SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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heit, ungejondert von den Heinafiatilchen Griechen, in intimer Wechſelwirkung mit den umgebenden Kulturländern, ſechs Jahr⸗ hunderte v. Chr. im Uebergang zu dem Stadium der Wiflenjchaft vom Kosmos jowie der Metaphufif an. Dieſelben entftanden alfo in Europa in einer feitftellbaren, ja in ihrem Charakter der For⸗ hung zugänglichen Beit, nachdem das mythiſche Vorſtellen eine unabjehbare Zeit hindurch, welche ſich in gänzliches Dunkel ver- liert, geherrjcht Hatte. Dieſe lange und dunkle Epoche empfängt nur in ihrem lebten Stadium ein Direkte Licht durch erhaltene dichteriiche Werke und durch Ueberlieferungen, welche eine theil- weile Rekonſtruktion der verlorenen geftatten. Was in ihr dieſen Dentmälern voraußliegt, ift einer vergleichenden Kulturgeſchichte allein zugängli. Und zwar kann diefe wol für die indogermanifchen Böller an der Hand der Sprache Etappen ihrer äußeren Lage, der fteigenden äußeren Givilifation, ja vielleicht der Entwidlung der Vorſtellungen erichließen; fie fann an der Hand der ver« gleichenden Mythologie die Metamorphofen von indogermaniichen Grundmythen aufzeigen, Grundzüge der äußeren Organifation umd des Rechtes errathen. Aber das Innere der Menjchen jelber in jenem Zeitraum, welchen man im Unterjchied von dem prähiftorifchen den prälitterariichen nennen könnte, d. 5. einem Zeitraum, in welchem dichterifche Werke Hinter und zurückbleiben, entzieht fich einer Hifto- riſchen Wiederherftellung. Wenn Lubbod zu erſchließen verfucht, daß alle Völker ein Stadium des Atheismus d. h. der volljtändigen Ab- wejenheit jeder Art von religiöfer VBorftellung durchlaufen Haben,?) oder Herbert Spencer, dat aus Ideen von den Todten alle Reli- gion erwachſen jei?): jo find dies die Orgien eines die Grenzen des Erkennens mißachtenden Empirismus. An den Grenzpunkten der Geſchichte kann man eben auch nur dichten, wie an jedem andern Grenzpunkt der Erfahrung Wir ſchränken uns alſo zu⸗ nächſt auf den Zeitraum ein, innerhalb defſen litterariſche Denkmale das innere des Menjchen erbliden laſſen.

1) Lubbod, Entjtehung der Eiviltfation. Deutſche Ausg. 1875. S. 172 vergl. 170. 2) Spencer, Syitem der Philofophie, Bd. VI, zuiammengefaßt ©. 504 ff.

Untericheidung der Religion vom mythiſchen Borftellen. 169 Inden wir Dieje Grenzen des hHiftoriichen Erkennen? ein- halten, ift ung innerhalb ihrer zunächft durch das Verhältniß von Nebeneinanderbeftehen und Aufeinanderfolge der großen Thatjachen des geiftigen Lebens eine Unterſcheidung von Mythos und Religion gegeben. Der Mangel derjelben ift der erfte Grund der Tehlerhaftigleit des Comte'ſchen Geſetzes. Das religiöfe Erlebniß fteht zu dem Mythos und der Theologie, der Metaphyſik und der Selbftbefinnung in einem viel vertidelteren Verhältniß, als Comte angenommen bat. Hievon überzeugt ung die Betrachtung des gegen- wärtigen geiftigen Zuftandes; mußte doch Comte an Jeinem eignen Syſtem im 19. Jahrhundert die Erfahrung machen, daß bafjelbe über die zweite Stufe der Metaphyſik in den Geifteäwillenjchaften nicht hinauskam, ſchließlich aber durch eine Art von wiffenichaft= lichem Atavigmus auf die erfte, die theologifche Stufe zurüdianf. Deutlicher noch ſpricht die Gefchichte gegen Comte. Der Zeitraum der Alleinherrichaft mythiſchen Vorftellend ging bei den griechiichen Stämmen vorüber; aber das religiöfe Leben blieb und fuhr fort wirffam zu fein. Die Wiſſenſchaft erwachte langſam; das my— thiſche Vorſtellen beſtand neben ihr fort, und, wo das religiöſe Leben den herrſchenden Mittelpunkt der Intereſſen bildete, bediente ed fich mancher von der Wiſſenſchaft entwickelter Sätze. Ja jetzt geſchah es, daß das religiöſe Leben in tief von ihm bewegten Naturen, wie Xenophanes, Heraklit, Parmenides waren, an dem metaphyfiſchen Denken eine neue Sprache fand. Es überlebte aber auch dieſe Art ſeines Ausdrucks. Denn auch die Meta⸗ phyſik iſt vergänglich, und die Selbſtbeſinnung, welche die Me— taphyſik auflöſt, findet in ihrer Tiefe abermals — das religiöſe Erlebniß.

