theil. Doch Können wir auch hier ein Verhältniß noch feftftellen, welches dem an der Naturwiſſenſchaft derjelben Zeit beobachteten analog it). Das Naturrecht ging von den pfychiichen Ein⸗ beiten aus und beabfichtigte eine Erklärung der bürgerlichen Geſellſchaft, wie eine einzelne örıs fie umschließt, denn diejer konkrete politifche Körper bildet den Gegenftand der griechiichen politiichen Wiſſenſchaft. Nun find die pigchologiichen Grundvor- ftellungen von Interefle, Befriedigung, Nußen, deren ſich das jophi= ftiiche Naturrecht bedient, höchſt unvolllommen. Zwiſchen den piychologiihen Grundvorftellungen und der komplexen Thatſache dieſes politiihen Ganzen liegen alsdann Zwiſchenglieder, wie Arbeitätheilung, Nationalreihthum, Stufen des wiflenfchaftlichen Lebens, Yormen des Familienrechts und der Eigenthumsordnung, religiöfer Glaube und ſeine jelbftändige Kraft ꝛc., deren wiſſenſchaft⸗ liche Bearbeitung erſt das exakt wifjenjchaftliche Studium des kom⸗ pleren politifchen Ganzen bedingt. Dieje Thatfachen können aber nur durch abftrafte Wiflenichaften bearbeitet werben, welche verwandte Theilinhalte des piychiichen Lebens, wie fie die Gefellichaft enthält, zulammenordnen; dies ift im erſten Buche gezeigt worden. Während nun die entjprechenden abſtrakten Wifjenfchaften innerhalb der Natur⸗ forſchung erft in der alerandriniichen Zeit in ſehr vereinzelten An⸗ ſätzen fich zu bilden begannen, beſtanden die technischen Theorien der Grammatik, Logik, Rhetorik, Poetik, Nationalölonomie, juriſtiſchen Technik jchon früh; das Bedürfniß der Gelellichaft hatte fie hervor⸗ gebracht, wie auch die das erſte Buch gezeigt hat. Trotzdem haben die Vorftellungen der Griechen über Arbeitötheilung, über die Faktoren des Nationalreichthums, iiber das Geld niemals eine erheblich höhere Stufe erreicht ald die über Drud, Bewegung und Schwere, und die Griechen haben innerhalb diefer Spekulationen, fo weit wir jehen, niemals von eraften juriftifchen Begriffen Gebraud) gemacht. Daher war ihre naturrechtliche Konftrultion der Geſell⸗ ſchaft ganz ebenſo zu einer verhältnißmäßigen Unfruchtbarteit ver⸗ urtheilt wie ihre atomiftifche Konftruftion des Kosmos. Auch auf 284 Zweite Bud. weiter Abſchnitt.
diejem Gebiet fiel der ſokratiſchen Schule, der Metaphyſik der jubftantialen Yormen der Sieg für lange Jahrhunderte zu gegen- über der Metaphyſik gejellichaftlicher Atome.
Die Jofratiihe Schule war aud dem Bedürfniß ent- ſprungen, inmitten der relativen Wahrheiten, welche die Sophiſtik übrig ließ, einen feften Punkt zu entbeden. Gin folcher Tann innerhalb des griechiichen Vorſtellungsſchemas entweder in der Richtung der Abbildung des objektiven Seins im Denken oder in der Richtung der Beitimmung des Sein? durch dad Handeln gejucht werden. Er ift gegeben ala Subftanz in der Wirklichkeit oder ala höchſtes Gut in der Welt des Willend und Handelns, ſei es der Einzelnen oder der Gemeinjchaften. Socrates ließ die Mög- Iichfeit eines feiten Punktes für die Welterfenntniß fallen, er fand dagegen einen foldyen für das Handeln, nämlich in den fittliden Begriffen. Dieſe Sonderung ber theoretiichen und . praftifchen Philojophie bezeichnet eine Grenze, welche aus ber des griechifchen Geiftes überhaupt folgt. Daß im Imneren, im Innewerden ber fefte Punkt für alle Erkenntniß, auch der objektiven Welt, liege: diefer Gedanke liegt jelbft außerhalb des Geſichtskreiſes des Sorrated. Erft wann dieſe Hare Einficht vorhanden ift, tritt die fittliche Welt, der fefte Punkt alles Handelns in ihr, in den umfaflenden Zufammenhang ber menschlichen Wiſſenſchaft. Mit ihr ift exit die falfche Sonderung der theoretifchen und praftiichen Willenichaften überwunden, und die wahre Sonderung der Natur- wiſſenſchaften von den Geifteawifjenichaften kann begründet werden.
