1) Scotus Erigena 3. B. de divisione naturae I c. 29 ff. p. 475B, IV ec. 4 p. 748; Wilhelm von Champraur nach dem Bericht in der Schrift de generibus (ouvrages inedits d’Abelard p. Cousin) p. 513f. und in Abälard’3 epist. I c. 2 p. 119.
2) Zu ihnen gehörte Abälard, vgl. introductio ad theolog. II c. 13 p. 1070.
3) In den glossulae super Porphyrium nad) dem Auszug von Remufat Abälard II p. 98. Dazu trat bie Logifche Unhaltbarkeit dieſes Realismus, welche de generibus p. 514ff. entwidelt ıfl. « Parteiung über den metapbufiichen Werth ber Begriffe. 351 der Kirche ausmachte. Das Sündigen in Adam, da Erlöſtwer⸗ den in Chriſtus, die Verbindung des Einzelnen mit der Kirche waren ohne diefen Zuſammenhang von Theilen in einem Ganzen nicht denkbar. Ebenſo ſchien die Dreieinigleitälehre eine reale Be⸗ ziehung des Einzelnen zu dem übergeordneten Begriff vorauszu⸗ jeßen. So gelangte die mittlere Anficht, wie fie zunächft Abälard mit Glüd vertreten hatte, zum Siege: fie entſprach der Aufgabe der mittelalterlichen Metaphyfit am beften, bis dann der Nomina- liamu3 in der Theorie der inneren Erfahrung und des in ihr gegebenen Willens ein tiefered Recht gewann.
Wurde jo in dieſem Ringen des Berftandes mit dem Glaubens⸗ inhalt während der bezeichneten vier Jahrhunderte zunächft eine dialektiſche Grundlegung angeftrebt, jo war dad doch nur Vor— bereitung für die Theologie. Und zwar lag bie nächfte Auf« gabe in der Yortentwidlung der Beweisführung fürdie Eriftenz einer transfcendenten Welt; indeß bilden in der Gefchichte der Begründung der trangjcendenten Welt auf Vernunftbeweis die Leiltungen diefer Jahrhunderte einen Beftandtheil, den iſolirt zu betrachten fein Intereſſe für uns befteht. Ferner fuchte fich der Derftand in der trandfcendenten Welt zu orientiren und den Zu— ſammenhang de Glaubensinhaltes gedanfenmäßig zu entwideln. Hierbei entjchied fich in Diefem Zeitraum ein Schid- fal des mit diefer Aufgabe befchäftigten Verftandes, welches tiefer in die Lebensbedingungen des metaphyſiſchen Denken? bliden läßt. An den wichtigften Punkten ergaben fich anftatt der Dar- ftellung in einer dem Berftande genügenden Formel Widerfprüche auf Widerjprüche, und dies Verhältniß trat nicht nur innerhalb der jpecifiihen Dogmen der einzelnen monotheiftiichen Religionen hervor, auch in den Sätzen, welche diefen gemeinfam find und ſonach zur Metaphyſik in einem näheren Berhältniß ftehen, ward ed fichtbar.
Ein Widerfpruch flellt fich in zwei Süßen dar, deren einer den anderen ausſchließt; er befteht alſo in einem Verhältniß der Prädikate defielben Subjektes, vermöge defien fie fich in ihrer Be⸗ ziehung auf daffelbe gegenjeitig auzfchließen oder aufheben. Ein 352 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt.
ſolcher Widerfpruch zweier Säbe ift eine Antinomie, wenn die beiden Sätze unvermeidlich find, und Antinomien find daher Sätze, welche von demjelben Subjekt mit gleicher Nothwendigkeit Wider- Iprechendes ausſagen. Das Altertum hatte zunächſt die Antino- mien entividelt, welche in unferer Auffaffung der Außenwelt ent- halten find; diejelben haben ihre Wurzel im Verhältniß des Er— fennend zu den äußeren Wahrnehmungen. Die zweite Hälfte aller Antinomien entjpringt, indem die inneren Erfahrungen dem äußeren Borftellungszufammenhang eingeordnet werden und das Erkennen fie feinem Geſetz zu unterwerfen tätig ift. Innerhalb diejer Klaſſe traten gejchichtlich zuerjt die Antinomien des religiöſen Vorſtellens, der Theologie und der die religiöje Erfahrung in fih aufnehmenden Metaphyſik hervor, der Kampfplatz derjelben waren Theologie ſowie Metaphufit des Mittelalters, und fie wirkten eben jo zerjeßend in der altproteftantilchen Dogmatif. Bon diefen Antinomien gelangten zunächſt in der Zeit der Kirchen⸗ väter. und dem früheren Mittelalter diejenigen zu klaſſiſcher Aus— bildung, welche die Wiſſenſchaft vom Kosmos noch nicht vor- ausſetzten, jondern aus dem Verhältniß der religiöjen Erfahrung zum Vorſtellen und zur logiſchen Reflexion hervorgingen.
