Und hier nehmen wir den Faden der Geichichte des meta= phyſiſchen Schlußverfahrend aus aſtronomiſchen Thatjachen wieder auf. Dieſes Schlußverfahren vermittelt in Platos Syſtem eine Vorſtellung vom Wirken der Ideenwelt, welche freilich nur den Werth eines Mythus hat. Mathematik und Aſtronomie ſind noch für Plato die einzigen Wiſſenſchaften des Kosmos, und auch er ſchließt in erſter Linie aus der gedankenmäßigen An— ordnung der Geſtirnwelt, deren Ausdruck ihre Schönheit ft, auf die vernünftige Urſache derſelben. „Zu jagen aber, daß Vernunft Alles anordnete, ziemt dem, ber die Welt und Sonne, Mond und Sterne und den ganzen Umſchwung anſchaut“ 2). Seinen näheren Schlüffen legt er folgende Theorie zu Grunde. Jede dur) Stoß mitgetheilte Bewegung geht in Ruhe⸗ zuftand über. Died wurde damals irrthümlich auß der Erfahrung von den Bewegungen geftoßener Körper abftrahirt; man ſah jeden Körper auf der Erde nad) einem einzelnen Anftoß in den Rube- ſtand zurückkehren und hatte noch von Reibung und Luftwider- ftand Keine Vorſtellung. So wird allein der Seele die Fähigkeit zugejchrieben, von innen und daher dauernd zu bewegen, die Be⸗ wegung bloßer Körper wird ala mitgetheilt betrachtet und jede mit- 1) Plato Philebus 28 E vgl. 80 und beſonders Timäus jowie Gejebe an verichiedenen Stellen.
Die Transſcendenz Platos und bie bes Chriſtenthums. 941 getheilte Bervegung als vorübergehend. Das find Vorausſetzungen, welche ſchon der Phädrus entwickelt, und diefer Pſychismus ftimmt mit dem mythiſchen Vorjtellen überein. Hieraus ergiebt fi) dann der Schluß von den regelmäßigen und konſtanten Bewegungen der Geftirne auf konftant wirkende piychifche Weſenheiten ala Ur- fachen diefer Berwegungen. Solche intelligente Urſachen müfſen andrerjeit3 aus den Harmonifchen mathematiihen Verhältnifien der Sphärendrehungen gefolgert werden, in welche fich die Bahnen der Wandelfterne zerlegen lafien. Denn die Verhältniffe der Dre- hungen nad; Umfang, Richtung Iınd Geſchwindigkeit, die fi) da— mals der mechanischen Betrachtung gänzlich entzogen, werden ala Berhältniffe piychiicher Wefenheiten zu einander aufgefaßt und begreiflich gemacht. Und hierüber hinaus liegt überhaupt auf dem ganzen Kosmos der Wiederjchein der Ideen.
Die Trandjcendenz diefer platonijchen Ideenordnung hat fich fpäter mit der Trandfcendenz der unfichtbaren Welt des Chriften- thums verſchmolzen. In ihrem innerften Chgrafter find beibe durchaus verichieden. Wol hat Plato die irdifche Welt ala ein ihm Fremde empfunden; aber nur injofern fie nicht der reine Ausdruck weienhafter Yormen ifl. Er flüchtet in das Reich diefer vollftommenen Formen, und jo bleibt der höchſte Aufſchwung feiner Seele an den Kosmos gebunden. Die Beziehungen dieſer tranzcen= denten Weſenheiten zu einander jind ihm nur gedankenmäßige, ja fie werden, wie die Beziehungen geometrijcher Gebilde, durch Ver⸗ gleichung, Feitftellung von Verſchiedenheit ſowie von theilmeifer Gemeinſchaft erfannt. Und indem er den wirklichen Kosmos von ihnen aus unter Vermittlung ber Idee des Guten zu erklären unternimmt, ift es, in allem mythiſchen Glanze, der feine Dar- ftellung umgiebt, ein von den äußeren kosmiſchen Bewegungs- zufammenhängen entnommenes Schema, unter welchem er das Wirken der Gottheit jelber vorftellt: ein Weltbildner, welcher eine Materie formt.
Dilthey, Einleitung. 16 242 Zweite Buch. Zweiter Abjchnitt.
Sechſtes Kapitel.
Ariftoteles und die Anfftellung einer abgejonderten metapbyfiichen Wiſſenſchaft.
