XX Vorrede.
Meine Aufgabe führte mich durch ſehr verſchiedene Felder des Wiſſens, ſo wird mancher Irrthum mir nachgeſehen werden müſſen. Möchte das Werk auch nur einigermaßen ſeiner Aufgabe entſprechen können, den Inbegriff von geſchichtlichen und ſyſte— matiſchen Einfichten zu vereinigen, deren der Juriſt und der Po— litifer, der Theologe und der gejchichtliche Forſcher ala Grundlage für ein fruchtbared Studium ihrer Einzelwiſſenſchaften bedürfen.
Diefer Verſuch ericheint, bevor ich eine alte Schuld durch die Dollendung der Biographie Schleiermacher’3 abgetragen Habe. Nach dem Abſchluß der Borarbeiten für die zweite Hälfte der- jelben ergab fich bei der Ausarbeitung, daß die Darftellung und Kritit des Syſtems von Schleiermacdher überall Erörterungen über die leßten Fragen der Philofophie vorausſetzten. So twurde die Biographie bis zum Erſcheinen des gegenwärtigen Buches zurücdges legt, welches mir dann ſolche Erörterungen erfparen wird.
Berlin, Oftern 1883. Wilhelm Dilthey.
Erſtes einfeitendes Bud).
Ueberfiht über den Zufammenhang der Einzelwiflenfchaften des ‚Geiftes, in welder die Nothwendigleit einer grundlegenden Wiſſenſchaft dargethan wird.
Dilthey, Einleitung.
Nebrigens hat ſich bisher bie Wirklichkeit der treu ihren @efegen nachforſchenden Wiſſenſchaft immer noch viel erhabener und reicher enthüllt, als die Außerflen Auftrengungen mythiſcher Phantafie und metaphufliger Speculation fie anszumalen wußten. Helmholp.
J. Abſicht dieſer Einleitung in die Geiſteswmiſſenſchaften.
Seit Bacon's berühmtem Werke find Schriften, welche Grund⸗ lage und Methode der Naturwiſſenſchaften erörtern und fo in das Etudium derfelben einführen, insbefondere von Naturforichern verfaßt worden, die befanmtefte unter ihnen die von Sir John Herſchel. Es erſchien als ein Bedürfniß, denen, welche ſich mit der Geſchichte, der Politik, Jurisprudenz oder politiſchen Oekonomie, der Theologie, Literatur oder Kunſt beſchäftigen, einen ähnlichen Dienſt zu leiſten. Von den praktiſchen Bedürfniſſen der Gejell- ſchaft, von dem Zweck einer Berufsbildung aus, welche der Geſellſchaft ihre leitenden Organe mit den für ihre Aufgabe nothivendigen Kenntniffen ausrüftet, pflegen diejenigen, welche fich den bezeichneten Willenichaften widmen, an fie beranzutreten. Doch wird diefe Berufäbildung nur in dem Verhältniß den Ein- zelnen zu bervorragenderen Leiftungen befähigen, ala fie dad Maß einer techniſchen Abrichtung überjchreitt. Die Geſellſchaft ift einem großen Mafchinenbetrieb vergleichbar, welcher durch die Dienfte unzähliger Perſonen in Gang erhalten wird: der mit der iſolirten Technik feines Einzelberufs innerhalb ihrer Außgerüftete ift, wie vortrefflich er auch diefe Technik inne Habe, in der Lage eines Arbeiterd, der ein Leben hindurch an einem einzelnen Punkte dieſes Betriebs beichäftigt ift, ohne die Kräfte zu kennen, welche ihn in Bewegung ſetzen, ja ohne von den anderen Theilen dieſes Betrieb3 und ihrem Zufammenwirken zu dem Zweck des Ganzen eine Borftellung zu haben. Er ift ein dienendes Werkzeug der Geſellſchaft, nicht ihr bewußt mitgeftaltendes Organ. Dieje Ein- 1* 4 Erfted einleitenbes Buch.
leitung möchte dem Politiker und Suriften, dem Theologen und Pädagogen die Aufgabe erleichtern, die Stellung der Sätze und Regeln, welche ihn leiten, zu der umfafjenden Wirklichkeit der menſchlichen Gejellihaft Tennen zu lernen, welcher doch, an dem Punkte, an weldjem er eingreift, jchließlich die Arbeit feines Leben? gewidmet ift.