Da da3 religiöfe Leben genöthigt it, fih in einem Vor⸗ ftelungazufammenhang außzudrüden und diefem Vorſtellungsin⸗ begriff ala ſolchem die Antinomien anhaften, jo treten diejelben in parallelen Formen neben einander in ber Theologie des Chriſtenthums, des Judenthums wie des Islam auf. Und zwar gehört dag Bewußtſein diefer Antinomien keineswegs erſt der Zeit der Auflöfung der Dogmen an; vielmehr ringt das religiöfe Boritellen und Denten von Anfang an mit denfelben, fie bilden ein mächtige Agens in ber Dogmenbildung jelber und vereivigen die Parteien und den Streit innerhalb der einzelnen Religionen. Aber die Religion ift nicht Wiſſenſchaft, ja was wichtiger zu lagen ift, fie ift auch nicht Vorftellen. Die Antinomien der religiöjen Borftelung löſen die religiöje Erfahrung nicht auf. So wenig die Antinomien in unjerer Raumvorftellung ung beftimmen können, auf unſer räumliches Sehen zu verzichten, jo wenig vermögen bie Erfte Antinomie zwiſchen ber religidjen Erfahrung und dem Vorftellen. 353 dem religiöjen Borftellen anbaftenden Widerjprüche, das religiöſe Leben in und zu vermindern oder in feiner Bedeutung für unſer Gefammtleben herabzufeßen. Der Maler wird nicht von den Anti⸗ nomien der Raumborftellung geftört, denn fie verwirren ihm nicht feine Raumbilder. Genau jo hindern die religiöfen Antinomien nicht die freie Bewegung des religiöjen Leben? felber. Aber fie machen allerdingd die konſequente Durchbildung des religiöjen Vorſtellens, feine Zergliederung und die Verknüpfung der jo ent- ftehenden Begriffe zur Einheit eines Syſtems, wie noch Schleier- macher fie verjuchte, unmöglich.
Die Antinomie zwiſchen der Borftellung de3 allmädtigen und allwiffenden Gottes und der Bor- ftellung der Freiheit des Menſchen.
Die erfte und am meiften fundamentale Antinomie des religiöfen Bewußtſeins ift darin gegründet, daß das Subjekt fi) in jedem gegebenen Moment nach rückwärts Thlehthin bedingt und abhängig findet, zugleich aber fi frei weiß. Dieſes Doppel- verhältniß ift, wie daß die Deffription des religidjen Lebens zeigt, gleichſam die Springfeder der beftändigen Arbeit des religiöfen Geiftes, in welcher die Gottedidee erft volle Ausbildung gewinnt. Sp ericheint innerhalb des religiöjen Worftellungsleben? eine Antinomie, welche Teine Formel zu bemältigen vermocht bat. Gott ift einmal Subjelt der Prädifate Güte, Allmacht, Allwiſſen⸗ heit, andrerſeits erfcheinen alle dieſe Prädifate in ihm durch die Millenzfreiheit und Verantwortlichkeit des Menſchen eingejchräntt, und ihre Einſchränkung ift ihre Aufhebung. Vielleicht Hat feine Trage das Nachdenken einer größeren Zahl von Menſchen unferer Erde beichäftigt und Feine in gewaltigeren Naturen gearbeitet als dieje, welche die Vorftellungawelt des Islam erjchüttert und Paulus, Auguftinus, Luther, Calvin, Cromwell beiwegt hat. Wenn wir über das weite Trümmerfeld der Selten und Schriften Ichreiten, welche dies Problem hervorrief, empfinden wir ftärfer ala lonjt, wie ganz abgethban Hinter und die Dogmatik liegt. Denn feine dieſer Streitfragen oder Diftinktionen bewegt Heute noch die Dilthey, Einleitung.
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Herzen der Menſchen. Ihre Zeit ift vergangen. Und das Schweigen de Todes ruht heute auf dem weiten Raum diefer Ruinen.