Ariſtoteles hat die Metaphyſik der ſubſtantialen Formen vollendet. In dieſer ſuchte die Wiſſenſchaft das im Wechſel und der Veränderung Gleichförmige, fand aber zunächſt dies Standhaltende und darum der Erkenntniß Zugängliche in dem, was die All⸗ gemeinvorftellung, der Begriff umfaßt. Dieſe Metaphyſik entiprach einer Naturforſchung, welche in der Zerlegung. vorzüglich auf der Sintelligenz entjprechende, gedanfenmäßige Naturformen zurüd- ging; hiermit war die Erklärung folder Naturformen aus piychiichen Urfachen verbunden, welche von Gedanken geleitet gedacht wurden; ein Beftandtheil des mythiſchen Worftellend dauerte in dieſer Annahme pfychiicher Urfachen für den Naturlauf fort. Und zwar wurde in Ariſtoteles diefe Metaphyfit der fubftantialen Yormen zum Mittel, die Wirklichkeit dem Erkennen zu unterwerfen, während Plato in den wirklichen Objekten nur die gigantiſchen Schatten ſah, welche die Ideen werfen. Platos Anſchauung einer unver- änderlichen Ideenordnung jebt fich bei Aristoteles um in die An= ihauung einer ungewordenen ewigen wirklichen Welt, in weldder die Formen in unmwandelbarer Gleichheit mit ſich felber, auch inmitten des Wandel von Anlage, Entfaltung und Untergang auf biefer Erde, ſich erhalten. So bezeichnet Ariftoteled eine wichtige Stelle in der gefchichtlichen Derkettung der Gedanken, welche die Gntwidlung des europäischen Denkens bildet.
Die wifjenfhaftliden Bedingungen.
Ariftoteled denkt unter der Vorausſetzung, daß der geiftige Vorgang fih des Seienden außer und bemäch— tige!), diefer Standpunkt kann ala Dogmatismus oder ala Chjel- tivismus bezeichnet werden. Und zwar wird von Nriftoteles Die DBorausf. d. Arift., daB d. geift. Vorgang fich d. Seienben bemädhtige. 243 Borftellung von der Erfenntniß des Gleichartigen durch; Gleichartiges, welche die Form diefer Vorausſetzung für den unter dem Einfluß feiner Naturreligion und Mythologie ftehenben griechiſchen Geiſt ift, in einem abjchließenden Theorem entwidelt; daſſelbe hat auch eine einflußreiche Schule ber neueren Metaphyſik geleitet.
Don welcher Bedeutung der Sat, daß Gleichartiged nur durch Gleichartiged erkannt werde, für das Nachdenken der älteren griechilchen Philofophen war, hat Ariftoteles jelber hervorgehoben?). Nah Heraflit wird das Bewegte durch dad Bewegte erkannt. Bon Empedocles erwähnt Ariftoteles bei diefer Gelegenheit folgende Verſe: | Erde erbliden wir ftet3 durch Erde, durch Waſſer dag Maffer, Göttlichen Aether durch Aether, verzehrendes Feuer durch Feuer, Liebe durch Liebe und Streit vermittelft des traurigen Streites.
Ebenſo ging Parmenibes davon aus, daß Verwandtes das Verwandte empfinde); Philolaus entwidelt, die Zahl füge Die Dinge harmoniſch der Seele. Und denfelben Sab, daß Gleiches durch Gleiches erkannt werde, findet ſchließlich Ariftoteles bei jeinem Lehrer Plato wieder).
Diefe Entwidlung ſchließt Ariftoteled durch das folgende Theorem ab. Der Nus, die göttliche Vernunft, ift das Prinzip, der Zweck, durch welchen da8 Bernunftmäßige an den Dingen wenigſtens mittelbar in jedem Punkte bedingt ift, und fo kann durch die der göttlichen verwandte menſchliche Vernunft der Kosmos, jofern er vernünftig ift, erfannt werden ). Metaphyſik, Bernunftwifjenichaft ift vermöge dieſes Entſprechens möglich.
2) Dal. Theophraft de sensibus 3 bei Dield p. 499.
3) Arifl. de anima I, 2 p. 404517 yırwazeodas yap Tg Ouoln To öuorwv. Er beruft fih hierfür auf den Timäus und auf eine Schrift ep yılooogplas, in welcher über Platos Lehre auf Grund der mündlichen Borträge beffelben berichtet wurde. Vgl. zur ganzen Etelle Trenbelenburg zu Arift. de anima 1877 Ausg. 2, ©. 181 ff.
4) Die Faſſung ift vorfichtig gewählt worden wegen der befannten Schwierigkeiten in Bezug auf die Stellung des göttlichen voüs zu ben fub: flantialen Formen und zu den Geftirngeiftern.
