In der That find die Schwierigkeiten, welche dieſe Denter folchergeftalt an dem Raume, der Bewegung, dem Vielen auf- zeigten, innerhalb der Metaphyſik felber unüberwindlich; nur der ertenntnißtheoretiihe Standpunft, weldder auf ben Urſprung der Begriffe zurlidgeht, kann diefe Widerſprüche auflöfen. Er erfennt, wie die Wirklichkeit in der Anjchauung gegeben tft, und wie die unendliche Freiheit des Willens diefe Wirklichkeit beliebig teilen und zufammenjeßen, wie fie vermittelft der Abftraftion dad reale Kontinuum und die Bewegung dur Punkte, durch Zerlegung der Bahn der Bewegung in ſolche Punkte nachbilden kann, ohne damit doch jemals die Realität der Anſchauungsthat⸗ fache jelber zu erreichen.
jeden metaphyfiichen Theorem folgt ala jein Schatten ba Bewußtſein des dunklen Reſtes von aus ihm nicht ableitbaren Thatſachen. Heraklit's Werden widerjprach feiner Konception von dem euer ala lebendigem Subftrat, an welchem das Werben baftet; dem Sein des Parmenides widerſprach die veränberliche Welt. Der Yortgang der Metaphyſik ift naturgemäß ber zu immer Ttomplicirteren Annahmen, welche in demjelben Verhältnik geeigneter find, die Thatſachen zu erflären, andrerjeit aber auch eine twachjende Zahl von inneren Schwierigkeiten enthalten.
Zweites Rapitel, Anaragoras und die Entftehung der monotheiftiihen Metaphufit in Europa.
Neben Zeno und Meliſſus, welche jo von der neu gewonne- nen Grundlage aus ihre vernichtende Dialektik gegen alle Hilfämittel der phyſiſchen Welterflärung richteten, treten Leukipp, Empe- docles, Anaragorad auf, welde auf diefem Boden die phyſiſche Welterflärung umtgeftalteten. In derſelben Generation fteben jene ſteptiſche und diefe fortjchreitende Richtung neben einander.
198 Zweite Bud. Zweiter Abſchnitt.
Schon damals bewährte ſich, daß denen in der Wiſſenſchaft die nüt- liche Wirkung gehört, welche nicht ettva die Wahrheit gegenüber dem Irrthum befien, ſondern welche, vom Glauben an die Erkenntniß vorangetrieben, einen neuen Verfuch machen, ſich ihr anzunähern, auch indem fie Vorausſetzungen hierbei verwenden, welche für ben Ber- ftand zur Zeit nicht widerfpruchäfrei ausgebildet werden können. Sp wurden damals Bewegung und leerer Raum zur Erklärung be= nußt, obwohl ohne Zweifel Teiner der Forſcher, weldde von diefen Borftellungen Gebrauch machten, die Schwierigkeiten aus ihnen zu entfernen im Stande war. Denn dies ift der Zweckzuſammen⸗ hang der menſchlichen Wiſſenſchaft: an die Wirklichkeit tritt Ver: ſuch auf Verſuch, fi) ihr anzunähern und ihren Thatbeſtand er- Härbar zu machen; die vollkommenen überleben die unvolllommenen. So entitand nun damald der neue metaphyfiſche Grundbegriff des Elements, der genauer ausgebildete ded Atom. Die Folgerungen, welche auß ben beiden dargelegten Prinzipien für den Begriff des Seins in der eleatiſchen Schule gezogen wurden, waren über da3 in biefen Prinzipien Gelegene hinaus» gegangen; übergewwaltig waren zuerft die negativen Konſequenzen aufgetreten: die Weltanficht des All-Einen Seienden vernichtete den mannigfaltigen Kosmos. Daher fchritt nun der Wille der Erkenntniß über fie hinweg; Leukipp, Empedocles, Demokrit ver- ſuchten, das Prinzip des Seins der Aufgabe einer Erklärung der veränderlichen, mannigfaltigen Welt anzupaflen.
Ihr fundamentaled Theorem ſetzte aljo in Parmenidez ein. Es giebt weder Entftehen noch Vergehen, jondern — fo fahren fie fort — nur Verbindung und Trennung von Maſſen— theilhen vermittelft ber Bewegung im Weltraum. Dies Theorem tritt bei ihnen ganz gleichförmig auf. — Daß es aus der eleatijchen Schule hervorging, kamm nachgewieſen werben!). Zwar können die biftoriichen Bezüge, in welchen dieje Männer 1) Simpl. in phye. f. 7r 6ff. (Diels Doxogr. 488), wol aus Theophraft geichöpft: Aeizunmos BE 6 ’Elsaıns 7 Mıilnosog...xoıvwrvnoag ITapuevidy ns yıloooplas or rn9 ausyv EBadıoe IInpuevidn xal Bevompaveı reg) rov Övroy cdoV.
