SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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Die eine Richtung ſchied von der Eigenbeiwegung der Planeten die gemeinjame tägliche Berwegung des ganzen Himmels in der Ebene des Aequatord als eine fcheinbare aus und führte dieſelbe auf eine tägliche Berwegung der Erde zurüd. In Folge hiervon brauchte fie nicht diefe Eigenbewwegungen der Planeten einer ge= meinfamen Drehung einzuordnen. Die andere Richtung erjann einen. ungeheuren Mechanismus, vermittelft deilen innerhalb der gemeinfamen Bervegung des Himmeld die zulammengejeßte Be— 1) Dies ıft von Sonne und Mond überliefert. Es darf aber wol angenommen werben, daß er auch die anderen von ihm wahrgenommenen unregelmäßigen Bewegungen am Himmel auf dieſelbe Urſache zurückführte, welche er in Bezug auf Sonne und Mond annahm. Planeten ala ihren Ort wechjelnde Geftirne unterfchieden er und ſeine SZeitgenofien, Arift. meteorol. I, 6 p. 342 527, und aus ihrem Zujammentreten extlärte er bie Kometen. Aber noch Demokrit Tannte ihre Zahl und ihre Bewegungen nicht genauer, Seneca nat. quaest. 7, 3. Vgl. Schaubach Anax. fr.

Urſachen der Veränderung biejer Theorie. 211 wegung der Wandelfterne hervorgebracht würde, und fie gab dem entfprechend die Annahme einer einzigen und einfachen Kraft für die Erklärung dieſes Syſtems von Bewegungen auf. Das erftere thaten Pythagoreer zuerft; in den fragmenten des Philolaus haben wir dieje kosmiſche Anficht vor und. Das zweite that die aſtronomiſche Schule, an welche ſich Ariftoteles anfchloß, und theils auf dieſe theila auf den neuen Verſuch des Hipparch und Ptolemäus ſtützte ſich dann die dad Mittelalter beherrichende Metaphufil. So wurde alfo diefe herrſchende europäifche Metaphyſik weiter in der Ausbildung ihrer Vorftellung von der die Geftirn- welt bewegenden Kraft durch Zerlegung der verwidelteren Bahnen der Planeten geleitet. Diefe Zerlegung geſchah nach der Regel der aſtronomiſchen Forſchung, die jchon Plato formulirte: geht man von den Bahnen aus, welche die Wandeljterne am Himmel be- fchreiben, jo find die gleichmäßigen und regelmäßigen Bewegungen zu fuchen, welche die gegebenen Bahnen erklären, ohne den That- ſachen Gewalt anzuthun!). Die Formel der Aufgabe fchließt die richtige Faflung von Problem und Methode, zugleich aber auch jene willfürliche Vorausſetzung über die Bewegungen in fich, welche die alte Aftronomie an die Zurüdführung auf Kreigbemegungen feftnagelte. Indem dieje Yormel angewandt wurde, wandelte fich die anaragoreifche Lehre vom meltbewegenden Nus um in bie ariftoteliiche von einer Geifterwelt, in welcher unter dem erjten ‚Die volllommene Bewegung der Firiternfphäre unmittelbar bewir⸗ fenden, unbewegten Berveger die Drehung der anderen zahlreichen Sphären von eben jo viel ewigen und unklörperlichen Weſen ber- vorgebradht wird.

1) Bericht des Sofigenes bei Simplic. zu de caelo Schol. p. 4980 2 TIvay vnotedeoav Öualoy xal Terayulvav xıynaewv diaawsn Ta TEE) Tas ynasıs TÜV NIAYMUEIWY (pasyoueve, 212 Zweites Buch, Zweiten Abfchnitt.

Drittes Kapitel.

Die mechaniſche Weltanficht durch Leufipp und Demolrit begründet. Die Urfachen ihrer vorläufigen Machtloſigkeit gegenüber ber monotheiftiichen Metaphyſik.

Vergeblich ftellte ſich damals diefer großen Lehre von dex dag Weltall zweckmäßig betvegenden Vernunft die atomiftifche Welt- anficht in den Weg, welche Leufipp und Demofrit begründet haben, und die durch Epikur und Lukrez zu Gaflendi und den modernen Theorien einer bloßen Mechanik von Maſſentheilchen binüberreicht. Unter den Gründen, welche dem Einfluß des Demokrit in feiner - Beit entgegenftanden, befand fich gewiß in erfler Linie, daß von feinen Prämifien aus damals eine genauere Erklärung der Bewe⸗ gungen der Weltlörper ganz unmöglich war.