244 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
Führte nun Plato den Borgang, in welchem wir den ideellen Gehalt des Kosmos gleichfam von ihm ablefen, vorzugsweiſe auf den angeborenen Beſitz dieſes Gehaltes zurüd und Tieß gegen diefen urjprünglichen Bei den anderen Faktor des Vorgangs, die Erfahrung, zurüdtreten, ja grenzte ihren Antheil nirgend Har ab: jo erhalten Hingegen bei Ariftoteles äußere Wahrnehmung und Erfahrung eine berborragende und äußerlich feſte Stellung. Das Theorem des Entſprechens erftredt fich bei ihm auch auf das Verhältniß der Wahrnehmung zu dem Wahrnehmbaren. Sonad) mußte er die nun entftehende Schwierigkeit aufzulöfen juchen, daß die menjchlicde Vernunft den Grund des Willen? von ber Bernunftmäßigleit des Kosmos in fich trägt, jedoch Dies Wiſſen felber erft durch die Erfahrung erwirbt. Er befteht darauf, daß wir nicht ein Willen von den Ideen bejiten können, ohne ein Bewußtſein dieſes Wiſſens zu Haben!), und verjucht bie fo auftretende Frage im Zuſammenhang feiner Metaphyfif durch den Begriff der Entwidlung zu löſen. In dem menfchlichen Denken ift vor dem Erkenntnißvorgang die Möglichkeit (Dynamis) des unmittelbaren Wiſſens von den höchſten Prinzipien und fie gelangt in dem Erkenntnißvorgang jelber zur Wirklichkeit). Die Aus: führung diejer erfenntniß-theoretiichen Grundanſchauung, jo tiefe Blicke fie enthält, vermag den von Plato im Dunkel gelaffenen Punkt, die Stellung der in der menfchlichen Vernunft (dem Nus) gegebenen Bedingung der Erkenntniß zu der anderen in der Erfahrung Itegenden nicht zu erhellen. Der einzelne Sinn entjpricht den Gegenftänden einer einzelnen Gattung; das Wahrnehmungsfähige ift (gemäß dem obigen allgemeinen Lölungsverfahren) der Möglich- feit nach jo beichaffen, wie e8 der Wahrnehmungsgegenftand der Mirklichkeit nach iſt?); innerhalb feiner Objektsſphäre gewahrt daher das geiunde Sinnedorgan dad Wahre. Ja Ariftoteles legt 1) So in ber Polemik gegen die Ideenlehre Metaph. I, 9 p. 99821.
2) Vgl. die Stellen fowie bie nähere Darlegung bei Zeller U,2°, 188 ff.
3) To d’alodntızöov Jvrausı Loriv oiov ro alaInrov ndn drrelszreie de anima II, 5 p. 4183, Was ber geiflige Vorgang am Kosmos auffaßt. 945 dar, dab wir alle überhaupt möglichen Sinne befiten!), ſonach die geſammte Realität auch durch unfere Einne aufgefaßt wird, und dieſe Meberzeugung Tann ald der Schlußftein feines objektiven Realismus betrachtet werden. Wie dad Sinnedorgan zum Wahr: nehmbaren, jo verhält ſich aladann die Vernunft, der Nus, zum Denkbaren. Dem entfprechend erfaßt auch die Vernunft die Prin- zipien durch eine unmittelbare Anfchauung, welche jeden Irrthum ausfchließt?2); ein ſolches Prinzip ift das Denkgeſetz vom Wider- ſpruch. Aber weder der Umfang ber im Nus angelegten Prinzi- pien der Erfenntniß noch die Stellung des von den Wahrnehmungen zurüdichreitenden, indultiven Vorgangs zu den urfprünglichen im Nus angelegten Begriffen und Ariomen gelangt |chließlich zur Klarheit.
Diefer objeltive Standpunkt des Ariſtoteles repräfentirt die natürliche Stellung der Intelligenz de Menichen zum Kosmos. Und zwar war e8 nun zweiten durch das Stadium, in welchem zu der Zeit des Ariftoteles die Wiſſenſchaft fi) befand, be- dingt, was die Intelligenz an dem Kosmos damals erfannte, Zwar hatte die Wiffenichaft des Kosmos von den Objekten Die Betrachtung der allgemeinen Beziehungen losgelöſt, welche zwiſchen Zahlen, Raumgebilden herrichen?); dagegen beſtand noch fein von den Objekten abftrahirendes, abgejondertes und in fich zufammen- bängendes Studium anderer Eigenjchaften derfelben, wie etwa ber Bewegung, ber Schwere oder des Lichtes. Die Schulen be Anaxa⸗ gorad, Leukipp und Demofrit neigten fich einer theilweiſe oder ganz mechanijchen Betrachtungsweiſe zu, doch haben auch fie nur höchſt unbeftimmte, unzufammenhängende und theilmeife irrige Dorftellungen von Bewegung, Drud, Schwere x. für ihre Er- Härung des Kosmos angewandt, und wir erlannten hierin den Grund, aus dem die mechanische Betrachtungsweiſe im Kampf mit derjenigen unterlag, welche bie Formen mit pfychiichen Welen- — 2) Bol. den Schluß ber in ben beiden Analytifen und vorliegenden logiſchen Hauptichrift Analyt. post. II, 19 p. 100b.