Die Theoretiler der Maſſentheilchen. 199 augenfcheinlich unter einander ftanden, nicht mehr feftgeftellt werben. Auch kennen wir leider nicht die Art von Argumentation, vermöge deren Leufipp, Empedocles, Anaragorad, Demokrit ihre Theorie der unveränderlichen Mafjentheilcden gegenüber dem Einen elenti- ſchen Sein gerechtfertigt haben. Wie dem fei, num wurde im Aufbau der europäiichen Metaphyſik von dem Begriff des Seienden aus Eine von den mehreren vorhandenen Möglichkeiten entwidelt und zwar die nächitliegende: Zerichlagung der Wirklichkeit in Elemente, welche einerjeit3 den Anforderungen de Denken? an unveränberliche Anhaltspunkte feiner Rechnung genugthaten, andrer- feit3 eine Erklärung von Veränderung, Vielheit und Bewegung nicht ausfchloffen. Damit vollzog fich ein bedeutender Fortſchritt. An die Stelle einer in unbeftimmter Umwandlung wirkſamen Kraft oder der Beziehung einer ſolchen auf einen grenzenlojen Stoff (Pytha⸗ goreer) traten fich jelbft gleiche, unveränderliche Elemente. Aus jener Kraft konnte Alles erklärt werden, diefe Elemente ermög- lichten eine Klare, überfichtliche Rechnung in der Welterflärung.
Damit tritt in die Erklärung des Kosmos eine neue Art von Begriffen. Solche waren dad Atom des Leukipp, die Samen der Dinge des Anaragoras, die Elemente des Empebocles jowie die mathematischen Yiguren, aus denen Plato die Körper- welt Yonftruirte. Die erfte Urſache ala Erflärungsgrund (aexı/) war eine metaphyſiſche Kategorie, welche der ganzen Wirklichkeit ala in ihr gleichmäßig überall gegebener Theilinhalt untergelegt werden konnte. Der Begriff des Element? oder Maſſentheilchens (Atoms) ift an der äußeren Natur entiwidelt worden und bat, vermöge feines Merkmal ftarrer Unveränderlichkeit, nur für fie Geltung. Auch ift er nicht ein Beftandtheil der Naturwirk- lichleit d. h. ein in ihr enthaltener einfacher Begriff; ſolche find Bewegung, Geſchwindigkeit, Kraft, Maſſe. Vielmehr ift er eine konſtruktive Schöpfung zur Grllärung von Naturer- cheinungen, ganz wie der Begriff der platonijchen dee.
indem der Begriff bes Element? ala metaphyſiſche Realität auftrat und behandelt wurde, entjtanden Schwierigkeiten, welche unter diefen Bedingungen unüberwindlich waren. — 200 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
Eine ſolche Schwierigkeit lag in der ſchon Leukipp zugeſchriebenen Annahme, neben dem Seienden komme auch Exiſtenz dem Nichtſeienden zu d. h. dem leeren Raume. Und doch war ohne dieſe Annahme Bewegung nicht möglich. Anaxagoras leugnet, ja bekämpft den leeren Raum)), aber er vermag dann freilich das Ausweichen feiner Mafjentheilchen nicht zu erklären. — Eine weitere Schwierigkeit lag in der Annahme der Untheilbarkeit von Heinen Körpern, dergleichen die Atomiften lehrten. SHiergegen richtete, wie es jcheint, Anaxagoras feine tieffinnige Lehre von’ der Relativität der Größe?). — Endlich lag eine Schwierigkeit in der Unerflärbarfeit der qualitativen Beränderung aus Atomen; ihr gegenüber entwickelte Anaragoras eine jehr zufammengejeßte Theorie, und an diefem Punkte bemerkt man, welche Bedeutung für die Hortentiwidlung der Atomiſtik das Auftreten des Protagorad hatte. Denn Protagoras fteht zwiſchen Leulipp und Anaxagoras einerfeits und der Vollendung des atomiftichen Syſtems andrerfeitd. Seine Theorie der Sinneswahrnehmung ermöglichte erſt die wiſſenſchaft⸗ lich begründete Ablöfung der Vorftellungen des Qualitativen von den Atomen, und daß fich Demokrit, vielleicht in einer befonderen Schrift, mit Protagorad audeinandergefebt habe, wird ausdrück⸗ lich überliefert). — Die Atomtheorie des Demokrit, von jo viel Schwierigkeiten umgeben, durch Protagorad mit der Stepfi3 ver- bunden, erhielt durch Metrodor und Naufiphanes eine noch ſtep⸗ tiihere Haltung; jo gelangte fie durch Naufiphanes zu Epikur ®); jie erhielt fih, allen Schwierigkeiten troßend, weil fie, wie ber weitere Verlauf zeigen wird, ein berechtigter Beftandtheil der Na— turerflärung ift.
