Kant jelber fand in dem Plan der Vorſehung den Zus jammenhang der Geſchichte. Denn „da Mittel defjen fich die Natur bedient, die Entwidlung aller ihrer Anlagen zu Stande zu bringen, ift der Antagonigmus derſelben in der Gelellichaft“ — die „ungefellige Gefelligkeit“ ') des Menſchen. Seine Hypothefe ſchränkt fi auf die Unterfuchung ein, wie in der Gefchichte dag Problem der Erreichung einer allgemein das Recht verwaltenden bürgerlichen Gejellichaft aufgelöft wird. „Befremdend bleibt e3 aber immer hierbei: daß die älteren Generationen nur ſcheinen um der |päteren willen ihr mühjeliged Geſchäft zu treiben, um nämlich diefen eine Stufe zu bereiten, von der diefe dag Baus wert, welches die Natur zur Abficht hat, Höher bringen könnten; und daB doch nur die jpäteften das Glüc Haben follen, in dem Gebäude zu wohnen, woran eine lange Reihe ihrer Borfahren (freilich ohne ihre Abficht) gearbeitet Hatten, ohne doch jelbft an den Glück, da8 fie vorbereiteten, Antheil nehmen zu können. Allein jo rälhjelhaft dieſes auch ift, jo nothwendig ift e8 doch zu= gleich, wenn man einmal annimmt: eine XThiergattung foll Ber: nunft haben, und ala Clafſſe vernünftiger Wefen, die insgeſammt fterben, deren Gattung aber unfterblich ift, dennoch zu einer Vollſtändigkeit der Entwidlung diefer Anlagen gelangen“ 2).
Leſſing hatte dieſe Schwierigkeit durch den Gedanken der Seelen- wanderung gelöft. „Wie? Wenn es nun gar fo gut als ausgemacht 128 Erſtes einleitendes Buch.
wäre, daß das große langſame Rad, welches das Gejchlecht feiner Bolllommenheit näher bringt, nur durch Kleinere ſchnellere Räder in Bewegung gejeßt würde, deren jedes fein Einzelnes eben bahin liefert? Nicht Anders! Chen die Bahn, auf welcher das Ge- ſchlecht zu feiner Vollkommenheit gelangt, muß jeder einzelne Menſch erft durchlaufen haben“!).
Herder verhält fich realiftifcher, Yeitiicher ala beide. Ob ex gleich jein Wert ala Ideen zu einer Philofophie der Gejchichte bezeichnete, jo hat er doch den Außdrud, deſſen fich ſchon Boltaire bedient, in anderem Berftande genommen und eine Formel über den Sinn der Geichichte nicht aufgeftellt. Seine große und bleibende Leiftung entjprang aus einer Combination der pofitiven Wiflenichaften in philoſophiſchem d. 5. zufammenfaflen- dem Geiſte. Mit dem Griff des Genie's verband er die Nature funde jener Zeit mit dem Gedanken einer Univerjalgefchichte, wie er vor dem Geifte eines Turgot ftand, von Boltaire aufgefaßt, in Deutichland aber von Schlöger in feiner merkwürdigen, Vorſtellung der Univerfalhiftorie” aufgenommen worden war. Vermöge diejer Verbindung erwuchſen aus den ſchon im Alterthum werthgehaltenen Beobachtungen über den Zufammenhang der Naturbedingungen mit dem geichichtlichen Leben nun jene leitenden Ideen, die Ritter allge= meiner Geographie zu Grunde liegen. Er verknüpfte weiter mit Be- trachtungen über die auffteigende Reihe der Organifationen big zum Menſchen, die er mit Goethe theilte und die auf die Naturphilojophie gewirkt haben, einen Schluß der Analogie auf höhere Stufen des geiftigen Reiches und von dieſen auf Unsterblichkeit: an dieſem Schluß bat ſchon Kant getabelt, daß er Höchftend auf die Eriftenz andrer höherer Wejen deuten koönne. Don diefem Punkte ab jedoch ift feine Arbeit wefentlich die des Univerfalhiftoriterd. Im Zuſammenwirlen der beiden Faltoren ber Naturbedingungen und des Menſchen⸗ 1) Leifing, Erziehung bed Menſchen $ 92, 93. Für meine nähere Ans ficht über den Zufammenhang ber Seelenwanberungalehre mit Leifings Syftem veriveife ich auf meine Unterfuchungen in: Leifing, preuß. Jahrbücher 1867, nebft den Erörterungen von Gonft. Rößler ebendafelbft, und meiner Ent» gegnung.