Indem Socrates in den fittlichen Begriffen ein Unveränder- liches entdeckt, empfängt auch die politifhe Wiſſenſchaft ein klares Ziel. Das Ziel des Staates entfteht nun nicht aus dem Spiele der benjelben bildenden Atome. Vielmehr ift für Socrates im Willen unverrüdbar fett Ein Punkt gegeben, um welchen die Individuen gravitiren: das Gute. Das Gute ift nicht relativ, jondern unbedingt gewiß. Died Ziel ordnet fich aljo al® der die Gliederung des Staates beherrichende Gedanke die Einzelnen unter. Diefe politifche Auffaffung des Socrates tritt Die Staatswiffenichaft der ſokratiſchen Schule. 285 in Gegenjat zu der berrichenden Demokratie und zu der Gleich- berehtigung jedes gejellichaftlichen Atoms in Bezug auf die Leitung des Stanted, welche diefe Demokratie am fchroffften in der Zu⸗ theilung von Staatsämtern durch das Loos ausdrückte. Das Willen macht zum Herrſcher; es ift die Vorbedingung bed An⸗ theile an der Staatsleitung.
Platos großer organiſatoriſcher Geift konſtruirt von dieſem Gedanken aus den idealen Staat als ein Gegenbild des äußeren Kosmos, den Staat als Kunſtwerk. Er fand die atheniſche Geſellſchaft in ſoziale Atome aufgelöſt; ſo faßte er den Gedanken, die Beziehung zwiſchen politiſchem Wiſſen und Können und dem Antheil an der Staatsleitung nicht in das vorhandene politiſche Gefüge einzuordnen, ſondern von dieſem abſtrakten Ver— hältniß aus den Staat zu konſtruiren; bei den neueren Völkern bat dann dieſer Gedanke auf die vorhandene Realität der Staats⸗ ordnnungen fortbildend eingewirkt, und jo erjcheint Plato ald weis⸗ fagender Genius in Bezug auf wejentliche Züge des modernen Beamtenftaatee. Er fand aladann, umgeben vom Ringen ber Bolitien um die Herrichaft und vom Kampf der Intereſſen, die höchfte Koncentration aller Einzelinterefjien und Einzelfräfte in dem von ihm entworfenen einfichtigen, einheitlichen Staatäwillen noth⸗ wendig; daher ftattete er feinen idealen Staat mit den äußerften Mitteln aus, welche in dem Bereich ded ohnehin mit dem Eigen- thum wie mit der Freiheit in fünftleriicher Machtvollkommenheit Ihaltenden griechiichen Staates lagen, um dieſe Unterordnung der Einzelwillen, der Einzelintereflen unter die leitende Vernunft her- zuftellen. So entfteht eine Gliederung, in welcher die Einfichtigen regieren, die Starken fie unterftüßen, die im Erwerb verfunfene Maſſe gehorcht: ein Abbild der Piyche. Die Tugenden der Theile der Seele find die der Stände des Staated. Wie dag Streben nad) dem Guten in der Beziehung der Pſyche zu der Ideenwelt gegründet ift, jo geftaltet dafjelbe auch im Zufammenhang mit der Ideenwelt das deal eines gejellichaftlichen Kosmos, den Stant, ala eine zwar entjtandene, aber durch die Abmeſſung der Kräfte in den Seelen unzerreißbar gefügte Einheit. Die politiiche Kunft ge 286 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
ftaltet nach den Ideen der Gerechtigkeit jowie der anderen Tugen- den aus dem Stoffe der Seelen den gejellichaftlichen Kosmos, wie ber gute Gott den äußeren Kosmos gebildet hat. So entiteht der Menſch im Großen: eine reale Einheit wie der Einzelmenſch.