246 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt.
heiten in Beziehung ſetzte i). Begegnen wir doch zuerft bei Archi⸗ medes einigen angemefjenen und beftimmten Borftellungen über Mechanik. Unter ſolchen Umftänden übertvog immer noch in der griechiichen Naturwifjenichaft die Betrachtung der Bewegungen ber Geftirne, welche fi in Folge der großen Entfernung derſelben dem menfchlichen Geifte von jelber Iosgelöft von den anderen Eigenſchaften dieſer Körper darboten, alsdann bie vergleichende Betrachtung der intereffanteren Objelte auf der Erde, und unter dieſen zogen naturgemäß die organijchen Körper beſonders die Auf: merkſamkeit auf fidh.
Diefem Stadium der pofitiven Willenfchaften entiprady am beiten eine Metaphyfik, welche die Yormen der Wirklichkeit, wie jte fi) in Allgemeinvorftellungen außdrüden, und die Beziehungen zwwilchen biefen Yormen in Begriffen darftellte jowie als meta= phyſiſche Wejenheiten der Erklärung der Wirklichkeit zu Grunde legte. Dagegen war die Atomiftik diefem Stadium weniger angemefjen. War fie doch in jener Zeit ebenfalld nur ein meta- phyſiſches Theorem, nicht eine Handhabe für Experiment und Rechnung. Ihre Maffentheilcden waren begrifflich feftgeftellte Sub- jekte des Naturzuſammenhangs, und zwar erwieſen fich diejelben als unfruchtbar für die Erklärung des Kosmos. Denn die Zwiſchen⸗ glieder zmwilchen ihnen und den Naturformen fehlten: angemeffene und beitimmte VBorjtelungen über Bewegung, Schwere, Drud x. ſowie zufammenhängende Entwidlung folder Borftellungen in abftraften Willenjchaften.
Der Herrichergeift des Ariftoteles, durch welchen er fich zwei Sahrtaufende unterivarf, lag nun darin, wie er dieſe dargelegten willenichaftlichen Bedingungen verknüpfte, wie er demnach die natürliche Stellung der Intelligenz zum Kosmos in ein Syftem brachte, das jeder Anforderung genügte, die innerhalb dieſes Stadiums der Wiſſenſchaften gemacht werden konnte. Er war aller poſitiven Wiſſenſchaften ſeiner Zeit mächtig (von der Mathematik wiſſen wir es am wenigſten); in den meiſten derſelben 1) Bgl. bie beachtendwerthen Bemerkungen be3 Simpliciu3 zu de caelo Schol. p. 491b8.
Die Hierdurch bedingte Bedeutung der ariftoteliichen Metaphyfik. 247 war er bahnbrechend. In Folge Hiervon verkürzte er ihre Vorausſetzungen an feinem Puntte, jo daß es erforderlich geweſen wäre, über feine metapbyfiiche Grundlegung hinauszugehen; der Wahrnehmung wahrte er ihr Recht; er erfannte im Werden, der Bewegung, der Veränderung und dem Vielen Wirklichkeit, die nicht durch unfruchtbares Raifonnement geleugnet, jondern erklärt werden muß; ihm hatte das Einzelding, das Einzelweſen die vollfte Realität, die ung gegeben if. So fommt ed, daß feine. einzelnen Gedankenwendungen der Diskuſſion in den folgenden Jahrhunderten unterlagen, daB aber die Grundlagen feines Syſtems feftitanden, ſo lange das bezeichnete Stadium der Wiflenjchaften fort= dauerte. Während diejer ganzen Zeit hat man jeine Metaphyſik zwar erweitert, aber ihre vorhandenen VBorausfegungen aufrecht erhalten.
Die Sonderung der Logik von der Metaphysik und ihre Beziehung auf dieſelbe.
Unter diefen Vorausſetzungen entftand ala abgejonderte Willen: Ihaft Metaphyfil, die Königin der Wiſſenſchaften. Die Leitung des Ariftotelea, welche died zunächft ermöglichte, war die abge= fonderte Behandlung der Logik. Ariſtoteles hat den dentnoth- wendigen Zuſammenhang, welchen bie Erfenntniß bildet, einer theoretifchen Betrachtung unterworfen. Er ftellte eine erfte Theorie der Formen und Gefete der wiſſenſchaftlichen Beweisführung auf.