Es liegt in der Natur des Gegenftandes, daß die Einfichten, deren es zur Löſung diefer Aufgabe bedarf, in die Wahrheiten zurüdteichen, welche der Erkenntniß jorwol der Natur ala der geichichtlich gejellichaftlichen Welt zu Grunde gelegt werden müſſen. So gefaßt begegnet ſich diefe Aufgabe, die in den Bedürfnifien des praftiichen Lebens gegründet ift, mit einem Problem, welches der Zuftand der reinen Theorie ftellt.
Die Wiflenfchaften, welche die gefchichtlichgejellichaftliche Wirk⸗ lichkeit zu ihrem Gegenftand haben, ſuchen angeftrengter als je zuvor geſchah ihren Zufammenhang untereinander und ihre Be- gründung. Urſachen, die in dem Zuftande der einzelnen pofitiven Wiſſenſchaften liegen, wirken in diefer Richtung zufammen mit ben mächtigeren Antrieben, die aus den Erfehütterungen der Gejellichaft feit der franzöfiihen Revolution entjpringen. Die Erkenntniß der Kräfte, welche in der Gejellichaft walten, der Urſachen, welche ihre Erſchütterungen hervorgebracht haben, der Hilfgmittel eine ge= ſunden Fortſchritts, die in ihr vorhanden find, ift zu einer Lebens⸗ frage für unfere Givilifation geworden. Daher wählt die Be- deutung ber Wiſſenſchaften der Gejellichaft gegenliber benen der Natur; in den großen Dimenfionen unjered modernen Lebens vollzieht fih eine Umänderung der wifjenjchaftlichen Intereſſen, welche der in den Heinen griechiſchen Politien im 5. und 4. Jahr- Hundert vor Chriſto ähnlich ift, ala die Umwälzungen in diefer Staatengejellichaft die negativen Theorien des ſophiſtiſchen Natur- recht? und ihnen gegenüber die Arbeiten der ſokratiſchen Schulen über den Staat hervorbrachten.
Der Name Geifteswiflenichaft erläutert. 5 u.
Die Grifteswiflenfhaften ein ſelbſtändiges Ganze, neben den Anturwiflenfhaften.
Das Ganze der Wiſſenſchaften, welche die geichichtlich-gefell- ſchaftliche Wirklichkeit zu ihrem Gegenftande haben, wird in diefem Merle unter dem Namen der Geifteswiffenichaften zuſammengefaßt. Der Begriff diefer Wiſſenſchaften, vermöge beflen fie ein Ganzes bilden, die Abgrenzung diejes Ganzen gegen die Raturwifjenichaft kann endgültig erft in dem Werke felber aufgeklärt und begründet werden; bier an feinem Beginn ftellen wir nur die Bedeutung feft, in welcher wir den Ausdruck gebrauchen werden und deuten vorläufig auf den Thatfacheninbegriff Hin, in welchem die Ab- grenzung eines folchen einheitlichen Ganzen der Geiſteswiſſenſchaften ton den Willenfchaften der Natur gegründet if.
Unter Wiffenfchaft verfteht der Sprachgebrauch einen Inbegriff von Sätzen, deſſen Elemente Begriffe d. h. volllommen beftimmt, im ganzen Denkzuſammenhang conflant und allgemeingültig, deflen Verbindungen begründet, in dem endlich die Theile zum Zweck der Mittheilung zu einem Ganzen verbunden find, weil entweder ein Beftandtheil der Wirklichkeit durch dieſe Verbindung von Sätzen in feiner Vollftändigfeit gedacht oder ein Zweig der menschlichen Thätigfeit durch fie geregelt wird. Wir bezeichnen daher Hier mit dem Ausdruck Wiſſenſchaft jeden Inbegriff geiſtiger Thatſachen, an welchem die genannten Merkmale fi) vorfinden und auf den ſonach indgemein der Name der Willenichaft ange» wendet wird: wir ftellen dem entjprechend den Umfang unferer Aufgabe vorläufig vor. Dieſe geiftigen Thatſachen, welche ſich geihichtlich in der Menfchheit entwidelt haben, und auf die nad) einem gemeinfamen Sprachgebraudy die Bezeichnung von Willen- Ichaften des Menſchen, der Geſchichte, der Gefellichaft übertragen worden ift, bilden die Wirklichkeit, welche wir nicht meiftern, ſondern zunächſt begreifen wollen. Die empirifche Methode fordert, daß an diefem Beftande der Wiffenfchaften felber der Werth der einzelnen Verfahrungsweiſen, deren das Denken fi) bier zur 6 Erſtes einleitendes Buch.