War jchon der Begriff von Maflentheilchen ein konſtruktiver 1) Ariſt. Phys. IV, 6.
2) Simpl. in phys. f. 35r. (Mullach I, 251 fr. 15). Dazu vgl. ben einleuchtenden Nachweis Zeller’8, Anaragorad habe in feiner Schrift fich auf Leukipp polemiſch bezogen (I*, 920 }).
8) Plut. adv. Colot. c. 4. p. 11094. Dal. Sert. Empir. adv. Math.
4) Zeller ba. 857 ff.
Der Charakter des Anaragorad und feine Leiftung. 201 metapbufifcher Begriff: jo entitand für dieſe Theoretifer ber Maſſentheilchen nun das konftruftive Problem, ob aus ihnen allein der Kosmos erllärt werden Türme.
An diefem Punkte der Entwidlung, es war in der fchönften Zeit Athens, trat nun im Zuſammenhang mit der Lage der Wiſſenſchaften diejenige Konftrultion des Kosmos in erflem groß gedachten Wurf hervor, welche der europäiichen Metaphyfif ihre lang dauernde Macht über den Geiſt unſres Welttheild verjchafft bat. Dies ift die Lehre von einer vom Kosmos jelber unterfchiedenen MWeltvernunft, welche ala erfter Berveger die Urſache des regel- mäßigen, ja zweckmäßigen Zuſammenhangs im Kosmos ift.
Der Monotheismus d. h. der Gedante des Einen Gottes, welcher, von der Natur nicht nur im Begriff, fondern ala That- ſächlichkeit gänzlich unterfchieden, ala eine rein geiftige Macht die Welt regiert, entftand in dem Abendlande im Zuſammenhang mit den aftronomifchen Unterfuchungen; er ift daſelbſt zwei Jahr— tauſende lang durch ein Raifonnement getragen worden, welches in der Auffaſſung des Weltgebäudes feinen Rückhalt Hatte. Mit Ehrfurcht nähere ich mich dem Manne, welcher zuerft diefen ein- fachen Zufammenbang der regelmäßigen Bewegungen der Geftirne mit einem erften Beweger erfann. Seine Perjon erſchien dem Alterthum ala repräfentativ für eine Richtung des Geiftes auf dad Wiffenawertbe, mit VBernadjläffigung deſſen, was Klugheit für den eigenen Nuten ſucht. „Anaxagoras foll einem. der ihn befragte, weswegen doc) Jemand dad Sein dem Nichtjein vorziehe, geantwortet haben: wegen der Betrachtung des Himmels ſowie der über den ganzen Kosmos verbreiteten Ordnung“). Dieje Stelle verdeutlicht den Zuſammenhang, in welchem die Alten den Geilt feiner aftronomifchen Forſchungen mit feiner monotbeiftiichen Meta⸗ phyfik erblidten. Bon da ergoß fich über jein ganzes Wejen der Charakter von gefahter Würde, ja Erhabenheit, den er nad) der Auf: fafjiung guter Berichterftatter feinem Freunde Pericles mittheilte 2), l) Eth. Eudem. I, 5; vgl. Eth. N. X, 9. 2) Außer den belannten Stellen Plutarch's vgl. den Phädrus Plato3 202 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
Die Trümmer feines Wertes über die Natur athmen diejelbe einfache Majeftät. Dan hält unmillfürli den Anfang befielben mit der großen Urkunde des Monotheismus der Iſraeliten, der Schöpfungsgeichichte, zufammen.. „Zujammt waren alle Dinge, unermeßlich an Menge und Kleinheit; denn auch das Kleine war ein Unermeßlichee. Und da Alles zufammt war, war nichts deutlich hervortretend, wegen der Kleinheit“). Anaragoras zer gliederte aber den Anfangszuftand der Materie mit den Hilfs⸗ mitteln der unteritaliichen Metaphyſik. Die ältefte Borftellung von einer in jelbftthätiger Ummandlung begriffenen Materie, welche Alles abzuleiten geftattete und ſonach im Grunde Nichts, war in diefer unteritalifchen Metaphufit bejeitigt worden. Ihr folgend und mit Empedocles und Demofrit hierin einig, legte Anaragoras feinem Denken den folgenden Sat