Denn entweder wird dieser Zusammenhang aus apriorischen Wahr- heiten abgeleitet, oder er wird an dem Gegebenen aufgezeigt. — Eine Ableitung a priori ist unmöglich. Kant hat die letzte Konsequenz der Metaphysik in der Richtung fortschreitender Abstraktionen ge- zogen, indem er ein System apriorischer Begriffe und Wahrheiten, wie es schon dem Geiste des Aristoteles und dem von Descartes vor- schwebte, wirklich entwickelte. Er hat aber unwiderleglich bewiesen, daß auch unter dieser Bedingung „der Gebrauch unserer Vernunft nur auf Gegenstände möglicher Erfahrung reicht". Doch steht vielleicht die Sache der Metaphysik nicht einmal so günstig als Kant annahm. Sind Kausalität und Substanz gar nicht eindeutig bestimmbare Be- griffe, sondern der Ausdruck unauflöslicher Tatsachen des Bewußt- seins, dann entziehen dieselben sich gänzlich der Benutzung für die denknotwendige Ableitung eines Weltzusammenhangs. — Oder die Metaphysik geht von dem Gegeben en zu seinen Bedin gungen rückwärts, dann besteht, wenn man von den willkürlichen Einfäl- len der deutschen Naturphilosophie absieht, in bezug auf den Natur- lauf darüber Einstimmigkeit, daß die Analysis desselben auf Massen- teilchen, welche nach Gesetzen aufeinander wirken, als auf letzte derNatur- wissenschaft notwendige Bedingungen zurückführt. Nun erkannten wir, daß zwischen dem Bestand dieser Atome und den Tatsachen ihrer Wechselwirkung, des Naturgesetzes und der Naturformen für uns keine Art von Verbindung vorhanden ist. Wir sahen, daß keine Ähnlichkeit zwischen solchen Atomen und den psychischen Einheiten, welche als unvergleichbare Individuen in den Weltlauf eintreten, in ihm lebendig innere Veränderungen erfahren und wieder aus ihm verschwinden, statt- findet. Sonach enthalten die letzten Begriffe, zu denen die Wissenschaf- ten des Wirklichen gelangen, nicht die Einheit des Weltlaufs. — Sind doch auch weder Atome noch Gesetze reale Subjekte des Naturvor- gangs. Denn die Subjekte, welche die Gesellschaft bilden, sind uns ge- geben, dagegen das Subjekt der Natur oder die Mehrheit von Subjek- ten derselben nicht, sondern wir besitzen nur das Bild des Naturlaufs Unbeiveisbarkeit einer inhaltlichen Vorstellung des Weltzusatnmenhangs 403 und die Erkenntnis seines äußeren Zusammenhangs. Nun ist aber die- ser Naturlauf selber samt seinem Zusammenhang nur Phänomen für unser Bewußtsein. Die Subjekte, die wir ihm als Massenteilchen unter- legen, gehören also ebenfalls der Phänomenalität an. Sie sind nur Hilfsbegriffe für die Vorstellung des Zusammenhangs in einem Sy- stem der prädikativen Bestimmungen, welche die Natur ausmachen: der Eigenschaften, Beziehungen, Veränderungen, Bewegungen. Sie sind daher nur ein Teil des Systems prädikativer Bestimmungen, deren reales Subjekt unbekannt bleibt.
Eine Metaphysik, welche zu verzichten weiß und nur die letz- ten Begriffe, zu welchen die Erfahrungswissenschaften ge- langen, zu einem vorstellbaren Ganzen verknüpfen will, kami weder die Relativität des Erfahrungskreises, den diese Begriffe darstellen, noch die des Standorts und der Verfassung der Intelligenz, welche die Erfahrungen zu einem Ganzen vereinigt, jemals überwinden. Indem wir dies erweisen, zeigt sich von zwei neuen Seiten: Metaphysik als Wissenschaft ist unmöglich.
