SigPhi · Wilhelm Dilthey

Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften

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gularität eines jeden solchen einzelnen Individuums, das an irgend- einem Punkte des unermeßlichen geistigen Kosmos wirkt, läßt sich, gemäß dem Satz: Individuum est ineffabile, in seine einzelnen Bestand- teile verfolgen, wodurch sie erst in ihrer ganzen Bedeutung erkannt wird.

Die Theorie dieser psycho-physischen Lebenseinheiten ist die An- thropologie und Psychologie. Ihr Material bildet die ganze Geschichte und Lebenserfahrung, und gerade die Schlüsse aus dem Studium der psychischen Massenbewegungen werden in ihr eine stets wach- sende Bedeutung erlangen. Die Verwertung des ganzen Reichtums der Tatsachen, welche den Stoff der Geisteswissenschaften überhaupt bilden, ist der wahren Psychologie sowohl mit den Theorien, von denen demnächst zu sprechen sein wird, als mit der Geschichte gemein- sam. Alsdann aber ist festzuhalten: außerhalb der psychischen Ein- heiten, welche den Gegenstand der Psychologie bilden, gibt es über- haupt keine geistige Tatsache für unsere Erfahrung. Da nun die Psy- chologie keineswegs alle Tatsachen in sich schließt, welche Gegen- stand der Geisteswissenschaften sind, oder (was dasselbe ist) welche die Erfahrung uns an psychischen Einheiten auffassen läßt: so ergibt sich hieraus, daß die Psychologie nur einen Teilinhalt dessen, was in jedem einzelnen Individuum vorgeht, zum Gegenstande hat. Sie kann daher nur durch eine Abstraktion von der Gesamtwissenschaft der ge- schichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit ausgesondert und nur in be- 30 Erstes einleitendes Buch Ständiger Beziehung auf sie entwickelt werden. Wohl ist die psycho- physische Einheit dadurch in sich geschlossen, daß für sie nur Zweck sein kann, was in ihrem eigenen Willen gesetzt ist, nur wertvoll, was in ihrem Gefühl so gegeben ist, nur wirklich und wahr, was als gewiß, als evident vor ihrem Bewußtsein sich bewährt. Aber dieses so ge- schlossene, im Selbstbewußtsein seiner Einheit gewisse Ganze ist an- dererseits nur in dem Zusammenhang der gesellschaftlichen Wirklich- keit hervorgetreten; seine Organisation zeigt es als von außen Ein- wirkung empfangend und nach außen zurückwirkend; seine ganze Inhaltlichkeit ist nur eine inmitten der umfassenden Inhaltlichkeit des Geistes in der Geschichte und Gesellschaft vorübergehend auftretende einzelne Gestalt; ja der höchste Zug seines Wesens ist es, vermöge dessen es in etwas lebt, das nicht es selber ist. Der Gegenstand der Psychologie ist also jederzeit nur das Individuum, welches aus dem lebendigen Zusammenhang der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirk- lichkeit ausgesondert ist, und sie ist darauf angewiesen, die allge- meinen Eigenschaften, welche psychische Einzelwesen in diesem Zu- sammenhang entwickeln, durch einen Vorgang von Abstraktion fest- zustellen. Den Menschen, wie er, abgesehen von der Wechselwirkung in der Gesellschaft, gleichsam vor ihr ist, findet sie weder in der Erfahrung, noch vermag sie ihn zu erschließen: wäre das der Fall, so würde der Aufbau der Geisteswissenschaften sich ungleich ein- facher gestaltet haben. Selbst der ganz enge Umkreis unbestimmt aus- drückbarer Grundzüge, welche wir geneigt sind, dem Menschen an und für sich zuzuschreiben, unterliegt dem ungeschlichteten Streit hart aneinanderstoßender Hypothesen.