Löſung feiner Aufgaben bedient, hiſtoriſch-kritiſch enttwidelt, daß an ber Anfchauung dieſes großen Vorganges, defien Subjekt die Menjchheit felber ift, die Natur des Willens und Erkennen? auf diejem Gebiet aufgeklärt werde. ine ſolche Methode fteht in Gegenfaß zu einer neuerdingd nur zu häufig gerade von den jo- genannten Bofitivilten geübten, welche aus einer meilt in natur- wiſſenſchaftlichen Beichäftigungen erwachſenen Begriffsbeftimmung des Willens den Inhalt des Begriffes Wiſſenſchaft ableitet, und von ihm aus darüber entjcheidet, welchen intellektuellen Beichäf- tigungen der Name und Rang einer Willenichaft zulomme. So haben die Einen, von einem toilllürlichen Begriff des Wiſſens aus, der Geichichtichreibung, wie fie große Meiſter gelibt haben, urafichtig und dünfelhaft den Rang der Wiſſenſchaft abgelprochen; ‘die Anderen baben die Wiflenjchaften, welche Imperative zu ihrer Grundlage haben, gar nicht Urtheile über Wirklichkeit, in Erkennt⸗ niß der Wirklichkeit umbilden zu müſſen geglaubt.
Der Inbegriff der geiftigen Thatjachen, welche unter biejen Begriff von Wiſſenſchaft fallen, pflegt in zwei Glieder getheilt zu werben, von denen da3 eine durch den Namen der Naturwiſſenſchaft bezeichnet wird; für das andere ift, merkwürdig genug, eine all- gemein anerlannte Bezeichnung nicht vorhanden. ch Ichließe mich an den Sprachgebrauch derjenigen Denker an, welche dieje andere Hälfte des globus intellectualis ala Geifteswifienfchaften bezeichnen. Einmal ift diefe Bezeichnung, nicht am wenigſten durch die weite Verbreitung der Logik J. St. Mill's, eine getvohnte und allge mein verftändliche getvorden. Alsdann erſcheint fie, verglichen mit all den anderen unangemefjenen Bezeichnungen, zwilchen denen die Wahl ift, ala die mindeit unangemefjene. Sie drückt Höchft undolllommen den Gegenftand dieſes Studiums aus. Denn in diefem jelber find die Thatſachen des geiftigen Lebens nicht von der pfycho⸗phyfiſchen Lebenzeinheit der Menfchennatur getrennt. Eine Theorie, welche die gejellichaftlich-geichichtlichen Thatjachen beichreiben und analyfiren will, kann nicht von diefer Totalität der Menichennatur abjehen und ſich auf das Geiſtige einjchränten. Aber der Ausdruck tbeilt diefen Mangel mit jedem anderen, der Die Geifteswifienichaften ein jelbftänbiges Ganze. 7 angewandt worden ift; Geſellſchaftswiſſenſchaft (Sociologie), mora= liſche, geichichtliche, Cultur-Wiſſenſchaften: alle dieſe Bezeich- nungen leiden an demſelben Fehler, zu eng zu fein in Bezug auf den Gegenftand, den fie ausdrüden jollen. Und der hier gewählte Rame bat wenigſtens den Borzug, den centralen Thatſachenkreis angemefien zu bezeichnen, von welchem aus in Wirklichkeit die Einheit diefer Wiffenjchaften gejehen, ihr Umfang entivorfen, ihre Abgrenzung gegen die Naturwiſſenſchaften, wenn auch noch Jo undolllommen, vollzogen worden ift.
