SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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in der Aufhebung von Eigenjchaften in Gott weiter ging als bie anderen, wurde Gott dad Willen abgeſprochen; denn entweder 1) Bol. neben ben nachfolgenden Stellen Abälard sic et non c. 81- 2) Auguftinud de trinitate V c. 1: ut sic intelligamus Deum, si possu- mus, quantum possumus, sine qualitate bonum, sine quantitate magnum, sine indigentia creatorem, sine situ praesidentem, sine habitu omnia continentem, sine loco ubique totum, sine tempore sempiternum, sine ulla sui mutatione mutabilia facientem...3) Schahraftani I, 18: „die Mutazila übertreiben aber bei ber Behaup: tung ber Einheit fo viel, daß fie durch die Beſtreitung der Eigenichaften zur gänzliden Leermachung gelangen.“ Die Theol. d. Judenth., Ehriftenth. u. Islam ringen vergeben? mit ihre. 365 hätte dafielbe Gott zum Gegenftande, wodurch dann in Gott eine Trennung von Wilfendem und Gewußtem, ſonach die Aufhebung feiner vollen vom Islam fo fireng gefaßten Einheit gejebt würde, oder e3 hätte einen Gegenitand außer ihm, und dann märe Gott in Rüdficht diefer feiner Eigenichaft von der Eriftenz dieſes Gegen- flandes außer ihm bedingt). Dann ftellten die Mutaziliten die Dertlichteit Gottes, wie fie dem Vorſtellen unvermeidlich ift, ja überhaupt die dem Vorftellen anbaftenden finnlichen Züge in Grage?). Und die arabiihen Philofophen Ichlofien: jede Vor- ftelung vollzieht fi) in der Unterfcheidung eines Subjeltes, das erfannt werden fol, von Prädikaten, durch welche erkannt werden ſoll; aber ein Unterjchied eine Trägers von Eigenschaften und diefer Eigenichaften felber, einer Subftanz und der Attribute, wie er damit eintreten würde, hebt die Einfachheit Gotted auf?), jo= nach iſt das Weſen Gottes unerkennbar. Mit den Selten des Islam finden wir dann die Hriftliden Theologen des frühen Mittelalters auch in Bezug auf diefe Antinomie in einer merf« würdigen Uebereinſtimmung. Scotuß Erigena und Abälard zeigen die Unmöglichkeit jeder angemeffenen Ausfage über Gott; da eine ſolche aus Begriffen beftehen würde, dieje aber nur zur Bezeich- nung ber relativen und endlichen Dinge gefunden find; da fie unter Kategorien ftehen würde, aber felbft die Kategorie der Sub- flanz Accidenzen von ſich ausfchlieft, aljo Gott begrenzt; da fie aus Begriffen zuſammenſetzen würde, Gott aber einfach ift; da fie 1) So berichtet mit lebhaften Ausdruck der Mißbilligung Schahraftani 2) Vgl. die Auseinanderſetzung des Ibn Roſchd mit den Mutazila hierüber in der „Abhandlung über die Gegend” in ſeiner ſpekulativen Dog: matit, Philofophie und Theologie S. 62 ff. und Schahraftani I 43.

3) Averroes' PHilofophie und Theologie ©. 53f. Die entiprechende Tarlegung Maimunis bei Kaufmann, Geſchichte der Attributenlehre S. 431 ff., nad dieſer kann nur Gottes Exiſtenz erfannt werben, aber nicht feine Eſſenz, da fich der Begriff jedes Gegenftandes aus Gattung und artbilden« dem Unterichied zufammenfeht, diefe aber für Gott nicht eriftiren; ebenjo find Accidenzen von Gott ausgeichlofjen.

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endlich im Zeitwort eine Bewegung einfchließen würde, Gott aber jenſeit des Gegenjaßes von Bewegung und Ruhe ifl ').

