Metaphysik als Wissenschaft, ja. Denn der Verlauf der intellek- tuellen Entwicklung zeigte, daß die Begriffe Substanz und Kausalität sich allmählich aus den lebendigen Erfahrungen unter den Anforderun- gen einer Erkenntnis der Außenwelt entwickelt haben. Daher können sie dem, der in der Welt der inneren Erfahrung heimisch ist, nicht mehr über diese sagen, als was aus ihr selber geschöpft ist: was sie mehr sagen, ist eine Hilfskonstruktion für die Erkenntnis der Außenwelt und darum auf das Psychische nicht anwendbar. Auch kann der Satz der metaphysischen Psychologie, welcher den selbständigen substan- tialen und unzerstörbaren Bestand der Seele behauptet, weder bewiesen noch widerlegt werden, vielmehr hat der Beweis aus der Einheit des Bewußtseins nur eine negative Tragweite. Einheit des Bewußtseins liegt jedem Vergleichungsurteil zugrunde, da wir in ihm verschiedene Empfindungen, z. B. zwei Nuancen von Rot, zugleich und in der- selben unteilbaren Einheit besitzen müssen: wie könnten wir des Unter- schiedes sonst innewerden? Nun kann aus der Konstruktion der Welt_, wie sie die mechanische Naturwissenschaft erschließt, diese Tatsache der Bewußtseinseinheit nicht abgeleitet werden. Dächte man sich selbst die Massenteilchen der Materie mit psychischem Leben ausgestattet, so könnte für das Ganze eines zusammengesetzten Körpers aus diesem Tatbestand ein einheitliches Bewußtsein nicht hervorgehen. Sonach ergibt sich, daß die mechanische Naturwissenschaft die Einheit der Seele als ein ihr gegenüber Selbständiges betrachten muß, aber es ist nicht ausgeschlossen, daß ein hinter diesen für die Erscheinungswelt gebildeten HUfsbegriffen bestehender Zusammenhang der Natur den Ursprung der Einheit der Seele in sich enthalte: das sind ganz tran- szendente Fragen.
Aber das Meta-Physische unseres Lebens als persönliche Erfah- rung d. h. als moralisch-religiöse Wahrheit bleibt übrig. Die Meta- physik — hier dürfen wir einen lang gesponnenen Faden zu Ende führen —, welche das Leben des Menschen in eine höhere Ordnung Jenseits der Wissenschaft das Meta-Physische des Lebens 385 zurückführte, hatte ihre Macht nicht, wie Kant in seiner abstrakten und ungeschichtlichen Denkweise annahm, kraft der Schlüsse einer theoretischen Vernunft besessen. Nie würde aus diesen die Idee der Seele oder der persönlichen Gottheit hervorgegangen sein. Vielmehr waren diese Ideen in der inneren Erfahrung begründet, mit ihr und der Besinnung über sie haben sie sich entwickelt, und gerade der Denk- notwendigkeit zum Trotz, welche nur einen Gedankenzusammenhang kennt, sonach höchstens zu einem Panlogismus gelangen kann, haben sie sich erhalten. — Nun entziehen sich aber die Erfahrungen des W^illens in der Person einer allgemeingültigen Darstellung, welche für jeden anderen Intellekt zwingend und verbindlich wäre. Dies ist eine Tatsache, welche die Geschichte mit tausend Zungen predigt. Sonach