Das Hriftlihe Abendland, um Allzubelanntes nur zu berühren, rang von den Vätern ab vergeblich mit den Antinomien zwifchen der Unveränderlichkeit Gottes und der Rückwirkung der menjchlichen Handlungen auf den göttlichen Willen, zwiſchen dem Vorherwifſen der Handlungen in Gott und der freiheit des Menfchen, fie zu thun und zu laffen, zwiſchen der Allmacht und dem menschlichen Willen ',. Lange war im Abendlande dad &e- tümmel des pelagianifchen Streites verhallt und die Willenzfrei- heit, die Verantivortlichkeit des Menjchen, damit feine Selbftän- digfeit, waren der Tendenz der katholiſchen Kirche, alles Gute in der Menſchenwelt von Gott durch die Organe der Kirche herabfließend vorzuftellen, bi8 auf einen ungenügenden Reft zum Opfer gefallen, ala in den Ländern des Islam derjelbe Streit ausbrach. Die Rationaliften des Islam, die Mutaziliten?), gingen von den inneren Problemen der Religion aus, wenn fie auch alddann für deren Löfung die griechiiche Wiſſenſchaft zu Hilfe nahmen, ja viel: leicht von der Theologie und den Sekten der Chriften mit beeinflußt waren?). Durch den Koran zieht fi) der Widerſpruch ziwifchen 1) Nach dem Streit, in welchem Gottſchalk vermittelft des Begriffs der Umveränberlichteit Gottes die fyreiheit bed Menſchen aufhob, Scotus Erigena fie mit ber Nothwendigkeit in eins jete, hat Anjelm dies Problem in den zwei Schriften de libero arbitrio und de concordia praescientiae et praedestinationis cum libero arbitrio am tiefften behandelt.
2) Mutazila bezeichnet eine von einer größeren Gelammtheit ſich ab: trennende Schaar, eine Sekte. Der Name wurde auf bie bebeutendfte unter ben Selten de3 Islam übertragen. Bgl. Steiner, die Mutaziliten S. 24 fi. Nach dem Inhalte des Streites angejehen, wurden die Bertheidiger ber menjchlichen Willenzfreiheit Kadarija genannt. Vgl. ebdſ. 26 ff. und Munt Melanges de philosophie juive et arabe p. 310. Bericht über fie in Schahraſtanis Religionsparteien und Philoſophenſchulen, überjekt von Hanr: brüder I, 12 ff. 40 ff. 84 ff. II, 386 ff. 398 ff.
3) Die Bergleichung des Seftenlebend hüben und drüben drängt dieſe Anſicht auf und bie hiftoriichen Verhältniſſe machen fie wahrſcheinlich. Munf Melanges p. 312.
Die Theol. d. Judenth., Chriftenth. u. Islam ringen vergebens mit ihr. 355 einer ftarren Prädeftinationzlehre, nach welcher Gott felber eine An- zahl der Menjchen ala unfähig, feine Wahrheit zu vernehmen, für die Hölle erichaffen Hat, und dem praftiichen Glauben an die Willen3- freiheit, auf dem die Verantwortlichkeit des Menjchen beruft. Nun machen die Mutaziliten zunächft die eine Seite der Antinomie, die Selbftgewißheit der inneren Erfahrung von der Freiheit, geltend. Der menjchliche Wille wird nach ihnen ala ein jelbftthätiges Prinzip erlebt, welches den Körper wie ein Werkzeug zu Bewegungen in Thätigkeit jet, und feine Freiheit jchließt ein, daß ihm ein Urtheil über gut und böfe beimohne!). Bon bier aus entwideln fie Säße, welche fi) ausjchließend gegenüber der Lehre von Allmacht und Allwiflenheit Gottes für ein fonjequentes VBorftellen verhalten. Das Böſe kann nicht auf Gott ala Urſache defielben zurückgeführt werden; denn das Böſe ift ein wejentliches Attribut des bölen Weſens (im Gegenſatz zu der Anficht, nach welcher dieſes Attribut innerhalb des ganzen Zuſammenhanges der Weltordnung ſchwindet); wäre nun Gott die Urjache des Böſen, jo würde dadurch jeine Güte aufge- hoben 2). Die Freiheit kann nicht verneint werden; denn mit ihr wird die Verantwortlichkeit und folgerecht die Uebung der Ge- rechtigkeit Gottes in Bezug auf Lohn und Strafe verneint. Während jo die Mutaziliten die Freiheit auf Koften der Allmacht Gottes Ichüßen, haben andrerjeitß diejenigen Sekten, welche den ftärferen Antrieb im Islam Tonjequent entwidelten, die Brädeftination auf Koften der Freiheit vertheidig. Die Djabarija leugneten einfach, daß die Handlungen des Menſchen ihm angehören, und führten fie auf Gott zurüd. Nur darin jonderten fie fi, daß die einen dem Menſchen das Vermögen zu Handlungen voll: ftändig und ganz abſprachen, die andern aber dieſem anerjchaffe- nen Vermögen gar feinen Einfluß zujchrieben?). Unter den Frei= denkern hat Amr al Gahiz die Nothmendigkeit der Handlungen behauptet, und er unterjchied den Entſchluß nur dadurch) von 1) Schahraftani I, 55, 59. Die Unterfchiede der Parteien innerhalb der Mutazila kommen bier nicht in Betracht.