Wir nüpfen an die Darlegung über die beiden Klaſſen der unmittelbaren Wahrheiten: Wahrnehmungen und Prinzipien an. Zwiſchen beiden bewegt fich alle andere Erfenntniß, ald ver= mitteltes Wiffen. Denn jeder wifſſenſchaftliche Schluß führt vermittelft jeiner Prämiffen ſchließlich auf ein unmittelbar Gewiſſes, und ein ſolches ift entweder die Wahrnehmung ald das für ung Erſte oder die unmittelbare Bernunftanfchauung ala dag an fi Erſte. Mit dem Hinweis auf die leßtere als den tiefften Grund de3 vermittelnden Denkens oder des Raiſonnements jchließt die ariftotelifche Analytik’).
248 Zweited Bud. Zweiter Abichnitt.
Die weltgejchichtlide Bedeutung ber ariftotelijchen Logik liegt nun darin, daß in ihr die Formen dieſes vermittelnden Denken? zuerft in folgerechter Vollſtändigkeit abgelöft betrachtet wurden, und zwar mit einem logiſchen Verftande erften Ranges. So entitand die Schlußlehre‘). Für jene Zeit bot dieſe Logik zunächft einen Schlüffel zur Auflöfung der Streitfäße der Sophiften und beendete daher die lange revolutionäre Bewegung, welche bie Periode der Sophiften, des Socrates, Antifthenes, jowie der Megarifer erfüllt hatte. Alsdann enthielt diefelbe die Hilfsmittel für die formale Durchbildung der Einzelwiſſenſchaften. Wie die Mathematit dem Ariftoteles das bedeutendfte Beiſpiel Iogifcher Entividlungen in jener Zeit darbieten mußte, jo hat jein logifches Geſetzbuch auch wieder rückwärts die Mittel gewährt, der Geometrie ald Wiſſen⸗ Ihaft die einfach ftrenge, muftergiltige Yorm zu geben, welche das Elementarwerk des Euflid zeigt, und dieje Form ift dann das Vorbild mathematischer Entwidlungen für alle Folgezeit ge- worden?). | Die Grenzen der ariftoteliichen Logik waren durch die zu enge Beziehung berjelben zu ber Metaphufif bedingt. Sm Bezug auf dad Einfache ift Wahrheit ein Erfaflen in Ge: danken, eine Art von Berührung (Iıyyareır), wie diejelbe die letzte Vorausſetzung dieſes griechifchen Objektivismus bildet; in Bezug auf das Zuſammengeſetzte iſt Wahrheit diejenige Zuſammen⸗ fügung im Denken, welche der im Seienden entſprechend iſt, Irr⸗ thum aber iſt die andere, welche ihr widerſpricht?). Sonach haben wir das BVerhältniß der Korrefpondenz auch auf das Gebiet des vermittelnden Denkens auszubehnen; die Formen dieſes Denken? und die Beziehungen im Seienden entfprechen einander.
unv yEvog Eyouev dAndEs, voüs av Ein Emiornuns doyn. xal n wir doyn täs apyüs ıIn av, n dt naoa Öuolwus Eye noös To Anav noüyua.
1) Died erklärt er jelber mit berechtigtem Selbftgefühl Elench. soph.
2) Proclus in feinem Kommentar zu Euklid (p. 70 Friedl.) berichtet, daß Euflid eine bejondere Schrift über die Trugichlüffe verfaßte, was ſeine eingehende Beichäftigung mit der logiſchen Theorie beweiſt.
Die Sonderung d. Logik v. d. Metaphyfit u. ihre Beziehung auf biefelbe. 249 So ift der Begriff der Ausdrud des Weſens; fo verknüpft das wahre bejahende Urtheil, was in den Dingen verknüpft ift, und das entiprechende verneinende trennt, was in ihnen getrennt ift; jo entipricht der Mittelbegriff in dem vollfommenen Zuſammen⸗ Bang de3 fyllogiftiichen Schluffes der Urfache in dem Zujammen- bang der Wirklichkeit. Und wie man endlich die Stellung ber Arten der Audfage über das Seiende (yEyn r@v xarnyogıör), ber Kategorien, zu dem Denkzulammenhang bei Ariſtoteles auffafje: dieje Kategorien entiprechen ebenfalld Formen des Sein!).
Und zwar behält diefe Faſſung des Verhältniffes, wie wir fie bei Ariftotelea finden, jo lange ihre Berechtigung und ihre Macht, ala die Logifchen Yormen, welche das diskurſive Denken bietet, nicht aufgelöft und die Beziehungen zwiſchen dem Denken und feinem Gegenftand nicht Hinter das fertige Objekt zurüdverfolgt werden. Auch in diefem Punkte erweift fich Ariftoteles als ein Metaphufiler, welcher bei den Formen der Wirklichkeit Stehen bleibt. Seine Zergliederung der Wiſſenſchaft verbleibt innerhalb der Berlegung von Formen in Formen und zeigt fo dieſelbe Grenze wie die aftronomische Zergliederung des Weltgebäudes durch die Alten. Was die Rede, das diskurſive Denken ald Zuſammenhang darbietet, wird in eine Beziehung von Formen zu einander aufgelöft, und diefe werden zu den Formen der Wirklichkeit in das Ver- hältniß des Abbildens geſetzt. Schleiermacher mit feiner Theorie der Korrefpondenz, Trendelenburg, Ueberweg haben, welches auch im Einzelnen die Verjchiedenheiten von Ariftoteles find, diefen ob- jektiviftiichen Standpunft feftgehalten.
