für Alle da8 Beſte;“ berjelbe „bewegt wie etwas, das geliebt wird!).“ — Dieler Seite der Bemweisführung des Monotheismus gehört die bei Cicero erhaltene erhabene Darftellung an. Der Ge- danke des Anaxagoras ift hier von Ariftoteled zu dem umfaflenden Beweis des Daſeins Gottes aus der Zweckmäßigkeit der Welt ent« faltet, und das ganze Syſtem des Ariftoteled kann ja ſchließlich zu einem ſolchen Beweis zuſammengeordnet werden. „Man dente jid Menjchen von jeher unter der Erde wohnen in guten und hellen Häufern, welche mit Bildjäulen und Gemälden ausgeziert und mit allen Dingen verjehen wären, an denen die Neberfluß haben, welche für glüdlich gehalten werden. Aber fie wären niemal® an die Oberfläche der Erde heraufgelommen, hätten nur durch eine dunkle Sage vernommen, eine Gottheit exiftire und Macht der Götter. Thäte fi nun diefen Menfchen einmal bie Erde auf, vermöchten fie dann aus ihren verborgenen Sitzen zu den von und bewohnten Orten emporzufteigen und nun hinauszu⸗ treten; jähen fie dann plößli die Erde, die Meere und den Himmel, nähmen die Wolkenmaſſen wahr und die Gewalt der Winde; blickten zur Sonne auf, erlännten ihre Größe und Schön- beit und auch ihre Wirkung, daß fie es iſt, welche den Tag Schafft, indem fie ihr Licht über den ganzen Himmel ergießt; erblickten dann, nachdem Nacht die Erde beichattete, den ganzen Himmel mit Sternen bejeßt und geichmüdt und betrachteten das wechjelnde Mondlicht in feinem Wachlen und Schwinden, aller diefer Himmels⸗ förper Auf und Untergang und ihre eiwigen, unveränderlichen Bahnen: dann würden fie gewiß überzeugt fein, daß Götter eriftiren, und dieje gervaltigen Werle von Göttern außgehen?).“ Auch diefe dichteriiche BDarftellung ſucht in der Schönheit und Gedankenmäßigfeit der Bahnen der Himmelskörper eine Stüße für den Monotheismus.
Begriffe und des Mittelglieda des aftronomiichen Thatbeftandes giebt Simplic. zu de caelo Schol. p. 487» 6 die Beweisflihrung, welche auf dad Vollkommenſte zurüdgeht. 1) Ariſt. de caelo II, 12 p. 292 d 18 Metaph. XII, 7 p. 1072 8. 2) Cicero de natura deorum II, 37, 95.
270 Zweites Bud. Zweiter Abjchnitt.
Aber der monotheiftiiche Grundgedanke nimmt in Ariftotelez, wie in Blato, die Annahme von mehreren nicht aus Gott ſtammen⸗ den Urſachen in fi) auf.
Das aftronomische Problem war viel tomplizirter geivorden, die Bahnen der Planeten bildeten die Hauptfrage. Es ward ver- fucht, die jcheinbaren Bahnen auf Drehungen von Sphären, verichteden nach Zeitdauer, Richtung und Umkreis, zurückzuführen, und die Drehung jolcher Sphären, an welchen die Geitime befeftigt find, legte mın auch Ariftotele3 zu Grunde. Somit lagen die Vorausſetzungen diefer aftronomijchen Theorie in dem In— einandergreifen diejer verjchiedenen Drehungen. Weder Ariftoteles noch ein anderer Denfer des Jahrtauſends, das auf ihn folgte, bat dieje Vorausſetzungen in den Zuſammenhang einer mecha⸗ niſchen DBorftellung gebradt. Und fo faßt denn Ariftoteles dad Verhältniß diejer Bewegungen zu einander mythiſch als innere Beziehung von pſychiſchen Kräften, von Geftirngeiftern zu einander auf; jede dieſer pigchiichen Kräfte verwirklicht gleich- ſam eine beftimmte dee von Kreisbewegung;, fünf und fünfzig Sphären (dieje Hypotheſe bevorzugt er ald die wahrjcheinlichere) *) außer dem Firfternhimmel greifen mit ihren Drehungen in einander. Ungeworden, unvergänglich ftehen demnach neben der höchſten Vernunft diefe fünf und fünfzig Geftirngeifter, welche die Drehung der Sphären bewirken, alsdann die Formen der Wirklichkeit, endlich die mit den menſchlichen Seelen verbundenen unfterblicden Geifter, die ebenfalls als Vernunft bezeichnet werden. Und die Materie ift ebenjo eine letzte, unabhängige Thatfache.
