Auf der anderen Seite wächst die kritisch geprüfte Kenntnis der Tatsachen, die Auswahl derer, welche in dem werterzeugenden Zusam- menhang der Geschichte eine Stelle einnehmen — kurz die Universal- geschichte.
4. Wir müssen uns nun aber die wichtigsten Formen, in denen der werterzeugende Zusammenhang der menschlich-gesellschaftlich-ge- schichtlichen Welt von der Forschung isoliert aufgefaßt worden ist, zur Erkenntnis bringen. Hier ist der eigentliche Kern der Geschichte dieser Wissenschaften. Hier ist auch das Zentrum der Aufklärung über die Abgrenzung dieser Wissenschaft, ihre Teile, deren inneren Zu- sammenhang.
(Einleitung in die Geisteswissenschaften S. iio [138] ff.:) I. Die Geschichte muß analytisch in Einzelzusammenhänge auf- gelöst v»-erden.
Zusammenhang der Einleitung in die Geisteswissenschaften 4^5 2. Die Bildungsgesetze innerhalb derselben, welche die Notwendig- keit der Sache in dem Verlauf aufzeigen.
3. Die Beziehungen zwischen gleichzeitigen Tatsachen auf den ver- schiedenen Gebieten.
n.
I.
Diese Methoden, die aufgefundenen Sätze positiv, die Auflösung des Scheins in dieser Welt negativ, die Einsicht in die Richtung und Tendenz dieser ganzen Klasse von Arbeiten, die zunehmende Erkenntnis des Zusammenhangs und der inneren Gliederung der- selben: dieses alles büdet nun den Ertrag der verstandenen Ge- schichte, welcher den systematischen Aufbau ermöglichen soll. Der konkrete in der Geschichte verwirklichte Begriff eines solchen Kom- plexes von Forschungen und Erkenntnissen ist der eigentliche Erfah- rungsinbegriff, auf welchem die Theorie errichtet werden kann. Die Theorie muß diesem Erfahrungsinbegriff genugtun. Die Einteilimg, die Grenzbestimmung, die Gliederung, die Beantwortung des Problems der Möglichkeit von Erkenntnis auf diesem Gebiet hat hier ihre Er- fahrungsgrundlage.
Das Ziel ist Grundlegung und Organisation der Geisteswissenschaf- ten. Dies Ziel kann nur erreicht werden auf der Grundlage dessen, was die Geschichte dieser Erkenntnisse allmählich ans Licht ge- bracht hat.
Es ist genau so, wie die Grundlegung und Organisation der Natur- wissenschaften nur auf der Grundlage der Einsicht in die gefundenen Naturgesetze und in die Entwicklungsgeschichte des Universums sowie in die Lehre der Naturformen kann hergestellt werden. Nur Naturfor- scher von philosophischer Kraft oder Philosophen von umfassender Naturkenntnis können diese Aufgabe lösen.
Darin aber besteht nun der Unterschied zwischen Geisteswissen- schaften und Naturwissenschaften. Diese Werte haben überhaupt an- deren Charakter, eigene Unlösbarkeit von Subjekt, Standpunkt usw. und Gegenstand, sonach von Geschichte und System. Die Geschichte muß wenigstens so viel geben, um Auflösung des Scheins, wichtigste Momente der Begriffsbildung usw. zur Erkenntnis zu bringen.
2. Indem nun aber diese geschichtliche Entwicklung auf jeder Stufe ein Verhältnis dieser Forschungen zu den großen Stellungen des 4^^ Zusätze zum ersten Buch menschlichen Bewußtseins und daraus fließend eine Begründung und Organisation der betreffenden Wissenschaften zeigt, indem die For- schungen von diesen großen Bevmßtseinsstellungen abhängig sind, und in ihrem Ausdruck, der die Weltanschauungen sind, ihre Stelle fin- den, entsteht erst die wichtigste Aufgabe, welche die hier versuchte Geschichte zu erfüllen hat.