356 Zweites Buch. Dritter Abichnitt.
inftinktiven Handlungen, daß wir bei jenem bewußt bdenfen!). Zwiſchen den Schwierigkeiten, welche fo gleichermweije entftehen, wenn mit der Yreiheit oder mit der Prädeftination Ernſt gemacht wird, Ichlüpft al Aſchari mit einer Halbheit durch. Einerſeits ift noch ein Unterjchted zwiſchen unmwillfürlichen Bervegungen und wille fürlichen Handlungen in der inneren Erfahrung mit Sicherheit gegeben; andrerjeitö ift diejelbe Handlung, von Gott aus angejehen, ein Hervorbringen, Bewirken durch Gott, vom Menſchen aus be= trachtet, ein „Aneignen“ deſſen, was Gott bewirkt?). Dafür ift dann al Alchari Grundlage der ſpäteren orthodoxen Scholaftik des Islam geworden, welche in dürren und doch halben Formeln erſtarrte.
Die Antinomie, welche in dieſem Ringen der theologiſchen Sekten zum Vorſchein kommt, hat ſpäter Ibn Roſchd in abſchließender Verſtandesklarheit folgendermaßen ausgeſprochen. Die Beweiſe find in dieſer Frage, einer der ſchwierigſten der Religion, einander entgegengeſetzt, und „des⸗ wegen haben ſich die Moslimen in zwei Parteien getrennt; die eine Partei glaubt, daß das Verdienſt des Menſchen Urjache de3 Lafter? und der Tugend ſei und dieſe für ihn Belohnung und Beftrafung zur Folge Haben. Dies find die Mutazila. Die andere Partei glaubt das Gegentheil, nämli daß der Menjch zu feinen Handlungen gezwungen ımd gedrängt ſei.“ Der „Widerſpruch der aus dem Berftande Hergenommenen Beweiſe in diefer Trage” läßt fich in folgenden beiden Gliedern barftellen, deren jedes zugleich nothiwendig und unmöglid iſt. Theſis: „Wenn wir annehmen, daß der Menſch feine Handlungen hervor⸗ bringt und fchafft, jo iſt es nothwendig, daß es Handlungen giebt, welche nicht nach dem Willen Gottes und feiner freien Entſchließung gejchehen, und dann gäbe es einen Schöpfer außer Gott. Nun aber find alle Moslimen darin einverftanden, daß es feinen Schöpfer außer Gott giebt“ (und die Einzigkeit Gottes ift von Ibn Rojchd 1) Schadraftani I, 77; vgl. Steiner's Wiedergabe de3 Inhaltes der ſchwer faßbaren Stelle ©. 70.
2) Schahraftani I, 98 ff., beſonders 102 ff., wozu Steiner ©. 86.
Formeln dieſer Antinomie. 357 an einer anderen Stelle metaphyſiſch aus der Einheitlichkeit in der Welt bewieſen?). Antitheſis: „Wenn wir aber annehmen, daß der Menſch ſeine Handlungen nicht erwirbt, fo ift nothwendig, daß er zu ihnen gezwungen ift: denn es giebt fein Mittleres zwilchen Zwang und Erwerb; und wenn ber Menich zu feinen Handlungen gezwungen ift, jo gehört die Berantwortlichkeit in die Kategorie de3 unmöglich zu Leiftenden?).“ Unter den chrijt- lichen Theologen des erften Zeitraumes mittelalterlichen Denkens hat Anſelm unjere Antingmie in den folgenden zwei Widerſprüchen dargeftelt. Erfter Widerfprud: „Vorauswiſſen Gottes und freier Wille fcheinen fich zu widerſprechen. Denn dagjenige was Gott vorauafieht, muß nothiwendig in Zukunft eintreten, was aber Durch den freien Willen gefchieht, erfolgt mit feiner Nothwendig⸗ keit.” Zweiter Wiberfprud: „Was Gott vorausbeftimmt, muß in der Zukunft eintreten. Wenn ſonach Gott dad Gute und Böſe was geichieht, vorausbeſtimmt, jo gejchieht nicht? durch den freien Willen;“ jo heben fich freier Wille und Vorausbeſtimmung gegenfeitig auf?).
