Die andere Seite dieſes Problemd von dem allgemeinen Zulammendang in der geichichtlich-gejellichaftlichen Wirklichkeit, dag Studium ber Beziehungen zwildden den gleichzeitigen Thatſachen und Veränderungen, fordert ebenfalld Zer⸗— legung des compleren Thatbeftandes eines folchen status socie- tatis. Die Beziehungen von Abhängigkeit und Verwandtſchaft, wie fie zwifchen den Erſcheinungen eines Beitalterd flattfinden und in der Störung ſich Tundgeben, die bei Abänderungen in Einem Beſtandtheil des gejellichaftlicden Gejammtzuftandes in anderen auftritt, fönnen mit dem Berhältniß, welches zwiſchen den Beſtand⸗ 140 Grftes einleitended Buch.
theilen, zwijchen den Funktionen eines Organismus flattfinbet, ver⸗ glichen werden. Sie liegen dem Begriff der Kultur eines Zeitalters oder einer Epoche zu Grunde und jede kulturgeichichtliche Schilderung geht von ihnen aus. Hegel erfaßte fie höchft energiſch; ed war fein Kunſtgriff, literarische Erzeugniffe eines Zeitalters zu benußen, um auf die Geiftesverfaffung deffelben von ihnen aus ein Licht zu werfen, wie denn hierauf feine irrige Theorie von dem für den ganzen Geift eine Zeit repräfentativen Charakter philoſophiſcher Syſteme gegründet war. Die franzöfiichen und engliſchen Socio⸗ logen faflen dieſe Beziehungen in dem Begriff des Conſenſus zwiſchen gleichzeitigen gejelichaftlichen Grfcheinungen zufammen. Aber ein genauer Ausdrud für die VBerwandtichaft zwilchen den verichiedenartigen Beitandtheilen, für die Abhängigkeit des einen vom anderen jet auch bier augenjcheinlich die Unterfcheidung der einzelnen Glieder und Syſteme voraus, welche den status socie- tatis bilden; ſchon eine Ueberficht über den Charakter der Kultur in einer Epoche muß zeigen, wie in der Verjchiedenheit der Glieder und Syſteme der Geſellſchaft gleichartige Grundverhältnifie fich ala Berwandtichaft äußern.
Diefem Verhältniß, welches die Methodologie der Geiſtes⸗ wiſſenſchaften tiefer zu entwickeln haben wird, entipricht der thatſäch⸗ liche Beftand der allgemeinen Wahrheiten in der Philofo= phie der Gejhichte und ber Sociologie. Pico, Turgot, Condorcet, Herder waren in erfter Linie Univerjalgiftoriter in philoſophiſcher Abficht. Der umfaſſende Blick, durch welchen fie Wiſſenſchaften miteinander combinirten, wie Vico Jurisprudenz und Philologie, Herder Naturkunde und Geichichte, Turgot politiiche Oekonomie, Naturwiſſenſchaften und Geichichte hat der modernen Geſchichts⸗ wiſſenſchaft erft ihre Wege gebahnt. Der Name der Philoſophie der Geſchichte, ja nicht Selten dafjelbe Wert umfaßt aber mit dieſen Arbeiten, welche fruchtbare Combinationen in der Richtung einer wahren Univerjalgefchichte vollzogen, zugleich Xheorien ganz anderer Art, welche der Gemeinfchaft mit jenen Arbeiten den größten Theil ihres Anſehns verdanken. Aus dieſen Yormeln, welche den Sinn der Gejchichte außzufprechen beanspruchen, ift Das Problem des Conſenſus gleichzeitiger Thatſachen. 141 feine fruchtbare Wahrheit gefloſſen. Alles metaphyſiſcher Nebel. Bei keinem iſt er dichter als bei Comte, der den Katholicismus de Maiſtre's in das Schattenbild einer hierarchiſchen Leitung der Geſellſchaft durch die Wiſſenſchaften wandelte!). Und wo irgend aus diefen Nebeln Harere Gedanken auftauchen, da find ea Sätze über Funktion, Strultur und Entwidlungsgeichichte der einzelnen Bölker, Religionen, Staaten, Wiflenichaften, Künfte oder über Die Beziehungen zwiſchen diejen im Zufammenhang der geichichtlichen Melt. Aus diefen Säten über das Leben ber Glieder und Syſteme der Menjchheit fett fich jedes genauere Bild zuſammen, durch welches irgend eine Philoſophie ber Gefchichte ihrem ſchatten⸗ haften Grundgedanken etwas von Fleiſch und Blut giebt?).
