SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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Aber dies ift nun die andere ©eite der Sache. Dad Band ziwilhen dem Singularen und Allgemeinen, das in ber genialen Anſchauung des Gejchichtichreiber3 liegt, wird durch die 116 Erſtes einleitended Buch.

Analyfis zerriffen, welche einen einzelnen Beitandtheil dieſes Ganzen der theoretiſchen Betrachtung unterwirft; jede Theorie, welche fo in ben Einzelwiſſenſchaften der Geſellſchaft, die wir erörtert haben, entfteht, ift ein weiterer Schritt in der Loslöfung eines all- gemeinen erflärenden Zujammenhanga von dem Gewebe der That- fadden; und diefen Vorgang hält nichts auf: der Gefammtzu- fammenbang, welden die gejchichtlichgejellichaftliche Wirklichkeit ausmacht, muß Gegenftand einer theoretilchen Betrachtung werden, welche auf das Erflärbare in diefem Zufammenhang gerichtet ift.

Aber ift nun die Philofophie der Geſchichte oder die Socio⸗ Iogie diefe theoretiiche Betrachtung? Der Zufammenhang diefer ganzen Darlegung enthält die Prämiffen, aus welchen diefe Trage berneint werden muß.

XV.

Ihre Aufgabe if unlösher.

Beſtimmung der Aufgabe der Geſchichtswiſſenſchaft im Zufammenhang der Beifteswifienichaften.

63 befteht ein unlösbarer Wideripruch zwifchen der Aufgabe, welche dieje beiden Wiſſenſchaften fich geftellt haben, und den Hilfs⸗ mitteln, welche ihnen zur Löſung derjelben zur Verfügung flehen.

Unter Philoſophie der Geſchichte verftehe ich eine Theorie, welche den Zufammenhang der gefchichtlichen Wirklichkeit durch einen entiprechenden Zuſammenhang zu einer Einheit ver⸗ bundener Süße zu erkennen unternimmt. Dieſes Merkmal der Einheit des Gedankens ift von einer Theorie unabtrennbar, welche eben in der Erkemtniß vom Zufammenhang des Ganzen ihre unterfcheidende Aufgabe bat. Daher Hat die Philoſophie der Ge⸗ ſchichte bald in einem Plan des gejchichtlichen Verlaufs dieje Ein- beit gefunden, bald in einem Grundgedanlen (einer dee), bald in einer Yormel oder einer Verbindung von Formeln, welche das Geſetz der Entwiclung außdrüden. Die Sociologie (ich ſpreche Relat. Erkenntniß d. Zuſammenh. d. d. fortſchr. Geſchichtswiſſenſchaft. 117 hier nur von der franzöſiſchen Schule derſelben) ſteigert noch dieſen Anſpruch der Erkenntniß, indem ſie vermöge der Erfaſſung dieſes Zuſammenhangs eine wiſſenſchaftliche Leitung der Geſellſchaft herbeizuführen hofft.