Welche Diftinktionen die theologiſche Metaphyſik auch in Morgen- und Abendland gegen diefe Antinomie aufgeboten hat: innerhalb des Vorſtellungsſchemas und feiner Zerlegung und Zuſammenſetzung duch den Verſtand giebt e3 Fein Entrinnen. jedes freie Subjekt tritt ala eine nicht bedingte Macht neben die Macht Gottes. Wann aljo der Gedanke eines allmächtigen Willens im Bewußtjein aufgeht, dann erlölchen vor ihm, wie Sterne vor der aufgehenden Sonne, alle Einzelivillen. In jedem Augenblid und an jedem Punkte bedingt die Allmacht Gottes dad Dafein und den Beftand des einzelnen Willend, und wo fie zurüdträte, da 1) In feiner fpelulativen Dogmatik, vergle Philofophie und Theo: logie des Averroed, überjegt von Müller S. 45; ich citire unter diefem Titel und der Seitenzahl die beiden in ber Webertragung vereinten Abhanb: lungen: Harmonie der Religion und PHilofophie, und ſpekulative Dogmatif.
2) Philofophie und Theologie bed Averroes, über]. v. Müller S. 98ff.
3) Anjelm de concordia, quaest. I: Anfang; II: Anfang. Opp. p. 507 a. 519 c (Migne). — Dazu Säte und Gegenläße in Abälard, sic et non c. 26—838. Opp. p. 1386 c ff. (Migne).
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ſänke auch der Wille ganz oder in feinem ent|prechenden Beſtand oder Theil in ſich zufammen. Dies tritt beſonders deutlich in der Formel der chriftlihen Scholaftit hervor, nach welcher die Erhaltung eine bloße Fortſetzung der Schöpfung ift!). Da Gott in der Schöpfung allein Alles wirft, fo ift er folgerichtig auch für den menschlichen Willen in jedem Moment und gleichlam an jedem Punkte deflelben die wirkende, im Erhalten hervorbringende Urfache.
Diefe Region des in die MWiderjprücdhe des Vorſtellens vertvidelten Verſtandes, feiner Ausflüchte und Biftinktionen, wird verlaffen, wenn im Reiche der Myftif, der Sufis, der Biltoriner und ihrer Nachfolger die gedankenklare Unter: Icheidung der einander gegenüberftehenden Willen Gottes und des Menichen untergeht in dem Abgrunde der Gottheit. Aber aud) die Myſtik und die fich an fie anfchließende pantheiftiiche Speku⸗ lation finden in ber dunklen Tiefe eined lebendigen, den menſch⸗ lihen Willen einjchließenden göttlichen Weltgrundes das uralte Problem ungelöft wieder vor. Denn wenn diejer Weltgrund in feiner freien quellenden Einheit den menfchlichen Willen mitum- Ihließt, dann ift zwar die Freiheit ald ein Akt in Gott gerettet, aber um fo ficherer fällt die Schuld des Bölen in die Gott- beit?2). um fo unbegreiflicher wird das Gefühl der Selbftändigfeit des Individuums.
1) Die Erhaltung der Welt wird von älteren Scholaſtikern einfach zur Schöpfung gerechnet; ber oben entwidelte Sat ift bei Thomas überzeugend in der summa theol. p. I qu. 108. 104 de gubernatione rerum ıc., befonder& quaest. 104 art. 1 dargelegt: conservatio rerum a Deo non est per aliquam novam actionem, sed per continuationem actionis, qua dat esse; quae quidem actio est sine motu et tempore, sicut etiam conservatio luminis in aere est per continuatum influxum a sole.
2) Daher auf diefem Standpunft im Widerſpruch mit dem fittlichen Bewußtjein das Böſe ala relativ, die ganze Wirklichteit ala gut betrachtet werden muß. Worte dürfen bier nicht täuſchen. So lehren Scotus Eri: gena (Abweichendes ift ſicher Akkommodation), bie bebeutendfien der Sufis fowie der Myſtiker des chriftlichden Mittelalter? unb ſehr ſchön Jakob Böhme: „In folder hohen Betrachtung findet man, daß biejed Alles von und aus Gott jelber berfomme, und daß es ſeines eigenen Weſens jei, das er ſelber ift, und er jelber aus ſich alſo geichaffen habe; und gehöret Erſte Ausrede bes theologiichen Verſtandes. 359 - Daher denn ſchließlich nur eine Auflöfung von erfenntniß- theoretiſchem Standpunkt aus möglich bleib. Was nicht in einen objektiven Zufammenhang hineingedacdht werden Tann, das Tann vielleicht, ala von verjchiedener piychifcher Provenienz, in feiner unaufhebbaren Berjchiedenheit anerkannt und in eine zwar äußerliche, aber gejegmäßige Beziehung zu einander gebracht werden. So ift die Antinomie der antiten Metaphyſik des Kosmos zwiſchen dem Gtätigen der Anſchauung und dem Diskreten der Der: ftandeserkenntniß, ber Veränderung am Wirklichen und der Bus fammenfeßung von unvderänderlichen Theilinhalten im Berftande, innerhalb diejes natürlichen metaphyfiſchen Syſtems unübertwind- lich geweſen; aber die erkenntnißtheoretiſche Einfiht und die zwar äußerliche, doch geſetzmäßige Beziehung dieſer pigchilchen Elemente, die von berjchiedener Provenienz find und daher nicht auf einander zurüdgeführt werden können, müſſen und genügen.