VI.
Badiende Ansdehunng und Vervolkommunng der Einzel: Ä wiſſenſchaften.
Inzwiſchen unterwerfen ſich die Einzelwifſenſchaften bes Geiſtes immer neue Gruppen von Thatſachen, fie erhalten durch vergleichende Methode und piychologiiche Srundlegung immer mehr den Charakter allgemeiner Theorien, und wenn fie fi) der Beziehungen zu ein- ander in der Wirklichkeit immer deutlicher betvußt werden: jo muß wohl Kar werden, dab in ihrem Zuſammenhang allmälig die⸗ jenigen unter den Problemen der Sociologie, der Philofophie des Geiftes oder der Geſchichte einer Löſung ſich nähern, bie einer folgen überhaupt zugänglich find.
Wir ſahen, wie dieſe Einzelwifienichaften aus dem Totalzu⸗ 1) Comte, phil. pos. 4, 683 ff.
2) Beſonders beutlid in Schleiermachers fo großartiger Ethik, da bier das „Handeln ber Vernunft auf die Natur, auf ber Baſis ihres In⸗ ander, wie es alö ein begrifflih Mannichfaltiges conftruirt wird" (8 75), erſt feinen Inhalt durch bie Beziehung auf die Gufteme, melde das Beben ber Geſellſchaft bilden, und die Ergebnifie ber Einzelwifienichaften über fie empfängt.
142 Erftes einleitendes Buch.
fammenhang durch einen Vorgang von Analyfis und Abftraktion ausgeſondert worden find. Nur in der Beziehung auf die Wirk- Iichfeit, in der ihre abftraften Süße enthalten find, liegt ihre Wahrheit. Nur indem dieſe Beziehung in ihre Säbe mit aufge- nommen wird, gelten diejelben von diefer Wirklichkeit. In ber Los⸗ löſung von dieſem Zuſammenhang entiprangen die verhängniß- vollen Irrthümer, welche ala abftraftes Naturrecht, abftrakte poli- tiiche Delonomie, ald Syftem der natürlichen Religion, kurz ala das natürliche Syſtem des 17. und 18. Jahrhunderts die Wiſſen⸗ ſchaften verdorben und die Sefellichaft geichädigt haben. Indem die Einzelwiflenichaften von einem erfenntnißtheoretiichen Bewußtſein aus die Stellung ihrer Sätze zu der Wirklichkeit, auß der fie ab- ftrabirt find, fefthalten, erhalten dieſe Sätze, wie abftraft fie auch jeien, da8 Maß ihrer Geltung an der Wirklichleit. — Wir fahen aber ferner, daß una feine Erkenntniß des concreten Totalzufammen- hangs der gejchichtlich-gejellichaftlichen Wirklichkeit vergönnt ift, ala welche durch Zergliederung deflelben in Einzelzuſammenhänge, jo- nach vermittelft dieſer Einzelwiſſenſchaften erreicht wird. In letzter Inſtanz ift unfre Erfenntniß dieſes Zuſammenhangs nur ein ſich ganz Klar⸗, ganz Bewußtmachen des logiſchen Zufammen- hangs, in welchen die Einzelwiflenichaften ihn befiten oder ihn zu erkennen geftatten. Dagegen müflen die ilolirten Einzelwifjen- Ichaften des Geiftes der todten Abftraftion verfallen; die iſolirte Philoſophie des Geiftes ift ein Geſpenſt; die Sonderung der philo- ſophiſchen Betrachtungsweiſe der gejchichtlich-gejelichaftlichen Wirk⸗ lichkeit von der poſitiven iſt die verderbliche Erbſchaft der Metaphyſik.
Die Entwicklung der Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes zeigt einen Fortſchritt, welcher hiermit in Uebereinſtimmung iſt. Un- befangene, von den Abftraftionen vergangener Tage freie Analyjen einzelner Geftaltungen aus dem Gebiet der äußeren Organijation der Gejellichaft oder der Syſteme der Kultur, wie wir jeit Toque⸗ ville's glorreichen Arbeiten deren eine ganze Anzahl erhalten haben, legen den inneren Zuſammenhang von geichichtlichen Ge⸗ bilden bloß. Das Verfahren der Bergleichung Hat in der Sprach⸗ wiflenichaft jeine Probe beftanden, Hat fich fiegreich auf die Mytho⸗ Machiende Ausdehnung u. Vervollkommnung b. Geiſteswiſſenſchaft. 143 Iogie ausgedehnt, und es veripricht, allmälig allen Einzelwiſſen- ichaften des Geiſtes den Charakter von wirklichen Theorien zu geben. Der Zufammenbang mit der Anthropologie wird von feinem der pofitiven Forſcher mehr vernadhläffigt.
