und die so entstehenden ^ Diesen Ursprung von Eth. HI, prop. 6 — 9 zeigt deutlich die Begründung in prop. 4: nulla res nisi a causa externa potest destrui, ein Satz der nur von Einfachen gelten kann, sonach nicht ohne weiteres auf die mens übertragbar ist und nur durch Übertragung von dem Logischen auf das Metaphysische gemäß Spinozas falscher Grundvoraussetzung be- wiesen ist.

' Spinoza, Eth. III, prop. 16 und 27.

Auffindung von Gesetzen d. geistigen Lebens. Sie beseitigt d. metaphys. Psychologie 377 Affektionen unter Grundgesetze der Verkettung psychischer Zustände gestellt werden, entsteht ein Schema des Kausalsystems der psychi- schen Zustände. Feste Stellen werden bezeichnet, an welchen in den so entworfenen mechanischen Zusammenhang die einzelnen psychi- schen Erlebnisse eingesetzt werden. Die Definitionen der Totalzu- stände sind nur solche Bestimmungen der Stelle derselben in der Kon- struktion des Mechanismus der Selbsterhaltung, und ihnen fehlte nur die quantitative Bestimmung, um äußerlich den Anforderungen einer Erklärung zu entsprechen.

David Hume, welcher über zwei Generationennach Spinoza des- sen Werk fortsetzte, verhält sich zu Newton genau so wie Spinoza zu Galilei und Descartes. Seine Assoziationstheorie ist ein Versuch, nach dem Vorbild der Gravitationslehre Gesetze des Aneinanderhaftens von Vorstellungen zu entwerfen. „Die Astronomen", so erklärt er, „hatten sich lange begnügt, aus den sichtbaren Erscheinungen die wahren Be- wegungen, die wahre Ordnung und Größe der Himmelskörper zu be- weisen, bis sich endlich ein Philosoph erhob, welcher durch ein glück- liches Nachdenken auch die Gesetze und Kräfte bestimmt zu haben scheint, durch welche der Lauf der Planeten beherrscht und geleitet wird. Das gleiche ist auf anderen Gebieten der Natur vollbracht worden. Und man hat keinen Grund, an einem gleichen Erfolg bei den Unter- suchungen der Kräfte und der Einrichtung der Seele zu verzweifeln, wenn dieselben mit gleicher Fähigkeit und Vorsicht angestellt werden. Es ist wahrscheinlich, daß die eine Kraft und der eine Vorgang in der Seele von dem andern abhängt." i So begann die erklärende Psychologie in der Unterordnimg der geistigen Tatsachen unter den mechanischen Naturzusammenhang, imd diese Unterordnung wirkte bis in die Gegenwart. Zwei Theoreme haben die Grundlage des Versuchs gebildet, einen Mechanismus des geistigen Lebens zu entwerfen. Die Vorstellungen, welche von den Eindrücken zurückbleiben, werden als feste Größen behandelt, die immer neue Verbindungen eingehen, aber in ihnen dieselben bleiben, und Gesetze ihres Verhaltens zueinander werden aufgestellt, aus denen die psychi- schen Tatsachen von Wahrnehmung, Phantasie usw. abzuleiten die Aufgabe ist. Hierdurch wird eine Art von psychischer Atomistik er- möglicht. Jedoch werden wir zeigen, daß die eine wie die andere dieser beiden Voraussetzungen falsch ist. Sowenig als der neue Frühling die alten Blätter auf den Bäumen nur wieder sichtbar macht, werden die Vorstellungen des gestrigen Tages am heutigen, nur etwa dunkler, wiedererweckt; vielmehr baut sich die erneuerte Vorstellung von einem * Hume, inquiry conc. human understanding, sect. i.