Die Gottheit ſteht nach Ariſtoteles zu diefen Prinzipien in einem piychiichen Verhältniß; fie bilden einen in ihr den Abſchluß findenden Zwedzufammenhang. So Herricht die Gottheit, wie der Feldherr im Heere d. h. durch die Kraft, vermöge deren eine Seele die andere beftimmt. Hieraus allein erklärt fich ber ge- danfenmäßige Zujammenhang des Weltalls unter ihr als dem Haupte, während fie doch nicht die bervorbringende Urſache des⸗ Der Zweckzuſammenhang der legten Prinzipien gebt in Bott zurüd. 271 jelben ift. Der reine Geift, das Denken des Denkens, denkt nur fih jelber in unwandelbarem, jeligem Leben und bewegt, indem er ala höchfter Zweck anzieht, nicht indem er das im Zwecke An- gelegte jelber zu vollbringen thätig ift: wie eine Seele aljo auf andere geringere Seelen wirkt. So ijt das lebte Wort der grie- hifchen Metaphyſik das zwiſchen pigchiichen Wejenheiten ftatt- findende Verhältniß ala Erflärungsgrund des Kosmos, wie es im Götterftante Homer’3 ſchon angeſchaut worden war.
Siebentes Kapitel.
Die Metaphyſik der Griechen und die geſellſchaftlich⸗geſchichtliche Wirklichkeit.
Das Verhältnig der Intelligenz zu der gejellfchaftlich-gefchicht- lichen Wirklichkeit hat fi ung ganz verjchieden von dem gezeigt, welches zwiſchen ihr und der Natur beſteht. Nicht nur beein- fluflen die Intereſſen, die Kämpfe der Parteien, die fozialen Ge— fühle und Leidenschaften Hier die Theorie in einem viel höheren Grade. Nicht nur ift die aktuelle Wirkung der Theorie bier von ihrem Verhältniß zu diefen Intereſſen und Gemüthsbe— mwegungen innerhalb der Gejellichaft beflimmt. Auch wenn man den Zufammenhang, welchen die Entwidlung der Geifteawifien- ſchaſten bildet, betrachtet, jofern er nicht durch bag Mittel der Intereſſen und Leibenfchaften der Gejellichaft, in welchem er ftattfindet, bedingt ift, zeigt derjelbe ein anderes Verhältniß zu feinem Gegenftande, als e3 innerhalb der wifienichaftlichen Erfennt- niß der Natur obwaltet.
Dies ift in dem erften Buche erörtert worden. Die Gefchichte der Geiſteswiſſenſchaften bildet in Folge dieſes Grundverhältniffes ein relativ jelbftändiges Ganze, das in Koordination mit dem Fort⸗ 272 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt.
ſchritt der Naturwiſſenſchaften fich entwickelt Hat; dieje Entwidlung fteht unter eigenen Bedingungen, in Betreff deren auf das erfte Buch zurüdverwiejen wird. Und diejelben beftimmen nun zunächſt dad Verhältniß, in welchem die griedhiiche Metaphyſik zu dem Studium der geiftigen Thatjachen fteht.
Der Erfahrungskreis der geſellſchaftlich⸗geſchichtlichen Wirklichkeit bat fich in den Generationen jelber erft aufgebaut, welche über ihn reflektirten. Die Natur ftand der Schule von Milet fo gut ala ein abgeſchloſſenes Ganze gegenüber, wie einem heutigen Forſcher: es galt nur, die vorhandene zu erkennen. Dagegen ent- itand erſt zu der Zeit, in welcher die griechiiche Wiflenfchaft auftrat, allmählich der umfaflendere gefchichtlich-gejellichaftliche Erfahrungs: kreis, welcher der Gegenftand der Geifteswifjenichaften ift. Die Zuftände der umliegenden, uralten Rulturftaaten waren den grie- chiſchen Stämmen zu wenig bekannt und zu fremdartig, ala daß fie Gegenftand einer wirklich fruchtbaren Forſchung Hätten werden fönnen. Und zwar ftoßen wir hier wieder an eine Grenze des griechiichen Geiftes, welche in dem tiefiten Lebensgefühl des grie= chiſchen Menjchen begründet if. Gin energiiches Intereſſe der Auffaffung zeigt der Grieche nur für den Griechen und in zweiter Linie für den verwandten Staliler. Wol beweift der Sagenkreis, der da8 Haupt des Solon als des großen Repräfentanten maßvoller griechiicher Lebens⸗ und Staatskunſt umgiebt, den lebendigen An- theil an den großen SKataftrophen jener Kulturländer. Die Ge Ichichtichreibung des Herodot macht die regſame Neubegier grie= chiſcher Forſcher fichtbar in Bezug auf fremde Länder und Völker. Die Kyropädie erweilt, wie die Leiltungsfähigfeit monarchiſcher Einrichtungen die Bürger biefer freien, aber politiich und militäriſch unzureichend geſchützten Stadtftaaten befchäftigte. Aber der griechiiche Forſcher zeigt fein Bedürfniß, vermittelft der Sprachen fremder Völker in ihre Literatur einzudringen, um fi) den Quellpunkten ihres geiftigen Lebens zu nähern. Er empfindet die centralen Aeußerungen ded Leben biejer Völker ald ein Fremdes. hm liegt ihre wirkliche Kultur an den Grenzen defjen, was jeine ge= ſchichtlich⸗geſellſchaftliche Wirklichkeit ausmacht. Andrerjeit3 bauten Schranken des griechiichen Studiums der Gelellichaft. 