Die Metaphysik überwindet nicht die Relativität des Er- fahrungskreises, aus dem ihre Begriffe gewonnen sind. In den letzten Begriffen der Wissenschaften werden für die bestimmte Zahl gegebener phänomenaler Tatbestände, welche das System unserer Er- fahrung bilden, Bedingungen ihrer Denkbarkeit aufgestellt. Nun hat die Vorstellung von diesen Bedingungen sich mit der Zunahme imserer Erfahrungen geändert. So war ein Zusammenhang der Veränderungen nach Gesetzen, der heute die Erfahrungen zu einem System verbindet, dem Altertum nicht bekannt. Daher hat eine solche Vorstellung von Bedingungen immer nur eine relative Wahrheit, d. h. sie bezeichnet nicht eine Realität, sondern entia rationis, Gedankendinge, welche die Herrschaft des Gedankens und des Eingreifens über einen gegebenen eingeschränkten Zusammenhang von Phänomenen ermöglichen. Stellt man sich eine plötzliche Erweiterung menschlicher Erfahrung vor, dann würden die entia rationis, welche die Bedingungen dieser Erfahrungen ausdrücken sollen, sich ihrer Erweiterung anpassen müssen; wer kann sagen, wie weit dann die Veränderung greifen würde? Und sucht man nun für diese letzten Begriffe einen vereinigenden Zusammenhang, so kann der Erkenntniswert der so entstehenden Hypothese nicht ein grö- ßerer sein, als der ihrer Grundlage ist. Die metaphysische Welt, die hinter den Hilfsbegriffen der Naturwissenschaft sich auftut, ist also gleichsam in der zweiten Potenz — ein ens rationis. Wird das nicht durch die ganze Geschichte der neueren Metaphysik bestätigt? Die Substanz Spinozas, die Atome der Monisten, die Monaden von Leibniz, die Realen von Herbart verwirren die Naturwissenschaften, indem sie 404 Zweites Buch, Vierter Abschnitt aus dem inneren psychischen Leben Elemente in den Naturlauf tra- gen, imd sie mindern das geistige Leben herab, indem sie einen Natur- zusammenhang in dem Willen suchen. Sie vermögen nicht, die durch die Geschichte der Metaphysik hindurchgehende Dualität der mecha- nisch-atomistischen und der von dem Ganzen ausgehenden Weltansicht aufzuheben.
Die Metaphysik überwindet ebensowenig die eingeschränkte Subjektivität des Seelenlebens, welches jeder metaphysischen Verknüpfung der letzten wissenschaftlichen Begriffe zugrunde liegt. Diese Behauptung enthält zwei Sätze in sich. Eine einheitliche Vorstel- lung vom Subjekte des Weltlaufs kommt nur durch die Vermittlung dessen, was das Seelenleben hineingibt, zustande. Dieses Seelenleben ist aber in beständiger Entwicklung, unberechenbar in seinen weiteren Entfaltungen, an jedem Punkte geschichtlich relativ und eingeschränkt und daher unfähig, die letzten Begriffe der Einzelwissenschaften in einer objektiven und endgültigen Weise zu verknüpfen.
Denn was bedeutet die Vorstellbark eit oder Denkbarkeit jener letzten Tatbestände, zu welchen die Einzelwissenschaften vor- dringen, wie die Metaphysik sie herzustellen strebt? Wenn die Meta- physik diese Tatbestände in einer faßbaren Vorstellung vereinigen will, so steht ihr zu diesem Zweck zunächst nur der Satz des Widerspruchs zur Verfügung. Wo aber zwischen zwei Bedingungen des Systems der Erfahrungen ein Widerspruch besteht, da bedarf es eines positiven Prinzips, um zwischen den widersprechenden Sätzen zu entscheiden. Wenn ein Metaphysiker behauptet, nur auf Grund dieses Satzes des Widerspruchs die letzten Tatsachen, zu denen Wissenschaft gelangt, zur Denkbarkeit zu verknüpfen, dann lassen sich stets positive Gedanken nachweisen, welche insgeheim seine Entscheidungen leiten. Denkbar- keit muß also hier mehr bedeuten als Widerspruchslosigkeit. Auch stellen in der Tat die metaphysischen Systeme ihren Zusammenhang durch Mittel von einer ganz andern inhaltlichen Mächtigkeit her. Denk- barkeit ist hier nur ein abstrakter Ausdruck für Vorstellbarkeit, diese aber enthält nichts anderes, als daß das Denken, wenn es den festen