378 Zweites Buch. Viertel- Abschnitt bestimmten inneren Gesichtspunkte aus auf, wie die Wahrnehmung von einem äußeren. Und die Gesetze der Reproduktion von Vorstellungen bezeichnen zwar die Bedingungen, unter welchen das psychische Leben wirkt, doch ist unmöglich, aus diesen den Hintergrund unseres psychi- schen Lebens bildenden Prozessen einen Schlußvorgang oder einen Willensakt abzuleiten. Die psychische Mechanik opfert das, dessen wir in innerer Wahrnehmung innewerden, einem mit den Analogien der äußeren Natur spielenden Räsonnement auf. Und so hat die von der Naturwissenschaft geleitete erklärende Psychologie, in deren Bahnen sich später auch Herbart bewegte, die klassifizierende der älteren meta- physischen Schulen zerstört und die wahre Aufgabe der Seelenlehre im Sinne der modernen Wissenschaft gezeigt; wo sie aber selber von der Metaphysik der Naturwissenschaften beeinflußt -wnirde, vermag sie nicht, ihre Behauptungen aufrechtzuerhalten. Auch auf diesem Gebiete vernichtet die Wissenschaft die Metaphysik, die alte wie die neue.

Das nächste Problem der Geisteswissenschaften bilden die Sy- steme der Kultur, welche in der Gesellschaft untereinander verwoben sind, sowie die äußere Organisation derselben, sonach Erklärung und Leitung der Gesellschaft.

Die Wissenschaften, welche dieses Problem behandeln, begreifen ganz verschiedene Klassen von Aussagen in sich: Urteile, welche die Wirklichkeit aussprechen, und Imperative sowie Ideale, welche die Ge- sellschaft leiten wollen. Das Denken über die Gesellschaft hat seine tiefste Aufgabe in der Verknüpfung der einen Klasse von Aussagen mit der anderen. Die metaphysischen und theologischen Prinzipien des Mittelalters hatten eine solche ermöglicht, vermittels des Bandes, durch welches die Gottheit und das ihr einwohnende Gesetz mit dem Organismus des Staates, dem mystischen Körper der Christenheit ver- bunden war. Der zeitige Zustand der Gesellschaft, die Summe der Tra- ditionen, die in ihr angesammelt war, und das Gefühl von Autorität höherer Abkunft, das sie durchdrang, standen in dieser Metaphysik mit dem Gedanken Gottes in wohlgefügter Verbindung. Dieser Verband wurde nun schrittweise gelockert. Das geschah auch hier, indem die Analysis hinter den äußeren teleologischen Zusammen- hang nach Formbegriffen jetzt zurückging und einen Zusam- menhang nach Gesetzen aufsuchte. Es wurde ermöglicht durch Anwendung der erklärenden Psychologie und Ausbildung der abstrak- ten Wissenschaften, welche die Grundeigenschaften der innerhalb der einzelnen Lebenskreise (Recht, Religion, Kunst usw.) zusammengehörigen Teilinhalte entwickeln. So wurden die Zweckvorstellungen des Aristoteles und der Scholastiker durch angemessene Kausalbegriffe, die allgemeinen Formen durch Gesetze, die transzendente Begründung Auflösung der Metaphysik der Gesellschaft durch wirkliche Analysis 379 durch eine immanente und im Studium der menschlichen Natur ge- wonnene ersetzt. Damit war die Stellung der älteren Metaphysik zu den Tatsachen der Gesellschaft und Geschichte überwunden.

Indem wir erläutern^ wie die moderne Wissenschaft die theologi- sche und metaphysische Auffassung der Gesellschaft zersetzt hat^ schränken wir uns auf die erste Phase ein, die mit dem achtzehnten Jahrhundert abgeschlossen hinter uns liegt. Zunächst entstand näm- lich das natürliche System ^ der Erkenntnis der menschlichen Gesell- schaft, ihrer Zweckzusammenhänge wie ihrer äußeren Organisation, wie es das siebzehnte und achtzehnte Jahrhundert ausgebildet haben: eine nicht minder großartige, wenn auch weniger haltbare Schöpfung als die Begründung der Naturwissenschaft.