Wie sie ihrerseits von der Erfassung dieser Bewußtseinsstellun- gen, der in ihnen enthaltenen Möglichkeiten, Standpunkte und Metho- den der Forschung zu gewinnen, ihren großen historischen Hinter- grund hatte, so entspringt auch aus einer solchen Geschichte der Ein- blick in die Notwendigkeit einer Grundlegung, in die Stufen derselben, schließlich in die Erfassung der Situation, in welcher gegenwärtig eine solche Grundlegung und Gliederung möglich geworden ist. So muß diese Geschichte auch aus dem Gang des philosophischen Geistes diejenigen Momente zur Darstellung bringen, welche die zunehmende Vertiefung in die Bedingungen und den Zusammenhang dieser Wissen- schaft ermöglichen^ sofern sie jenseit ihrer selber in den allgemeinen philosophischen Standpunkten gelegen sind. Und nirgend gewinnt der negative Teil wissenschaftlicher Arbeit eine solche Bedeutung als eben in diesem Bereich. Handelt es sich doch hier um die allmähliche Auf- lösung dei Scheines einer Seins- und Wertformen des Weltzusammen- hanges und Zweck derselben verknüpfenden Metaphysik, welche wie ein Nebel zwischen den betreffenden Gegenständen und dem mensch- lichen Geist so lange gelegen hat.
3- 3- Der Leser einer solchen Geschichte wird sich aber sehr gefördert fühlen, wenn er gewisse Grundzüge, welche in der Natur dieser Klasse von Wissenschaften gelegen sind, nach dem Maß ihrer gegenwärtigen Ausbildung sich zimächst deutlich gemacht hat. Dies ist die Absicht des ersten einleitenden Buches. Es grenzt die Geisteswissenschaften ab von den Naturwissenschaften. Es läßt die Selbständigkeit derselben jenen gegenüber erblicken. Zugleich aber zeigt es ihre Grundlage in den Naturwissenschaften (S. 17 [24]ff.)^ dann die Stellung des Erken- nens zu diesem Material und die Verfahrungsweisen, durch welche die Analyse die komplexen Phänomene der Geisteswissenschaften zerglie- dert und isoliert, die in dieser Analyse entstehende Gliederung der Ein- zelwissenschaften, ihr Verhältnis zueinander. Schließlich wird den fal- schen metaphysischen Konstruktionen dieser Wissenschaften, welche das Grundproblem derselben auflösen wollen, die bescheidene Einsicht in ihre auch über uns hinausschreitende Entwicklung und in die Auf- gabe ihrer erkenntnistheoretischen Grundlegung gegenübergestellt.
Zusammenhang der Einleitung in die Geisteswissenschaften 417 Auf Seite 4 (5) die ausdrückliche Erklärung, daß der Begriff der Geisteswissenschaften endgültig erst im Werk selbst aufgestellt und begründet werden kann, daß hier nur der Tatsachenbegriff, der in diesen betreffenden Wissenschaften enthalten ist, benutzt wird, um die Abgrenzung der Geisteswissenschaften festzustellen.
III. I.
Grundlegung und Organisation als System kann nur Begründung, Anordnung und aus diesen heraus eine vorsichtige immanente Kritik dieses Inbegriffs von Arbeit, die in den Menschen, die Geschichte und Gesellschaft eingedrungen ist, geben.
Hauptsatz über dieses Verfahren Seite 5: „Diese geistigen Tat- sachen, welche sich geschichtlich in der Menschheit entwickelt haben, und auf die nach einem gemeinsamen Sprachgebrauch die Bezeichnung von Wissenschaf ten des Menschen, der Geschichte, der Gesellschaft über- tragen worden ist, bilden die Wirklichkeit, welche wir nicht meistern, sondern zunächst begreifen wollen. Die empirische Methode fordert, daß an diesem Bestände der Wissenschaften selber der Wert der ein- zelnen Verfahrungsweisen, deren das Denken sich hier zur Lösung sei- ner Aufgaben bedient, historisch-kritisch entwickelt, daß an der An- schauung dieses großen Vorganges, dessen Subjekt die Menschheit selber ist, die Natur des Wissens und Erkennens auf diesem Gebiet auf- geklärt werde."