So zeigt das empiriſche Verhältniß von Zuſammenbeſtehen und Aufeinanderfolge der großen Thatſachen, die in der Geſchichte der Intelligenz verwebt ſind: das religiöſe Leben iſt ein Thatbeſtand, welcher gleicherweiſe mit dem mythiſchen Vorſtellen wie mit der Metaphyſik und mit der Selbſt— beſinnung verbunden iſt. Daſſelbe muß, wie eng auch die Art feiner Verbindung mit dieſen letzteren Erſcheinungen ſein.mag, 170 Zweites Buch. Erfter Abichnitt. | von denjelben ala ein Thatbeſtand viel umfafjenderer Verbreitung abgefondert twerden. Und zwar findet fi) nicht nur in bem- jelben Zeitalter, fondern in demfelben Sopf, ohne Widerfpruch, religiöjeg Leben, mythiſches Vorftellen und metaphyfiſches Denken vereinigt; dies war bei vielen griechiſchen Denkern ber Fall; mit grandiofem Ernft ringen ein Heraklit, Parmenides und Plato, die Mythenſprache ihrer Gedankenwelt gemäß zu geftalten. 63 findet fich in demjelben Kopf mit der Metaphyfik auch Theo» logie und religiöjes Erleben verbunden, dies war bei vielen mittel- alterlicden Denlern der Yal. Nur kann nicht diefelbe Thatjache zugleich mythiſch vorgeftellt und gedankenmäßig erklärt werben. Diefe Verhältniſſe ſondern noch deutlicher religiöſes Leben von mythiſchem Borftellen.

Für den vorliegenden Zwed einer erfahrungsmäßigen Dar- legung würde eine Beitimmung des Begriffs von religiöfem Leben und leicht dem Verdacht einer Konſtruktion ausſetzen: es genügt, den vorhandenen Thatbeftand defjelben zu umſchreiben und zu bezeihnen. Das Vorhandenſein von Erlebniß, von innerer Erfahrung überhaupt kann nicht geleugnet werden. Denn dieſes unmittelbare Wiflen ift der Erfahrungginhalt, defien Analyjis aladann Kenntniß und Wiflenjchaft der geiftigen Welt if. Diele Wiſſenſchaft beftünde nicht, wenn innere Er⸗ lebniß, innere Erfahrung nicht vorhanden wären. Nun find Er⸗ fahrungen folcher Art die Freiheit des Menjchen, Gewiſſen und Schuld, aladann der alle Gebiete des inneren Lebens burchziehende Gegenjat des Unvolltommenen und Volllommenen, des Vergäng- lichen und Ewigen jowie die Sehnſucht des Menſchen nach dem legteren. Und zwar find dieſe inneren Erfahrungen Beitandtheile de3 religiöjen Lebens. Dafielbe umfaßt aber zugleich dag Bewußt⸗ jein einer unbedingten Abhängigfeit des Subjekts. Schleiermacher bat den Urſprung dieſes Bewußtjeing im Erlebniß aufgezeigt. Neuerdings bat Mar Müller diefer Theorie eine feftere eınpiriiche Grundlage zu geben verſucht. „Wenn ed uns zu kühn klingt, zu jagen, daß der Menjch wirklich das Unfichtbare fieht, jo jagen wir, daß er den Drud des Unfichtbaren merkt, und dieſes Unfichtbare ift eben Der Thatbeftand des religidfen Lebens. 171 nur ein bejonderer Name für das Unendliche, mit dem der Natur⸗ menfch fo feine erſte Yühlung gewinnt.“!) Und jo führt die Be trachtung religiöfer Gemiüthazuftände überall auf die Verwebung der Erfahrung von Abhängigkeit mit der eines höheren und von der Natur unabhängigen Lebens zurüd.