Mit diefer Kritik der Eigenichaften Gottes verband fich früh Nachdenken über den Urſprung unferer Begriffe von ihnen, und diejes führte ebenfalls zu negativen Ergebnifien. Einficht in den Ur- Iprung der Beftimmungen über Gott mußte eine Entſcheidung letzter Inſtanz Darüber gewähren, welcher Erfenntnigwerth diefen Be- flimmungen zukomme. Die Theologie der Araber unterjchied relative und negative Attribute Gottes, die jüdilche jonderte mit einer nicht erheblichen Abweichung zuweilen auch jolche der Thätigfeit?), und die chriftliche Theologie ftellte, einer jchon im zweiten Jahrhundert und don da an oft bei den Neuplatonifern auftretenden Unter: ſcheidung folgend?), die „Drei Wege“ neben einander, auf welchen man zu den Eigenjchaften Gottes gelangt: viam eminentiae, causalitatis und remotionis oder, wie diefer dann häufiger ge- nannt wurde, negationist). Die lebtere Unterjcheidung kann ſich gegenüber der Zweitheilung der Methoden, zu der Idee Gottes auf⸗ zufteigen, nicht behaupten; hat doch die Entjchränfung nur ihre andere Seite an der Berneinung, ſonach Tann die via eminen- tiae von der via negationis nicht getrennt werden. Yührt man, fie berichtigend, die Eigenjchaften Gottes auf ſolche zurüd, in welchen die Verneinung dad Endliche an dem religiöjen deal aufhebt, und ſolche, in denen Gott durch jein ſchaffendes Welt⸗ wirken vorftellig gemacht wird: alsdann leitet auch dieſe Unter- ſuchung des Urſprungs der Vorftellungen von Eigenschaften Gottes 2) Die Zweitheilung bei Maimuni Ic. 58 (Munk le guide des &gares I, 245); wogegen Jehuda Halevi eine Dreitheilung antvendet, bie freilich fehr unvollkommen ift, vgl. Kaufmann Attributenlehre S. 141ff. ebenfo Kufari (über. von Caſſel) ©. 80 ff.; der arab. ähnlich die Zweitheilung in Emunah Namah von Abraham ben David (überl. von Weil) S. 65 ff.

3) Freudenthal, helleniſtiſche Studien III, 285 f.

4) Durandus in Lombardi I dist. 3 p. 1 qu. 1: triplex est via investi- gandi Deum ex creaturis: scilicet via eminentiae, quantum ad primum; via causalitatis, quantum ad secundum; via remotionis, quantum ad tertium.

Die Theol. d. Judenth., Chriſtenth. u. Islam ringen vergebens mit ihr. 367 auf die Erfenntniß ihrer Unangemefjenheit. Denn wo ift dann die Grenze im Vorgang der Aufhebung? und wo ift dann das Recht, von dem, was wir an der Welt gewahren, auf die Be- Ihaffenheit ihrer Urſache zu fchließen, da diefe Urſache der Welt ganz beterogen jein Tann?

So endigt die Arbeit des Mittelalters, dad Weſen Gottes durch ſeine Eigenschaften beftimmen zu wollen, mit der gründlichen Einficht in die Unangemeſſenheit diefer Vorftellung über Gott an das reli- giöfe deal. Jede Ausflucht ift auch Hier vergeblich. Die Aufgabe ift unlögbar, den Gehalt des Ideals in uns feftzubalten und doch menjchliche, endliche Yorm und Mannigfaltigkeit aufzu= heben. Spinozas hartes Wort in Bezug auf jeden ſolchen Verſuch, Sintelleft und Wille Gottes feien dem unfrigen nicht ähnlicher, ala das Geſtirn des Hundes dem bellenden Thiere, entwickelt nur Sätze der Theologie des Judenthums. So erklärt Abraham ben David: „Der Wille Gottes iſt von dem unſrigen ſpezifiſch ver⸗ ſchieden; denn unſer Wille gründet fih auf ein Begehren, und dieſes befteht in dem Wunfche, etwas zu bejiken was man nicht Bat. Gott aber bedarf nichts, ſondern alle Dinge bedürfen feiner, und fein Wille ift dem Zwecke nach gerade dag Entgegengefehte “ von dem, wa wir und unter unſerem Willen vorftellen!).“ Und Maimuni gebt biß zu der Frage: „Findet denn zwiſchen unjerem und Gottes Willen eine andere Gleichheit ala die des Namens ftatt 2)?" Wenn in Bezug auf eine weitere Schivierig- feit Kirchenväter und Scholaftifer erklären, die Gigenjchaften in Gott jeien untereinander identilch °), fo ift dieſe Identität des Unterjchiedenen ein hölzernes Eiſen. Wenn Thomas fagt, daß das Mehrfache der Eigenfchaften, durch welche wir Gott erkennen, in der Abjpiegelung Gottes in der Welt jowie in der Auffaſſung vermittelt unſeres Intellektes gegründet fei, und nun 1) Emunah Ramah üb]. von Weil ©. 70.

2) Daimuni, More Nebodim üb]. von Scheyer Bd. III, 130.

3) So ſchon bei Auguftinus de trinitate VI c.7: Deus multipliciter quidem dicitur magnus, bonus, sapiens, beatus, verus: sed eadem magni- tudo ejus est, quae sapientia etc.