Nun ging uns aus der Vertiefung in den Zuſammenhang der Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes die folgende Einſicht hervor. In dieſen Wiſſenſchaften hat die Weisheit vieler Jahrhunderte eine Zerlegung des Geſammtproblems der gejchichtlich-gejellichaftlichen Mirklichfeit in Einzelprobleme vollbracht; in benfelben find diefe Ginzelprobleme einer ftreng wiflenichaftlichen Behandlung unter- worfen worden; der in ihnen durch dieſe beharrliche Arbeit ge⸗ IHaffene Kern von wirklicher Erkenntniß ift in langjamem, aber beftändigem Wachsthum begriffen. — Wol ift nothivendig, daß diefe Wiflenichaften fich des Verhältnifies ihrer Wahrheiten zu der Wirklichkeit, von twelcher fie doch nur Xheilinhalte darftellen, folgerecht der Beziehungen, in welchen fie zu den aus berfelben Wirklichkeit durch Abſtraktion ausgeſonderten anderen Willenfchaften fteben, bewußt werden; gerade dieß ift das Bedürfniß, daß aus der Natur der Aufgabe, welche dieje Wirklichkeit dem menſchlichen Wiſſen und Erkennen ftellt, die Kunftgriffe, vermöge deren bda3- jelbe ſich in fie eingräbt, fie zeripaltet, zerjeßt, verftanden werden; was dag Erkennen mit feinen Werkzeugen bewältigen kann, was als unzerjeßbare Thatjache widerfteht und zurückbleibt, das muß fih Bier zeigen: kurz einer Erfenntnißtheorie der Geiſteswiſſen⸗ ichaften, oder tiefer: der Selbftbefinnung bedarf es, welche den Begriffen und Sägen berjelben ihr Verhältnik zur Wirklichkeit, ihre Evidenz, ihr Verhältniß zu einander fihert. Sie vollendet erſt die echt wiſſenſchaftliche Richtung dieſer pofitiven Arbeiten auf Har begränzte und in fich fichere Wahrheiten. Sie legt erft die Grundlagen für das Zuſammenwirken der Einzelwiſſenſchaften in der Richtung auf die Erfenntniß des Ganzen. — Uber wie folchergeftalt diefe Einzelwiflenfchaften, bervußter in fich geworben durch eine ſolche Erkenntnißtbeorie, ihres Werthes und ihrer Grenzen ficher, ihre Beziehungen in ihre Rechnung aufnehmend, nach allen Seiten voranschreiten: fo ſind fie die einzigen 118 Erſtes einleitendes Bud).

Hilfsmittel der Erklärung der Gefhichte, und es hat feinen vorjtellbaren Sinn, außerhalb ihrer eine Löſung des Problems vom Zuſammenhang der Gejchichte ſich vorzuftellen. Denn biefen Zu— jammenhang erkennen heißt ihn, ein unermeßlich Zufammengejektes, in feine Beftandtheile auflöfen, an dem Einfacheren Gleichförmig⸗ feiten auffuchen, vermöge ihrer dann dem Verwickelteren fich nähern. Daher findet die Anwendung ber bisher dargeitellten Einzelwifjenichaften zur Erklärung des Zuſammenhangs der Ge- Ihichte in der fortſchreitenden Geſchichtswiſſenſchaft felber in immer höherem Grade flat. Das BVerftändniß jebes Theil von Geichichte fordert die Anwendung der vereinten Hilfsmittel ver⸗ ſchiedener Einzelwillenichaften des Geiftes, von der Anthropologie aufwärts. Wenn Rante einmal ausſpricht, er möchte fein Selbft aus⸗ löfchen, um die Dinge zu jehen, wie fie geweſen find, fo drückt dies das tiefe Verlangen des wahren Gejchichtichreibers nad) der objektiven Wirklichkeit jehr Ichön und Träftig au. Aber dies Berlängen muß ich mit der wiſſenſchaftlichen Erkenntniß der pfychifchen Einheiten, aus denen diefe Wirklichkeit befteht, der dauernden Geftaltungen, bie in der Wechjelmwirkung derſelben fich entwideln und Träger des ge- Ihichtlichen Fortſchritts find, ausrüſten: jonft wird es diefe Wirflich- keit nicht erobern, die nun einmal in bloßem Bliden, Gewahren nicht ergriffen wird, jondern nur durch Analyſis, Zerlegung. Giebt ed etwas, was als Wahrheitskern hinter der Hoffnung einer Phi- Iofophie der Gejchichte verborgen ift, dann ift es dieſes; gefchicht- liche Forſchung auf dem Grunde einer möglichft umfaſſenden Beherrihung der Einzeltifenfchaften des Geiſtes. Wie Phnfit und Chemie die Hilfsmittel des Studiums des organiichen Lebens find, jo Anthropologie, Rechtswiſſenſchaft, Staatswiſſenſchaften die Hilfsmittel des Studiums des Verlaufs der Geichichte.