Denn dieses natürliche System bedeutet, daß die Gesellschaft hinfort aus der menschlichen Natur verstanden werden wird, aus der sie entsprungen ist. In diesem System haben die Wissenschaften des Geistes zuerst üir eigenes Zentrum gefunden — die menschliche Natur. Insbesondere ging nun die Analysis auf die psychologischen Wahrheiten zweiter Ordnung (wie wir sie genarmt haben) zurück. Sie entdeckte in dem Seelenleben des Individuums auch die Triebfedern des praktischen Verhaltens und überwand so den alten Gegensatz zwi- schen theoretischer und praktischer Philosophie. Der Ausdruck dieser wissenschaftlichen Umwälzung in der systematischen Gliederung ist, daß an die Stelle des Gegensatzes der theoretischen und praktischen Philosophie der einer Grundlegung für die Wissenschaften der Natur und einer solchen für die Wissenschaften des Geistes tritt. In der letzteren ist das Studium der Erklärungsgründe für Urteile über Wirklichkeit verbunden mit dem der Erklärungsgründe für Wertaus- sagen und Imperative, wie sie das Leben des einzelnen und der Gesell- schaft zu regeln bestimmt sind.

Die Methode, nach welcher das natürliche System Religion, Recht, Sittlichkeit, Staat behandelte, war unvollkommen. Sie war vorherrschend von dem mathematischen Verfahren bestimmt, welches für die mechanische Naturerklärung so außerordentliche Ergebnisse gehabt hatte. Condorcet war der Überzeugung, daß die Menschen- rechte durch ein ebenso sicheres Verfahren entdeckt worden seien, als das der Mechanik ist. Sieyes glaubte die Politik als Wissenschaft vollendet zu haben. Die Grundlage des Verfahrens bildete ein ab- ^ Mit diesem Namen bezeichnen wir die als Naturrecht, natürliche Theologie, natür- liche Religion usw. sich ankündigenden Theorien, deren gemeinsames Merkmal die Ab- leitung der gesellschaftlichen Erscheinungen aus dem Kausalzusammenhang im Menschen war, gleichviel ob der Mensch nach psychologischer Methode studiert oder biologisch aus dem Naturzusammenbang erklärt wurde.

380 Zweites Buch. Vierter Abschnitt straktes Schema der Menschennatur^ welches in wenigen und allgemeinen psychischen Teilinhalten den Erklärungsgrund für die Tatsachen des geschichtlichen Lebens der Menschheit aufstellte. So war noch eine falsche metaphysische Methode mit den Ansätzen einer fruchtbaren Zergliederung vermischt. Aber so arm dieses natürliche System uns heute erscheinen mag, das metaphysische Stadium der Erkenntnis der Gesellschaft wurde definitiv durch diese dürf- tigen Sätze der natürlichen Theologie über die Religion, der Theoreti- ker des moralischen Sinns über Sittlichkeit, der physiokratischen Schule über das Wirtschaftsleben usw. überwunden. Denn diese Sätze entwickeln die Grundeigenschaften der innerhalb dieser Systeme der Gesellschaft zusammengehörigen TeUinhalte, setzen diese Grund- eigenschaften mit der menschlichen Natur in Beziehung, und so er- öffnen dieselben in das innere Wirken der Faktoren des gesellschaft- lichen Lebens einen ersten Einblick.

Das letzte und am meisten verwickelte Problem der Geisteswissen- schaften bildet die Geschichte. Die im natürlichen System enthal- tenen Analysen wurden nun auf den geschichtlichen Verlauf angewandt. Indem derselbe dementsprechend in den verschiedenen relativ selb- ständigen Lebenssphären verfolgt wurde, schwand die theologische Ein- seitigkeit und der rohe Dualismus des Mittelalters. Indem die Antriebe der geschichtlichen Bewegung in der Menschheit selber aufgesucht wurden, endete die transzendente Geschichtsauffassung. Eine freiere umfassendere Betrachtung trat hervor. Aus der mittelalterlichen Meta- physik der Geschichte löste sich durch die Arbeit der Geisteswissen- schaften im achtzehnten Jahrhundert eine universalhistorische Ansicht, deren Kern der Entwicklungsgedanke ist.