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im Zuſammenhang feiner tbeologiichen Metaphyfik die mannig> faltige Vollkommenheit der Kreaturen in dem einfachen Weſen Gottes enthalten gedacht werden fol: dann wird anerfannt, daß jeder Ausdrud mır inadäquat fei, ja der Ergänzung durdh die anderen bedürfe, und doch wird nicht auf Erkenntniß Gottes verzichtet‘). Hebt Thomas tiefblidend hervor, daß der Inhalt der Ausſage nicht abhängig von der Art fei, wie wir audfagen, ſonach durch die Unterfcheidung im Satze fein Unterfchied in Gott gejeßt werde*): fo ergiebt fich Hieraus um fo klarer die Un- möglichkeit, den durch Unterjcheidung aufgefaßten Inhalt einfach vorzuſtellen. So führt keine Diftinktion der mittelalterlichen tbeo- - Iogiihen Metaphyfit über die nur ſymboliſche Bebeutung der Gottesvorftellung hinaus: damit ift aber eine dem Gegenftande entiprechende Erkenntniß der Eigenjchaften Gottes aufgegeben, und alle endlichen relativen Beftimmungen behalten nur den Sinn einer Bilderjchrift für das Meber-Endlide und über alle Re lationen Hinausreichende?).

1) Die widerſpruchsvolle Stellung des Thomas in dieſer Frage tritt am beutlichften hervor in ber summa theol. p. I quaest. 3 und quaest. 13, ſowie in der Schrift contra gentiles I c. 31—36; vgl. befonderd in ber erfteren Schrift quaest. 13 art. 12.

8) Occam quodlibeta septem III quaest. 2: attributa (divina) non sunt nisi quaedam praedicabilia mentalia, vocalia vel scripta, nata sig- nificare et supponere pro Deo, quae possunt naturali ratione investigari et concludi de Deo.

Die Araber. 369 Fünftes Kapitel.

Die Theologie wird mit der Naturerfenninik und der ariſtoteliſchen Wiſſenſchaft vom Kosmos verknüpft.

Die Theologie war von ihrem Urjprung ab mit Be- ftandtheilen der antiken Wiſſenſchaft vom Kosmos verwoben. Sie benußte dieſe Beitandtheile für die Auflöſung ihrer Probleme, gleichviel ob fie aus der platoniſchen, ariftotelifchen oder ſtoiſchen Philojophie ftammten, wie man in die Kirchen jener Tage Mar⸗ mortrümmer fügte, wo man fie fand. Formel, Vertheidigung, Verſuch des Beweiſes und der dialektiichen Behandlung lagen inmerhalb ihre Umfreifes. Sie Hatte ihre Aufklärer, ihre Frei— denfer im Morgen⸗ wie im Abendlande!).

Über in der Kontinuität der Wiſſenſchaft erhielt und ent- widelte fi) die von den Griechen gefchaffene Ertenntniß des Kosmos als die andere von jener Theologie ganz unter= ſchiedene Hälfte des intellektuellen Lebens. Dieje Wiſſenſchaft vom Kosmos, die Schöpfung der Griechen, traf mit der Theologie ftreitend, ergänzend zufammen: fo entftand erſt die metaphyſiſche Meltanficht des Mittelalter. Und zwar hob bei den Arabern die Veränderung an, in welcher das Naturwiſſen fi) langſam durchfämpfte und die in der intellektuellen Entwicklung des Abend⸗ Iandes im Mittelalter am meiften durchgreifend geweſen if. Wir gehen ſonach von den Arabern aus.

Der Gegenſatz des metaphyſiſchen Denkens der Araber wie der Juden zu dem der Klaffilchen Völker ift ihnen felber zum Be⸗ wußtfein gelommen. Die Weberficht der metaphyfiichen und theo- logischen Anfichten des Mienfchengefchlechtes, wie fie Schahraftani verhucht, erwähnt an ihrem Beginn eine unter den Arabern ange- wandte Unterjcheidung, nach welcher die Griechen (nebft den Per⸗ fern) vornehmlich der Beftimmung der äußeren Natur der Dinge 1) Ueber das zerjegenbe Treiben fleptilcher Selten bed Islam Renan Averrods ® S. 103f. Dilthey, Ginleitung. 24 370 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.