Diefer Hare Zufammenhang kann methodisch jo ausgedrückt werden: die höchft zufammengefeßte Wirklichkeit der Gejchichte kann nur vermittelft der Wiffenichaften erkannt werden, welche die Gleich- förmigfeiten der einfacheren Thatfachen erforjchen, in die wir diefe Wirklichkeit zerlegen können. Und fo beantivorten wir die oben gejtellte Frage zunächft dahin: die Erkenntniß des Ganzen ber Relat. Erkenntniß d. Zuſammenh. d. d. fortichr. Geſchichtswiſſenſchaft. 119 geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklichkeit, welcher wir und ala dem allgemeinften und legten Problem der Geiſteswiſſenſchaften entgegen getrieben fanden, verwirklicht fich fucceffive in einem auf erfermtniß = theoretilcher Selbftbefinnung beruhenden Zuſammen⸗ bang von Wahrheiten, in welchem auf die Theorie des Menſchen die Einzeltheorien der geſellſchaftlichen Wirklichkeit ſich aufbauen, dieſe aber in einer wahren fortichreitenden Geſchichtswiſſenſchaft angewandt werden, um immer Mehrere von der thatjächlichen, in der Wechſelwirkung der Individuen verbundenen geihichtlichen Wirklichkeit zu erklären. In dieſem Zuſammenhang von Wahr- heiten wird die Beziehung zwiſchen Thatſache, Geje und Negel vermittelft der Selbitbefinnung erkannt. In ihm ergiebt ſich auch, wie weit wir noch) von jeder abjehbaren Möglichkeit einer allgemeinen Theorie des geichichtlichen Verlauf entfernt find, in welchen beicheidenen Sinn überhaupt von einer ſolchen bie Rebe fein kann. Univerjalgeichichte, ſofern fie nicht etwas Uebermenſch⸗ liches ift, würde den Abichluß diefea Ganzen der Geifteäwiffen- ſchaften bilden!).

Ein ſolches Verfahren vermag freilich nicht den gefchichtlichen BDerlauf auf die Einheit einer Formel oder eined Prin— zips zurüdzuführen, jo wenig ala die Phyfiologie das Leben. Die Wiſſenſchaft kann fich der Auffindung einfacher Erklärungs⸗ prinzipien durch die Analyfi2 und die Handhabung der Mehr- beit von Erklärungsgründen nur nähern. Die Philojophie der Geſchichte müßte ſonach ihre Ansprüche aufgeben, wollte fie des Verfahrens, an welches fchlechterdinga alle wirkliche Erkenntniß des gejchichtlichen Verlaufs gebunden ift, fich bedienen. So wie fie it, quält fie ieh an der Quabratur bed Cirkels ab. Daher denn auch für den Logiker ihr Kunftgriff durchfichtig genug ift. — Ich kann, wenn ich mid) an die Erfcheinung eines Zufammen- hanges von Wirklichkeit Halte, die meiner Anfchauung ſich bar- bietenden Züge in einer fie zuſammenhaltenden Abftraftion ver- fnüpfen, in welcher, als in einer Art von Allgemeinvorftellung, 1) Ausführlich Habe ich über Univerjalgeichichte gehandelt in meiner Abhandlung über Echloffer, Preußiſche Jahrbücher April 1862.

