Der Fortſchritt ift im der ſokratiſchen Schule vollzogen, Wiſſenſchaft, damals fagte man: Philofophie, ift nun nicht mehr Ableitung von Grjcheinungen aus einem Prinzip, ſondern ein Gedankenzufammenhang, in welchem der Sat durch feinen Er⸗ fenntnißgrund gemwährleiftet ift. Diefem logiſchen Be— wußtſein Platos erjcheinen alle Denker vor Socrates wie Märchen- erzähler. „Jeder, ſcheint es, Hat uns fein Geſchichtchen erzählt, wie Kindern. Der Eine: bdreierlei wäre daß Seiende, bisweilen Einiged davon unter einander im Streit, dann wieder Alles fich befreundet, da e8 bann Hochzeiten giebt und Zeugungen und Auf- erziehen des Erzeugten. Ein anderer nimmt der Dinge zwei an, feucht und troden oder warm und kalt, macht ihnen ein gemein= ſames Bett und verbeirathet fie. Unfer eleatifches Volt aber vom Xenophanes und noch früher her trägt feine Geſchichte jo vor, ala ob das, was wir Alles nennen, nur Eine wäre“ ’). Im % 1) Plato, Sophiftee 242 cD. Dal. die verwandte Schilderung Theätet 180f. und den entiprechenden Uebergang zu der Aufgabe, von ben Behauptungen ber älteren Schulen auf die Erfenntnißgründe berfelben zurückzugehen.
Dilthehy, Einleitung. 15 226 Zweites Bud. Zweiter Abjchnitt.
Gegenſatz hierzu ift dem Schüler des Socrates dad Merkmal wirklicher Erkenntniß der Zufammenhang des Satzes mit dem Erfenntnikgrund. und die duch ihn bedingte Dentnoth- mwendigfeit!) Dieſer Erfenntnißzufammenhang nach Grund und Folge gelangt daher nun als das die Wiflenichaft Kon ftituirende zum Bewußtſein. Und zwar richtet der organija- toriiche Geift Platos nicht wie Socrate® an die, welche er auf dem Marfte findet, fondern an die Märchenerzähler der vergangenen Tage indgemein, „ala ob fie jelbft zugegen mwären*, die ſokratiſche Trage nad) dem Zuſammenhang der von ihnen behaupteten Süße mit dem in dem Bewußtſein Feſtſtehenden?). Er fragt kraft der ſokratiſchen Methode: der Dialog ift daher feine Kunftform, die Dialektik feine Methode, Socrates ift der Führer des Geſprächs, den feine Feinde tödteten, um feine ragen verftummen zu machen, und den nun Plato an diefen Yeinden rächt.
Ja indem diejer organifatoriiche Geift die Mathematik der Zeit in feiner Schule zufammenfaßt und dieſe Echule zu einem Mittelpunkt der mathematifchen Gedanfenarbeit macht, indem er die mathematifche Naturwiſſenſchaft, insbeſondere die Aftronomie in Be- zug auf ihren theoretifchen Werth und ihre Evidenz prüft: bringt der Begriff einer Rechenſchaft über unſer Willen die erfte Einſicht in die zufammenhängende Organijation der Wijfenjhaften vom Kosmos hervor. Die Philojophie empfängt nun die Auf- gabe, von den Vorausſetzungen, welche in jenen Wiflenichaften nod) ohne Rechenichaft über ihre Giltigkeit eingeführt werden, zu den erften Erkenntnißgründen zurüczugehen, welche diefe Rechenſchaft enthalten 3). Und fo entjteht in Plato ein Mares Bewußtſein über das Problem, deilen Lölung nach der formalen Seite die griechifche 2) Sophiftes 243 ff. XTheätet 181 ff.
$) Bolitie VI, 511 entwirft, zum eriten Mal in der Geichichte ber Miflenichaften, dieſes Problem der Wiffenfchaftälehre; aladann wird Politie VII, 523—534 eine Ueberficht diefer pofitiven Wiffenfchaften gegeben, und aus ihr das Problem ber Dialektik abgeleitet: „die dialektiſche Methode allein geht, die Vorausfegungen (vrro9ELosıs) aufhebend, gerade zum Anfang ſelbſt, damit dieſer feft werde" (533 0).
Diefer Fortichritt befteht i. d. methodifchen Schluß auf Bedingungen. 227 Wiflenichaftslehre, nach der realen die griechiiche Metaphyſik geweſen ift. Dieſe beiden grundlegenden philoſophiſchen Wiſſenſchaften find in dem Geiſte Platos noch ungetrennt, und fie find auch für Ariftoteled nur zwei Seiten defjelben Erkenntnißzuſammenhangs. Plato bezeichnet diefen Erkenntnißzuſammenhang ala Dialektik.