Dder einen unbeweisbaren Zulammenhang. 129 weſens will er die Menfchengejchichte in ftrengem Gaufalzufammen- Bang entwideln. Iſt er doch ein Schüler von Leibnig und durch Spinoza nur noch härter gegen die äußeren Endzwede geftimmt ). Die Zmedmäßigkeit, die in der Weltgeichichte wie im Naturreich waltet, vollzieht fich nach ihm nur in der Form des Cauſalzuſammen⸗ hangs. Diejer weilen Zurüdhaltung entfpricht nun, daß er zwar das Problem Leffings anerlannte — aber es als tranzjcendent zurüd ließ. „Wenn Jemand jagte, daß nicht der einzelne Menſch, fondern das Geſchlecht erzogen werde, jo ſpräche er für mich un⸗ verftändlich, da Geichlecht und Gattung nur allgemeine Begriffe find, außer, injofern fie in einzelnen Weſen exiftiren — ala wenn id) von der Thierheit, der Steinheit im Allgemeinen ſpräche.“ Er verwirſt das ausdrücklich ala mittelalterliche Metaphyſik, und ex ” fteht aljo mit Leifing auf dem gejunden Boden des Realismus, der nur Individuen kennt, ſonach ala Sinn des Weltlauf3 auch nur Ent- widlung der Individuen. Aber in Bezug auf jede Borftellung von der Art diefer Entwidlung der Individuen bemerkt er, mit deutlichem Wink auf Leffing: „Auf welchen Wegen die geichehen werde — welche Philofophie der Erde wäre es, die hierüber Gewißheit gäbe?“ Ich entwidle nicht wie nahe Lotze's Auffaffung der PHilo- fophie der Geichichte ſich mit der von Herder berührt, ſowol in Bezug auf die Berfnüpfung von caufaler mit teleologijcher Be- trachtung ala in Bezug auf den Realiamus, der nur Indivi⸗ duen und was ihrer Entwidlung dient anerlennt. An dieſem Punkte hat Lotze doch über Herder hinausgehen zu müfſen ge= glaubt. Er thut das indem er fozujagen die Methode, in welcher Kant ben Glauben an Gott und die Unfterblichkeit begründete, auf den planvollen Bujammenhang der Gejchichte anwendet und fo ala Bedingung deflelben einen Antheil der Abgeichiednen an dem Fortſchritt der Gejchichte aufzu- zeigen fucht. „Seine Erziehung der Menfchheit ift denkbar, ohne 1) Ideen, Buch 14,6: „Die Philojophie der Endzwede hat der Natur: geichichte keinen Vortheil gebracht, fondern ihre Liebhaber vielmehr ftatt der Unterfuchung mit Icheinbarem Wahne befriedigt; wie viel mehr bie taufendawedige, in einander greifende Menichengeichichte.”
Dilthey, Einleitung.
130 Erftes einleitenbes Buch.
daß ihre Endergebniffe einft Gemeingut derer werden, die in dieſer irdiſchen Laufbahn auf verjchiedenen Punkten zurückgeblieben find; feine Entwicklung einer Idee hat Bedeutung, wenn nicht zulekt allen offenbar wird, was fie zuvor ohne ihr Willen ala Träger diefer Entwicklung erlitten)“. Gefühl gegen Gefühl (denn in ein ſolches verſchwimmt nun bier fchließli die Betrachtung des Plans der Geichichte, die einft in Auguftinus mit fo harten Reali- täten begann, und fcheint fich jo jelber in einen feinen Nebel auf- ‚ zulöfen): dieſe elegifche VBorftellung von einem beichaulichen Antheil der Abgejchiedenen an dem, was wir bier durchlämpfen, welche an die Engeläföpfe erinnert, die auf alten Bildern aus bem Himmelsgewölk den Märtyrern zujehn, wie fie ſich noch plagen müflen, erſcheint ung in den Stunden nüchterner Kritik ala zu viel, in träumenden aber als zu wenig, da das Endergebniß der Ent- wicklung ber Menſchheit nur im Erlebniß beſeſſen werden kann, nicht in müßiger Betrachtung.
