SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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Auguftinuß erlebte, daß die Germanen ald Herren in ber Stadt Rom fchalteten, ihnen fiel im Occident die Herrichaft zu, im Morgenlande erhoben ſich die Araber. Wie diefe Völker bis dahin vorwiegend in religiöfen Vorftellungen den Gehalt ihres intellektuellen Lebens bejeflen Hatten, war e8 naturgemäß, daß die theologifchen und metapyfiichen Probleme fie mächtig er- griffen. Eine parallele Entwidlung vollzog fich bei ben Völkern des Islam und in der Chriftenheit; auffallende Analogien diefer Entwidlung treten in dem langen Zeitraum theologifcher Metaphyſik Hervor. Doch machte fich jchon darin ein tiefer Gegenfat bemerkbar: die Araber nahmen neben der Metaphyſik der Griechen deren mathematisch = naturtvifjenjchaftliche Arbeiten auf; die Metaphufit des Abendlandes erarbeitete eine tiefere Auffaffung der menſchlich-geſchichtlichen Welt, im Zufammen- hang mit der jelbftändigen Aktivität der germaniich-romanifchen Völker im politifchen Leben.

Die Gedankenarbeit der Araber begann in der theologischen Bewegung und diefe bildet die erſte Epoche ihres Geiſteslebens. Die Mutaziliten, die arabiichen Rationaliften, haben die Probleme behandelt, welche unabhängig von jedem Studium der Außenwelt da entipringen, wo die Erfahrungen des fittlichsreligiöfen Lebens einen klar abgegrenzten Ausdruck in beitimmten Vorftellungen fuchen. So oft innerhalb eined monotheiftiichden Glaubens ein folder Ausdrud Bingeftellt wird, treten die im religiöfen Vor⸗ Die Völker des Islam. 339 ftellen unabänderlich gelegenen Antinomien zwiſchen bem freien Willen und der Prädeftination, der Einheit Gottes und feinen Eigenschaften hervor. So erhoben fi) Hier im Orient diejelben ragen, welche vorher und gleichzeitig das chriftliche Abendland bewegt haben. Und zwar lag bier wie dort der Antrieb in dem religiöfen Leben jelber, und die Belanntfchaft mit dem antiken Denken gewährte nur diefer Bewegung Nahrung. Der Verſuch der „lauteren Brüder”, jene merkwürdigen Geheimbundes im Dienfte der freien Forſchung, Ariftoteles, Neuplatonigmus und Slam zur Einheit eine enchHlopädiichen Zuſammenhangs zu verknüpfen, bildet ein weiteres Stadium diejer Gedankenentwicklung. Auch diefer Verſuch mißlang „Sie ermüden — äußerte ſich der Scheich Sagaftani —, aber befriedigen nicht; fie ſchweifen herum, aber gelangen nicht an; fie fingen, aber fie erbeitern nicht; fie weben, aber in dünnen Fäden; fie füämmen, aber machen kraus; fie wähnen was nicht ift und nicht fein kann“1). Senfeit der Theologie ſetzte die geiftig regſame, Icharffinnig beobachtende, aber der Tiefe und der fittlichen Selbftändigfeit entbehrende Na— tion, unterjtüßt von der Begabung der untertworfenen Böller, die mathematifch-naturwillenichaftliche Arbeit der Griechen fort. Und die Metaphyſik der Araber, eine Erneuerung des Ariftoteles mit neuplatonilchen Interpolationen, Tieß gegen den einen, noth- wendigen und gedanfenmäßig allgemeinen Zuſammenhang das Clement des Willend zurüdtreten, ja gelangte in einigen ihrer be= deutendjten Vertreter, wie Ihn Badja und Ibn Roſchd, von ſolchen Vorausſetzungen zur Leugnung der perjönlichen Unfterblichkeit. Die Ergebnilfe der naturwiſſenſchaftlichen und metaphyfiichen Forſchung der Araber gingen auf das Abendland über, wogegen der Sieg der orthodoren Schule der Afchariten über die Philo⸗ ſophen, welcher fi fchon im zwölften Jahrhundert entfchied, zujammen mit dem todten Despotismus ber politifchen Verfafjung, alles innere Leben im Islam felber verfiechen madhte.