63 ift dargelegt worden, wie mit der allgemeinen Lage der griechiſchen Wiflenfchaft nach dem Auftreten der parmenideilchen Metaphufit die Theorie der Maſſentheilchen entjtand; fie war re= präfentirt von Empedocles, Anaxagoras, Leufipp, Demokrit!). Auch kann noch feitgeftellt werden, wie die atomiftilche Theorie der zwei lebtgenannten Denker zunächft in metaphyfiſchen Betrady- tungen begründet war. Denn Leufipp und Demofrit beweilen ihre Theorie, unter der Vorausſetzung der Realität von Bewegung und Theilung, aus dem eleatifchen Begriff von dem Sein als einer untheilbaren Einheit Jowie aus der mit ihm verbundenen Leugnung von Entftehen und Vergehen 2): fo leiten fie das Atom und den leeren Raum ab., Wir ſuchen die Bedeutung der atomiftifchen Theorie in ihrer damald von Leufipp und Demokrit erfundenen Geftalt ung deutlich zu machen. Wir jehen dabei ganz von ihrer eben hervorgehobenen metapbyfilchen Begründung ab und jondern die Betrachtung ihres allgemeinen wifjenjchaftlichen Werthes von der ihrer Benußbarkeit in der damaligen Lage der Willenichaft.

— Danernde Bebeutung ber Atomiftil. 213 Diefe atomiftifche Theorie, wie fie nun Leufipp und Demokrit begründen, tft, nach ber ſcientifiſchen Brauchbarkeit be- meſſen, die bebeutendfte metaphyfiihde Theorie bes ganzen Altertfums. Sie ift der einfache Ausbrud der Anforde rung des Erkennen? an feinen Gegenitand, für das Spiel der Deränderungen, des Gntftehend und Vergehens ftätige, ſtand⸗ haltende Subftrate zu haben. Dies erreicht die atomiftifche Theorie, indem fie mit natürlichem Sinne den Vorgängen von Theilung und Zuſammenſetzung der Einzeldinge, von fcheinbarem Verſchwin⸗ den eines Dinges im Wechſel des Aggregatzuftandes und dem Wieder: ſichtbarwerden desſelben folgt; fo gelangt fie zu Heinen Dingen, Subſtanzen, welche ala ftätig raumerfüllend untheilbare Ganze find. Denn wenn bie Zerreißung eines Dinges als darum möglich vorgeftellt wird, weil dies Ding aus diskreten Theilen befteht, fo bilden die Grenze diefer Zerlegung heile, welche darum nicht mehr trennbar. find, weil fie nicht mehr aus diskreten Theilen zufammengefeßt find. Die atomiftifche Theorie kann alddbann die untrennbaren Einheiten als unveränderlich) beſtimmen, gleich- fam als die wahren parmenideilhen Subftanzen; benn Ber- änderung ift ihr nur durch Verfchiebung von Theilen erflärbar. Sie kann endlich, was der wahre Sinn aller ächten Atomiftif iſt, das anſchauliche Bild von Bewegungen im Raume, Entfernungen, Ausbehnungen, Maflen auf dieje Welt des Kleinen, welche ſich der Sichtbarkeit entzieht, übertragen. Zu den Beftandtheilen dieſes anjchaulichen Bildes gehört auch ber leere Raum; denn bevor wir von der At—⸗ mofphäre zuxeichende Begriffe ausbilden, glauben wir die Dinge in ihn ausweichen zu jeben, und auch nad Berichtigung dieſer Vorſtellung können wir Bewegung nur vermittelit diejes Hilfs⸗ begriffs eines Leeren benfen, in welches die Objekte ausweichen. Dieſe einfache Anſchaulichkeit vollendet ſich durch zwei weitere Theoreme: jede Wirkung, die im Kosmos ftattfindet, wird auf Berührung, Drud und Stoß zurüdgeführt; dem entjprechend wird jede Veränderung auf die Bewegung der fich gleichbleibenden Atome im Raume reducirt, und ſonach werden alle Eindrüde von 214 Zweite Buch. Zweiter Abfchnitt.

Qualitäten außer Dichtigkeit, Härte und Schwere der Sinnes- empfindung zugewieſen und den Objekten abgeiprochen!). ine ſolche Betrachtungsweiſe mußte dem mit den finnlichen Objelten beichäftigten Verſtande zufagen, wenn fie auch zunächſt mur den Werth einer Metaphyſik hatte, jo lange ihre Anwendbarkeit auf die Probleme der Naturwiſſenſchaft noch eine jo geringe tar. Daher ift fie, nachdem fie einmal da war, dem griechiichen Denken nicht wieder verloren gegangen.

Aber dieje atomiftische Theorie konnte andrerjeitd zu der Zeit de3 Leufipp und Demokrit nicht zur Herrichaft gelangen, da die Bedingungen für ihre Verwerthung zur Erklärung der Phänomene fehlten. Die Bewegungen der Maflen im Weltraum bildeten da3 Hauptproblem der Naturtiffenichaft jener Tage, und feit dem Auftreten des Anaxagoras war immer mehr die Unterfuchung der Planeten in den Vordergrund getreten. Trotzdem lehnt ſich Demokrit in enticheidenden Punkten der aſtronomiſchen Konftruftion noch an Anaragora an, deilen Theorie fih doch als nicht ausreichend erweiſen mußte. Ja Demokrit befaß überhaupt in feinen Vorausſetzungen feine Mittel aftrono- milder Erklärung.