Das Mertmal des religidjen Lebens ift, dab es fich Eraft einer anderen Art von Weberzeugung behauptet, als die wiflenfchaftliche Evidenz if. Der religiöfe Glaube verweiſt allen Angriffen gegenüber auf die inmere Erfahrung, auf das, was ba Gemüth noch gegenwärtig in fi) erleben kann, und dag, was ihm geichichtlich widerfahren iſt. Er ift weder vom Raifonnement ge⸗ tragen noch kann er von ihm widerlegt werden. Er entipringt in der Totalität aller Gemüthakräfte, und auch nachdem der Differenzirungs- prozeß des geiftigen Lebens die Boefie, die Metaphyſik, wie die Wiſſenſchaften zu relativ jelbftändigen Formen dieſes geiftigen Lebens entwidelt Hai, bleibt das religiöfe Erlebniß in der Tiefe des Gemüths fortbeftehen und wirkt auf diefe Yormen. Denn nie wird das Erkennen, welches in den Wiflenichaften thätig ift, des urfprünglichen Erleben? Herr, dag in dem unmittelbaren Wiſſen dem Gemüth gegemvärtig if. Das Erkennen arbeitet an dieſem Erlebniß jozujagen von außen nach innen. Aber mag e3 aud) immer neue Thatſachen dem Gedanken und der Nothwendigkeit unterwerfen — und das iſt feine Funktion —: mit zäher Kraft des MWiderftandes erhalten fi) ihm gegenüber im Bewußtſein freier Wille, Zurechnung, deal, göttlicher Wille: fie bleiben ſtehen, ob fie gleich dem nothiwendigen Zuſammenhang in dem Erkennen widerjprehend find. Wol muß das Grlennen dem in ihm liegenden Gele gemäß feinen Gegenftand der Nothwendigkeit unterwerfen. Aber muß oder fann ihm darum Alles Gegenftand werden, muß oder kann Alles von ihm erlannt werben?

Die Einfiht, daB dag religiöjfe Leben der dauernde Untergrund der intelleftuellen Entwid- lung ift, nicht eine vorübergehende Phaje im Sinnen der Menjch- 1) Mar Müller, Uriprung und Entwidelung der Religion. ©. 41.

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beit, wird ſpäter durch die pfychologiſche Bergliederung vervoll- ftändigt werden. Hiſtoriſch ift dieſes Verhältniß für die be— reitd abgelaufene Entwicklung nur innerhalb eine begrenzten Zeit⸗ raums nachweisbar. Es kann nicht Hiftorifch dargethan werden, daß dag religiöfe Leben, wie wir es folchergeftalt al3 den Untergrund des geichichtlichen Leben? in Europa feftitellen können, zu jeder Zeit einen Beitandtheil der menfchlichen Natur gebildet Habe. Nur To viel ergiebt ſich auß dem bisher Entwickelten: wenn die Thatſachen und zwängen, an irgend einem Punkte der ſich rüd- wärts erftredienden Linie des geichichtlichen Verlaufs einen reli- giondlofen Zuftand (Religion in dem Sinne des uriprünglichen religiöfen Exlebniffes genommen, in welchem fie das Bewußtſein von gut und böfe und die Beziehung Hiervon auf einen Zu⸗ fammenbang, von dem der Menſch abhängig ift, bereits ent- hält) anzunehmen — was jedody nicht der Yall ift —, aladann würde diefer Punkt zugleich ein Grenzpunft des hiſtoriſchen Verſtehens fein. Wir könnten über eine ſolche Zeit wol hiſtoriſche Notizen haben, aber diejelbe läge jenfeit der Grenzen unſeres Hifto- riſchen DVerftändnifies. Denn mir verftehen nur vermittelft der Uebertragung unferer inneren Erfahrung auf eine an fich todte äußere Thatſächlichkeit. Wo nun unableitbare Beftandtheile der inneren Erfahrung, durch welche der Zuſammenhang diefer Er- fahrung in unjerem Bewußtſein erft möglich ift, in einem hiftoriihen Zuftande ala abweſend aufgefaßt werden jollen, da find wir eben an der Grenze de3 hiſtoriſchen Auffaſſens felber an- gelangt. Hiermit ift nicht außgeichloffen, daß ein ſolcher Zuftand beftanden babe. Es wäre möglich, daß Beitandtheile der inneren Erfahrung, ob fie gleich für una nicht ableitbar find, dennoc nicht primär wären, und die Erkenntnißtheorie hat eine ſolche Möglich» feit zu prüfen. Aber das ift ausgeſchloſſen, daß wir ihn verftehen und don ihm aus einen Buftand, in welchem diejer unableitbare Beitandtheil aladann auftritt, verſtändlich machen könnten; aus⸗ geichloflen alſo ift das hiſtoriſche Verſtändniß eines religionsloſen Zuſtandes und der Entſtehung des religiöſen Zuſtandes aus ihm. Hervorragende neuere empiriſtiſche Schriften über die Anfänge der Das religiöfe Leben ala beftändige Unterlage der Kultur. 173 Kultur in England und bei und verfallen daher in den folgenden Widerſpruch. Sie finden unableitbare Thatjachen der inneren Er⸗ fahrung in dem primären Zuftande der Menjchheit noch nicht vorhanden, aber fie wollen weder darauf verzichten, dieſen Zuftand hiftorifch zu verftehen, noch darauf, den folgenden aus ihm ab- zuleiten. | So meit aljo überhaupt die Verbindung nadter Fakta zu gejellichaftlicher Erfahrung reiht, gab es Heine Zeit, in welcher nicht das Individuum, wie es fich fand, ſich nur ala foribeftehend, rückwärts beftimmt, ſonach unbedingt abhängig gefunden hätte, aladann den Horizont der Welt jelber nach allen Seiten, finn- lich gejehn, urjächlich aufgefaßt, als in die Unendlichkeit zer- fließend. Es gab Feine Zeit, in welcher nicht die freie Spontaneität des Menſchen mit dem Anderen, beflen Drud ihn umgab, gerungen Hätte, und auch die mythiſchen Borftellungen haben in dem Willen ihre ſtarken Wurzeln. Steine Zeit beftand, in welcher der Menſch nicht im Gegenſatz zu feinem armen Leben Bilder von etwas Reinerem und Bolllommnerem befaß. Und 1) Den Ausgangspunkt dieſes pigchologiichen Ihatbeflandes Hat Schleiermacher auf unanfechtbare Weile feitgelegt. Dies bildet fein un⸗ vergängliches Verdienſt; er bat bie intelleftualiftiiche Begründung der Religion auf Railonnement des Berftandes, welches an ber Hanb ber Begriffe Urſache, Berftand und Zwed geht, ala jecundär aufgezeigt; er hat gezeigt, wie das Selbftbewußtfein Thatſachen enthält, welche den Anſatzpunkt alles religiöfen Leben? bilben. Dogmatit$ 36, 1. (3. Aufl.) „Wir finden una ſelbſt immer nur im Fortbeſtehen, unſer Dafein ift immer ſchon im Berlauf begriffen; mithin kann auch unfer Selbftbewußtfein, jofern wir bon allem anberen abgeiehen und nur ala endliches Sein jeben, dieſes nur in jeinem ortbeftehen repräſentiren. In dieſem aber aud) fo vollftändig — weil nämlich das fchlechthinige Abhängigkeitägefühl ein fo allgemeiner Be- ftandtbeil unſeres Selbſtbewußtſeins ift — daß wir jagen können, in welcher Art des Gefammtfeind und in welchen Zeitpunkt wir auch möchten geftellt fein, wir würden in jeder vollftändigen Befinnung und immer nur fo finden, und daß wir biejes auch immer auf das gefammte endliche Sein übers tragen." Sein Fehler lag darin, daß biefer tiefe Blid ihn nicht beftimmte, nunmehr mit der intelleftualiftiichen Metaphyſik zu brechen und der Phi» Lofophie eine feinem Ausgangspunkt entiprechenbe, piychologiiche Grundlage zu geben. So verfiel ex dem Platonismus und ber mächtigen Zeitfirömung der Raturphilofophie.