1) Bal. Flügel in ber Zeitichrift der deutfchen morgenlänbdilchen Ge: jellichaft Bd. XIII ©. 26.

340 Zweite? Buch. Dritter Abfchnitt.

In dem Entiwidlungdgang der romaniſch-germaniſchen Völker, wie fie den Zuſammenhang der europäiichen Chriften- heit bildeten, Hat fi die Metaphyſik weit Iangjamer audgelebt, fie war der lange Jugendtraum diefer Nationen. Denn diejelben befanden fih, ala fie in die Erbſchaft der Metaphyſik ein- traten, noch in ihrem SHeldenzeitalter. Sie fanden unter ber geitung der Kirche und der Theologie. Die Vorftellungen von pſychiſchen Kräften, welche das Weltall durchiwalten, waren für fie, wie einft für die Griechen, der natürliche Ausdrud ihres der mythiſchen Epoche des Borftellend kaum entwachſenen Geiftes. Innerhalb der ihnen überlieferten Theologie bildeten ſie ſich aus den Reſten ihres mythiſchen Fühlens und Denkens und verwandten Beſtandtheilen, die ſie bei den Alten ſanden, eine reiche und phantaſtiſche Welt, die von Heiligen, Wundergeſchichten, böſem Zauber, Geiſtern aller Art erfüllt war. Schwer lebten ſie ſich in die vorhandene Metaphyſik ein, wie ſie in Ariſtoteles ihren Abſchluß gefunden hatte. Mit der Zeit erweiterte ſich ihre Kenntniß des Ariſtoteles; allmälig wuchſen ihnen die Kräfte abſtrakten Denkens. So entſtand ein Ganzes, welches mit königlicher Gewalt über die Gemüther herrſchte. Zu keiner Zeit war die Macht der Metaphyfik fo groß als in dieſen Jahrhunderten, in denen fie mit der Theo- logie und der Kirche verbunden war. Und in diefer Entwidlung erlitt die ariftoteliiche Metaphyſik eine wejentliche Umgeftaltung.

Elemente traten in der neuen Metaphyſik hervor, die ihre Herr⸗ Ihaft unter den modernen Völkern lange behauptet haben und in vielen Punkten ſowie innerhalb weiter Streden der europäiſchen . Bevölferung noch heute behaupten. Denn die geichichtliche Lage diefer neuen Völker gab ihnen neben vielen Nachtbeilen aud) große Vortheile gegenüber den Alten. Die europäiſche Menjchheit "Hat nunmehr eine Vergangenheit Hinter fich, die abgefchloffen ift. Ganze Völker und Staaten haben audgelebt auf dem Boden, wo eine neue Welt fich eingerichtet Hat. Sie haben in berjelben römischen Sprache, die noch herricht, gefprochen, und in die Literatur diefer Sprache ift auch dag Wichtigfte der griechiſchen Entwicklung gerettet. Andrerſeits aber fanden ſich dieje jungen germanifch- ‘ Hortjchritt der Metaphyſik bei den romanifchegermaniichen Völkern. 341 romanischen Völker im Kampfe mit dem vom Islam mächtig er- tegten Morgenlande. Der politiihe und militäriiche Gegenſatz wurde zugleich als ein folder der beiden großen Weltreligionen empfunden, die um die Herrichaft rangen, und ſetzte fich bis in da8 Gebiet der Metaphyſik fort. Die Metaphyſiker der Chriften- beit fanden fich jcharffinnigen Syftemen gegenüber, welche aus dem Islam hervorgegangen und dem Chriſtenthum innerlich feindfelig waren. Dies Alles gab der Metaphyſik der neueren europäiſchen Völker ein Mebergewicht über die der Alten in zwei Punkten.