Hier kann also sofort ein Verfahren abgev/iesen werden, welches den Aufbau der Geisteswissenschaften unsicher macht, indem es in die Grundmauern Hypothesen einfügt. Das Verhältnis der Individual- einheiten zur Gesellschaft ist von zwei entgegengesetzten Hypothesen aus konstruktiv behandelt worden. Seitdem dem Naturrecht der So- phisten Piatos Auffassung des Staats als des Menschen im großen gegenübertrat, befehden sich diese beiden Theorien, ähnlich wie die atomistische und die dynamische, in bezug auf die Konstruktion der Gesellschaft. Wohl nähern sie sich einander in ihrer Fortbildung, aber die Auflösung des Gegensatzes ist erst möglich, wenn die konstruk- tive Methode, die ihn hervorbrachte, verlassen wird, wenn die ein- zelnen Wissenschaften der gesellschaftlichen Wirklichkeit als Teile eines umfassenden analytischen Verfahrens, die einzelnen Wahrheiten als Aussagen über Teilinhalte dieser Wirklichkeit aufgefaßt werden. In diesem analytischen Gang der Untersuchung kann die Psychologie nicht, wie durch die erste dieser Hypothesen geschieht, als Darstellung Anthropologie und Psychologie 3'' der anfänglichen Ausstattung eines von dem geschichtlichen Stamme der Gesellschaft losgelösten Individuums entwickelt werden. Haben doch z. B. die Grundverhältnisse des Willens wohl den Schauplatz des Wirkens in den Individuen, aber nicht den Erklärungsgrund. Eine solche Isolierung und dann eine mechanische Zusammensetzung von Individuen, als Methode der Konstruktion der Gesellschaft, war der Gnmdfehler der alten naturrechtlichen Schule. Die Einseitigkeit dieser Richtung ist immer wieder bekämpft worden durch eine entgegen- gesetzte Einseitigkeit. Diese hat, gegenüber einer mechanischen Zu- sammensetzung der Gesellschaft, Formeln entworfen, welche die Ein- heit des gesellschaftlichen Körpers ausdrücken und so der anderen Hälfte des Tatbestandes genugtun sollten. Eine solche Formel ist die Unterordnung des Verhältnisses des einzelnen zum Staat unter das Verhältnis des Teils zum Ganzen, welches vor dem Teil ist, in der Staatslehre des Aristoteles; ist die Durchführung der Vorstellung vom Staat als einem wohlgeordneten tierischen Organismus bei den Publi- zisten des Mittelalters, welche von bedeutenden gegenwärtigen Schrift- stellern verteidigt und näher ausgebildet wird; ist der Begriff einer Volksseele oder eines Volksgeistes. Nur durch den geschichtlichen Gegensatz haben diese Versuche, die Einheit der Individuen in der Gesellschaft einem Begriff unterzuordnen, eine vorübergehende Be- rechtigung. Der Volksseele fehlt die Einheit des Selbstbewußtseins und Wirkens, welche wir im Begriff der Seele ausdrücken. Der Begriff des Organismus substituiert für ein gegebenes Problem ein anderes, und zwar wird vielleicht, wie schon J. St. Mill bemerkt hat, die Auf- lösung des Problems der Gesellschaft früher und vollständiger ge- lingen als die des Problems des tierischen Organismus; schon jetzt aber kann die außerordentliche Verschiedenheit dieser beiden Arten von Systemen, in denen zu einer Gesamtleistung einander gegenseitig bedingende Funktionen zusammengreifen, gezeigt werden. Das Ver- hältnis der psychischen Einheiten zur Gesellschaft darf sonach über- haupt keiner Konstruktion unterworfen werden. Kategorien, wie Ein- heit und Vielheit, Ganzes und Teil, sind für eine Konstruktion nicht benutzbar: selbst wo die Darstellung ihrer nicht entbehren kann, darf nie vergessen werden, daß sie in der Erfahrung des Individuums von sich selber ihren lebendigen Ursprung gehabt haben,.iaß sonach durch keine Rückanwendung mehr an dem Erlebnis, welches das In- dividuum sich selber in der Gesellschaft ist, aufgeklärt werden kann, als die Erfahrung für sich zu sagen imstande ist.

Der Mensch als eine der Geschichte und Gesellschaft vorauf- gehende Tatsache ist eine Fiktion der genetischen Erklärung; der- jenige Mensch, den gesunde analytische. Wissenschaf t zum Objekt 32 Erstes einleitendes Buch hat, ist das Individuum als ein Bestandteil der Gesellschaft. Das schwie- rige Problem, welches Psychologie aufzulösen hat, ist: analytische Er- kenntnis der allgemeuien Eigenschaften dieses Menschen.