273 fih die Kultur feines eigenen Volkes und deſſen politiſches Leben, joweit fie Gegenftand gejchichtlichen Willens find, in der Zeit, in welcher die griechiiche Wiſſenſchaft anhebt, erſt allmählich auf. Sonach war die gejchichtlich-gefellfchaftliche Welt, wie fie dad Menjchengejchlecht und deſſen Gliederung umfaßt, für den griechiſchen Geift noch unter dem Horizonte.
Mit diefer engen Begrenzung finden wir einen pofitiven Irrthum verbunden, der aus derjelben entſprang. Die griechifchen Theorien empfingen ihre vollendete Geſtalt zu einer Zeit, in welcher gerade die höchitftehenden Politien rein griechifcher Abkunft ſchon ihren Höhe- punkt überfchritten Hatten. Welche Achtung auch noch Plato für das Staatsleben der Spartaner hatte und wie große Hoffnungen er an eine Konftitution noch Inüpfen mochte, welche die geſpannte einheitliche Kraft dieſer Staatsordnung in edlerer Richtung nachbildete: für Ariſtoteles gab es kein Beiſpiel eines ächt grie- chiſchen Staates mehr, der dem Schidjal des Sinkens entnommen geweien wäre. So entfteht an der Erfahrung jelber die Vor—⸗ ftellung von einem Kreislauf der menschlichen Dinge, der gefell- Ichaftlichen wie der politiichen Zuſtände, oder die noch mehr büftere von ihrem allmählichen Sinken. Und diefe völlige Ab— weſenheit jeder Borftellung von Yortichreiten und Entwidlung verbindet fi) mit der dargelegten Einſchränkung des unterſuchen⸗ den Geiftes auf den griechiichen Menſchen. Der griechiſche Er- forſcher der gejellichaftlichen und hiſtoriſchen Wirklichkeit Hatte To noch fein gejchichtliche® Bewußtſein von einer inneren fort- Ichreitenden Entwidlung, und er näherte fih der Empfindung feines realen Zuſammenhangs mit dem ganzen Menjchengefchlecht nur ſpät und allmählich durch die VBermittelung des macedonijchen Reiches und des römiſchen Imperium ſowie durch die Einwirkung des Orients.
Dieſer Schranke des griechifchen Geiftes, welche ſich auf den Umfang feines geichichtlichen Geſichtskreiſes bezieht, entjpricht eine andere, welche die Stellung der Perſon zu der Gejellichaft betrifft. Und auch diefe Grenze ift im innerften Seelenleben des grie: hilchen Menſchen angelegt. Die Hingabe an das Gedantenmäßige Dilthey, Ginleitung. 18 274 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
der Welt iſt mit einem Mangel an Bertiefung in die Geheimniſſe des Seelenlebend, an Erfaflung der freien Perjon im Gegenſatz zu Allem, was Natur ift, verbunden. Erſt in einer Tpäteren Zeit wird der Wille, welcher ſich ala Selbſtzweck von unendlichen Merthe findet, wenn er zur metaphufilchen Befinnung kommt, die Stellung des Menjchen zu der Natur und zu der Gejellichaft ab- ändern. Aber für den damaligen griechiichen Menjchen hat der Ginzelwille noch nicht um feiner ſelbſt willen den Anſpruch auf eine Sphäre jeiner Herrichaft, welche ihm der Staat zu ſchützen beftimmt ift und nicht rauben darf. Das Recht Hat noch nicht die Aufgabe, dem Individuum diefe Sphäre einer Treiheit zu fichern, innerhalb deren es ſchalte. Die Freiheit bat noch nicht die Bedeutung ungehemmter Entfaltung und Bewegung des Willenz innerhalb diefer Sphäre. Vielmehr ift der Staat ein Herrichafts- verhältniß, und die Yreiheit befteht in dem Antheil an dieſer Herr⸗ Ihaft. Die griechiiche Seele bedarf noch nicht einer Sphäre ihres Leben, welche jenjeit aller gejellichaftlichen Ordnung liegt. Skla⸗ verei, Tödtung verfrüppelter oder jchwächlicher Neugeborener, Oſtracismus bezeichnen diefe unvolllommene Werthichägung des Menichen. Der unabläffige Kampf um den Antheil an der politiichen Herrichaft bezeichnet die Wirkung derſelben auf die Geſellſchaft.