Die innere Unhaltbarfeit diefer Art von Metaphyfit der Ge- ſellſchaft iſt augenfcheinlih. Die Analogie des Menjchen im Großen verschiebt nur das Problem, wie aus Einzelmillen ein Geſammtwille d. 5. ein Gefüge der Willen, welches einheitlich wirkt, entftehe. Plato Hat feine Aufgabe weder für die Einzelſeele noch für den Staat gelöfl. Vielmehr bilden feine Seelentheile fo wenig eine wirkliche piychiiche Einheit, ala feine drei Stände eine einheitliche Geſellſchaft ausmachen können.
Da Plato nicht von den Antereffen der Individuen ausging, von der Realität der menfchlichen Natur, wie fie einmal ift?), entitand ihm nicht das Geflige der Intereſſengemeinſchaft, welches die Unterlage des wirklichen Staates bildet; vielmehr hat er dieje als das Niedrige mißachtet und Arbeit, Gewerbe, Handel feiner Unter- ſuchung unterzogen. Die bier zu Grunde liegende falſch vor- nehme Richtung ift derjenigen verwandt, welche die Griechen auf dem Gebiet der Naturerkenntniß überall zeigen. Co bleiben Ge- danke und phyſiſche Gewalt, den Staat zufammen zu halten, da= gegen gehen die Intereſſen der Stände in ihm außeinander und müffen ihn zerreißen. Mit einer Art von Abſolutismus des Ge- dankens werden die realen Intereſſen der Individuen ala bloßes widerjtrebende® Material für den politiichen Künſtler behandelt, anftatt daß dad Gefüge von Abhängigkeit und Gemeinschaft, welches als ein Staatswille ſich darftellt, als die Wirkung ber Intereſſenvereinigung erkannt worden wäre. So wird bier ein Staat in die Luft gebaut. Es entfteht eine Foncentrirtefte, aber zugleich dem Spiele der Intereſſen gegenüber ohnmächtige Einheit.
1) Die Ableitung der molıs aus der Arbeitstheilung und dem Ver—⸗ fehr in Politie 369 ff. beftätigt dies nur. Denn fie zeigt, daß Plato bie Tragweite der einzelnen Intereſſen für das Gemeinleben erwog, jedoch die Einheit des Willend in feinem Staate nicht auf fie gründen zu können glaubte.
Platos Staatsbegriff eine unhaltbare Abftraltion. 987 Diefer Menſch im Großen ift ein Tropus; die in diefem Tropus behauptete reale Einheit des Staates ift nicht nur unfaßbar — das bleibt fie immer und überall, da fie eben Metaphyſik it —, es wird auch nicht verjucht, den Tropus durch Begriffe aufzuklären. Sp folgenſchwere inhaltliche Mängel verknüpfen fi) mit einem allgemeineren Fehler methodifcher Art. Der Staat foll verjtanden werden, bevor die Intereſſen und Zweckzuſammenhänge analyfirt find, welche feine Realität im Menſchen bilden, vermöge deren er lebt und Kraft Hat. Diefer Wehler hat zur Folge, daB an die Stelle de Zuſammenhangs von Thatjachen (Zweckzuſammen⸗ hängen, Interefien) dag metaphufiiche Fabelweſen des Menſchen im Großen tritt‘).
Ariftoteles bat verjudht, eine Formel an die Stelle dieſes Tropus zu jeßen. Er will den Begriff der realen Einheit, welche Staat ift, entwerfen. Seine Staatdlehre ift gerade dadurch aud) hier fo belehrend, daß fie zeigt, wie diejer fundamentale Begriff der jozialen Metaphyſik mit den anderen metaphyfiichen Haupt: begriffen die Eigenſchaft teilt, der vollftändigen Auflöjung in einfach Klare Gedankenelemente zu widerftehen.