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Alles, was der Menſch wirkend fand, zeigte dem Gemüth, das Luft und Wehe empfindet, Hofft und fürchtet, dem Willen, der liebt und haßt, ein doppeltes Angefiht. Dies Alles ift Leben, nicht Ichließendes Erkennen. Sobald diefe unableitbaren Beftandtheile meines eigenen Lebens, meiner inneren Erfahrung fih mit den hiftoriichen Thatjachen, und zwar den durch fichere Schlüffe verbürgten Thatfachen, nicht mehr zu geſchichtlichem Ver⸗ ſtäändniß zufammenjchließen, bin ich an der Grenze des geichicht- lichen Verfahrens angelangt. An diefem Punkte beginnt das Reich des geichichtlich Trangfcendenten. Denn auch da8 geichichtliche Ver- fahren Hat eine innere, im Bewußtſeinsvorgang ſelber Tiegende und darum unverrüdbare Grenze, fo gut, ala die naturwifſſenſchaft⸗ liche Erkenntniß eine ſolche hat. Da e8 in dem gegenwärtigen Be- wußtjein vermittelft der gejchichtlichen Yalten die Schatten der Ver⸗ gangenbeit erjcheinen läßt, fo vermag es nur auß dem Leben und der Realität dieſes Bewußtſeins ihnen ihre Wirklichkeit mitzuteilen.

So weit konnte bier, vor der piychologischen Analyſis, der wichtige Sab feftgeitellt werden, welchem gemäß das religiöſe Leben der beitändige Untergrund der ung geichichtlich bekannten intelleftuellen Entwicklung if. Wir finden nun das religiöfe geben mit dem mythiſchen Vorftellen in dem Beitraume von der und erhaltenen epilchen Dichtung der Griechen ab bis zu dem Auftreten der Wiflenichaft in einer beſtimmten Weije verbunden. Aus dem, was über die Art diejer Verbindung noch fetgeftellt werden Tann, entnehmen wir wenige und ganz allgemeine Züge, welche für die Anfchauung des Zweckzuſammen⸗ hangs der intelleftuellen Geichichte nothwendig find.