Innerhalb dieſer Grenzen durchlief die Anſchauung der Völker de Mlittelmeeres über die gejellichaftlich-geichichtliche Wirklichkeit diefelben Stadien, welche in größerem Maßſtab, modificirt durch die veränderten Umftände, auch die Anſchauung der neueren Völker durchmeffen bat.
In dem erften diefer Stadien, während der Herrſchaft des mythiſchen Vorſtellens, wird die Ordnung der Geſellſchaft auf göttlide Stiftung zurüdgeführt. Diele Vorstellung des Urſprungs der gejellichaftlichen Ordnung theilen die Griechen mit den umliegenden großen afiatiichen Staaten, wie verichteden auch die näheren Beftimmungen der Vorftellung bei den Griechen von ber bei den Orientalen find. Sie bleibt fo lange Stadium d. Zurüdführung d. gefellichaftl. Ordnung auf göttl. Stiftung. 275 herrſchend, ala die heroiſche Zeit dauert. Alle Macht war in diefer Zeit perjönlih. Der heroiſche König Hatte fein phyſiſches Machtmittel, den Gehorfam eine ewig wideriprechenden Adels zu erzwingen; e3 gab feine gejchriebene Verfaſſung, die einen Rechts⸗ anſpruch begründet Hätte. So find alle Vorftellungen und Ge- fühle jener Tage in daß Clement des Perjönlichen getaucht. Die Poeſie war Heldengelang; das Heroiſche der Gegenwart an ein Höheres der Vergangenheit zu Tnüpfen und diejes bis zu den perjönlichen Gewalten der Götter zurüdzuleiten, in den Bildern des Götteritantes die Motive des eigenen Lebens in mächtigerem Pulsſchlag zu empfinden und zu genießen: war ein Grundzug der fozialen Gefühle und Vorftellungen jener Tage.
Die Borjtellung von dem Zuſammenhang der gejellfichaftlichen Ordnung mit den perjönlichen Kräften einer höheren Welt ift dann ein lebendiger Beftandtheil griechiicher Meberzeugungen geblieben '). Gentralgriechenland, nördlich wie durch breite Querriegel des Ge- birged? vom Kontinent ifolirt, gliedert fih durch die Beräftelung der Gebirge zu einer Anzahl von Kantonen, die von Bergen mit hoben und engen Zugängen in ihrer Selbſtändigkeit geſchützt find: zugleich öffnet es ſich dem Meere, das ſchützt und verbindet. Ueber die milde See leiten Inſeln, den Pfeilern einer Brücke gleih. In vielen diejer Kantone erhielt fi) lange mit zäher Ge- walt die Macht der mythiſchen VBorftellungen. Denn die Wurzeln des mythiſchen Glaubens lagen für dieje abgefchlofenen Gemein- ſchaften in den Iolalen Kulten, wie aus dem jpäten Bericht des Pauſanias noch erjehen werden Tann.
Diefelben geographiichen Bedingungen haben zugleich auf die Entwidlung Heiner Politien Hingewirkt, in denen mit vegfamer intelleftueller Entiwidlung verbunden politiiche Freiheit fich ent⸗ faltete. Daher fand die politijche Freiheit in den Schriften ber 1) Die fortdauernde Macht diefer Vorftellungen kann, neben dem Be: weiß aus den befannten Stellm, auch daraus erfchlofen werden, daß bie fophiftifche Aufllärung die Religion als eine Erfindung ber Staatskunſt auffafien konnte (Eritiad bei Sextus Empiricus adv. Math. IX, 54, Plato Gelee X, 889€).
276 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt.
Griechen zuerft einen dauernden, künſtleriſch mächtigen, wiflen- Ihaftlich begründeten Ausdruck. Hierdurch wurde fie erft für die europäiſche politiihe Entwicklung ˖ ein unvergänglicher Erwerb. Dieſe Bedeutung der politiſchen Literatur der Griechen iſt unzer⸗ ftörbar. Sie wird nur jehr vermindert durch eine Einfeitigkeit ihrer politiichen Auffaffung, welche wir bald erörtern werden und die fich ebenfalld auf das neuere politifche Leben übertragen bat.