Der Beweggrund nämlich, von welchem die Gewohnheit aus gegangen iſt, dieſe Wiſſenſchaften als eine Einheit von denen der Natur abzugrenzen, reicht in die Tiefe und Totalität des menſch⸗ lichen Selbſtbewußtſeins. Unangerührt noch von Unterſuchungen über den Urſprung des Geiſtigen, findet der Menſch in dieſem Selbſtbewußtſein eine Souveränität des Willens, eine Verant⸗ wortlichkeit der Handlungen, ein Vermögen, Alles dem Gedanken zu unterwerfen und Allem innerhalb der Burgfreiheit ſeiner Perſon zu widerſtehen, durch welche er ſich von der ganzen Natur abfondert. Er findet fich in dieſer Natur in der That, einen Aug- druck Spinoza’3 zu gebrauchen, als imperium in imperio'). Und da für ihn nur das befteht, was Thatſache ſeines Bewußtſeins iſt, ſo liegt in dieſer ſelbſtändig in ihm wirkenden geiſtigen Welt jeder Werth, jeder Zweck des Lebens, in der Herſtellung geiſtiger Thatbeſtände jedes Ziel ſeiner Handlungen. So ſondert er von dem Reich der Natur ein Reich der Geſchichte, in welchem, mitten in dem Zuſammenhang einer objeltiven Nothwendigkeit, welcher Natur ift, Freiheit an unzähligen Punkten dieſes Ganzen aufbligt; Hier bringen die Thaten des Willens, im Gegenſatz zu dem mechanifchen Ablauf der Naturveränderungen, welcher im Anja Alles was in ihm erfolgt ſchon enthält, durch ihren Kraft- 1) Sehr genial drüdt Pascal dies Kebenzgefühl aus: Pensées Art. 1. ‚Toutes ces misöres — prouvent sa grandeur. Ce sont misöres de grand seigneur, miseres d’un roi depossede. (3) Nous avons une si grande idee de l'amo de I’homme, que nous ne pouvons souffrir d’en &tre meprises, et de n’ötre pas dans l’estime d’une Ame‘ (5) [Oeuvres Paris 1866 I, 8 Erſtes einleitenbes Buch.
auftvand und ihre Opfer, deren Bedeutung das Individuum ja in feiner Erfahrung gegenwärtig befißt, wirklich etwas her- vor, erarbeiten Entwidlung, in der Perjon und in ber Menſch⸗ heit: über die leere und öde Wiederholung von Naturlauf im Bewußtſein Hinaus, in deren Vorſtellung als einem Ideal geichichtlichen Fortſchritts die Göbenanbeter ber intellektuellen Ent- widelung ſchwelgen.
Dergeblich Freilich hat die metaphyſiſche Epoche, für welche diefe Verichiedenheit der Erklärungsgründe fich jofort ala eine ſubſtantiale Berfchiedenheit in der objektiven Gliederung des Welt- zuſammenhangs barftellte, gerungen, Yormeln für die objektive Grundlage dieſes Unterſchieds der Thatſachen des geiftigen Lebens von denen des Naturlaufs feitzuftellen und zu begründen. Unter allen Veränderungen, welche die Metaphufif der Alten bei ben mittelalterlichen Denkern erfahren Hat, ift feine folgenreicher ge- weſen, als daß nunmehr, im Zuſammenhang mit den alles be- herrichenden religiöfen und theologilchen Bewegungen, inmitten deren dieſe Denker ftanden, die Beitimmung der Verſchiedenheit zwiſchen der Welt ber Geifter und der Welt der Körper, aladann der Beziehung diefer beiden Welten zu ber Gottheit, in den Mittel⸗ punkt des Syſtems trat. Das metaphufilche Hauptwerk des Mittel- alter, die Summa de veritate catholicae fidei de8 Thomas, entwirft von feinem zweiten Buche ab eine Gliederung der ge- Ichaffenen Welt, in welcher die Wejenheit (eessentia quidditas) don dem Sein (esse) unterjchieden ift, während in Gott jelber dieſe beiden