Die Willenichaften der Syfteme der Kultur und der äußeren Organifation der Gejellichaft ftehen aber mit der Anthropologie hauptſächlich durch jene pſychiſchen und pſychophyſiſchen Thatjachen in Verbindung, welche ich als ſolche zweiter Ordnung bezeichnet habe. Die. Analyſis dieſer Thatſachen, welche in der MWechiel- wirkung der Individuen in der Gejellichaft fich bilden und keines⸗ wegs in die der Anthropologie völlig auflöglich find, bedingt in einem erheblichen Grade die theoretiiche Strenge der Einzelwiflen- Ichaften, denen fie zu Grunde liegen. Die Thatfachen von Bebürfniß, Arbeit, Herrichaft, Befriedigung find pſychophyſiſcher Natur; fie find Beftandtbeile der Grundlagen der politiſchen Delonomie, der Stantd- und Rechtswiſſenſchaft, und ihre Bergliederung geftattet, fozufagen in die Mechanit der Gejellichaft einzudringen. Man fönnte fich eine allgemeine Betrachtungsweiſe denken, gewifjermaßen eine Pſychophyſik der Gejellichaft, welche die Beziehungen zwiſchen der Vertheilung der veränderlichen Gelammtmafje des pigchilchen - Leben? auf der Erdoberfläche und der Vertheilung derjenigen Kräfte zum Gegenftande hätte, die in der Natur bereit liegen, in den Dienft diefer Gefammtmafje gebracht find und durch deren Leiftungen dieje Schließlich ihre Bedürfniſſe befriedigt. Andere wichtige pfychiſche Thatjachen liegen den Syftemen der höheren geiftigen Kultur zu Grunde, jo die Thatfache der Uebertragung und der in ihr fich vollziehenden Umbildung. In der Uebertragung verbleibt ein Zu⸗ fand in A während er auf B übergeht; hierauf gründen fich Die quantitativen Beziehungen in jedem Syſtem einer geiftigen Be- wegung. Geht man davon aus, daß in der Willenjchaft eine vollftändige Webertragbarfeit der Begriffe und Säbe von dem Denker der fie aufgefunden auf den defien Fafſungskraft der Auf- gabe ihres Verſtändniſſes angemefjen ift übergeht: jo entfteht das interefjante Problem, die Urjachen ber Störungen zu erforſchen, 144 Erſtes einleitendes Buch.
welche einen jolcden regelmäßigen Fortgang in der Gejchichte bes Wiſſens verhindert haben.
Es giebt innerhalb der geichichtlihen Welt, die ja, dem Meere glei), immer in Wellen bewegt ift, neben den dauernden Thatbeftänden, welche, Theilinhalte der pſychophyfiſchen Wechſel⸗ wirkung wie fie find, ald Religionen, Staaten, Künfte dauernde Gebilde darftellen und ala jolche von den Einzelwiflenichaften des Geiſtes erforfcht werden, auch umfangreiche und in fih zujammen- bängende Vorgänge von einer mehr vorübergefenden Art, die innerhalb der gejchichtlichen Wechſelwirkung auftreten, wachjen und. fi ausbreiten, um dann bald wieder zu verichwinden. Revolu⸗ tionen, Epochen, Bewegungen: das find Namen für dieſe geichicht- lichen Phänomene, twelche weit ſchwerer faßbar find als die dauern⸗ den Geftaltungen, welche die äußere Organijation der Geſellſchaft oder die Syiteme der Kultur bervorbringen. Schon Ariftoteles bat den NRevolutionen eine fcharffinnige Unterſuchung gewidmet. 63 find aber beſonders die geiftigen Bervegungen, welche mit der Beit einer jehr exakten Behandlung zugänglich werden müſſen, da fie quantitative Beftimmungen geftatten. Bon der Epoche der Gejchichte ab, in welcher ber Bücherdrud auftritt und eine Hinlängliche Beweg⸗ lichkeit erlangt hat, find wir durch Anwendung der ftatiftifchen Methode auf den Beſtand der Bibliotheken im Stande, die In⸗ tenfität geiftiger Bewegungen, die Bertheilung des Intereſſes in einem beftimmten Zeitpunkt der Geſellſchaft zu meflen; jo werden wir in Stand gefeßt, den ganzen Vorgang, von den Bedingungen eines Kulturkreiſes ab, dem Grad von Spannung und Intereſſe in ihm, durch die erften taftenden Verſuche, biß zu einer genialen Schöpfung vorftellig zu machen. Die Darftellung der Ergebnifie einer ſolchen Statiftit wirb durch graphiſche Darftellung ſehr an Anſchaulichkeit gewinnen.
