die einzelnen Theorien über die Syfteme der Kultur und über Die äußere Organilation der Gejellichaft auß der Aufgabe technifcher Anweilungen für das Berufsleben hervorgegangen waren, fo haben fie diefen praftiichen Charakter behalten, der auch der Politik Die Richtung auf die befte Verfaſſung gab.. Die theoretifche Wiſſenſchaft in firengem Verſtande endigt im Ganzen für dieſe Philoſophen, wo ber Wille fein Reich aufzubauen beginnt. Schon aus diejer Betrachtungsweiſe ergiebt fi), daß dieje Zeit da8 Problem noch nicht jah, wie Freiheit des Willens mit der Unterordnung aller Erſcheinungen unter das Kauſalgeſetz verträglich fe. Aber dauernder ala eine ſolche Einſchränkung der Metaphyſik, welche nur vorübergehend jein jollte, wirkte in diefer Richtung das allgemeine und bleibende Verhältniß der ganzen Metaphyſik der Jubftantialen Yormen zum Problem der Freiheit. Diefe Metaphyſik unterwarf dem Zufammenhang des Erkennens nur die allgemeinen Formen der Wirklichkeit, von dieſen wurde aber die Freiheit des Individuums nicht berührt. ‘Mit beneidens⸗ werther Sicherheit des in der inneren Erfahrung gegebenen Trei- heitsbewußtſeins, ungeftört noch von der Frage nach der Stellung defielben zu dem Raufalzufammenbang, welche die Wiſſenſchaft auf⸗ ftellt, ſpricht es Ariftotele3 aus, daß Handeln wie Unterlafien, Tugend wie Lafter in unjerer Gewalt jet ').
Achtes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Zerjegung der Metaphufit im Stepticismus. Die alten Völker treten in das Stadium der Einzelwiflenichaften.
Die Stellung, welche Ariftotele3 der Erfenntniß zur Wirklich- feit giebt, ift die, welche die Metaphyſik jelber ihr vorfchreibt. Die erflärende Geichichte der Metaphyſik Hat daher nunmehr ihr Hauptwerk gethan; nur Fortbildung der Metaphyſik Liegt noch vor ihr.
1) Eth. Nic. IN, 7 p. 1113%6. Näher Trendelenburg Hift. Beiträge Die griechifche Wiſſenſchaft tritt in daa Stabium d. Einzelwifienichaften. 297 Inzwiſchen Hatte feit dem Zeitalter der Sophiften der Skepti⸗ cismus fortbejtanden. Unmittelbar nad) Aristoteles tritt Pyrrho auf, der Begründer der fleptiichen Schule. Die Debatten dieſer Schule, ingbejondere aber der neueren, ſteptiſch gerichteten Akademie erfüllen das 3. und 2. Jahrhundert vor Chriftus und erhalten ihren Abſchluß in der Zufammenfaffung ber Beweizführungen gegen alle Willenichaften durch Sertus Empiricus. Sie zeigen, verglichen mit dem Relativiamus des Protagorag, einen Yortichritt bes ſtep⸗ tiichen Gedankens, indem fie auf Grund der nun geichaffenen Logik und Metaphyfik von den Unterfchieden der Wahrnehmung und des Denkens, des Phänomens und des dem Phänomen objektiv zu Grunde Liegenden, des Syllogismus und der Inbuftion ꝛc. für die Durch- führung des ſteptiſchen Grundgedankens Gebrauch machen. Hier- durch trat zwar noch deutlicher die Schranke heraus, welche durch den griechiichen Geift dem Skepticismus gezogen war; innerhalb der Vorausſetzungen der alten Völker erwies ſich nun aber dieſer Skepticismus als ganz unwiderleglich. Er blieb Sieger auf dem weiten Sampfpla der griedhiichen Metaphyſik.
Der Skepticismus.
Der Skepticismus.
Melche find die Grenzen in der Beweisführung der ſteptiſchen Schulen des Alterthums? Lieft man, was übrig ge- blieben ift, jo wird es nur verftändlich, wenn wir von unferem höheren Standpuntt aus den Sfkeptilem zu Hilfe fommen, wenn wir gleichiam heraufheben, was nad) ihrem Standort unter ihrem Horizont lag. So zeigt fich, wie biejelben jolchergeftalt nur beftritten und aufgelöſt Haben, was ihr Geſichtskreis enthielt: die objek— tive Welterfenntniß des Altertfums, daß jedoch dieje ihre Kritit Anderes gar nicht erblidte -— und darum nicht traf. Das Nicht- Willen des Socrates war mit dem Affelt des Wahrbeitäge- fühls der Zukunft zugewandt. Pyrrho fteht in fich gelehrt an der Grenze des Griechentgums. Er ftellt ruhig feft, daß alle Meta— phyfik, alle pofitive Erfenntniß, welche der griechilche Geift zu er- blicken vermocht Hatte, objektive Wahrheit nicht ift. Die Zeit ftand bevor, in welcher von einem höheren Standort aus Anderes gejehen 298 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
wurde, das die Skeptiler von Pyrrho bis Sertud Empiricus nicht zu gewahren vermocht haben. Ihr Endurtheil über die ganze Bofition des Metaphyſikers ift in Geltung geblieben, fie haben Die Metaphyſik zerjeßt: aber die Wahrheit ift eben nicht Metaphyſik.