So aufgefaßt, ist Anthropologie und Psychologie die Grundlage aller Erkenntnis des geschichtlichen Lebens, wie aller Regeln der Leitung und Fortbildung der Gesellschaft. Sie ist nicht nur Vertiefung des Menschen in die Betrachtung seiner selbst. Ein Typus der Men- schennatur steht immer zwischen dem Geschichtschreiber und seinen Quellen, aus denen er Gestalten zu pulsierendem Leben erwecken will; er steht nicht minder zwischen dem politischen Denker und der Wirk- lichkeit der Gesellschaft, welcher dieser Regeln ihrer Fortbildung ent- werfen will. Die Wissenschaft will nur diesem subjektiven Typus Eich- tigkeit und Fruchtbarkeit geben. Sie will allgemeine Sätze entwickeln, deren Subjekt diese Individualeinheit ist, deren Prädikate alle Aus- sagen über sie sind, welche für das Verständnis der Gesellschaft und der Geschichte fruchtbar werden können. Diese Aufgabe der Psy- chologie und Anthropologie schließt aber in sich eine Erweiterung ihres Umfangs. Über die bisherige Erforschung der Gleichförmig- keiten des geistigen Lebens hinaus muß sie typische Unterschiede desselben erkennen, die Einbildungskraft des Künstlers, das Natu- rell des handelnden Menschen der Beschreibung und Analysis unter- werfen und das Studium der Formen des geistigen Lebens durch die Deskription der Realität seines Verlaufs sowie seines Inhaltes ergän- zen. Hierdurch wird die Lücke ausgefüllt, welche in den bisherigen Systemen der gesellschaftlich-geschichtlichen Wirklichkeit zwischen der Psychologie einerseits, der Ästhetik, Ethik, den Wissenschaften der politischen Körper sowie der Geschichtswissenschaft andererseits existiert: ein Platz, der bisher nur von den ungenauen Generalisatio- nen der Lebenserfahrung, den Schöpfungen der Dichter, Darstellungen der Weltmänner von Charakteren und Schicksalen, unbestimmten all- gemeinen Wahrheiten, welche der Geschichtschreiber in seine Er- zählung verwebt, eingenommen war.

Die Aufgaben einer solchen grundlegenden Wissenschaft kann die Psychologie nur lösen, indem sie sich in den Grenzen einer de- skriptiven Wissenschaft hält, welche Tatsachen und Gleichförmigkei- ten an Tatsachen feststellt, dagegen die erklärende Psychologie, welche den ganzen Zusammenhang des geistigen Lebens durch gewisse An- nahmen ableitbar machen will, von sich reinlich unterscheidet. Nur durch dieses Verfahren kann für die letztere ein genaues, unbefangen festgestelltes Material gewonnen werden, welches eine Verifikation der psychologischen Hypothesen gestattet. Vor allem aber: nur so können endlich die Einzelwissenschaften des Geistes eine Grundlegimg Du Biographie 33 erhalten, die selber fest ist, während jetzt auch die besten Darstellun- gen der Psychologie Hypothesen auf Hypothesen bauen.

Wir ziehen das Ergebnis für den Zusammenhang dieser Dar- legung. Der einfachste Befimd, welchen die Analysis der gesellschaft- lich-geschichtlichen Wirklichkeit abzugewinnen vermag, liegt in der Psychologie vor; sie ist demnach die erste und elementarste unter den Einzelwissenschaften des Geistes; dementsprechend bilden ihre Wahrheiten die Grundlage des weiteren Aufbaues. Aber ihre Wahr- heiten enthalten nur einen aus dieser Wirklichkeit ausgelösten Teil- inhalt und haben daher die Beziehung auf diese zur Voraussetzung. Demnach kann nur vermittels einer erkenntnis-theoretischen Grund- legung die Beziehung der psychologischen Wissenschaft zu den an- deren Wissenschaften des Geistes und zu der Wirklichkeit selber, deren Teilinhalte sie sind, aufgeklärt werden. Für die Psychologie selber aber ergibt sich aus ihrer Stellung im Zusammenhang der Gei- steswissenschaften, daß sie als deskriptive Wissenschaft (ein in der Grundlegung näher zu entwickelnder Begriff) sich unterscheiden muß von der erklärenden Wissenschaft, welche, ihrer Natur nach hypothe- tisch, einfachen Annahmen die Tatsachen des geistigen Lebens zu unterwerfen unternimmt.