Die veränderte Lage ermöglichte den Metaphyſikern einerſeits, zu einer Abſtraktion fortzugehen, welche den Griechen in ihrem natürlichen nationalen Wachsſsthum nicht möglich war. Sie ge— langten zu Abſtraktionen äußerſten Grades. Denn die Metaphyſik fo gut als die Religionswahrheiten, Rechtsſätze und politiſchen Theorien der Vergangenheit wurden nunmehr einer Reflexion unterworfen, welche trotz der bitterſten Mängel in der Erkenntniß und Auffaſſung des Geſchichtlichen doch die Reſte dieſer Vergangenheit als Stoff vor ſich hatte. Und zwar war die metaphyſiſche Reflexion in Bezug auf die Frage, welche Be— weile vor dem Verſtande fich zu behaupten vermöchten und twelche Begriffe in verjtandesmähige Elemente aufgelöft werden könnten, zunächſt von der Firchlichen Autorität nicht gebunden. Wie ver- hängnißvoll auch für die nur in der Unabhängigkeit gedeihenbe Philofophie der Einfluß kirchlicher Vorftellungen und Tirchlicher Macht auf die Gemüther der mittelalterlihen Menſchen war: diefe Frage, was an den gegebenen Inhalten überlieferter Meta- phyſik und geltenden Glauben? dem Verſtande entiprecjenb und zugänglich fei, war noch von der Kirche Freigelaffen.

Andrerfeit3 ermöglichte die veränderte Lage den Metaphyſikern, ihr Syſtem, welches aus der wifjenfchaftlichen Erforſchung der Natur hervorgegangen war, auf die geſchichtliche Welt aus: zudehnen. Dieje breitete fi nun ald eine umfangreiche Realität vor ihren Bliden aus. Sie ftand vermittelft der chriftlichen Wiſſenſchaft mit den tiefften Prinzipien der metaphyſiſchen Welt 342 Zweite Bud. Dritter Abfchnitt.

in einer inneren Verbindung und bildete vermöge der Beziehung zu diefen Prinzipien ein in fich zufammenhängendes Ganzed. Bus gleich jonderte der chriſtliche Dualismus von Geift und Fleiſch Ihärfer von der ganzen Natur dieſes Reich des Geiftes, ala einen in dem Trandfcendenten begründeten Zuſammenhang. Die mittel- alterliche Metaphyſik bat jo eine Erweiterung erfahren, durch welche erſt die geiftigen Thatſachen und die geichichtlich = gefell- Ichaftliche Wirklichkeit ala ein der Natur und Naturerfenntniß ebenbürtiges Glied ihr eingeordnet wurden.

Zum zweiten Male begann jo die Gedankenarbeit der Metaphyſik. Der Wille zu erkennen fuhr fort, die Subjelte, deren Thun und Eigenſchaften in Natur, Selbfterfahrung und Ge- ſchichte fich offenbaren, mit dem Gedanken durchdringen zu wollen, und das Leben, welches dieſem Willen ber Erfenntniß vorlag, reichte nun in Tiefen, welche der metaphyſiſchen Befinnung des Alter- thums nicht erreichbar geweien waren. Es liegt außerhalb des Kreifes unferer Erörterung zu betrachten, wie die metaphyſiſche Gedantenarbeit Trinität, Gotimenjchheit in klare und beweigbare Beitandtheile aufzulöjen den Verſuch machte und die Unlöglichkeit des chriftlichen Dogma für den Verſtand fchließlich erfennen mußte. Aber der menschliche Geift erfuhr ferner zum zweiten Male, daß überhaupt ein natürliches metaphyſiſches Syftem unmöglich ſei. Die Metaphyſik ſchmolz vor der DVerftandeskritif zujammen wie Schnee bei fteigender Sonnenwärme. Und fo endigte das zweite metaphuyfiiche Stadium in biefer Rüdficht wie daß erfte, jo viel inhaltvoller auch der Rüdftand war, den es zurüdlieh.