zu Grunde: „Die Hellenen Iprechen nicht mit Recht von Entftehung und Untergang. Denn fein Ding entfteht, noch geht es zu Grunde“?). Verbindung und Trennung, ſonach Bewegung der Subftanzen im Raume, trat an die Stelle von Entftehung und Untergang. Diefe Maſſentheilchen, welche Anaragorag, Leukipp und Demokrit zu Grunde legten, find die Bafıa jeder Theorie über den Naturzufammenbang geblieben, welche einen feften, der Rechnung zugänglichen Anſatz fordert. In mehreren Punkten unterfchieden fi) nun die „Samen der Dinge“ °), auch kurzweg „Dinge des Anaragorad (fozujagen die Dinge im Kleinen) von den Atomen des Demokrit. Anaragorad, nach der Lage der Forſchung zu feiner Zeit, entwickelte den denkbar Härteften Realismus. In feinen Mafjentheilchen ift jede Abftufung von Qualität, welche die finnliche Wahrnehmung irgendwo darbietet, gegeben. Und da ihm nun jede Vorftellung des chemilchen Pro⸗ zeſſes fehlte, mußte er zu zwei Hilfsſätzen greifen, deren Paradorie die Tradition nicht mehr aus dem Zuſammenhang verftanden hat. In jedem Naturobjekt find alle Samen der Dinge enthalten; aber AAYIWY Xonuarem.
Anaragora begründet den Monotheidmus auf die Aſtronomie. 208 unfere Sinne haben enge Grenzen der Empfindungsfähigkeit: hier- aus erklärte er den täufchenden Schein qualitativer Veränderungen '). Alsdann aber findet fich jchon bei Anaxagoras das Theorem von ber Relativität der Größe, das die fophiftiiche Epoche in negativen Sinne ausgebeutet hat, und defien Tragweite ſpäter Hobbes Jelb- ftändig entwickelte. Es jcheint, daß Anaragoras im Zuſammen⸗ bang Hiermit annahm, jeder für un? vorſtellbare Heinfte Theil ſei wiederum als ein Syſtem zu betrachten, daB eine Vielheit von heilen in fich faſſe. Verſchiedene Erperimente werden von ihm überliefert, durch welche er phyfikaliſche Grundvorftellungen zu befeftigen unternahm. Als Phyfifer in eminentem Sinne wurde er von der Tradition bezeichnet.
Bermitteljt einer gerwagten Induktion übertrug er nun bie Phyſik der Erde auf dad Himmelsgewölbe.
Am hellen Tage fand bei Aegos Potamoi der Tall eines fehr großen Meteorfteineg Statt. Anaxagoras ging davon aus, daß derfelbe aus der Geſtirnwelt ſtamme, und er ſchloß jo aus bem alle dieſes Meteorfteines auf die phufilche Gleichartigleit des ganzen Weltgebäudes 2). Da er den Umlauf des Mondes um die Erde biejer näher ala den Umlauf der Sonne anſetzte und ent⸗ Iprechend die Sonnenfinfternifie aus dem Zwiſchentreten des Mondes zwilchen Exde und Sonne ableitete, jo wird er auch aus den Sonnenfinfternifien gefchloflen haben, daß der Mond eine große, dichte Mafje jein müfle?). Die Schlüffe können nicht mehr 1) &3 ift bemerfenawerth, daß das älteſte Erperiment über Sinnes⸗ täuſchungen, über da8 Nachricht auf und gelommen ift, von ihm in diefem Zufammenhang zum Beweis verwandt wurde Seht man bem Weiß tropfenmweife eine dunkelfarbige Flüffigkeit zu, fo vermag unſere Sinnesempfindung die ſchrittweiſen Veränderungen der Färbung nicht zu unterſcheiden, obgleich in der Wirklichkeit dieſe Veränderungen ſiattfinden. Seine Paradoxie vom ſchwarzen Schnee gehört demſelben Zuſammenhang an. — Andere Experimente des Anaxagoras Ariſt. Phys. IV, 6.
2) Dieſer Schluß des Anaxagoras aus Silenus erhalten bei Diogenes Laert. II, 11 f.
Zu dem folgenden fei bemerkt, daß gemäh dem Zweck ber Darlegung bavon abgeſehen ift, ob Anaragoras alle biefe Theorien zuerft aufge ftellt hat.