Nimmt man an?), er habe den Tall der Atome im leeren Raume von oben nad unten in Folge ihrer Schwere und 1) An diefem wichtigen Punkte fam Protagoras der genaueren Be: gründung der Atomiftit zu Hilfe.

2) So Zeller I? 779. 791, deſſen Auffaffung beflimmend geweſen ift (3. B. Lange, Geichichte des Materialigmus I®, 88ff.). Ich fann nur anbeuten, warum feine Gründe mich nicht Überzeugen. Die Stellen Arift. de caelo IV, 2 p. 3085 35, Theophraft de sensibus 61. 71 (Diels 516 ff.) erweiſen nur die im Tert angegebenen Säße Über Atomverbindungen. Aber man ift nicht berechtigt, Gewicht und fenkrechten Fall von biefen zuſammenge⸗ jegten Körpern auf das Verhalten ber im divos freifenden Atome zu übertragen. Vermeidet man dies, fo find ſolche Stellen in Einklang mit denen, welche ben jentrechten Fall ber Atome ala Anfangdzufland aus⸗ ſchließen und als ſolchen ben divos ftatuiren: Arift. de caelo III, 2 p. 300 58. Metaph. I, 4 p. 985 b 19. Theophraft bei Simplic. in phys. f. 7r6 ff. (Diela 483 |.) Diogenes Laert. IX, 44. 45. Plutarch plac. I, 23 mit Parallelft. (Zield 319) Epicur. ep. 2 bei Diogen. Laert. X, 90. Eicero de fato 20, 46.

Geringe Benutzbarkeit in der damaligen Lage ber Wiflenichaft. 215 da8 proportionale Verhältniß der Geſchwindigkeit dieſer ihrer Fallbewegung zu ihrer Mafle als Vorausſetzungen für die Er- Härung des Kosmos betrachtet, demnach eine zujammenhängende mechanische Anficht entworfen: dam erjcheinen die von ihm be= nutzten Crflärungsgründe ala "ganz unzureichend, das Mißver⸗ hältniß diejer Theorie zu der Erklärung des gedankenmäßig ge» ordneten Kosmos konnte in diefem Fglle doch faum etwas Anderes ala Lächeln in der mathematischen Schule Platos hervorrufen. Schon die Bahn eined geworfenen Körperd konnte zeigen, tie vorübergehend die Wirkung der einzelnen Anftöße von einander treffenden Atomen gegenüber der beitändig abwärts ziehenden Schwere jei.

Jedoch ift diefe Auffaffung der Nachrichten über Demokrit kaum haltbar. Demokrit blieb dabei ftehen, die etwige Bewegung der Atome im leeren Raume ſei durch ihre Beziehung zu dieſem bedingt. Den erften Bewegungszuſtand dachte er als eine Treijende Bewegung aller Atome, ald divos. In diefem Dinos ftoßen die Atome aneinander, verbinden fih und aus ihrer Anbhäufung bildet fi) ein Kosmos, der dann ſchließlich durch einen aus mächtigeren Maſſen beftehenden zertrümmert wird. Wo nun eine einzelne Atomverbindung entfteht, eriftirt innerhalb derjelben ein beftimmted quantitative® DVerhältnig der Atommaſſe zu dem in der Verbindung enthaltenen leeren Raume; hierdurch ift die Ver- ichiedenheit des Gewichts bei gleicher Größe bedingt, das Auf- fteigen der einen Atomverbindungen, dad allen der anderen von oben nad) unten, und zwar mit entiprechend verjchiedener Ge= ſchwindigkeit. Die Unbejtimmtheit und Fehlerhaftigfeit diefer Grund: vorftellungen mußte eine folche Bervegung der Atome ald ganz werthlos für die Welterflärung erjcheinen laſſen.

Nicht anders verhält es fich auf dem biologiichen Gebiet, auf welchem ein originaler Fortſchritt Demokrit’3 in Bezug auf Naturerfenntniß noch aus den Quellen erkennbar iſt: ift hier Doch Demofrit augenscheinlich der einzige namhafte Borgänger des Ari- ftoteled. Soviel der hier noch jo ungelichtete Zuftand der Yrag- mente und Nachrichten erkennen läßt, beftand das Verdienft Demo- 216 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.

krit's in der Ausbildung jorgfältiger beſchreibender Wiſſenſchaft, ja er verihmäht bier fogar nicht, den Thatbeftand durch Vorſtellung eined DVerhältniffes von Zweckmäßigkeit zwifchen den Organen des thieriichen Körperd und den Aufgaben feines Lebens verftändlich zu machen.