Was für Schutt und Trümmer wären nun zu durchiwandern, wollte ich die einzelnen Ausreden des theologiſchen Verftandes gegenüber diejer Antinomie darlegen. Die Methode ift überall dieſelbe. Das Wirken Gottes wird fo nahe und fo vielfeitig ala möglich an die Punkte der Welt gleichſam räumlich herangebradit, an welchen der freie Wille auftritt: e& umfpinnt und umgiebt fie ganz. Ferner werben an diefen Punkten durch Begriffäbeftimmungen das urjächliche Wirken Gottes in den Handlungen der Menſchen und bie freie Wahl einander inhaltlich jo ſehr als es irgend geſchehen kann angenähert. Aber wie eng im Weltzufammenhang das Wirken Gottes die Freiheit ummindet: an jedem Punkte, an dem fie zu= jammentirfend gedacht werden, verbleibt ein Widerfprud. Und wie ſehr dieje alchemiftifche Kunft beftrebt ift, die Eigenichaften der Yreiheit denen der Nothwendigkeit anzunähern und dieje jchließ- ih in jene zu wandeln: fie bleiben jpröde außer einander.
Die erfte dieſer beiden Methoden, die Härte des Widerſpruchs wenigftend herabzumindern, ift im engen Anfchluß an jeine aradad Böſe zur Bildung und Beweglichkeit und das Gute zur Liebe ꝛc.“ Beichreibung ber drei Prinzipien Vorr. $ 14.
360 Zweite Buch. Dritter Abſchnitt.
bilchen Vorgänger von Ibn Rojchd jo zuſammengefaßt worben. Gott Hat die Willenskraft gejchaffen, welche entgegengeſetzte Dinge zu erwerben vermögend ift, aber auch einen Zuſammenhang von Urſachen, durch deren Vermittlung allein der Wille an die äußeren Dinge berandringen kann, welche er erreichen will, und zugleich ift diefer Wille auch innerlich an den Raufalzufammenhang ge- bunden, weil das Seben des Ziels durch das objektive Verhältniß der Auffafjung zu den Gegenftänden bedingt ift!). Derjelben Me— thode bedienen fich neben den arabilchen die jüdiichen Philoſophen; fie teilen den formalen Scharffinn und die finnliche Flachheit diefer Darlegung, werden aber durchgreifender als die Denker bes Islam von dem Freiheitsbewußtſein geleitet 2). So geht der Kufari des berühmten jüdilchen Dichter Jehuda Halevi von dem in Gott gegründeten Syſtem der Urſachen aus; Veränderungen werden in diefem Syſtem entiveder direlt oder durch Mittelurjachen von Gott aus bewirkt, in dieſer Verkettung treten die Wahlhandlungen de3 Menjchen auf, und wo fie erjcheinen, ift der Uebergang aus diefer nothiwendigen Verkettung zur Freiheit. „Die Wahl Hat Gründe, die in einer DVerfettung bis zur erften Urſache zurüd- führen, aber dieje BVerkettung ift ohne Zwang, weil die Seele ih zwilchen einem Entihluß und defien Gegentheil befindet und tun kann, was fie will®).“ Und die chriftlichen Theologen des 2) So im Kuſari S. 414 (überſ. von Caſſel): „Die Natur bed Mög: lichen wird nur von dem hartnädigen Heuchler geleugnet, ber ſpricht, woran er nicht glaubt. Aus feiner Vorbereitung auf bag, wad er hofft oder fürdhtet, kannſt bu erjehen, daß (er glaubt daß) die Sache möglich, aljo die Vorbereitung von Nutzen iſt. Maimonibes, More Nebochim Th. III, 102 (überf. von Scheyer): „Es ift ein Grundia der Geſetze unferes Lehrers Mofes und aller, die ihm anhängen, daß der Menſch volllommene Freiheit babe d. h. daß er vermöge feiner Natur mit freier Wahl und Selbfibe: flimmung Alles thue, was er zu thun vermag, ohne daß hierzu etwas Neues in ihm hervorgebracht wird. Auf gleiche Weife bewegen fich alle Gattungen der unvernünftigen Thiere nach ihrer Willlür. So wollte e3 die Gottheit...Daß diefem Grundſatz von Männern unjerer Nation und unſres Glauben? je widerſprochen wurde, ift nie gehört worden.”