2. Ich erläutere dies an den Naturwissenschaften. Ihre Grundle- gung hat die Frage zu behandeln, ob eine Beziehung auf eine objektive Wirklichkeit in unseren Wahmehmungsbildem von Körpern gelegen sei. Diese Frage fordert selbstverständlich logische und erkenntnis- theoretische Untersuchungen, und ich behaupte deren Notwendigkeit mit dem größten Nachdruck. Sie kann durch wirkliche Zergliederung der logischen Formen erwiesen werden. Aber die Auflösung der Frage selbst ist nur möglich aus dem Innersten der Naturwissenschaften selbst. Diese erweisen als das uns erreichbare Objektive eine gegen- ständliche Ordnung nach Gesetzen, welche die Erscheinungen mög- lich macht.
3.
So ist die Frage nach der Abgrenzung der Geisteswissenschaften nur auflösbar auf der Grundlage logisch-erkenntnistheoretischer Fest- stellungen, schließlich aber doch nur durch das auf dieser Grundlage erfolgende Eindringen in den inneren Zusammenhang, in welchem diese Diltheys Schriften I 27 41 8 Zusätze zum ersten Buch Forschungen einander fordern und sich aufeinander beziehen. Wenn Rickert recht hätte, daß das historische Denken keine Beziehung auf die systematische Psychologie hätte, dann wäre die Ausschließung derselben aus dem Komplexe der Geisteswissenschaften selbstverständ- lich gerechtfertigt. Andererseits ist ihm zuzugeben, daß die erste Frage doch ist, ob eine solche Psychologie mit zureichender Sicherheit auf- gestellt werden kann.
Die Einsicht in den Strukturzusammenhang des Seelenlebens ist der beständige Schlüssel auch für das Verständnis des Zusammenhangs der Funktionen in einem organischen, historischen Ganzen. Kann sie auf klare Begriffe gebracht werden, dann ist damit selbstverständlich dem Historiker ein wichtiges Hüfsmittel gegeben, in einer Verknüpfung verhältnismäßig einfacher Begriffe Formen des Zusammenhangs an solchem Ganzen sich verständlich zu machen.
Ebenso ist die Frage, ob der Gegenstand der Geisteswissenschaf- ten das Singulare sei (idiographischer Charakter derselben) oder ob über sie hinaus allgemeine Kausalzusammenhänge aus der Notwendig- keit der Sache, die begrifflich darstellbar sind, hier erkennbar würden (nomothetischer Charakter derselben), eben wirklich nur aufzulösen, in- dem man sieht, ob das letztere in irgendeinem Umfang schon geleistet ist. Wird diese Frage bejaht, so ist die Sache damit entschieden. Und erst wenn sie verneint wird, müßte man auf allgemeine erkenntnis- theoretische Bedingungen zurückgehen.
Ebenso verhält es sich mit der Frage nach dem Sinn und Wert in der Geschichte.
IV.
Von diesem Standpimkte aus empfängt die Grundlegung der Philo- sophie einen Charakter, welcher dem der an Fichte angeschlossenen Fraktionen der Erkenntnistheoretiker entgegengesetzt ist, dagegen sich als eine Fortbildimg der tatsächlichen Richtung Kants darstellt.
Die Möglichkeit hierzu liegt darin, daß die irrige Kategorienlehre Kants, nach welcher Wirklichkeit, Sein, Realität Verstandeskategorien sind, aufgehoben wird. Entsprechend die Annahme einer Bewußtseins- einrichtung, in welcher das Verhältnis von Subjekt und Objekt als psychologisch ursprünglich gesetzt wäre. Die Aufhebung hiervon ist aber nur möglich, indem von Leben und Totalität bei den psycholo- gischen Ableitungen ausgegangen wird. Riehl (Kantstudien IX S. 511, 512), sieht in Kant richtig die Unterscheidung, nach welcher an einem gewissen Punkte, und zwar wo nun das Gegebene in Frage kommt, psychologische Zergliederung eintritt.