Das mythiſche Vorftellen geftaltet einen realen und lebendigen Zuſammenhang ber den Menſchen jener Tage be- ſonders bedeutfamen Phänomene. Hiermit leiftet e8 etwas, was das Wahrnehmen, Borftellen, Wirken, welche mit den Objelten in täg- lichem Verkehr fteben, ſowie die Sprache nicht leiſten. Wol ver- knüpfen Wahrnehmen und Vorftellen überall die Eindrüde zu Dingen, welchen Eigenjchaften, Zuftände, Thätigfeiten zulommen; zwiſchen D. mythiſche Vorftellen bringt einen realen Zuſammenh. d. Phän. hervor. 175 diejen ſetzen fie Verhältnifſe, insbeſondere das von Urſache und Wir- fung. So nachdrücklich ala möglich muß man ſich gegen Auffaffungen verwahren, welche dieſe aus dem täglichen Kleinverkehr mit den Ob⸗ jetten entipringenden Züge unjerer Vorftellungäweife in der Zeit der Diythenbildung in eine allgemeine Lebendigkeit des Welt- zuſammenhangs aufgelöft vorftellen. Wol ift ferner dad frühe Be- wußtjein der jo entſtehenden Beziehungen in der Sprache aus⸗ gedrüdt worden. Das Wurzelverhältniß, die Sonderung der Wort- arten, der Caſus, Tempora ꝛc., die ſyntaktiſche Gliederung, bie Unterordnung von Thatſachen unter Namen von Allgemeinvor- ftellungen: dies Alles bildet Beziehungen ab, welche an ber Wirklichkeit aufgefaßt und unterjchieden worden find. Das fpätere pbilojophiiche Denken Mmüpft in vielen Punkten an die Sprache an; das mythiſche Vorftellen ift mit ihr in tiefen Vezügen ver- webt. Dennoch ift, was bier geleiftet wird, gänzlich verichieden von der Herftellung des realen und allgemeinen Zuſammen⸗ hangs zwiſchen den für die Menſchen jener Tage bedeutjamen Phänomenen, welche im mythiſchen Vorftellen vollbracht wird. Die Funktion des mythiſchen Vorftellend ift daher in diefer Zeit der analog, welche die Metaphyſik für einen ſpäteren Zeitraum Dat. Nicht die Neligion, nicht das in ihr gejebte Bewußtſein Goites bezeichnet ein folches erſtes Stadium, daher auch nicht die Borftellung des Supranaturalen: fie bilden vielmehr die beftändige Bedingung des geiftigen Lebens der Menjchheit. Comte's Theorem von dem erften Stadium der geiftigen Entwidlung, das er ala das theologifche bezeichnet, ift Daher unhaltbar, weil e8 die Funktion des mythiſchen Vorſtellens im Zufammenhang der geiftigen Ent- willung nicht von der Stellung der Religion in dieſem Zu⸗ fammenbang jondert. Und die Armahme von dem beftändig in der Geichichte abnehmenden und allmälig vor der Wiſſenſchaft verichtwindenden Einfluß religiöfer Vorftellungen auf die euro- päiſche Gelellichaft ift von dem Verlauf ber Gejchichte nicht be= ftätigt worden.

Und zwar zeigt das mythiſche Vorftellen eine relative Selbftändigkeit dem religiöfen Leben gegenüber.

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Zivar ruht der reale Zuſammenhang von Phänomenen, welchen e8 geitaltet, auf dem religiöfen Leben: dieſes ift in ihm bie alles Sichtbare überjchreitende Lebensmacht. Aber dieſer Zuſammenhang ift nicht in der religiöſen Erfahrung allein gegründet. Er ift eben- fo bedingt durch die Art, wie den Menfchen jener Tage die Wirk- lichleit gegeben ift. Dieſe ift für fie ala Leben da, bleibt ihnen Leben, wird nicht durch Erkennen zu einem Objelt des Berflandes. Daher ift fie an allen Punkten Wille, Fakticität, Gejchichte, d. h. lebendige urjprüngliche Realität. Da fie für ben ganzen leben- digen Menfchen da ift und noch feiner verftandesmäßigen Ana- lyſis und Mbftraktion, ſonach Verdünmung unterworfen wird: fo ift fie entiprechend felher Leben. Und mie folchergeftalt der Zuſammenhang, welchen das mythiſche Vorftellen bildet, nicht allein aus dem religiöjen Leben entipringt, jo kann auch der Inhalt de3 letteren nie ganz in der Vorſtellungsform der Mythen fich erihöpfen. Leben geht nie in PVorftellung auf. Das religiöfe Erlebniß bleibt vielmehr das ewig Innere; in feinem Mythos und feiner Borftellung eines Gottes findet es daher einen adäquaten Ausdrud. Wie denn bafjelbe Verhältniß auf einer höheren Stufe zwilchen der Religion und der Metaphyfit ftattfindet.