Diefer Vorgang geftattet, wieder tiefer in dad Weſen der Metaphyſik fomwie in die Unmöglichkeit ihres dauernden Be— ſtandes zu bliden, denn was die großen inhaltlichen Thatjachen des Geiftes in ihrem Welen enthalten, jagt und nur die Gejchichte. Die mittelalterliche Metaphyſik jchloß eine Erweiterung der Welt- anſchauung in fich, welche in gewiſſen Grenzen noch heute fort- beſteht. Sie enthielt ein tiefere Seelenleben, ald dag des Alter- thums gewejen war. Und je angeftrengter fie fich bemühte, was nun innerhalb des Horizontes der metaphyſiſchen Befinnung fich befand, Das negative Ergebniß dieſes metaphyfilcden Stadiums. 343 verftandesmäßig zu begreifen, defto deutlicher wurde die Unmög- lichkeit Hiervon. Biel wird der unvolllommenen intellektuellen Ausbildung der Schriftfteller zugefchrieben werden müflen, welche diefe Metaphyſik geichaffen Haben. Die Aufgabe, die großen Rea- Yitäten des Chriſtenthums und die Borftellungen, in welchen diefe audgedrüct waren, mit der griechiichen, insbeſondere ariftotelifchen Metaphyſik zu vereinigen, ift von ihnen äußerlich gefaßt worden, weil ihnen die tieferen wiſſenſchaftlichen Beweggründe der griechi- ſchen Metaphyſik unzugänglic waren. Wie diefe Beweggründe aus der Arbeit der wirklichen Wiflenjchaft hervorgegangen waren, jo konnten fie und die von ihnen aus entftandenen Begriffe und Säte nur von ſolchen veritanden werden, welche an derjelben Arbeit die Hand Hatten. Die Begriffe der fubftantialen Form, der Eiwigfeit der Welt, des unbewegten Bewegers waren unter den Anforderungen des Erkennens, welches den Kosmos erklären wollte, entftanden, gerade jo wie der Begriff des Atoms oder der des leeren Raumes. Andere Begriffe waren bedingt durch die pofitive, naturwiſſenſchaftliche Forſchung. Daher die Begriffe der Alten bei den Scholaftifern den aus ihrem Boden geriffenen -Dflanzen in einem Herbarium gleichen, deren Standort und Lebens⸗ bedingungen unbelannt find. Dieje Begriffe wurden nun mit ganz unvderträglichen verbunden, ohne jonderlichen Widerftand zu leiften. So findet mar Schöpfung aus Nichts, lebendige That und Berfönlichkeit Gottes verbunden mit den Begriffen, welche von ber Unveränderlichkeit der erften Subftanz oder von dem ariftotelifchen Begriff der Bewegung ausgehen. Aber wie fehr auch dieſer Mangel an wirklich wiſſenſchaftlichem Geift die Löſung ber bezeichneten Auf- gabe, daß Leben des Chriſtenthums mit der Wiſſenſchaſt vom Kosmos zu Einem Syftem zu vereinigen, erſchweren mußte: dennoch erklärt derfelbe nicht den gänzlichen Zufammenbruch diefer Metaphyſik ala MWifienichaft, welcher das Ende des metaphufilchen Stadiumß der neueren Bölfer und den Eintritt in das der wirklichen Wiflenjchaften bezeichnet; vielmehr tritt die innere Unmöglichkeit der Aufgabe jelber hervor. indem diefe Metaphufil in erfter Linie von dem In⸗ terefie an den Erfahrungen des Willend und des Herzens aus- 344 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt.

geht, macht fich tiefer ald vordem geltend, daB, was wir im Leben befißen, nicht von dem Verftande in einen Zuſammenhang ganz durchfichtiger Begriffe aufgelöft werden kann. Indem bie Bedingungen der Natur mit denen der geſchichtlichen Welt in Einem objeftiven Zufammenhang verknüpft werden follen, tritt der tiefe Widerſpruch zwilchen der Nothwendigkeit, Die den Gedankenmäßigen eigen ift, und der Freiheit, welche Die Erfahrung des Willens ift, in den Mittelpunkt der Metaphyſik: er zerreißt ihr Gewebe.