Zusammenhang der Einleitung in die Geisteswissenschaften 419 I. Die oberste Regel der Grundlegung ist, daß nur solche Sätze in ihr verwandt werden, welche einleuchtend dargetan werden können, und daß alle Sätze von einer solchen Beschaffenheit, gleichviel ob sie den Erfahrungswissenschaften angehören oder der Erkenntnistheorie und Logik, anzuwenden sind. Es entstehen ebenso viel Irrtümer in der Grundlegung dadurch, daß sichere Sätze nicht angewandt werden, als daß unsichere zur Anwendung gelangen. Die erkenntnistheoretische Systematik, welche von Bedingungen des Bewußtseins ausgeht und durch diese den Gültigkeitsumfang der Erfahrung, weiterhin des Er- kennens, abgrenzen vnll und dann erst zu den Erfahrungswissenschaf- ten fortgeht, indem sie deren Existenz nun erst als gesichert annimmt, ist der Grundirrtum der ganzen Fichteschen Fraktion innerhalb der Erkenntnistheorie. Kant sielbst stand außerhalb dieser Einseitigkeit, denn er nimmt geradesogut eine Existenz des Affizierenden an als eine solche von Bewußtseinsbedingungen. Diese Existenz des Affi- zierenden aber beruht für üin auf dem Inbegriff der mathematischen Naturwissenschaft.
2.
2.
Die regelrechte Deduktion aus der Analysis des Bevnißtseins, wel- che erst die Erfahrung" konstruieren will, um dann ihre Ergebnisse zu be- nutzen, ist der Schein der Erkenntnistheorie, der aufgelöst werden muß.
Ein solches Verfahren ist unmöglich, denn: 1. Zirkel des Denkens.
2. Voraussetzung der Erfahrungen.
3. Wahr und Falsch ist nur im Urteil. Jedes Urteil aber enthält schon Begriffe, die irgendeine Einteilung des gegebenen Erfahrungs- stoffes, ein Aussondern aus ihm durch Disjunktionen voraussetzen (Schleiermachers Dialektik). So gibt es keinen legitimen Anfang, kein in sich gegründetes Erfahrungsurteil, sondern jeder Anfang ist willkür- lich. Die verschiedenen erkenntnistheoretischen Ausgangspunkte tra- gen immer dies Merkmal der Willkür an sich, haben immer Voraus- setzungen, auf die sie zurückgehen.
Ich schließe: die Erkenntnistheorie ist nie etwas Definitives. Sie wird nur immer so viel Gültigkeit haben, alsi sie von ihrem -\nfang aus dem in den Erfahrungswissenschaften Gewonnenen genugtut.
Regel: Die äußerste Strenge der Erkenntnistheorie gegenüber allem Schein in den Erfahrungen, die strengste Begründung des Wer- tes der Begriffe Realität, Gegenstand, unmittelbar Gegebenes usw. muß zusammenwirken mit dem Sinn für das, was als Realität in den Erfah- rungswissenschaften festgestellt ist.
420 Zusätze zum ersten Buch Einseitig das erste führt zu einem Idealismus^ der entweder subjek- tiv ist oder ein transzendentales allgemeines Subjekt, das in den Normen des Denkens wirksam ist, konstruiert als das allein Gültige.
3.
Alles Denken besteht in Beziehen, alles Beziehen setzt Inhalte, die bezogen werden, voraus. Hierdurch ist der Unterschied festgelegt zwi- schen dem Denken und einem diesem Denken als einer diskursiven Tätigkeit Gegebenen: den Inhalten = Kants Form und Stoff.
'Gegeben' ist hier nur in dem Sinne genommen, daß es dem dis- kursiven Denken gegeben ist. Unmittelbar ist in diesem Sinne dasjenige gegeben, was das diskursive Denken als äußere Anschauung oder In- negewordenes, in innerer Wahrnehmung Vorliegendes vorfindet. Dies ist der Standpunkt, aus dem die Logik als Lehre vom diskursiven Denken diese Unterscheidung vollzieht.
Dieser Begriff des unmittelbar Gegebenen enthält nun das Pro- blem: da sich zeigt, daß dies Gegebene durch logische Operationen selber zustande kommt, so rückt die Gegebenheit zurück. So wird ein zweiter Begriff von 'gegeben' oder 'unmittelbar' erforderlich.