Es ift dargelegt, daß die Subjekte für Ausfagen über die gejellichaftliche Wirklichkeit in den Individuen gegeben find. Die Eubjelte der Auslagen über die Natur find und ungzugänglich, dagegen bie des gelellichaftlichen Lebens, des Thuns und Leidens wie der Zuftände in demjelben find in der inneren Erfahrung ent- alten 2). Ariftoteled® bat nun die vernünftigen Einzel- weſen ala Subftanzen beitimmt. Er hat andrerjeit3 im Zuſammenhang feiner Metaphyſik den Staat, welcher aus folchen Einzelweſen beiteht, als eine Einheit angejehen, die nicht eine nadhträglide Zujammenfügung derjelben if. Zwar Bat er ben Begriff des Staates ſeiner Metaphyſik nicht eingeordnet, da dieje vor der praktiſchen Welt, ſonach gerade vor dem großen Problem 1) Dal. Darlegung beffelben Fehlers in der Philojophie der Geichichte 288 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
des Willen? endigt und in feinem Syſtem das Gebiet der praf- tiihen Vernunft von dem der theoretiihen Wiſſenſchaft gejondert ift. Aber die Prämiflen feiner Auffaffung von der Einheit des Staates find die folgenden. Der teleologifhe Zufammen- hang zeigt in dem Reiche der organiichen Welen eine Steigerung der Yunktionen; fie ent|pricht der Steigerung des Pſychiſchen. Die Gattung des Menſchen ift jo die Höchite der jubftantialen Formen in der Stufenreihe der organifchen Weſen. Die Einzel- weſen in dieſer menjchlichen Gattung find aber noch auf anbere Meile verbunden als dadurch, daß jie eine Jubftantiale Form verwirklichen. Die einzelnen Menjchen befinden fich in gefell- ſchaftlichen Ganzen, innerhalb deren die Individuen fich mie Theile verhalten. Solche Ganze bilden jchon Bienen und andere herdenweiſe lebende Thiere, in einem viel engeren PVerbande aber der mit Sprache und Berftand zu diefem Zwecke von der Natur begabte Menſch, welcher das Vermögen ber Unterjcheidung von Recht und Unrecht befitt. Diele Gemeinihaft (Koinonie) ift al3 Yamilie untrennbar mit Menfchendajein überhaupt gegeben, und indem diefe zur Dorfgemeinde, meiter zur Polis fich ausdehnt, erreicht in der leßteren da in der Natur angelegte Ge— meinjchaftsftreben das Endziel der Autarkie d. h. des völligen Selbft- genügens; die Polis ift der Zweck der mehr elementaren Formen von Gemeinſchaft, der in den weniger zufammengefeßten ſchon wirk- ſam ift. In diefem Zuſammenhang tritt die Formel des Ari« ftotele8 auf, daß der Staat ein Ganzes bilde, welches vor den Yamilien und Individuen ald feinen Theilen ſei y. Dieje Formel drüdt aus, daß der Staat nicht ein Werk menschlicher MWillfür jei, fondern ein in der Phyſis begründetes Syſtem. In der Phyfis, in welcher der Zweck wirkt, ift ein Zu⸗ ſammenhang von Beitimmungen angelegt, welche nur durch die einzelnen Individuen und in ihnen fich verwirklichen, welche aber Diefe Individuen der Zulammenordnung (ra«&ıc) in einer Bolitie zuführen, da erft in dieſer das Ziel der Eudämonie auf felbft= Der ariftoteliiche Begriff des Staates. 289 genugjame Weile erreicht wird. Solche Beitimmungen find 3.8. die Ungleichheit der Individuen, der Gegenja der Herrichenden und DBeberrichten, die Proportion von Leiftung und politifcher Macht. Sie befiken die Nothwendigkeit des Zweckes. Und zwar befteht das Syſtem (odorzuu), zu welchem bie Menge (rRj9os) durch den Zweck in der Politie geordnet ift, aus ungleichartigen Beftandtheilen. Auch geht da3 Individuum in diefem Zweck nicht ganz auf. Das Zuſammenwirken von ungleichartigen Einzelnen ala von XTheilen zu einem Ganzen kann mit dem der Theile inner- halb eines Organismus verglichen werden. Der einzelne Menſch verhält fi) zum Staatsganzen wie Fuß oder Hand zu einem Körper. So bereitet fi) in Ariftoteles die Auffaffung des Staates ala eine Organismus vor, welche eine jo verhängnik- volle Rolle in der Geſchichte der politiichen Wiſſenſchaften gejpielt bat. Der Begriff des Organismus ift in feiner Art das lebte Wort diefer Metaphufit des Staates. Und zwar ift derjelbe, wie jeder Begriff der Stantzeinheit, welcher dieſe nicht ana— Iytiih aus der Wirklichkeit des Staatslebens bis zu einem ge= willen Punkte auftlärt, fondern ala eine Yormel zum Zwecke der Ableitung auftritt, eine metaphufifche Begriffsdichtung. Was im lozialen Leben erfahren wird, kann die Analyfis in einem gewifjen Umfang zerlegen, aber nie vermag fie, in einer Formel den Reich- thum des Lebens auszudrücken). Daher ift die Realität des Staates nicht in einer beftimmten Zahl begrifflicher Elemente dar⸗ ftellbar. Died zeigt fich ſchon Hier, bei Ariftoteles, in der Dun- felbeit des von ihm gebildeten Gedankens des Staates ala eines or- ganiſchen Ganzen, und dieſe Dunkelheit als in der Sache jelber liegend ift nie überwunden tworden?).