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das Bildungsgeſetz diefed Zuſammenhangs enthalten ift. Irgend eine wenn auch noch ſo ſchwankende und verworrene Allgemein⸗ vorſtellung der geſchichtlichen Wirklichkeit entſteht in Jedem, der fich mit ihr beſchäftigt hat und nun den Zuſammenhang dieſer Wirklichkeit in einem geiſtigen Bilde vereinigt. Solche Abſtrak⸗ tionen geben auf allen Gebieten der Arbeit der Analyfis voran. Eine Weſenheit diefer Art war die geheimnißvolle volltommene Kreisbewegung, welche die alte Aftronomie zu Grunde legte, ſowie die Lebenskraft, in welcher die Biologie vergangener Tage die Urjache der Haupteigenjchaften des organiichen Leben? ausdrückte. Und iede Formel, welche Hegel, Schleiermacdher oder Comte aufgeftelft haben, das Geſetz der Geichichte auszudrücken, gehört dieſem natür- lichen Denken an, da8 überall der Analyfis vorausgeht und eben — Metaphufit it. Dieſe anſpruchsvollen Allgemeinbegriffe der Phi- loſophie der Geſchichte find nichts ald die notiones universales, welche Spinoza jo meifterhaft in ihrem natürlichen Urfprung und ihrer verhängnißgvollen Wirkung auf das wiflenichaftliche Denken geichildert hat). — Natürlich heben diefe Abftraktionen, welche den Verlauf der Geichichte ausdrüden, aus dieſem, der mit dem Bernußtjein unermeßlichen Reichthums die Seele bewegt, ftet? nur Eine Seite heraus, und fo Jondert jede Philojophie eine etwas andere Abftraktion aus diefem Gewaltigen, Wirklihen aus?). Wollte man aud des Ariſtoteles Stufenfolge von Naturkräften bis zum Menſchen ein Prinzip der Philoſophie der Geſchichte ab- leiten, jo würde e8 von dem Comte's in Rückſicht feines eigentlichen Gehalts fich etiwa jo unterjcheiden, wie der Blick auf diejelbe Stabt bon verjchiedenen Höhen aus, ebenſo dieſes von der Humanität Herder 3), dem Hindurchdringen der Vernunft durch die Natur 1) Scholion zu prop. 40 des zweiten Buch? der Ethik, ſowie de in- tellectus emendatione.

2) Ex gr. qui saepius cum admiratione hominum staturam con- templati sunt, sub nomine hominis intelligunt animal erectae staturae:; qui vero aliud assueti sunt contemplari, allam hominum communem imaginem formabunt etc.

3) Vgl. das vierte und fünfte Buch der Ideen, an welches dann dad fünfzehnte anfnüpft, fowie den von Joh. Müller mitgetheilten Entivurf des letzten Bandes gegen den Schluß.

Allgemeinvorftellungen ala Gegenftand ber Geſchichtsphiloſophie. 121 bei Schleiermadher, oder Hegels Fortſchritt im Bewußtſein der Freiheit. — Und wie zu weite Definitionen ala Sätze wahr find und nur als Definitionen falih, To pflegt auch das was in dem faltigen Gewand biefer Yormeln fich birgt nicht unrichtig zu fein, nur ein ärmlicher und unzureichender Ausdrud der machtvollen Wirklichkeit, deren Gehalt auszudrüden es beaniprucht.

Da nun Philoſophie der Gejchichte in ihrer Formel die ganze Weſenheit des Weltlaufs auszudrücken beaniprucht, jo will fie in der- ſelben zugleich mit dem Caufalzuſammenhang auch den Sinn des geſchichtlichen Verlaufs d. h. feinen Werth und fein Ziel aus⸗ Iprechen, fofern fie einen jolcden neben dem Cauſalzuſammenhang anerkennt. Die Enden unſeres Bewußtſeins, Willen von Wirk- lichkeit und Bewußtſein von Werth und Pegel, find in ihrer Allgemeinvorftellung in eins gebunden: fei es nun daß nach ihr in dem metaphyfiichen Weltgrunde dieje Einheit angelegt ift, ala eine Verwirklichung des Weltziwedes vermöge des Syſtems der wirken⸗ den Urfachen, oder daß die Zwecke welche der Menſch ſich fett, die Werthe die er den Thatfachen der Wirklichkeit giebt, mit Spinoza und den Naturaliften ala eine ephemere Yorm inneren Leben? in gewifſen Erzeugnifjen der Natur angelehen werden, welche nicht in deren blinde Macht zurückreichen. Sei aljo Geſchichtsphiloſophie teleologifch oder naturaliftiich: ihr weiteres Merkmal ift, daß in ihrer Formel des Weltlaufs auch der Sinn, Zweck, Werth, welchen fie in der Welt verwirklicht fieht, vertreten ift. Negativ ausge⸗ drückt, fie begnügt fich nicht mit der Erforjchung des zugänglichen Cauſalzuſammenhangs, indem fie da® Gefühl vom Werthe des Weltlaufs, wie e8 in unjerem Bewußtſein ala Thatſache auftritt, twalten läßt, ohne e8 weder zu verſtümmeln nod) vortwißig in die Forſchung zu miſchen. Das thut der wahre Einzelforicher. Sie geht auch nicht von den Werthen und Regeln zurüd zu dem Puntte im Selbitbetwußtfein, an welchen diefe mit dem Borftellen und Denken verfnüpft find. Das thut der kritische Denker. Sonft würde fie erkennen, daß Werth und Regel nur in ber Beziehung auf unſer Syſtem der Energien da find und daß fie ohne DBe- ziehung auf ein ſolches Syftem feinen vorjtellbaren Sinn mehr 122 Erſtes einleitendes Buch.