Hieraus verftehen wir, was ſich nun ereignete. Die mono» theiſtiſche Metaphyfik Europas hat nicht nur die pantheiftifchen Glemente der alten Zeit, die in Diogenes von Apollonia fort- wirkten, fondern auch die mechanische Welterflärung als unge- nügende Konftruftionen zur Seite gefchoben. Jedoch hat fie nicht dermocht, diejelben zu vernichten. Die mechanische Weltanficht ſprach eine dem Berftande entiprechende Möglichkeit auß und blieb aufrecht, mit ſtarkem Bewußtſein ihrer im Rechnen mit den finnliden Thatſachen mwurzelnden Kraft; der Tag ihres Sieges brach freilich erſt an, als die erperimentellen Methoden fich ihrer bemächtigten. Die pantheiftiide Weltanfiht entſprach einer Gemüthslage, welche bald in der ftoiichen Schule ihre Erneuerung bewirkte. Aber ſtärker als dieſe beiden metaphyfifchen Grundanfidhten war der ſkeptiſche Geiſt. Er Hatte in der eleatifchen Schule Widerſprüche in den Grundvorftellungen der Phyſik des Kosmos entwidelt, welche von feiner Metapyſik auf: gelöft werden fonnten. Gr Hatte aus der Schule Heraklit's vermitteljt des Widerſpruchs im Werden einen Zummelplab des Skepticismus gemacht. Dieſer ſteptiſche Geift war mit jedem neuen metaphyſiſchen Verſuche gewachſen und über⸗ fluthete nun die ganze griechiſche Wiſſenſchaft. Er wurde be= günftigt durch die Veränderungen in dem fozialen und politifchen geben von Athen, da3 jeit Anaragoras die griechiſche Willenjchaft centralifirte. Er wurde gefördert durch eine Umänderung der wiſſenſchaftlichen Intereſſen, welche die Beichäftigung mit geiftigen Thatjachen, mit Sprache, Redefunft, Staat in den Vordergrund rüdte. Der Wiflenfchaft vom Kosmos trat unter diefen Umftänden der Anfang einer Erkenntnißtheorie gegenüber.

Blicken wir voraus. Welches wird unter diefen Umftänden das Schidfal ber monotheiftiihen Weltanſicht Jein?

Sieg der monotheiftiihen Metapbufit. 217 Die monotbeiftiiche Metaphyſik ift auch von der ffeptifchen Be- wegung nicht geftört worden; fie war unabhängig von den ein- zelnen metaphyſiſchen Pofitionen in der Anſchauung bes gedanken⸗ mäßigen Zuſammenhangs des Kosmos begründet; zudem war fie getragen don einer inneren Entwicklung des religiöfen Lebens; fo “wird fie auf der neuen von den Sophiften und Socrates ge- Ihaffenen Grundlage durch Plato und Ariftoteled vollendet werben. Es entiteht der höchſte Ausdrud, den der griechiiche Geift für den Zuſammenhang der Welt gefunden hat, welcher in der Anſchauung ala ichön, vor dem Erkennen ala gedankenmäßig fich darftellt.

Das wird gejchehen, indem fi) der monotheiftifche Grundge⸗ danfe mit einer neuen Beftimmung über das Weſenhafte ver- bindet, in welchem der Zufammenhang des Kos mos gefunden werden Tann. Sucht man das wahrhaft Seiende, fo bietet fich ein doppelter Weg. Die veränderliche Welt „kann einerjeit? in fonftante Beitandtheile zerlegt werden, deren Relationen fich ändern, andrerſeits kann die Konftanz in der Gleichförmigkeit gefucht werden, welche das Denken in dem Wechfel jelber auffaßt. Und zwar wird zunächſt diefe Gleichförmigkeit in den Inhalten ge= funden, wie fie in ber Wirklichkeit wiederfehren. Lange Zeiten werden vergehen, in welchen die menjchliche Intelligenz vorwiegend auf dieſer Stufe des Erkennens verhartt. Dann erft, in Folge einer tiefer greifenden Zerlegung der Erfcheinungen, findet fie die Regel der Veränderungen in dem Gele, und damit ift die Möglichkeit gegeben, für dieſes Geſetz in den konftanten Beſtandtheilen Angriffe- punkte zu finden.

Aber was auch geichieht, jeder Geftalt des europäiſchen Denfend folgt das ſkeptiſche Bewußtſein der Schwierigkeiten und Wider- iprüche in den grundlegenden Vorausſetzungen. Immer wieder beginnt die Metaphyſik, unermüdlih, an einem tiefer gelegenen Punkte der Abftraftion von Neuem die Arbeit des Aufbaus. Werden nicht auch da jedesmal die Schwierigkeiten und Wider: iprüche, welche die Metaphyſik begleiten, nur in einer noch ver= widelteren Weije wiederkehren?

218 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.

Viertes Kapitel.

Zeitalter der Sophiſten und des Socrates. Die Methode der Feſtſtellung des Erkenntnißgrundes wird eingeführt.

Seit etwa der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Chriftus fand eine intelleftuelle Ummälzung in Griechenland ftatt, welche die Geifter jo tief bewegte, wie feine Veränderung der Ideen jeit dem Borgang der Entftehung der Wiſſenſchaft jelber.