und der Beichäftigung mit den körperlichen Objekten ſich widmeten, wogegen die Araber und Juden fi) den geiftigen Dingen unb der inneren Gigenthümlichleit der Objekte zuwenden‘). Und ber Kufari bemerkt dem entiprechend, daß die Griechen dad, was nicht von der fichtbaren Welt aus gefunden werden kann, ver⸗ werfen, wogegen die Propheten in dem, „was fie mit dem gei- . ftigen Auge gejehen haben“, den Ausgangspunkt eines ficheren Wiſſens beſaßen und nichtgriehiiche Philofophen dieje inneren Anfchauungen in den Kreis der Spekulation aufgenommen haben?). Gleichviel wie es fi mit der urjprünglichen oder der ftätigen Richtung diefer verichiedenen Völker verhalte, ſolche Stellen be— zeichnen richtig den Gegenſatz zwiſchen der griechiichen Wifjenfchaft vom Kosmos und der herrichenden Richtung einer theologiſchen Metaphyſik bei den Arabern und Juden, wie fie bis zum Auf- treten der naturwiſſenſchaftlichen Forſchung und dann der ariftote- lüchen Metaphyſik bei den Arabern dauerte, bei den Juden aber das ganze Mittelalter hindurch nicht unterbrochen wurde. Noch klarer ift die, Einfeitigkeit der kosmiſchen Wiſſenſchaft der Griechen im chriftlicden Abendlande allmälig erkannt worden.

So hatte zunächft innerhalb des eben durchlaufenen Zeitraums die Theologie (gewiffermaßen eine Metaphyſik der religiöfen Er⸗ fahrung) das vorberrichende nterefie der Araber, Juden und abendländiichen Völker in Anfpruch genommen. Wol war fie vielfach auf die von den Griechen ausgebildeten Begriffe angewieſen, und die Mutazila jo gut ala Auguftinus oder Scotuß Erigena bedienten fich diefer in einem wetten Umfang; auch wurde dieſe tbeologifche Vorſtellungswelt dizciplinirt durch die antike Logik und Kategorienlehre. Jedoch geftaltete fich der ganze Gedankenkreis während dieſes Zeitraums um den Mittelpunkt der religiöjen Erfahrungen und Vorſtellungen; dieſes centrale Intereſſe zog die Bruchſtücke griechiichen Wiſſens an ſich und ordnete biefelben fich unter. Cine Aenderung in dem intellettuellen Leben des Mittel Die Erneuerung der Naturwiſſenſchaften geht von ben Arabern aus. 371 alter? trat erft ein, ala zunädft die Araber in dem Natur— wilfen dee Griechen und in ihrer kosmiſchen Speku— lation ein zweite? Centrum intelleftueller Arbeit entdedten und um dieſes ſich ein Kreis von Naturerfenntniß zu bilden begann.

Im Orient waren Ariftotele® und einige wichtige mathe- matiiche, aftronomilche und mediciniſche Schriften der Griechen niemals verloren gegangen. Nach dem Untergange der griechijchen Philoſophie waren die Schulen der chriftlichen Syrer Hauptfiße der Kenntniß von griechiicher Sprache, Metaphyſik und Natur- erfenntniß geworden; ſyriſche Uebertragungen griechiſcher Schriften vermittelten die Kenntniß derjelben und wurden vielfach Meberjegungen in dag Arabifche zu Grunde gelegt‘). Und zwar war ber ſyriſche Ariftoteled, wie er zu den Arabern kam, ſchon von dem urjprüng- lihen gar ſehr verjchieden; freilich kann da8 nähere Verhältniß zwijchen dem ſyriſchen Ariftoteleg und den Theorien der arabijchen Philoſophen, wie fie zuerft bei al Kindi und al Farabi auf- traten, nad) dem gegenwärtigen Stand unferer Kenntniß noch nicht zuxeichend feſtgeſtellt werden?). Mit der Berlegung der Nefidenz der Kalifen nach Bagdad, welches in der Mitte zwiſchen den beiden Sitzen des Naturwiſſens, Indien und den Schulen griechiſcher Wiflenichaft, Tag, wurden die Araber Träger diejer Tradition und ihrer Yortbildung. Nicht viel über hundert Jahre waren damals vergangen, jeitdem dieſe arabifchen Bebuinen die Grenzen ihres Landes überfchritten und Paläftinad und Syriens ſich bemächtigt Hatten, und die Geichichte Hat Tein zweites Beiſpiel eines jo wunderbar raſchen Uebergangs aus einem verhältnikmäßig niedrigen geiftigen Zuſtande in den einer raffinirten Givilijation.

Die Kunft ſyriſcher Aerzte, welcher diefe zur Herrichaft über Aſien auffteigenden Beduinen bedurften führte Hippocrates und Galen ein, und Naturwiffen wie Theologie wiefen auf Ariſtoteles; Kultus und Verwaltung machten mathematiiche und aftronomifche Kenntniß nothivendig: eine edle wifjenjchaftliche Neubegier bernäch- 1) Munt Melanges de philosophie juive et arabe p. 313 ff. 2) Nur unbeflimmte Vermuthungen bei Renan Averrods® p. 92 ff.