Boden der Wirklichkeit und der Analysis verläßt, trotzdem von Residuen des in ihr Enthaltenen geleitet wird. Innerhalb dieses Umkreises der Vorstellbarkeit erscheint dann vielfach das Entgegengesetzte als gleich möglich, ja zwingend. Ein bekanntes Wort von Leibniz lautet: Die Monaden seien ohne Fenster; Lotze bemerkt hierzu mit Recht: „Ich würde mich nicht wundem, wenn Leibniz mit dem gleichen bildlichen Ausdruck im Gegenteil gelehrt hätte, die Mo- naden hätten Fenster, durch die ihre inneren Zustände miteinander in Gemeinschaft träten, und diese Behauptung würde ungefähr gleichviel Metaphysischer Abschluß der Erfahrungswissenschaft unmöglich 405 Grund und vielleicht besseren Grund gehabt haben, als die, welche er vorzog." 1 Die einen Metaphysiker halten ihre Massenteilchen, jedes für sich, für fähig, einzuwirken oder Einwirkung zu erleiden, die an- deren glauben, daß Wechselwirkung unter gemeinsamen Gesetzen nur in einem alle Einzelwesen verbindenden Bewußtsein denkbar sei. Überall hat hier die Metaphysik, als die Königin über ein Schatten- reich, nur mit Schatten ehemaliger Wahrheiten zu tun, von denen die einen ihr verwehren etwas zu denken, die anderen es ihr aber gebieten. Diese Schatten von Wesenheiten, welche insgeheim die Vorstellung leiten und die Vorstellbarkeit ermöglichen, sind entweder Bilder aus der in den Sinnen gegebenen Materie oder Vorstellungen aus dem in der inneren Erfahrung gegebenen psychischen Leben. Die ersteren sind in ihrem phänomenalen Charakter von der modernen Wissenschaft an- erkannt, und daher ist die materialistische Metaphysik, als solche, in Abnahme geraten. Wo es sich wirklich um das Subjekt der Natur handelt und nicht bloß um prädikative Bestimmungen, wie Bewegung und sinnliche Qualitäten sie darbieten, da entscheiden zumeist ins- geheim oder bewußt die Vorstellungen des psychischen Lebens über das, was als metaphysischer Zusammenhang denkbar sei oder nicht.
Gleichviel, mag Hegel die Weltvemunft zu dem Subjekt der Natur machen oder Schopenhauer einen blinden Willen oder Leibniz vor- stellende Monaden oder Lotze ein alle Wechselwirkung vermittelndes umfassendes Bewußtsein, oder mögen die neuesten Monisten psychi- sches Leben in jedem Atom aufblitzen lassen: Bilder des eigenen Selbst, Bilder des psychischen Lebens sind es, welche den Metaphysiker ge- leitet haben, als er über Denkbarkeit entschied und deren insgeheim wirkende Gewalt ihm die Welt umwandelte in eine ungeheure phan- tastische Spiegelung seines eigenen Selbst. Denn das ist das Ende: der metaphysische Geist gewahrt sich selber in phantastischer Vergrö- ßerung, gleichsam in einem zweiten Gesicht.
So trifft die Metaphysik am Endpunkte ihrer Bahn mit der Erkenntnistheorie zusammen, welche das auffassende Sub- jekt selber zu ihrem Gegenstand hat. Die Verwandlung der Welt in das auffassende Subjekt durch diese modernen Systeme ist gleichsam die Euthanasie der Metaphysik. Novalis erzählt ein Märchen von einem Jüngling, den die Sehnsucht nach den Geheimnissen der Natur er- greift; er verläßt die Geliebte, durchwandert viele Länder, um die große Göttiii Isis zu finden und ihr wunderbares Antlitz zu schauen. Endlich steht er vor der Göttin der Natur, er hebt den leichten glän- zenden Schleier und — die Geliebte sinkt in seine Arme. Wenn der * Lotze, System der Philosophie II, 125.
406 Zweites Buch. Vierter Abschnitt Seele zu gelingen scheint, das Subjekt des Naturlaufs selber ledig der Hüllen und des Schleiers zu gewahren, dann findet sie in diesem — sich selbst. Dies ist in der Tat das letzte Wort aller Metaphysik, und man kann sagen, nachdem dasselbe in den letzten Jahrhunderten in allen Sprachen bald des Verstandes, bald der Leidenschaft, bald des tiefsten Gemütes ausgesprochen ist, scheint es, daß die Meta- physik auch in dieser Rücksicht nichts Erhebliches mehr zu sagen habe.