können sie auch nicht zu zwingenden metaphysischen Schlüssen ver- wandt werden. Während die psychologische Wissenschaft vergleichend Gemeinsamkeiten des Seelenlebens an den psychischen Einheiten fest- stellen kann, verbleibt doch die Inhaltlichkeit des menschlichen Wil- lens in der Burgfreiheit der Person. Hierin hat keine Metaphysik etwas ändern können, vielmehr hat jede mit dem Protest der hierin klaren religiösen Erfahrung zu kämpfen gehabt, von den ersten christlichen Mystikern ab, welche sich der mittelalterlichen Metaphysik gegenüber- stellten und darum nicht schlechtere Christen waren, bis auf Tauler und Luther. Nicht durch logische Folgerichtigkeit gezwungen, nehmen wir einen höheren Zusammenhang an, in den unser Leben und Sterben verwebt ist; es wird sich uns demnächst zeigen, wohin diese logische Folgerichtigkeit führt, wenn sie auf einen solchen Zusammenhang aus- gedehnt wird; vielmehr entspringt aus der Tiefe der Selbstbesinnung^ die das Erleben der Hingabe, der freien Verneinung unserer Egoität vorfindet und so unsere Freiheit vom Naturzusammenhang erweist, das Bewußtsein, daß dieser Wille nicht bedingt sein kann durch die Natur- ordnung, deren Gesetzen sein Leben nicht entspricht, sondern nur durch etwas, was dieselbe hinter sich zurückläßt. Diese Erfahrungen aber sind so persönlich, so dem Willen eigen, daß der Atheist dies Meta- Physische zu leben vermag, während die Gottesvorstellung in einem Überzeugten eine bloße wertlose Hülse sein kann. Der Aus- drude dieses Tatbestandes ist die Befreiung des religiösen Glaubens aus seiner metaphysischen Gebundenheit durch die Reformation. In ihr erlangte das religiöse Leben seine Selbständigkeit.
Und so bleibt neben dem Blick in den unermeßlichen Raum der Gestirne, welcher die Gedankenmäßigkeit des Kosmos zeigt, der in die Tiefe des eigenen Herzens. Wie weit hier die Analysis mit Sicherheit zu dringen vermöge, werden die folgenden Bücher zeigen. Jedoch wie dem sei, wo ein Mensch in seinem Willen den Zusammenhang von Diltheys Schriften I 2S 386 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Wahrnehmung, Lust, Antrieb und Genuß durchbricht, wo er nicht sich mehr will; da ist das Meta-Physische, welches sich in der dargelegten Geschichte der Metaphysik nur in unzähligen Bildern spiegelte. Denn die metaphysische Wissenschaft ist ein historisch begrenztes Phäno- men, das meta-physische Bewußtsein der Person ist ewig.
VIERTES KAPITEL SCHLUSSBETRACHTUNG ÜBER DIE UNMÖGLICHKEIT DER METAPHYSISCHEN STELLUNG DES ERKENNENS Wir versuc'hen an diesem Schluß der Geschichte der metaphysi- schen Stellung des Geistes, der Geschichte einer noch nicht durch die erkenntnistheoretische Stellimg desselben gebrochenen metaphysischen Wissenschaft die in ihr allmählich hervorgetretenen Tatsachen durch eine allgemeine Betrachtung zu vereinigen.
Der logische Weltzusammenhang als Ideal der Metaphysik.