So tritt diefe Rechenfchaft über das Willen in die biäherige Forſchung ein, welche auf die erſten Urjachen gerichtet war. Das Erkennen fucht die thatfählihen Bedingungen, unter deren Annahme da8 Sein wie dad Willen, der Kosmos wie das fittlide Wollen gedacht werden können. Diefe Be- dingungen Tiegen für Plato in den Ideen und ihren Be- jiehungen zu einander; die Ideen ftehen nicht unter der Rela= tivität der finnlihen Wahrnehmung und werden nicht von den Schwierigfeiten einer Erkenntniß der veränderlichen Welt berührt; fie treten vielmehr neben die Erfenntniß der ruhen den, fi) immer gleichen und typiſchen räumlichen Gebilde und ihrer Beziehungen fowie der Zahlen und ihrer Ver— hältniffe. Gleich ihnen werden fie in der Veränderlichkeit der Melt nirgend als einzelne äußere Objekte gejehen, find aber in ihrem typiſchen Beflande die für den Verftand darftellbaren, einer ftreng wiſſenſchaftlichen Behandlung zugänglichen Bedingungen, welche Dafein und gleicherweile Erfenntniß der Welt möglid) machen?).
Die revolutionäre Erſchütterung der europäifchen Wiſſen⸗ ichaft hat jo zu einer höheren Stufe des methodijchen 1) Bolitie VII, 5278 wird die Meßkunſt ala eine „Wiflenichaft des immer Seienden“ bezeichnet und dem entiprechend neben die Entwidlung ber Ideen geflellt. Die rein theoretiiche Gedankenarbeit Platos ift von der Mathematik als bex damals ſchon konftituirten Wiflenichaft geleitet. Iſt ihm zunächſt die Zahl das finnliche Schema des rein Begrifflichen, ſo drängte die Konſequenz ſeines Syſtems zu einer Unterordnung der mathe- matifchen Größen und der Ideen unter einen gemeinfamen Begriff, welcher dann ber allgemeinfte Ausdruck der Bedingungen für die Denkbarkeit der Welt wäre. Dielen fand er jpäter in einem abftratteren Begriff von Zahl: dem entiprechenb unterfchieb er zwiſchen Zahlen im engeren Verſtande, welche aus gleicyartigen Einheiten befiehen, jo daß jebe diefer Zahlen von der anderen nur der Größe nach verfichieben ift, und ben Idealzahlen, deren jede von der anderen ber Art nach unterichieben ift.
228 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt.
Dentens geführt; wir bezeichnen das Verhäliniß diefer Stufe zu den älteren Berfuchen, weldye wir nunmehr hinter una lafien.
Die Mittel zu den bisherigen intelleltuellen Fortſchritien lagen, wie die Entwidlung feit Thales zeigt, in der Erweiterung der Erfahrung und der Anpaflung von Erklärungen an beren Thatbeftand. Das Berfahren des Denkens, welches die Geichichte der Wiflenjchaften Hierbei gewahren läßt, ift ein Ginjeben von Vorausſetzungen (Subflitution), aladann eine verſuchsweiſe Be— nußung derſelben; unvolllommene Erflärungen geben beftändig in großer Zahl zu Grunde, wie wir denn diefe Grauſamleit des Zweckzuſammenhangs gegenüber der mühſamen Arbeit der Indi⸗ viduen befländig um und ausgeübt. jehen und jelber von ihr be- droht find; lebensfähige dagegen paſſen fidh den Anforderungen an Erkenntniß der Wirklichkeit ſchrittweiſe an und bilden fich fo fort. So haben ſich die Atomtheorie und die Lehre von den fubflan= tiolen Formen allmälig entwidelt. Und als Grundlage biejer Einordnung der Erfahrungen unter lebenzfähige Erklärungen wird, wenn auch noch in befcheidenem Umfang, die Mathematik bereits benußt. — Nun beftehen die Erklärungen der Wiſſenſchaft bis zu der in Plato vollzogenen Umwälzung nur in einem unmethodifchen Schlußverfahren auf Urſachen, auf einen urſächlichen kosmiſchen Zufammenhang. Bon Plato ab ift Erklärung der methodijche Rüdgang auf die Bedingungen, unter welchen eine Wiſſen⸗ Schaft vom Kosmos möglich if. Diele Methode geht von der Korre- ſpondenz des Erfenntnißzufammenhangs mit dem realen Zufammen- hang im Kosmos aus. Daher fie, auf der Bafiz der natürlichen An⸗ ficht, diefe Bedingungen zugleich in irgend einer Weife als Urfachen (ſonach ald Vorausſetzungen, Prinzipien) betrachtet. — Wird biefe Form des wiffenichaftlichen Verfahrens für fich Dargeftellt, jo ſondert fich die Logik von dem metaphyſiſchen Eyftem jelber, wenn auch beide vermittelft der Vorausſetzung der Korrejpondenz mit einander in innerer Verbindung bleiben. Dieſen Schritt follte erſt Ariſtoteles thun, und damit verfchaffte er diejer auf dem Boden der natürlichen MWeltanficht errichteten Metaphyſik erft volle Klarheit über ihr Ver- fahren. Seine Logik ift demgemäß nur die Darftellung der Yorm der eben dargelegten volllommneren Methode der Metaphyſik.
Die Ideen ala denknothwendige Bebingungen. 229 Die Lehre von den fubftantialen Formen des Kos— mos tritt in die monotheiftiifhe Metaphyſik ein.