Die Darstellung der einzelnen psycho-physischen Lebenseinheit ist die Biographie. Das Gedächtnis der Menschheit hat sehr \dele Indi- vidualexistenzen des Interesses und der Aufbewahrung würdig be- funden. Carlyle sagt einmal von der Geschichte: „Weises Erinnern und weises Vergessen, darin liegt alles." Das Singulare des Menschen- daseins ergreift eben, nach der Gewalt, mit der das Individuum die Anschauung und die Liebe anderer Individuen zu sich hinreißt, stärker als irgendein anderes Objekt oder irgendeine Generalisa tion. Die Stel- lung der Biographie innerhalb der allgemeinen Geschichtswissenschaft entspricht der Stellung der Anthropologie innerhalb der theoretischen Wissenschaften der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit. Da- her wird der Fortschritt der Anthropologie und die wachsende Er- kenntnis ihrer grundlegenden Stellung auch die Einsicht vermitteln, daß die Erfassung der ganzen Wirklichkeit eines IndividuaJdaseins, seine Naturbeschreibung in seinem geschichtlichen Milieu, ein Höch- stes von Geschichtschreibung ist, gleichwertig durch die Tiefe der Aufgabe jeder geschichtlichen Darstellung, die aus breiterem Stoff gestaltet. Der Wille eines Menschen, in seinem Verlauf und seinem Schicksal, wird hier in seiner Würde als Selbstzweck erfaßt, und der Biograph soll den Menschen sub specie aetemi erblicken, wie er selbst sich in Momenten fühlt, in welchen zwischen ihm und der Gottheit alles Hülle, Gewand und Mittel ist und er sich dem Sternenhimmel Diltheys Schriften I i 34 Erstes einleitendes Buch SO nahe fühlt, als irgendeinem Teil der Erde. Die Biographie stellt so die fundamentale geschichtliche Tatsache rein, ganz, in ihrer Wirk- lichkeit dar. Und nur der Historiker, der sozusagen von diesen Lebens- einheiten aus die Geschichte aufbaut, der durch den Begriff von Typus und Repräsentation sich der Auffassung von Ständen, von gesell- schaftlichen Verbänden überhaupt, von Zeitaltem zu nähern sucht, der durch den Begriff von Generationen Lebensläufe aneinanderkettet, wird die Wirklichkeit eines geschichtlichen Ganzen erfassen, im Gegensatz zu den toten Abstraktionen, die zumeist aus den Archiven entnommen werden.

Ist die Biographie ein wichtiges Hilfsmittel für die weitere Ent- wicklung einer wahren Realpsychologie, so hat sie andererseits in dem dermaligen Zustande dieser Wissenschaft ihre Grundlage. Man kann das wahre Verfahren des Biographen als Anwendung der Wissen- schaft der Anthropologie und Psychologie auf das Problem, eine Le- benseinheit, ihre Entwicklung und ihr Schicksal lebendig und ver- ständlich zu machen, bezeichnen.

Regeln persönlicher Lebensführung haben zu allen Zeiten einen weiteren Zweig der Literatur gebildet; einige der schönsten und tief- sten Schriften aller Literatur sind diesem Gegenstande gewidmet. Sol- len sie aber den Charakter der Wissenschaft erlangen: so führt eine solche Bestrebung zurück in die Selbstbesinnung über den Zusammen- hang zwischen unserer Erkenntnis von der Wirklichkeit der Lebens- einheit und unserem Bewußtsein von den Beziehungen der Werte zueinander, welche unser Wille und unser Gefühl im Leben finden.