eins find"); in der Hierarchie der geichaffenen Weſen weit es als ein oberſtes nothwendiges Glied die geiftigen Sub- ftanzen nad), welche nicht au8 Materie und Yorm zujammenge- feßt, jondern per se körperlos find: die Engel; von ihnen jcheidet es die intellektuellen Subftanzen oder unkörperlichen fubfiftirenden Formen, welche zur Gompletirung ihrer Species (nämlich) der Spe- cies: Menjch) der Körper bedürfen, und entwidelt an diejem Puntte eine Metaphyſik des Menſchengeiſtes, im Kampf gegen die arabiſchen Metaphufiiche Begründung ihrer Selbftänbigfeit. 9 Philoſophen, deren Einwirkung bis auf die letzten metaphyſiſchen Schriftſteller unſerer Tage verfolgt werben Tann); von dieſer Welt unvergänglicher Subftanzen grenzt e8 den Theil des Gejchaffenen ab, welcher in der Verbindung von Form und Materie fein Wefen bat. Diefe Metaphyſik des Geiftes (rationale Piychologie) wurde dann, ala die mechaniiche Auffaflung des Naturzufammenhangs und die Gorpuscularphilojophie zur Herrichaft gelangten, von anderen hervorragenden Metaphyſikern zu derjelben in Beziehung geſetzt. Aber jeder Verſuch fcheiterte, auf dem Grunde dieſer Subſtanzenlehre mit den Mitteln der neuen Auffaflung der Natur eine haltbare Vorftellung des Verhältnifjes von Geift und Körper auszubilden. Entwickelte Descarte® auf der Grundlage der Haren und deutlichen Eigenichaften der Körper ala von Raum- größen feine Borftellung der Natur ala eines ungeheuren Mechanis⸗ mus, betrachtete er die in diefem Ganzen vorhandene Bewegungs⸗ größe als conftant: jo trat mit der Annahme, daB auch nur eine einzige Seele von außen in diejem materiellen Syſtem eine Be- wegung erzeuge, ber Widerjpruch in das Syſtem. Und die Un- borftellbarfeit einer ECinwirkung unräumlicher Subftanzen auf dies ausgedehnte Syſtem tuurde dadurch um nicht3 verringert, daß er die räumliche Stelle folder Wechſelwirkung in Einen Punkt zufammen- 309: ala könne er die Schwierigkeit damit verſchwinden machen. Die Abenteuerlichleit der Anficht, daB die Gottheit durch immer fich wiederholende Eingriffe dies Spiel der Wechjelwirkungen unterhalte, der anderen Anficht, daß vielmehr Gott als der geſchickteſte Künftler die beiden Uhren des materiellen Syſtems und der Geifterwelt von Anfang an jo geftellt, daß ein Borgang der Natur eine Em- pfindung bervorzurufen, ein Willendaft eine Veränderung der Außenwelt zu bewirken fcheine, erwieſen fo deutlich ala möglich die Unverträglichkeit der neuen Metaphyſik der Natur mit der über- lieferten Metaphyſik geiftiger Subftanzen. So wirkte dieſes Pro- blem ala ein beftändig reizender Stachel zur Auflöfung des metaphufiichen Standpunktes überhaupt. Diefe Auflöjung wird fich 10 Erſtes einleitendes Buch.
vollftändig in der ſpäter zu entwidelnden Erkenntniß vollziehen, daß das Erlebniß des Selbſtbewußtſeins der Ausgangspunkt des Subftangbegriffes ift, daß diefer Begriff aus der Anpaſſung dieſes Erlebniffes an die äußeren Erfahrungen, welche das nad) dem Satze vom Grunde fortjchreitende Erkennen vollzogen bat, ent⸗ Ipringt und fo diefe Lehre von den geiftigen Subitanzen nicht? als eine Rückübertragung des in einer ſolchen Metamorphoje aus⸗ gebildeten Begriffs auf das Erlebniß ift, in welchen fein Anjat uriprünglich gegeben war.