Alſo wir ergänzen durch unfere Einfiht, um die Skeptiker von Grund aus zu veritehen. Sie ſprechen von einem Wahr- nehmungazuftand, den der Menſch. exleidet!), und unterjcheiden diefen vom Erfenmen?). Aber keine Ahnung ift in ihnen, daß das Innewerden eined folchen Zuftandes, welches fie nicht beftreiten, eben jelber ein Willen und zwar das ficherfte Willen ift, von welchem jede Erkenntniß ihre Gewißheit zu Zehen tragen muß. Biel- mehr juchen fie gemäß dem metaphyſiſchen Standpunkt die Wahrheit ausfchließlich in dem, was als objektive Grundlage dem in ber äußeren Wahrnehmung gegebenen Phänomen vom Denken unterge- legt wird 3). Sie erkennen daher zwar das Sehen, das Denten als einen zweifelloſen Thatbeftand an; aber derjelbe ſchließt Tür fie nicht ein wertvolles Willen, nämlicd) von den Thatfachen des Be⸗ wußtſeins, in fih. In Folge davon entwideln fie nicht Har, daß die Außenivelt nur Phänomen für dad Bewußtſein fei, und gelangen ſonach nicht zu einer Folgerichtigen Anſchauung der Außenwelt in diefem Sinne *), jondern fie fragen nur, ob der im Bewußtſein gegebene Sinneseindrud ala ein Zeichen von der objeltiven Grund⸗ lage ſolcher Phänomene benußt werden kann. Und fie leugnen das mit Recht. Sie verneinen richtig jede Art von Erkenntniß dieſer objektiven Unterlage der Phänomene: des Kant'ſchen Dinges an fih5). Mio nur darin irren fie, daß fie auf Grund hiervon bie Möglichkeit des Willens beitreiten.
1) Diogenes IX, 108: zeol ulv wr os avdewrroı maoyouev, Öuo- loyoüuev.
2) ebdi.
3) Sextus Empir. hypotyp. I, 19f.
5) xal yap Orı nuloe Lorl xal örı [üuev xal alla rolle or dv To Blp yarwvoulvav dieyıvaoxousv' nepl d’wv ol doyuarızol duaße- Buovvraı TO Aoyp, yınsvor xzaresijpdeı, ep roiraom Enkyouev ag adnılwv, uora di ra naIn Yıraoxousv. Diogened IX, 108.
Die Schranken bes antilen Stepticiamuß. 299 So erklärt Sextus Empiricus ausdrücklich: der Skeptifer hebt das Ericheinende nieht auf; er erkennt den paifiven Zuftand, in dem er fih in der Wahrnehmung findet, an und bezweifelt nur jede Be⸗ hanptung über dag dieſem Zuftand objektiv zu Grunde Liegende'). Ber Divgened Laertius findet man damit übereinftimmend Die Grenzen des Sfepticiamus angegeben, wie fie von den Skeptikern gegenüber den Entjtellungen der Metaphyſiler feftgeftellt twurden. Zuftände, die wir erleben, Phänomene (7 yanwdusva), werden nicht bezweifelt, wol aber jede Erkenntniß deſſen, was wahrhaft ift, beilen nämlich, was in der Außenwelt ihnen zu Grunde liegt?). Diefe ausdrüdlichen Erklärungen zeigen, daß ben Skeptikern die richtige Verwerthung der von ihnen anerlannten Phänomene des Bewußtſeins für das Problem de Willens durchaus fehlt. Daher leugnen fie jedes Willen von etwas wahrhaft Seiendent, während fie im Grunde nur eine Erkenntniß der Außenwelt wider- legt Haben. Am deutlichiten wird dieſe Grenze ihres Denkens durch einen fonderbaren Streit. Sagen die Steptifer: Alles ift falich, To erflären die Metaphyſiker: aljo auch diefe Behauptung, und fonach hebt fie fich felber auf. Die gründlichfte Erwiderung der Skeptiker hierauf ift: der Sfeptifer drückt mit ſolchen Worten nur feinen eigenen Zuftand aus, anſichtslos, ohne über das außer⸗ halb feiner den Phänomenen Unterliegende irgend etwas auszufagen:). Da muß dem der Erfenntnißtheoretifer Hinzutreten, um den Streit zu ſchlichten, und muß erflären: eben in dieſem Zuftand ift ein wahrhaftes Wiſſen gegeben, und in ihm liegt der Ausgangspunkt aller Philoſophie.