So hat die Mytheniprache für die vorwiflenichaftliche Zeit 3. B. der griedhiihen Stämme eine über den Auddrud de religiöfen Lebens hinausreichende Bedeutung Die Grundmythen der indogermanifchen Völker, wie fie Die vergleichende Mythologie feftzuftellen bemüht ift, gleichen hierin den Wurzeln ihrer Sprachen, daß fie relativ jelbftändige Mittel des Ausdrucks find, welche fich in dem Wechjel der religiöfen Zuftände als konftante Dar- ftellungsmittel erhalten. Sie dauern in immer neuen Metamor- phojen (deren Gelee aus denen der Phantafie fließen), welchen Wechſel auch die Vorftellungen von den Göttern und das ihnen zu Grunde liegende religiöje Bewußtſein erfahren. Sie walten jo ſelbſtändig in der Phantafie diefer Völker, daß fie in derjelben nicht erlöfchen, auch wenn der Glaube erliicht, der in ihnen fich ausdrückte.

Sie dienen in relativer Selbftändigfeit einem über das reli- giöſe Bewußtſein hinausreichenden Bedürfniß, die Phänomene der Relative Selbftändigleit de3 Mythus gegenüber der Religion. 177 Natur Sowohl ala der Gejellichaft in Zuſammenhang zu bringen und eine erſte Art von Erklärung derjelben zu geben. Hier tritt und die ältefte Form des allgemeinen Verhältnifſes entgegen, in welchem der religiöfe Untergrund der intellettuellen Entwicklung Europas zu der in ihr wirkſamen Richtung auf eine zuſammen⸗ bängende Berfnüpfung und Erklärung der Phänomene fteht. Die Art der Erklärung ift höchſt unvolllommen; der Zuſammenhang der Phänomene wird ala ein Willenszuſammenhang, ein In⸗ einandergreifen lebendiger Regungen und Handlungen erfahren und angeſchaut. Sie vermochte daher nur eine abgegrenzte Zeit hindurch die intellektuelle Entwicklung diefer jugendftarlen Stämme in fi zu faflen: alsdann zeriprengte die Richtung auf Erklärung die undolllommene Hülle.

Viertes Kapitel. Die Entftehung der Wiſſeuſchaft in Europa.

Der geichichtliche Verlauf, in welchem dies gejchah, in welchem aus mythiſchem Borftellen die wiſſenſchaftliche Erklärung des Kosmos entftand, ift und nach jeinem urfächlichen Zufammenhang nur ſehr unvollkommen befannt. Mindeftens über drei Jahrhunderte liegen zwiſchen den bomerijchen Gedichten, nach den Anſätzen der namhbafteften Forſcher der alerandriniihen Zeit, und der @e- burt des erften, welcher nach der Meberlieferung eine wiflen- ſchaftliche Erklärung der Welt verjuchte: des Thaled. Ein Zeit- genofie des Solon, lebte er in der zweiten Hälfte des fiebenten Jahrhunderts und in der erften Zeit des fechften vor Chriſtus. In diefem langen und dunklen Zeitraum von den bomerilchen Gedichten bis auf Thales jchritt, foviel können wir urtheilen, die Entwidlung des aufllärenden Geiftes in zwei Rich— tungen voran.

Die Erfahrung, welche in den Aufgaben des Leben, ins⸗ bejondere der Induftrie und dem Handel erwuchd, unterwarf einen immer zunehmenden, räumlichen Bezirt ber Erde und Diltdey, Einleitung.

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innerhalb defjelben einen immer anwachſenden reis von Thatſachen ihrer Herrichaft, d. 5. der Einwirkung, der Vor⸗ außfage ſowie der Einfiht in die Nothwendigkeit des Bu- jammenhangd. Und fie benubte Hierbei den Erwerb von Völkern älterer Kultur, mit welchen die Griechen in Verbindung fanden. Die Trage ift transſcendent, ob es je eine Zeit gab, in welcher nicht in irgend einem Umfange, irgend einer Geftalt die Abfon- derung eines Bezirks von Erfahrung von dem des mythiſchen Vorſtellens ftattfand. Aber der Fortſchritt ift eine feftftellbare That- jache, welcher in dem weiteren Berlauf des mythiſchen Vorſtellens fichtbar ift und einerjeitd die Wiflenfchaft vorbereitete, andrerjeits die mythiſche Welt in ihrem Inneren umgeftaltete: die lebendigen Kräfte, welche der affeltiv bewegte Menfch ala die Hand des Unendlicden auf ihm empfand, fürchtete, Tiebte, wurden immer mehr an den Horizont des fich erweiternden Umkreiſes von natürlichem Geſchehen gedrängt; von wo fie ſich in das Dunkel verloren.