Dennoch hat die Betrachtungsweiſe des Ariftoteles, welche den Staat ald einen realen Zweckzuſammenhang dachte, fich für ein vergleihendes Studium des Staates höchft fruchtbar Dilthey, Einleitung. 19 290 Zweiter Buch. Zweiter Abichnitt.
eingreifende Arbeit für das Studium des Staates vollbracht, als die Ymeckbetrachtung des Ariftoteles auf dem der Natur für Die biologischen Willenfchaften geleiftet bat. Ja auf dem politijchen Gebiet hatte diefe Betrachtungsweife ein roch höheres Recht. Zwar kann der Staat nicht ala die Realifirung eined einheitlichen Zweck⸗ gedanken? aufgefaßt werden; jelbit der von Ariftoteles jo geſund entwickelte Zweckbegriff der Eudämonie‘) ijt nur eine abftrafte Tormel. Aber in Wirklichkeit bilden doch Wille, Intereflen und Zwecke da3 Gefüge des Staates, und daher darf die von Aristoteles in der Gefelichaft angenommene Richtung auf Ber- wirflihung der Eudämonie wenigftend als eine unvollkommene Abbreviatur des Thatbeftandes angejehen werden. Die Betrachtung aus dem Zwecke, die Ariftoteles anwendet, gelangt daher bier auf den Boden der Thatſächlichkeit. So konnte fie durch eine fom- parative Analyje der Staaten die Grundzüge ihrer Struktur feſt⸗ ftellen und die Hauptformen des politiichen Lebens beftimmen. Und fie bat diele SLeiftung mit ſolcher Vollendung ausgeführt, daß die fo gejchaffenen Begriffe ihren Werth bis heute behauptet haben. Dieje Arbeit des Ariftoteles und feiner Schule war die Bor- bedingung erklärender Methoden auf dem Gebiet der Staatäwifjen- Ichaften, wie fie diejelbe auf dem der Biologie geweſen ift.
So hat auch Hier die Metaphyſik der Jubftantialen Formen fih in einem Stadium der Willenichaft fruchtbar erwieſen, in welchem die Mittel einer Zerlegung in den Bujanımen- bang der Vorgänge nach Geſetzen noch nicht vorhanden waren.
Alle Verbandsverhältniſſe, dies zeigte unfere eigene theoretiſche Erörterung?), folgerecht auch der Staat, find, piychologifch angefehen, aus VBerhältnifien der Abhängigkeit und Gemeinſchaft zufanımenge- jet. Aus dielem Syſtem der pafliven und aktiven Willensbeſtim⸗ mungen entipringt das piychologifche Verhältniß von Befehlen und Gehorchen, von Obrigkeit und Unterthan, auf welchen die Willens» einheit des Staates begründet ift. Aber dieſes Syſtem von Abhängig- 1) Der Zweck bes Staates ift die Verwirklichung der Eubämonie, bes ev Inv ober auch ber (wis relelus xal aurapxoug.
Die ihm entiprechenbe Aufgabe einer vergl. Zergliederung b. Staatsverf. 291 leiten und Gemeinſamkeiten ift nur die Außenfeite ber realen Be⸗ ziehungen der Intereſſen unter einander. Die inhaltlichen Faktoren des Staatslebens liegen inäbejondere in den Zwecken und Intereſſen, welche nicht durch das Freie Sneinandergreifen der Handlungen ber In⸗ dividuen zur Befriedigung gelangen. Hier gewahren wir die reale Seite deflen, wa3, nad den bloßen Willengverhältnifien betrachtet, ala Me— chanik der Gejellichaft und des Staatslebens fich darftellt und in der Exiflenz eines herrichenden Staatswillens feinen Abſchluß findet. Diefen status der äußeren Willensverhältniffe in einem Staate fönnen wir ala Staatsform oder auch als Verfafjung bezeichnen.