Die Seele des achtzehnten Jahrhunderts ist, untrennbar verbun- den, Aufklärung, Fortschritt des Menschengeschlechts und Idee von Humanität. In diesen Begriffen ist dieselbe Realität, wie sie das acht- zehnte Jahrhundert beseelt, von verschiedenen Seiten angesehen und ausgedrückt. — Die Macht des Bewußtseins vom Zusammenhang des Menschengeschlechts, wie das Mittelalter es metaphysisch ausgesprochen hatte, dauert fort. Im siebzehnten Jahrhundert war das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit des Menschengeschlechtes noch vorwiegend religiös begründet und wurde nur auf die wissenschaftliche Gemeinschaft ausgedehnt, dagegen galt auf weltlichem Gebiet das homo homini lupus, wie dieser Gegensatz durch Spinozas System so sonderbar hindurchgeht; nun erwuchs, insbesondere getragen von der Schule der Ökonomisten und dem gemeinsamen Interesse der Auf- klärung und Toleranz, in den verschiedenen Ländern eine Solidarität auch der weltlichen Interessen. So setzte sich die metaphysische Be- Anwendung der Einzelwissenschaften der Gesellschaft auf die Geschichte 38 1 gründung des Zusammenhangs im Menschengeschlecht in die allmäh- lich anwachsende Erkenntnis der realen Verbindungen um, welche In- dividuum an Individuum ketten. ^ — Andererseits bildete sich das ge- schichtliche Bewußtsein fort. Der Gedanke vom Fortschritt des Menschengeschlechtes beherrschte das Jahrhundert. Auch er war in dem geschichtlichen Bewußtsein des Mittelalters angelegt, welches einen inneren und zentralen Fortgang in dem Status hominis erkannt hatte. Aber es bedurfte erheblicher Veränderungen in den Vorstellun- gen und Gefühlen, damit er sich frei entfaltete. Schon im siebzehnten Jahrhundert wurde die Vorstellung von einem historischen Zustand der Vollkommenheit am Anfang der Menschheitsgeschichte verwor- fen. Damals wurde, zusammenhängend mit dem Fortschritt zu einer selbständigen Literatur und Wissenschaft, im Gegensatz gegen die Zeit der Renaissance, der Gedanke lebhaft erörtert, daß die modernen Völ- ker der alten Welt in bezug auf die Wissenschaften und die Literatur überlegen seien. Nun geschah das Wichtigste: dem mittelalterlichen Kirchenglauben und in vermindertem Grade dem altprotestantischen waren die erhabensten Gefühle des Menschen, der Kreis seiner Vor- stellungen von den höchsten Dingen, seine Lebensordnung etwas in sich Fertiges, Abgeschlossenes gewesen; indem dieser Glaube zurücktrat, war es als ob ein Vorhang weggezogen würde, der den Blick auf die Zukunft des Menschengeschlechtes bis dahin gehindert hätte; das gewaltige und fortreißende Gefühl einer unermeßlichen Entwick- lung des Menschengeschlechtes trat hervor. Wohl besaßen die Alten schon ein klares Bewußtsein des geschichtlichen Fortschritts der Menschheit in bezug auf Wissenschaften und Künste, ^ Bacon ist von demselben erfüllt und hebt hervor, daß das Menschengeschlecht nun- mehr in ein Alter von Reife und Erfahrung getreten und daher die Wissenschaft der Neueren der des Altertums überlegen sei.^ Pascal hatte diese Stelle Bacons vor Augen, als er schrieb: „der Mensch unter- richtet sich unaufhörlich in seinem Fortschreiten; denn er zieht nicht nur aus seiner eigenen Erfahrung Vorteil, sondern auch aus der seiner Vorgänger. Alle Menschen insgesamt bilden in den Wissenschaften einen einzigen fortschreitenden Zusammenhang, derart, daß die ganze * Als Condorcet 1782 in die französische Akademie eintrat, erklärte er: „Le v6ri- table int^ret d'une nation n'est jamais separd de l'int^ret gineral du genre humain, la nature n'a pu vouloir fonder le bonheur d'un peuple sur le malheur de ses voisins, ni opposer l'une ä l'autre deux vertus qu'elle inspire 6galement; l'amour de la patrie et celui de rhumanit^." (Condorcet, Discours de reception i l'acaddmie fran9aise 1782 CEuvres VIT, 113.)