Wir folgern weiter mit Hilfe des zweiten Satzes. Dieser persönliche Gehalt des Seelenlebens ist nun in einer beständigen geschichtlichen Wandlung, unberechenbar, relativ, eingeschränkt, und kann daher nicht eine allgemeingültige Einheit der Erfahrimgen ermöglichen. Das ist die tiefste Einsicht, zu welcher unsere Phänomenologie der Metaphysik gelangte, im Gegensatz gegen die Konstruktionen der Epochen der Menschheit. Jedes metaphysische System ist nur für die Lage reprä- sentativ, in welcher eine Seele das Welträtsel erblickt hat. Es hat die Gewalt, diese Lage und Zeit, den Zustand der Seele, die Art, wie die Menschen die Natur und sich erblicken, uns wieder zu vergegen- wärtigen. Es tut das gründlicher und allseitiger als dichterische Werke, in welchen das Gemütsleben nach seinem Gesetz mit Personen und Dingen schaltet. Jedoch mit der geschichtlichen Lage des Seelen- lebens ändert sich der geistige Gehalt, welcher einem metaphysischen System Einheit und Leben gibt. Wir können diese Änderung weder nach ihren Grenzen bestimmen noch in ihrer Richtung vorausbe- rechnen.
Der Grieche in der Zeit des Plato oder Aristoteles war an eine be- stimmte Vorstellungsweise der ersten Ursachen gebunden; die christ- liche Weltansicht entwickelte sich, imd es war nun gleichsam eine Wand weggezogen, hinter welcher man eine neue Art, die erste Ur- sache der Welt vorzustellen erblickte. Für einen mittelalterlichen Kopf war die Erkenntnis der göttlichen und menschlichen Dinge in ihren Grundzügen abgeschlossen, und eine Vorstellung davon, daß die auf Erfahrung gegründete Wissenschaft bestimmt sei, die Welt umzu- gestalten, besaß kein Mensch während des elften Jahrhunderts in Eu- ropa; dann aber geschah, was niemand hatte ahnen können, und die moderne Erfahningswissenschaft entstand. So müssen auch wir uns sagen, daß wir nicht wissen, was hinter den Wänden sich befindet, die uns heute umgeben. Das Seelenleben selber verändert sich in der Geschichte der Menschheit, nicht nur diese oder jene Vorstellung. Und dieses Bewußtsein der Schranken unserer Erkenntnis, wie es aus dem geschichtlichen Blick in die Entwicklung des Seelenlebens folgt, ist ein anderes imd tieferes, als das, welches Kant hatte, für den im Geiste Metaphysik und Erkenntnistheorie 407 des achtzehnten Jahrhunderts das metaphysische Bewußtsein ohne Ge- schichte war.
Der Skeptizismus, welcher die Metaphysik als ihr Schatten be- gleitete, hatte den Nachweis erbracht, daß wir in unsere Eindrücke gleichsam eingeschlossen sind, sonach die Ursache derselben nicht er- kennen und über die reale Beschaffenheit der Außenwelt nichts aus- sagen können. Alle Sinnesempfindungen sind relativ und gestatten keinen Schluß auf das, was sie hervorbringt. Selbst der Begriff der Ursache ist eine von uns in die Dinge getragene Relation, für deren Anwendung auf die Außenwelt ein Rechtsgrund nicht vorliegt. Dazu hat die Geschichte der Metaphysik gezeigt, daß unter einer Beziehung zwischen dem Denken und den Objekten nichts Klares gedacht wer- den kann, mag dieselbe als Identität oder Parallelismus, als Entspre- chen oder Korrespondenz bezeichnet werden. Denn eine Vorstellung kann einem Ding, sofern dieses als von ihr unabhängige Realität auf- gefaßt wird, nie gleich sein. Sie ist nicht das in die Seele geschobene Ding und kann nicht mit einem Gegenstand zur Deckung gebracht werden. Schwächt man den Begriff der Gleichheit zu dem der Ähn- lichkeit ab, so kann auch dieser Begriff in seinem genauen Verstände hier nicht angewandt werden: die Vorstellung von Übereinstimmung entweicht so in das Unbestimmte. Der Rechtsnachfolger des Skeptikers ist der Erkenntnistheoretiker. Hier sind wir an der Grenze an- gelangt, an welcher das nächste Buch anheben wird: vor dem erkennt- nistheoretischen Standpunkte