Doch vollzog dieſe zweite Epoche der Metaphyſik zugleich einen bleibenden pojitiven Yortfchritt in der euro päifchen intellektuellen Entwidlung, welcjer dem modernen Men⸗ ichen und der freien Verbindung von Erfenntnißtheorie, Einzel⸗ wiſſenſchaft und religiöfem Glauben erhalten bleibt. Zu dem Ihon Ermwähnten tritt Folgendes Hinzu. Im Alterthum Hatte fich die Wiſſenſchaft als ein unabhängiger Zweckzuſammenhang ab= gefondert und war zur Selbftändigfeit gelangt. In den großen In— ftituten von Alerandria, in den anderen willenjchaftlichen Sammel- punkten des ſpäteren Alterthums Hatte fie auch eine äußere Or— ganifation erhalten, durch welche die Kontinuität pofitiver Leiſtungen ermöglicht wurde. So trat die Wiſſenſchaft ala ein die Völker umfpannender Zujammenhang dem wechjelnden und zerftüdelten Staatäleben gegenüber. Die Macht und Souveränetät des chrift- lichen Bewußtſeins verkörperte fi) nun während des Mittelalters in dem jelbftändigen Aufbau ber Tatholifchen Kirche, auf welche viele politifche Ergebniſſe des römischen Imperiums übertragen wurden. Wenn ihr die individuelle Freiheit des chriftlichen Bewußtſeins zur Zeit geopfert wurde, jo bereiteten doch Die großen forporativen Ordnungen des Glauben? und Willens eine Zukunft vor, in der bei inmerer Freiheit des Seelenlebens die Differenzirung und äußere Gliederung der einzelnen Zweckzu⸗ ſammenhänge durchgeführt werden kann: eine Zukunft, die auch wir heute nur in unficheren Umriſſen erbliden. Alsdann unter bielten das religiöfe Leben und die Schulen der Myſtik das Be— wußtlein, daß das meta-phufiiche Weſen bes Menfchen in der Der pofitive Syortichritt. 345 inneren Erfahrung, ala Leben, auf eine individuelle, einen allge: meingültigen wiflenschaftlichen Ausdrud ausfchließende Weile ge- geben ift. Die Metaphyſik fügte dem Begriffezufammenhang, der an der Außenwelt entwicdelt war, den Hinzu, welcher aus dem religiöfen Leben ftammte: Schöpfung aus Nichts, innere Lebendig- feit und gleichſam Geichichtlichkeit Gottes, Schickſal des Willens. Und als an bem inneren Widerſpruch, ber jo entiprang, bie Metaphyſik des Mittelalter® zu Grunde ging, da war und ver- blieb da3 perfönliche, keiner allgemeingültigen wiflenjchaftlichen Begründung fähige Bewußtfein unjerer meta-phyfiichen Natur dag Herz der europäifchen Gejellichaft; fein Schlag ward empfunden in den Moftifern, in der Reformation, in jenem gewaltigen Puritanismus, der in Kant oder Fichte jo gut lebt als in Milton oder Garlyle und welcher einen Theil der Zukunft in fich ſchließt.

Viertes Kapitel. Erfter Zeitraum des mittelalterlihen Dentens.

Den Ausgangspunkt der Gedankenarbeit des Mittelalters bildeten die Probleme der drei monotheiftiichen Religionen. Wir beginnen mit dem Einfachften. Judentum, Chriftenthum wie Slam haben ihren Mittelpunkt in einem Willensverhältnik des Menichen zu Gott. Daher Ichließen fie eine Reihe von Elementen in fi}, welche der inneren Erfahrung angehören. Da aber unjer Dorftellen an die Bilder der äußeren Erfahrung gebunden: ift, jo kann, was dem Erlebniß angehört, nur in dem Zujammen- bang unſeres Bildes der Außenwelt vorgeftellt werden. Den einfachften Beweis hierfür Liefert das Mißlingen jedes Verſuchs, Gott ohne ein Bild des räumlichen Außereinander von dem eigenen Selbft zu fondern, ihn in Beziehung zu diefem Gelbft ohne ein Element des räumlichen Verhaltens und Einwirkens zu denten, oder etiwa die Vorftellung der Schöpfung ohne Bilder eines 346 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt.

wenn auch noch fo beichleunigten Herbortretend und zeitlichen Geftalten® zu vollziehen. Daher ftellt ſich das religiöfe Erleben in den monotheiſtiſchen Religionen eben fo in einer Vorſtellungs— welt dar, welche nur Gewand und Hülle, gleihlam Berjinn- lihung der inneren Erfahrungen ift, wie dies in den indogermanischen Religionen der Yall geweſen ift, aus deren my⸗ thiſchem Borftellen der Welt wir die griechiiche Metaphyſik her- vorwachſen jahen!). Und das Denken ftrebt nothiwendiger Weile, dieje die religiöfe Erfahrung verfinnlichenden Vorſtellungen aufzu= Hären, zu zergliedern und widerſpruchslos zu ver— binden.