XVL Ihre Methoden find falld.
Iſt ſonach die Aufgabe, twelche diefe Wiſſenſchaften fich ftellten, an fi) unlößbar, jo find ferner die Methoden derjelben wohl dazu verwerthbar, durch Generalifationen zu blenden, aber nicht bazu, eine bleibende Erweiterung der Erfenntniß herbeizuführen.
Die Methode der deutſchen Philoſophie der Geſchichte entjprang einer Bewegung, welche im Gegenfab gegen das vom 18. Jahrhundert gefchaffene natürliche Syſtem ber Geiſteswifſen⸗ Ichaften fich in die Thatſächlichkeit des Gefchichtlichen verjentte. Die Träger diefer Bewegung waren Windelmann, Herder, die Schlegel, W. dv. Humboldt. Sie bedienten fi eines Verfahrens, welches ich ala das der genialen Anjchauung bezeichne. Es war dies Verfahren feine bejondere Methode, fondern der Proceß ber 1) Soße, Mikrokosmos 3, 52 (erfte Auflage).
Die Methoden ber Philoſophie dev Geſchichte find Falich. 131 fruchtbaren Gährung jelber, in der bie Einzelwiſſenſchaften des Geiftes in einander arbeiteten: eine werdende Welt. Dieje geniale Anſchau⸗ ung ift durch die metaphyſiſche Schule auf ein Princip zurüdgeführt worden. Wohl empfing durch diefe Concentration der Gehalt der genialen Anſchauung auf kurze Zeit eine ungewöhnliche Energie der Wirkung; aber diefe Eoncentration kam nur zu Stande, indem nun die notiones universales ihr graues Netz über die geichichtliche Welt außbreiteten. Der „Geift“ Hegels, welcher in der Geſchichte zum Bewußtſein feiner Freiheit kommt oder die „Vernunft“ Schleier- machers, welche die Natur durchdringt und geftaltet, dies ift eine abftrafte Wejenheit, welche in einer farblojen Abftraftion den geichichtlichen Weltlauf zufammenfaßt, ein Subjelt ohne Ort und ohne Zeit, den Müttern vergleichbar, zu denen Yauft hinabfteigt. Aus der Anſchauung abftrahirte Allgemeinvorftellungen find dann die uniderjalgejchichtlichen Epochen Hegeld, und zwar ift die Ab- ſtraktion, die fie gewinnt, durch da8 metaphufifche Prinzip geleitet; denn die MWeltgeichichte ift ihm „eine Reihe von Beltimmungen der Freiheit, welche aus dem Begriff der Freiheit hervorgehen“. Aus der Anſchauung abftrahirte Allgemeinvorftellungen find Die Srundgeftalten des Handelns der Bernunft, welche Schleiermacher ent- wirft, in denen dieſes Handeln „ala ein Mannichfaltiges, abgeſehen von den Beftimmungen dur) Raum und Zeit, gejondert durch Begriffäbeftimmungen* erlannt wird. Hegel, der von der Gelchichte ausging, ordnet diefe Allgemeinvorftellungen in einer Zeitreihe, Schleiermadher, der von dem Erlebniß in der gegenwärtigen &ejell- ſchaft ausgeht, breitet fie nebeneinander aus, wie ein anderes Naturreich. | j Die Methoden, deren filh die Sociologie bedient bat, treten freilich mit dem Anſpruch auf, daß durch fie die metaphyfiſche Epoche abgethan, die der pofitiven Philojophie eröffnet jei. Doch bat der Begründer diefer Philofophie, Comte, nur eine naturaliftiche Metaphyſik der Gefchichte geichaffen, welche als folche den Thatſachen des geichichtlichen Verlaufs viel weniger angemeflen war als die bon Hegel oder Schleiermacdher. Daher find auch jeine Allgemeinbe- griffe viel unfruchtbarer. Brad) Stuart Mill mit den gröberen Irr⸗ 132 Erſtes einleitendes Buch.