der Menschheit. Denn das moderne wis- senschaftliche Bewußtsein ist einerseits bedingt durch die Tatsache der relativ selbständigen Einzelwissenschaften, andererseits durch die er- kenntnistheoretische Stellung des Menschen zu seinen Objekten. Der Positivismus hat vorwiegend auf die erstere Seite desselben seine philo- sophische Grundlegung aufgebaut, die Transzendentalphilosophie auf die andere. An dem Punkte der intellektuellen Geschichte, an welchem die metaphysische Stellung des Menschen endigt, wird das folgende Buch ansetzen und die Geschichte des modernen wissenschaftlichen Bewußtseins in seiner Beziehung zu den Geisteswissenschaften dar- legen, wie es durch die erkenntnistheoretische Stellung zu den Ob- jekten bedingt ist. Diese historische Darstellung wird noch zu zeigen haben, wie die Rückstände der metaphysischen Epoche nur langsam überwunden und so die Konsequenzen der erkenntnistheoretischen Stellung nur sehr allmählich gezogen wurden. Sie wird sichtbar machen, wie innerhalb der erkenntnistheoretischen Grundlegung selber die Ab- straktionen, welche die dargelegte Geschichte der Metaphysik hinter- lassen hat, nur spät und bis heute noch sehr unvollständig weggeräumt 4o8 Zweites Buch. Vierter Abschnitt worden sind. So soll sie zu dem psychologischen Standpunkte hinfüh- ren, welcher nicht von der Abstraktion einer isolierten Intelligenz, son- dern von dem Ganzen der Tatsachen des Bewußtseins aus das Pro- blem der Erkenntnis aufzulösen unternimmt. Denn in Kant vollzog sich nur die Selbstzersetztmg der Abstraktionen, welche die von uns ge- schilderte Geschichte der Metaphysik geschaffen hat; nun gilt es, die Wirklichkeit des inneren Lebens unbefangen gewahr zu werden und, von ihr ausgehend, festzustellen, was Natur und Geschichte diesem inneren Leben sind.
ZUSÄTZE AUS DEN HANDSCHRIFTEN Vorbemerkung.
Aus den Jahren 1904 — 06, als Dilthey an eine Neuherausgabe des ersten Bandes der „Einleitung in die Geisteswissenschaften" dachte, finden sich im Nachlaß Entwürfe zu einer Vorrede und zu Zusätzen, die wir hier abdrucken. Soweit die Zusätze sich auf das erste Buch des Bandes beziehen, enthalten sie Angaben darüber, wie Dilthey einer- seits seine eigene methodische Stellung gegenüber Windelband und Rickert zu rechtfertigen suchte, andererseits seine Ablehnung der So- ziologie im Hinblick auf Simmel präzisierte. Für die Auseinander- setzung mit Windelband, die hier nur kurz gefaßt ist, findet sich im Nachlaß eine weitere Ausführung aus früherer Zeit (1896), die in dieser Ausgabe in Band V („Die geistige Welt") veröffentlicht wird. — Die Zusätze zum 2. Buch geben zunächst eine Disposition für zwei neue historische Abschnitte, die Dilthey einfügen wollte („Die Verschmel- zung der griechischen Philosophie mit der Weltansicht und den Lebens- begriffen der Römer" und „Verschmelzung der griechisch-römischen Philosophie mit dem östlichen Offenbarungsglauben"). Dilthey hatte im weiteren Verlauf seiner geschichtlichen Forschungen immer mehr die selbständige Bedeutung der römischen Lebensanschauung für die geistige Entwicklung des Abendlandes erkannt; seine Gedanken darüber hatte er in der im Archiv für Geschichte der Philosophie 1891 veröffentlichten Abhandlung: „Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahrhundert" niedergelegt und in seinen Vorlesungen z.T. weiter ausgeführt. Sie sollten nun in der neuen Auflage der „Ein- leitung" in den Text hineingearbeitet werden, um das Bild der antik- mittelalterlichen Entwicklung an einem wesentlichen Punkte zu ergän- zen. Der Plan ist nicht ausgeführt. Die Disposition wird hier abge- druckt unter Hinweis auf die in Band II dieser Ausgabe abgedruckte Abhandlung. — Die übrigen Zusätze bringen Ergänzungen zu ein- zelnen Punkten des historischen Teils.
I.