Die eriten Anfänge diefer Literatur gewahren wir in den . großen Seeftädten, deren politifche, ſoziale und intelleftuelle Ent- wicklung jehr raſch verlief. Hier entitand das Bedürfniß, den mythilchen Glauben an die gejellichaftlide Ordnung durch eine metaphyfiiche Begründung zu erjeßen. Und zwar begann eine ſolche erſte theoretiſche Betrachtung der Gejellichaft, indem die Soziale Ordnung ala ſolche mit dem metaphyſiſchen Zuſammen⸗ bang des Weltganzen in Beziehung geſetzt wurde. Heraklit ift der mächtigfte Repräjentant diefer metaphufilcden Begründung der ge- ſellſchaftlichen Ordnung; aber auch die Nefte der pythagoreiſchen ‚ Ideen beuten auf eine ſolche, obwohl diefelbe augenjcheinlich mit mythiſchen Beftandtheilen jehr verjegt war.
Die griechische Auffaffung der gejellichaftlichen Ordnung trat in ein neued Stabium in dem Zeitalter der Sophiften. Das Auftreten von Protagorad und Gorgiad bildet den Anfangspunkt dieſer großen intelleftuellen Ummälzung. Indeſſen wäre es irrig, den Stand der Sophiſten (mit welchem Namen zunächſt ein verändertes Unterrichtsſyſtem in Griechenland, nicht eine Ver—⸗ änderung der Philofophie bezeichnet wurde) für den Wechjel in den politiichen Borftellungen, welcher nun eintrat, verantwortlich zu machen. Die Theorien der Sophiften folgen nur einer gänz« lichen Veränderung der jozialen Gefühle und find ihr Ausdruck Diefe wurde hervorgerufen durch die allmähliche Zerftörung der alten Gejchlechterverfaflung, in welcher da3 Individuum noch ala Beitandtheil einer Gliederung der Gejellichaft fich gefühlt hatte und von der es nach feinen wejentlichen Lebensbeziehungen umfaßt worden war. Noch die Tragödie des Aeſchylus geftaltete darum Das Naturrecht ber Sophiften. 277 fo tief die Mythen einer vergangenen Zeit, weil fie noch bie dieſen zu Grunde liegenden Verhältnifie und Gefühle nachempfand. Nun wurde eine individualiftiiche Richtung in den Intereſſen, den Ge- fühlen wie den Vorftellungen herrichend. Athen ward der Mittel- punkt diefer Veränderung der fozialen Gefühle. Die jo eintretende- Umwälzung wurde allerdinga mächtig befördert durch die Gentrali= fation der intellektuellen Bewegung in diefer Stadt und ben in ihr um fich greifenden jfeptifchen Geift. Anaragoras ſchuf in Athen eine herrſchende Macht intellektueller Aufklärung im fünften Jahre Hundert; e8 darf angenommen werden, daß dann Zeno dort er- ſchien und durch feine ſkeptiſche Geiftesrichtung Einfluß gewann; dag Auftreten des Protagoras ſowie des Gorgias beförderte weiter den- ſelben Geift jfeptifcher Aufllärung in der Stadt. Waren die Sophiften auch nicht die Urheber der Umwälzung, welche fi) im Leben und Denten der griechiichen Gefellichaft jener Tage vollzog: dieſelbe ward doch außerordentlich unterftüßt, ala, dem Bedürfniß einer Beit entiprechend, in welcher die Rede zum mächtigften Mittel geworden war, Einfluß und Reichthum zu erringen, diejer neue Etand von DBertretern eine höheren Unterricht? die atheniſche Jugend an fich zog. Ein deal von perjönlicher Ausbildung ent- and, in defien Sinne |päter ein Cicero im Redner das Lebens⸗ ideal eines römifchen Mannes jah: der Humanismus hat in der Tolgezeit nicht nur die Kultur der Alten, jondern auch dies ihr Bildungsideal erneuert und dadurch die unjelige Vorherrſchaft einer formalen Bildung unter una herbeigeführt. In der Lehr: thätigfeit der Sophiften ift von diefem Allen die Wurzel; von ihr ging der Geiſt der Rhetorenſchulen aus, die fich über die alte Welt verbreiteten. Vergeblich Haben Plato und Ariftoteleg im Kampfe gegen die Sophiften, im Gegenſatz zu dem armjeligen Rhetor Iſo⸗ crate3 dieje Krankheit des griechiichen Lebens befämpft; vergeblich, weil die Sophiften nur in dem Privatunterrichtäfgftern der griechi- chen Bolitien, in welchem die Schule der freien Konkurrenz anheim- fiel, gerade da geboten haben, was den herrjchenden Neigungen entſprach. Ein Privatunterrichtsfyften kann eben nie beffer fein ala der Durchichnittägeift einer Zeit. So floß denn nun in unzähligen 278 Zweites Bud. Zweiter Abſchnitt.