Ep wird die poſitive Wiſſenſchaft auch die mehr vorüber⸗ gehenden Zufammenhänge inmitten der allgemeinen Wechſelwirkung ber Individuen in der Gelellichaft der theoretiichen Behandlung zu unterwerfen bemüht jein. Doch wir find an der Grenze an⸗ gelangt, an welcher dad Erreichte zu künftigen Aufgaben binüber- leitet — von der aus wir zu fernen Küften binliberbliden.
Nothwendigkeit der erfenntnigtheoretifchen Grunblegung. 145 XIX.
Bie JUothwendigkeit einer erkenntnißtheoretifhen Grundlegung für die Einzelwiſſenſchaften des Geiſtes.
Alle Fäden der bisherigen Erwägungen laufen in der folgen den Einficht zufammen. Das Erkennen der geichichtlich-gejellichnfte lihen Wirklichkeit vollzieht fih in den @inzelmifienichaften des Geiſtes. Diefe aber bedürfen ein Bewußtſein über das Verhält⸗ niß ihrer Wahrbeiten zu der Wirklichkeit, deren Theilinhalte fie find, jowie zu den anderen Wahrheiten, die gleich ihnen aus dieſer Wirklichkeit abjtrahirt find, und nur ein jolches Bewußtſein kann ihren Begriffen die volle Klarheit, ihren Säten die volle Evidenz gewähren.
Aus diefen Prämiſſen ergiebt fich die Aufgabe, eine er⸗ fenntnißtheoretifhe ®rundlegung der Geiſteswiſſen— haften zu entwickeln, aladann das in einer jolchen gejchaffene Hilfämittel zu gebrauchen, um den inneren Zuſammenhang der Einzelwiſſenſchaften des Geiftes, die Grenzen, innerhalb deren ein Erkennen in ihnen möglich ift, jowie das Verhältnik ihrer Wahr» beiten zu einander zu beftimmen. Die Löjung diefer Aufgabe fünnte ala Kritik der hiſtoriſchen Vernunft d. 5. des Vermögens des Menſchen, fich jelber und die von ihm gejchaffene Gejellichaft und Geichichte zu erkennen, bezeichnet twerden.
Eine ſolche Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften muß fich, wenn fie ihr Ziel erreichen will, in zwei Punkten von den bis⸗ herigen Arbeiten verwandter Art unterfcheiden. Sie verknüpft Erkenntnißtheorie und Vogik mit einander und bereitet jo die Löfung der Aufgabe vor, welche im Schulbetrieb ala Encyklopädie und Methodologie bezeichnet wird. Aber fie ſchränkt andrerjeit3 ihr Problem auf da8 Gebiet der Geijted- wiſſenſchaften ein.
Die Sogiklala Methodenlehre zu geftalten, ift die gemein⸗ fame Richtung aller hervorragenden logiſchen Arbeiten unſeres Jahr⸗ Dilthey, Einleitung.
146 Erſtes einleitendes Bud).
hundert. Aber dad Problem der Methodenlehre empfängt durch den Zufammenhang, in welchem e3 in ber neueren deutſchen Philo- ſophie auftritt, eine bejondere Form. Diefe Yorm der Aufgabe ift in dem ganzen Zuſammenhang unferer Philoſophie objektiv ange⸗ legt und muß jede Methodenlehre, die unter una auftritt, unter fcheiden von den Arbeiten eines Stuart Mill, Whewell oder Jevons.