thümern Comte's, jo wirken doch die feineren in ihm fort. Aus der Unterordnung ber geichichtlichen Welt unter das Syſtem der Natur⸗ erfenntnig war im Geifte der franzöfiichen Philoſophie des 18. Zahrhunderts die Sociologie Comte's entftanden; die Unter: ordnung der Methode des Studiums geiftiger Thatfachen unter die Methoden der Naturwifſenſchaft hat wenigftens Stuart Mil feftgehalten und vertheidigt.
Die Auffaffung Comte's betrachtet dad Etudium des menſch⸗ lichen Geiſtes ald abhängig von der Wiſſenſchaft der Biologie, da3 was von Gleichförmigkeiten in der Folge geiftiger Zuftände wahrgenommen werden Tann, ala den Effekt der Gleichförmigfeiten in den Zuftänden des Körper, und fo leugnet fie, daß Geſetz⸗ mäßigkeit in pfychiſchen Zuftänden für fich ftudirt werden könne. Diefem logiſchen Verhältniß der Abhängigkeit unter den Willen: Ichaften entipricht dann nad) ihm die Hiftoriiche Ordnung in der Abfolge, durch welche den Wiflenfchaften der Geſellſchaft ihr hiſtoriſcher Ort beftimmt if. Da die Sociologie die Wahrheiten aller Naturwiſſenſchaften zu ihrer Vorausſetzung hat, gelangt fie erft nach ihnen allen in das Stadium ber Reife d. h. zur Feſt⸗ ſtellung der Säte, welche die gefundenen Einzelmahrbeiten zu einem - wiflenichaftlichen Ganzen verknüpfen. Die Chemie trat in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit Lavoifier in dieſes Stadium; die Phyfiologie erft im Beginn unſres Jahrhunderts mit der Gewebelehre von Bichat: fo fchien e8 Gomte, daß die Sonftituirung der gejellichaftlichen MWiflenfchaften als der höchften Claſſe wiſſenſchaftlicher Arbeiten ihm felber zufalle!). — Allerdings erfennt er an (troß feiner Neigung zu einförmiger Reglementirung der Wiflenichaft), daß zwilchen der Sociologie und den ihr vorauf- gehenden Wiflenichaften, insbeſondere der Biologie, welche auch) unfere geringe Kenntniß pfychiicher Zuftände in fich faßt, ein anderes Verhaͤltniß beftehe, ala dasjenige, das zwiſchen irgend einer ber früheren Wiſſenſchaften und den fie bedingenden Wahrheiten fich findet; das Berhältni der Dedultion und Induktion ift an diefem 1) Tiefer Zuſammenhang ausdrücklich ala emticheidend für die Ent: wicklung ber Eociologie anerlannt: philosophie positive 4, 225.