Kanälen der individualiſtiſche und fleptifche Geift, wie ex fich ſeit der Mitte des fünften Jahrhunderts entwickelt Hatte, abwärts? dem Niveau der Maflen entgegen, um fich dort zu vertheilen, ver- mittelft der Volksverſammlungen, der Theater, des neuen ſophi⸗ ſtiſchen Unterrichts, zunächft in Athen und dann von dieſem Centrum aus über ganz Griechenland.
jedoch zeigt die erite Generation der Sophiſten noch feine entichiedene und Klare negative Stellung der beftehenden gejell= Ihaftlichen Ordnung gegenüber. In dem Relativiamus des Pro- tagoras lagen die Prämifien einer folchen negativen Haltung. Auch war Protagoras nicht der Kopf, ihre Tragmeite zu überjehen?). Aber Hätte er die Konjequenzen diejeg Relativismus bereit? wirt- lich entwidelt, jo wäre der Mythus, welchen Plato in feinem Namen in dem nad) ihm bezeichneten Dialog vortrug, unerklärlich. Gorgiad, ein Genie ber Sprache, von einem weilen Verhältnig zum 2eben, eine neutrale und in Bezug auf die fittlichen und gejellichaftlichen Probleme von feinem ſtarken Affelt bewegte Vir⸗ tuofennatur, Tieß die fittlichen Ideale des Lebens in ihrer mannig- fachen Thatjächlichkeit beftehen 2), fie bildeten ihm die Voraus⸗ ſetzung feiner Technik, welche nur die Kraft und Kunft, Glauben bervorzurufen, zum Gegenftand hatte.
Dennod lag in der Bewegung, welche die Sophiften der erften Generation hervorriefen, der Ausgangspunkt einer negativen Philojophie der Geſellſchaft. Die ungeheure Wandlung der geiftigen Intereſſen, wie fie in diefem Zeitalter ftattfand und das große Werk der Sophiften ift, an die in diefer Rückſicht Socrates fich anichloß, läßt nunmehr geiftige Thatjachen, Sprache, Denken, Be- redſamleit, Staatsleben, Sittlichleit ala Gegenftand von wiſſen⸗ ſchaftlicher Forſchung in den Vordergrund treten. An dieſen geiftigen Thatſachen und ihrer Betrachtung ging erft im Gegen- fat zu den materiellen Vorftellungen von Seele ein Bild deſſen auf, was im Geifte vollbracht wird. Diejelbe Wendung der intellet- 1) Bol. Pinto Theätet 167. 1724. Protagorad 33. 2) Vgl, Arift. Polit. I, 18. 1260 24 mit Platos Meno.
Unterfcheibung der erften und zweiten Generation ber Sophiften. 279 tuellen Entwidlung ftellte andrerjeit3 jedes Phänomen unter den Geſichtspunkt der Nelativität. Und jo mußte die kluge Mäßigung der erften Generation der Sophiften gegenüber der gejellichaftlichen Ordnung Griechenlands und den religiöjen Grundlagen derjelben ſchrittweiſe einer radifaleren Haltung Pla machen.
Zwiſchen der erften und zweiten Generation der Sophiften fteht Hippias. Auch in feiner Perjon jpürt man, in einer anderen Modifilation ala in der des Protagoras oder Gorgias, die Luft einer ganz veränderten Zeit. Virtuoſe Vielfeitigkeit, deren intelleftueller Ehrgeiz über die Heinen Bolitien hinausgewachſen ift, jonnt ſich im Glanze einer Zeit, in welcher die Kunst weltlich und ein Ausdrud ſchönen Lebenäbedürfniffes, jedes wiſſenſchaftliche Problem Gegenftand radikaler Debatten geworden ift und in welcher Reichthum und Ruhm auf dem meiten Theater der griechiſch redenden Völker in ganz neuem Maßſtab zu ertverben waren. ch habe dargelegt, daß der Gegenſatz zwiſchen dem gött- lichen, ungejchriebenen Geſetz und der menjchlichen Sabung, welcher von Sophocles mit der eindringlichen Gewalt des Dichterd aus- geiprochen worden ift, durch Archelauß und Hippias eine wiſſen⸗ Ihaftlihe Formulirung erhalten hat‘). Das göttliche Weltgeſetz, welches für die Metaphyſik eines SHeraklit der hervorbringende Grund aller gejellichaftlichen Ordnung der einzelnen Staaten ge- mwejen war, wird von Hippiad zu Dielen Ginzelordnungen in Gegenſatz geſtellt. Gele der Natur und Satzung des einzelnen Staates find die Schlagworte der Zeit, und diefer Gegenſatz wird von nun an in den ganz verichiedenen Erſcheinungen des geijtigen Leben? aufgeſucht.