Nachdem wir ung dieſe Schranken des Skepticismus Tlar ge- macht haben, verweilen wir nunmehr mit Entſchiedenheit jeden, welcher eine Erkenntniß der objektiven Unterlage de in unferen Eindrüden Erjcheinenden für möglich hält, auf die definitive Be⸗ feitigung jedes Verfuchs folcher Art, wie fie in den auf uns ges kommenen Neberreften der vortrefflichen fteptiſchen Schule enthalten 300 Zweite Bud. Zweiter Abichnitt.
it. Der Relativismus der modernen Philojophen ift von dem des Sextus Empiricuß in keinem Punkte unterjchieden, joweit er fih auf den Nachweis der Unmöglichkeit aller Metaphyſik bezieht. Er geht nur über ihn hinaus in Bezug auf die Herftellung einer Theorie vom Zufammenbang der Phänomene in den Schranten der Einſicht von ihrer Relativität. Obwol die Wahrjcheinlichkeitälehre des berühmteften aller Sfeptiler, des Carneades, doch auch ſchon entwidelt, daß nach Verzicht auf die Wahrheit die Herftellung eines widerſpruchsloſen Zuſammenhangs der Phänomene zum Zwecke der Feſtſtellung des Werthes eines einzelnen Eindruds möglich bleibe.
Der Relativismus der Steptifer erweilt die Unmöglich— feit, den objektiven Zufammenbang der Außenwelt zu erfennen, durch die Kritif der Wahrnehmung Jowie durch die des Denkens. So bereitet er die große Beweisführung vor, welche das fiebzehnte und achtzehnte Jahrhundert gegeben bat, indem die empiriftiiche Schule ſeit ode die Wahrnehmung zergliederte, um in ihr die Möglichkeit einer objektiven Erkenntniß zu finden, zugleich aber die rationale Schule zu bemfelben Zwecke daB Denken zer- gliederte: wobei ſich dann unmwiderjprechlich herausſtellte, daß weder bier noch dort eine Quelle metaphyfifcher Erkenntniß des objektiven Zuſammenhangs der Erjcheinungen zu entdeden fei.
Die erite Frage ift ſonach: Welcher ift der Erkenntnißwerth des in der jinnlihden Wahrnehmung Gegebenen? Die Ericheinungabilder find zunächft bedingt dur die Sinnes—⸗ organe. Die protagoreiiche Begründung des Relativiamus durch Beobachtungen über die Sinne ift nunmehr vermitteljt eines vor⸗ geichrittenen biologijchen Studiums vertieft. — Die Sehwerkzeuge der lebenden Weſen find jehr verichieden und zwingen ung, auf eine Verſchiedenheit der durch fie bedingten Gefichtäbilder zu Ichließen. Hier wendet biefe Schule die Methode an, jubjeltive Sinnegericheinungen zu beobachten und die Bedingungen, unter denen fie auftreten, ala Analogien zu benußen, um ſich über Die Abweichungen der Gefichtäbilder der Thiere von den normalen menfchlichen Gefichtäeindrüden eine Vorftellung zu bilden. Dafjelbe Derfahren wird auch durch die anderen Sinnesorgane hindurch ver= Er erweift die Unmoglichkeit einer metaphyfifcden Erkenntniß. 301 folgt. Bei trodner Zunge in der Fieberhitze haben wir andere Ge⸗ Ihmadsempfindungen ala in normalem Zuftande, und jo kann an= genommen werden, daß auch die entiprechenden Verſchiedenheiten in der thieriſchen Organilation von einer Verſchiedenheit der Ge- ſchmacksempfindungen begleitet find. Das Ergebniß wird in folgen- dem jchönen Bilde zufammengefaßt: wie der Drud derfelben Hand auf die Leier bald einen tiefen Ton bald einen hohen bewirkt, jo bringt da3 Spiel derjelben wirkenden Objekte in Folge der in dem Bau lebender Weſen liegenden feinen und mannigfachen Abftim- mung der Empfindungen ganz verjchiedene Phänomene hervor. — Diefelbe Verſchiedenheit kann aladann innerhalb der Men⸗ ſchen welt jeftgeftellt werden; die phantaftiichen Geſichtserſchei⸗ nungen jowie die großen Differenzen in der Reaktion auf Ein- drüde durch Luft und Unluft find hiefür Belege. — Nun find aber weiter die Objekte und in fünf Arten von Sinne?