Zweite Audrebe bed theologiichen Verſtandes. 361 Mittelalters haben das Berdienft, in der Kooperation des Wirkens Gottes mit der menfchlichen Freiheit bei jedem Willensakte einen Mechanismus bergeftellt zu Haben, in welchem ein a und ein non a freundnachbarlich nebeneinander ala Springfedern wirken. Die andere Methode, die Schärfe der Antinomie zu mildern, befteht darin, durch Begriffsbeftimmungen die Vorftellung von der Abhängigkeit innerhalb des in Gott gegründeten urfächlichen Syftems der von der Freiheit anzunähern. Bald wird verjucdht die Kau- jalität Gottes in Bezug auf die Handlungen der Menjchen abzu- ſchwächen, bald die Freiheit des Menjchen zu verdünnen und zu verflüchtigen; jolche Begriffsbeftimmungen gehen von der Lehre der Aſcharija bis zu den proteftantiichen Dogmatilern. So fieht man Anſelm den menſchlichen Willen verflüchtigen bis auf den arm- feligen Reft einer Fähigkeit, die ihm von Gott gegebene Richtung feitzubalten *), und in diefem Reſt ift doch eine Grenze des gött- lichen Willen? und die abjolute Macht eines Geſchöpſes enthalten. So führt Thomas die Realität in der menschlichen Handlung auf Gott als Urſache zurück, wogegen er den Defelt in ihr, auf Grund deflen fie böſe ift, dem Gelchöpf zujchreibt *); ala ob der Impuls zum Böfen nicht etwas Pofitives wäre! Und da bie Dinge mit Gott gemäß ihrer Natur zuſammenwirken, die Natur des menjchlichen Willens aber Freiheit ſei, findet er Gottes Willen mit der Freiheit des Menſchen in Einklang’). Anderer Schutt der Arbeit an diefen Widerfprüchen wird fichtbar, wenn Gottes Vorausficht von Anjelm als ein ewige und unmwandelbares Willen au) des Wandelbaren beftimmt wird, und fo der Berftand die 2) Thomas summa theol. p. I quaest. 49 art. 2: eflectus causae secundae deficientis reducitur in causam primam non deficientem, quan- tum ad id, quod habet entitatis et perfectionis, non autem quantum ad id, quod habet de defectu...quicquid est entitatis et actionis in actione mala, reducitur in Deum sicut in causam; sed quod est ibi defectus, non caussatur a Deo, sed ex causa secunda deficiente; womit altpro: teftantifche Dogmatiker übereinſtimmen.
3) Thomas summa theol. p. II, | quaest. 10 art. 4.
362 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt.
Form eines eigenen Vorſtellens in der Zeit zu durchbrechen ftrebt!); oder wenn Andere Gotte® Vorſehung nur auf das All⸗ gemeine bezogen denken wollen und der Verſtand fo den Glaubens⸗ inhalt vernichtet, indem er ihn zu retten bemüht ift.
Der Ausgang ded Ringen mit diejer Klaſſe von Antinomien im Mittelalter war verſchieden bei den Theologen des Islam und denen des Chriftentbums. Während fi} der Islam dem Unter: gang aller individuellen Yreiheit in der göttlichen Macht zuneigt, dem Gott des Despotismus und der flachen Wülte, erhebt fich in der Chriftenheit immer mächtiger da8 Bewußtſein der perjön- lichen Treiheit des Individuums. Es bat feinen Sitz in der Franciscanerſchule, Dund Scotuß bat die erfte gründliche Theorie des Willen? in feinem Verhältniß zum Verſtande geichaffen?), und in Occam tritt der erfenntnißtheoretiiche Gegenſatz zwiſchen unmtittelbarem Willen und dem an der Hand de Sabed vom Grunde fortichreitenden Erkennen auf, die Bedingung für das Verſtändniß ber Freiheit. Non potest probari (libertas volun- tatis) per aliquam rationem. Potest tamen evidenter cog- nosci per experientiam, per hoc, quod homo experitur, quod, quantumcunque ratio dietet aliquid, potest tamen voluntas hoc velle vel nolle °).
Die Antinomien in der Borftellung Gotted nad feinen Eigenichaften.
Eine zweite Klaffe von Antinomien.entjpringt, indem die re ligiöfen Erfahrungen, wie fie der Gottezidee zu Grunde liegen, in Einem Vorſtellungszuſammenhang ausgedrüdt werden. Die Idee Gottes muß in die Ordnung der VBorftellungen eintreten, in welcher auch unjer Selbft und die Welt ihren Pla haben, und doch kann den Anforderungen, welche an diefe Idee dag religiöfe 1) Anjelm de concordia ⁊c., quaest. I.
2) Belonderd in der Darlegung ded Duns Scotud in sent. II dist.