haben. Ein Arrangement der Wirklichkeit Tann nie an fih, ſondern immer nur in feiner Beziehung zu einem Syſtem von Energien Merth haben. Hieraus ergiebt fich weiter: naturgemäß finden wir, was im Syſtem unjerer Energien ala Werth empfunden, ala Regel dem Willen vorgeftellt wird, im gejchichtlichen Weltlauf ala den werth⸗ und finnvollen Gehalt defielben wieder; jede Formel, in der wir den Sinn der Geichichte ausdrücken, ift nur ein Reflex unfere3 eigenen belebten Imeren; jelbft die Macht, welche der Be- griff von Fortjchritt Hat, Liegt weniger in dem Gedanken eines Zieles, ala in der Eelbfterfahrung unſeres ringenden Willens, unferer Zebendarbeit und des frohen Bewußtſeins von Energie in ihr: welche Gelbiterfahrung fi in dem Bilde eines allge meinen ortichreitend auch dann projiciren würde, wenn in ber Mirklichkeit des gefchichtlichen Weltlaufs ein folcher Fortſchritt ſich keineswegs ganz klar aufzeigen ließe. So beruht auf diejem That- beftand das unvertilgbare Gefühl von dem Werth und Sinn des gefchichtlichen Weltlebend. Und ein Schriftfteller wie Herder ift mit feiner Allgemeinvorftellung der Humanität niemals über das verworrene Berwußtjein dieſes Reichthums des Menſchendaſeins, dieſer Fülle ſeiner freudigen Entfaltungen hinaus gegangen. Hieraus aber würde Philoſophie der Geſchichte, noch weiter in der Selbitbefinnung fortſchreitend, haben folgern müſſen: aus einer un⸗ ermeßlichen Mannichfaltigkeit einzelner Werthe baut ſich der Sinn der geſchichtlichen Wirklichkeit auf, wie aus derſelben Mannichfaltig- feit von Wechſelwirkungen jein Cauſalzuſammenhang. Der Sinn der Geſchichte ift alfo ein außerordentlich Zuſammengeſetztes. So hätte auch bier wieder diejelbe Aufgabe fich ergeben, Selbftbefinnung, welche im Gemüthgleben den Urfprung von Werth und Regel und ihre Beziehung zu Sein und Wirklichkeit erforjcht, und allmälige, langſame Analyfis, welche diefe Seite des verwickelten geichichtlichen Ganzen zerlegt. Denn was dem Menſchen wertvoll ſei und welche Regeln das Thun der Gejellichaft leiten jollen, das Tann nur mit Hilfe der geichichtlichen Forſchung mit irgend einer Aus- jiht auf allgemeingültige Yaflung unterfucht werden. Und fo ftehen wir wieder vor demjelben Grundverhältnig: die Philofophie Ihre Unfähigkeit den Werth des geichichtlichen Verlaufs zu beftimmen. 123 der Geſchichte, anftatt fi der Methoden der geichichtlichen Ana— Iyfi3 und der Gelbitbefinnung zu bedienen (welche ihrer Natur nach ebenfall3 analytifch ift), verbleibt in Allgemeinvorftellungen, welche entweder den Zotaleindrud des geichichtlichen Weltlaufs in einer Abbreviatur wie eine Weſenheit Hinftellen, oder dieſes zu= ſammengezogene Bild von einem allgemeinen metaphyfiichen Prin- zip aus entiverfen.