Die Analyfi3 der Bedingungen des Bewußtſeins hat die un⸗ mittelbare Gewißheit der Außenivelt, die objektive Wahrheit der Wahmehmung, alsdann der Sätze, welche die Eigenjchaften des Räumlichen ausdrüden, jowie der Begriffe von Subitanz und Ur⸗ fache, welche die Natur des Wirklichen ausſprechen, aufgelöft, und zwar twurde fie theils getragen, theils beftätigt durch die Er- gebniiffe der Phyſik und Phyſiologie: jo entfteht Die Aufgabe, die einzelnen Wifjenichaften mit diefem kritiſchen Bewußtſein zu er- füllen. Den Anforderungen an Evidenz, in welchen die pofitiven Wiſſenſchaften der früheren Zeit zufammentrafen mit der formalen Logik jener Tage, wurde genuggethan, indem die im Bewußtſein ala unmittelbar gewiß auftretenden Thatfachen und Sätze unter die Geſetze des diskurfiven Denken? geftellt wurden. Nunmehr aber, vom Fritiichen Standpunkte aus, find an die Geitaltung eines feiner Sicherheit Klar bervußten Denkzuſammenhangs inner⸗ halb der einzelnen Wiſſenſchaften andere Anforderungen zu ftellen. Hieraus entipringt für die Logik die Aufgabe, dieſe Anforderungen zu entwideln, wie fie der kritiiche Standpunkt an die Geftaltung eines feiner Sicherheit Kar bewußten Denkzuſammenhangs innerhalb der einzelnen Wiflenichaften machen muß.
Eine Logik, welche diefe Anforderungen erfüllt, bildet dag Mittelglied zwiichen dem Standpunkt, welchen die kritiiche Philo- ſophie errungen bat, und den fundamentalen Begriffen und Sätzen der einzelnen Willenjchaften. Denn die Regeln, welche dieſe Logik entwirft, wollen die Sicherheit von Sätzen der Einzelwiſſenſchaften durch einen Zuſammenhang gewährleiften, welcher auf die Elemente gegründet ijt, bis zu denen die Analyfis des Bewußtſeins die Sicherheit des Willen? zurückführt. Es ift auch Bier die nicht aufzuhaltende Bervegung in der Wiſſenſchaft unferes Jahrhunderts, Sie fol Erkenntnißtheorie und Logik verknüpfen. 147 die Grenzen niederzureißen, welche ein eingejchränkter Fachbetrieb zwiſchen der Philojophie und den Einzelwiljenichaften errichtet Hat.
Den Anforderungen des Tritiichen Bewußtſeins vermag aber die Logik nur zu entiprechen, indem fie ihr Gebiet über die Ana⸗ lyſis des diskurſiven Denkens hinaus erweitert. Die formale Logif ſchränkt fich auf die Geſetze des diskurfiven Denkens ein, welche aus dem Ueberzeugungsgefühl abftrahirt werden konnten, dag unſer im Bemwußtjein verlaufende Urtheilen und Schließen begleitet. Dieje Logik Dagegen, welche die Konſequenz des kritiſchen Stand⸗ punktes zieht, nimmt die von Sant als transcendentale Aefthetif und Analytik bezeichneten Unterſuchungen in fich auf, d. h. den Zuſammenhang der dem diskurfiven Denken zu Grunde liegenden Vorgänge; fie dringt alfo rüdwärt? in die Natur und den Er⸗ lenntnißwerth von Prozeſſen ein, deren Ergebnifle unfere früheſte Erinnerung ſchon vorfindet. Und zwar kann fie dem jo ent- ftehenden, den inneren und äußeren Wahrnehmungsvorgang ſowie das diskurſive Denken umfaflenden Zuſammenhang ein Prinzip der Aequivalenz zu Grunde legen, welchem gemäß die Leiſtung, durch welche der Wahrnehmungsvorgang über das ihm Gegebene hinausgeht, dem diskurfiven Denken gleichiwertbig iſt. In der Richtung einer ſolchen Erweiterung der Logik Liegt der von Helm= holtz entworfene tiefe Begriff der unbewußten Schlüſſe ). Dieje Er: weiterung muß aladann auf die Formeln zurüchvirken, in welchen die Beitandtheile und Normen des diskurſiven Denken? dargeftellt werden. Das logiſche deal felber ändert fi. Sigwart bat von diefem Standpunft aus die Formeln der Logik umgebildet und jo eine Methodenlehre unter kritiſchem Geſichtspunkt begründet 2). Nachdem einmal dag Tritiiche Bewußtſein da ift, kann ed unmöglich eine Evidenz erfter und zweiter Klafſe oder Wiſſende erfter und zweiter Nangordnung geben; nur derjenige Begriff ift nunmehr volllommen in logischer Rüdficht, welcher ein 1) Bol. die legte Fafſung, Thatſachen in der Wahrnehmung (1879) ©. 27. 2) 1873 im exften Band feiner Logik, dem dann 1878 im zweiten bie Methodenlehre folgte.