Der Begriff des Entſprechens, der FKorrefpondenz zwiſchen Wahrnehmung und Denken einerſeits, Wirklichkeit und Sein andrerjeit3, auf welchen Hiernach die ganze Grundlegung dieſes natürlichen Syſtems zurückgeht, ift vollftändig dunkel. Wie ein Gedachtes einem draußen wirklich Eriftirenden entiprechen könne, davon kann ſich Niemand eine Borftellung maden. Was Aehn- 1) Arist. Metaph. V, 7 p. 1017223 öoayws yap Afyeroı, Tooav- Taxus ro eivas Onualveı.
250 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt.
lichkeit in mathematiſchem Verſtande jei, kann definirt werden; bier wird aber eine Aehnlichkeit behauptet, die ganz unbeſtimmt it. Ja man kann fagen, beftänden nicht die Phänomene von Abfpiegelung in der Natur ſowie von Nachbildung in der Kunft des Menſchen: eine jolche VBorftellung hätte faum entftehen können.
Der nähere Zufammenhang des logiſchen Denkens, wie ihn die Lehre des Ariftoteled von Schluß und Beweis entwidelt, ift ein Gegenbild des von ihm angenommenen metaphyſiſchen Zus ſammenhangs. Dies ergiebt ſich aus der angegebenen Borftellung von Entſprechen. Sigwart jagt zutreffend: „Indem Ariftoteles ein objektive Begriffsfyftem vorausſetzt, daß fich in der realen Melt verwirklicht, jo daß der Begriff überall ala das das Welen der Dinge Konftituirende und als die Urjache ihrer einzelnen Be— ſtimmungen erſcheint, ftellen fi ihm alle Urtheile, die ein wahres Willen enthelten, ald Ausdruck der nothivendigen Begriffsverhält- niſſe dar, und der Syllogismus ift dazu da, die ganze Macht und Tragweite jedes einzelnen Begriff? der Erkenntniß zu offenbaren, in= dem er die einzelnen Urtheile verfnüpft und durch die begriffliche Einheit von einander abhängig macht; und der ſprachliche Ausdruck diefer Begriffsverhältniffe ergiebt fich daraus, daß fie immer zu= gleich als das Weſen des einzelnen Seienden ericheinen, dieſes alfo in feiner begrifflichen Beftimmtheit das eigentliche Subjekt des Urtheileng ift, das Verhältniß der Begriffe alſo in dem allgemeinen oder partitularen, bejahenden oder verneinenden Urtheil zu Tage tritt ).“ Hieraus ergeben fich die Stellung des kategoriſchen Urtheils, die Bedeutung der erften Figur und die Zurücdführung der anderen Figuren auf diefelbe, die Stellung bes Mittelbegriffs, welcher der Urſache entſprechen ſoll: kurz die Haupteigenthümlichkeiten der ariftotelifchen Analytik, Sonach ftand die Syllogiftit des Ariftoteled jo lange feft, als die Vorausſetzung eines objektiven, im Kosmos realifirten Begriffsſyſtems feitgehalten wurde. Seitdem die Logik dieje Vor- ausſetzung aufgab, bedurfte fie einer neuen Grundlegung. Und Aufftellung einer jelbfländiggn Wilfenichaft der Metaphyfik. 251 wenn fie troßdem die logiſche Yormenlehre des Ariftoteles feſtzu⸗ halten bemüht wear, juchte fie den Schatten von etwas zu ſchützen, deſſen Weſen dahin war!).
Aufftellung einer felbftändigen Wiſſenſchaft der Metaphyſik.
So hat Ariſtoteles zuerſt den logiſchen Zuſammenhang in dem Denkenden für ſich betrachtet, abgeſondert von dem realen Zuſammenhang in der Wirklichkeit, aber in Beziehung auf ihn; dem entſprechend hat er klarer den Begriff des Grundes von dem der Urſache?) geſchieden: er hat von der Logik die Metaphyſik abgetrennt. Dieje Sonderung war ein wichtiger Fortſchritt inner- halb des natürlichen Syflemd, ſonach in den Schranfen des Objektivismus, verglichen mit der früheren Einheit von Meta⸗ phyif und Logik. Auch wird die Bedeutung diefer Sonderung für da8 Stadium, welches wir barftellen, dadurch nicht gemindert, daß dieje Selbftändigfeit der Metaphyfil auf dem Eritifchen Stand- punkt in Frage geftellt werden wird, weil der reale Zujammen- bang ja nur in dem Bewußtjein, für und durch dafjelbe vorhanden und jeder Beitandtheil diejeg Zuſammenhangs, welchen die Meta- phyfik analyfirt, wie die Subftanz, das Quantum, die Zeit nur Thatfache des Bewußtſeins ift.