Und welches find nun die Prinzipien, welche dieſe Rechen- ſchaft über unſer Willen auffindet und deren Enwicklung das letzte Ziel der platoniſchen Wiſſenſchaft ift?
Die Metaphyſik Europas thut nun auch in Rüdficht ihres Inhaltes einen weiteren enticheidbenden Schritt. Die FTonftanten Bedingungen der veränderlichen Welt konnten in der damaligen Lage der Wiſſenſchaft, in welcher Vorftellungen, wie die von ber Urſprünglichkeit und Bolllommenheit treisförmiger Bewegungen am Himmel oder von dem Streben jedes durc Stoß bewegten Körper? auf der Erde nad) jeinem Ruhezuftand noch nicht durch eine beharrliche, vom Verſuch unterftüßte Arbeit der Zerlegung fomplerer Zuſammenhänge in die einzelnen Berhältnifje von Anhängigkeit verbefiert worden waren, keineswegs mit wirk—⸗ lichen Nuten für die Erfenntniß in Atomen und deren Eigen- Ichaften aufgejucht werden. Denn zwiſchen diefen Atomen und dem Hormzufammenhang des Kosmos fehlte jede Verbindung. In den Syſtem der Formen Selber und in demjelben ent» Iprechenden pſych iſchen Urſachen mußte ber europäiſche Geift den metaphufilchen Zuſammenhang der Welt jehen, welcher ihren letzten Erflärungsgrund enthalte.
Mer empfände nicht in dem beftridenden Glanz der fchönften Werke Platod, daß die Ideen nicht nur ala Bedingungen für dag Gegebene in feiner reichen dichterifchen,, ethilch gewaltigen Seele Beitand Hatten. Seine Ausgangspunkte find die fittliche Perſon, der Enthuſiasmus, die Liebe, die jchöne, gedankenmäßige, in Maßen geordnete Welt, fein deal ift daS wahrhaft Eeiende, welches alle Vollkommenheit in fich Ichließt, die feine erhabene Geiftes- richtung forderte. Er Ihaute die Ideen in diefem Thatbeftand, dachte fie nicht nur als die Bedingungen defſelben. An dieſer Stelle muß aber jede Erörterung ausgeſchloſſen bleiben, welche den Urſprung diefer großen Lehre zum Gegenftande hat. Wir Haben 230 Zweites Buch. Zweiter Abjchnitt.
ed mit dem Zufammenbang feiner Gedanken zu thun, ſofern dieſer in der Beweisführung atıftritt und in dieſer fuftematifchen Form den weiteren Yortgang der europäilchen Metaphyſik beftimmte.
Das Seiende, welches dem Werden und Vergehen entnommen ift, findet die von Plato außgehende Richtung des meta= phyſiſchen Geifles in dem Hintergrund der in Raum und Zeit auftretenden Erjcheinungen, den unfere Allgemeinvorftellungen augdrüden oder zu dem fie doch emporleiten. Die Metaphufit jeßt damit nur fort, was die Sprache begonnen hat. Diefe bereitö hat in den Namen für Allgemeinvorftellungen, insbeſondere für die Gattungen und Arten, Wejenheiten aus den einzelnen Er— Icheinungen herausgehoben. Die Anwendung der Worte führt unvermeidlich mit fih, daß dies immer Wiederkehrende, welches dad DVorftellen als einen Typus an die Dinge beranbringt, wie eine Macht über fie empfunden wird, welche die Dinge ein Geſetz zu verwirklichen zwingt. Die Allgemeinvorftellung, welche in dem Sprachzeichen einen abgejchloffenen Ausdrud empfängt, enthält ihon ein Willen von dem ji Gleichbleibenden im Kommen und Gehn der Eindrüde, ſoweit dieſes ohne Ana— lyſis der Erfcheinungen, ſonach aus ber bloßen Anjchauung derjelben hergeftellt werden kann. Jedoch vollzieht fich in der Sprache diefer Vorgang ohne Bewußtſein des MWerthes feiner Er- zeugnifle für die Erfenntniß des Zufammenhangs der Ericheinungen. Indem nun das Bewußtſein Hiervon aufgeht, fonach dieſe Allgemeinvorftelungen in ihrer Beziehung zu den Thatjachen, welche durch fie vorgeftellt werden, jowie zu den anderen neben=, über- oder untergeordneten Allgemeinvorftellungen beftimmt, be— richtigt und bdefinirt werben, entfteht der Begriff und der Zuſammenhang der Begriffe Und indem die Philofophie den inhalt und den Zujfammenhang der Welt in dem Syftem dieſer Begriffe feitzuftellen unternimmt, entjteht diejenige Yorm der Me— taphyſik, welche als Begriffephilojophie bezeichnet werden kann; dieſelbe hat ſo lange das europäiſche Denken beherrſcht, bis ſozu⸗ ſagen von der tiefer liegenden Gleichförmigkeit des Weltzuſammen⸗ hangs der Vorhang weggezogen worden iſt.