- wahrnehmungen gegeben; jo ift berjelbe Apfel ala glatt, mwohlriechend, ſüß, gelb für uns da. Wer kann nun jagen, ob er nur Cine Beichaffenheit Hat, nach der verichiedenen Einrich⸗ tung der Sinnedorgane aber verjchieden erjcheint? Das obige Bild von dem Drude derjelben Hand auf die Leier kann Diele Möglichkeit veranjchaulichen. Und kann nicht eben fo gut ber Apfel die fünf verichiedenen, ja noch mehrere und unbelannte Eigenſchaften haben? Ein zugleih Blind» und Taubgeborener nimmt an, daß nur drei Eigenjchaftäklaflen der Objekte vorhanden find. Dazu aber find wir nicht berechtigt, jolchen Bedenken gegen- über die Natur zu Hilfe zu rufen, welche unfere Sinnedorgane ihren Gegenständen Eorrefpondirend made. — Ja jelbft innerhalb des einzelnen Sinnesorgand find die Eindrüde von dem Wechſel feiner Zuftände abhängig. Daſſelbe Waller ſcheint, auf entzündete Stellen gegofjen, fiedend zu jein, welches von dem normalen Temperaturgefühl der Haut al lau empfunden wird. — Sp nahe rücdt die fkeptiiche Lehre an die Theorie der Sinmnes- energien, wie Johannes Müller fie begründet bat, heran).
ı) Die vier erften Tropen des Sextus, hypotyp. 1, 40—117 find in diefem Abſatz zufammengefaßt.
302 Zweites Buch. Zweiter Abſchnitt.
Die Einficht in die Relativität der Sinnesbilder erweitert fich, indem wir gewahren, wie die wechjelnden äußeren Um— ftände, unter denen ein Objekt gegeben ift, eine Verſchiedenheit der Eindrüde bedingen. Diefelbe objektive Urlache des Tons bringt in dünner Luft einen anderen Eindrud als in dider hervor; ſchabt man das Horm der Ziege, da8 in dem Beſtand des Ganzen ſchwarz erjcheint, jo ändert ſich der Sinnedeindrud in Weiß; ein einzelnes Sandkorn erjcheint Bart, ein Sandhaufen weich?).
So gewinnt der Skeptiker die allgemeine Formel von der Relativität jedes Wahrnehmungabildes oder Sinnes- eindrudd. Alle von ihm aufgeftellten Tropen erweiſen fich ſchließ⸗ lich als Specififationen des Einen umfaflenden Theorems von der Relativität der Eindrüde 2). Diele Eindrüde find durch das Subjekt fowie durch die Äußeren Bedingungen, unter denen das Objektive auftritt, bedingt; und fo kam man im Gegenſatz zu aller Meta⸗ phyfik, welche zum Weſenhaften Hindurch zu dringen behauptet, außfprechen, daß die Wahrnehmungen nur Relationen bes Ob- jettiven ausdrücken können.
Und der Berftand? dad Denken? Die Widerlegung der objektiven Naturerfenntniß durch die Skeptiker iſt an dieſem Punkte weit undolltommener als in der Unterfuchung über den Erfennt= nißwerth der finnlicden Wahrnehmung. — Die Vernunftwiſſenſchaft von Plato und Ariftoteles war in Mißkredit gerathen. Garneades geht davon aus, daß der DBerftand feinen Stoff aus der Wahr- nehmung fchöpfen muß. Bleiben wir daher zunächſt innerhalb biejer Vorausſetzung. Das Problem empfängt bier feine all- gemeinfte Yaflung durch den Begriff des Kriteriumd. Es if Har, daß die Wahrnehmungen nicht ein Kriterium in fich tragen, welches die falichen von ben wahren fchiede. Wir vermögen nicht jene von dieſen nach einem inneren Kennzeichen, das fie an fidh haben, zu fondern. Das Kriterium muß aljo im Denken, im 1) Ebenfo fünfter bis fiebenter Tropus a. a. O. 118—134.
2) Zum achten Tropus 135 ff. vgl. 39 fowie Gellius, N. A. XI, 5, 7: omnes omnino res, quae sensus hominum movent, ra» moös Ts esse dicunt.