Diefem Thatbeftand entipricht, daß die politiiche Wiſſenſchaft in Ariftoteleg zunächſt durch) Anwendung der vergleichenden Methode die äußeren Yormen oder die Verfaffungen beftimmt bat. Das reale Leben des Staates ift fo außerordentlich fompler, daß jelbft die moderne, wahrhaft analytiiche Wifſenſchaft noch am Anfang feiner wifjenfchaftlichen Behandlung ſteht. Das Altertfum beſaß aber die Bedingungen eines jolchen wahrhaft analytiichen Verfahrens noch gar nit. Ihm fehlten eine entwidelte Piycho- logie und die zwilchen ihr und der Politik ftehenden Einzelwiſſen⸗ Ichaften. Der Zufammenfeßung der realen Zwecke im Leben des Staated gegenüber war es jo an einer fruchtbaren Analyfis ge= bindert, welche exit jehr ſpät Wiſſenſchaften wie die politifche Delonomie und Schriftiteller wie Niebuhr, Xocqueville zu voll bringen begonnen haben.
Sonah war bie griechiſche Staatswiſſenſchaft auf ihrem Höhepunkt in Ariſtoteles vorzugsweiſe Zergliederung der Berfaffungen. Durch diefe Einſchränkung der Betrachtungsweiſe ift bedingt, daß dem Ariftoteles der Staat ein anderer wird, wenn die Staatöverfaffung fich ändert. Der Staat (ndiıs) ift eine Gemeinſchaft (xowwri«), das Weſen diefer Gemeinichaft (xor- vowia noFırCv) wird durch die Verfaflung (roAıreia) bezeichnet; ſo⸗ nach ändert fid) mit ber Verfafjung der Staat. Die Perjonen bleiben dabei Diejelben, wie ja dieſelben Perjonen den tragiſchen Chor bilden und aus ihm in ben Chor der Komödie eintreten. Ariftoteles gewahrt nicht Hinter dem Wechſel der Stantzform die dauernde 292 Zweites Bud. Zweiter Abichnitt.
Sinterefiengemeinichaft de Volles, welche das den politiichen Zufammenhang Konftituirende ift, ſondern ihm ift die Staats⸗ verfaffung dag Wejenhafte, welches den Staat ausmacht ). Dem entipricht, daß fich ihm der Politifer zu den Staatsbürgern ver- hält, wie der Künftler zu feinem Stoffe. Die Maſſe bildet dag Material für den Aufbau des Staates 2). So fubftituirt Ariftoteles einen falichen Gegenjat von Stoff und Form dem realen Zufammen- hang der Gelellichaft, und diejer Gegenjaß ift auf bem Gebiet der Staatswiflenfchaft eben jo verhängnißvoll für ihn gewejen, wie auf dem der Naturmifjenichaften. In Wirklichkeit find im Staate überall bildende Kraft, Zweckzuſammenhang, Intereſſenbezieh⸗ ungen, und überall Stoff: denn überall ift Perfon. In ben Rebenäzweden des Volkes, welches ihn ausmacht, ift auch das Leben des Staates gegründel. Hier aber verjchwindet, wie in ge= wiſſem Grade für den griechifchen Menfchen überhaupt, das Hifto- riſche Bewußtſein von Naturwachsſthum ganz Hinter dem Macht- gefühl des politifchen Menſchen, der den Staat wie ein bildenber Künftler zu kneten beanſprucht. Und zugleich tritt das Bewußtſein von Rechtskontinuität zurüd; wie denn Ariftoteles in obigem Zu- ſammenhang die weitere Yrage aufwirft, inwiefern nach Verände⸗ rung der Staatöverfailung die Verbindlichkeiten, welche der frühere Staat eingegangen ift, fortbeftehen oder ebenfalls aufhören.