% 148 Erſtes einleitendes Bud.
Bewußtſein feiner Provenienz in ſich enthält; nur derjenige Satz befist Sicherheit, beffen Begründung in ein unanfechtbares Willen zurückreicht. Die logiſchen Anforderungen an den Begriff find vom kritiſchen Standpunkt aus erft dann erfüllt, wenn im Zus ſammenhang ber Erkenntniß, in welchem er auftritt, ein Bewußt⸗ fein des Erlenntnißvorganges ſelber, durch den er gebildet wird, vorhanden, und ihm durch diejes ſein Ort in dem Syſtem der Zeichen, welche ſich auf die Wirklichkeit beziehen, eindeutig beitimmt ift. Den logifchen Anforderungen an ein Urtheil ift erft dann entiprochen, wenn dad Bewußtſein feines logiſchen Grundes in dem Zufammenhang der Erkenntniß, in welchem es auftritt, die erfermtnißtheoretiiche Klarheit über Gültigkeit und Tragweite de ganzen Zuſammenhangs piychiicher Akte einjchließt, welche diejen Grund ausmachen. Daher führen die Anforderungen der Logik an Begriffe und Sätze bis in das Hauptproblem aller Erkenntnißtheorie zurüd: Natur des unmittelbaren Willen? um die Thatjachen des Bewußtſeins und Verhältniß deffelben zu dem nad) dem Sabe vom Grunde fortjchreitenden Erkennen.
Diefe Ermeiterung de Geſichtskreiſes der Logik iſt in Nebereinftimmung mit ber Richtung der pofitiven Wiflenjchaften jelber. Indem das naturwiſſenſchaftliche Denken über die natür- liche Beziehung unjerer Empfindungen auf Einzeldinge in Raum und Zeit Hinaußgeht, findet es fich überall auf die genaue DBe- ſtimmung dieſer Empfindungen felber zurückgeführt, jonach auf die Beftimmung ihrer Abfolge nach einem allgemeingültigen Zeitmaß, auf allgemeingültige Orts- und Größenbeftimmungen ſowie Elimi- nirung ber Beobachtungsfehler, kurz auf Methoden, durch welche Die Bildung der Wahrnehmungaurtheile ſelber zu logiſcher Vollkommen⸗ heit geführt werben kann. In Bezug auf die Geifteawifjenichaften aber zeigte fich und, daß pfychiſche und pfychophyſiſche Thatſachen die Grundlage ber Theorie nicht nur vom Individuum, Jondern ebenfo von ben Syitemen der Kultur ſowie von der Äußeren Or- ganiſation der Gejellichaft bilden, und daß biejelben der hiſtoriſchen Anſchauung und Analyfis in jedem ihrer Stadien zu Grunde liegen. Daher bie erfenntnißtheoretiiche Unterfuchung über die Art, Unb ihr Problem a. d. Grunblegung d. Geifteswiffenfchaften einfchränfen. 140 wie fie und gegeben find, und die Evidenz, die ihnen zulommt, allein wirkliche Meihodenlehre der Geiftestwifjenichaften begründen Tann.
So tritt zwiſchen die erfenntnißtheoretiiche Grundlegung und bie Einzelwiflenichaften die Logik als Mittelglied; damit entſteht derjenige innere Zuſammenhang der modernen Wifjen- ſchaſt, welcher an die Stelle des alten metaphyſiſchen Zuſammen⸗ hangs unferer Erfenntniß treten muß.