In der Einheit des menschlichen Bewußtseins ist es gegründet, daß die Erfahrungen, welche dieses enthält, durch den Zusammen- hang bedingt sind, in dem sie auftreten. Hieraus ergibt sich das allge- meine Gesetz der Relativität, unter welchem unsere Erfahrun- gen über die äußere Wirklichkeit stehen. Eine Geschmacks- empfindung ist augenscheinlich durch diejenige bedingt, welche ihr voraufging, das Bild eines räumlichen Objektes ist von der Stellung des Sehenden im Raum abhängig. Daher entspringt die Aufgabe, diese relativen Data durch einen Zusammenhang zu bestimmen, der in sich gegründet und fest ist. Für die anhebende Wissenschaft war diese Auf- gabe gleichsam eingehüllt in die Orientierung in Raum und Zeit sowie von Aufsuchung einer ersten Ursache und verwoben mit den ethisch- religiösen Antrieben. So befaßte der Ausdruck Prinzip (dpxri) die erste Ursache und den Erklärungsgrund der Erscheinungen ungeschieden in sich. Geht man von dem Gegebenen zu seinen Ursachen, so kann ein solcher Rückgang seine Sicherheit nur aus der Denknotwendig- keit des Schlußverfahrens empfangen, daher war mit der wissenschaft- lichen Aufsuchung von Ursachen irgendein Grad von logischem Be- wußtsein des Grundes immer verbunden. Erst der Zweifel der Sophi- sten hatte ein logisches Bewußtsein der Methode, Ursachen oder Substanzen zu finden, zur Folge, und diese Methode wurde nun als Rück- gang von dem Gegebenen zu den denknotwendigen Bedingungen des- selben bestimmt. Da sonach die Erkenntnis von Ursachen an den Der logische Weltzusammenhang. Sein schematischer Abtiß in Spinozas System 3^7 Schluß und die in ilim liegende Denknotwendigkeit gebunden ist, so setzt diese Erkenntnis voraus, daß im Naturzusammenhang eine logi- sche Notwendigkeit obwalte, ohne welche das Erkennen keinen An- griffspunkt hätte. Demnach entspricht dem unbefangenen Glauben an die Erkenntnis der Ursachen, welcher aller Metaphysik zugrunde liegt, ein Theorem von dem logischen Zusammenhang in der Na- tur. Die Entwicklung dieses Theorems kann, solange die logische Form zwar in einzelne Formbestandteile als ihre Komponenten auf- gelöst wird, aber nicht durch eine wahrhaft analytische Untersuchung* hinter diese zurückverfolgt wird, nur in der Darstellung einer äußeren Beziehung zwischen der Form des logischen Denkens und der des Na- turzusammenhangs bestehen.
So wurde in der monotheistischen Metaphysik der Alten und des Mittelalters der Logismus in der Natur als ein Gegebenes, und die menschliche Logik als ein zweites Gegebenes betrachtet, das dritte Datum bildete die Korrespondenz dieser beiden. Für diesen Gesamt- tatbestand war dann eine Bedingung in einem sie verknüpfenden Zu- sammenhang aufzufinden. Dies leistete die schon von Aristoteles in ihren Grundzügen entworfene Ansicht, nach welcher die göttliche Ver- nunft den Zusammenhang zwischen dem in ihr gegründeten Logismus der Natur und der ihr entsprungenen menschlichen Logik hervorbringt.
Als die Lage des Naturwissens die zwingende Kraft der theisti- schen Begründung immer mehr auflöste, entstand die einfachere For- mel Spinozas, welche die göttliche Vernunft als Mittelglied elimi- nierte. Die Grundlage der Metaphysik Spinozas ist die reine Selbst- gewißheit des logischen Geistes, welcher sich mit methodischem Be- wußtsein die Wirklichkeit erkennend unterwirft, wie sie in Descartes das erste Stadium einer neuen Stellung des Subjektes zur V^irklichkeit bezeichnet. Inhaltlich angesehen, trat hier die Konzeption des Descar- tes vom mechanischen Zusammenhang des Naturganzen in eine pan- theistische Weltansicht, und so wandelte sich eine allgemeine Besee- lung der Natur in die Identität der räumlichen Bewegungen mit den psychischen Vorgängen. Erkenntnistheoretisch betrachtet, wurde hier das Wissen aus der Identität des mechanischen Naturzusammenhangs mit der logischen Gedankenverbindung erklärt. Daher enthält diese Identitätslehre weiter die Erklärung der psy chisc hen Vorgänge nach einem mechanischen, sonach logischen Zusammenhang in sich: die objektive und universelle metaphysische Bedeutung des Lo- gismus. In dieser Rücksicht drückt die Attributenlehre die unmit telbare Identität des Kausalzusammenhangs in der Natur mit der logischen Verknüpfung der Wahrheiten im menschlichen Geiste aus.
