Diese deskriptive Darstellung, die man als Geschichts- und Ge- sellschaftskunde im weitesten Verstände bezeichnen kann, umfaßt die komplexen Tatsachen der geistigen Welt in ihrem Zusammenhang, wie derselbe in der Kunst der Geschichtschreibung und in der Sta- tistik der Gegenwart erfaßt wird. Wir sahen früher (S. 24), wie die bloße Sammlung und Sichtung des Materials in einer bunten Mannig- faltigkeit von Arbeiten allmählich, in kontinuierlicher Steigerung der denkenden Bearbeitung, in Wissenschaft übergeht. Die Stellung der Geschichtschreibung in diesem Zusammenhang, zwischen der Samm- lung der Tatsachen und der Ausscheidung des Gleichartigen aus ihnen in einer einzelnen Theorie, ward in ihrer selbständigen Bedeutung nachdrücklich hervorgehoben. Sie war ims eine Kunst, weil in ihr, wie in der Phantasie des Künstlers selber, das Allgemeine in dem Besonderen angeschaut, noch nicht durch Abstraktion von ihm ge- sondert und für sich dargestellt wird, was erst in der Theorie geschieht. Das Besondere ist hier nur von der Idee im Geiste des Geschicht- schreibers gesättigt und gestaltet, und wo eine Generalisation auftritt, beleuchtet sie nur blitzartig die Tatsachen und entbindet auf einen Mo- ment das abstrakte Denken. So dient ja auch dem Dichter die Generalisation, indem sie aus dem Ungestüm, den Leiden und Affekten, welche er darstellt, einen Augenblick die Seele seines Zuhörers in die freie Region der Gedanken erhebt.
Aus diesem genialen Überblick des Geschichtschreibers, der sich über das mannigfaltige Leben der Menschheit verbreitet, löst sich nun aber eine erste deskriptive Zusammenordnung von Gleichartigem aus. Sie schließt sich naturgemäß an die Anthropologie des Einzel- menschen. Entwickelte diese den allgemeinen menschlichen Typus, die allgemeinen Gesetze des Lebens der psychologischen Einheiten, die in diesen Gesetzen angelegten Differenzen von Einzeltypen: so geht die Ethnologie oder vergleichende Anthropologie von hier aus weiter; ihren Gegenstand bilden Gleichartigkeiten engeren Um- fangs, durch welche Gruppen innerhalb der Gesamtheit sich abgrenzen und als Einzelglieder der Menschheit sich darstellen: die natürliche Gliederung des Menschengeschlechts und die durch sie unter den Be- dingungen des Erdganzen entstehende Verteilung des geistigen Le- bens und seiner Unterschiede auf der Oberfläche der Erde. Diese Studium der natürlichen Gliederung der Menschheit 4^ Völkerkunde erforscht also, wie auf der Grundlage des Familienver- bandes und der Verwandtschaft, in durch den Grad der Abstammung gebildeten konzentrischen Kreisen, das Menschengeschlecht natürlich gegliedert ist, d. h. wie in jedem engeren Kreise zusarrunenhängend mit näherer Verwandtschaft neue gemeinsame Merkmale auftreten. Von der Frage nach der Einheit der Abstammung und Art, nach dem ältesten Wohnsitze, dem Alter und den gemeinsamen Merkmalen des Menschengeschlechts wendet diese Wissenschaft sich zur Abgrenzung der einzelnen Rassen und der Bestimmung ihrer Merkmale, zu den Gruppen, welche jede dieser Rassen in sich faßt; auf der Grundlage der Geographie entwickelt sie die Verteilung des geistigen Lebens und seiner Unterschiede auf der Oberfläche der Erde: man sieht den Strom der Bevölkerung sich verbreiten, der Richtung der leichtesten Befriedigung folgend, wie das Wassemetz sich den Bedingungen des Bodens anschmiegt.