VORREDE* Da dieser Band schon seit einer Reihe von Jahren im Buchhandel fehlt, habe ich auf den Wunsch des Verlegers in eine zweite Auflage gewilligt, noch bevor seine Fortsetzung erscheinen kann. Das erste ein- leitende Buch des Bandes erscheint unverändert. Es entstand ja aus dem Streben, die Selbständigkeit der GeistesAvissenschaften, ihren inne- ren Zusammenhang, ihr Leben aus eigener Kraft zur Anerkennung zu bringen. Und so könnte wohl mancher Ausdruck in dieser Polemik heute gemäßigt werden, wo jüngere rüstige Kämpfer auf ihre Weise dieselbe Aufgabe zu lösen streben. Doch schien mir nicht ratsam, die Färbung jener Zeit in ihm zu tilgen, aus der der ganze Versuch hervor- gegangen ist. Und so wül ich hier nur einige Mißverständnisse ab- wehren, welche in der Auseinandersetzung mit diesem Bande hervor- getreten sind, bekennend, daß ich zu denselben durch die Leidenschaft des Ausdrucks einigen Anlaß gegeben habe.
Das zweite Buch, welches die Geschichte der metaphysischen Auf- fassung des Geistes, der Gesellschaft und der Geschichte in der alten Welt und im Mittelalter umfaßt, ist vielfach verbessert und erweitert worden. Zwei ganze neue Abschnitte sind hinzugetreten. Um so stren- ger mußte ich die notwendigen Grenzen in dem Zusammenhang des Ganzen festhalten. Es handelte sich ja nicht um eine Geschichte der Philosophie. Ich wollte darstellen, wie der menschliche Geist die ge- schichtlich-gesellschaftliche Welt an einer bestimmten Stelle seiner Ent- wicklung als Problem erfaßt, wie er von verschiedenen Voraussetzun- gen aus gleichsam Antizipationen an die Auffassung dieser Welt her- anbringt. Unter diesen war die größte und einflußreichste die meta- physische Auffassimg der geistigen Welt in ihren verschiedenen Modi- fikationen.
Am Ende dieser Periode befreit er sich von dem Schein, den die metaphysische Auffassung der geistig-geschichtlich-gesellschaftlichen Welt geradeso mitbringt als die der physischen. Hinter diesem Schein freilich verhüllen sich Wahrheiten, welche auf dem Erfahrungsstand- punkt der Geisteswissenschaften in angemessenerer Form zum Aus- druck gelangen. Denn hierin gleicht der Forscher dem Künstler: Der * In den Handschriften Faszikel Cy: 58 — 62.
Zusätze zum ersten Buch ^W Stil des Künstlers als der Ausdruck von Kraft^ Persönlichkeiten, Zeiten und Richtungen gerade so zu erleben und zu sehen und gerade diese Ge- fühlseindrücke von der Wirklichkeit zu empfangen, ist immer einsei- tig gegenüber der unergründlichen Wirklichkeit: aber er ermöglicht neues Erleben, Sehen und Darstellen. Immer handelt es sich darum, daß eine bestimmte Art von Bewegung der Seele bestimmte Seiten der Wirklichkeit der Dinge gewahren läßt und Eindrucksmöglichkei- ten von ihnen aufschließt. Auch in der Forschung besteht diese Zweiseitigkeit der Methoden und Verfahrungsweisen. Und die Geistes- wissenschaften, wie sie von der allgemeinen Lage des wissenschaft- lichen Geistes bedingt waren, sind die Instrumente gewesen, welche den Geist befähigten, gewisse Seiten der Dinge zuerst zu erblicken. Nur diesen Zusammenhang wollte ich darstellen, in welchem allmäh- lich die geschichtliche Welt sich über den Horizont des menschlichen Geistes erhebt und Standpunkte durchlaufen werden, welche bestimmte Seiten derselben sichtbar machen. Diesem Zweck dienen dann auch die beiden zugefügten Kapitel. Und ihre Kürze trotz des Interesses imd Umfangs des Gegenstandes ist dadurch bedingt, daß sie nur dieser erkenntnistheoretischen und methodischen Absicht dienen wollen.