Mit jo einfacher Deutlichkeit ala von feinem anderen Beftandtheil der Metaphyſik kann nun von diefer Philojophie der Geichichte ge= zeigt werden, daß in dem religiöjen Erlebniß ihre Wurzeln liegen, und daß fie, von diefem Zuſammenhang losgelöſt, vertrocdnet und verweſt. Der Gedanke eines einheitlichen Plan der Menfchenge- ſchichte, einer Erziehungsidee Gottes in ihr ift von der Theologie geichaffen worden. Ihr waren in Beginn und Ende aller Ge- ſchichte feſte Punkte für eine ſolche Konftruftion gegeben: jo ent- ftand eine wirklich auflösbare Aufgabe, zwiſchen Sündenfall und letztem Gericht die verbindenden Fäden durch den gejchichtlichen MWeltlauf zu ziehen. — In der mächtigen Schrift de civitate dei hat Auguftinud aus der metaphufiichen Welt den Gejchichtäver- lauf auf diefer Exde entipringen laflen und ihn dann wieder in diefe metaphufiiche Welt aufgelöftl. Denn nach ihm hebt jchon in den Regionen ber Geiſterwelt der Kampf zwiſchen den himmliſchen und dem irdiſchen Staate an; Dämonen treten den Engeln gegen- über; Kain als ber civis hujus seculi dem Abel ala dem pere- grinus in seculo; die Weltmonarchie Babylon, und Rom, welches es in der Weltherrichaft ablöft, das zweite Babylon treten dem Gottes⸗ ſtaat gegenüber, der im jüdilchen Volke ſich entwickelt, im Erjcheinen Ehrifti den Mittelpunkt feiner Gejchichte hat, und ſeitdem als eine Art von metaphufiicher Wefenheit, ein myſtiſcher Körper, auf diejer Erde ſich entwickelt. Bis dann das Ringen ber Dämonen und ber fie anbetenden irdiichen civitas mit dem Gottesſtaate auf diefer Erde im Weltgericht endet und Alles in die metaphufiiche Melt wiederum zurüdfehrt. — Dieje Philofophie der Gejchichte bildet ben Mittelpunkt der mittelalterlihen Metaphyfit des Geiſtes. Eie empfing durch die Theorie von den geiftigen Subftanzen, welche 124 Erſtes einleitenbes Buch.