Mit dieser genealogischen Gliederung verweben sich geschicht- liche Tat und geschichtliches Schicksal, und so bilden sich die Völ- ker, lebendige und relativ selbständige Zentren der Kultur in dem gesellschaftlichen Zusammenhang einer Zeit, Träger der geschicht- lichen Bewegung. Wohl hat das Volk in dem genealogischen Natur- zusammenhang seine Grundlage, die sich auch leiblich zu erkennen gibt; aber während verwandte Völker eine Verwandtschaft des körper- lichen Typus zeigen, der sich mit wunderbarer Festigkeit erhält, gestaltet sich ihre geschichtliche geistige Physiognomie zu immer feiner verzweig- ten Unterschieden auf allen verschiedenen Gebieten des Volkslebens.
Diese individuelle Lebenseinheit in einem Volke, die sich in der Verwandtschaft aller seiner Lebensäußerungen, wie seines Rechts, sei- ner Sprache, seines religiösen Inneren, untereinander kundgibt, wird mystisch durch Begriffe wie Volksseele, Nation, Volksgeist, Organis- mus ausgedrückt. Diese Begriffe sind so unbrauchbar für die Ge- schichte, als der von Lebenskraft für die Physiologie. Was der Aus- druck: Volk bedeute, kann nur analytisch aufgeklärt werden (inner- halb gewisser Grenzen), mit Hilfe von Untersuchungen, welche in dem methodologischen Zusammenhang der Geisteswissenschaften als Theorien zweiter Ordnung bezeichnet werden können. Diese haben die Wahrheiten der Anthropologie zu ihrer Voraussetzung, sie wenden diese Wahrheiten auf die Wechselwirkung von Individuen unter den Bedingungen des Naturzusammenhangs an, und so entstehen die Wis- senschaften der Systeme der Kultur und ihrer Gestaltungen, der äuße- ren Organisation der Gesellschaft und der einzelnen Verbände inner- halb derselben. An sich findet die Wissenschaft zwischen dem Indi- viduum und dem verwickelten Verlauf der Geschichte drei große Klas- 42 Erstes einleitendes Buc/i sen von Objekten, die dem Studium zu unterwerfen sind: die äußere Organisation der Gesellschaft, die Systejne der Kultur in ihr und die Einzelvölker: dauernde Tatbestände, unter denen der von Volksganzen der am meisten komplexe und schwierige ist. Wie sie alle drei nur Teilinhalte des wirklichen Lebens sind, so kann keiner ohne die Be- ziehung auf das wissenschaftliche Studium des anderen historisch auf- gefaßt oder theoretisch behandelt werden. Jedoch ist, dem Verhältnis der Verwicklung entsprechend, die Tatsache des Einzelvolkes nur mit Hilfe der Analysis der beiden anderen Tatsachen bearbeitet worden. Was durch den Ausdruck Volksseele, Volksgeist, Nation und nationale Kultur bezeichnet werde, das kann nur dadurch anschaulich vorgestellt und analysiert werden, daß man zunächst die verschiedenen Seiten des Volkslebens, z. B. Sprache, Religion, Kunst, in ihrer Wechsel- wirkung auffaßt. Dies nötigt zu dem nächsten Schritt in der Analysis der geschichtlich-gesellschaftlichen Wirklichkeit.
XI.
UNTERSCHEIDUNG VON ZWEI WEITEREN KLASSEN VON EINZELWISSENSCHAFTEN Wer die Erscheinungen der Geschichte und Gesellschaft studiert, dem treten abstrakte Wesenheiten überall gegenüber, dergleichen Kunst, Wissenschaft, Staat, Gesellschaft, Religion sind. Sie gleichen zusammengeballten Nebeln, die den Blick hindern, zum Wirklichen zu dringen, und die sich doch nicht greifen lassen. Wie einst die substantialen Formen, die Gestimgeister und Essenzen zwischen dem Auge des Forschers und den Gesetzen standen, welche unter den Ato- men und Molekülen walten, so verschleiern diese Wesenheiten die Wirklichkeit des geschichtlich-gesellschaftlichen Lebens, die Wechsel- wirkung der psychophysischen Lebenseinheiten unter den Bedingungen des Naturganzen und ihrer naturgeborenen genealogischen Gliederung. Ich möchte diese Wirklichkeit sehen lehren — eine Kunst, die lange geübt sein will wie die der Anschauung von räumlichen Gebilden — und diese Nebel und Phantome verscheuchen.