An die Stelle des Gegenfabes von materiellen und geiftigen Subftanzen trat der Gegenjah der Außenwelt, ald des in ber äußeren Wahrnehmung (sensation) durch die Sinne Gegebenen, zu der Innenwelt, ald dem primär durch die innere Auffafjung der piychilchen Ereigniffe und Thätigkeiten (reflection) Dargebotenen. Das Problem empfängt fo eine befcheidenere, aber die Möglichkeit empirischer Behandlung einfchließende Faſſung. Und e8 machen ſich nun angeficht3 der neuen befjeren Methoden dieſelben Erxleb- niſſe geltend, welche in der Subftanzenlehre der rationalen Piycho- Iogie einen wiflenjchaftlich unhaltbaren Ausdruck gefunden Hatten. - Zunächſt genügt für die jelbftändige Gonftituirung der Geiftes- wiffenschaften, daß auf diefem kritiſchen Standpunkt von den⸗ jenigen Borgängen, die auß dem Material des in den Sinnen Gegebenen, und nur aus dielem, durch dentende Verknüpfung ge- bildet werben, fi) die anderen ala ein bejonderer Umkreis von Thatfacden abfondern, welche primär in der inneren Crfahrung, ſonach ohne jede Mitwirkung der Sinme, gegeben find, und welche aladann aus dem jo primär gegebenen Material innerer Erfahrung auf Anlaß äußerer Naturborgänge formirt werden, um diejen durch ein gewiſſes dem Analogieichluß in der Leiſtung gleich- werthige® Berfahren untergelegt zu werden. So entiteht ein eigened Reich von Erfahrungen, welches im inneren Erlebniß feinen jelbftändigen Urſprung und fein Material bat, und dag demnach) naturgemäß Gegenftand einer bejonderen Erfahrungs⸗ willenichaft if. Und fo lange nicht Jemand behauptet, daß er den Inbegriff von Leidenfchaft, dichteriichem Geftalten, denkendem Auflöfung bderjelben. Kritiſche Begründung. 11 Erfinnen, weldden wir ala Göthe'3 Leben bezeichnen, aus dem Bau ſeines Gehirns, den Eigenichaften feines SKörperd abzuleiten und jo befler erfennbar zu machen im Stande ift, wird aud) die jelbftändige Stellung einer ſolchen Wiffenichaft nicht beftritten werden. Da nun was für und da tft, vermöge diefer inneren Erfahrung beiteht, was für ung Werth hat oder Zweck ift, nur in dem Erlebniß unfres Gefühls und unfres Willens uns jo gegeben ift: To liegen in diefer Wiſſenſchaft die Prinzipien unſers Erkennen, welche darüber beitimmen, twiefern Natur für ung eriftiren farm, die Prinzipien unſeres Handelns, welche das Vorhandenſein von Zwecken, Gütern, Werthen erklären, in dem aller praktiſche Ver⸗ kehr mit der Natur gegründet ift.
Die tiefere Begründung der jelbftändigen Stellung der Geiſteswiſſenſchaften neben den Naturwiſſenſchaften, welche Stellung den Mittelpunkt der Conftruftion der Geifteswifjenichaften in diefem Werke bildet, vollzieht jich in diefem jelber fchrittweile, indem die Analyfia des Geſammterlebniſſes der geiftigen Welt, in feiner Unvergleichbarkeit mit aller Sinnenerfahrung über die Natur, in ihm durchgeführt wird. Ich verdeutliche hier nur dies Problem, indem ich auf den zweifachen Sinn hinweise, in welchem bie Un⸗ vergleichbarteit diefer beiden Thatſachenkreiſe behauptet werben kann: entſprechend empfängt auch der Begriff von Grenzen bes Naturerkennens eine zweifache Bedeutung.
Einer unfrer erften Naturforscher hat diefe Grenzen in einer vielbeiprochenen Abhandlung zu beftimmen unternommen, und ſo⸗ eben diefe Srenzbeftimmung jeiner Wiflenichaft näher erläutert?). Denken wir und alle Veränderungen in der Klörperwelt in Be⸗ wegungen von Atomen aufgelöft, die durch deren conftante Gen- tralfräfte bewirkt wären, jo würde das Weltall naturwiſſenſchaftlich erfannt. „Ein Geift“ — von diefer Borftellung von Laplace gebt er aus —, „der für einen gegebenen Augenblid alle Kräfte kennte, welche in der Natur wirkſam find, und die gegenfeitige Tage der 1) Emil Eu Bois⸗Reymond, über die Grenzen des Naturerkennens. 1872. Val.: Die fieben Welträtbiel. 1881.
12 Erſtes einleitendes Buch.
Weſen, aus denen fie beſteht, wenn ſonſt er umfafſend genug wäre, um diefe Angaben der Analyfi3 zu unterwerfen, würde in ber- ſelben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper und des leichteften Atoms begreifen”). Da die menſchliche Intelligenz in der aſtronomiſchen Wiſſenſchaft ein „ſchwaches Abbild eines jolchen Geiſtes“ iſt, bezeichnet Du Bois-Reymond die von Laplace vorge- ſtellte Kenntniß eines materiellen Syſtems als eine aftronomijche. Von dieſer Vorſtellung aus gelangt man in der That zu einer ſehr deutlichen Auffaſſung der Grenzen, in welche die Tendenz des naturwiſſenſchaftlichen Geiftes eingejchloffen ift.