Hierbei trifft da8 dogmatifche Denken überall auf Vorftellungs= beitandtheile, welche dem Bilde der Außenwelt angehören. Und da Chriſtenthum, Heidenthum und Islam die Bearbeitung dieſer Elemente durch die erklärende Wiſſenſchaft des Kosmos vor ſich hatten, miſchten ſich Begriffe aus dieſer erklärenden Wiſſenſchaft in ihre Theologie ein. Daher hat ſich die Entwicklung der Formeln, welche die religiöſe Erfahrung in einer Verknüpfung von Vor⸗ ftellungen abgrenzen und gegen andere Formeln innerhalb der- jelben Religion wie gegen andere Religionen rechtfertigen follten, nicht folgerecht auß der im Chriſtenthum gegebenen Selbftgewiß- beit innerer Erfahrung vollzogen). Vielmehr mündete der ge- waltige und friiche Fluß diejer inneren Erfahrungen in den breiten, trüben, Glemente verjchiedenfter Art mit ſich führenden Strom der abendländilchen Metaphyſik. Ein Synkretismus in der Me—⸗ taphyſik, wie er der Niederichlag der langen Entwidlung grie= chiſch⸗römiſchen Denken? war, jchien dem religiöjen Vorftellen die Mittel darzubieten, fi) in einem Syſtem zu formiren und ala ſolches zu behaupten. So entftand die chriftliche und ähnlich bildete ſich die jüdiiche und muhamedaniſche Theologie.

Und zwar ftand die Aufgabe der Theologie nur eine einge= ſchränkte Zeit hindurch bei den neueren Völkern in dem Mittel- 2) Wie an Auguftinus ©. 826 ff. gezeigt ill.

Bearbeitung bes Glaubendinhaltes in ber Theologie. 347 punkt alles ſyſtematiſchen Denkens. Im chriftlichen Abendlande währte dieje Zeit länger ala bei den Völkern des Islam; von Alcuin und dem achten Jahrhundert reichte fie Hier dia zum Ende des zwölften Jahrhunderts.

Während diefer vier Jahrhunderte machten fich die möglichen Stellungen de Glaubensinhaltes zum Berftande gel- tend, wie fie biß heute fortdauern. Die in der Hierarchie herrſchende Partei betrachtete den Glaubensinhalt ala eine der Vernunft un- erreichbare und unſerer verderbten Natur in der Offenbarung autori- tativ gegenübertretende Thatſächlichkeit. Gemäß der dargelegten Beziehung zwilchen dem Offenbarungsglauben und der inneren Er- fahrung verband fich diefer Standpunkt mit dem zweiten, welcher die im Chriſtenthum angelegte Erkenntniß enttwidelte, daß Die inneren religiöfen Erfahrungen in einem verftandesmäßigen Zu- ſammenhang nicht dargeftellt werden können). Doch trat biefe zweite Stellung zum Glaubensinhalt auch mehr losgelöſt vom Autorität3prinzip auf, insbeſondere in den myſtiſchen Schulen. Eine dritte Partei hatte ihren wichtigften Repräfentanten während dieje8 Beitraumd in Anjelm. Die Vorausſetzungen bderjelben lagen ebenfall3 in Auguſtinus. Sie vereinigte in ſchwer zu faflendem Zieffinn die beiden Seiten des mittelalterlichen Denkens: in jedem, auch dem tiejften Geheimniß des Glauben? ift ein Ber- nunftzulammenhang, und er könnte der göttlichen Vernunft nad)= gedacht werden, wenn die Gedanken der Menfchen den Gottes zu erreichen die Kraft hätten; aber diefer Zufammenhang wird allein unter der Vorausſetzung des Glaubens erblidt?). Die lebte unter 1) Tieſe Verbindung der beiden Standpunkte (für deren erſteren Belege überflüffig find) findet man in dem bekannten Worte des Bernhard von Glairvaur: „quid enim magis contra rationem, quam ratione rationem conari transcendere? Et quid magis contra fidem, quam credere nolle, quicquid non possis ratione attingere?“ — Zur zweiten Partei vgl. 3.8. Hugo von St. Viktor de sacram. I pars 10 c. 2.