An der Grenze der Naturwissenschaften und der Psychologie hat sich ein Gebiet von Untersuchungen ausgesondert, welches von seinem ersten genialen Bearbeiter als Psychophysik bezeichnet worden ist und welches sich durch das Zusammenwirken hervorragender Forscher zu dem Entwurf einer physiologischen Psychologie erweitert hat. Diese Wissenschaft ging davon aus, ohne Rücksicht auf den metaphysischen Streit über Körper und Seele die tatsächlichen Beziehungen zwischen diesen beiden Erscheinungsgebieten möglichst genau feststellen zu wollen. Der neutrale, in der äußersten hier denkbaren Abstraktion verbleibende Begriff der Funktion in seiner mathematischen Bedeu- tung wurde hierbei von Fechner zugrunde gelegt.und Feststellung der bestehenden so in zwei Richtungen darstellbaren Abhängigkeiten als das Ziel dieser Wissenschaft festgehalten. Den Mittelpunkt seiner Untersuchungen bildete das Funktionsverhältnis zwischen P^eiz und Empfindung. Will jedoch diese Wissenschaft die Lücke, v/elche zwi- schen Physiologie und Psychologie besteht, vollständig ausfüllen, will Die physiologische Psychologie. — Stellung des Erkennens zur Gesellschaft 35 sie alle Berührungspunkte des körperlichen und psychischen Lebens umfassen und zwischen Physiologie und Psychologie die Verbindung so vollständig und wirksam als möglich herstellen: dann findet sie sich genötigt, diese Beziehung in die umfassende Vorstellung des ursächlichen Zusammenhangs der gesamten Wirklichkeit einzuordnen. Und zwar bildet die einseitige Dependenz psychischer Tatsachen und Veränderungen von physiologischen den Hauptgegenstand einer sol- chen physiologischen Psychologie. Sie entwickelt die \bhängigkeit des geistigen Lebens von seiner körperlichen Unterlage; untersucht die Grenzen, innerhalb deren eine solche Abhängigkeit nachweisbar ist; stellt alsdann auch die Rückwirkungen dar, welche von den gei- stigen Veränderungen zu den körperlichen gehen. So verfolgt sie das geistige Leben, von den Beziehungen, welche zwischen der physio- logischen Leistung der Sinnesorgane und dem psychischen Vorgang' von Empfindung und Wahrnehmung obwalten, zu denen zwis'chen dem Auftreten, Verschwinden, der Verkettung der Vorstellungen einerseits, der Struktur und den Funktionen des Gehirns andererseits, bis zu denen, welche zwischen dem Reflexmechanismus und motorischen System und entsprechend der Lautbildung, Sprache und geregelten Bewegung bestehen.

IX.

IX.