Er erweiſt die Unmöglichkeit einer metaphufiichen Erkenntniß. 303 Derftande gefucht werben. Das Denken ift hier nun aber in ber- felben Lage wie Jemand, der das Portrait einer ihm unbelannten Perſon vor fich fieht und aufgefordert wird, die Aehnlichkeit dieſes Portrait aus demſelben allein zu beurtbeilen; unjer Berftand kann aus den Bildern in den Sinnen auf dad Unbelannte, das ihnen zu Grunde liegt, nicht ſchließen. — Nehmen wir dagegen mit Plato und Ariftoteles an, das Denken habe einen eigenen Gehalt, fo können wir das Verhältniß defielben zu der Realität nicht feft- ftellen. Der Berftand im Innern des Menfchen enthält in fich fein Datum zur Yeftftellung deflen, was draußen tft. Auch ver- mag das Schlußverfahren nicht in ſolchen Schwierigkeiten zu Hilfe zu fommen. Die Skeptiker erkennen jchon vollftändig: foll der Oberſatz eines Syllogismus ficher fein, ohne aus anderen Syllo- gismen nur abgeleitet zu jein, jo muß er durch eine vollftändige Induktion erwielen werden, und in diefem alle ift dag im Schluß- fat ſcheinbar Gewonnene ſchon in dem Oberfatz enthalten; ſonach entſteht im Schluß nicht eine neue Wahrheit. Jedes Schluß- verfahren jeßt alfo eine Wahrheit letter Inſtanz ſchon voraus, welche aber für den Menjchen weder in der Wahrnehmung nod) im Berftande voghanden ift.
Diele Beweile von der Unmöglichkeit einer Erkenntniß des Objektiven find durchweg Jiegreich gegenüber jeder Meta- phyſik, da Ddiejelbe. einen objektiven Zujammenhang der Welt außer und nachzumeilen beansprucht. Sie widerlegen nur nicht Erkenntniß überhaupt. Weberjehen fie doch, daß in und jelber eine Realität gegeben ift, welche nicht abgewielen werden kann. Die Disjunftion: entweder äußere Wahrnehmung oder Denken, bat eine Lücke. Dies verlannten die Skeptiker, und noch Kant hat es nicht gejehn.
Der Skepticismus dedt aber auch die Schwierigfeiten in den realen Begriffen auf, welche die Bänder jeder meta- phyſiſchen Konftruftion der Welt find, und zwar find dieſe Schwierigkeiten theilweiſe unbefieglid. — So fieht er richtig, daß ‚der Begriff der Urſache nicht eine Realität, fondern eine bloße Relation außdrüdt; ala ſolche Relation hat aber die Urjache feine 304 Zweites Buch. Zweiter Abfchnitt.
reale Eriftenz, jondern wird nur zu dem Wirklichen Hinzuge- dacht). Er bemerkt, daß die Urſache weder als der Wirkung vorausgehend noch ala ihr gleichzeitig gedacht werben Tann. Ja ihm zeigt fi, daß jeder Verſuch, dad Verhältniß von Urfache und Wirkung in feinen einzelnen Beitandtheilen Mar zu denken, unausführbar ift. Demgemäß erfuhr die Denkbarkeit des Verhält- niſſes von Urſache und Wirkung von Ceiten des Sfepticiamus bereit? Angriffe, welchen gegenüber e3 feine Vertheidigung giebt. — Der Begriff Gottes als der Welturſache wird von Carneabes dem Zmeifel unterworjen, in einer ſehr flachen Beitreitung der flachen im Menjchen den Naturzweck erblidlenden Teleologie, als— dann aber vermittelt einer Aufdedung der Antinomie zwiſchen den Gigenjchaften eines perjönlichen Weſens und der Natur bes Vollkommenen und Unendlichen?). — Ebenfo werden in den mathe- matischen und phyſikaliſchen Grundbegriffen von Körper, Aus— dehnung, Bewegung, Mijchung die befannten Schwierigkeiten für den zerlegenden Verſtand nachgewieſen.
Der Gegenjat ber ffeptiichen Schulen zu der praftiichen Philoſophie der Metaphyſiker Toncentrirte fich in der Beftreitung der fundamentalen Theorie vom höchſten Gute. Auch diele Polemik zeigt den ſchwachen Punkt in ihrer Pofition ſehr deutlich. Ihr ſcharfſinnigſtes Argument ift dieſes. Gin Streben des Willen nach dem Gutem ala jeinem Objekt jeßt voraus, daß nicht in diefem Streben felber ſchon das Gute gelegen fei, da wir ja aus dem Zuftande des Strebens heraustreten wollen, jondern in feinem Ziele. Nun kann dieſes Ziel nicht ein Thatbeftand außer un, fondern muß unfer eigener Zuftand, unſere Gemüthsverfaſſung fein; auch ein körperlicher Zuftand ift nur in der Gemüthsver⸗ faflung für und ala Gut vorhanden. Someit ift die Darlegung vortrefflich. Aber nun tritt wieder die beftändig wirkende Ver⸗ wechielung des unmittelbaren Willen? mit abftrafter Erkenntniß 1) Sertus, adv. Math. IX, 204 sq.