In der unermeßlichen Mannigfaltigkeit von kleinen, scheinbar verschwindenden Wirkungen, die von Individuum zu Individuum durch das Medium materieller Vorgänge ausstrahlen, geht so wenig eine Wirkung verloren, als ein Sonnenstrahl in der physischen Welt. Aber wer vermöchte, dem Lauf der Wirkungen dieses Sonnenstrahls zu folgen? Nur wo gleichartige Effekte in der gesellschaftlichen Welt sich vereinigen, entstehen die Tatbestände, welche eine deutliche und starke Sprache zu uns reden. Von diesen entspringen einige aus einer Zwei weitere Klassen vo?i Einzelwissenschaften 43 gleichartigen, aber vorübergehenden Spannung der Kräfte in einer bestimmten Richtung oder auch durch die singulare Gewalt einer ein- zigen mächtigen Willenskraft, welche doch immer nur in der Richtung solcher in der Geschichte und Gesellschaft angesammelten Spannkräfte große Wirkungen hervorbringen kann. So brechen in der Geschichte plötzliche gewaltige Erschütterungen, wie Revolutionen imd Kriege, hervor und gehen vorüber. Dauernde Wirkungen entstehen aus ihnen nur, indem sie in einem schon vorhandenen konstanten gesellschaft- lichen Gebilde eine Modifikation hervorbringen: so wirkte die Epoche des Sturms und Drangs von der mächtigen Person Rousseaus aus auf die angesammelten Spannkräfte in unserem Volksleben imd gab unserer Dichtung eine andere Gestalt, Eben diese konstanten Ge- bilde sind der andere in der gesellschaftlichen Wirklichkeit stark her- vortretende Tatbestand, sie entspringen aber aus dauernden Beziehun- gen der Individuen, und sie allein haben bisher eine wirklich wissen- schaftliche theoretische Bearbeitung gefunden.
Wir sahen, die Naturgrundlage der gesellschaftlichen Gliederung, welche in das tiefste metaphysische Geheimnis zurückreicht und von dort her in geschlechtlicher Liebe, Kindesliebe, Liebe zum mütter- lichen Boden mit starken dunklen Banden naturgewaltiger Gefühle uns zusammenhält, bringt in den Grundverhältnissen der genealogischen Gliederung und der Niederlassung Gleichartigkeit kleinerer und grö- ßerer Gruppen und Gemeinschaft zwischen ihnen hervor; das ge- schichtliche Leben entwickelt diese Gleichartigkeit, vermöge deren insbesondere die einzelnen Völker sich dem Studium als abgegrenzte Einheiten darbieten. Hierüber hinaus entstehen nun dauernde Ge- bilde, Gegenstände der gesellschaftlichen Analyse, wenn entweder ein auf einem Bestandteil der Menschennatur beruhender und darum an- dauernder Zweck psychische Akte in den einzelnen Individuen in Be- ziehung zueinander setzt und so zu einem Zweckzusammenhang ver- knüpft, oder wenn dauernde Ursachen Willen zu einer Bindung in einem Ganzen vereinen, mögen nun diese Ursachen in der natürlichen Gliederung oder in den Zwecken, welche die Menschennatur bewegen, gelegen sein. Insofern wir jenen ersteren Tatbestand auffassen, unter- scheiden wir in der Gesellschaft die Systeme der Kultur; insofern wir diesen letzteren betrachten, wird die äußere Organisation sichtbar, welche sich die Menschheit gegeben hat: Staaten, Verbände, und,v/enn man weiter greift, das Gefüge dauernder Bindungen der Willen, nach den Grundverhältnissen von Herrschaft, Abhängigkeit, Eigentum, Ge- meinschaft, welches neuerdings in einem engeren Verstände als Ge- sellschaft im Gegensatz zum Staat bezeichnet worden ist.