Mit jedem neuen metaphufiichen Entwurf war der ffeptijche Geiſt gewachſen und machte ſich nun mit fouveränem Bewußtſein geltend. Die fozialen und politiichen Veränderungen verftärkten das Gefühl der Independenz in den Individuen. Sie bewirkten einen Wechjel in der Richtung der Intereſſen, durch welchen die Zechnif der mit dem Staatdleben zufammenhängenden Thätigfeit innerhalb der gefellichaftlichen Wirklichkeit in den Vordergrund trat. Sie riefen eine glänzende, die Aufmerkſamkeit von ganz Griechen- land wie durch Zauber auf fich ziehende Berufsklaſſe in das Leben, die Sophiften, welche dem neu entftandenen Bedürfniß durch einen höheren Unterricht für die politiichen Gejchäfte entiprachen. Die geiftige Welt begann den Griechen neben der Natur aufzu= gehen.

Im Beginn diefer Erſchütterung aller wiſſenſchaftlichen Be- griffe ſprach Protagoras, der leitende Kopf diefer neuen Berufs- Hafje vor Gorgiad, die Formel der Zeit aud. Der Relativismus, welchem diefe Formel Ausdruck gab, enthielt den erjten Anſatz einer Erfenntnißtheorie.

Der Menſch ift „da® Maß aller Dinge, der feienden, tie fie find, der nichtjeienden, wie fie nicht find“; fo lautete es in dem berühmten Anfang jeiner philofophifchen Hauptichrift. Was einem jeden erjcheint, tft auch für ihn. — Über diefe Sätze des Pro- togora® müfjen in Bezug auf die Grenzen genau aufgefaßt werden, in denen fie mit Sicherheit aus den dürftigen Reſten nachgewieſen werden können. Sie find nicht der Ausdruck einer allgemeinen Theorie des Bewußtſeins, welcher jede in demſelben gegebene Protagoras. 219 Thatſache untergeordnet wurde. Sie enthalten baher nicht unjeren heutigen, kritiſchen Standpunkt. Vielmehr find fie mır die Formel für feine geniale Wahrnehmungslehre, die ſich augenscheinlich unter dem Eindrud der medicinischen Betrachtungen feiner Zeit entwidelt Batte, und fie beichränten fih im Zuſammenhang derjelben auf die prädilativen Beftimmungen über die Außenwelt, dagegen ftellen fie nicht die Realität einer joldden in Frage. — Wir erläutern das näher. Der Oberjab des Schlufjes, welcher zu feiner Formel führte, war: Willen ift äußeres Wahrnehmen. Wir können nicht mehr feftitellen, ob dieſer Oberfat die von ihm nicht aus⸗ drüdlic zum Vewußtſein gebrachte Vorausſetzung ſeines Stand- punktes war oder ob derjelbe von ihm in bewußter Klarheit Bingeftelt wurde. Der Unterja zeigte an dem Vorgang der Wahrnehmung, daß diefe von ihrem Gegenftand nicht getrennt werden könne, der Gegenftand nicht von ihr d. h. das Wahr- genommene Objekt nicht von "dem wahrnehmenden Subjekt, für welches es da if. So ift Protagorad der Begründer ber Theorie des Relativiamus, welche nachher von den Skeptikern fort- gebildet tuorden iſt). — Aber diefer fein Relativismus behauptete zwar von den Qualitäten der Dinge, daß fie nur in der Relation beftünden, dagegen nicht von ber Dinglichkeit ſelber. Süß, wenn man das Subjelt wegdenkt, welches die Süßigfeit ſchmeckt, ift nichts mehr; es beiteht nur in der Relation auf die Em: pfindung. Daß ihm aber mit diefer Empfindung des Süßen nicht das Objekt jelber verſchwand, zeigt feine nähere Theorie ber Wahrnehmung. Berührt ein Objekt dad Sinnesorgan und ver- hält fich fo jenes thätig, dieſes leidend: jo entfteht einerjeitö in diejem Sinnedorgan Sehen, Hören, die beftimmte finnliche Em- pfindung, andrerjeitd ericheint nunmehr dad Objekt ala farbig, tönend, kurz in verjchiedenen finnlichen Qualitäten. Dieje Er- HMärung des Vorgang? ermöglichte dem Relativismus bed Prota- goras erft eine Theorie der Wahrnehmung, und man fieht wol, 1) Schon Sextus Empiricus bezeichnet ihn als Relativiſten, adv. Math. VII, 60: ynot...rar noos rı elvas 179 dlndeıar.

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er fonnte nicht die Realität der Bewegung außerhalb des Subjeltes, durch welche die Wahrnehmung ihm entftand, zugleich wieder da⸗ durch aufheben, daß er alle Dinglichkeit jelber in Frage ftellte!). — Er entwidelte aladann die verichiedenen Zuftände des empfinden- den Subjekts und zeigte fo die Bedingtheit der Qualitäten des ericheinenden Objekts durch diefe Zuſtände. So ging aus feiner Wahrnehmungdlehre die Paradorie hervor, die Wahr- nehmungen jeien in Widerjpruch miteinander, jedoch alle gleid) wahr ®).