8) Dippol. philos. VIII, 9 (Diels 562): und zwar verbindet Hipp.
204 7 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt.
auf einleuchtende Weile hergeftellt werden, vermöge deren er nun Stellungen, Größen und Urſachen des Leuchtens für die einzelnen Geſtirne beftimmte.. Die Mondfinfternifie erklärte er theild aus dem Erdfchatten, theils aus zwilchen Erde und Mond befindlichen, dunklen Körpern. — Die der Erde nächſte Bahn unter den und befannten Geftirnen beichreibt der Mond, offenbar da er in den Somnenfinfterniflen zwiſchen Erde und Sonne tritt. Anaragoraz ftellte eine Theorie der Mondphafen auf und, wie Plato als feine Aufjehen machende Behauptung hervorhob '), Teitete er das Licht des Mondes (mindeſtens theilweiſe) auß der Be- ftrahlung defjelben durch die Sonne ab; „indem die Sonne im Kreife um ihn berumgeht, wirft: fie immer neues Licht auf ihn (den Mond)“ 2). In Zufammenhang hiermit hielt er den Mond-mit feinen Schluchten und Bergen für bewohnt; es erinnert an den Meteorftein, wenn er die Fabel, daß der nemeilche Löwe vom Simmel gefallen ſei, dahin interpretirte: derjelbe möge wol aus dem Monde gefallen fein. — Die Sonne dachte er ala eine glühende Steinmaffe, in einer entfernteren Region des Himmel? um- laufend; indem er wol ihre Größe mit der des Mondes verglich, erklärte er fie für viel größer, ald den Peloponnes, welchem er den Mond gleich ſetzte. — Auch die Sterne waren ihm folche glühende Maflen, deren Wärme wir nur wegen der Entfernung nicht empfinden. | Diefe Erkenntniß der phyſiſchen Gleichartigkeit in ber Be- Ichaffenheit aller Körper diente ihm ala Lehrſatz, um, auf Grund der den Unterfa bildenden Thatjache der Umdrehung der Geftirne, feinen großen metaphyſiſchen Schluß zu vollziehen. Denn in dem Theorem von der phyfiichen Gleichartigkeit aller Weltlörper war auch die Einficht enthalten, dab die Schwerkraft in ihnen allen wirkte. Hieraus ergab ſich die Nothiwendigkeit der Annahme einer in feinem Bericht miteinander: Anaragorad habe Tyinfterniffe und Mond⸗ phaſen zuexft genau bejtimmt, und: er habe den Mond für einen erdartigen Körper erklärt fowie Berge und Thäler auf ihm angenommen.
Anaxagoras begründet ben Monotheismus auf bie Aftronomie. 205 ihr entgegenwirkenden Kraft von außerordentlicher Stärke, welche den Kreisumſchwung diejer ſchweren und mächtigen Körper her⸗ vorgebracdht hat umd erhält. An den Fall des genannten großen Meteorfteind knüpfte Anaragorad die Erklärung: die ganze Stern- welt beitehe aus Steinen: würde der gewaltige Umſchwung nach⸗ laffen, dann müßte fie abwärts ftürzen'). Die Meberlieferung vergleicht, ohne dem Anaragorad diefen Vergleich zuzufchreiben, dieſes dem Umſchwung der Geftirne zu Grunde liegende Verhältniß zwiſchen der Schwerkraft, welche die Weltkörper abwärts zieht, und der den Umſchwung Hervorbringenden Kraft, welche ihren Fall Hindert, mit dem, vermöge deſſen der Stein nicht aus ber Schleuder tritt, das Wafler in einer Schale beim Umſchwung derjelben,, wenn diefer jchneller ala die Bervegung des Waſſers nad) unten ift, nicht außgegofjen wird:).
Mit diefem Schluß verknüpfte ſich nun an dem jeht erreichten Punkte ein zweiter, deflen Glieder vielleicht noch auf überzeugende Meile ergänzt werden fünnen. Vermöge defjelben beftimmte er diefe Kraft, welche die Drehungen der Geftirne im Weltraum bervorbringe, ala Eine beftändig und zwedmäßig wirkende, welche von Außen, von der Weltmaterie ganz getrennt, den Umlauf der Geftirne hervorrufe und erhalte. So tritt das Weltprinzip der Vernunft (ded vous), getragen von einem aftronomijchen Raifonnement, in die Gejchichte.