Schon in der homerifchen Dichtung finden wir bie mythiſche Welt im Zurlidweichen begriffen. Die göttlichen Gewalten bilden eine Ordnung für ſich, einen göttlichen Familienzufammenbang mit ftaatlidem Geflige der Willensverhältnifie; ihre eigentlichen Site find von dem Bezirk der gewöhnlichen Arbeit eines da= maligen Griechen in Aderbau, Induſtrie und Handel getrennt; fie verweilen nur zeitweilig in dieſem Bezirk, vornemlich in vor⸗ übergehendem Beſuch in ihren Tempeln, und ihre Einwirkung auf das dem Erfahren und dem Gedanken unterworfene Gebiet wird zum fupranaturalen Eingriff. Auch werden feine Bermählungen zwilchen den olympiichen Göttern und den Menſchen mehr aus der Beit der troiſchen und nachtroifchen Ereignifie in ben homerifchen Dichtungen berichtet. Ja es findet fich in diefen Dichtungen ein beftimmtes Bemwußtjein über die Abnahme des Verkehrs zwiſchen Göttern und Menjchen. So breitete die fortichreitende Aufklärung den Umkreis, den die natürliche Erklärung beherrſcht, immer weiter aus und machte die Geifter immer mehr ſteptiſch gegenüber der Annahme von jupranaturalen Eingriffen.

Und zwar fteht diefer Fortgang in Zuſammenhang mit einer Zwei Richtungen bes über den Mythus hinausfchreitenden Geiftes. 179 Veränderung des Lebensgefühls. Die Lebensordnung des heroiſchen Konigthums verfiel, die epiſche Dichtung, die ihr Ausdruck ge- weſen war, erftarrte. Das Lebensgefühl, welches den veränderten politifchen und focialen Ordnungen entiprach, verkündete fich in der Elegie und dem Jambus mit freier Macht: dag beivegte Innere der Perfon wurde zum Mittelpuntt des Intereſſes. In der lyriſchen Dichtung find, wenigſtens aus der Zeit des Thalca, ſo⸗ gar Spuren, welche dad Vertrauen auf die Götter zurücktretend Binter dieſem jelbftändigen Lebensgefühl zeigen‘). Und an die Blüthe der Gefühladichtung ſchloß fich die Sittenbetrachtung, in welcher der Geiſt den Bezirk der fittliden Erfahrungen fi unterivarf.

Die andere Richtung, in welcher der erflärende Geift voranfchritt, ift noch in den Meberreften der Litteratur von Theo⸗ gonien fihtbar. Die ung erhaltene Theogonie des Heliod, unter ihnen die wichtigfte, lag, mindeftena in ihrem Kern, ſchon den erften Philofophen vor. Die erflärende Richtung geftaltete in dieſen Theogonien aus dem Stoff des mythiſchen Vorſtellungs⸗ kreiſes einen inneren, durch Zeugungen voranfchreitenden Zu⸗ ſammenhang des Weltprogefleg. Und zwar ſpielt fich diefer Welt- prozeß weder als eine bloße Beziehung von Willendgewalten noch ala ein aus allgemeinen Naturvorftellungen geknüpfter Zuſammen⸗ bang ab. Nacht, Himmel, Erde, Eros find Borftellungen, welche zwilchen Naturthatfache und perjönlicher Macht in dDämmern- dem Bivielicht ftehen. Aus dem Perfönlichen wanden allgemeine Borftellungen von einem natürlichen Zuſammenhang fi) los.

Dieje beiden Richtungen des Geiftes zerftörten den Zuſammenhang der ®elt, welchen dad mythiſche Denken entworfen hatte. Da Andere, welches wir unjerem Selbft ala Natur gegenüberftellen, empfängt jeinen lebendigen Zuſammenhang aus dem Selbftbewußtlein, in welchem es da ift. Diefer Zuſammen⸗ bang wird in voller Lebendigkeit von dem mythiſchen Denken erfaßt, aber vor dem Gedanten hält feine Wahrheit nicht Stand; 180 Zweites Buch. Erſter Abjchnitt.