Die einzelnen sind in der Wechselwirkung des geschichtlich-ge- 44 Erstes einleitendes Buch seilschaftlichen Lebens tätig, indem sie in dem lebendigen Spiel ihrer Energien eine IVIannigfaltigkeit von Zwecken zu verwirklichen suchen. Die Bedürfnisse, welche in der menschlichen Natur angelegt sind, werden infolge der Eingeschränktheit des Menschendaseins nicht von der isolierten Tätigkeit des einzelnen befriedigt, sondern in der Tei- limg der menschlichen Arbeit und in dem Erbgang der Generationen. Dies wird möglich durch die Gleichartigkeit der Menschennatur und die im Dienst dieser Zwecke stehende überschauende Vernunft in ihr. Aus diesen Eigenschaften entspringt die Anpassung des Handelns an den Ertrag der Arbeit des Vorlebens, an die Mitwirkung der Tätig- keit der Gleichzeitigen. So greifen die wesenhaften Lebenszwecke des Menschen durch Geschichte und Gesellschaft hindurch.
Die Wissenschaft unternimmt nun, nach dem Satze vom Grunde, welcher allem Erkennen zugrunde liegt, die Abhängigkeiten festzu- stellen, welche innerhalb eines solchen auf einem Bestandteil der Men- schennatur beruhenden, über das Individuum hinausgreifenden Zweck- zusammenhangs zwischen den einzelnen psychischen oder psychophy- sischen Elementen bestehen, die ihn bilden, sowie die Abhängigkeiten, welche zwischen ihren Eigenschaften stattfinden. Sie bestimmt, wie ein Element das andere in diesem Zweckzusammenhang bedingt, von dem Auftreten einer Eigenschaft in ihm das einer anderen abhängig ist. Da diese Elemente bewußt sind, können sie in gewissen Grenzen in Worten ausgedrückt werden. Daher bildet sich dieser Zusammenhang in einem. Ganzen von Sätzen ab. Jedoch sind diese Sätze sehr ver- schiedener Natur; je nachdem die psychischen Elemente, welche in dem Zweckzusammenhang verbunden sind, vorwiegend dem Denken oder dem Fühlen oder dem Willen angehören, treten Wahrheiten, Gefühlsaussagen, Regeln auseinander. Und dieser Verschiedenheit ihrer Natur entspricht die ihrer Verbindung, folgerichtig der Ab- hängigkeiten, welche die Wissenschaft zwischen ihnen findet. Schon an diesem Punkte kann eingesehen werden, daß es einer der größten Fehler der abstrakten Schule war, alle diese Verbindungen gleichmäßig als logische aufzufassen, und sonach schließlich alle diese gei- stigen Zwecktätigkeiten in Vernunft und Denken aufzulösen. Ich wähle für einen solchen Zweckzusammenhang den Ausdruck: System.