Dies Problem aber kann nur aufgelöst werden, wenn zuerst die Lehre von den Leistungen des beziehenden Denkens über das diskur- sive Denken hinaus durchgeführt wird. Und zwar handelt es sich nicht um die psychologische Frage, welches die Natur der Prozesse ist, durch welche das Gegebene zustande kommt. Diese Frage läßt gegenwärtig eine verschiedene Beantwortung zu. Sie kann also nicht bei der Begrün- dung verwandt werden.
SOZIOLOGIE* I. Meine Polemik gegen die Soziologie betraf das Stadium ihrer Ent- wicklung, wie es durch Comte, Spencer, Schäffle, Lilienfeld charakteri- siert war. Der in diesen Arbeiten enthaltene Begriff derselben war der einer Wissenschaft des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Men- schen, die als ihre Gegenstände auch Recht, Sitte, Religion in sich schloß. Sie war also nicht eine Theorie von den Formen, die das psy- chische Leben unter den Bedingungen der gesellschaftlichen Beziehun- gen der Individuen annimmt. Einen solchen Begriff von Soziologie hat Soziologie 4^ ^ Soziologie 4^ ^ Simmel aufgestellt. Soziologie hat dann die gesellschaftliche Form als solche, die bei der Variation dieselbe bleibt, zum Gegenstand. Diese gesellschaftliche Form als solche stellt sich nach ihm dar in einer An- zahl voneinander trennbarer Verb in dungsweisen der Menschen. Solche sind Überordnung und Unterordnung, Nachahmung, Arbeitsteilung, Konkurrenz, Selbsterhaltung der sozialen Gruppe, Bildung von Hier- archien, Vertretung, Parteibildung. Und es gilt nun, diese Formen in- duktiv festzustellen und psychologisch zu deuten. Die Gesellschaft ist nur die Summe dieser einzelnen Verbindungskräfte, die zwischen die- sen Elementen stattfinden. Die Gesellschaft als solche wäre nicht mehr nach dem Wegfall dieser Verbindungskräfte.
Die Aussonderung eines solchen wissenschaftlichen Gebietes muß ich natürlich anerkennen^ sie beruht auf dem Prinzip, nach welchem Verhältnisse, welche konstant bleiben als Formen des Zusammenlebens bei der Variation der Zwecke desselben und seiner Inhalte, für sich studiert werden können. Habe ich ja doch selbst schon in meiner ^„Ein- leitung" vor Simmel die äußere Organisation der Gesellschaft als ein besonderes Gebiet charakterisiert, als in welchem, psychologisch an- gesehen, Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse und Gemein- schaftsbeziehungen wirksam sind. Meine Auffassung unterscheidet sich von der Simmeis zunächst dadurch, daß ich diese verbindenden Kräfte nicht einfach auf die angegebenen psychischen Momente zurückführen kann^ sondern den Naturzusammenhang von Geschlechtsgemeinschaft, Erzeugung, so entstehender Homogeneität der Familie, Rasse sowie andererseits örtlichem Zusammenwohnen als ebenso wichtig ansehe.
Meine Verwerfung der Soziologie kaim sich sonach nicht auf eine solche Disziplin beziehen, sondern sie betrifft eine Wissenschaft, welche alles dasjenige, was de facto in der menschlichen Gesellschaft statt- findet, in einer Wissenschaft zusammenfassen will. Das Prinzip, wel- ches dieser Zusammenfassung zugrunde liegt, wäre: was in der menschlichen Gesellschaft in dem Verlauf von deren Geschichte abläuft, muß zur Einheit desselben Gegenstandes zusammengefaßt werden.
Dies wäre geradeso geschlossen als: da in der Natur mechanische, physikalische, chemische und Lebens-Prozesse verbunden sind und in- nerhalb derselben materiellen physischen Welt ablaufen, so müssen sie in eine Wissenschaft zusammengefaßt werden. Tatsächlich ziehen die Naturwissenschaften nur die Folgerung: die Einzelwissenschaften müs- sen immer bereit sein, die von ihnen aufgefundenen allgemeinen Wahr- heiten allgemeineren, etwa astronomische Wahrheiten den mechani- schen, physiologische den chemischen unterzuordnen oder umgekehrt Anwendungen der mechanischen Wahrheiten in der Astronomie usw. aufzusuchen. Aber eine allgemeine Naturwissenschaft ist immer nur 4^^ Zusätze zum ersten Buch eine problematische Perspektive, nicht der Ausgangspunkt. Und eben- so streben die Geisteswissenschaften danach, die Beziehungen der von ihnen aufgefundenen Wahrheiten durch Unterordnung und Anwendung festzustellen, aber sie können nicht mit der Konstituierung einer solch allgemeinen, noch ganz problematischen Wissenschaft beginnen.