die Erfahrung der Regelmäßigkeit in der Umwandlung ber Stoffe, in der Abfolge der Weltzuftände, in dem Spiel der Bewegungen verlangt eine andere Erklärung, ein anderer Zu—⸗ ſammenhang der Natur, ala welcher in den Beziehungen der Willen von Perfonen gelegen ift, wird nothwendig. Und fo be- ginnt die Arbeit, diefen Zuſammenhang gedanfenmäßig, der Wirk- lichkeit ent|prechend, zu entwerfen. Die Dinge, in Wirken und Leiden mit einander verfettet, Veränderung an Veränderung ge— bunden, Bewegung im Raum: dies Alles ift der Anſchauung gegeben, und es joll Run in feinem Zuſammenhang erfannt werden. Ein langer und mühſamer Weg erfahrenden und verjuchen= den Denkens beginnt, und, an feinem Ende angelommen, werden wir jagen: Dies Andere, welches Natur ift, kann jo wenig in Gedankenelemente aufgelöft und durch fie gänzlich erkannt werden, ala es im mythiſchen Vorftellen durchdrungen wurde. Es bleibt undurchdringbar, da e8 eine in der Totalität unferer Gemüthskräfte gegebene Thatjächlichkeit ift. Es giebt keine metaphufiiche Erkenntniß der Natur. | Dies Alles ftand bevor; aber wir verfolgen zunächit, wie, durch die beiden bezeichneten Richtungen allmälig vorbereitet, nun= mehr die große Thatſache einer wiſſenſchaftlichen Erklärung des Kosmos Hervortrat. Im ſechſten Jahr- hundert iſt dieſe Thatſache entſtanden, indem in den joniſchen und italiſchen Kolonien der Griechen zu dieſer Zeit elementare mathe- matiſche und aftronoinifche Einfichten und Verfahrungsweilen auf das Problem angewandt wurden, welches auch dad mythiſche Vorftellen beichäftigt Hatte: die Entftehung des Kosmos. Die jonilchen Kolo- nialftädte waren in rapider Entwicklung zu demokratiſchen DVer- fafjungen und zur Entfeffelung aller Kräfte vorangefchritten. Durch die Organijation ihres Kultusrechtes war die geiftige Bewegung in ihnen weniger von dem Prieftertfum abhängig, als in den fie um⸗ gebenden, alten orientaliſchen Kulturftaaten. Und nun gab der in ihnen aufgehäufte Reichtum unabhängigen Männern die Muße und die Mittel der Forſchung. Denn die jelbftändige Entwiclung der einzelnen Zweckzuſammenhänge in der menfchlichen Gejellichaft ift Entftehung der Wiſſenſchaft. 181 an die Verwirklichung derjelben durch eine befondere Klafſe von Perſonen gebunden. Nun war aber erſt mit dem Anwachſen bes Reichthums die Bedingung dafür gejchaffen, daß einzelne Perſonen fih ganz und in gefchichtlicher Kontinuität dem Erkennen der Natur widmeten. Diejen unabhängigen, weltbewanderten Männern öffneten fi) durch eine weltgejchichtliche Fügung feltenfter Art zu berfelben Zeit die uralten Stätten der Kultur im Orient, inZbefondere während der zweiten Hälfte des fiebenten Jahrhunderts Egypten. Die Geo- metrie, wie fie fid) als eine praftiiche Kunft und eine Summe einzelner Säte in Egypten enttwidelt hatte, und die Tradition langer aſtro⸗ nomiſcher Beobachtung und Aufzeichnung, wie fie auf den Stern- warten des Oſtens beitand, wurden nun von ihnen zu einer Orientirung in dem Weltraume benußt, deſſen Bild das mythiſche Vorſtellen überliefert Hatte.

Damit traten die Griechen in eine geiftige Bervegung ein, deren größerer, in den Orient zurüdreichender Zuſammenhang una bis jebt unzureichend befannt ift. Sie ift aber durch den Zweckzuſammenhang de Erfennend bedingt. Die Wirklichkeit kann nur durch Ausfonderung einzelner Theilinhalte ſowie durch die abgejonderte Erkenntniß derielben dem Gedanken unterworfen werden; denn in ihrer fompleren Form ift fie für denjelben nicht anfaßbar. Die erfte Willenjchaft, welche durch dies Verfahren entitand, ift die Mathematik geweien. Raum und Zahl find von der Wirklichkeit Früh abgefondert worden, und fie find einer rationalen Behandlung ganz zugänglid. Die Betrachtung begrenzter Flächen und Körper wird leicht aus der Anfchauung der wirklichen Dinge abitrahirt; von ſolchen abgeichloffenen Gebilden ging die geometriſche Unterfuchung aus; Geometrie und Zahlenlehre waren gemäß der Natur ihres Gegenjtandes die erften Wiflenfchaften, welche zu Maren Wahrheiten gelangten. Diefer Gang der Analyſis der Wirklichkeit war vor dem Eintreten der Griechen in den Zufammenhang des Erkennen? jchon eingejchlagen, nun kam ihm die Eigenthümlichkeit des griechijchen Geiftes entgegen. Anſchauungskraft und Formſinn bildeten die außzeichnenden Eigenthümlichkeiten dieſes Geiftes; dies zeigt fich 182 Zweites Buch. GErfier Abſchnitt.