n. ZUSÄTZE ZUM ERSTEN BUCH *Der Standpunkt des ersten Buches der Einleitung in die Geistes- wissenschaft ist polemisch wie zustimmend vielfach in der Literatur über dies Thema erörtert worden. Von anderen logisch-erkenntnistheo- retischen Grundlagen aus sind seitdem neue Lösungen der Fragen über Begriff und Auslegung der Geisteswissenschaften gegeben worden. Die bedeutendsten unter denselben, die von Windelband und Rickert, sind zwar mit mir in dem Streben einverstanden, die Selbständigkeit der Geisteswissenschaften gegenüber ihrer Unterordnung unter die Wissen- schaften der Natur oder doch unter deren Methode geltend zu machen. Auch besteht zwischen uns in zwei weiteren Punkten Übereinstimmung. Sie suchen ebenfalls die Bedeutung des Singularen und Individualen in der Geisteswissenschaft zur Anerkennung zu bringen. ^ * Letztes Manuskript des Anfangs. In den Handschriften Faszikel C47: 126 — 129.
' „Die Auffassung des Singularen, Individualen bildet in den Geisteswissenschaften (da sie die beständige Widerlegung des Satzes von Spinoza: omnis determinatio est negatio sind) so gut einen letzten Zweck als die Entwicklung abstrakter Gleichförmigkeiten."
412 Zusätze zum ersten Buch Und auch sie erblicken in der Verbindung der Tatsachen, Theoreme und Werturteile ein weiteres unterscheidendes Merkmal der Geistes- wissenschaften (S. 26 [32]ff. )*. Wie aber unsere logisch-erkenntnis- theoretischen Ausgangspunkte gänzlich verschieden sind, so ersteht den beiden hervorragenden Forschem ein ganz anderer Begriff der Geisteswissenschaften und eine ganz andere Bestimmung ihrer Aufgabe. So scheint mir notwendig, meine eigene erkenntnistheoretische Begrün- dung, so deutlich als hier in der Kürze geschehen kann, darzulegen. Dieser Zusatz enthält also eine Ergänzung des im ersten Buche dieses Werkes Enthaltenen. Dort sollte die Geschichte der Geisteswissenschaf- ten vorbereitet werden. Diese muß bei ihren Lesern auf gewisse Grund- begriffe über die Aufgabe der Geisteswissenschaften, ihre Abgrenzung, ihren Begriff, ihre Teile rechnen. Es war die Absicht des ersten Buches, diese zu geben. Und nun finde ich mich auch meinen Lesern gegen- über verpflichtet, meine Aufstellungen so weit zu verteidigen und auf- zuklären als dies zur Vorbereitung für die Geschichte der Geisteswissen- schaften erforderlich ist.
Wenn ich hierbei in die Probleme der Logik und Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften eingehen mußte, so wird dies der histori- schen Darstellung zugute kommen. Es eröffnet sich deutlicher der Einblick in den Vorgang, in welchem das Bewußtsein aus seinen Auf- fassungsbedingungen die ganze menschlich-gesellschaftlich-geschicht- liche Welt formt.** ZUSAMMENHANG DER EINLEITUNG IN DIE GEISTESWISSENSCHAFTEN*** I.
I.
Der Ausgangspunkt meines Werkes ist der Inbegriff der Forschun- gen, welche in den Menschen, die Geschichte und die Gesellschaft sich eingraben. Ich gehe nicht von einem Gegenstande, einer menschlich- gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit aus und einem Verhält- nis des Erkennens zu diesem Gegenstande. Dies sind begriffliche Ab- straktionen, die an ihrer Stelle notwendig sind, und zwar ist diese Wirk- lichkeit nur ein Idealbegriff, der ein Ziel des Erkennens bezeichnet, das nie ganz erreicht werden kann. Das Tatsächliche, das als Grund- * Die erste Zahl bedeutet die Seite der neuen, die eingeklammerte die Seite der ersten Ausgabe.
** Hier bricht das Manuskript ab.
Zusammenhang der Einleitung in die Geisteswissenschaften 413 läge jeder Theorie gegeben ist, sind geistige Arbeiten, welche aus dem Zweck, den Menschen oder die Geschichte oder die Gesellschaft oder die Beziehungen dieser Momente zueinander zu erkennen, entstanden sind. Jede derselben ist bedingt durch das Verhältnis eines erkennenden Subjektes und seines geschichtlichen Horizontes zu einer bestimmten Gruppe von Tatsachen, die ebenfalls von einem bestimmten Horizonte dem Umfang nach bedingt ist. Für jede ist der Gegenstand nur unter einem bestimmten Gesichtspunkt da. Sie ist also eine bestimmte rela- tive Art, ihren Gegenstand zu sehen und zu erkennen. Sie stehen dem, der in diese Arbeiten eintritt, als ein Chaos von Relativitäten gegen- über. Subjektivität der modernen Betrachtungsweise.