Die Methode der Soriologie Comte's ift falſch. 133 hochſten Punkte der Wifjenichaften umgekehrt; die Generaliſation aus dem in der Geſchichte gegebenen Stoff ift der Schwerpunkt des Verfahrens der Wiſſenſchaft der Gefellichaft und bie Deduktion aus den Ergebnifien der Biologie dient nur zur Verificirung der jo gefundenen Geſetze. — Diejer Einordnung ber geiftigen Er- ſcheinungen unter den Zuſammenhang der Naturerlenntniß Tiegen zwei Annahmen zu Grunde, von denen die eine unbeweigbar, die andere augenfcheinlich faljch if. Die Annahme der ausſchließlichen Bedingtheit piuchiicher Zuftände durch phyfiologiiche ift ein vor⸗ eiliger Schluß aus Thatbeftänden, welche nach dem Urtheil der unbefangenen phyfiologiſchen Forſcher jelber durchaus keine Ent- ſcheidung geftatten‘). Die Behauptung, innere Wahrnehmung fei in fi unmöglich und unfruchtbar, „ein Unternehmen, das unjere Nachkommen einmal zu ihrer Beluftigung auf die Bühne gebracht ſehen werden“, ift aus einer Entftellung des Wahrnehmungsvor- gang in irriger Weile gefolgert, und wird ausführlich widerlegt werden. _ In diefem Zufammenhang der Hierarchie der Wiſſenſchaften entwidelt Somte „die nothivendige Richtung des Geſammtzuſammen⸗ hangs der menjchheitlichen Entwicklung“), welche ihm alsdann ald Prinzip für die Leitung der Gejellichaft dient, auß der Anſchauung des geichichtlichen Weltlaufs und verificirt fie durch die Biologie. — In der biologiſchen Berification berühren wir augenjcheinli” den Lebensknoten feiner Sociologie. Welche ift alfo die biologifche Grundlage, deren Herftellung erft die Echöpf- ung der Eociologie ermöglichte? Comte erflärt: die Methode, deren die Sociologie fi bedient, mußte erſt auf dem Gebiet der Raturforichung ausgebildet werden. Das Mittel (milieu), in dem der Menſch fich befindet, mußte erft in den Wifjenjchaften der anorganiichen Natur erfannt werden. Sei da, wir ver- langen aber einen Zuſammenhang, der in den Mittelpunft der Sociologie jelber bineinreiht. Es ift jchwer, ein Lächeln zurüd- 1) So auch wieder Hikig in den Unterfuchungen über bad Gehirn. ©. 56 u. a. a. D., wozu vgl. Wundts Phyfiol. Piychologie. Sechſter Ab- fchnitt de3 zweiten Bandes. Aufl. 2. 1880. — 2) 4, 631.
134 Erſtes einleitended Bud).
zubalten: er befteht darin, daß die Conftanz der äußeren bio- Iogifhen Organiſation die Conſtanz einer gewiſſen pfychiichen Grundſtruktur dartdut, dann aber — doch wir geben feine Worte — nous avons reconnu, que le sens general de l'évolution humaine consiste surtout à diminuer de plus en plus l’ine- vitable preponderance, necessairement toujours fondamentale, mais d’abord excessive, de la vie affective sur la vie in- tellectuelle, ou suivant la formule anatomique, de la region post6rieure du cerveau sur la region frontale!). Derbe naturaliftiihde Metaphyfik — das ift die wirkliche Grundlage feiner Sociologie. — Andrerfeits ift der „allgemeine Sinn der menſchheitlichen Entwidlung”, wie er ihn der Anſchauung des geichichtlichen Weltlaufs abgewinnt, wieder nichts ala eine notio ‚universalis, eine veriworrene und unbeftimmte Allgemeinvor= ftellung, welche aus dem bloßen Ueberblid über den gejchichtlichen Zufammenhang abftrahirt ift. Eine unwiſſenſchaftliche Abftraktion, unter deren weiten Mantel die wachſende Herrichaft des Menjchen über die Natur, der wachſende Einfluß der Höheren Fähigkeiten über die niederen, der Intelligenz über die Affekte, unfrer focialen über unfere egoiftiichen Neigungen ſich zufammenfinden 2). Diele abftraften Bilder der Geſchichtsphiloſophen ftellen den gejchicht- lichen Weltlauf nur in immer anderen Verkürzungen dar.
Geht man zur Ausführung über, vermittelit deren der Schüler be Maiſtre's fein Papftthum der naturwiſſenſchaftlichen Intelligenz begründet, jo bildet dieſe eine merkwürdige Beftätigung unferer Säbe. Das Geſetz, dad Comte wirklich gefunden hat, welches die Beziehungen der logifchen Abhängigkeit von Wahrheiten unter- einander zu ihrer gejchichtlichen Abfolge ausdrüdt (wenn es auch noch unvolllommen bei ihm formulirt ift) gehört einer Einzel- willenichaft des Geiftes an, und ed wurde von ihm vermöge einer anbaltenden und tiefeindringenden Beichäftigung mit dieſem Kreiſe der gefellichaftlichen Wirklichkeit gefunden. Die Generalifation von den drei Epochen ift in ihren wahren Grundzügen von * Die Methode der Sociologie Comte's ift falich. 135 Zurgot feftgeftellt worden, und die Ausführung Comte's mißlang, da ihm da8 Detail der Geichichte der Theologie und Meta⸗ phyſik nicht befannt war. So vermag feine Sociologie die Stellung nicht zu erjchüttern, welche das pofitive Studium des geichichtlich=gejellfchaftlichen Lebens ſtets behauptet Hat: als die Eine Hälfte des Kosmos der Wiſſenſchaften, ruhend auf ihren eigenthümlichen und unabhängigen Erfenntnigbedingungen, an= wachiend aus eigenen Erkenntnißmitteln in erfter Linie, dabei mitbeftimmt durch den Fortichritt der Wiflenichaften vom Erd⸗ ganzen und von den Bedingungen und Formen des Leben? auf ihn.