D. Lehre v. d. fubftantial. Formen e. nothw. Stabium d. Metaphufil. 231 Diefe Metaphyſik der jubftantialen Formen drückte aus, was das unbewwafinete Auge der Erkenntniß exblidt. Das, was dad Spiel der Rräfte im Kosmos ſtets neu hervorbringt, bildet einen erkennbaren, immer gleichen Inhalt der Welt. Dad, was im Wechiel der Orte, Bedingungen und Zeiten ſtets wiederfehrt, nein vielmehr immer da ift und niemals jchwindet, bildet einen Zufammenhang ber Ideen, dem Unvergänglichkeit zulommt. Während ber einzelne Menſch an einer einzelnen Stelle in Raum und Zeit auftritt und verſchwindet: verharrt doch, was in dem Begriff bes Menjchen ausgedrüdt if. Auch denfen wir an nicht® anderes zunächft, wenn wir den Gehalt der Welt una vorzuftellen bemüht find. Wir denken an bie Gattungen und Arten, Eigenjchaften und Thätigfeiten, welche die Buchſtaben der Schrift diefer Welt bilden. Diele find, in ihren Beziehungen zu einander aufgefaßt, für dag natürliche Vorſtellen der underänderliche Beſtand der Welt, weldyen die Vorſtellen fertig vorfindet, an dem ed gar nichts zu ändern vermag und der ihm daher als objektiver zeitlofer Beltand gegenüberfteht. Wie fie dann zu Begriffen in der Wiſſenſchaft geprägt worden find, enthielten fie fo lange unſere Erkenntniß des Weltinhaltes, als wir nicht die Erjcheinungen aufzulöfen und durch Bergliederung auf Zuſammenwirken von Geſetzen zurüdzuführen vermochten. Während dieſer ganzen Zeit war die Metaphyſik der jubftantialen Formen das lebte Wort der europäiichen Erkenntniß. Und auch nachher fand dad metaphufiiche Denken in der Beziehung des Naturmechanismus zu Ddiefem ideellen und in Zuſammenhang hiermit teleologijch aufgefaßten Gehalt des Weltlaufd ein neues Problem. ‘ Jedoch konnte auf dem Standpunkt des natürlichen Syſtems unſerer Borftellungen, melchen die Metaphyſik einnimmt, das Berhältniß diefer Ideen, wie fie den konftanten Inhalt des Weltlaufs bilden, zu dieſem felber, zu ber Wirklichkeit, nicht auf angemeflene Weife beftimmt werden. Einerſeits Hat erft die Erkenntnißtheorie, indem fie dag, was im Denken ala Erklärungs⸗ grumd gegeben ift, nach feinem Urfprung und ſeiner durch den= 232 Zweite Buch. Zweiter Abfchnitt.
jelben bedingten Geltung von dem ſondert, was in der Wahr- nehmung ald Wirklichkeit gegeben tft, da® Berhältni des Dinges zur "dee richtig auszubrüden vermocht. Daher jehen wir jebe metaphyſiſche Theorie dieſes Verhältnifies an ihren Widerjprüchen zu Grunde gehen; jede jcheiterte an der Unmöglichkeit, das Ber- hältniß der Ideen zu den Dingen inhaltlich in Begriffen auszu⸗ drüden. Andrerjeits hat erſt die pofitive Wiflenfchaft, welche das Allgemeine in dem Geleß des Veränderlichen auffuchte, die wahr: haft wifjenichaftliche Grundlage geſchaffen, durch welche für Diele Typen der Wirklichkeit die Grenzen ihrer Geltung: und die Unter- lage ihres Beſtandes feitgeftellt wurden.
Died war im Allgemeinen die geichichtlihe Stellung der Metaphyfit der jubftantialen Formen, beren Echöpfer Plato ge= weſen ift, innerhalb des Zuſammenhangs ber intellettuellen Ent⸗ wicklung.
Innerhalb dieſer Metaphyſik der ſubſtantialen Formen ent⸗ wickelte nun aber Plato nur eine der Möglichkeiten, das Verhältniß dieſer Ideen zu der Wirklichkeit und den Einzel— dingen auszudrücken, alſo ein reales Sein der Ideen mit dem realen Sein der Einzeldinge in einen inneren objektiven Zu⸗ ſammenhang zu bringen. Platos Idee iſt der Gegenſtand des begrifflichen Denkens; wie dieſes an den Dingen die Idee heraus⸗ hebt als urbildlich, nur in dem Gedanken auffaßbar, vollkommen, ſo beſteht dieſelbe, abgeſondert von den Einzeldingen, welche zwar Theil an ihr haben, aber Hinter ihr zurückbleiben: eine ſelb⸗ ſtändige Weſenheit. Das Reich diejer ungewordenen, unvergäng- lichen, unfichtbaren Ideen erjcheint wie durch goldene Fäden mit dem mythiſchen Glauben im griechiichen Geifte verbunden. Wir bereiten die Darlegung der Beweisführung für die Sdeenlehre vor, indem wir einige einfache Beitandtheile ihres Zuſammenhangs herausheben, auf welche die offen daliegenden Schriften überall zurüdführen.