Das Mittelglied dieser Verbindung, welches vordem ein von der 388 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Welt unterschiedener Gott gebildet hatte, ist ausgestoßen: ordo et connexio idearum idem est ac ordo et connexio rerum. ^ In scharfer Anspannung dieser Identität wird sogar die Richtung der Abfolge in beiden Reihen als korrespondierend aufgefaßt: effectus cognitio a co- gnitione causae dependet et eandem involvit.^ Ein Zusammenhang von Axiomen und Definitionen wird entworfen, aus welchem der Weltzu- sammenhang konstruiert werden kann. Dies geschieht durch auffällige Trugschlüsse; denn eine Vielheit selbständiger Wesenheiten kann aus den Voraussetzungen Spinozas ebensogut gefolgert werden, als die Einheit in der göttlichen Substanz. Sind doch die Einheit des Welt- zusammenhangs und die Vielheit fester ihm zugrunde gelegter Ding- Atome nur die beiden Seiten desselben mechanischen d. h. logischen Weltzusammenhangs. Spinoza mußte seinen Pantheismus al&o mitbrin- gen, um ihn folgern zu können. Gleichviel, in diesem Zusammenhange tritt die Konsequenz des metaphysischen Satzes vom Grunde in einer Vollständigkeit heraus, die bei den Alten sich noch nicht fand. Hatten diese den menschlichen Willen als ein Imperium in imperio gelten lassen, so hebt die Formel des Panlogismus nun diese Souveränität des geistigen Lebens auf. In rerum natura nullum datur contingens; sed omnia ex necessitate divinae naturae determinata sunt ad certo modo existendum et operandum. ^ Die Metaphysik hat durch Leibniz in dem Satz vom Grunde eine Formel entworfen, welche den notwendigen Zusammenhang in der Natur als Prinzip des Denkens ausspricht. In der Aufstellung dieses Prinzips hat die Metaphysik ihren formalen Abschluß erreicht. Denn der Satz ist nicht ein logisches, sondern ein metaphysisches Prinzip d. h. er drückt nicht ein bloßes Gesetz des Denkens, sondern zugleich ein Gesetz des Zusammenhangs der Wirklichkeit und damit auch die Regel der Beziehung zwischen Denken und Sein aus. Ist doch seine letzte und vollkommenste Formel diejenige, welche in dem Briefwech- sel mit Clarke vorkam, nicht lange vor dem Tode von Leibniz.,Ce principe est celui du besoin d'une raison süffisante, pour qu'une chose existe, qu'un evenement arrive, qu'une verite ait lieu.'* Dies Prinzip tritt bei Leibniz stets neben dem des Widerspruchs auf, imd zwar be- gründet der Satz des Widerspruchs die notwendigen Wahrheiten, da- gegen der des Grundes die Tatsachen und tatsächlichen Wahrheiten. Eben hier aber zeigt sich die metaphysische Bedeutung dieses Satzes. Obwohl die tatsächlichen Wahrheiten auf den Willen Gottes zurück- * Spinoza, Eth. II, prop. 7. ' Ebda. I, axiom. 4.
* Im fünften Briefe von Leibniz an Clarke § 125. Unvollständigere Fassungen finden sich Theodicee § 44 und Monadologie § 3 1 ff.
Der logische Weltzusammenhang. Sein schematis eher Abriß in Spinozas System 389 gehen, so ist dieser Wille selber doch nach Leibniz schließlich von dem Intellekt geleitet. Und so tritt hinter dem Wülen wiederum das Antlitz eines logischen Weltgrundes hervor. Dies drückt Leibniz ganz deutlich so aus:,11 est vrai, dit on, qu'ü n'y a rien sans une raison süffi- sante pourquoi il est, et pourquoi il est ainsi plutot qu'autrement. Mais on ajoute, que cette raison süffisante est souvent la simple volonte de Dieu; comme lorsqu'on demande pourquoi la matiere n'a pas cte placke autrement dans l'espace, les memes situations entre les corps demeurant gardees. Mais c'est justement soutenir que Dieu veut quelque chose, sans qu'il y ait aucune raison süffisante de sa volonte, contre l'axiome ou la regle generale de tout ce qui arrive.'^ Hiemach bedeutet der Satz des zureichenden Grundes die Behauptung von einem lückenlosen, lo- gischen Zusammenhang, der jede Tatsache und entsprechend jeden Satz in sich faßt: er ist die Formel für das von Aristoteles in engerem Umfang aufgestellte Prinzip der Metaphysik 2, welches nunmehr nicht nur den Zusammenhang des KoSmos in Begriffen d. h. ewigen Formen, sondern den Grund jeder Veränderung und zwar auch in der geistigen Welt in sich faßt.