Und wie Ariftoteles feine erſte Philojophie von der Logik ſchied, jo trennte er dieſelbe andrerjeit® von der Mathe- matik und Phyſik. Die Einzelwiſſenſchaften, wie die Mathe- matit, haben beiondere Gebiete des Seienden zu ihrem Gegenftande, die erſte Philojophie aber die gemeinfamen Beitimmungen des Seienden. Die Einzelwiffenjchaften gehen in der Feſtſtellung der Gründe nur bis zu einem gewiſſen Punkte zurüd, die Metaphyſik 1) Die Beziehung ber Logik des Ariftoteles zu feiner Metaphyſik und folgerecht den rechten Sinn ber ariftoteliichen Logik zuerft in ausführlicher Gründlichkeit dargelegt zu haben ift ein großes Verdienſt von Prantl. Sigmwart Hat dann von hier aus die Grenzen bed Werthes ber ariftotes liſchen Syllogiſtik kritiſch gezeigt.
2) apyn ber beides umfaſſende Ausdruck. Metaph. V, 1 p. 1013 3 17 die Eintheilung: „Allem, was aoyn ift, ift alſo dies gemeinfam, das Erfte zu fein, woraus etwas ift oder wirb oder erfannt wird.”
252 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
aber bis zu den im Erkenntnißvorgang nicht weiter bedingten Gründen. Sie ift die Willenichaft der allgemeinen und unver- änderliden Prinzipien‘). Und zwar geht Ariftoteles don dem im Kosmos Gegebenen rückwärts zu den Prinzipien. Wenn aud) die Rückverweiſungen auf die phyſiſchen Schriften nichts beweiſen, fo wird Ddiefer Zuſammenhang doch daraus deutlich), dab die Metaphyſik die Aufzeigung der erften Urjachen von der Phyſik empfängt und jelber zunächſt nur durch eine hiſtoriſch-kritiſche Mufterung die Vollftändigkeit der in der Phyſik gefundenen Prinzipien beftätigt?). — In erfter Linie folgert diefer Zujammen- bang auß der Anerkennung und Betrachtung der Bervegung. „Uns aber ftehe der Grundſatz feſt, daß dad von Natur Eriftirende, alles oder doch einiges in Bewegung ift; und zwar ift dies durch Schluß aus der Erfahrung klar?).“ Die eleatiſche Leugnung der Bewegung ift dem entiprechend für Ariftoteles, welcher in der Aufgabe der Erklärung der Natur lebt, nur bie unfruchtbare Negation aller Wiſſenſchaft des Kosmos. Bon den ftätigen und volllommenen Bewegungen der Geftirne, von dem Spiele der Veränderungen unter dem Monde geht die Erfennt= niß zu den erſten Urjachen zurüd, welche zugleich die erften Erflärungsgründe enthalten. So wird der reale Zuſammenhang des Kosmos, welcher Gegenftand der ſtrengen Wifjenichaft ift, durch eine Analyſe erfannt, die von ihm, ala dem und gegebenen Zuſammengeſetzten, auf die Prinzipien zurüdichließt, ala auf die wahren Subjelte des Naturzuſammenhangs ).
Auf der jelbftändigen metaphyfiſchen Willenjchaft beruhte, To lange eine erfenntnißtheoretifche Grundlegung nicht beftand, zur einen Hälfte die Möglichkeit, die pofitiven Wiſſenſchaften einer formalen Vollendung entgegenzuführen, wie fie zur anderen in — 2) Metaph. L, 3 und 10, womit bie ſchrittweiſe Ableitung der Prinzi⸗ pien in der Phyſik (bei. Buch I und ID) zu vergleichen.
4) Arift. Phys. I, 1 p. 184» 21 Zorı d’nuiv nowroy dnla xal aayn Te auyxeyvueva ucklov' üvoregov dx Toutay ylveran yYvapıua Tu OToszEin.