* TTapci )xhi TCtp ^viujv irapeiXrjqpain^v Tivac &6Hac, oi hk xoO Y^v^cGai toutouc aiTioi •\e\bva.ON. So Pseudo- Aristoteles, Metaph. II (a), i p. 993b 18, vgl. das ganze Kapitel.

' Bacon, novum Organum I, 84.

3^2 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Abfolge der Menschen während des Verlaufs von soviel Jahrhunderten als ein einziger Mensch angesehen werden muß, der immer besteht und beständig lernt." Turgot und Condorcet erweiterten nun aber diese Gedanken, indem sie die Wissenschaft als die leitende Macht in der Geschichte betrachteten und mit ihrem Fortgang den der Aufklärung und des Gefühls von Gemeinschaft in Zusammenhang setzten. Und in Deutschland wurde endlich der Punkt erreicht, an welchem die Auf- fassung der Gesellschaft nach dem natürlichen System in ein vv^ahres geschichtliches Bewußtsein überging. Herder fand in der Verfassung des Einzelmenschen dasjenige, was sich ändert und den geschicht- lichen Fortschritt ausmacht; das Organ, durch welches die Natur dieses Fortschritts in Deutschland studiert wurde, war die Kunst, insbesondere die Poesie; und das so entstehende Schema hat sich im Geiste Hegels zu einer universellen Betrachtung der Kulturentwicklung erweitert.

So geht der Fortschritt der Geisteswissenschaften durch das natürliche System zur entwicklungsgeschichtlichen Ansicht. „Will man", sagt Diderot, „eine kurze Geschichte fast unseres ganzen Elends kennen? Hier ist sie; es gab einen natürlichen Men- schen; in dessen Inneres führte man einen künstlichen Menschen ein. Hierauf entbrannte zwischen beiden ein Bürgerkrieg und dieser dauert bis zum Tode." Eine solche Entgegensetzung des Natürlichen und Geschichtlichen zeigt die Schranken der konstruktiven Methode des natürlichen Systems in greller Beleuchtung. Und wenn Voltaire schrieb: il faudra bouleverser la terre pour la mettre sous l'empire de la Philo- sophie, so entfaltet in ihm die Einseitigkeit des ungeschichtlichen Ver- standes, in welcher das natürliche System der Wirklichkeit gegenüber- gestellt wurde, ihre zerstörenden Folgen. Aber dasselbe natürliche System hat zuerst das große Objekt der geistigen Welt einer Analysis unterworfen, die auf die Faktoren gerichtet war. Es ging über die Klassenbegriffe durch eine wahre Zerlegung hinaus, wie dies am deut- lichsten die Analysis der Vorstellung des Nationalreichtums in der poli- tischen Ökonomie zeigt. Und die Zerlegung hat den wissenschaftlichen Geist von selber über die Schranken des natürlichen Systems hinausgeführt und das moderne geschichtliche Bewußtsein vorbereitet.