2) Anjelm de fide trinitatis praefatio und c. 1. 2; de concordia praescientiae Dei cum libero arbitrio, qu. III c.6. Die Löfung ber ſchein⸗ baren Widerfprüche Liegt bei Anſelm in der Voraudfehung, daß auch daB unerreichbare Glaubendgeheimniß in Gott Vernunftzufammenhang ift. Wie Anjelm Hierdurch fi) von den Moftilern jondert, berührt er ſich andrerſeits hierin mit Scotu8 Erigena und Abälard. Vgl. Eadmer Vita S. Anselmilc.9.

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diefen Parteien betrachtete den menfchlichen Verſtand als MaB- tab des Slaubenzinhaltes, und die Unterfchiede in ihr waren vorzugsweiſe durch den Grad von Gelbftvertrauen bedingt, mit welchem diejer Verftand auftrat. So kann fie ald Nationalismus bezeichnet werden. Sie empfing ihre Macht nicht allein au dem Trieb des Erkennens, welcher zumal im zwölften Jahrhundert zur Leidenſchaft anwuchs; auch der Ziviefpalt der Autoritäten über die Glaubensgeheimniſſe Eonnte von Abälard in feiner Schrift „Ja und Nein“ ihn und geſchickt zu Gunften der Entjcheidung von Glaubens⸗ fragen durch den Verftand veriverthet werden, und der Streit einer Mehrheit monotheiltifcher Religionen machte die jchließliche Geltung derjelben von dem Richterſpruch des Denkens abhängig, die Ge— Ipräche zwiſchen den Repräfentanten der verichiedenen Religionen, wie der Rujari und der Abälard’fche Dialog zwiſchen einem Philoſophen, einem Juden und einem Chriften, laſſen die Macht dieſes thatjäch- lihen DVerhältniffes erkennen. So Tonnte der Vervollſtändigung des Materiald für die Kenntniß der ariftotelifchen Logik eine dialek- tifche Bewegung folgen, deren negative Exgebniffe viele Zeitgenoſſen erſchreckten). Der Glaubensinhalt wurde ſchon ala eine Anticipation der Vernunfterlenntniß angejehen?), und die Yrage trat auf: wenn die Lehrſätze des Chriſtenthums einer rationalen Behandlung zu- gänglich find, warum bedurfte es der Offenbarung?

1) Für die angegebene Bebeutung der Schrift Sic et non von Abälard ift der Schluß des Prologs enticheidend. Im Uebrigen vgl. die aus Johann von Salisbury, Richard von St. Viktor, Abälard u. a. entnommene Schil: berung der rationaliftiichen Fraktionen bei Reuter, Gefchichte der Auf: Härung I, 168 ff.

2) Tied war die Conſequenz der zulebt erwähnten Richtung. Sie kann aus ber befannten Formel des Scotus Srigena de divisione Ic. 66 p. 511» (Floß) abgeleitet werden. Doch ift weder der Nationalismus des Scotus Erigena noch der Abälard’3 unbeichräntt. Die Theorie, welche fich bei beiden findet und welche die Beziehung der Begriffe und Urtbeile des Verftandes auf die endliche Wirklichkeit einſchränkt, die zu bezeichnen fie beftimmt feien, (wie denn der Sak in dem unentbehrlichen Verbum die Zeitlichkeit ala Schrante einfchließe), ift ein Verſuch, die wirkliche Transſcendenz Gottes gegen die Rationaliften zu vertheidigen. Vgl. Abälard theologia christ. l. III, p. 12468. 12478 (Migne) nebjt ber Parallelftelle der introductio und Scotus Erigena de divisione I c. 15ff. 4693 B. c. 73 p. 518.