8) Occam quodlibeta septem, I qu. 16.
Zweite Antinomie zwiſchen ber religidfen Erfahrung und dem Borftellen. 363 Leben ftellt, fein Syſtem im Borftellen entworfener Formeln ent: iprechen. Zwiſchen ber Idee Gottes, wie fie in der religidfen Erfahrung gegeben ift, und den Bedingungen des Vor— ſtellens befteht eine innere Heterogeneität, und Diele bringt die Antinomie in der Vorftellung des höchften Weſens hervor. Der Nachweis dieſes Thatbeftandes liegt zunächſt in der Dar- legung der fruchtlojen Verſtandesarbeit, welche feit dem Mittelalter vollbracht worden ift, und wird jpäter durch pigchologiiche Be⸗ trachtung ergänzt werden können.
Das geſammte Mittelalter ringt auch mit diejer zweiten Klaſſe von Antinomien, und eine vergleichende Betrachtung Tann diejelben durch die theologische Metaphyfil des Judenthums, des Ehriften- ihums und bes Islam hindurch verfolgen. — Und zwar findet eine Antinomie ftatt zwiichen der Idee Gottes und ihrer Dar- ftellung in den Formeln des Vorſtellens durh Eigen- Ihaften. Die Theſis wird durch die Ausſagen über Eigen- ſchaften Gottes gebildet, diefe Ausfagen find innerhalb des Vor⸗ ftellena nothivendig, und werden fie aufgehoben, jo wird die Borftellung Gottes jelber mit ihnen aufgehoben. Die Antithefiz befteht in den Sätzen: da in Gott Subjelt und Prädikat nicht gefondert find, Eigenfchaften Gottes aber Prädilate defielben fein würden, jo müſſen Gott Eigenschaften abgejprochen werden; da Gott einfach ift, die Verſchiedenheit der Eigenschaften aber in ihm ein Mehrfaches een würde, fo können auch aus dieſem Grunde von Gott Gigenfchaften nicht außgelagt werden; und da Gott Vollkommenheit ift, jede Eigenjchaft aber ein Begrenztes ausdrücken würde, jo ergiebt fich noch einmal die Unangemefjen- heit der Annahme von Eigenjchaften Gottes). — Eine Reihe 1) Die Thefis wird fo oft ausgeſprochen, daß Belege überflüjfig find, die Antitheſis ging beſonders aus ber neuplatoniichen Schule vermittelft des Areopagiten Dionyfius auf Scotus Erigena und andere ältere mittelalter- liche Schriftfteller über, vgl. Scotuß Erigena de divisione Ic. 15 ff. p. 463 B c. 78 ff. p. 5184. Abälarb theolog. christ. lib. III p. 1241 Bf}. Anfelm Monolog. c. 17 p. 1664. — Die Antinomie wird aus bem älteren Material jehr Har formulirt von Thomas, summa theol. p. I quaest.
364 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt.
anderer Antinomien entiteht durch die Beziehungen, welche inhaltlich wilden den einzelnen Beftandtheilen der Bor- ftellung Gottes auftreten. Unſer Borftellen Gottes in feiner Be- ziehung zur Welt und un jelber ift an die Bedingungen räum- licher und zeitlicher Beziehungen gebunden, unter welchen die Welt und wir felber ftehen, aber die dee Gottes fchließt räumliche und zeitliche Beitimmungen aus. Unſer religiöfes Leben befikt Gott als einen Willen, wir können jedoch einen Willen nur ala Perſon und diefe nur als von anderen Perſonen eingejchräntt vorftellen. Endlich ift die unbedingte Kaufalität Gottes d. h. feine Allmacht, welche auch die Urjache der Uebel in der Welt ift, mit dem fittlichen deal in ihm d. 5. jeiner Güte in Widerſpruch, und fo entipringt dad unauflösbare Problem der Theodicee?). Auch diefe ganze Klaſſe von Antinomien ift, wie die früher behandelten, mit dem religiöfen Vorſtellen zugleich gegeben und wird fchon bei der Arbeit, e8 in Yormeln auszudrüden, em⸗ pfunden ſowie aufzuldjen verſucht. Auguftinug bat mit ber ihm eigenen Energie de Ausdruckes dies Antinomilche der Gottes⸗ vorftellung ausgeſprochen: „groß ohne quantitative Beftimmung, allgegenwärtig ohne einen Ort einzunehmen, Kaufalität der Ver⸗ änderungen ohne Veränderung in fih ꝛc.“).“ Das Bewußtſein diefer Widerjprüche tritt im Islam bei den Mutaziliten in großer Klarheit auf und Hat fie zur Leugnung der Eigenjchaften Gottes geführt). Ja von einem Mitglied diefer Schule, welches freilich