Es jei geftattet eine Unterfcheidung in Bezug auf den Begriff der Grenze ded Naturerfennena in diefe Betrachtungsweiſe einzu- führen. Da ung die Wirklichkeit, ald das Gorrelat der Erfahrung, in dem Zufammenwirken einer Gliederung unjerer Sinne mit der inneren Erfahrung gegeben ift, entjpringt aus der hierdurch be- dingten DVerfchiedenheit der Provenienz ihrer Veſtandtheile eine Unvergleichbarkeit innerhalb der Elemente unferer wiſſenſchaftlichen Rechnung. Sie jchließt die Ableitung von XThatfächlichkeit einer beftimmten Provenienz aus der einer anderen aus. So gelangen’ wir von den Eigenjchaften des Räumlichen doch nur vermittelft der Fakticität der Taftempfindung, in welcher Widerftand erfahren wird, zu ber Vorftellung ber Materie, ein jeder der Sinne ift in einen ihm eigenen Qualitätenkreis eingejchloflen; und mir müſſen von der Sinnegempfindung zu dem Gewahren innerer Zu⸗ ftände übergehen, jollen wir eine Bewußtjeinzlage in einem ge= gebenen Moment auffallen. Wir können ſonach die Data in der Umvergleichlichkeit, in welcher fie in Folge ihrer verfchiedenen Pro- venienz auftreten, eben nur binnehmen; ihre Thatjächlichkett ift für und unergründlich; all unfer Erkennen ift auf die Feititellung der Gleichförmigfeiten in Aufeinanderfolge und Gleichzeitigfeit einge- ſchränkt, gemäß denen fie nach unſrer Erfahrung in Beziehungen zu einander ftehen. Dies find Grenzen, welche in den Bedingungen unſeres Erfahrens jelber gelegen find, Grenzen, die an jedem 1) Laplace, Essai sur les probabilites. Paris 1814. p. 3.
Beftimmung der Aufgabe berjelben. 13 Punkte der Naturwiſſenſchaft beftehen: nicht äußere Schranken, an welche das Naturerkennen ſtößt, fondern dem Erfahren jelber immanente Bedingungen deſſelben. Das Vorhandenſein diefer im: manenten Schranken der Erkenntniß bildete nun durchaus fein Hinderniß für die Funktion des Erkennens. DBezeichnet man mit Begreifen eine völlige Durchfichtigleit in der Auffaſſung eines Zuſammenhangs, jo haben wir es bier mit Schranken zu thun, an welche das Begreifen anftößt. Aber, gleichviel ob die MWiflen- Ichaft ihrer Rechnung, welche die Veränderungen in ber Wirklich- feit auf die Bewegungen von Atomen zuräüdführt, Qualitäten unterordne oder Bewußtſeinsthatſachen: falls dieſe filh ihr nur unterwerfen laflen, bildet die Thatſache der Unableitbarfeit kein Hinderniß ihrer Operationen; ic) vermag jo wenig einen Ueber- gang von ber bloßen mathematischen Beitimmtheit oder der Be- wegungagröße zu einer Farbe oder einem Ton als zu einem Bes wußtſeinsvorgang zu finden, das blaue Licht wird von mir durch die entiprechende Schwingungszahl jo wenig erklärt, als das ver- neinende Urtheil durch einen Vorgang im Gehirn. indem die Phyfik es der Phyfiologie überläßt, die Sinnesqualität blau zu erklären, bieje aber, welche in der Bewegung materieller Theile eben auch fein ‘Mittel beſitzt, das Blau hervorzuzaubern, es ber Pſychologie übergiebt, bleibt es ſchließlich, wie in einem Vexirſpiel, bei der Pſychologie ſitzen. An ſich aber ift die Hypotheſe, welche Qualitäten in dem Borgang der Empfindung entftehen läßt, au» nächſt nur ein Hilfemittel für die Rechnung, welche die Verände⸗ rungen in der Wirklichkeit, wie fie in meiner Erfahrung gegeben find, auf eine gewiſſe Clafje von Veränderungen innerhalb der⸗ jelben, welche einen Theilinhalt meiner Erfahrung bildet, vadicirt, um fie für den Zwed der Erkenntniß gewiflermaßen auf Eine Fläche zu bringen. Wäre e3 möglich, bejtimmt definirten That⸗ lachen, welche in dem Zuſammenhang der mechaniſchen Naturbe⸗ trachtung eine fefte Stelle einnehmen, conftant und beftimmt befinirte Bewußtſeinsthatſachen zu ſubſtituiren und nunmehr gemäß dem Syftem von Gleichförmigkeiten, in welchem die erfteren Thatjachen fih befinden, das Eintreten der Bewußtjeinsvorgänge ganz im 14 Erſtes einleitendes Bud).
