SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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indem diefe Unterjcheidung von immanenten Schranfen des Erfahren? einerfeit3, von Grenzen der Unterordnung von That⸗ fachen unter den Zuſammenhang der Naturerkenntniß andrerjeits in die Darlegung des berühmten Naturforſchers eingeführt wird, empfangen die Begriffe von Grenze und Unerklärbarkeit einen genau definixbaren Einn, und damit ſchwinden Schwierigkeiten, welche in dem von diefer Schrift hervorgerufenen Streit über bie Grenzen der Naturerfenntniß fich jehr bemerkbar gemacht haben. Die Eriftenz immanenter Schranken des Erfahren? entjcheidet in feiner Weile über die Frage nach der Unterordnung von geiftigen Thatfachen unter den Zuſammenhang der Erkenntniß der Materie., Wird, wie von Hädel und anderen Forſchern geichieht, ein Ver⸗ fuch vorgelegt, durch die Annahme eines pigchiichen Lebens in den Beftandtheilen, aus denen der Organismus fich aufbaut, eine folche Einordnung der geiftigen Thatſachen unter den Natur: zuſammenhang herzuftellen, dann befteht zwiſchen einem ſolchen Verſuch und der Erkenntniß der immanenten Schranten alles Er⸗ fahrens jchlechterdinga fein Verhältniß von Ausfchließung; über ihn entjcheidet nur die zweite Art von Unterſuchung der Grenzen des Naturerfennend. Daber ift auch Du Bois⸗R. zu dieſer zweiten Unterſuchung fortgegangen, und hat fich in feiner Beweis⸗ führung fowol des Argument von der Einheit des Bewußtſeins ala des anderen von der Spontaneität des Willens bedient. Sein Beweis, „daß die geiftigen Vorgänge aus ihren materiellen Be⸗ dingungen nie zu begreifen find“?), wird folgendermaßen geführt.

1) Er beginnt: über die Grenzen, Aufl. 4, ©. 8.

16 Erſtes einleitendes Buch.

Bei vollendeter Kenntni aller Theile des materiellen Syſtems, ihrer gegenleitigen Lage und ihrer Bewegung bleibt es doch durch⸗ aus unbegreiflich, wie einer Anzahl von Koblenftoffe, Waflerftoffe, Stickſtoff⸗, Sauerjtoff-Atomen nicht follte gleichgiltig jein, wie fie liegen und ſich bewegen. Dieje Unerklärbarkeit des Geiftigen bleibt ganz ebenſo beftehen,- wenn man dieje Elemente nach Art der Monaden ſchon einzeln mit Bewußtjein ausftattet, und von dieler Annahme aus kann das einheitliche Bewußtſein des Individuums nicht erflärt werden‘). Schon fein zu beweilender Sab enthält in dem „nie zu begreifen” einen Doppelfinn, und dieſer hat im Beweis jelber ein Hervortreten zweier Argumente von ganz ver⸗ fchiedener Tragweite neben einander zur Folge. Er behauptet ein- mal, daß der Verſuch, aus materiellen Veränderungen geiftige Thatſachen abzuleiten (der gegenwärtig ala roher Materialismus verichollen tft, und nur noch in der Weile der Aufnahme pſychi⸗ cher Eigenfchaften in die Elemente gemacht wird), die immanente 1) a. a. O. 29. 30. vgl. Räthſel 7. Dieſe Argumentation ift Übrigens nur jchlußträftig, wenn ber atomiftifchen Mechanik fozufagen metaphufifche Giltigteit beigelegt wird. Zu ihrer von Du Bois⸗R. berührten Gejchichte fann auch die Formulirung bei dem Claffiker der rationalen Pfychologie, Mendelsſohn, verglichen werben. 3. B. Schriften (Leipzig 1880) I, 277: 1) „Allee was der menfchliche Sörper vom DMarmorblod Verſchiedenes Hat, Läßt fi) auf Bewegung zurädführen. Nun iſt bie Bewegung nicht? Anderes, als die Veränderung bed Ort? oder der Lage. Es leuchtet in bie Augen, daß durch alle möglichen Ortöveränderungen in ber Welt, fie mögen noch fo zufammengefeßt fein, kein Wahrnehmen dieſer Ortöveränderungen zu er: balten jei.” 2) „Alle Materie befteht aus mehreren Theilen. Wenn bie ein: zelnen Borftellungen jo in den Theilen der Seele ifolirt wären wie bie Gegenftände in ber Natur, jo wäre das Ganze nirgends anzutreffen. Wir würden die Eindrüde verichiedener Sinne nicht vergleichen, die Borftellungen nicht gegeneinanderhalten, feine Verhältniffe wahrnehmen, keine Beziehungen erfennen Lönnen. Hieraus ift Har, dab nicht nur zum Denken, ſondern . zum Empfinden Vieles in Einem zufammentommen muß. Da aber bie Materie niemals ein einziges Subjelt wird u. |. w.“ Sant entwidelt diefen „Achilles aller bialektiichen Schlüffe der reinen Seelenlehre" als zweiten Paralogismus der trangfcendentalen Piychologie. Bei Lobe wurden dieſe „Ihaten bed beziehenden Willens“ ala „nicht zu überwältigender Grund, auf welchem bie Heberzeugung von der Selbftändigleit eines Seelen: weſens ficher beruhen kann“, in mehreren Schriften (zuletzt Metaphyfik 476) ent: wickelt und bilden bie Grundlage dieſes Theils feines metaphyſiſchen Syſtems.