Die Kritif der finnlichen Wahrnehmung ſowie der in ihr gegebenen Wirklichkeit Hatte zu unmiderleglichen Ergebniſſen ge- führt, fo fand ſich Plato auf dag Denken und eine in dieſem Die Hdeenlehre Platos ala eine einzelne Geftalt diefer Lehre. 2833 gegebene Wahrheit vertviefen. In diefem Zufammenhang jonbert er nun das Objekt des Denken? von dem ber Wahrnehmung. Denn er erkennt die Subjektivität der Sinneseindrücke vollftändig an, dringt jedoch nicht zu der Einficht vor, daß die Thatfache des Seins jelber in diefen Eindrüden, in der Erfahrung mitenthalten ift, und jo erfaßt er nicht in diefer durch Erfahrung gegebenen Wirklichkeit zugleich das Objekt des Denkens, betrachtet nicht das Denken in jeiner natürlichen Beziehung zum Wahrnehmen; viel- mehr ift das Denken ihm Erfafjen einer befonderen Realität, eben de Seind. Hierdurch vermied er zwar den inneren Widerſpruch, in welchen der Objeltivismus des Arifto- teleß |päter durch Annahme eine allgemeinen Realen in dem Einzelnen gerieth, verfiel aber freilich in Schwierigfeiten anderer Natur. — Alsdann nahm in Plato mit den Jahren die Richtung auf die Ausbildung einer ftrengen Wiſſenſchaft von den Be- ziehungen dieler Fdeen zu. Dem Griechen jener Zeit ſtand ber Dorgang noch nahe genug, in welchen: die Mathematik fi) von den praftiichen Aufgaben als Wifjenichaft losgelöſt und ihre Süße miteinander in Verbindung gebracht Hatte; Plato wollte in feiner Schule neben, ja über der Mathematik nım auch die Wiſſen— haft von den Beziehungen der Begriffe Tonftituiren. — Wie erheblich aber auch dieje theoretifchen Beweggründe der Ideen⸗ lehre waren, diejelbe hatte für Plato einen weiter zurücliegenden Halt in anderen Beweggründen, welche über das Erkennen hinaus reihen. Auch nachdem der mythilche Zufammenhang dem wiſſen⸗ Ihaftlicden Denken Pla gemacht hatte, finden wir etwas, was aus der Zotalität de Seelenlebens ftammt, als den unauflößlichen Hintergrund in allen gedantenmäßigen Erfindungen: in ben Welt- gejeß Heraklit’3 mie in dem ewigen Sein der Eleaten; e3 bildet den Hintergrund in den Zahlen der Pythagoreer wie in der Liebe und den Halle des Empedocles und in der Vernunft des Anaxagoras, ja jelbft in dem durch die Welt verbreiteten Seelifchen des De- mofrit. Das Crlebte, Erfahrene wurde nun durch Socrates und Plato noch in weiterem Umfang zu philojophiicher Befinnung gebracht. Die methodische Selbftbefinnung ließ die großen ethiſchen 234 Zweites Bud. Zweiter Abichnitt.
Thatjachen Hervortreten, welche vordem eben jo da, aber gewiſſer⸗ maßen unter dem Horizont der philoſophiſchen Befinnung ge= blieben waren. Man kann die Trage aufiwerfen, ob nicht die Ideenlehre in der erften Konception, wie fie der Phädrus zeigt, noch auf fittliche Ideen beichräntt war. Gleichviel welche Be antwortung diefe Yrage finde: das Typiſche, Urbildlicde in den Ideen beweift, welchen Antheil die erhabene Stimmung bed pla= tomijchen Geiftes, dad Sittliche und Aefthetiiche an der Ausbil: dung feiner Ideenwelt hatte.
Dies aljo war ed, was ber jugendliche Plato aus den Be- griffebeftimmungen jeine® Lehrers mit dem Blick de Genius herauslas. Das wahre, ewige Sein kann in dem Syſtem der Begriffe, welche das im Wechſel Beharrende erfaflen, dargeftellt werden. Dieje in Begriffen darftellbaren Beitandtheile, die Ideen, und ihre Beziehungen zueinander bilden die denfnothtwendigen Bedingungen des Gegebenen. Plato bezeichnet in dielem Zu⸗ fammenhang die Ideenlehre geradezu ala „fichere Hypotheſis“ 1). Die Wiſſenſchaft diefer Ideen, feine Wiſſenſchaft, ift daher, wie man richtig gejagt hat, ontologifch, nicht genetifch.
Das aber, was der Begriff an der Wirklichkeit nicht erfaßt, was jonach nicht aus ber dee begreiflich gemacht werden kann — ift die Materie. Eine geftaltlofe, unbegrenzte Weſenheit, Urfache und Erflärungdgrund (fofern fie überhaupt etwas erflärt) für den Mechiel und die Unvolllommenheit der Phänomene, der dunkle Reft, welchen die Willenjchaft des Plato von der Wirklichkeit als ge- dankenlos, Schließlich unfaßbar zurüdläßt, ein Wort für einen Un- begriff d. h. für das x, deſſen nähere Erwägung dieſe ganze Formenlehre ſpäter vernichten follte.