Denkt man sich nun eine solche Wissenschaft funktionierend, so ist sie entweder ohne ein einheitliches Prinzip eine Zusammenfassung aller Geisteswissenschaften, die aus der Verwebung des Lebens in der Gesellschaft als Einzelwissenschaften ausgesondert sind. Dann ist sie, wie Simmel richtig bemerkt, der große Topf, auf dem die Etiquette Soziologie aufgeklebt wird: ein neuer Name, aber keine neue Er- kenntnis. Oder sie ist die unter erkenntnistheoretischen-logischen-me- thodischen Gesichtspunkten zusammengefaßte Enzyklopädie der auf dem Grunde der Psychologie sich erhebenden Einzelwissenschaften. Dann bezeichnet Soziologie nur die Philosophie der Geisteswissenschaf- ten in ihrem zweiten Teil.
So aber ist die Soziologie nicht gemeint, welche Comte, Spencer usw. Diese sieht vielmehr in der Gesellschaft, in der in ihr wirksamen Differenzierung und Integration, in der Solidarität der Interessen, in ihrem Fortschritt zu einer dem gemeinsamen Nutzen entsprechen- den Ordnung das Prinzip, aus welchem Religiosität, Kunst, Sitte, Recht erklärlich sind. In diesem Sinne habe ich die Soziologie als „meta- physisch" bezeichnet.
Die Fehler, die hierbei vorliegen, sind folgende: i. Gegeben sind uns Individuen in gesellschaftlichen Beziehungen. Diese Grundtatsache hat zwei Seiten. Das Individuum bildet durch seine Struktureinheit ein in sich geschlossenes Ganze. Weder der Grund noch der Zweck des individuellen Daseins kann durch irgendeine Beweisführung re- duziert werden auf die Gesellschaft. Hieraus wird deutlich: es ist eine metaphysische Hypothese, wenn man die letztere Annahme macht.
2. Vieles in den Zweckzusammenhängen der Gesellschaft karm aus der bloßen Sozialität abgeleitet werden. Aber schon ein Zusammen- hang wie die Entwicklung der Philosophie ist ebenso nach Grund und Zweck in dem Individuum an sich angelegt, als in der Gesellschaft. Noch deutlicher zeigt sich diese Zweiseitigkeit in der Religiosität und in der Kunst. Könnte man sich ein einziges auf der Erde hinschreiten- des Individuum denken, so würde dieses bei einer für die Entwicklung zureichenden Lebensdauer diese Funktionen in völliger Einsamkeit aus sich entwickeln.
Soziologie 4-3 3. Aber auch im Recht ist ein Prinzip der Bindung an das gegen- seitig Festgestellte enthalten, das nicht nur durch gesellschaftlichen Zwang wirkt und dessen utüitarische Ableitung eine wenig befriedi- gende Hypothese ist. Und ebenso verhält es sich mit der Sittlichkeit.
4. Sonach ist diese Soziologie gar nicht wissenschaftliche Erkennt- nis, die durch ein Gebiet definiert wäre, sondern sie ist eine bestimmte Richtung der Auffassung, wie sie im 19. Jahrhundert in einer gegebe- nen Lage sich geltend macht. Und durch diese Richtung bestimmt, ist sie eine Methode, die von einem angenommenen Erklärungsprinzip aus möglichst viele Tatsachen ihrer Erklärung unterwirft. Eine solche Methode ist heuristisch wertvoll, und die evolutionistische Gesellschafts- lehre hat ja in der Tat belebend gewirkt. Aber da dieselbe an die ge- nannten Tatsachen anstößt, welche ebensogut individuell als sozial erklärt werden können, so zeigt sich darin ihre Unfähigkeit, eine Wis- senschaft zu konstituieren. So ist Soziologie schließlich der Name für eine Anzahl von Werken, welche nach einem großen Erklärungsprinzip die gesellschaftlichen Tatsachen behandelt, für eine Richtung des er- klärenden Verfahrens: der Name für eine Wissenschaft ist sie nicht.
m. ZUSÄTZE ZUM ZWEITEN BUCH* Zu Seite 123 (153)**. Einteilung.