Brachte jo Comte feine Sociologie in eine blendende, aber falſche Beziehung zu den Naturwiflenichaften, jo bat er andrer= ſeits das wahre und fruchtbare Verhältniß jeder geichichtlichen Betrachtung zu den Einzelwiſſenſchaften des Menichen und der Geſellſchaft nicht erfannt und nicht benubt. Im Wideripruch mit feinem Prinzip der pofitiven Philofophie, hat er feine ungeftümen Generalifationen außer Zuſammenhang mit der methodiichen Ver⸗ werthung der pofitiven Willenichaften des Geiftes abgeleitet, aus⸗ genommen jeine Theorie über den Zuſammenhang der Entivid- lung der Intelligenz.
Als eine Abſchwächung dieſes Prinzips der Unterordnung der gefchichtlichen Erfcheinungen unter die Naturwiſſenſchaften, wie ed in Comte vorliegt, muß die Art von Unterordnung betrachtet werden, welche Stuart Mill in feinem berühmten Gapitel über die Logik der Geifteswillenichaften vertritt. Kehrt er dem Meta- phufilchen in Comte den Rüden und hätte demnach wohl eine gefundere Richtung in der Betrachtung der Geichichte vorbereiten können, jo wirkt doch in jeiner Methode die Unterordnung der Geiſteswifſenſchaften unter die der Natur in verhängnißvoller Meile nad. Er unterjcheidet fi von Comte, wie ji) das auf Pſychologie gegründete natürliche Syſtem der gejellichaftlichen Funktionen und Lebensſphären, welches die Engländer im 18. Jahr⸗ hundert aufgeftellt hatten, von dem auf die Naturwiſſenſchaften gegründeten unterjcheidet, welches die franzöfiichen Materialiften des 18. Jahrhunderts verteidigt hatten. Er erkennt die Selbjtändig- 136 Exftes einleitenbes Ruch.
feit der Erflärungdgründe der Geiſteswiſſenſchaften vollftändig an. Aber er ordnet ihre Methoden zu jehr dem Schema unter, welches er aus dem Stubium ber Naturwiſſenſchaften entwidelt hat. „Wenn“, jo jagt er in diefer Beziehung, „einige Gegenflände Reſul⸗ tate ergaben, denen zulebt alle auf den Beweis Achtenden ein= ftimmig beiftimmten, wenn man in Beziehung auf andere weniger glücklich war und die Icharffinnigften Geifter ſich von der frübeften Zeit an mit denjelben beichäftigten, ohne daß es ihnen gelungen wäre, ein anfehnliches,, gegen Zweifel oder Einwürfe gefichertes Syftem von Wahrheiten zu begründen, jo dürfen wir diejen Fleck vom Antli der Wiſſenſchaft dadurch zu entfernen hoffen, dab wir die bei den erfteren Unterfuchungen fo glücklich befolgten Methoden verallgemeinern und fie den lebteren anpafſen!).” So anjechtbar diefer Schluß ift, jo unfruchtbar ift die „Anpaffung”“ der Ve thoden der Geiſteswiſſenſchaften geweſen, welche durch ihn be= gründet wird. Bei Mill beſonders vernimmt man ba8 einförmige und ermüdende Gellapper ber Worte Andultion und Dedultion, welches jebt aus allen ung umgebenden Ländern zu una berübertönt. Die ganze Geſchichte der Geifteswiffenichaften ift ein Gegenbeweis gegen den Gedanken einer ſolchen „Anpaflung”. Dieje Wiflen- Ichaften Haben eine ganz andere Grundlage und Struktur al die der Natur. Ihr Objekt jet fich aus gegebenen, nicht erjchlofjenen Einheiten, welche und von immen verftändlich find, zufammen; wir willen, verftehen hier zuerſt, um allmälig zu erfennen. Fort⸗ Ichreitende Analyfis eines von una in ummittelbarem Willen und in Verftändniß von vorn herein bejefjenen Ganzen: das ift Daher der Charakter der Gefchichte diefer Willenichaften. Die Theorie der Staaten oder der Dichtung, wie fie die Griechen zu Alexanders Beit befaßen, verhält fich zu unferer Staatswiſſenſchaft oder Aeſthetik ganz anders als naturwifjenjchaftliche Vorjtellungen jener Epoche zu den unferen. Und e8 ift eine eigene Art von Erfahrung die hier ftattfindet: das Objekt baut ſich jelber exrft vor den Augen der fortichreitenden Wiſſenſchaft nach und nach auf; Individuen Die Methode der Gociologie Stuart Mill's if fall. 137 und Thaten find die Elemente diefer Erfahrung, Verſenkung aller Gemütbäfräfte in den Gegenſtand ift ihre Natur. Diefe Andeutungen zeigen binlänglich, daß, im Gegenſatz gegen die gewifiermaßen von außen an die Geifteswifjenichaften herantretenden Methoden eines Mill und Budle, die Aufgabe gelöft werben muß: durch eine Er- fenntnißtbeorie die Geiſteswiſſenſchaften zu begründen, ihre felb- fländige Geftaltung zu rechtfertigen und zu ftüßen fowie die Unter» ordnung ihrer Prinzipien wie ihrer Methoden unter die der Natur- wiſſenſchaften definitiv zu bejeitigen.
XVII.
Sie erkennen nit die Stellung der Geſchichtswiſſenſchaft zu den Einzelwiſſenſchaflen der Geſellſchaft.
Mit diefen Irrthümern über Aufgabe und Methode fteht Die faliche Stellung diefer Träume von Wifjenfchaften zu den wirklich eriftenten Ginzelwifienichaften im nächften Zuſammenhang. Die- jelben erwarten von ihren tumultuarifchen Beftrebungen, was ſtets nur dad Werk der anhaltenden Arbeit vieler Generationen fein Tann. Daher gleichen alle dieje ijolirten Entwürfe Badfteinbauten, welche durch Zünche die Blöde, Säulen und Berzierungen in Granit nachahmen, die nur in der geduldigen und langſamen Bearbeitung eines jpröden Stoffes entftehen.
In den unzähligen AMbftufungen der Berjchiedenheit von in- dividuellen Einheiten, in dem unermeßlich vertheilten und veränder- lichen Spiel von Urſachen, Wirkungen, Wechjelwirkungen ziifchen ihnen, als der Wirklichkeit der gefchichtlich-gejellichaftlichen Welt, faßt die Wiſſenſchaft, will fie diefe Wirklichkeit auch nur auffallen, das Sleichartige der Thatfachen, das Gleichfürmige der Beziehungen einerjeit? in dem Nacheinander der Thatbeftände und Verände⸗ rungen, andrerjeitö in den Nebeneinander derjelben zuſammen.
Die Eine Seite bed Problem3 vom allgemeinen Zuſammen⸗ bang in diefer Wirklichkeit bildet alfo dag höchft complere Ganze 138 Erſtes einleitended Buch.