Die Drehung nämlich, welche Anaragorad auf die der Schwer⸗ fraft entgegenwirkende Kraft zurüdführt, wird von ihm mit der Drehung (megıywer,oıs) ausdrücklich in eins geſetzt, „in welcher fich Geftirne, Sonne und Mond, Luft und Aether gegenwärtig um drehen” °). — Diele letztere ift natürlich die Icheinbare, in welcher fi) der ganze Himmel mit allen jeinen Geftimen täglich einmal 2) Humboldt, Kosmos (erfie Ausg.) II, 348. 501 vgl. I, 139 u. a. a. O. nach Jacobis handichriftlicden Aufzeichnungen Über das mathematifche Wiflen der Griechen, welche Aufzeichnungen Humboldt erwähnt, die aber verloren find oder irgendiwo verborgen ruhen. Plut. de facie in orbe Lunae c. 6, p. 923c. Ideler, Meteorologia Graec. 1832 p. 6.
206 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt.
von Oft gegen Weit um unfere Erde bewegt. Anaxagoras Tannte die Drehung der ganzen Himmelskugel um ihre Are, wenn auch dieſer Begriff der Are noch nicht in feiner mathematischen Strenge von ihm gedacht wurde. Berfolgte er nun die parallelen Kreiſe, in welchen einige Geftirne theilweije über dem Horizonte ums laufen, andere ganz, bis zu ben Heinften Kreiſen der Bären oder des dem Pole damals zunächſt ftehenden Sterns 4 des Kleinen Bären: jo mußte er eine, wenn auch noch jo unvollkommene Vorftellung de3 nördlichen Endpunktes diefer Are fih bilden‘). — Hier ericheint eine Kombination der Nachrichten unausweichlich, durch welche man erft den Zufammenhang derjelben unter einander und mit der damaligen Lage der Aftronomie berzuftellen vermag. Dieje Stelle, welche den nörblidden Endpunft eine? Stabes bilden würde, um welchen wir die Drehung etwa ftattfindend dächten, ift der kosmiſche Punkt, von welchem auß der Nus (die Weltvernunft) die Drehungsbewegung in ber Materie begann, und von welchem aus fie noch gegenwärtig bewirkt wird. Der Nus fing mit dem Sleinen an; die Stelle, an welcher daß geichah, war der Pol. Dieſer war ſonach die Stelle, an welcher die Drehung begann; von ihr aus bat fich dann die Drehung immer weiter verbreitet und wird fich verbreiten, und von ihr aus wurde mit der Drehung zugleich die Scheidung der Maflentheilcden bewirkt. Die Miederherftellung der Grundanficht des Anaragorad in ſolchem Sinne ift nur die deutlichere Bor- ftellung des in folgenden Säten Enthaltenen: die von dem Nus hervorgebrachte Drehung ift identifch mit der gegenwärtigen Drehung 1) Womit die Art übereinftimmt, in welcher in dem Artikel bes Diogenes über Anaxagoras ber Pol erwähnt wirb: Diog. II, 9. War doch ber Theil de3 Himmels, an welchem biefe Stelle fich befindet, jeit den Zeiten Homer’3 beſonders wichtig: „die Bärin, bie fonft der Himmelswagen genannt wird, welche fi} an berielben Stelle umbreht...und allein niemals in Okeanos' Bad fi hinablaudht.” Aratus bemerkt (phaen. 37 sq.), ba bie Griechen bei ihrer Schifffahrt den großen Bären brauchen, weil er heller ift und leichter bei bem Einbruch der Nacht geiehen werben kann. Die Phönicier Halten fih an den Fleinen Bären, ber zwar dunfler, aber ben Schiffern nüglicher ift, weil er einen kleineren Kreis beichreibt.
Anaragoras begründet ben Monotheismus auf die Aſtronomie. 207 der Himmelskugel, der Nus aber Hat diefe Drehung von einer Heinen Angriffsftelle aus hervorgebracht, und von dieſer aus hat die Drehung fi) immer weiter außgebreitet. Denn dieje Süße führen auf einen Anfangspunkt, an welchem der Heinfte Kreis an der Himmelskugel bejchrieben wird.