STELLUNG DES ERKENNENS ZU DEM ZUSAMMENHANG GESCHICHTLICH- GESELLSCHAFTLICHER WIRKLICHKEIT Von dieser Zergliederung der einzelnen psycho-physischen Ein- heiten ist diejenige unterschieden, welche das Ganze der geschichtlich- gesellschaftlichen Wirklichkeit zu ihrem Gegenstande hat. Franzosen und Engländer haben den Begriff einer die Theorie dieses Ganzen entwickelnden Gesamtwissenschaft entworfen und dieselbe als Sozio- logie bezeichnet. In der Tat kann die Erkenntnis der Entwicklung der Gesellschaft nicht von der Erkenntnis ihres gegenwärtigen Status getrennt werden. Beide Klassen von Tatsachen bilden einen Zusam- menhang. Der gegenwärtige Zustand, in welchem die Gesellschaft sich befindet, ist das Ergebnis des früheren, und er ist zugleich die Bedingung des nächsten. Der ermittelte Status desselben in dem jet- zigen Moment gehört im nächsten bereits der Geschichte an. Jeder Durchschnitt, der den Status der Gesellschaft in einem gegebenen Augenblick darstellt, ist daher, sobald man sich über den Moment er- hebt, als ein geschichtlicher Zustand zu betrachten. Der Begriff der 3* 36 Erstes einleitendes Buch Gesellschaft kann sonach gebraucht werden, dieses sich entwickelnde Ganze zu bezeichnen.^ Viel verschlungener noch, rätselhafter als unser eigener Organis- mus, als seine am meisten rätselhaften Teile, wie das Gehirn, steht diese Gesellschaft, d. h. die ganze geschichtlich-gesellschaftliche Wirk- lichkeit, dem Individuum als ein Objekt der Betrachtung gegenüber. Der Strom des Geschehens in ihr fließt unaufhaltsam voran, während die einzelnen Individu3, aus denen er besteht, auf dem Schauplatz des Lebens erscheinen und von ihm wieder abtreten. So findet das Indi- viduum sich in ihm vor, als ein Element, mit anderen Elementen in Wechselwirkung. Es hat dies Ganze nicht gebaut, in das es hinein- geboren ist. Es kennt von den Gesetzen, in denen hier Individuen aufeinander wirken, nur wenige und unbestimmt gefaßte. Wohl sind es dieselben Vorgänge, die in ihm, vermöge innerer Wahrnehmung, ihrem ganzen Gehalt nach bewußt sind, und welche außer ihm dieses Ganze gebaut haben; aber ihre Verwickelung ist so groß, die Be- dingungen der Natur, unter denen sie auftreten, sind so mannigfaltig, die Mittel der Messung und des Versuchs sind so eng begrenzt, daß die Erkenntnis dieses Baues der Gesellschaft durch kaum überwind- licli erscheinende Schwierigkeiten aufgehalten worden ist. Hieraus entspringt die Verschiedenheit zwischen unserem Verhältnis zur Gesellschaft und dem zur Natur. Die Tatbestände in der Gesellschaft sind uns von innen verständlich, wir können sie in uns^ auf Grund der Wahrnehmung unserer eigenen Zustände, bis auf einen gewissen Punkt nachbilden, und mit Liebe und Haß, mit leidenschaftlicher Freude, mit dem ganzen Spiel unserer Affekte begleiten wir anschau- end die Vorstellung der geschichtlichen Welt. Die Natur ist uns stumm. Nur die Macht unserer Imagination ergießt einen Schimmer von Leben und Irmerlichkeit über sie. Denn sofern wir ein mit ihr in Wechselwirkung stehendes System körperlicher Elemente sind, be- gleitet kein inneres Gewahrwerden das Spiel dieser Wechselwirkung. Darum kann auch die Natur für uns den Ausdruck erhabener Ruhe haben. Dieser Ausdruck schwände, wenn wir dasselbe wechselnde Spiel inneren Lebens in ihren Elementen gewahrten oder in ihnen vor- zustellen gezwungen wären, welches die Gesellschaft für rjis erfüllt. Die Natur ist uns fremd. Denn sie ist uns nur ein Außen, kein Inneres. Die Gesellschaft ist unsere Welt. Das Spiel der Wechselwirkungen ^ Der BegiifF der Soziologie oder Gesellschaftswissenschaft, wie Comte, Spencer u. a. ihn fassen, muß ganz unterschieden werden von dem Begriff, den Gesellschaft und Gesell- schaftswissenschaft bei den deutschen Staatsrechtslehrern erhalten haben, welche in dem Status einer gegebenen Zeit Gesellschaft und Staat unterscheiden, ausgehend von dem Bedürfnis, die äußere Organisation des Zusammenlebens zu bezeichnen, welche die Voraussetzung und Grundlage des Staats bildet.

Grundzüge des Studiums det Gesellschaft 37 in ihr erleben wir mit, in aller Kraft unseres ganzen Wesens, da wir in uns selber von innen, in lebendigster Unruhe, die Zustände und Kräfte gewahren, aus denen ihr System sich aufbaut. Das Bild ihres Zu- Standes sind wir genötigt in immer regsamen Werturteilen zu meistern, mit nie ruhendem Antrieb des Willens wenigstens in der Vorstellung umzugestalten.