die allgemeine Metaphyſik des Mittelalter? entwidelt Hat, eine Grundlage von ftrengerer metapbufilcher Haltung; in der Aus⸗ geftaltung der Papftlicche und ihrem Kampf mit dem Kaiſerthum erhielt fie eine gewaltige Actualität und einleuchtende Gegentwärtig- feit; in der Tanoniftiichen Theorie von der rechtlichen Natur diefes myftiichen Körpers gelangte fie zu den einjchneidenditen Folgerungen für die Auffaffung der äußeren Organifation der Gejellichaft. Die harten Realitäten, mit denen fie operirt, geftatten, jo lange fie in Geltung bleiben, feinem der Zweifel Eingang, die jonft jeden Derjuch den Sinn der Geſchichte in einem formelbaften Zuſammenhang aus- zudrücken belaften. Niemand kann fragen, warum dag mühſame Aufs wärtsflimmen der Menjchheit nothiwendig war, da der Sünbenfall vor jeinen Augen liegt. Niemand kann fragen, warum der Segen der Geſchichte nur einer Minderheit zu Gute fomme, da der Rath⸗ ſchluß Gottes und der böje Wille die Antwort in der einen oder anderen Wendung in fich fließen. Auch kann der Zuſammen⸗ bang diefer Geichichte, vermöge deren der Weltlauf einen einbeit- lichen Sinn hat und die Menjchheit eine reale Einheit ift, von Niemandem in Yrage geftellt werden: da nach der maffiven Vor⸗ ftellung des Traditionaligmus (verſtärkt durch die Auffafjung der Beugung ala eines Acte der böfen Luft) dad verderbte Blut Adams jedes Element dieſes Ganzen durchftrömt und mit jeiner dunkelen Farbe tingirt, und da andrerſeits in dem myſtiſchen Körper der Kirche von oben ber eine eben folche reale Leitung der Gnade jtattfindet. — Die Literatur, welche in den Grundlinien, die Auguftin gezogen, verharrt, erftredt fich biß auf Boſſuets Dis- cours sur l’histoire universelle, und indem der Biſchof von Meaux eine ftrengere Vorftellung von Cauſalzuſammenhang jowie einen Begriff von nationalem Gejammtgeift einfügt, bildet ex das Zwiſchenglied zwiſchen dieſer theologiſchen Philoſophie der Geſchichte und den Verſuchen des 18. Jahrhunderts. Turgot's Plan einer Univerſalgeſchichte entfaltete ſich an dem Gedanken, die von Voſſuet behandelte Aufgabe rational zu löſen: er hat die Philoſophie der Geſchichte ſecularifirt. Vico's principj di scienza nuova laſſen die äußeren Umriſſe der theologiſchen Philoſophie Sie fubflituirt nur d. Realitäten db. Theologie abftratte Weienheiten. 195 der Gejchichte ftehen: innerhalb dieſes ungeheuren Gebäudes Hat feine pofitive Arbeit, wirkliche Hiftoriiche Forſchung in philo= ſophiſcher Abficht, ſich in der alten Völkergeſchichte angefiedelt und dad Problem der Entwicklungsgeſchichte der Völker, der allen Völkern gemeinfamen Epochen diefer Entwicklungsgeſchichte verfolgt.

Der Gedanke eines einheitlichen Planes in dem gejchichtlichen Weltlauf wandelt filh, indem er im 18. Jahrhundert von ben feften Prämiſſen de theologifchen Syſtems losgelöſt feftgehalten wird: aus feiner maffiven Nealität wird ein metaphufifches Schattenfpiel. Aug dem Dunkel eines unbelannten Anfang? treten nunmehr die räthjelhaft verwickelten Vorgänge des gejchichtlichen Weltlaufs Hervor, um fich in dafielbe Dunkel nad) vorwärtd zu verlieren. Wozu dies mühjame Emporklimmen der Dienjchheit? Wozu das Weltelend? Wozu die Beichränkung des Fortichreiteng auf eine Minderzapl? Vom Standpunkt des Auguftin Alles wohl zu begreifen, auf dem Standpunkt des 18. Jahrhunderis Rätbiel, für deren Auflöfung jeder Mare Anhaltspunkt fehlt. Da- ber ift jeder Verfuch des 18. Jahrhunderts, den Plan und Sinn in der Menſchengeſchichte aufzuzeigen, nur Tranzformation des alten Syſtems: Lefſings Erziehung des Menichengefchlechtes, Hegels Selbftentwidlung Gottes, Comte’3 Umwandlung der bierarchilchen Organifation find nichts Andered. Da der myſtiſche Körper, welcher im Mittelalter den Zujammenhang der Weltgejchichte in fich Schloß, fi in der Denkart des 18. Jahrhundert? in Indi⸗ viduen auflöft: muß ein Erſatz gefunden werden in einer Vor⸗ ftellung, welche diefe Einheit ber Menfchheit aufrecht erhält. Zwei Wendungen treten ein, welche beide zu diefem Zweck die Meta⸗ phyſik zu Hilfe rufen und beide jede wirklich wiſſenſchaftliche Behandlung bes Problems ausſchließen.