Die ziveite Eigenthümlichkeit in Beftimmung der Aufgabe diefer Einleitung liegt in der Einſchränkung derielben auf die Grundlegung der Geiſteswiſſenſchaften. — Wären bie Bedingungen, unter denen das Erkennen der Natur fteht, in bemjelben Sinn grundlegend für den Aufbau der Geifteswifien- fchaften, wären alle- Berfahrungdweilen, vermittelft deren unter dieſen Bedingungen Naturerfennen erreicht wird, auf dad Studium des Geiftes anwendbar, und zwar feine als fie, wäre endlich die Art von Abhängigkeit der Wahrheiten von einander ſowie von Beziehung der Willenfchaften aufeinander diefelbe hier wie dort: alsdann wäre die Sonderung der Grundlegung ber Geiftes- wiflenichaften von der für die Wiffenfchaften der Natur ohne Nuten. — In Wirklichkeit find gerade die am meiften umftrittenen von ben Bedingungen, unter denen naturwifienjchaftliches Erkennen fteht, nämlich räumliche Anordnung und die Bewegung in der Außenwelt, auf die Evidenz der Geifteswiflenichaften ohne Ein⸗ fluß, da*) die bloße Thatſache, daß ſolche Phänomene beftehen und Zeichen eined Nealen find, für die Konſtruktion ihrer Säße außreicht. Tritt man alfo auf diefe engere Grundlage, fo eröffnet fih die Möglichkeit, für den Zuſammenhang ber Wahrheiten in den Wiſſenſchaften vom Menſchen, der Gefellichaft und Gejchichte eine Sicherheit zu gewinnen, zu welcher die Naturwiſſenſchaften, fofern fie mehr ala Beichreibung von Phänomenen fein wollen, niemals gelangen Türmen. — In Wirklichkeit find ferner die Ver⸗ fahrungsweiſen der Geiftestwifienichaften, ala in denen ihr Objelt 150 Erſtes einleitended Bud).
verftanden ift, noch bevor es erlannt wird!), und zwar in der Totalität des Gemüthes 2), jehr verichieden von denen der Natur⸗ willenichaften 9). Und man braudht nur die Stellung zu erwägen, welche bier die Auffaffung der Thatjache ala ſolcher hat 9, als⸗ dann ihr Hindurchgehen durch verjchiedene Grade von Bearbeitung unter dem Einfluß der Analyſis 5), um die ganz andere Struktur des Zuſammenhangs in diefen Wiflenichaften zu erkennen. — Endlich jtehen hier Thatjache, Gele, Werthgefühl und Regel in einem inneren Zuſammenhang, welcher innerhalb der Naturwiſſen⸗ ſchaften jo nicht ftattfindet. Dieſer Zufammenhang kann nur in der Selbftbefinnung erfannt werden ®), und jo Hat Diejelbe auch hier ein beſonderes Problem der Geifteawiflenichaften zu löfen, welches, wie wir ſahen, auf dem metaphyſiſchen Standpunfte der Philofophie der Geichichte feine Auflöfung nicht fand.
Daher eine folche abgelonderte Behandlung die wahre Natur der Geifteswillenichaften für ſich Heraustreten läßt und jo viel« leicht dazu beiträgt, die Feſſeln zu brechen, in denen die ältere und flärkere Schweiter dieſe jüngere gehalten hat, von der Zeit ab in welcher Descartes, Spinoza und Hobbes ihre an Mathematik und Naturwiſſenſchaften gereiften Methoden auf dieſe zurücgeblie benen Wiſſenſchaften übertrugen.
Zweites Bud).
Metaphyſik al8 Grundlage der Geiſteswiſſenſchaften. Ihre Herrſchaft und ihre Berfalt.
Söttinnen thronen hehr in Einſamkeit, Um fie fein Ort, noch wen’ger eine Zeit; Bon ihnen ſprechen ift Verlegenheit. Fauſt: Wohin ber Weg? Kein Weg: Ins Unbetretene, - Richt zu Betretende. Goethe.
Erſter Abſchnitt. Bas mythilce Vorſtellen und die Entftehnng der Miſſenſthaft in Enropn.
Erites Kapitel. Die aus dem Ergebnik dei erften Buchs entipringende Aufgabe.
Das erfte einleitende Buch Hat zunächft das Objekt dieſes Werkes in einem Ueberblick dargeftellt: die geichichtlich-gejellichaft- liche Wirklichkeit, in dem Zuſammenhang, in welchem fie innerhalb der natürlichen Gliederung des Menſchengeſchlechts aus Individual: einheiten fich aufbaut, fowie die Wiſſenſchaften von dieſer Wirk⸗ lichkeit d. h. die Geifteswiflenjchaften, in der Sonderung und den inneren Beziehungen, in welchen fie aus dem Ringen des Erkennens mit diejer Wirklichkeit entftanden find: damit der in dieſe Ein- leitung Cintretende zuvörderſt das Objekt jelber in feiner Realität gewahr werde.