Geht man nun von diefer Grundvoritellung aus, jo über- fieht man, wie Anaragoras feinen Monotheismus erſchloß. War er von der Berbreitung der Wirkung der Schwerkraft in allen Himmelskörpern ausgegangen und hatte eine entgegenwirkende Kraft poftulict, jo ſchloß er jet näher, auf Grund der gemein- famen Drehung aller Stellen der Himmelgfugel, (indem er für die Gigenbewegungen von Sonne, Mond und Planeten einen bejon= deren mechanifchen Erklärungsgrund fich vorbehielt) auf Eine von der Materie diejer Körper unabhängige, zweck— mäßig, ſonach intelligent wirfende Kraft. „Das Andere bat einen Theil von Allem mit fich verbunden. Der Nus aber it ein Unermeßliches und Selbftherrliches und er ift mit feinem Dinge!) gemilcht, ſondern allein für fih ruhet er auf fi jelber“ 2). — Zuerft: der Nus muß von ber Materie gejondert fein; denn wäre er dem Anderen beigemifcht, jo würde dag mit ibm Zufammengemifchte ihn hindern, fo daß er fein Ding jo zu beherrfchen vermöchte, wie er nun vermag, da er auf fich felber zubt?). Und zwar wurde eine folche jelbftändige Kraft, welche die gemeinjame Drehung hervorbringt, überhaupt am einfachiten von ber Weltfugel räumlich getrennt und von einer Angriffsftelle außerhalb derſelben die Drehung und Weltbildung bewirkend ge= dacht; für Anaragoras, welchen der Nus das „Leichtefte" und „Reinſte“ aller „Dinge“, ſonach ein verfeinertes Stoffliches oder doch an der Grenze von Stofflichkeit noch befindlich geweſen ift, war diele Vorftellung unvermeidlid. — Aladann: die Er=- kenntniß der gemeinfamen Bervegungen an der ganzen Himmels- fugel vervollftändigte dieſen Schluß dahin, daß dieſe von außen 1) Anaxagoras Sagt: keinem yonuarı, Maffentheilchen. 2) Simplic. daf. f. 33v. (Mulladh I, 249 fr. 6). 3) Ebendajelbft.
208 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt..
wirkende Kraft Eine fei. — Endlich: die Betrachtung der inneren Zweckmäßigkeit des Weltgebäudes wie der einzelnen Organifationen der Erde ließ diejen erften Beweger als einen nach innerer Zweck⸗ mäßigleit wirkenden Nus erkennen. Diefe Zweckmäßigkeit des Weltall3 ift aber nicht feine Angemeflenheit für die Zwecke bes Menſchen, jondern die immanente, deren Ausdruck die Schönheit, deren Folgethatſache der einheitliche Zuſammenhang für einen Ver⸗ ftand ift, welcde daher auf Einen orbnenden, aber jozujagen un perlönlichen Verſtand zurückweiſt ').
So entiprang in ber jchönften Epoche der griechiichen Ge- ſchichte aus der Wiffenichaft vom Kosſsmos, insbejondere aus der aſtronomiſchen Forſchung, der griechifche Monotheismus d. b. der Gedanke von dem bewußten Zweck als Leiter des einheitlichen und zwedmäßigen Bewegungsinbegriffs im Kosmos und von der Ver⸗ nunft ala dem jelbftändigen, zweckmäßig wirkenden Berveger. Der Mann, der ihn entwarf, ward von der atbeniichen Bevölkerung jener Tage mit einer Miſchung von Bewußtjein feiner fremdartigen Erhabenheit und von Scherz der Nus genannt. Den Kreis von Ana- xagoras, Pericles und Phidiad umgab dieſe große Lehre mit einer Fremdartigkeit, die von dem altgläubigen Volke ſtark empfunden wurde und ihn unpopulär machte. In dem Zeus des Phidias empfing diefer Gedanke feinen fünftlerifchen Ausdrud.
Es ift bier nicht der Ort, darzulegen, wie Anaxagoras die Schwierigkeiten überwand, welche die Durchführung jeines großen Gedanken? im Ginzelnen darbot. — Den eriten Schritt in jener genaueren SKonftruftion der Weltentftehfung nöthigte ihm eine eingebildete Schwierigkeit ab. Die Sache ift fehr bezeichnend für das Vorherrſchen der Vorftellungen von gep= metriicher Regelmäßigfeit im griechifchen Geifte. Die jchiefe Stellung des Pol und ber parallelen Kreiſe der Geftirne zum Horizont beftimmte ihn zu der Annahme, urjprünglic; habe die Drehung 1) Ariſt. de anima I, 2 p. 404 b1 von Anaxagoras: mollayov ur ‚ap TO altıor toü xels xal OpFWs Toy voor Alysı. Anaxagoras jelbft (Mullach I, 249 fr. 6): zul öxoin Euelde Kosadaı zal öxoia nv xal a00« rũv Ratı zei Ixoia Zora, navıa ÖLEXOCUNMGE Yoog.