Die Abhängigkeiten, die solchergestalt in Beziehung auf den Zweckzusammenhang von psychischen oder psychophysischen Ele- menten innerhalb eines einzelnen Systems bestehen, existieren zunächst in bezug auf diejenigen Grundverhältnisse desselben, welche ihm an allen Punkten gleichförmig eigen sind. Solche bilden die allgemeine Theorie eines Systems. Abhängigkeiten dieser allgemeinsten Art hat Schleiermacher innerhalb des Systems der Religion zwischen der Einzelwissenschaften der Systeme der Kultur 45 Tatsache des religiösen Gefühls und den Tatsachen der Dogmatik und philosophischen Weltanschauung, zwischen der Tatsache dieses Ge- fühls und denen des Kultus sowie der religiösen Geselligkeit auf- gestellt. Das Thünensche Gesetz drückt das Verhältnis aus, in wel- chem die Entfernung vom Markte, indem sie die Verwertung der Bodenprodukte beeinflußt, die Intensität der Landwirtschaft bedingt. Solche Abhängigkeiten werden naturgemäß gefunden und dargestellt in dem Zusammenwirken der Analyse des Systems mit dem Schluß aus der Natur der Wechselwirkung der in ihm verbundenen psychi- schen oder psychophysischen Elemente sowie der Bedingungen von Natur und Gesellschaft, unter denen sie stattfindet. Alsdann bestehen Abhängigkeiten engeren Umfangs zwischen den Modifikationen dieser allgemeinen Eigenschaften eines Systems, welche eine Einzeige- st alt desselben bilden. So ist ein Dogma innerhalb eines religiösen Einzelsystems nicht unabhängig von den anderen, welche in dem- selben mit ihm vereinigt sind; ja die Hauptaufgabe der Dogmenge- schichte und Dogmatik, wie sie durch Schleiermachers tiefere Analyse der Religion zu klarem Bewußtsein gelangte, wird darin liegen, an die Stelle eines untergeschobenen logischen Verhältnisses von Ab- hängigkeit, vermöge dessen nur ein Lehrsystem entsteht, in beiden Wissenschaften die Art von Abhängigkeit der Dogmen untereinander zu setzen, welche in der Natur der Religion, insbesondere des Chri- stentums gegründet ist.
Und zwar beruhen diese Wissenschaften von den Systemen der Kultur auf psychischen oder psychophysischen Inhalten, und diesen entsprechen Begriffe, welche von denen, die von der Individualpsy- chologie benutzt werden, spezifisch verschieden sind und verglichen mit ihnen als Begriffe zweiter Ordnung im Aufbau der Geistes- wissenschaften bezeichnet werden können. Denn die Inhaltlichkeit, wie sie in dem Bestandteil der Menschennatur angelegt ist, auf wel- chem der Zweckzusammenhang eines Systems beruht, bringt in der Wechselwirkung der Individuen unter den Bedingungen des Natur- ganzen, in geschichtlicher Steigerung zusammengesetzte Tatsachen hervor, welche sich von der in der Psychologie entwickelten zugrunde liegenden Inhaltlichkeit selber unterscheiden und die Grundlage der Analysis des Systems bilden. So beherrscht der Begriff der wissen- schaftlichen Gewißheit in seinen verschiedenen Gestalten, als Über- zeugung von Wirklichkeit im Wahrnehmen, als Evidenz im Denken, als Bewußtsein von Notwendigkeit gemäß dem Satz vom Grunde im Erkennen die ganze Theorie der Wissenschaft. So bilden die psycho- physischen Begriffe von Bedürfnis, Wirtschaftlichkeit, Arbeit, Wert u. a. die notwendige Grundlage für die von der politischen Ökonomie 46 Erstes einleitendes Buch zu vollziehende Analysis. Und wie zwischen den Begriffen, so besteht (gemäß der Begriffe mit Sätzen verknüpfenden Beziehung) zwischen den fundamentalen Sätzen dieser Wissenschaften und den Ergebnissen der Anthropologie ebenfalls ein Verhältnis, nach welchem sie als Wahrheiten zweiter Ordnung in dem aufsteigenden Zusammen- hang der Geisteswissenschaften bezeichnet werden können.