Diefer Relativismus bat in Verbindung mit dem Skepti⸗ cismus der Eleaten und Herafliteer Plato beftimmt, die Erkenntniß jenjeit der veränderlichen Phänomene aufzuſuchen; er konnte von Ariftotele8 muthig weggedrängt, doch nicht widerlegt werden; er behielt feine Anhänger und erjcheint nach Ariftoteles in der für die griechiiche Metaphyſik des Kosmos undurchdringlichen Rüftung der ſkeptiſchen Schule. " Biel geringer waren die'Schriften von Sophiften, welche aus ber negativen Richtung der eleatiichen Schule ſleptiſche Konſequenzen zogen. Eine ſolche war die nihiliftifche Brandſchrift des Gorgias „über das Nichtfeiende oder die Natur“. Sie bezeichnet ben äußerften Punkt, zu welchem eine gehaltlofe Skepſis fortging. Aber es ift wichtig feftzuftellen, daß die Borausfeßungen ber We: taphufit der Alten auch an diefem Punkte nicht überjchritten wurden. Wir haben keine Andeutung, daß Gorgiad die Phänome- nalität der Außenwelt behauptet hätte. Dies bat fein Grieche 1) Die Beziehung ber Wahrnehmungslehre des Protagoras auf Hera: it und die Erklärung ber Wahrnehmung durch ein Zufammentreffen ber Beivegungen, ſonach eine Berührung, erfcheint ſchon daburch gefichert, daB Protagoraz feinem Theorem nur durch ein Eingehen in den Wahrnehmunge: vorgang Anfchaulichkeit geben Tonnte, die Möglichkeit aber ausgeſchloſſen ift, baß er eine folche gegeben, Plato ihm aber eine ganz andere untergeichoben hätte. Sie wird beftätigt durch die Darftellung be Sextus Empir. hypot. I, 216f. adr. Math. VII, 60ff., welche nicht auf Plato ala ausſchließliche Quelle zurückgeführt werden kann (Zeller It, 984). Bon biefer Differenz abgejehen verweife ich auch auf die Darftellung bei Laas, Idealismus und Pofitivismus I, 1879.

Gorgias. Socvrates. 221 gethan; denn dies hätte in ſich geſchloſſen, daß ex von dem objek⸗ tiven Standpunft auf den des Selbftbewußtjeing über- getreten wäre, Vielmehr ſetzt der Streitiag des Gorgias eben vorauß, dab ein anderes Sein ala das der Außenwelt nicht beftehe. Gr hebt — ächt griechiich — daB Sein auf, indem er zeigt, daß die Außenwelt durch die Begriffe, welche in ihr ent« halten find, nicht gedacht werden fann. Und zwar thut er dies ver⸗ mittelft einer Vorausſetzung Über das Sein, welche ihn in der objek⸗ tiven Wiflenichaft vom Koamos ganz befangen zeigt. Er zerftört nämlich die Möglichkeit, daß dag Sein als anfang2lo8 und Eines gedacht würde, welche bie Eleaten übrig gelaffen Yatten, durch olgerungen aus der Räumlichleit de Seienden. So erjcheint dieſe Räumlichkeit des Seins ala die Vorausſetzung jeineg Denlens!). Dem entſpricht, daß er allem Seienden zumutbet, entiveder be⸗ megt „der rubend zu fein, Bewegung aber dann in dem Sinne iaft, dab fie Theilung einichließt. Der Gedanke liegt gar nicht in feinem Geſichtskreis, daß nach der Zerftörung der Begriffe, Dusch welche die Außenwelt gedacht werden kann, das Subjelt, in welchen twahrgenommen und gedacht wird, als Realität zurlickbleibe. So fieht man den Efepticiamus in diefem Kopfe an die Schranken de3 griechifchen Geiftes anftoßen: er durchbricht fie nicht.

Denn bevor die Selbftbefinnung in dem Subjelt felber eine feinem Zweifel unterworfene Realität aufdecte, ward Realität nur in der Vertiefung in den Naturzufammenbang aufgefucht. Wo daher Realität im Altertum geleugnet wurde, war dieſe Leugnung entweder mit dem tragiichen Bewußtiein der Trennung des Er- fennena von feinem Objekte verbunden oder mit dem frivolen Bewußtjein, welches mit dem Schein fpielte und fi in ihm ſonnte?).

1) Pf. Arift. de Melisso etc. p. 979» 21 ff.

2) Langes Auffafjung de Zuſammenhangs der griechilchen intellek⸗ tuellen Entwidlung gelangt zu der Antithefe: „wir haben oben gezeigt, wie abſtrakt genommen, der Standpunkt der Sophiften hätte weiter ent« widelt werden können, aber weun wir die treibenden Kräfte hätten nach weifen jollen, welche vielleicht ohne Dazwiſchenkunft der ſokratiſchen Reattion ſolches geleiflet Hätten, jo würden wir in Berlegenheit geratben.” Geſch.