Und fo bejtätigt ſich auf überrafchende Weife auch innerhalb ber Geiſteswiſſenſchaften das von und aufgeftellte Geſetz ber Entwidlung der europäiſchen Wiſſenſchaft. Diefelbe jucht zu⸗ nächft die jo jehr zuſammengeſetzte Wirklichkeit direkt zu erkennen, be= fchreibt, vergleicht und geht auf vermuthete oder von der Metaphyfik untergelegte Urjachen zurüd. Allmälig erſt ſondert fie einzelne Kreife von Theilinhalten der Wirklichkeit ab und unterwirft fie einer beharrlichen und abftrakten Kaufalunterfudung. Die Phäno- mene der Bewegung 3. B. bilden einen ſolchen Kreis, die des wirth- Ichaftlichen Lebens einen anderen. Der Gang ber Erkenntniß ent- widelt nun in abftratten Wiffenichaften die Grundeigenjchaften ber Dieje Aufgabe entipr. d. Stadium d. Metaphyfik d. fubftantialen Formen. 293 innerhalb der einzelnen Kreiſe zufammengehörigen Theilinhalte und erjeßt 3.8. Smedvorftellungen, wie Ariftoteles fie ala Erflärungg- gründe bemutte, durch angemefjene Begriffe. Metaphyſik in ihrer Herrichenden Stellung innerhalb der Willenichaften ift eine dem erfteren Stadium der Betrachtung Eforrelative Thatjache geweien.
Tie äußere Organifation der Gefellichaft in Staaten hat am ſtärkſten die Blicke der Forſcher auf ſich gezogen, welche die gejellichaftlich = gefchichtlicde Wirklichkeit zu ihrem Gegenftand machten. Denn bier bot fid) das merfwürdige Phänomen einer über die einzelnen Willen fich erhebenden Willendeinheit. Dies Phänomen mußte den Griechen noch weit erftaunlicher ala den monarchiſchen Völkern des Oſtens erſcheinen. Denn lebteren ftellte ſich die Willenseinheit in ihren Königen auf eine perjönliche Weiſe dar, Dagegen war fie in diejen griechiſchen Bolitien gleichſam körper: 08. Dies Problem der Willendeinheit im Staate beichäftigte die ala Sophiften bezeichneten Schriftfteller. Mit einander ringende Staaten bilden das Objekt der großen griechifchen Hiftorifer. Noch war der Durchſchnittsmenſch, wie er in einer gegebenen Zeit lebt, arbeitet, genießt und leidet, der Geſchichte jo wenig fichtbar ala die Menjchheit. Dafjelbe Problem beichäftigte die ſokratiſche Schule in erfter Linie und ed ward Gegenitand einer Theorie ber Gefell- ſchaft, welche dem metaphyſiſchen Standpunft des europätichen Denkens entſprach. In der nun geſchaffenen, vergleichenden Wiſſen⸗ ſchaft von Struktur und Formen der Staaten tritt die Korre⸗ ſpondenz zwiſchen einem ſehr glücklichen deſtriptiven Studium ber politiſchen Formen und der Metaphyſik hervor.
Dieſe vergleichende Wiſſenſchaft der Staaten geht, gemäß dem Dargelegten, von der Betrachtung des Herrſchaftsverhält— nifjes aus, wie es in der Verfaflung feinen Ausdruck gewinnt. Verfaſſung ift für Ariftoteles die Ordnung des Staates in Bezug auf das Regiment der obrigkeitlichen Gewalten, insbejondere der über ihnen allen ftehenden fouveränen Gewalt!). Bürger ift ihm 294 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt.