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tigte fich der Nation. Aus Konftantinopel kam unter al Mamun (813— 833) eine große Anzahl von griechiichen Manuffripten als Geſchenk des Kaijerd; eine von den Kalifen angeorbnete geregelte Thätigfeit der Mebertragung erfüllte da3 neunte Jahrhundert und reichte in das zehnte Hinein; Weberjeßungen von Schriften des Ariftoteles, Hippocrates, Galen, Dioscorides, Euklid, Apollonius Pergäus, Archimedes, Ptolemäus jebten die Araber in die Lage, die naturwifjenfchaftliche Arbeit da wieder aufzunehmen, wo die Griechen fie hatten fallen lafſen.

Die jo entftandene naturwiſſenſchaftliche Bewegung innerhalb des Islam hat die pofitiven Wiſſenſchaften fortgebildet, welche in Alerandrien beftanden hatten, und die Differenzirung der Willen- ſchaft aufrecht erhalten, wie fie damala vollzogen war. Die Be- beutung der Araber für die Entwidlung dieſes pofitiven Natur: willen? kann zwar noch nicht mit aureichender Sicherheit feft- gejtellt werden?), doch ift die Wichtigkeit der Vermittlung feinem Zweifel untertvorfen, die ihnen nach ihrer geographiichen Lage und ihrer Verbreitung über ein fo weites Reich zufiel. So verdantt dag Abendland ihrer Bermittlerrolle das indiſche Pofitionsſyſtem der Ziffern und die Erweiterung der griechiſchen Algebra?).

Und in einer zwiefacden Richtung haben fie ohne Zweifel durch jelbftändige Fortſchritte die Entftehung der modernen Na— turwiſſenſchaft vorbereitet.

Die Araber Haben die alchemiſtiſche Kunft mit anderer Wiſſenſchaft aus Alerandrien empfangen. Wir kennen leider ben Zu- ftand nicht ausreichend, in welchem diejelbe auf fie überging. Diefe Kunft, die auf Metallveredlung gerichtet war, verjelbfländigte das chemifche Experiment, welche® vorher in dem Dienfte bald der Mebicin bald der Technik geftanden Hatte. Sie entzündete fo einen 2) Neber die Hebertragung des ala „indiſch“ ausbrüclich bei den Arabern bezeichneten Syftem® Wöpde Mem. sur la propagation des chiffres in- diens. Journal asiatique 1863 I, 27; über die Möglichkeiten, die Her kunft der Algebra zu beftimmen, Hantel, 3. Geſch. d. Mathematit ©. 259 ff. Gantor, Geſch. d. Mathematit I, 620 ff.

Selbitändige Fortichritte der Araber in den Naturmiflenichaften. 373 mächtigen Eifer für die reale Zerlegung dev Raturobjekte, nachdem jo lange die ibeellen Serlegungen der metaphyſiſchen Methoden die Menjchheit getäufcht Hatten. Sie nährte dieſe Leiden⸗ Ihaft durch die geheimnißvolle auf die Theorie ber Mtetallver- wandlung gegründete Hoffnung, das Präparat darzuftellen, welches unedle Metalle in Silber und endlich in Gold "überzuführen er- mögliche. So entiwidelte fie den Keim einer theoretifchen Anficht, welche nicht wie die ariftoteliiche von den vier Elementen auf An⸗ Ihauung und Spekulation, fondern auf wirkliche Zerfpaltung ge= gründet war, in der Lehre von dem Mercurius und dem Sulphur. Unter diefen Namen verftand man nicht einfach Duedfilber und Schwefel, jondern Subftanzen, deren Verhalten gegenüber bem Experiment, indbejondere der Einwirkung des Feuers, fie ber einen oder der andern diejer beiden Klaſſen einordnete.e Auf diefem Mege entitand erſt das wahre Problem, in den durch chemische Zerlegung dargeftellten Stoffen die Komponenten der Materie zu entdecken. Und wie unvolllommen auch die Ergebnifje diefer erften alchemiftifchen Epoche in theoretiſcher Hinficht waren, fo bereiteten fie doch quantitative Unterfuchungen und eine angemefjene Vor— ftellung über die Konftitution der Materie vor. Yugleich hat diefe alchemiſtiſche Kunſt eine große Anzahl von Präparaten zuerft bergeitellt und auf neue chemilche Manipulationen geführt‘).