Dies alles prägt dem Studium der Gesellschaft gewisse Grund- züge auf, welche es durchgreifend von dem der Natur v^iterscheiden. Die Gleichförmigkeiten, welche auf dem Gebiet der Gesellschaft fest- gestellt werden können, stehen nach Zahl, Bedeutung und Bestimmt- heit der Fassung sehr zurück hinter den Gesetzen, welche auf der sicheren Grundlage der Beziehungen im Raum und der Eigen- schaften der Bewegung über die Natur aufgestellt werden konn- ten. Die Bewegungen der Gestirne, nicht nur unseres Planeten- systems, sondern von Sternen, deren Licht erst nach Jahren unser Auge trifft, können als dem so einfachen Gravitationsgesetz unter- worfen aufgezeigt und auf lange Zeiträume voraus berechnet v/erden. Eine solche Befriedigung des Verstandes vermögen die Wissenschaf- ten der Gesellschaft nicht zu gewähren. Die Schwierigkeiten der Er- kenntnis einer einzelnen psychischen Einheit werden vervielfacht durch die große Verschiedenartigkeit und Singularität dieser "Zinheiten, wie sie in der Gesellschaft zusammenwirken, durch die Verwicklimg der Naturbedingungen, unter denen sie verbunden sind, durch die Sum- mierung der Wechselwirkungen, welche in der Aufeinanderfolge vieler Generationen sich vollzieht und die es nicht gestattet, aus der mensch- lichen Natur, wie wir sie heute kennen, die Zustände früherer Zeiten direkt abzuleiten oder die heutigen Zustände aus einem allgemeinen Typus der menschlichen Natur zu folgern. Und doch wird dieses alles mehr als aufgewogen durch die Tatsache, daß ich selber, der ich mich von innen erlebe und kenne, ein Bestandteil dieses gesell- schaftlichen Körpers bin, und daß die anderen Bestandteile mir gleich- artig und sonach für mich ebenfalls in ihrem Innern auffaßbar sind. Ich verstehe das Leben der Gesellschaft. Das Individuum ist einerseits ein Element in den Wechselwirkungen der Gesellschaft, ein Kreu- zungspunkt der verschiedenen Systeme dieser Wechselwirkungen, in bewußter Willensrichtung und Handlung auf die Einwirkungen der- selben reagierend, und es ist zugleich die dieses alles anschauende und erforschende Intelligenz. Das Spiel der für uns seelenlosen mrken- den Ursachen wird hier abgelöst von dem der Vorstellungen, Gefühle und Beweggründe. Und grenzenlos ist die Singularität, der Reichtum im Spiel der Wechselwirkung, die hier sich auftun. Der Wass-ersturz setzt sich aus homogenen stoßenden Wasserteilchen zusammen; aber 38 Erstes einleitendes Buch ein "einziger Satz, der doch nur ein Hauch des Mundes ist, erschüttert die ganze beseelte Gesells-chaft eines Weltteils durch ein Spiel von. Motiven in lauter individuellen Einheiten: so verschieden ist die hier auftretende "Wechselwirkung, nämlich das in der Vorstellung entsprin- gende Motiv, von jeder anderen Art von Ursache. Andere unterschei- dende Grundzüge folgen hieraus. Das auffassende Vermögen, welches in den Geisteswissensichaften wirkt, ist der ganze Mensch; große Lei- stungen in ihnen gehen nicht von der bloßen Stärke der Intelligenz aus, sondern von einer Mächtigkeit des persönlichen Lebens. Diese geistige Tätigkeit findet sich, ohne jeden weiteren Zweck einer Er- kenntnis des Totalzusammenhangs von dem SLngularen und Tatsäch- lichen in dieser geistigen Welt angezogen und befriedigt, und mit dem Auffassen ist für sie praktische Tendenz in Beurteilung, Ideal, Regel verbunden.