Die Begründung diejer Metaphyſik der fubitan- tialen Formen. Ihr monotheiftiihder Abſchluß.
Und welches find nun die Glieder der Beweidführung, vermittelft deren Plato die Ideen, welche er in dem ethiſch mächtigen Menichengeifte, in dem fchönheiterfüllten, gedanfenmäßigen Kosmos 9) BHädo 100f, D. Eriftenz v. db. Ting. gelond. Ideen a. Thatſ. d. Willens bewielen. 285 Ichaute, ala die Bedingungen des Gegebenen nachwies? vermittelft deren er ihre Beitimmungen ableitete und die Wiſſenſchaft ihrer Beziehungen entiwarf?
Es entiprach dem Zuſammenhang der großen Bewegung, bie er zum Stehen brachte, daß die Anforderung, die Möglichkeit de3 Willens aufzumweilen, ibm im Vordergrund ftand. Diele Möglichkeit ſah er ringd von den Gophiften beftritten; durch eine Erweiterung ber philofophiichen Befinnung war fie eben von Socrates vertheidigt worden; ihr war das intelleftuelle Intereſſe zugewandt.
Die Beweisführung Platos aus dem Willen ift indirekt. Sie ſchließt die Möglichkeit aus, daß das Willen aus ber äußeren Wahrnehmung entipringe und folgert jo, daß dafelbe einem von ber Wahrnehmung unterjchiedenen, felbftändigen Denkvermögen angehöre. Sie korreipondirt der anderen Beweidführung, daß das höchſte Gut nicht in der Luſt beftehe, die Gerechtigkeit nicht aus dem Kampf der Intereffen finnlicher Weſen entipringe, ſonach das Handeln des Einzelnen wie des Staates in einem von unjerem finnliden Weſen unabhängigen Beweggrund angelegt fein müſſſe. Beiden Beweisführungen liegt als Oberſatz eine Disjunktion zu Grunde, deren Unvollftändigkeit Plato Begründung unzureichend macht. Zuſammen jondern fie ein höheres Vermögen der Ver— nunft von der Sinnlichkeit. Von diefem aus erjchließt dann Plato die Griftenz der Ideen als felbftändiger Weſenheiten auf folgende Weife.
Unabhängig von der Äußeren finnlichen Erfahrung trägt nach Plato der Menſch die ideale Welt in fi. Die Selbftbefinnung des Socrates ift in Platos mächtiger Perjönlichkeit ertveitert, ge= fteigert. In der künftlerifchen Darftellung, welche Plato in feinen Schriften von Socrates giebt, der höchſten Schöpfung des dich- teriichen Vermögen? der Athener, ift dieſe Selbitbefinnung gleichſam Perſon gervorden. Plato zeigt alsdann analytifch die Inhaltlichkeit der Menichennatur in dem Dichter, in dem religiöfen Vorgang, in dem Enthufiagmus. Er entnimmt endlich einen ftrengen Be- weis für das Vorhandenjein eines Wiſſensinhaltes 236 Zweites Bud. Zweiter Abfchnitt.
im Menſchen, welder unabhängig von ber Erfahrung in ihm ſei, aus der Wiſſenſchaft feiner Zeit und feiner Echule, der Mathematik, und auch in diefem Punkte ift er der Vorgänger Kant. Draftiich zeigt der Dialog Meno, wie mathematijche Wahrheit nicht erworben, fondern in ihr nur eine vorhandene innere Anſchauung entwidelt wird‘). Die Bedingung biefes ZThatbeftandes ift für Plato die transjcendente Berührung der Seele mit den Ideen, und dieje Lehre Platos tritt als Verſuch der Erklärung für den von der äußeren Wahmehmung unabhängigen Inhalt unſeres geiftigen Lebens, Hier zunächſt unferer Intelligenz, neben die Theorie von Sant.
Der Thatbeftand, um welchen es fich handelt, wird von Kant auf eine Form des Geiftes, der Intelligenz wie bes Willens zu- rückgeführt. Dies ift im Grunde gar nicht vorftellbar. Aus einer bloßen Yorm de Denkens Tann eine inhaltliche Beſtimmung unmöglich entjtehen; die Urſache, das Gute find aber augenfchein- lich foldde inhaltliche Beftimmungen. Und wäre die Verhältniß— vorftellung der Kaufalität oder der Subſtanz in einer Form unferer ntelligenz gegründet, wie etwa die von Gleichheit oder Verſchiedenheit ift, jo müßte fie ebenjo eindeutig beflimmt und der Intelligenz durchfichtig ala diefe jein Daher enthält Platos Lehre zunächft eine auch Kant gegenüber baltbare Wahrheit.