Auaxagoras begründet den Monotheiomus auf Aftronomiee 209 der Geſtirne parallel dem Horizont von Oft nach Weſt ftatt- gefunden, fonach habe die Drehungsaxe der Weltkugel ſenkrecht zu der oberen Fläche der Erde geitanden (welcher er die Geftalt einer flachen Walze gab); der Endpunkt diefer Are trifft die über dem Horizont jo ſich erhebende Kuppel in der Mitte (im Zenith). indem fih dann die Erdoberfläche gegen Süden neigte, erhielt der Pol feine jebige Stellung; und zwar geichah es gleich nach dem Auftreten des organiichen Lebens auf der Erdoberfläche. Die Berichterftatter ſetzen die in Beziehung zu dem Entſtehen ver- fchiedener Klimate und bemohnter im Gegenſatz zu unbewohnbaren Erdſtrichen 1). | Die Vorftellung des Anaxagoras, wie nun durch den Um⸗ ſchwung, welchen der Nus in der MWeltmaterie herborbrachte, die Geftirne und ihre Bahnen entftanden, ift ſehr unvollfommen. Man fieht auch Hier, wie in der Atomiſtik: aus einzelnen Prämiffen, welche der modernen Wiſſenſchaft konform find, entipringen noch feine entiprechenden Ergebniſſe, da andere nothiwendige Prämiffen fehlen und faljche aus dem Sinnenjchein abſtrahirte phyfilalijche Borftellungen dafür eingejeßt werden. — Das im Anfangszuftande des Anaragora® Gebundene wird durch die Umdrehung aus⸗ einanbergeriflen, und feiner Natur folgend, fteigt nun das Warme, Glänzende, Feuerartige, das Anaragorad als Aether bezeichnet, aufwärt3; aus der Atmofphäre ſetzt ſich niederwärts das Tylüffige ab, aus diefem das Feſte, welches nach einer weiteren Grund» 1) Diels 337 f. die parallelen Stellen des Plutarch und Stobäuß, vgl. Diog. I, 9. Daß bie Erde nad Anaxagoras fich gegen Süben geneigt habe, nicht umgekehrt Himmeldare und Pol eine Neigung ausführten, muß nach dem Wortlaut der parallelen Stellen und den Angaben über bie entiprechende Theorie der Atomiften angenommen werden. Humboldt, Kosmos 3, 451 ſcheint die Stelle auf die Schiefe der Ekliptik zu beziehen. „Das griechiiche Alterthum“, jagt er, „ift viel mit der Schiefe ber Efliptit beichäftigt getweien...nach Plutarch plac. II, 8 glaubte Anaragorad: „dab die Welt, nachdem fie entftanden und Iebende Weſen aus ihrem Schooße hervorgebracht, fich von jelbft gegen die Mittagsfeite geneigt habe”...„Die Entftehung der Sciefe der Ekliptik dachte man fich wie eine kosmiſche Begebenheit.” Dies Mißverſtändniß ift wol durch die Beziehung dieſer Neigung ber Erdfläche auf die Entftehung ber Klimate entftanden.
Dilthehy, Ginleitung. 14 210 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
vorftellung dem Rubezuftand zuſtrebt. Don diefem Sinkenden reißt der Umſchwung Theile ab, welche nun ala Geflirne rotiren.
Nun tritt aber erft die Lebensfrage diefer Kosmogonie hervor. Anaragoras hatte vor Allen die Aufgabe zu löfen, die ihm be= fannten Bewegungen am Himmel zu erklären, welche fich der täg« lichen allgemeinen Drehung nicht unterordnen laſſen: fo die jährliche Bewegung der Sonne, die Mondbahn, die jo unregel- mäßigen jcheinbaren Bewegungen der anderen ihm befannten MWandelfterne. Er erklärte diefe Bewegungen mechaniſch, indem er in dem Gegendrud der durch den Umſchwung dieler Geftirne zu⸗ jammengepreßten Luft eine dritte kosmiſche Urſache einführte?).
Hier war der Punkt, welcher diefe groß gedachte Kosmogonie des Anaragoras ſchon im Zeitalter Platod nicht mehr möglich) ericheinen ließ. Die genauere Kenntniß der Icheinbaren Bahnen der fünf mit bloßem Auge ficätbaren Planeten, deren Zahl in Platos Zeit ſchon beftimmt ift, Tieß die Erklärung aus dem Gegen- drud der Luft ald ganz unzureichend erfcheinen. Und fo erfuhr die monotheiftiiche Metaphufit des Anaragorad eine bemerkens- werthe Umgeftaltung.