2) Jedoch het auch Carneades dad Dajein der Götter nicht leugnen wollen. Cicero, N. D. III, 17, 44. Haec Carneades aiebat, non ut deos tolleret, sed ut Stoicos nihil de diis explicare convinceret.
Fortg. d. Differenz. d. Wiſſenſch. u. Abſond. d. Einzelwifienichaften. 305 ein. Wir können nicht erfennen, welche Gemüthäverfaffung für und dad Gute fei, da wir nicht einmal willen, ob und was die Seele ift, um deren Verfaſſung es ſich handelt. Ein grober Trugſchluß des Skepticismus!
Die nachariſtoteliſche Metaphyſik und ihr ſubjektiver Charakter.
Die Philoſophie war die organiſatoriſche Macht geweſen, welche noch zuletzt in der ariſtoteliſchen Schule den ganzen Inbegriff der wifſenſchaftlichen Forſchungen geleitet hatte, wie in der platoniſchen Schule die mathematifche und aftronomilche. Die Gejchichte des fleptiichen Geiftes, wie wir ihn gejchildert Haben, zeigt aber, daß auch bie Vollendung der Metaphyſik in Ariftoteles nicht vermocht hatte, den negativen erkenntnißtheoretiſchen Standpunkt, welcher in den Sophiften zunächit einer unvolllommmeren Metaphyſik gegen- übergetreten war, zu überwinden. Andrerfeitd war nunmehr eine Aenderung baburch vorbereitet, baß unter dem organijatorifchen Ein⸗ fluß der metaphyſiſchen Philojophie Natur= und Geiſteswiſſen— haften herangewachſen waren. So vollzog ſich in dem großen Differenzirungsproceß des europätichen Geiſtes eine weitere Sonderung. Bon ber Metapbyfif, der Naturpbilojophie und ber praftiichen Philojophie Löften ſich nunmehr die Einzelwiſſen⸗ ichaften bis zu einem gewiflen Grade los. Jedoch gejchah dieſe Abtrennung noch nicht fo folgerichtig als in der neueren Zeit. Viele der bebdeutendften pofitiven Forjcher "blieben in einem Schulver- band oder doch in innerer Beziehung zu einer der metaphufilchen Schulen. Diefem Gange der Entwidlung entſprach, daß zugleich neue metaphyſiſche Sekten entftanden, welche fich in den Dienft der perjönlichen Befriedigung de Gemüths begaben.
So ſondern fi eine Metaphufil, welche die Leitung der wifſenſchaftlichen Bewegung aufgiebt, und Einzelwifienichaften, die fi pofitiv, von Gmpirie und Bergleihung aus, entivideln. Stoiſche, epikureiſche, eklektiſche Metaphyſik waren Mächte der Kultur, der großen gebildeten Geſellſchaft; die Einze wiffenſchaft Dilthey, Einleitung.
306 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt.
dagegen ftüßte ſich ausſchließlich auf Erfahrung und trat in den Dienft jener Givilifation, welche der Herrichaft über die Erde auftrebt.
Die bezeichneten metaphyſiſchen Syfteme Haben auf ein- fachere Weile Ergebnifle zuſammengefaßt und erlernbar gemacht; fie haben dieſelben möglichft den Angriffen der Skeptiker durch geringere Anforderungen an Strenge des Beweisverfahrens entzogen und dem anwachſenden empirifchen Geifte angenäbert. So liegt ihr Ziel in einer Gemüthaverjaflung, ihr Zujammenhang in der allgemeinen Kultur, ihre Darftellungsform in der Vereinfachung. Der Ato- mismus ift durch die Epikureer nicht fruchtbarer für die Er- Härung der fompleren Thatſachen der Natur geworden, ald er in dem Syſtem des Demokrit gewejen war. Denn bie Annahme ber Epitureer, daß die Atome im leeren Raume von oben nach unten fraft ihrer Schwere fallen, und zwar mit gleicher Geſchwindigkeit und einer Abweichung von der jenkrechten Linie, war jo augenfchein- lich ungeeignet zur Erklärung des Kosmos, daß nur ber Leichtfinn der Schule und ihre rücdftändigen aſtronomiſchen Anfichten dieſen Theil des Syſtems erflärlich machen. Der Monotheiamus hat, wenn auch die Stoa ihn nun dem Empirigmus nähert oder pantheiftiich Tärbt, den Gegenfatz einer bewegenden, bie Formen in fich fallenden Kraft und des Stoffes nicht überwunden.