Christian Wolff hat diesen Satz darauf zurückgeführt, daß nicht aus Nichts ein Etwas entstehen könne, sonach auf das Prinzip des Erkennens, aus dem wir seit Parmenides die Metaphysik ihre Sätze ableiten sahen. „Wenn ein Ding A etwas in sich enthält, daraus man verstehen kann, warum B ist, B mag entweder etwas in A oder außer A sein, so nennet man dasjenige, was in A anzutreffen ist, den Grund von B; A selbst heißet die Ursache, und von B saget man, es sei in A gegründet. Nemlich der Grund ist dasjenige, wodurch man verstehen kann, warum etwas ist, und die Ursache ist ein Ding, welches den Grund von einem anderen in sich enthält." — „Wo etwas vorhanden ist, wor- aus man begreifen kann, warum es ist, das hat einen zureichenden Grund. Derowegen wo keiner vorhanden ist, da ist nichts, woraus man ^ Dritter Brief an Clarke § 7. Und zwar verwirft Leibniz ausdrücklich die Annahme, daß in dem bloßen Willen Gottes die Ursache eines Tatbestandes in der Welt gefunden werde.,,0n m'objecte qu'en n'admettant point cette simple volonte, ce seroit oter ä Dieu le pouvoir de choisir et tomber dans la fatalite. Mais c'est tout le contraire: on soutient en Dieu le pouvoir de choisir, puisqu'on le fonde sur la raison du choix conforme.'i sa sagesse. Et ce n'est pas cette fatalite (qui n'est autre chose que l'ordre le plus sage de la Providence), mais une fatalite ou necessite brüte, qu'il faut eviter, ou il n'y a ni sagesse, ni choix" (§ 8). Berief sich Clarke ihm gegenüber darauf, daß der Wille selber ja als zn- reichender Grund angesehen werden könne, so antwortet Leibniz peremptorisch: „une simple volonte sans aucun motif (a mere will), est une fiction non-seulement contraire ä la per- fection de Dieu, mais encore chimerique, contradictoire, incompatible avec la definition de la volontd et assez refutee dans la Th^odic^e." (Vierter Brief an Clarke § 2). Es ist klar, Leibniz kommt so zu einer Exekutivgewalt, welche den Gedanken ausführt, nicht zu einem wirklichen Willen.
3go Zweites Buch. Vierter Abschnitt begreifen kann, warum etwas ist, nemlich warum es wirklich wer- den kann, und also muß es aus Nichts entstehen. Was demnach nicht aus Nichts entstehen kann, muß einen zureichenden Grund haben, warum es ist, als es muß an sich möglich sein und eine Ursache haben, die es zur Wirklichkeit bringen kann, wenn wir von Dingen reden, die nicht nothwendig sind. Da nun unmöglich ist, daß aus Nichts etwas werden kann, so muß auch Alles, was ist, seinen zureichenden Grund haben warum es ist." So erkennen wir nun rückwärts im Satze vom Grunde den Ausdruck des Prinzips, welches das metaphysische Er- kennen von seinem Beginn geleitet hat.^ Und blicken wir von Leibniz und Wolff vorwärts, so ist die im Satze vom Grunde enthaltene Voraussetzung über den logischen Welt- zusammenhang schließlich in dem System von Hegel mit Verach- tung jeder Furcht vor der Paradoxie als Realprinzip der ganzen Wirk- lichkeit entwickelt worden. Es hat nicht an Personen gefehlt, welche diese Voraussetzung in Frage stellen, dagegen eine Metaphysik beibe- halten wollen; so tat dies Schopenhauer in seiner Lehre vom Willen als dem Weltgrunde. Aber jede Metaphysik dieser Art ist von vorn- herein durch einen inneren Widerspruch in ihrer Grundlage gerichtet. Das über unsere Erfahrung Hinausliegende kann nicht einmal durch Analogie einleuchtend gemacht, geschweige denn bewiesen werden, wenn dem Mittel der Begründung und des Beweises, dem logischen Zusammenhang, die ontologische Gültigkeit und Tragweite genommen wird.