Hier aber tritt andrerſeits die Grenze des griechiichen Geiftes her⸗ vor. Die wahre Natur der inneren Erfahrung war noch nicht in feinem Geſichtskreis. Yür den griechiichen Geift ift alles Erkennen eine Art von Erbliden; für ihn beziehen fich theoretiſches wie praktiſches Verhalten auf ein der Anfchauung gegenüberftehendes Sein und haben dafjelbe zur Vorausſetzung; ihm ift ſonach das Erkennen jo gut ala das Handeln Berührung der Intelligenz mit etwas außer ihr, und zwar daß Erkennen eine Aufnahme dieles ihm Gegenüberftehenden.
Und bierbet ift ed gleich, ob die Stellung des Subjekts eine ſteptiſche oder dogmatifche ift: der griechiiche Geiſt faßt Erkennen 1) Meno 82 ff. vol. Phabo 72 ff.
Doraudfegung diefed Beweifes in der Auffaflung des Wiſſens. 237 und Handeln ald Arten der Beziehung dieſes Subjeltes zu einem Sein. Der Skepticismus behauptet nur die Unfähigfeit des auf- faflenden Vermögens, das Objekt zu erfafien, wie es ift; er lehrt daher nur die theoretiche wie praftiiche Zurückziehung des Subjekt? auf fi} felber, die Enthaltung, feine Einſamkeit inmitten des Seienden. Dagegen gebt das dogmatiiche Verhalten der griechifchen Denter von dem ficheren Gefühl der Verwandtſchaft mit dem Naturganzen aus; To ift es fchließlih in der griechiſchen Naturreligion be⸗ gründet, fo drückt ed fih in dem Satze aus, der ben älteren dog⸗ matifchen Theorien der Wahrnehmung wie des Denken? zu Grunde fiegt: Gleiches wird durch Gleiches erkannt. Aus biefer griechifchen Denkweiſe entipringt Platos Schluß: der Inhalt, welchen die Seele in fich findet, jedoch nicht in der Erfahrung während ihres dies⸗ feitigen Lebens erworben hat, muß vor demſelben erworben jein; unfer Willen ift Erinnerung, die Ideen, welche wir in uns finden, haben wir geſchaut. Selbft unfere fittlichen Ideen find nach Plato vermöge einer ſolchen Anjchauung für und da. Geht man von der frühen Entitehung des Phädrus aus, jo liegt bier die fundamen- tale Begründung der Lehre von der Transſcendenz der ideen).
Alle anderen einigermaßen firengen Echlüffe Platos aus dem Willen auf die Ideenlehre ala feine Bedingung beruhen auf ben- jelben Grundlagen. Dad Wiſſen iſt nicht aus Wahrnehmen und Borftellen ableitbar, jondern von ihm gelondert und ihm gegenüber jelbftändig; dem jo gejonderten Willen muß aud) ein für ſich bejtehender Gegenftand entiprechen. — So ihließt Plato: dem unveränderlihen Willen muß nad feinem Unterjchied von der veränderlichen Wahrnehmung ein unveränber- I) Die Grenze bed Mythiſchen und Scientifiihen in dieſer Beweis⸗ führung Platos kann allerdings ber Natur der Sache nach nicht genau feftgeftellt werben. Schleiermacher, Geichichte der Philoſ. S. 101 hat dies felbe daher dahin umgedeutet: „Plato nannte diefes zeitlofe, vom urſprüng⸗ lichen Schauen abgeleitete Einwohnen eine urnun”. Die Vorausſetzung ber Ideenlehre bleibt aber auch in ber Region ber Zeitlofigfeit Beziehung eines überall und immer ſich felber gleichen Wiflen® auf ein fein reales Objekt bildendes zeitlofed und Überall fich felber gleiches Sein. Im Hebrigen vgl. Zeller, II, 1°, S. 555 ff.
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licher Gegenftand zukommen; bleibt doch der Begriff in ber Seele, während das Ding untergeht, ſonach muß ihm ein bletbender Gegenſtand entjprechen. — Oder er folgert mit Bu- bilfenahme ber eleatiichen Sätze: ein Nichtfeiendes ift nicht erkenn⸗ bar, und da die Vorftellung ſich auf das bezieht, was Eein und Nichtlein in fich vereinigt, jo ift die Vorſtellung nur theilweiſe Grfenntniß; da nun im Begriff ein wahres Wiflen gegeben ift, fo muß derjelbe ein von dem Objekt der Borftellung unterjchiedenes Objekt haben. — Derfelbe Zuſammenhang von Willen und Sein wird dann auch von dem Begriff des Seins aus entwickelt: das Ding ftellt das, was in feinem Begriff enthalten ift, nicht rein dar, fondern jeine Prädikate find relativ und mechjelnd; alſo hat es feine volle Wirklichkeit, jondern diefe fommt nur dem zu, was der Begriff außdrüdt; diefer aber kann aus feiner Wahr- nehmung der Dinge abftrahirt werden.
So fteht innerhalb des Umkreiſes der Selbftbefinnung, welche mit der ſokratiſchen Echule in die Metaphyſik eintrat und ihren Horizont erweiterte, gerade die Befinnung über dad Willen im DBordergrund, indem vom Willen aus auf feine Bedingung, die Ideen geichloffen wird. Jedoch verbindet fi) mit dieſem Schluß der aus dem Sittlihen. Denn die ganze Inhalte lichkeit der Menfchennatur, wie dieſer Geift von gewaltiger Realität fie in fi erfuhr, ift ihm, als aus der Sinnlichkeit nicht ableitbar, ein Beweis für ihren Zulammenhang mit einer höheren Welt.