des Fortgangs der Geſellſchaft von feinem Lebensſtande (status societatis) in einem beftimmten Durchjchnitt zu dem in einem beftimmten anderen, ſchließlich von ihrem erften für und auffaß- baren Lebenäftande zu dem, welcher die Gelellichaft der Gegenwart ausmacht (ein status deſſen Auffaffung den früheren Begriff von Statiftit bildete), Diefe Seite des Problems Hat, als die Theorie des gefhichtliden Fortſchritts, von Anfang das Gentrum der Philoſophie der Geichichte gebildet: Comte bezeichnet fie als Dynamik der Gefellichaft. — Nie hat nun die Philoſophie der Geſchichte vermocht, ein allgemeines Geſetz dieſes Fortſchritts von hinlänglicher Beſtimmtheit aus der gejchichtlich-gefellfchaftlichen Wirklichkeit direkt abzuleiten. Eine ſolche Theorie müßte entweder die Beziehung zwiſchen Formeln enthalten, deren jede einzeln den Inbegriff eines beftimmten status societatis ausdrückte und deren Vergleihung ſonach das Geſetz des Geſammifortſchritts ergeben würde, oder eine folche Theorie müßte in einer Formel den Inbe— griff aller Caufalbeziehungen außdrüden, tweldde die Veränderungen innerhalb des Totalzufammenhangd der Gefellfchaft herborbringen. Es braucht nicht entwickelt zu werden, daß die Ableitung einer Formel der einen wie der anderen Art aus der Geſammtanſchau⸗ ung ber gefchichtlichegejellfichaftlihen Wirklichkeit die menſchliche Anſchauungskraft gänzlich überfteigt.
Sol der Zujammenhang des geichichtlich - gejellichaftlichen Lebens, nach der Seite der Abfolge der in ihm enthaltenen Zu= ftände angejehen, der Methode der Erfahrung unterworfen werden, dann muß dad Ganze beffelben in Einzelzuſammenhänge auf= gelöft werden, welche überfichtlicher und einfacher find. Das— jelbe Verfahren muß angewandt werden, vermöge deflen Die Naturwiflenichaften ihr umfaſſendes Problem des Zuſammenhangs der äußeren Natur zerlegt und in der Lehre von leichge- wicht und Bewegung der Körper, von Schall, Licht, Wärme, Magnetismus und Glektricität, ſowie vom chemiſchen Berhalten der Körper einzelne Syſteme von Naturgejegen conftituirt haben, vermittelft deren fie ſich alsdann der Auflöfung ihres allgemeinen Problems nähern. — Nun eriftiren aber Einzelwifjenichaften, welche Das Problem des geichichtlicden Tyortichritt2. 139 dies Verfahren angewandt Haben. Der einzig mögliche Weg einer Erforſchung des geichichtlichen Zuſammenhangs: Zerlegung deflelben in Einzelzuſammenhänge, ift in den Einzeltheorien der Syſteme der Kultur und der äußeren Organifation der Geſellſchaft längft eingejchlagen worden. Dad Studium des Individuums ala der Lebengeinheit in der Zuſammenſetzung der Gejellichaft ift die Bedingung für die Erforſchung der Thatbeſtände, die aus der Wechjelwirkung diefer Vebenzeinheiten in ber Geſellſchaft durch Abftraktion ausgelöft werden Türmen, nur auf diefer Grundlage der Ergebnifje der Anthropologie, vermittelft der theoretilchen Wiſſenſchaften der Gejellichaft in ihren drei Hauptelaflen, der Ethnologie, der Wiſſenſchaften von den Syſtemen der Kultur ſowie derer von der äußeren Organilation der Gejellichaft kann dag Pro⸗ blem des Zuſammenhangs unter den auf einander folgenden Bu= ftänden ber Geſellſchaft allmälig einer Löſung näher geführt werden. — Auch find thatlählich auf diefem Weg alle exakten und fruchtbaren Geſetze gefunden worden, zu denen die Geiſteswiſſen⸗ Ichaften bisher gelangt find, wie das Grimm'ſche Geſetz in der Sprachwifſenſchaft, das Thünen'ſche in der politiichen Oekonomie, die Verallgemeinerungen über Struktur, Entwicklungsgeſchichte und Störungen ded Staatslebens jeit Ariftoteles, die Sätze welche MWindelmann, Heyne, die Schlegel über die Entwiclungsgejchichte der Fünfte gewonnen haben, das Comte'ſche Geſetz der Beziehung zwijchen der logiſchen Abhängigkeit der Willenjchaften von einander und ihrer geichichtlichen Abfolge.