Der Widerspruch der Wirklichkeit gegen dies Ideal und die Unhaltbarkeit der Metaphysik.
Das „große Prinzip" vom Grunde (so bezeichnet es wieder- holt Leibniz), die letzte Formel der metaphysischen Erkenntnis, ist nun aber kein Denkgesetz, unter welchem unser Intellekt als unter sei- nem Fatum stünde. Indem die Metaphysik ihre Anforderung einer Erkenntnis von dem Subjekt des Weltlaufs in diesem Satz bis zu ihrer ersten Voraussetzung verfolgt, erweist sie ihre eigene Unmöglichkeit.
Der Satz vom Grunde, in dem Sinne von Leibniz, ist nicht ein Denk- gesetz, er kann nichtneben das Denkgesetz des Widerspruchs gestellt werden. Denn das Denkgesetz des Widerspruchs ist an jedem Punkte unseres Wissens in Geltung; wo wir etwas behaupten, muß es mit ihm in Einklang sein, und finden wir eine Behauptung mit ihm in Widerstreit, so ist sie damit für uns aufgehoben. Sonach steht alles * Wolff, Vernünftige Gedanken von Gott usw. § 29 u. 30.
Der Satz vom Grunde ist kein Denkgesetz 39 ^ Wissen und alle Gewißheit unter der Kontrolle dieses Denkgesetzes. Es handelt sich für uns nie darum, ob wir es anwenden wollen oder nicht, sondern so sicher als wir etwas behaupten, unterwerfen wir ihm diese Behauptung. Es kann geschehen, daß wir an einem Punkte nicht den Widerspruch einer Behauptung mit dem Denkgesetz des Wider- spruchs bemerken; jedoch, sobald auch der ganz Ungebildete auf diesen Widerspruch aufmerksam gemacht wird, entzieht er sich nicht der Kon- sequenz, daß von Behauptungen, welche solchergestalt in Widerspruch miteinander treten, nur eine wahr sein kann, eine falsch sein muß. Der Satz vom Grunde dagegen, im Sinne von Leibniz und Wolff gefaßt, hat augenscheinlich nicht dieselbe Stellung in unsrem Denken, und es war daher nicht richtig, wenn Leibniz beide Sätze als gleichwertige Prin- zipien nebeneinanderstellt. Dies hat sich uns aus der ganzen Geschichte des menschlichen Denkens ergeben. Der Mensch in der Epoche mythi- schen Vorstellens setzte sich Willensmächte gegenüber, welche mit un- berechenbarer Freiheit schalteten. Es wäre unnütz gewesen, wenn ein Logiker zu diesem im mythischen Vorstellen befangenen Menschen ge- treten wäre und ihm deutlich gemacht hätte: der notwendige Zusam- menhang des Weltlaufs ist da aufgehoben, wo deine Götter walten. Eine solche Einsicht hätte jenem niemals die Überzeugungen von seinen Göttern gestört, vielmehr würde sie nur das über den logischen Zu- sammenhang der Welt Hinausreichende ihm klarer gemacht haben, w^s in solchem Glauben als gewaltige Kraft mitenthalten war. Der Mensch in der Morgendämmerung der Wissenschaft suchte dann einen inneren Zusammenhang im Kosmos, aber der Glaube an die freie Macht der Götter inmitten desselben verharrte in ihm. Der griechische Mensch in der Blütezeit der Metaphysik betrachtete seinen Willen als frei. Was ihm hier in lebendigem und unmittelbarem Wissen gegeben war, wurde ihm nicht dadurch unsicher, daß das Bewußtsein der Denknotwendig- keit in ihm ebenfalls vorhanden war; vielmehr erschien