Die andere Richtung, in welcher die Araber durch felb- tändigen Fortichritt die Entftehung der modernen Naturerkennt- niß vorbereitet haben, beitand in der GEntwidlung und Be- nußung der Mathematit als eines Werkzeugd zur Darftellung quantitativer Beftimmungen über die Natur. Crfinderifcher Gebrauch meflender Inſtrumente, unermüdliche Verbefferung der Hilfsmittel der griechiichen Gradmeſſung, unterftüßt durch Er- weiterung der SKenntniß der Erde, dann das Zuſammenwirken reich ausgeſtatteter Sternmwarten für die Verbeflerung und Ber- vollftändigung des aftronomischen Materials und dag Zufammen- 1) Nähere Angaben über die praftifchen Kenntniffe der arabifchen Shemifer bei Kopp, Geichichte ber Chemie I, 51ff.

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wirken vieler Forſcher und freigebig zugetheilter Mittel nach großem Plane haben ein Net quantitativer Beftimmungen auf der aleran- brinifchen Grundlage Hergeftellt, welches einer jchöpferiichen natur- wiſſenſchaftlichen Epoche unfchäßbare Dienfte leiſten folltee So ift in die alphonfiniichen Tafeln, welche die gemeinfame Arbeit mau= riſcher, jüdifcher und cHriftlicher Aftronomen im Dienfte des Königs Alphons von SKaftilien (auch das ganz in der Art der Kalifen) bergeftellt Hat, der Ertrag der arabischen Aſtronomie überge- gangen, und dieſe Tafeln waren dann die Grundlage der aftro= nomilchen Studien?).

So trat in bie neue Generation von Pöllern, welche unter einander in Iebendigem Austauſch insbeſondere durch Die Bermittelung der Juden flanden, Kenntniß des naturwiſſenſchaft⸗ Iihen Bermächtniffe der Griechen und jelbftändige Vermehrung dieſes Erbes. Der inneren religiöfen Erfahrung und der Theologie ftellte fi) Naturerkenntniß ala ein zweiter unabhängiger Mittel- punkt intelleftueller Arbeit und Befriedigung gegenüber. In dem Reiche des Islam ging dies Licht auf, verbreitete fich über Spanien, und ſchon früh, wie die Geftalt eines Gerbert zeigt, fielen feine Strahlen aud) in das chriftliche Abendland.

Doch war diefe Naturertenntniß der Araber jo wenig als die der Alerandriner im Stande, den vorhandenen bejfriptiven und teleologifhen Zujammenhang des Wiſſens vom Kosmos durch einen, wenn auch noch jo un— vollkommenen Verſuch der Kaufalerflärung zu erjegen. — Der vorberrichende Betrieb der formalen und ber deifriptiven Wiſffenſchaften und die Macht einer Metaphyfit der pſychiſchen 1) Näheres über bie Leiftungen ber Araber in ber Mathematik bei Hankel, 3. Geſchichte der Mathematik S. 222-298; über ihre Leiftungen in ber mathemat. Geographie Reinaud Geographie d’Aboulfeda, t. I intro- duction; über ihre Leiftungen in ber Aftronomie Gebdillot Materiaux p. 8. & Phistoire comparde des sciences mathematiques chez les Grecs et les Orientaux, wozu in Bezug auf die von Sebillot behauptete Anti⸗ eipation ber tychonifchen Entdeckung der Bariation de Mondlaufs durch Abul Wefa die Einwendungen Biot’3 zu berüdfichtigen find.

Auch fie gelangen noch nicht zu Kauſalerkläärung ber Natur. 375 Kräfte und ſubſtantialen Yormen find von und als Torrelate geſchichtliche Thatſachen erkammt worden‘). Die formalen Wiflen- ſchaften der Mathematik und Logik, deſkriptive Aftronomie und die Erdkunde, welche in die Grenzen der deffriptiven Wiſſen⸗ Schaft eingefchloffen if: dies waren die Erkenntniſſe, welche bei den Arabern einen hohen Grad von Ausbildung erlangten und den Mittelpunkt der höheren intelleftuellen Intereſſen bildeten. Der nächfte äußere Zufammenhang dieſer Wiſſenſchaften beitand in dem Gejammtbilde dea Kosmos, welches ſchon Gratofthenes, Hipparch und Ptolemäus angeftrebt hatten. Daher ift die ench- klopädiſche Richtung der alerandriniichen Wiſſenſchaft in dem Willen des Mittelalter naturgemäß in noch böberem Grabe fichtbar. Sie zeigt fich in der Encyklopädie der lauteren Brüder wie in den abenbländifchen Arbeiten eine Beba, Iſidor, ja eines Albertus Magnus, in Berbindung mit metaphyfiicher und theo⸗ Iogiicher Begründung. — Dagegen waren auch in der arabifchen Naturerkenntniß Wiffenichaften wie Mechanik, Optik, Mluftik, welche einen Kreis zujammengeböriger Theilinhalte der Naturerfahrung abgefondert behandeln und daher eine Ableitung der zuſammen⸗ gelegten Gleichförmigfeiten des Naturganzen ermöglichen, noch nicht fo weit entwidelt, um den Verſuch einer Kaufalerflärung ber Naturerjcheinungen aus Naturgejeen zu geftatten. Ja die Aus» ficht auf kauſale Naturerklärung, welche die Atome Demokrit's einft innerhalb eines engen Umkreiſes befannter Naturthatjachen, bei Amvendung einer willlürlichen Methode?), darzubieten fchienen, mußte mit der wachjenden Erfenntniß ber Verwicklung des Natur⸗ gewebes zunächft mehr zurüdtreten; wir finden daher bei den Arabern ein Extrem von atomiftifcher Naturanſchauung im Dienfte der orthodoren Mutalalimın. Die Grundwiſſenſchaft jeder er- Märenden Naturerkenniniß, die Mechanik, machte bei den Arabern feine Fortſchritte. Die Ideen über die Bewegung, den Druck 2) Bol. den Gegenſatz ber Methoden zwiſchen biefen Aelteren und Plato S. 225 ff.