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In der mächtigen intellektuellen Organifation des Socrates!) vollzog fi) eine tiefe und anhaltende Gedantenarbeit, durch melde im Zweckzuſammenhang des Erkennens eine neue Stufe erreicht wurde. Er fand in der Sophiftit daß prüfende, zweifelnde Sub- jet vor, welchem gegenüber die vorhandene Metaphyſik nicht Stand bielt. In der ungeheuren Erjchütterung aller Borftellungen fuchte er einen Halt; durch dieſes Pofitive in feiner großen wahrheits⸗ durftigen Natur jchied er fih von den Sophiſten. Er zuerit wandte beharrlich die Methode an, von dem vorhandenen Willen und Glauben der Zeit auf den Rechtsgrund jedes Satzes zurüdzugehen‘). Er jebte aljo an die Stelle eines aus genialen Aufftellungen ableitenden Verfahrens eine Methode, welche jede Aufftellung auf ihre logiſche Begründung zurüdführte. — Und zwar, wie in diejem griechifchen Volle auch das wiflenjchaftliche Leben ein öffentliches war, mußte die ein- fachfte, nächftliegende Form von Unterſuchung des Rechtögrundes für die umherſchwirrenden Meinungen die Frage nach diefem Rechts⸗ grunde fein, welche ben Gefragten nicht losließ, bis er das Letzte d. Materialiamus 1,43. So wären nach Lange bie Prämifien der modernen Erkenntnißtheorie im fünften Jahrhundert vor Chriſtus dageweſen: nur bie Perſonen fehlten, welche die Konſequenz gezogen hätten!

1) Die kritiichen Schwierigkeiten, welche aus ber Verſchiedenheit zwifchen der Relation des Kenophon und dem platoniichen Bilde entipringen, löfen fich nicht zuxeichend vermittelfi des von Schleiermacher aufgeftellten unb feitdem von der Forſchung meift acceptirten Kanons (vgl. nebft Litt. bei Beller IL? 85 ff.), fondern indem man Platos NApologie des Socrates zur kritiſchen Enticheidung zwiſchen jener Relation unb den anberen plato: niſchen Schriften verwerthet. Die Bertheidigung hatte nur dann einen Sinn, wenn fie ein treued Bild des Socrates, mindeſtens in Bezug auf bie Gegenftände der Anklage, gab. Ziele Treue der Tarftellung ift alfo hier gewährleiftet, während fie in allen andren Werken Platos nur durch eine der Diskuffion mehr auageiebte Unterfuchung fetgeftellt werben kann.

2) Ueber diejen fundamentalen Thatbeftand befteht Einigkeit zwiſchen ber direkten Darftellung in der Apologie, ber ganzen Stellung die Plato feinem Socrates giebt, und der Hauptftelle des Xenophon über das Ber: fahren des Socrate® Memorab. IV, 6, vgl. bei. bafelbft $ 138 2m mw unoseoıw Inaviytv @v navıa 1ov Äöoyovr und 14 ovrw di av Aoyay Inavayouevwy za rois avrıllyovav alrois yarspcv Eyiyrıro TalndE. Er ſuchte aoyalsınvy Aöyov ($ 15).

Socrates geht auf den Erkenntnißgrund zurüd. 223 gefagt Hatte: das ſokratiſche Geſpräch!)y. In ihm wurde dad analytijche, auf den lebten Erkenntnißgrund des wiſſenſchaft⸗ lichen Beitandes, ſchließlich der wiflenfchaftlichen Weberzeugung überhaupt zurücigehende Verfahren in ber Gefchichte der Intelli⸗ genz entbunden. Und daher ward died Geſpräch, nachdem der unermüdliche Frager durch feine Richter zum Schweigen gebracht worben, zur Kunſtform der Philofophie feiner Schule. — Indem er jo die vorhandene Wiſſenſchaft, die vorhandenen Weberzeu- gungen auf ihren Rechtsgrund prüfte, wies er nad), daß eine Wiſſenſchaft noch nicht vorhanden fei und zwar auf feinem Gebiet”). Bon der ganzen Wiflenichaft des Kosmos hielt vor feiner Methode nur die Zurückführung des zweckmäßigen Zu⸗ ſammenhangs im Kosmos auf eine weltbildende Vernunft Stand. Gr fand aber auch kein deutliched Bewußtſein der wiſſenſchaft⸗ lihen Nothwendigkeit auf dem Gebiet des fittlichen, des gejell- Ichaftlichen Lebens. Er ſah das Handeln des Staatsmanns, da Berfahren des Dichterd ohne Klarheit über feinen Rechtägrund und daher unvdermögend, ſich vor dem Gedanken zu rechtfertigen. Aber ex entdecte zugleich, daß gerecht und ungerecht, gut und böje, ſchön und Häßlich einen unwandelbaren, bem Streit der Meinungen enthobenen Sinn Haben. | Hier auf dem (Gebiete des Handelns gelangte die Macht der Selbftbefinnung, welche mit ihm in die Gefchichte trat, zu pofitiven Ergebnifien. Der Erkenntnißgrund der Sätze und Begriffe auf diefem Gebiet liegt zunächft im fittlichen Bemwußtjein. Indem Socrates von den Allgemeinvorftellungen, die galten, den Säten, die herrichend waren, audging, prüfte er diejelben an einzelnen Fällen und dem Verhalten des fittlichen Bewußtſeins zu denjelben und fo, burch ent⸗ gegenftehende Inſtanzen Hindurch jchreitend, entwarf er fittliche Begriffe. Sein Verſahren beftimmte ſich daher Hier näher dahin, das fittliche Bewußtjein zu befragen, um an ihm ald dem Er⸗ fenntnißgrunde aus den Allgemeinvorftellungen Begriffe zu ent- 1) Diefer Zufammenhang mit fofratifcher Ironie vorgetragen Plat. Apol. p. 218 f., vgl. Xenoph. Diem. IV, 5 8 12. 2) PBlat. Apol. 22—24.