Die Geichichte Hat nur zu verzeichnen, daß von dem Auf- treten des Leukipp ab der Gegenfaß einer mechaniſchen, atomiftiihen Erklärung der Natur und einer theiſtiſchen, teleologijchen fortbeſtanden hat, jo lange die alten Völker lebten. Die atomiftiiche Gedankenarbeit war feinen Tag unterbrochen. Ihr ift der Kosmos ein bloßes Aggregat; die Theile ftehen in ihm ein jeder für fich, ala gäbe es feine anderen. Der Anfangszuftand der Welt, von dem fie audgeht, ift dem erften Zuftand der Ge jellichaft, den die naturrechtlichen Theoretiker erſannen, zu ver- gleichen, nach welchem Individuen in die Welt geworſen find, die nur an fich denken und nun in der Enge derjelben aneinander= prallen. Und zwar bildet ſich mit immer Elarerer Einfeitigkeit dieſe Richtung aus, welche das ganze Problem eliminixt: wie können Subjeltiver Charakter ber nachariftoteliichen Metaphyfil. 307 Einzeldinge unter gemeinfamen Geſetzen fliehen und auf einander wirkten? So pflanzt fich von Gejchlecht zu Gejchlecht der Kampf fort zwiſchen der Klarheit, welche nur das finnlich Borftellbare anerkennt, und der Tiefe, welche da3 Unfaßbare und doch That: ſächliche eines Zuſammenhangs ausdrüden möchte, der in keinem einzelnen finnlichen Element wohnen Tann. Goethe nennt das einmal den Kampf des Unglaubens und des Glauben? und erklärt diefen Gegenfab für den tiefften in aller Geſchichte. Die mecha⸗ niſche Philoſophie ſowie andrerjeit3 die fkeptijche haben innerhalb der alten Welt fi) der Zurüdführung der bejonder® an ber Geftirnmwelt angefchauten Naturordnung auf eine intelleftuelle Ur» fache entzogen. Der Skepticismus leugnete in Folge feiner un fruchtbaren, rein negativen Stellung zu den Phänomenen die Er⸗ fennbarkeit des Seienden überhaupt. Die Philofophie der Atomiften erhielt wenigſtens dasjenige Problem rege, deſſen wiſſenſchaftliche Behandlung bei den neueren Völkern dann die Metaphyſik der intellettuellen Urſache in Frage geitellt hat: das Problem einer mechaniichen Erklärung des Kosmos. An Einem Punkte findet eine Veränderung ftatt, welche fich von der Metaphyſik zu den großen ragen der Einzelwiſſenſchaften erftredt und für die weitere intellektuelle Entwidlung von außer- ordentlich bedeutenden Tolgen if. Die Bedingungen, unter denen bie national-griechiſche Staatswiſſenſchaft geftanden hatte, find nun vorüber. In der Zeit ihrer Herrichaft galt es, den Einzelftaat zu einem Athleten zu bilden; die Freiheit, welche in dieſen Staaten beftand, war ein Antheil an der Herrichaft geweſen, und ein moderner Menſch würde den Zuftand eines atheniſchen Bürgerd in der Zeit von Kleon in vieler Rüdficht ala Sklaverei empfunden haben. Wol hatte fich ſchon mitten in der Zeit nationaler Entwidlung hiergegen ein Widerfpruch geregt. Die politilchen Schriften des immer noch nicht genug gewürdigten Antifthenes ſowie de Diogenes, von denen der eine nicht VBollbürger, der andere ein Berbannter war, haben die innere Freiheit des Weiſen gegenüber dem Drude des Staates, ja ein Gefühl von Fremdheit des inneren Lebens gegenüber dem ganzen Lärme des äußeren politiichen 308 Zweites Buch. Zweiter Abichnitt.
Apparats geltend gemacht. Wie die national-griechifche Entwidlung zu Ende gegangen ift, wie die Züge Alexander's den Often er- Ichließen und aladann jpäter dad römiſche Imperium feine welt⸗ geſchichtliche Miſſion einer Vereinigung aller kultivirten Nationen unter Einem Rechte und Einem Haupte zu vollbringen ſich anfchidt verändert ſich allmälig das Lebensgefühl des Menſchen, der den Griechen und Italiker mit dem dunkel gefärbten Bewohner ber öftlichen Länder tagtäglich vergleicht und das gemeinfam Menſchliche fühlt, das Band, da8 den Orientalen, der in Griechenland Iebt und lehrt, den Nationalgriechen, der unter einem macebonijchen Fürſten oder jpäter unter römiſchen Optimaten fteht, mit bem Staate verbindet, ift von gänzlich anderer Art als das, welches einen Socrates mit dem Rechte feiner Heimathftadt verbimden Hatte. So entfteht eine gänzlich veränderte politifche Philofophie.