Wir können dem Zusammenhang der Argumentation, welchem diese Analyse der Einzelwissenschaften des Geistes gewidmet ist, nun- mehr ein weiteres Glied einfügen. Die Tatsachen, welche die Systeme der Kultur bilden, können nur vermittels der Tatsachen, welche die psychologische Analyse erkennt, studiert werden. Die Begriffe und Sätze, welche die Grundlage der Erkenntnis dieser Systeme aus- machen, stehen in einem Verhältnis von Abhängigkeit zu den Be- griffen und Sätzen, welche die Psychologie entwickelt. Aber dies Verhältnis ist so verwickelt, daß nur eine zusammenhängende er- kenntnistheoretische und logische Grundlegung, welche von der be- sonderen Stellung des Erkennens zu der geschichtlichen, der gesell- schaftlichen Wirklichkeit ausgeht, die Lücke ausfüllen kann, welche zwischen den Einzelwissenschaften der psychophysischen Einheiten und denen der politischen Ökonomie, des Rechts, der Religion u. a. bis heute besteht. Diese Lücke wird von jedem Einzelforscher ge- fühlt. Die englisch-französische Wissenschaftslehre, welche such hier ein bloßes Verhältnis der deduktiven und der induktiven Operation sieht, und daher auf dem rein logischen Wege durch Untersuchung der Tragweite dieser beiden Operationen die schwierige Frage zu lösen glaubt, hat ihre Unfruchtbarkeit nirgend deutlicher als in den weitläufigen Debatten über diesen Punkt dargetan. Die methodologi- schen Voraussetzungen dieser Debatten sind irrig. Die ^rage ist nicht, wie diese Forscher sie stellen, ob solche Wissenschaften einer deduk- tiven Entwicklung fähig seien, welche dann einer induktiven Verifi- kation und Anpassung an die komplexen Verhältnisse des tatsäch- lichen Lebens unterliege, oder ob sie induktiv zu entwickeln und dann durch eine Deduktion aus der menschlichen Natur zu bestätigen seien. Diese Fragestellung selber ist in der Übertragung eines ^.bstrakten Schemas aus den Naturwissenschaften gegründet. Nur das Studium der Arbeit des Erkennens, welche unter den Bedingungen der beson- deren Aufgabe der Geisteswissenschaften steht, kann das Problem des hier bestehenden Zusammenhangs auflösen.
Man könnte sich nun vorstellen, es gebe Wesen, deren Wechsel- wirkung nur in einem solchen Ineinandergreifen psychischer Akte in einem oder einer Mehrheit von Systemen verliefe. Man dächte sich dann alle Wirkungen solcher Wesen als fähig, in einen solchen Zweck- Wissenschaften der äußeren Organisation der Gesellschaft 47 zusammenliaTig einzugreifen und schränkte ihr ganzes Verhältnis zu- einander auf diese Fähigkeit, ihre Zwecktätigkeit einem oder meh- reren solcher Zusammenhänge anzupassen, ein. Obgleich ein jedes dieser Wesen sein Tun dem der vor oder neben ihm befindlichen an- paßte, um es zweckmäßig einzurichten, verbliebe jedes derselben für sich, nur die Intelligenz stiftete zwischen ihnen einen Zusammen- hang, sie rechneten aufeinander, aber kein lebendiges Gefühl von Ge- mieinschaft bestünde zwischen ihnen; sie vollzögen so pünktlich und vollständig, gleich bewußten Atomen, die Aufgaben ihrer Zweck- zusammenhänge, daß kein Zwang und kein Verband iwischen ihnen notwendig wäre.