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und die Schtwere ıc. waren jo wenig alö bei den Alerandrinern ausreichend, die metaphufiichen Filtionen der pigchiichen Weſen⸗ beiten und fubftantialen Formen zu erſetzen. Die Yortichritte in der Optik über Btolemäus hinaus, wie fie dad uns erhaltene Wert des al Hazen zeigt, hatten zumächſt feine Wirkung auf das Ganze der Raturanfiht. Die Leiftungen der Ehemie geftatteten noch nicht, die Materie in ihre wirklichen Beftandtbeile aufzulöfen und deren Verhalten feftzuftellen, und jo ift wol bei Jbn Roſchd eine Neigung bemerkbar, die ariftoteliiche Lehre von der Materie der bed Anaxagoras anzunähern, aber diejelbe kann noch nicht durch eine auf wirkliches Naturwiſſen begründete erjebt werden. In der arabiſch⸗mauriſchen Aftronomie treten DBedenten in Bezug auf die Tomplicirte epicukliicde Hypotheſe des Ptolemäuß hervor?), doch bat noch Fein Verſuch Erfolg, fie durch eine angemefienere zu erſetzen. Endlich waren die organiichen Formen, welche im Kommen und Gehen der Individuen auf der Erde unwandelbar ſich zu erhalten jcheinen, weder durch die Paläontologie in ihrem vorübergehenden Charakter erlannt noch einer Kaufalbetradhtung unterworfen worden, jondern immer noch waren fie mır durch eine teleologijche Betrachtung dem Verftändniß zugänglich).

So machte die Lage der Naturwiſſenſchaften in der ganzen Zeit von ihrem Auftreten bei den Arabern bis zu dem Grlöfchen der wiſſenſchaftlichen Kultur dieſes Volkes die metapbufiichen Bor ftellungen von pigchiichen Urſachen und deren Aeußerungen in den Formen des Naturganzen noch nicht für die Erflärung der Natur entbehrlich.

Und zwar entſprach die befondere Geftalt, welche dieſe teleo- logiſche Metaphyſik der pſychiſchen Urfachen in dem Syſtem und der Schule des Ariftoteles erhalten hatte, andauernd der Lage der Naturerfenntnig. — Die Araber haben bei den ſyriſchen Ehriften die peripatetiiche Schule in Blüthe vorgefunden. Es ift nutzlos zu 1) Schon Gabir ben Ablah ftellt fich freier zu den Hypotheſen des Ptoles mäud; der don den Lateinern ald Alpetragiud bezeichnete Aftronom be= tämpit dann die Epichklentheorie ded Ptolemäus (Delambre Histoire de l’astronomie du moyen dge p. 171 ff.), und ebenfo Ibn Roſchd.