Dialektit ala Werkzeug der Theologie. 349 Die Erfaffung des Glaubenzinhaltes durch die Vernunft, nad) welcher jo in diefen Jahrhunderten gerungen wird, Hat in der Dialektik (Logik) ihr Werkzeug. — Es ift überzeugend nachge= wiejen tworben, wie der Zuftand dieſes Werkzeug durch die elende urjprüngliche Meberlieferung des logiſchen Materiald und die lang- ſame Erweiterung der Kenntniß echter ariftotelifcher Logik bedingt geweien ift '). Aber die Dialektik diefer Jahrhunderte erjcheint in einem günftigeren Lichte, wenn die andere Seite ihrer damaligen Geichichte, ihre Beziehung zu den Aufgaben der Theologie, auf- gefaßt und die Abhängigkeit ihrer wichtigften Züge von dieſer Aufgabe erkannt wird. Wie die Logik des Ariſtoteles von der Lage und Aufgabe der Metapbufit de Kosmos bedingt ift, fo die Dialektik des Mittelalters durch die der Theologie, al deren Wiſſenſchaftslehre. — Diefem Verhältniß ent|prechend war die mittel- alterliche Logik mit fehr lebhaften Crörterungen über die Beziehung der Formen ded Denkens zu der in Gott angelegten Gedanlen- mäßigfeit der Wirklichkeit verbunden. Die Sätze der platonijch- ariftoteliichen Metaphyfit über diefen Punkt, wie fie von den Neuplatonikern fortgebildet worden waren, bildeten die Grundlage ber Theologie der meiften Kirchenväter, insbeſondere des Auguftinus, Zugleich befand ſich in dem überlieferten logiſchen Material eine dürftige Mittheilung, welche wie durch einen engen Spalt in die fonft der Kenntniß damals entzogenen Kämpfe des Alterthums einen Blick geftattete 2). In der Mannichfaltigfeit der Richtungen, die eine Löfung des nun leidenschaftlich beiprochenen Problems verjucht Haben, fondern fich drei Klaffen, wenn man die und allein angehende metapbufiiche Bedeutung des Problems in? Auge faßt. Die allgemeine Bebingung dieler Parteibildung lag darin, daß das metaphyfiſche Stadium der Wiſſenſchaft einen gedanlenmäßigen Zuſammenhang der Erjcheinungen nur als Syſtem von Formen, 1) Coufin, Jourdain, Hauréau und Prantl haben das Hauptverdienſt dieſes geſchichtlichen Nachweiſes.

2) Vgl. Hauréau histoire de la philos. scolast. I, 42 ff., Prantl über Porphyrius in der Gefchichte der Logik I, 626 ff., Über Boethius 679 ff., über bie Streitfrage II, Iff. 35 ff.

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die ſich in Allgemeinbegriffen darſtellen, beſeſſen hat. Die Einen nahmen nun einen realen Vorgang logiſcher Specifikation in der Subſtanz der Dinge an, mochten ſie dieſe nach der Formel einer Emanation, wie Scotus Erigena, oder nach der einer Schöpfung vorſtellen. So treten nach Wilhelm von Champeaux zu dem in fich gleichen Stoff zuerft Yormen der oberften Gattungen, innerhalb jeder derjelben folche, welche die Gattung zu Arten gliedern, abwärts bis Individuen entftehen!). Die Anderen vertwarfen einen ſolchen realen Proceß logiſcher Specififation und begnügten fi mit ber Annahme einer realen Beziehung zwischen dem göttlichen Verſtande, in welchem die Formen wohnen, der Wirklichkeit, der fie durch ihn eingebildet find, und dem menfchlichen VBerftande, durch den fie an den Dingen berausgehoben werden können?).. Der Nomina⸗ lismus bildete den gemeinfamen Charakter einer dritten Klaſſe von Dialektilern. — Das Schickſal diefer drei Richtungen war wejentlich bedingt durch ihr Verhältniß zur Aufgabe der Theologie. Die erfte mußte, wie ihr Abälard’3 Scharfſinn nachwies, folgerecht auf die weſenhafte Einheit derjelben Subftanz und damit auf den Pan- theismus führen >). Die leßte derjelben, die nominaliftilche Theorie, erwies ſich als ganz unfähig, der Theologie als Grundlage zu dienen, bis fie in einem jpäteren Stadium zu der inneren Er—⸗ fahrung in Beziehung gejeßt wurde. Daß war der Grund, aus welchem fie in diefem eriten Zeitraum des mittelalterlichen Denkens fih nicht behaupten fonnte. Sprach doch der Nominalismus des Rofcellinug nicht nur der Beziehung des Einzeldings zur Gattung, londern auch der des Theild zum Ganzen jede objektive Geltung ab. Nun berubte aber auf diefem lebteren Verhältniß der ganze Zuſammenhang des göttlichen Heilsplanes, wie er die Grundlage