Der Mensch ist nicht ein Wesen solcher Art. Es bestehen andere Eigenschaften seinen* Natur, welche in der Wechselwirkung dieser psychischen Atome zu den dargelegten noch andere konstante Be- ziehungen hinzufügen, deren am meisten ins Auge fallenden von uns als Staat bezeichnet werden. Es besteht infolge hiervon eine andere theoretische Betrachtung des gesellschaftlichen Lebens, welche in den Staatswissenschaften ihren Mittelpunkt hat. Die regellose Gewalt sei- ner Leidenschaften so gut als sein inniges Bedürfnis und Gefühl von Gemeinschaft machen den Menschen, wie er Bestandteil in dem Ge- füge dieser Systeme ist, so zu einem Glied in der äußeren Or- ganisation der Menschheit. Von der Struktur, welche ein Zusam;- menhang psychischer Elemente in dem Zweckganzen '^ines Systems zeigt, von der Analysis derselben, welche die Beziehungen in einem solchen System untersucht, unterscheiden wir die Struktur, welche in dem Verbände von Willenseinheiten entsteht, und die.Analysis der Eigenschaften der äußeren Organisation der Gesellschaft, der Ge- meinsamkeiten, der Verbände, des Gefüge s, das in Herrschaftsver- hältnissen und äußerer Bindung vom Willen entsteht.
Die Grundlage, auf welcher diese andere Form dauernder Be- ziehungen in der Wechselwirkung beruht, reicht ebenso tief als die, welche die Tatsache der Systeme hervorbringt. Sie liegt zunächst in der Eigenschaft des Menschen, vermöge deren er ein geselliges Wesen ist. Mit dem Naturzusammenhang, in welchem der Mensch steht, den Gleichartigkeiten, die so entspringen, den dauernden Be- ziehungen von psychischen Akten in einem Menschenwesen auf solche in einem anderen sind dauernde Gefühle von Zusammengehörigkeit verbunden, nicht nur ein kaltes Vorstellen dieser Verhältnisse. An- dere gewaltsamer wirkende Kräfte nötigen die Willen zum Verbände zusammen: Interesse und Zwang. Wirken diese beiden Arten vort Kräften nebeneinander: so kann die uralte Streitfrage, welchen Anteil jede von ihnen an der Entstehung des Verbandes, des Staates 48 Erstes einleitendes Buch habe, nur durch historische Analysis von Fall zu Fall aufgelöst werden.
Natur und Umfang der Wissenschaften, welche so entstehen, ergibt sich erst näher aus der Erörterung der Kultursysteme imd ihrer Wissenschaften. Bevor wir in diese eintreten, ziehen wir zwei weitere Folgerungen in dem Zusammenhang der Beweisführung, welche durch diese Analyse der Geisteswissenschaften hindurchgeht.
Augenscheinlich besteht dasselbe Verhältnis, vermöge dessen Be- griffe und Sätze der Wissenschaften der Kultur von denen der Anthro- pologie abhängig waren, auch auf diesem Gebiet der Wissenschaften von der äußeren Organisation der Gesellschaft. Die Tatsachen zweiter Ordnung, welche hier die Grundlage bilden, werden an einem späteren Punkt erörtert werden, da sie erst nach einer näheren Analysis der Systeme der Kultur mit hinreichender Deutlichkeit gesehen werden können. Aber wie wir sie auch bestimmen werden, sie müssen das- selbe Problem einschließen, dessen Vorhandensein Beweis für die Notwendigkeit einer Wissenschaft ist, welche unter den allgemeinen Bedingungen menschlichen Erkennens die Gestaltung des auf die geschichtliche und gesellschaftliche Wirklichkeit gerichteten Erkennt- nisprozesses untersucht, seine Grenzen, seine Mittel, den Zusammen- hang der Wahrheiten darlegt, in welchem voranzuschreiten der Wille der Erkenntnis in der Menschheit auf diesem Gebiet gebunden ist. Die Lücke im Zusammenhang des wissenschaftlichen Denkens liat sich den Staatswissenschaften so fühlbar gemacht, als denen der Religion oder politischen Ökonomie.