Doch war ein weit radilalered Verhältniß zu der gejellichaft- liden Ordnung in dem Relativiamus eines Protagoras angelegt, und e3 wurde in der zweiten Öeneration der Sophiften entiwidelt. Nun wird die gejellfchaftliche Ordnung aus dem Spiele des Egoismus von Individuen abgeleitet, wie in der Schule Leukipp's die Ordnung des Kosmos aus dem Spiele der Atome.
280 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt.
Es entfteht eine metaphyfiſche Kosmogonie der fittlichen und gejellichaftlichen Ordnung. Die ganze metapbufiiche Mafchinerie dieſes radilalen Naturrecht, wie fie und in Hobbes und Spinoza wieder begegnet, findet fich in diefer Kogmogonie der Gejellichaft Ichon angewandt: der Kampf ftarfer, den Thieren vergleichbarer Individuen unter einander in einem gejeblojen Leben um Daſein und Macht; der Vertrag, in welchem eine gejegliche Ordnung entfteht und Ordnung nunmehr zwar vor dem Schlimmften der Vergewaltigung ſchützt, jedoch zugleich den Weg zu dem höchiten Glück ſchrankenloſer Herrihaft verjperrt; die Entftehung von Sittlifeit und Religion ald einer Ergänzung der Staatsgeſetze im Intereſſe der Vielen oder der Starken; end⸗ lih die Fortdauer des egoiſtiſchen Interejjes in den Individuen als des wahren Hebeld der gefellichaftlihen DBe- mwegungen ‘). Euripides ift der dichterifche Vertreter diejer neuen individualiftiichen Zeiten und er hat in feinen Schaufpielen ſolche radilale Theoreme al® Grundlage der Handlungen beftimmter Perjonen mit einer Energie bingeftellt, welche jein perjönliches Intereſſe durchblicken läßt. Ariftophaned Hat in einer berühmten Wechſelrede den Sa, daß e3 fein der Gewalt gegenüber jelbftändig begründetes Recht gebe, ala einen ‚Streitja feiner Tage verjpottet. Und wie auf dem Theater, jo ließ fich dies radikale Naturrecht auch in den politiichen Berfammlungen vernehmen; foviel wenigſtens kann aus den Reden des Thucyhdides geſchloſſen werden, welches auch der Grad ihrer Autbenticität in jedem einzelnen Tyalle fein mag?).
1) Die Stellen Platos müffen nad) dem Kanon benußt werden, daß, wo Konjequenzen von ihm felber gezogen werden, dies durch die Art, wie fie aus dem Gegner durch Folgern herausgelockt werden, angedeutet ift, da= gegen too die Säße, wie von Thraſymachus und Glauco im erflen und zweiten Buch der Politie geichieht, dem Socrates entgegengebracdht werben, ein Bericht über bie fremde Theorie vorliegt. Was die Darlegung ber Theorie burch Slauco betrifft, jo hätte Plato fie nicht einem Süngling in den Mund gelegt, wäre fie eine felbftändige Yortbildung.
2) Vol. befonders die Erörterung ziviichen den Meliern und ben atheniſchen Gefandten bei Thucydides V, 85 ff. aus dem Jahre 416.
Bebeutung und Grenzen be3 Naturrechts ber Sophiften. 981 Die Grenzen dieſes Naturrechts find bedingt durch die dargelegten Schranken des griechiſchen Menſchen und der griechiichen Geſellſchaft. Nirgend Handelt es fich im griedhiichen Naturrecht um die fubjettiven Rechtsſphären der in der Gefell- Ichaft zufammenmirkenden Individuen; nirgend ift das Biel dieſes Naturrechts die Freiheit in ſolchem Verſtande. Das Streben des Individuums ift nach dieſen radikalen Schriften nur auf den An- teil der gefellichaftlichen Atome an der Macht und dem Nugen der To entftehenden Ordnung gerichtet. So ftüßten fie Hier die Tyrannis dort den Gedanken einer demokratiſchen Gleichiwerthig- feit dieſer gejellichaftlichen Atome in der Staatdordnung, und bier wie dort ift ihr letztes Wort die Sklaverei jedes höheren und idealen Willend. Andrerſeits ift dieje naturrechtliche Meta⸗ phyſik in der gemäßigten Schule, die Hippiad repräfentirt, nur auf die Sonderung einer objektiven Ordnung der Natur von der Satzung des einzelnen Staates gerichtet. An dieje Schranken ftößt die cyniſche und ſtoiſche Stantälehre, aber durchbricht fie nicht. Sie verhält ſich auf diefem Gebiet zu unjerer modernen Rechts: anſchauung ganz jo, wie fich der fophiftiiche und ſteptiſche Relati- vismus zu der modernen Erfenntnißtbeorie verhält.