1. Gegenständliche Metaphysik der Griechen. Ihre Leistung ist, daß sie die metaphysischen Hauptkategorien schaffen. Diese sind nicht selbstverständlich. Sie sind gefunden am Gegenständlichen als Sub- stanz und das was von ihr kategorial ausgesagt wird. Zugleich in Piaton tiefste Begründung im Parmenides. Unterordnung der Kate- gorien des Gefühlsverhaltens und des willentlichen Verhaltens unter die gegenständlichen.
2. Die Willensmetaphysik der Römer. Die römische Weltanschau- ung entsteht, indem die LebensbegrifFe auf apriorische Anlagen prak- tischer Art zurückgeführt werden. Daher: das Rechtsbewußtsein, Frei- heit des Willens usw. sind angeboren. Sie haben eine andere Welt, weil das Verhältnis der Unterordnung der Kategorien und daher deren Bestimmung eine andere ist. Jetzt Entscheidung, daß der Mensch zum Handeln geboren, woraus dann die praktische Natur seiner Anlagen folgt. Ist nicht seine höchste metaphysische Objektivierung des Lebens- ** Die erste Zahl bezeichnet die Seite der neuen, die eingeklammerte Zahl die Seite der alten Ausgabe.
424 Zusätze zum zweiten Buch Standes die sittliche Gemeinschaft, in welcher die Individuen gebunden sind durch den inhaltlich gut bestimmten göttlichen Willen?
3. Die Metaphysik des religiösen Erlebnisses war nur möglich auf der Grundlage des Skeptizismus. Nur so konnte die Subjektivität der religiösen Anschauung die Gebildeten als das allein Mögliche über- zeugen.
In dem Erlebnis der Offenbarungsreligionen erzeugt der Mensch aus dem Bedürfnis der Befriedigung seines Gefühls (Seligkeit) intuitiv die Wahrheit. Die Garantie der Vereinignng des Lebens (= Seligkeit) liegt in dem Liebeszusammenhang mit dem Ewigen. Aufhebung der Distanzen zu Gott im Gesetzes- und Gehorsamsverhältnis, im Pflichtver- hältnis usw. durch die schmelzenden Gefühle der Vereinigung.
Zu Seite 147 (183): Die Pythagoreer sind auch formal die Begrün- der der herrschenden griechischen Denkrichtung. Denn sie konstruie- ren aus mathematischen Einheiten.
Zu Seite 180 (226): In Piaton tritt nun das entscheidende Moment der herrschenden griechischen Philosophie auf. Dieses besteht in einer begrifflichen Konstruktion aus mathematischen Elementen, die von der zeitlichen Ableitung verschieden ist. Kosmisch das Verfahren, das sub- jektiv bei Kant ist. So konstruiert später Euklid vom mathematischen Punkt aus und schreitet bis zu den regulären Körpern, die dann der Physik und Astronomie zugrunde liegen.
Zu Seite 215 (271). Zu sondern: Auffassung der Geisteswissen- schaft nach dem Begriff der Kausalität, z. B. Demokrit, und dem Geistesbegriff des Zweckes in der attischen Philosophie.
Tiefere Gründe, warum die Attiker die Kardinalbegriffe eines ge- schichtlichen Organismus fanden. In beiden metaphysische Stufe.
Anfang Geisteswissenschaften. Metaphysische Epoche.
Wenn Aristoteles den Sieg errang, so war dies mit darin begrün- det, daß diese Metaphysik Anwendbarkeit auf die Geisteswissen- schaften besaß, die seit den Zeiten der Sophisten mächtig emporwuchsen. Denn der Begriff einer Form, die als Zweck wirkende Ursache ist und so das Bildungsgesetz in sich trägt — unfruchtbar auf dem Gebiete der Natur — entsprach der Struktur des Menschen, die teleologisch ist, und den auf sie gegründeten Zweckzusammenhängen. Und ebenso die Methode der Vergleichung, welche auf Bildungsgesetze gerichtet war, erwies sich fähig usw. Endlich lag in diesen metaphysischen Be- griffen selbst die Möglichkeit, die Zweckzusammenhänge, welche auf Zusätze zum zweiten Buch Grund des Berufslebens zur Unterscheidung gelangt waren, klar zu distinguieren und in eine innere Verbindung zu bringen.