2.
2.
So entsteht die Aufgabe, sich zu einem geschichtlichen Bewußtsein zu erheben, in welchem der Zusammenhang aufgeklärt wird, nach dem die einzelnen Aufgaben zusammenhängen, die Lösungen zu Voraus- setzungen neuer Fragestellungen werden, die Fragestellungen immer tie- fer dringen, Verbindungen der verschiedenen Fragen auftreten, welche Generalisationen der Probleme ermöglichen. Der Zusammenhang, in welchem gefundene Sätze durch Verbindung mit neuen Erfalirungen allmählich sicherer und allgemeiner gefaßt werden, da der Horizont der zugänglichen Erfahrungen zunächst ein kleinerer ist; in welchem Sätze generalisiert werden auf Grund ihrer Verbindung usw. Der Zusammen- hang, in welchem der Schein und die Antizipationen, welche das Er- kennen auch auf diesem Gebiete ebenso hindern als auf dem der Natur- wissenschaften, allmählich aufgelöst werden; insbesondere ist die Ver- bindung von Seinsbegriffen und Wertbegriffen im metaphysischen Den- ken, die apriorische Konstruktion dieses Zusammenhangs ein solcher Schein. Endlich der Zusammenhang, in welchem die Analysis allmäh- lich das Komplexe des Gewebes auf diesen verschiedenen Gebieten zer- gliedert, und durch die Analyse in den ausgesonderten Gebieten Not- wendigkeiten der Sache erfaßt werden im Nebeneinanderbestand der Tatsachen wie ihrer Sukzession.
In diesem Verlauf vollzieht sich eine Auslese durch beständiges Probieren wie in den Naturwissenschaften. Voraussetzungen und Me- thoden werden durchprobiert, und der immanente Maßstab ihres Wer- tes ist eben das Gelingen der Erkenntnis: nicht anders als in den Natur- wissenschaften. Die Spezialisierung gibt strenge Erkenntnisse, die Kombination Aufgaben und weite Blicke. Der Zusammenhang mit der Natur lehrt Entwicklungsgesetze, die Vertiefung in die höheren Er- scheinungen ergibt Wertbegriffe. Vergleichung, Kausalbetrachtung, Wertanschauung haben ihre eigene Stärke im Gewahren geistiger Wirk- 4^4 Zusätze zum ersten Buch lichkeiten. Alle diese Voraussetzungen aber, mit denen wir herantreten an diese Art von Wirklichkeiten, stehen in inneren Verhältnissen zu- einander. Dies bedingt ihre Abfolge in der Geschichte dieser Wissen- schaften. Die Vertiefung der Erkenntnis gibt ihnen allmählich ihre Stelle im Zusammenhang der Erkenntnis dieser Wirklichkeit.
3.
Ich mach'^ einen Vergleich, nicht nur um dies zu erkuchten, son- dern auch um auf das tiefere Problem, das dahinter liegt, hinzuweisen.
Persönlichkeit, Stil und innere Form des Künstlers als Mittel neuer Wahrnehmungen, Eindrucksmöglichkeiten usw. Kein einzelnes Werk sieht die Natur, wie sie ist, sondern etwas an ihr. Die beständige Illu- sion letzten Erfassens ist bedingt durch den subjektiven Horizont, und eben diese Schranke gibt die Energie.
Gibt es nun auf dem Gebiet der Wissenschaft eine Möglichkeit, dieses Verhältnis, das auch hier besteht, zu einer objektiven Erkenntnis zu benutzen? Die Geschichte wird zeigen, daß wir uns tatsächlich einer objektiven Erkenntnis allmählich annähern, und daß immer mehr Hilfs- mittel geschaffen werden, das Erkennen diesen Gegenständen gegen- über sicherer, universaler, objektiver zu stellen.
Das wichtigste Hilfsmittel ist die Begriffsbildung in den Einzel- wissenschaften des Geistes. In ihr liegt die Möglichkeit für den histori- schen Kopf, in Zusammenfassungen den bisherigen Ertrag des Den- kens und Forschens präsent zu haben und Problemen oder Tatsachen- gruppen gegenüber zu verwerten. Also die Geschichte dieser Begriffs- bildung ein wichtiger Teil.