Demgemäß Hat der zweite Beltandtbeil des für Platos Syſtem grundlegenden disjunktiven Schluſſes auf die Selbitändig- feit der Vernunft zu feinem Oberſatz die Disjunktion: das Biel des Handelns für den Einzelnen ift entweder auß der Luft ab» zuleiten oder aus einem von ihrer Vergänglichkeit abgejonderten, felbftändigen Grunde des Sittlichen; das Ziel des Staatswillens iſt entweder durch die einander bekämpfenden ſelbſt⸗ ſüchtigen, auf Luſt gerichteten Intereſſen entſtanden oder in einem von ihnen unabhängigen Weſenhaften gegründet. Platos Polemik gegen die Sophiſtik ſchließt das erſte Glied der Dis— junktion aus, und dieſe Ausſchließung bildet den Unterſatz ſeines Der Beweid aus dem fittlichen Bewußtjein hat diejelbe Borauzfegung. 239 Schluſſes. Seine Erdrterungen hierüber entwideln wahrhaft tief- finnig den Gehalt unjeres fittlichen Bewußtſeins; fo wird ein neuer Kreis der wichtigften Erfahrungen (vorbereitet von der ſo⸗ kratifchen Schule) über den Horizont der philofophiichen Befinnung erhoben und bleibt fortan im Bemußtjein der Menjchheit. — Aber - wie in Socrates, ftoßen wir an diejer Stelle au in Plato twieder an die der griechifchen Geiftesart eigenthümlichen Schranfen. Auch wo bdiefem gleichſam dem Kosmos eingeordnneten Bewußt⸗ fein die Selbitbefinnung aufgeht, findet diejelbe nicht in unmittel« barem Innewerden die Realität der Realitäten gegeben, das willenerfüllte Ich, in welchem die ganze Welt erſt da ift, nein: Anſchauung, welche ja nur in der Hingabe an dad Angefchaute eriftirt, bildende Kraft, welche das Geſchaute an dem Stoffe der Wirklichkeit geftaltet, daB ift dad Schema, unter welchem Diele Selbftbefinnung das Geiftige und feinen Inhalt erblidt. Und wo der jfeptifche Geift auf dieſss Verhältnik zum Objekt verzichtet, bleibt ihm nur „Enthaltung“. Daher begreift Plato den felb- fländigen Grund bes GSittlihen nur als ein Anſchauen der Urbilder des Schönen und Guten. So ordnet fi} ber Schluß aus dem fittlichen Bewußtſein auf Grund der angegebenen Disjunktion zuleßt der Yolgerung aus dem Willen unter. Diejer Schluß Hat zunächft das Dafein des von der Luft unabhängigen weienhaften Sittlichen abgeleitet, und von diefem Ergebniß aus erweiſt ex aladann, daß die Thatjache des Sittlichen die Urbilder des Schönen und Guten zu ihrer Bedingung Hat, auf welche ſchauend wir handeln ').
1) Es tönnte gezeigt werben, wie jede ſtrengere Begründung ber Ideen⸗ lehre jolchergeſtalt die Vorſtellung der Berührung mit dem Gegenſtande (den unſinnlichen Ideen) in dem auſchaulichen Denken vorausſetzt. Und mit dieſem inneren Zuſammenhang ihrer Begründung iſt in Ueberein⸗ ſtimmung, daß der Phädrus aus ganz anderen, nämlich literarhiſtoriſchen Grüunden, welche von Schleiermacher, Spengel und Uſener entwickelt worden find, als eine frühe Schrift Platos anerkannt werden muß, gerade dieſen Zuſammenhang der Ideenlehre aber in einem erſten Wurfe enthält, und zwar ausgehend von der Zurückführung des ſittlichen Bewußtſeins auf eine ſolche Berührung.
240 Zweite Bud. Zweiter Abfchnitt.
In einem grandiofen Gleichniß ift diefer Zufammenhang von ' Plato dargeftellt worden. Die Idee des Guten ift die Königin der geiftigen Welt, wie die Sonne die ber fichtbaren. Der Geſichts⸗ finn für fi) ermöglicht nicht dag Wirkliche zu ſehen, jondern das Licht, dad von der Sonne ausſtrömt, muß daffelbe offenbaren; daher find der Gefichtäfinn und das Wahrnehmbare durch dad Band des Lichtes zum Sehen miteinander verbunden, diejelbe Some gewährt dem Sichtbaren auch feine Entftehung und fein Wach: tum. So ift die Idee des Guten das geheimnißvolle, aber reale Band des Kosmos. In diefem Gleichnik ift der Zuſammenhang ausgedrückt, in welchem die Metaphyfil den Iekten Grund bed Erkennens mit der letzten Urſache der Wirklichkeit verknüpft.