Einklang mit der Erfahrung zu beftimmen: alddann wären dieje Bewußtſeinsthatſachen ſo gut dem Zuſammenhang des Natur- erkennens eingeordnet, als es irgend Ton oder Farbe ſind. Gerade hier macht fich aber die Unvergleichbarkeit ma⸗ terieller und geiſtiger Vorgänge in einem ganz anderen Verſtande geltend und zieht dem Naturerkennen Grenzen von einem durchaus anderen Charakter. Die Unmöglichkeit der Ableitung von geiftigen Thatfachen aus denen der mechaniſchen Naturordnung, welche in der Derfchiedenheit ihrer Provenienz gegründet ift, hindert nicht die Einordnung der erfteren in daB Syſtem der lebteren. Erft wenn die Beziehungen zwiſchen den Thatjachen der geiftigen Welt fih ala in der Art unvergleichbar mit den Gleichförmigkeiten des Naturlauf? zeigen, daß eine Unterordnung der geiftigen That⸗ ſachen unter die, welche die mechanische Naturerkenntniß feftgeftellt bat, ausgelchloffen wird: dann erſt find nicht immanente Schranken des erfahrenden Erkennens aufgezeigt, jondern Grenzen, an denen Naturerkenntniß endigt und eine Jelbftändige, aus ihrem eigenen Mittelpunfte fich geftaltende Geiſteswiſſenſchaft beginnt. Das Grundproblem liegt ſonach in der Feitftellung der beftimmten Art von Unvergleichbarkeit zwiſchen den Beziehungen geiftiger That- ſachen und den Gleichförmigfeiten materieller Vorgänge, welche eine Einordnung der erfteren, eine Auffafjung von ihnen ala von Eigen fchaften oder Seiten der Materie ausfchließt und welche ſonach ganz anderer Art fein muß ala die Verſchiedenheit, die zwiſchen den einzelnen Kreiſen von Geſetzen der Materie befteht, wie fie Mathematik, Phyfit, Chemie und Phyfiologie in einem fich immer folgerichtiger entwickelnden Verhältniß von Unterordnung bar- legen. Eine Ausſchließung ber Thatjachen des Geiftes aus dem Zuſammenhang der Dlaterie, ihrer Eigenſchaften und Gelege wird immer einen Widerſpruch vorausfegen, der zwiſchen den Be— ziehungen der Thatfachen auf dem einen und denen der Thatjachen auf dem andern Gebiet bei dem Verſuch einer ſolchen Unterord⸗ nung eintritt. Und dies it in der That die Meinung, wenn die Unvergleichbarfeit des geiftigen Lebens an den Xhatfachen des Selbftbemußtjeind und der mit ihm zufammenhängenden Ein- Der wahre Begriff der Grenzen der Naturerfenntniß. 15 beit des Bewußtſeins, an der Freiheit und den mit ihr verbundenen Thatſachen des fittlichen Leben? aufgezeigt: wird, im Gegenſatz gegen die räumliche Gliederung und Theilbarkeit der Materie ſowie gegen die mechanifche Nothiwendigkeit, unter welcher die Leiftung des einzelnen Theils berjelben ſteht. So alt beinahe, ala das firengere Nachdenten über die Stellung des Geiftes zur Natur, find die Verſuche einer Formulirung diefer Art von Unvergleidy- barleit des Geiftigen mit aller Naturordnung, auf Grund der That- lachen von Einheit des Bewußtſeins und Spontaneität des Willens.