Aus die^ai Grundverhältnissen ergabt sich für das Individuum der Gesellschaft gegenüber ein doppelter Ansatzpunkt seines Nach- denkens. Es vollbringt seine Tätigkeit an diesem Ganzen mit Be- wußtsein, bildet Regeln derselben, sucht Bedingungen derselben in dem Zusammenhang der geistigen Welt. Andererseits aber verhält es sich als anschauende Intelligenz und möchte in seiner Erkenntnis dies Ganze erfassen. So 'sind die Wissenschaften der Gesellschaft einerseits von dem Bewußtsein des Individuums über seine eigene Tätigkeit und deren Bedingungen ausgegangen; auf diese Weise bil- deten sich Grammatik, Rhetorik, Logik, Ästhetik, Ethik, Jurisprudenz zunächst aus; und hier ist begründet, daß ihre Stellung im Zusammen- hang der Geisteswissensichaften zwischen Analysis und Regelgebung, deren Objekt die Einzeltätigkeit des Individuums ist, und bolcher, die ein ganzes gesellschaftliches System zum Gegenstande hat, in un- sicherer 'Mitte bleibt. Hatte die Politik ebenfalls, wenigstens anfangs vorwiegend, dies Interesse: so verband es sich doch in ihr bereits ndt dem einer Übersicht über die politischen Körper. Ausschließlich aus solchem Bedürfnis eines freien, anschauenden, von dem Interesse am Menschlichen innerlich bewegten Überblicks entstand dann die Ge- schichtschreibung. Indem aber die Berufsarten innerhalb der Gesellschaft sich immer mannigfacher gliederten, die technische Vor- bildung für dieselben immer mehr Theorie entwickelte und in sich faßte: drangen diese technischen Theorien von ihrem praktischen Be- dürfnis aus immer tiefer in das Wesen der Gesellschaft ein; das Inter- esse der Erkenntnis gestaltete sie allgema'ch zu wirklichöi Wissen- schaften um, welche neben ihrer praktischen Abzweckung an der Auf- gabe einer Erkenntnis der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklich- keit mitarbeiteten.

Es vollzieht sich in Einzeltvissenschaften 39 Die Aussonderung der Einzelwissens'chaften der Gesellschaft voll- zog si'ch sonach nicht durch einen Kunstgriff des theoretischen Ver- standes, welcher das Problem der Tatsache der geschichtlich-gesell- s'chaftlichen Welt durch eine methodische Zerlegung des zu unter- suchenden Objektes zu lösen unternommen hätte: das Leben selber vollbrachte sie. So oft die Ausscheidung eines gesellschaftlichen Wir- kungskreises eintrat imd dieser eine Anordnung von Tatsachen hervor- brachte, auf welche die Tätigkeit des Individuums sich bezog, waren die Bedingungen da, unter denen eine Theorie entstehen konnte. So trug der große Differenzierungsprozeß der Gesellschaft, in welchem ihr wunderbar verschlungener Bau entstanden ist, in sich selber die Bedingungen und zugleich die Bedürfnisse, vermöge deren die Ab- spiegelung eines jeden relativ selbständig gewordenen Lebenskreises derselben in einer Theorie sich vollzog. Und so stellt sich schließlich die Gesellschaft, in welcher, gleichsam der mächtigsten aller Ma- schinen, jedes dieser Räder, dieser Walzen nach seinen Eigenschaften wirkt und doch in dem Ganzen seine Funktion hat, in dem Neben- einanderbestehen und Ineinandergreifen so mannigfacher Theorien bis zu einem gewissen Grade vollständig dar.

Auch machte sich zunächst innerhalb der positiven Wissenschaften des Geistes kein Bedürfnis geltend, die Beziehungen dieser einzelnen Theorien zueinander und zu dem umfassenden Zusammenhang der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit, dessen Teilinhalte sie ausgesondert betrachteten, festzustellen. Spät und vereinzelt sind in diese Lücke die Philosophie des Geistes, der Geschichte, der Gesell- schaft eingetreten, und wir werden die Gründe aufzeigen, aus welchen sie den Bestand stetig und sicher sich entwickelnder Wissenschaften nicht gewonnen haben. So heben sich die wirklichen und durchgebil- deten Wissenschaften einzeln und in leichten Verknüpfungen von dem weiten Hintergrunde der großen Tatsache der geschichtlich-gesell- schaftlichen Wirklichkeit ab. Nur durch die Beziehung auf diese le- bendige Tatsache und ihre deskriptive Darstellung, nicht aber durch die Beziehung auf eine allgemeine Wissenschaft ist ihre Stelle be- stimmt.

40 Erstes einleitendes Buch X.

DAS WISSENSCHAFTLICHE STUDIUM DER NATÜRLICHEN GLIEDERUNG DER MENSCHHEIT SOWIE DER EINZELNEN VÖLKER