So lagen in dieſer Bewegung die Keime zu den verjdie- denen Richtungen derjenigen Theorie der Geſellſchaft, welche ala Naturrecht bezeichnet wird. Das Naturrecht iſt, nachdem es munmehr ausgebildet war, in verhältnißmäßig ftetiger Suc- ceffion von den alten Völkern auf die neueren übergegangen. Es it auch im Mittelalter in einer breiten Literatur gepflegt worden. Aber feine Herrichaft und feine praktiſche Wirkſamkeit war auch bei den neueren Völkern durch das Gintreten des⸗ jenigen Stadium der gefellichaftlichen Entwidlung bedingt, in welchem es bei ben alten Bölfern entitanden war. Erſt mit dem Niedergang der feudalen Ordnungen bei dieſer zweiten Generation europäijcher Völker erhebt ſich das Naturrecht derjelben zu einer leitenden Stellung in der Gejchichte der Geſellſchaft. Es vollbrachte num jein negatives Wert, ala deſſen Beſchluß die Wir- fung eine Roufleau auf die Revolution, eines Pufendorf, Kant und 282 Zweites Bud. Zweiter Abichnitt.
Fichte auf die deutfche Reformarbeit angejehen werden muß. Denn feinen Ausgangspunkt bildet eben dag Einzelindividuum, der abftrafte Menich, durch Merkmale beftimmt, welche zu allen Zeiten gleich= mäßig ihm zukommen, in abftraften Beziehungen, welche aus diefen Merkmalen auf einem gleichlam abftraften Boden folgen. Aus folden Prämiſſen folgert dad Naturrecht allgemeine Be— ftimmungen einer jeden gejellichaftlichen Ordnung. Dieje werden ihm ber Maßftab für die Kritik der alten europäiſchen Gejellichaft und für die Neuordnung einer künftigen. So erhielt dieſe Be— griffedichtung in der Revolution und ihrem Verſuch eines Aufbaus der Gejellichaft auf die abftraften Menſchenatome eine furchtbare Realität.
Das Naturrecht kann ala eine Metaphyfit der Gejell- haft bezeichnet werden, wenn ber Ausdrud Metaphyſik in diefem engeren Sinne geftattet wird, in welchen er eine Wiſſen⸗ Ihaft ausdrüden würde, die den ganzen objektiven, inneren Zu⸗ ſammenhang der gejellichaftlichen Thatſachen in einer Theorie dar- ftellt. Bon Metaphyfik in vollem Verſtande unterfcheidet fich das Naturrecht eben dadurch, daß feine Abficht nur auf die Konſtruk⸗ tion des inmeren Zuſammenhangs ber Gefellichaft gerichtet ift; daher es gerade in feiner vollkommenſten Geftalt nicht einen ob- jeftiven inneren Zuſammenhang aller Erjcheinungen dem Studium der Gejellichaft zu Grunde legt, ſondern diefen Gegenftand jelb- ftändig behandelt. In dielen Grenzen hat e8 die Eigenschaften einer Metaphyſik. Es analyfirt nicht die Wirklichkeit, jondern ſetzt ſie aus abftralten Zheilinhalten von Individuen ald aus veris causis zuſammen und betrachtet den jo entftehenden Zu⸗ ſammenhang als die reale Urſache der gefellichaftlichen Ordnung 9.
Hat fi) nun dieſer foziale Atomismus in der damaligen Lage der Wiſſenſchaft fruchtbarer für die Specialertlärung der gejellichaftliden Phänomene erwieſen, ala der naturwiſſenſchaft⸗ liche für die Erjcheimingen des Kosmos? Die erhaltenen Trümmer des damaligen Naturrecht? erlauben fein ganz audreichende Ur⸗ D. Naturr. e. Metaph. db. Gefellich.; b. Einzelwifſenſch. d. Gejellich. fehlen. 283