Lem entipricht die Herrichaft ber ariftoteliichen Metaphyfil. 377 fragen, ob diefer Äußere Umftand über das Studium bes Ariftoteles bei ihnen entichied?), in der Stufe ihres Naturwiſſens lagen die pofitiven Urſachen, welche ihnen das Syſtem des Ariftoteled ala die angemefjenfte Form der Wiffenichaft vom Kosmos erfcheinen ließen. Wol war die pofitive Naturwiſſenſchaft ber Alerandriner und Araber nicht überall in Uebereinftimmung mit dem Syſtem des Ariſtoteles. Wol floß ferner bei den Arabern bie Ueberlieferung der mathematiſchen Naturtoiffenichaft keineswegs überall mit der Entwidlung ihrer peripatetiichen Schule zujammen;; Thurot bat die Yortdauer der relativen Sonderung der pofitiven Naturwiſſenſchaft von der Metaphyfil, wie fie das Ergebniß der Entwidlung der antiken Wiſſenſchaft gewefen ift, an einem her⸗ borragenden alle nachgewieſen; das hydroſtatiſche Theorem, welches von ſeinem Entdecker den Namen Prinzip des Archimedes führt, iſt ſowol in der weiteren griechiſchen als in der arabiſchen Geſchichte der Wiſſenſchaft den Mathematikern bekannt und bleibt in ihrer Tradition erhalten, dagegen iſt es den Metaphyſikern nicht bekannt?). Doch taftete auch die pofitive Wiſſenſchaft noch nicht die Metaphyfit des Ariftoteles in ihrem Kern an, vielmehr beftand zwilchen den großen Zügen des Naturwiſſens und denen ber ariftoteliichen Metaphyſik Mebereinftimmung. Noch hatte da Fernrohr nicht Veränderungen auf den andern Himmelskörpern gezeigt, noch beftand fein Anfang einer allgemeinen Phyſik des Meltgebäudes, und jo erhielt fich die ariftoteliiche Lehre von einer doppelten Welt: der volllommenen und unmwandelbaren Ordnung der Geſtirne und dem Wechſel des Entftehens und Vergehens unter dem Monde. Daher wurde die Gedanfenmäßigfeit des Kosmos nicht durch eine pantheiftiich vorgeftellte Weltvernunft audgedrüdt, vielmehr blieb die Welt der Geftime der Sit einer bewußten Intelligenz, welche von Hier außftrahlte und in einer niederen Welt fich kundthat. Ja die theologiſche Metaphyfik, für 1) Ueber dieſe Frage Renan Averro&s® p. 98. 2) Thurot in ber revue archeologique n. 3. XIX, I11ff. (recherches bistoriques sur le principe d’Archimäde).

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welche diefer Gegenfab im Kosmos Symbol eine in der inneren Erfahrung gegebenen Gegenſatzes war, gab diefem Schema eine gewaltigere Macht, ala e8 in der alten Welt befiten konnte. Und der Zufammenhang, welcher von der Geftirnwelt zu ber ver⸗ änbderlichen Erde, ihrer Pflanzendede und ihren Bewohnern reicht, nahm in fi) ala ihm völlig entiprechend bie deſtriptive Wiſſen⸗ Ihaft des Kosmos auf.

So ging neben der Aneignung des Naturwiſſens der Griechen die Uebertragung des Ariftoteles ber. Diejelbe begann unter al Mamun, und während de neunten und zehnten Jahrhunderts wurden die Ueberſetzungen des Ariftoteles beftändig vervollftändigt. Auf diefer Grundlage, in Wechſelwirkung mit dem Tebendigen Raturftudium, erhielt die arabiiche Philoſophie in Ibn Sina und Ibn Roſchd ihre vollendete Geftalt: ala eine felbftändige Fortſetzung der peripatetiichen Schule.

Während die Araber fo vom neunten Jahrhundert ab Natur⸗ ertenntniß wie ariftotelifche Wiſſenſchaft neben der Xheologie pflegten, hat im hriftliden Abendlande, wo fih Allee m breiteren Mafjen entwidelte, die Theologie lange beinahe auß- ſchließlich gehe rrſcht. Encyklopädien überlieferten todte Notizen über die Natur. Gerbert bringt im zehnten Jahrhundert aus Spanien etwas von dem Licht des arabiichen Naturwiſſens, dann kehrt Con⸗ ftantinus Africanus von feinen Orientreilen mit mediciniſchen Schrif- ten zurüd, Adelard von Bath, gewinnt ebenfalld von den Arabern naturwiffſenſchaftliche Kenntniß; aldann folgen einander dichter Uebertragungen von Ariftoteles, feinen Kommentatoren und arabi⸗ ſchen Phyfilern ’). Aber nur Spärlich Lichtet fich die Finſterniß, die über dem Naturwiſſen liegt. Das intelleltuelle Leben des Abendlandes pulfirte Hi3 zum Ende des zwölften Jahrhunderts in der Theologie und ber ihr verbundenen metaphufilchen Betrach- tung der menschlichen Geſchichte und Gejellichaft. Auch änderte es hieran nicht?, daß man die Logik des Ariftoteled ala ein mächtiges 1) Das Nähere bei Jourbdain neben den recherches in jeiner philo- sophie de Saint Thomas I, 40 ff.

Uebertragung ber Naturwiflenichaft auf dad Abendland. 379