Dies war durch den leitenden wiſſenſchaftlichen Gedanken des vorliegenden Wertes geboten. Denn in demjelben ift jede von den bisherigen Ergebniſſen des philofophilchen Nachdenkens abweichende Erkenntniß ein Ausfluß des Einen Grundgedankens, die Philo- fopbie jei zunächſt eine Anleitung, die Realität, die Wirklichkeit in reiner Erfahrung zu erjaflen und in den Grenzen, welche die Kritik des Erkennens vorjchreibt, zu zergliedern. Dem mit den Geiſteswiffen⸗ Ichaften Beichäftigten will bafjelbe fonach gleichſam die Organe für die Erfahrung der gefchichtlichegejellichaftlichen Welt ausbilden. Denn dies ift die gewaltige Seele der gegenwärtigen Wiſſenſchaſt: 154 Zweites Buch. Erſter Abſchnitt.
ein unerfättliches Verlangen nach Realität, welches fi), nachdem es die Naturwiſſenſchaften umgeftaltet hat, nunmehr der geichicht- lichegejellichaftlicden Welt bemächtigen will, um, wenn möglid,, da3 Ganze der Welt zu umfaflen und die Mittel zu gewinnen, in den Gang der menschlichen Geſellſchaft einzugreifen.
Diele ganze, volle, unverftümmelte Erfahrung ift aber bisher noch niemals dem Philojophiren zu Grunde gelegt worden., Viel⸗ mehr ift der Empirismus nicht minder abſtrakt, ala die Spekulation. Der Menſch, welchen einflußreiche empiriftiiche Schulen aus Empfindungen und Borftellungen, wie aus Atomen, zujammen- jegen, fteht mit der inneren Erfahrung, aus deren Elementen doch die Vorftellung vom Menſchen gewonnen ift, in Widerjprud: diefe Maſchine hätte nicht für Einen Tag die Fähigkeit fich in der Welt zu erhalten. Der Zujammenhang der Gejellichaft, welcher aus dieſer empiriftilchen Auffaffung gefolgert wird, ift nicht minder, als der, den die fpefulativen Schulen aufgeftellt haben, eine von abftraften Elementen aus entworfene Konftruftion. Die wirkliche Gelellichaft ift weder ein Mechanismus noch, wie andere fie vor⸗ nehmer vorftellen, ein Organismus. Nur zwei verjchiedene Seiten defielben Standpunktes der Erfahrung find die den ftrengen An= forderungen der Wiffenichaft entiprecjende Analyſis der Wirklich⸗ feit und das Anerfenntniß der über diefe Analyfia Hinaußreichenden Realität der Wirklichleit. „Im Betrachten wie im Handeln“, be= merkt Goethe, „iit dad Zugänglicde von dem Unzugänglichen zu unterjcheiden, ohne dies läßt fich im Leben wie in der Willen- ſchaft wenig leiſten.“ Im Gegenſatz gegen den herrſchenden Empirismus wie gegen die Spekulation mußte alſo zunächſt die geſchichtlich⸗geſellſchaftliche Wirklichkeit in ihrer vollen Realität fichtbar gemacht werden; auf diefe Wirklichkeit beziehen fich alle folgenden Unterfuhungen. Im Gegenfab gegen die Entwürfe einer den ganzen Zujammenbang diejer Wirklichkeit umfpannenden Wiſſenſchaft mußte das Ineinander⸗ greifen der Leiftungen der geichichtlich getvordenen, fruchtbaren Einzelwiffenichaften gezeigt werden; in ihnen vollzieht ſich der große Prozeß einer zwar relativen, aber fortichreitenden Erkenni⸗ Aufgabe der folgenden Grundlegung. 155 niß des gefjellfchaftlichen Lebens. Und da wir ben Leſer mit den Einzelwiſſenſchaften beichäftigt oder in der mit ihnen verknüpften Technik des Berufslebens thätig vorfinden, jo mußte, im Gegenſatz gegen dieſe DVereinzelung, die Nothmwendigkeit einer grundlegenden Wiſſenſchaft nachgewieſen werden, welche Die Beziehungen der Einzel- wifienichaften zu dem fortfchreitenden Erkenntnißvorgang entwickelt; in eine ſolche Grundlegung führen alle Geiſteswiſſenſchaften zurück.