Die Literatur Über den Staat ift in beftändigem Wachsthum begriffen. Cicero fpricht mit Bewunderung von ber großen Zahl und der geiftigen Bedeutung der politifchen Werte auß der Schule von Plato und Ariftoteled; wir kennen die Titel der politijchen Schriften von Speufipp auß Athen, von Xenocrate® aus Chal- cedo, von Heraclides auß dem pontüchen Heraclea, dann die von Theophraft aus Ereſus (eine große Zahl), von Demetriud aus Phalerum, von Dikäarch aus Meflana. Neben die augenfcheinlich geringe Zahl von politischen oder vielmehr gegen das politifche Leben gerichteten Schriften der Epilureer tritt eine reiche ſtoiſche politiiche Literatur, Schriften des Zeno aus Citium, des Cleanthes aus Aſſus, des Herill aus Karthago, Perſäus aus Citium, Chry⸗ fipp auß Soli, Sphärus vom Bosporus, Diogenes aus Seleucia, Panätius aus Rhodus. Man bemerkt, daB in der ftoifchen Schule die Herfunft aus Barbarenländern bedeutend überwiegt. Zeno wird als ein Phönicier bezeichnet; Perſäus ſoll zunächft Sklave Zenos geweien fein. Indem die Stoa die Barbarenvöller‘ zu fich beranzieht, indem alsdann die Mebertragung der griechischen Spetulationen über Staat und Recht auf die Römer ftattfindet, vollzieht fich eine Verbindung der politiichen Wiſſenſchaft, ins⸗ befondere der ftoilchen, mit den Monardjien, die auf Alerander Die politiſche Wilfenichaft der metaphyfiſchen Schulen. 309 folgen, und ihren Lebensbedürfniſſen, alsdann mit dem römischen Stantäleben. Die ftoiiche Schule verknüpft nun eine verein- fachte teleologiihe Metaphyſik mit dem Gedanken des Rechtes ber Natur, und in dieſer dem praltiichen Bedürfniß angepaßten Zufammenfaffung lag ein Hauptmoment ihrer Wirkung. Dur die Römer vollzieht fich dann die epochemachende Ver⸗ bindung der Spetulationen über dad Naturrecht mit der pofitiven Juri3prudenz.
Und in diefer Literatur arbeitet fi nun ein verändertes geſellſchaftliches Gefühl des Menfchen der letzten Jahrhunderte vor Ehriftus durch. Dies ift ſchon in der Art bemerkbar, in welcher ber jelbftjüchtige Quietismus der Epikureer das Naturrecht der älteren nationalen Zeit umformt. Der Staat ift nach diefer Schule auf einen Gicherheitävertrag gegründet, der von dem Intereſſe biktirt wird; fo ift der Privatmenſch und deflen Intereſſe der Mapftab feines Werthes. Dad veränderte gefellichaftlicde Gefühl findet aber einen würdigeren Ausdrud in der politiichen Wiſſenſchaft der ftoifchen Schule. Die monotheiſtiſche Metaphyſik entividelt bier Folgerungen, welche durch den nationalgriechiichen Geift und feine Inftitutionen vorher gehemmt waren. Run wird die Ge- fammtheit aller vernünftigen Weſen als Ein Staat betrachtet, in welchem bie Einzelſtaaten enthalten find, wie Häujer in einer Stadt. Diefer Staat lebt unter Einem Gele, das ala allgemeines Naturgeſetz über allen einzelnen politiicden Recht3ordnungen fteht. Die einzelnen Bürger diejes Staates find mit gewiſſen Rechten aus⸗ geitattet, die auf jenem allgemeinen Gejeß beruhen. Der Wirkungs- bereich des Weiſen ift diefer Weltftaat.
Die Selbftändigteit der Einzelwiſſenſchaften.
Zugleich traten nun die alten Völker, wie erwähnt, in das Stadium der Einzelwiſſenſchaften. intellektuelle Veränderungen ſo durchgreifender Art pflegen mit Abänderungen in der Stellung der Perſonen, welche ihre Träger ſind, ſowie der Einrichtung der wiſſen⸗ ſchaftlichen Anſtalten verbunden zu ſein. Neben die Philoſophen⸗ 310 Zweites Bud. Zweiter Abfchnitt.