dem entiprechend derjenige, welcher an ben Funktionen der Staats- verwaltung und Rechtäpflege theilnimmt!). Und zwar legt Ari⸗ ftotele8 der Zergliederung der Verfaffung in ihre Formbeſtandtheile (die zu unterjcheiden ift von der Erlenntniß aus den Faktoren des Staates als einer Realität) ſowie der Aufſuchung der Haupt- formen von Staatöverfaffungen den in der ſokratiſchen Schule entwidelten Begriff der Beziehung zwilchen der politiſchen Leiftung und bem Antheil an der Herrſchaft ſowie ben Gütern zu Grunde. Ariſtoteles erweitert diefen Begriff ber Leiftung mit unbefangen realiftiichem, Thatjachen vergleichenden Geifte. — Die Leiftung fteht in Beziehung zu dem Zwed des politiihen Ganzen, um deflen Leben und Wirken e8 fi handelt. Diefer Zweck ift in feinem Syſtem durch die auffteigenbe Reihe der die Arten der Lebeweſen unterjcheidenden Funktionen beftimmt und befteht in der Eubämonie de Ganzen und feiner Theile, der einzelnen Bürger. Der Staat ift ſonach einem lebenden, zwedmäßig wirkenden Weſen zu vergleichen. Die Verſchiedenheit der Art von Eudämonie, welche das lebendige politiihe Ganze gemäß ſeinen Lebensbedingungen judht, beftimmt die Berichiedenheit in der Schäßung der Leiſtungen, und dies wirft auf den Anſatz der Proportion zwiſchen Leiftungen und Antheilen an der Herrichaft ſowie an dem Nuten. — Dieſe Beziehungen Fonftituiren die Struftur eines politiſchen Ganzen. Das Bild Ddiefer Struktur eines lebendigen Weſens vollendet ih, indem Ariftoteles rückwärts die Beziehungen zwiſchen den Leiftungen unb ben fie begründenden Bebensverhältniffen und Lebensbedingungen verfolgt. So entftehen bie Grundlagen für eine morpbologijche, vergleichende Betrachtung der Staaten ſowie für die geniale Theorie von den Störungen ber Proportion und der Geneſis der Revolutionen.
Die vergleichende Staatswiſſenſchaft des Ariftoteles Hat ihre Schranke darin, daß fie für die Zergliederung nicht Kauſalbegriffe aus außgebildeten, weiter zurldliegenden Wiſſenſchaften benußen geiftungen db. Ariſtoteles u. feiner Schule f. daB Studium db. Gejellichaft. 295 kann, jondern in der Hauptfache auf unvolllommene Zweckvor⸗ ftellungen angewielen if. So jchloß Ariftotele voreilig auf die Naturnothwendigkeit der Stlaverei, weil er eine in der Phyſis an- gelegte Ungleichheit der Menichen annahm, ohne ihren Urjprung in geichichtlichen Berhältniffen und die Hierdurch gegebene Mtög- lichkeit einer Ueberwindung derjelben zu erwägen. So bat er die Sonderung des natürlich Bolllommenen, dem Zweckzuſammenhang Entjprechenden von den Abweichungen, wie dieſelbe in ſeiner Phyſik jo viel Unheil anrichtete, auch in die Politik hinein fort- geführt, jeine Sonderung der vollflommenen von den entarteten Berfaffungen muß ala willfürliche Konftruftion einer Wirklichkeit, die nur Grade zeigt, verworfen werden. Aber am meiften verhäng- nißvoll wirkte die Einfeitigfeit, mit welcher er in ber Verfafſung den Staat ſah. Der politiiche Formalismus des Ariftoteles ift für die realiftiiche Staat3betrachtung in hohem Grade hindernd gemeien.
Ariftotele8 und die ariftoteliiche Schule bilden aber weiter den Mittelpunkt für eine unvergleichliche Thätigkeit von Samme- Iung, Gejchichtichreibung und Theorie, welche über die Staat3- wiflenichaft Hinausreicht. Neben den Theorien über Dichtung, Beredſamkeit, wiſſenſchaftliches Denken und fittliches Leben finden wir Geichichticehreibung der Wiflenichaften, der Kunſtthätigkeit, der religiöfen Vorftellungen in der ariftoteliichen Schule. Ya Dikäarch gebt in feinem 4i00 "Eriados fchon zu einer kulturgefchichtlichen Betrachtungsweiſe fort; er fondert das fabelhafte goldene Zeitalter eine? mäßigen friedlichen Naturzuftandes, das Auftreten de Nomadenlebend und als eine weitere geichichtliche Stufe die. Seß— Haftigkeit, welche der Aderbau bervorbringt,; an die Naturbedin- gungen Griechenlands knüpft er ein Bild des griechifchen Lebens, in welcdem Sitten, Lebensgenuß, Feſte und Berfaffungen in einer inneren Verbindung gefehen werden. So ftehen die Leiftungen ber ariftoteliichen Schule für die Geifteswiflenichaften in feiner Weile Hinter denen für die Naturwiſſenſchaften zurüd.
Bezeichnen wir fchließlicd die Stellung de Studiums der menſchlichen Gejellihaft innerhalb des Zuſammen- hangs der Wiſſenſchaft in dem durchlaufenen Zeitraum. Wie 296 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.