Faßt man alsdann das Verhältnis dieser beiden Klassen von Wis- senschaften zueinander ins Auge, so entsteht hier für den Logiker eine Forderung an methodisches Bewußtsein über den Zusammenhang des Erkenntnisvorgangs, in dem diese Einzelwissenschaften entstan- den sind, welche noch weiter führt. Die Wissenschaften einer jeden dieser beiden Klassen können gemäß der Natur des Vorgangs von Zerlegung, in welchem sie sich schieden, nur in der beständigen Re- lation ihrer Wahrheiten auf die in der anderen Klasse gefundenen ent- wickelt werden. Und innerhalb einer jeden dieser Klassen besteht dasselbe Verhältnis, oder wie könnten die Wahrheiten der Wissen- schaft der Ästhetik ohne die Beziehung zu denen der Moral wie zu denen der Religion entwickelt werden, da doch der Ursprung der Kunst, die Tatsache des Ideals, in diesen lebendigen Zusammenhang zurückweist? Wir erkennen auch hier, indem wir analysieren und den Teilinhalt abstrakt entwickeln; aber Bewußtsein über diesen Zusam- menhang und Verwertung desselben: das ist die große methodolo- gische Anforderung, welche aus diesem Tatbestand entspringt; nie Beide Klassen v. Einzelwissensch. weisen a. Psychologie u. Erkenntnistheorie zurück 4^ darf die Beziehung des so gewissermaßen herauspräparierten Teil- inhaltes auf den Organismus der Wirklichkeit, in welchem allein das Leben selber pulsiert, vergessen werden, vielmehr kann das Erkennen nur von dieser Beziehung aus den Begriffen und Sätzen ihre genaue Form geben und ihren angemessenen Erkenntniswert zuteilen. Es war der Grundfehler der abstrakten Schule, die Beziehung des abstra- hierten Teilinhaltes auf das lebendige Ganze außer acht zu lassen und schließlich diese Abstraktionen als Realitäten zu behandeln. Es war der komplementäre, aber nicht minder verhängnisvolle Irrtum der historischen Schule, in dem tiefen Gefühl der lebendigen, irratio- nal gewaltigen, alles Erkennen nach dem Satze vom Grunde über- schreitenden Wirklichkeit aus der Welt der Abstraktion zu flüchten.
XU.
DIE WISSENSCHAFTEN VON DEN SYSTEMEN DER KULTUR Den Ausgangspunkt für das Verständnis des Begriffs von Sy- stemen des gesellschaftlichen Lebens bildet der Lebensreichtum des einzelnen Individuums selber, das als Bestandteil der Gesellschaft Gegenstand der ersten Gruppe von Wissenschaften ist. Denken wir uns einmal diesen Lebensreichtum in einem gegebenen Individuum als gänzlich unvergleichbar mit dem in einem anderen und auf dasselbe nicht übertragbar. Alsdann könnten diese Individua einander durch physische Gewalt bewältigen und unterjochen, allein sie besäßen kei- nen gemeinsamen Inhalt, jedes wäre in sich selber verschlossen gegen alle anderen. In der Tat gibt es in jedem Individuum ainen Punkt, an welchem es sich schlechterdings nicht einordnet in eine solche Ko- ordination seiner Tätigkeiten mit anderen. Was von diesem Punkte aus in der Lebensfülle des Individuums bedingt ist, das geht in keines der Systeme des gesellschaftlichen Lebens ein. Die Gleichartigkeit der Individuen ist die Bedingung dafür, daß eine Gemeinsamkeit ihres Lebensinhaltes da ist. — Denken wir uns dann das Leben in einem jeden dieser Individua wohl vergleichbar und übertragbar, aber ein- fach und unzerleglich, alsdann würde die Tätigkeit der Gesellschaft ein einziges System bilden. Wir machen uns die einfachsten Eigenschaften eines solchen Grundsystems klar. Dasselbe beruht zunächst auf der Wechselwirkung der Individuen in der Gesellschaft, sofern sie, auf der Grundlage eines denselben gemeinsamen Bestandteils der Menschennatur, ein Ineinandergreifen der Tätigkeiten zur Folge hat, in welchem dieser Bestandteil der Menschennatur zu seiner Befriedi- gung gelangt. Hierdurch unterscheidet sich ein solches Grundsystem