Der metaphysische Geist umspinnt freilich die Tatsachen der Ge- schichte und der Gesellschaft an imzähligen Punkten mit noch weit feineren Fäden: diese stammen aus dem natürlichen Vorstellen und Denken. Denn im Studium der Gesellschaft wiederholt sich dasselbe Verhältnis, welches wir in dem der Natur gewahrt haben. Die Ana- lysis trifft einerseits auf Individuen als Subjekte, andererseits auf prädi- kative Bestimmungen, welche als solche allgemein sein müssen. Daher erscheint, was in den letzteren enthalten ist, als eine Wesenheit zwi- Der Mensch bleibt als ausschließliches Objekt der Geschichte zurück 383 sehen und hinter den Individuen und wird als solche in Begriffen wi^ Recht, Religion, Kunst substantiiert. Diese feineren und unvermeid- lichen Täuschungen des natürlichen Denkens löst erst die Erkennt- nistheorie völlig auf. Sie wird zeigen: das Verhältnis der Subjekte zu den allgemeinen prädikativen Bestimmungen ist hier, wo wir in unse- rem Selbstbewußtsein dieser Subjekte und ihrer Selbständigkeit ge- wiß sind, ja die Kräfte kennen, die den prädikativen Bestimmungen zugrunde liegen, verschieden von dem Verhältnis, das in der Natur- wissenschaft zwischen Elementen und Gesetzen besteht; die Begriffe, die hier aus prädikativen Bestimmungen gebildet werden, sind anderer Beschaffenheit als die der Naturwissenschaften.

Es bleibt, wenn das graue Gespinnst abstrakter, substantialer Wesenheiten zerrissen ist, hinter ihm übrig — der Mensch, in ver- schiedenen Lagen einer zum anderen, innerhalb des Mittels der Natur. Jede Schrift, jede Reihe von Handlungen ist für uns in der Peripherie eines Menschen gelegen, und wir suchen zum Zentrum zu dringen. Ich nehme an, dieser Mensch sei Schleiermacher und seine Dialektik liege vor mir. Welche Gedanken dieses Buch auch im einzelnen ent- halte, ich finde in ihm den Satz von der Gegenwart des Gottesgefülils in allen psychischen Akten, und an diesem tiefsten Punkte berührt sich die Dialektik mit den Reden über Religion. So gehe ich von Werk zu Werk, ich kann das Zentrum zwar nicht erkennen, auf welches alle diese peripherischen Äußerungen hinweisen, aber ich kann es ver- stehen. — Nun finde ich, daß Schleiermacher einer Gruppe angehört, in der Schelling, Friedrich Schlegel, Novalis u. a. sich befinden. Eine solche Gruppe verhält sich analog, wie eine Klasse von Organismen; änden sich in einer solchen Klasse ein Organ, so ändern sich auch die korrespondierenden, steigert sich eines, so verkümmern andere. Ich schreite von Gruppe zu Gruppe, zu immer weiteren Kreisen. — Das Seelenleben hat sich in Kunst, Religion usw. differenziert, und nun entsteht die Aufgabe, die psychologische Grundlage dieses Vorgangs zu finden und dann sowohl den Verlauf in der Seele als den in der Gesellschaft aufzufassen, in welchem diese Differenzierung sich voll- zieht. — Weiter kann ich in einem Durchschnitt durch die mensch- liche Geschichte die Gesellschaft einer bestimmten Zeit allgemein oder bei einem einzelnen Volk studieren. Ich kann solche Durchschnitte aneinander halten und den Menschen aus der Zeit des Perikles mit dem aus der Zeit Leo des Zehnten vergleichen. Hier nähere ich mich dem tiefsten Problem, dem was am Menschenwesen in der Geschichte veränderlich ist. — Überall jedoch, üi all diesen Wendungen der Me- thode ist es immer der Mensch, welcher das Objekt der Untersuchung bildet, bald als ein Ganzes, bald in seinen Teilinhalten sowie in seinen 384 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Beziehungen. Indem dieser Standpunkt durdhgeführt werden wird, wer- den Gesellschaft und Geschichte zu der Behandlung gelangen_, welcbe auf diesem selbständigen Gebiet der mechanischen Erklärung inner- halb des Studiums von Naturerscheinungen entspricht. Dann ist die Metaphysik der Gesellschaft und Geschichte wirklich vergangen.

Finden nun vielleicht die Geisteswissenschaften, welche die Meta- physik eines Geisterreiches durch analytische Untersuchung verdrängt haben, in dem Menschen, 'dem Anfangs- und Endpunkte ihrer Ana- lysis, den Eingang in eine neue Metaphysik? Oder ist eine Metaphysik der geistigen Tatsachen in jeder Form unmöglich ge- worden?