Politik. Die Wissenschaft der Politik hat ihre Grundlagen in Aristoteles, in ihm aber lagen zugleich die Schranken, welche bis auf diesen Tag die Konstituierung derselben als einer historisch kom- parativen Wissenschaft gehindert haben. Von Aristoteles ab ist der Ausgangspunkt im einzelnen Staat. Dieser ist ebenso eine Abstrak- tion als der einzelne Mensch. Die Staaten leben nur in den Verhält- nissen von Druck, Expansion, Gegensatz, Gleichgewicht, auch der Frieden ist nur eine vorübergehende Hemmung der lebendigen Energie von Expansion, die immer in irgendeinem Staate sehr stark ist. Und von diesem Verhältnis ist die innere Entwicklung des einzelnen Staates bedingt. Dies ist nun die allgemeinste Bedingimg, unter welcher die Dynamik der inneren Zustände des einzelnen Staates steht. Das oberste Gesetz dieser inneren Dynamik liegt darin, daß mitten in der Kon- kurrenz der einzelnen und ihrer Interessen der Staat zusammengehal- ten wird durch Kräfte, welche als Beweggründe in den einzelnen stark genug sind, um eine bestehende Staatsordnung und Staatsmacht auf- rechtzuerhalten. Nicht darum handelt es sich in erster Linie, welche Kräfte das staatliche Leben hervorgebracht haben, sondern welche gegenwärtig als seine Erhaltung bewirkend nachgewiesen werden können. Wie in allen menschlichen Dingen sind sie mannigfaltig. Ein- gewöhnter Gehorsam und Bewußtsein der Autorität, wirtschaftliches Interesse an der Macht des Staates, Bewußtsein der Vorteile, die der einzelnen Klasse aus der bestehenden Ordnung zufließen, im tiefsten Grunde die Zusammengehörigkeit der durch Sprache und Abstammung verbundenen Personen, welche immer mehr als die einzige unerschüt- terliche Grundlage sich geltend macht; denn in den äußersten Krisen eines politischen Ganzen hat sie jederzeit sich bewährt, und sie wird gesteigert durch die Geschichte, welche die Individuen eines politischen Ganzen schließlich immer enger miteinander verbunden hat.
Zu Seite 241 (304): Zu Skepsis. Ursache. Die Kritik des Kausal- begriffs ist fundamental in dem skeptischen Denken. Sie wird nun aber auch angew^andt auf die Grammatik und Geschichte. Hier entsteht das Problem, ob die Rechtfertigung des Kausalbegriffs, welche die stoi- schen Philosophen gegen die Skeptiker unternommen haben, auch von den Historikern aufgenommen worden ist.
Im Kern ist die Durchführung des Kausalbegriffs im stoischen Weltbegriff die tatsächliche Antwort auf die Skepsis. Für die Ge- schichte also das Werk des Polybius. Fragt sich, ob derselbe ein doktri- nales Bewußtsein davon hat.
426 Zusätze zum zweiten Buch Dritter Abschnitt, (Weltanschauung und Lebensbegriffe der Römer.) Die Verschmelzung der griechischen Philosophie mit der Lebensansicht und den Lebens- begriffen der Römer. (Archiv IV, S. 612 — 623.)* 2. Die im römischen Geist herrschenden Begriffe.
3. Aus dieser praktischen Stellung zur Welt ergibt sich das Un- vermögen zur Systematik der Weltanschauungen (S. 616).
4. Römische Religiosität, erfolgend aus der praktischen Lebens- stellung der Römer, Theologie aber durch die Griechen.
5. Römische Philosophie.
a) Geschichte der Übertragung- der griechischen Philosophie nach Rom (Grundriß** S. 50 — 58).