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wideln und zu rechtfertigen, welche das klare Maß für das bandelnde Leben fein konnten?).

Hat nun Socrated die Grenzen überjchritten, welche wir ala die des griechiichen Menſchen überhaupt bezeichnet haben? Auch der Selbftbefinnung des Socrates geht nicht auf, daß die Außen- welt Phänomen des Selbftbemußtjeind, daß und aber in diefem felber ein Sein, eine Wirklichkeit gegeben jei, deren Erkenntniß uns allererft eine unanfechtbare Realität aufdedt. Wol iſt dieſe Selbitbeiin- nung der tieffte Punkt, den der griechiiche Menſch in dem Rüdgang auf die wahre Pohitivität erreichte, wie das frivole Nichts des Gorgias die äußerfte Grenze bezeichnet, zu welcher fein ffeptiiches Verhalten gelangte. Sie tft aber nur der Rüdgang in den Erfenntnißgrund bes Wifſens; daher entſpringt aus ihr Logik ald Wiſſenſchaftslehre, wie fie Plato ala Möglichkeit jah und Ariftoteles ausführtee Im Bus ſammenhang hiermit fteht dann die Auffuchung des Erkenntnißgrun⸗ des für ſittliche Säbe im Bewußtſein: und aus ihr entipringt bie platonifchsariftotelifche Ethil. Daher ift dieſe Selbftbefinnung logiſch und ethisch; fie entwirft Regeln für die Beziehung des Denkens zum äußeren Sein in der Grienntniß der Außenwelt, für die Be- ziehung des Willens zu ihm im Handeln; aber noch ift in ihr feine Ahnung, daß im Selbftbewußtjein eine mächtige Realität auf- gebe, ja Die einzige, deren wir unmittelbar inne werden, noch weniger davon, daß alle Realität nur in unjerem Erlebniß gegeben fei. Denn dieje Realität wird für die metapbufiiche Befinnung erft vorhanden fein, wo der Wille in ihren Horizont tritt.

1) Bol. Xenophon's Relation der einzelnen Geipräche jowie die unbe holfene, aber wahrhafte Charakteriſtik des Verfahren? von Socrates IV, 6, nach welcher er fittlicye und politiiche Syragen durch Zurädführung auf Begriffe, welche an dem Erkenntnißgrund des fittlichen Bewußtſeins erwieſen wurden, zur Enticheidung brachte. Hierbei ift bie befondere Natur dieſer Berthbegriffe, welche Sätze in fich fchlieken, zu erwägen. DBgl. weiter Aris ftoteles (Stellen b. Bonit ind. Arist. p. 741); wenn diefer Metaph. XI, 4 p. 1078% 27, dem Socrates Induktion und Begriffsbefiimmung (nicht wur die letztere) zufchreibt, jo muß berüdfichtigt werden, daß derſelbe ein analytifches Berfahren als Beitandtheil der logiſchen Operation nicht kennt unb darum das ganze Verfahren bed Socrates ber Induktion unterordnen muß.

Fortſchritt der Methode der Metaphyſik in Plato. 295 Fünftes Kapitel. Plato.

Vermittelft der neuen Methode des Socrates geſtaltete Plato die Wiſſenſchaft vom Kosmos, von ſeinem gedankenmäßigen Zu⸗ ſammenhang und feiner vernünftigen einheitlichen Urſache fort. Sp entitand die dem wiſſenſchaftlichen Ergebniß de Socrates entiprechende Metapbyjitala Bernunftwiffenichaft. Nur diefen Bortihritt in dem Erkenntnißzuſammenhang heben wir aus feinen Schriften heraus, dem Zauber derjelben hier widerſtehend, ber gerade aus der Berjchmelzung folder Sätze mit den Empfindungen eined von der Schönheit der griechiichen Welt gejättigten Genius entipringt.

Fortſchritt ber metaphyſiſchen Methode.