Die Eine berjelben fubftitwirt metaphyſiſche Wejen- heiten, wie die allgemeine Vernunft, der Weltgeift folche find, und betrachtet die Gefchichte als Entwicklung von diefen. Gewiß macht fi} auch Hier wieder geltend, daß ſolche Formeln eine Wahr« heit bergen. Die Verbindung des Individuums mit der Menjchheit ift Realität. Iſt doch eben dies dag tieffte pſychologiſche Problem, 126 Erftes einleitendes Buch.

das Gejchichte und aufgiebt, wie dag Mittel des Fortſchreitens in ihr in letzter Inſtanz die aufopfernde Hingebung des Individuums ift, an Perjonen die es liebt, an den Zweckzuſammenhang eines Syſtems der Cultur, welchem fein innerer Beruf eingeordnet ift, an das Geljammtleben der Verbände, ala deren Glied es fich fühlt, ja an eine ihm unbefannte Zukunft, der feine Arbeit dient: Sittlichkeit alſo; denn diefe hat eben fein anderes Merkmal ala Selbftauf- opferung. Aber die Yormeln vom Zufammenhang des Einzelnen mit dem geichichtlichen Ganzen, wahr in dem was fie vom per- lönlichen Gefühle dieſes Zuſammenhangs außfagen, treten in Widerſpruch mit jedem gefunden Empfinden, indem fie alle Werthe des Leben? in eine metaphyſiſche Einheit, welche ſich in der Ge— Ihichte entfaltet, verjenten. Was ein Menſch in feiner einjamen Seele, mit dem Schidjal ringend, in der Tiefe feines Gewiſſens durchlebt, das ift für ihn da, nicht für den Weltproceß und nicht für irgend einen Organismus der menschlichen Geſellſchaft. Aber diefer Metaphyſik ift die ergreifende Wirklichkeit des Leben? nur in einem Schattenriß fichtbar.

Auch ändert ed hieran nicht, wenn, fozujagen in einer tveiteren Verflüchtigung, diefer allgemeinen Vernunft die Gejell- ſchaft ala eine Einheit fubjtituirt wird. Das Band, das fie zur Einheit macht, aus dem Erlebniß in eine Yormel umgewandelt, ift ein metaphyſiſches. Es war daher nicht eine willfürliche Wendung im Geifte Comte’3, die aus den Begebenheiten feines Leben? oder gar aus dem Verfall feiner Intelligenz bervorge- gangen wäre, jondern ein Schickſal, das in dem urjprünglichen Widerſpruch zwijchen feiner Formel des einheitlichen Zuſammen— hangs in der Geichichte ſowie der in ihr gegründeten Tendenz auf Organijation der Gefellfchaft vermittelft einer geiftigen Macht und jeiner pofitiven Methode gelegen war, wenn er von feiner philo- sophie positive und ihrer Methode zu einer Art von Religion als Grundlage der Fünftigen Gejellichaft Fortfchritt. Der Zwieſpalt feiner Anhänger, der hierüber entftand, verdeutliht nur diejen Widerjpruch eines Syſtems, welches aus den Gejeßen des Nature Sie fubftituirt nur d. Realitäten d. Theologie abftratte Welenheiten. 127 zufammenhangd den Imperativ für die Gejellichaft abzuleiten unternahm.

Der deutſche Individualismus war geziwungen eine andere Wendung des Gedanken? zu verfuchen: auch fie führte ihn auf Metaphyfik. Die unendliche Entwidlung des Individuums, in ihrem Berhältniß zur Entwidlung des Menfchengejchlechts, wurde ihn das Hilfgmittel einer Loſung des geſchichts⸗philoſophiſchen Problems. Aber die Metaphufit kämpft hier ſchon mit dem kritiſchen Bemwußtlein der Grenzen gejchichtlichen Erkennens, und diejer Kampf zieht fich durch die ganze Gedankenarbeit dieſer Richtung.