ihm mit diesem logischen Bewußtsein das Festhalten dessen verträglich, was er in un- mittelbarem Wissen als Freiheit besaß. Der mittelalterliche Mensch zeigt eine übertriebene Neigimg zu logischen Betrachtungen, doch hat ihn diese nicht bestimmt, die religiös-geschichtliche Welt, in der er lebte und die überall denknotwendigen Zusammenhang vermissen ließ, aufzugeben. — Und die Erfahrungen des täglichen Lebens bestätigen, was die Geschichte zeigte. Der menschliche Geist findet es nicht uner- träglich, den logischen Zusammenhang, vermittels dessen er über das unmittelbar Gegebene hinausgeht, da unterbrochen zu sehen, wo er in lebendigem und unmittelbarem Wissen freie Gestaltung und Willens- macht erfährt.
Wenn der Satz vom Gnmde, in der Fassung von Leibniz, nicht die 392 Zweites Buch. Vierter Abschnitt imbedingte Gültigkeit eines Denkgesetzes hat: wie vermögen wir seine Stelle im Zusammenhang des intellektuellen Lebens zu bestimmen? Indem wir seinen Ort aufsuchen, wird der Rechtsboden jeder wirk- lich folgerichtigen Metaphysik geprüft.
Unterscheiden wir den logischen Grund vom Realgrunde, den lo- gischen Zusammenhang vom realen, so kann die Tatsache des logi- schen Zusammenhangs in unserem Denken, welches im Schließen sich darstellt, durch den Satz ausgedrückt werden: mit dem Grund ist die Folge gesetzt und mit der Folge ist der Grund aufgehoben. Diese Not- wendigkeit der Verknüpfung findet sich tatsächlich in jedem Syllogis- mus. Nun kann gezeigt werden, daß wir die Natur nur auffassen und vorstellen können, indem wir diesen Zusammenhang der Denknotwendigkeit in ihr aufsuchen. Wir können die Außen- welt nicht einmal vorstellen, es sei denn erkennen, ohne einen denk- notwendigen Zusammenhang schließend in ihr aufzusuchen. Denn wir können die einzelnen Eindrücke, die einzelnen Bilder, die das Gegebene bilden, nicht für sich als objektive Wirklichkeit anerkennen. Sie sind in dem tatsächlichen Zusammenhang, in dem sie im Bewußtsein kraft seiner Einheit stehen, relativ, und können sonach nur in diesem Zu- sammenhang benutzt werden, um einen äußeren Tatbestand oder eine Naturursache festzustellen. Jedes Raumbild ist auf die Stellung des Auges wie der fassenden Hand bezogen, für welche es da ist. Jeder zeitliche Eindruck ist auf das Maß der Eindrücke in dem Auffassen- den und den Zusammenhang derselben bezogen. Die Qualitäten der Empfindung sind durch die Beziehung bedingt, in welcher die Reize der Außenwelt zu unseren Sinnen stehen. Die Intensitäten der Empfin- dung vermögen wir nicht direkt zu beurteilen und in Zahlenwerten auszudrücken, sondern wir bezeichnen nur die Beziehung einer Empfin- dungsstärke zu einer anderen. So ist die Herstellung eines Zusammen- hangs nicht ein Vorgang, welcher auf die Erfassung der Wirklichkeit folgt, sondern niemand faßt ein Augenblicksbild isoliert als Wirklich- keit, wir besitzen es in einem Zusammenhang, vermittels dessen wir, noch vor aller wissenschaftlichen Beschäftigung, Wirklichkeit festzu- stellen suchen.