Der metaphyſiſche Zulammenhang der Welt. 958 der logiſchen Selbitbefinnung begründet mar. So ift die Meta- phyfik die nothivendige Grundlage der Wiflenfchaften des Kosmos geworden und fie zuerit bat ihnen verflandeamäßig präparirte Grundbegriffe geliehen. In dem inneren diefer Metaphyſik be= reitete ſich alsdann der kritiſche Standpunkt vor, denn erft die verftandesmäßige Zergliederung der allgemeinen Beltandtheile des Mirklichen ermöglichte, in ihnen Bewußtſeinsthatſachen aufzufaflen. In ihrem Schooße Hat ſich auch vorbereitet, was die Erkenntniß⸗ theorie vielleicht über Kant hinausführen kann. Denn wenn die Unmöglichkeit ſich herausſtellen jollte, dieſen Beftandtheilen der Wirklichkeit eine logiſch Hare Form zu geben, dann öffnete fich unferer geichichtlichen und pſychologiſchen Betrachtung der Blid in einen Urſprung derjelben, welcher nicht in dem abftraften Verftande liegen Tönnte.
Der metaphyſiſche Zuſammenhang der Welt.
Diefe metaphyſiſche Analyſis vollbringt ala erfte große Leiftung die Auffindung und gedantenmäßige Darftellung der allgemeinen Beitandtheile der Wirklichkeit, wie diejelben der Unter- ſuchung des Xriftoteles fi) ergaben. Solche Elemente oder Prinzipien, welche im realen Zufammenhang des Kosmos überall wiedergefunden werden, bieten ſich dem gewöhnlichen Borftellen Ihon in der Realität, dem Ding und feinen Eigenfchaften, dem Wirken und Leiden dar. Ariſtoteles Hat dieje allgemeinen Be⸗ ftandtheile, welche in den Kosmos verivebt find, zuerft iſolirt und wie einfache Körper darzuitellen verſucht. Wir find Hier nicht genötigt, das jehr dunkle und jchwierige Verhältniß zu unter- ſuchen, in weldem bie von ihm aufgefundenen Kategorien zu jeinen metaphyſiſchen Prinzipien ftehen, uns genügt der klare Thatbeftand feiner Ergebniſſe.
Das tragische Schickſal diefer großen und immer fortgehenden Arbeit der Metaphyſik, welche unabläffig darauf gerichtet ift, die allgemeinen Beftandtheile der Wirklichkeit jo zu entiwideln, daß eine reale und objektive Erfenntniß des Weltzufammenhangd mög⸗ lich fei, beginnt, fi) nunmehr Alt auf Akt vor und zu enthüllen!
254 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
Die Sinnedqualitäten, Raum, Zeit, Bervegung und Ruhe, Ding und Eigenschaft, Urſache und Wirkung, Form und Materie: bies find alles allgemeine Beftandtheile, welche wir an jedem Punkte der Außenwelt antreffen und die aljo in unferem Bewußtfein don äußerer Wirklichkeit überhaupt enthalten find. Un- abhängig von dem Unterſchied philofophiicher Standpunfte ergiebt fh nun hieraus die Frage: wird die Klarheit über Dieje Elemente, ifolirt von der Unterſuchung des Bemußt- fein3 und der in ihm gegebenen allgemeinen Bedingungen aller Wirklichkeit, erreicht werden können? Der Verlauf der Gejchichte der Metaphufit ſelber mag allmählich auf diefe Frage antworten. Zunächſt ftellen fidh einer ſolchen Erwägung die einfachen Begriffe von Sein und Subftanz dar.
1. Die metaphufiiche Analyfia des Artftoteles findet überall Subitanzen mit ihren Zuftänden, die in Beziehungen zu einander jtehen *); Hier find wir im Mittelpunkt der metaphyſiſchen Schriften des Ariſtoteles. | „Eine Willenichaft exriftirt, welche dad Seiende ald Eeien- des (ro dv 7 dr) und deflen grundweſentliche Eigenfchaften unter- fucht. Sie ift nicht mit irgend einer der Fachwiſſenſchaften iden- tiſch; denn feine von biefen anderen Wiſſenſchaften ftellt im allge= meinen Unterfuchungen über ba3 Seiende ala Seiendes an, Jondern indem fie einen Theil deſſelben abſchneiden, unterfuchen fie deffen bejondere Beichaffenheit 2).” Die Mathematik hat das Seiende als Zahl, Linie oder Fläche, die Phyſik als Bewegung, Element zum Gegenftande; die erfte Philojophie betrachtet es, wie es überall dafielbe ift: das Seiende als ſolches.
Nun wird diefer Begriff des Seienden (des Gegenſtandes der Metaphyſik) in mehrfacher Bedeutung gebraucht; die Sub: tanz (odote) wird jo gut mit diefem Namen bezeichnet wie die Qualität einer ſolchen. Immer aber fteht der Begriff des Seienden 1) Ueber dieſe Dreitheilung in oro/m, n&sos und moos rı |. Prantl Geſch. der Logik I, 190.
Die Analyfis des Subftanzbegriff? bei Ariftoteles. 955