Verhältniß diejes Ganzen zu dem ber Naturwifjenichaften. 17 Schranke alle Erfahrens nicht aufzuheben vermag: was ficher ift, aber nichts gegen bie Unterordnung des Geiftes unter das Natur⸗ erkennen entjcheidet. Und er behauptet alsdann, daß diefer Verfuch an dem Widerjpruch jcheitern muß, welcher zwiſchen unjerer Vor⸗ jtelung der Materie und der Eigenfchaft ber Einheit, die uns ſerem Bewußtfein zulommt, befteht. In feiner fpäteren Polemik gegen Hädel fügt er diefem Argument da8 andere hinzu, daß unter folder Annahme ein weiterer Widerfpruch zwiſchen der Art, wie ein materieller Beitandtheil im Naturzufammenhang mechaniſch bedingt ift, und dem Erlebniß der Spontaneität des Willens entfteht; ein „Wille“ (in den Beitandtheilen der Materie), der „wollen fol, er mag wollen oder nicht und das im geraden Verhältniß des Produktes der Maflen und im umgekehrten des Quadrates der Entfernungen“ ift eine contradictio in adjecto?).

IH. Das Verhältniß diefes Ganzen zu dem der Ualurwiſſenſchaften.

Jedoch in einem weiten Umfang faſſen die Geiſteswiſſen⸗ ſchaften Naturthatſachen in ſich, haben Naturerkenntniß zur Grundlage. | Dächte man fich rein geiftige Welen in einem aus folchen allein beftehenden Perjonenreih, jo würde ihr Hervortreten, ihre Erhaltung und Entwidlung, wie ihr Verſchwinden (melche Borftellungen man auch von dem Hintergrund fich bilde, aus welchen fie hervorträten und in den fie wieder zurüdtreten wür⸗ den), an Bedingungen geiftiger Art gebunden jein; ihr Wohlfein wäre in ihrer Lage zur geiftigen Welt gegründet; ihre Verbindung untereinander, ihre Handlungen aufeinander würden ſich durch zein geiftige Mittel vollziehen umd die dauernden Wirkungen ihrer Handlungen würden rein geiftiger Art jein; jelbit ihr Zurück⸗ 18 Erſtes einleitendes Bud).

treten aus dem Reich der Perjonen würde in dem Geiftigen feinen Grund Haben. Dad Syftem folder Individuen würde in reinen Geifteswiffenichaften erfannt werden. In Wirklichkeit entjteht ein Individuum, wird erhalten und entwidelt fih auf Grund der Funktionen de thieriichen Organismus und ihrer Beziehungen zu dem umgebenden Naturlauf; jein Lebenzgefühl iſt wenigſtens theiltweile in biefen Funktionen gegründet; jeine Eindrüde find von ben Sinnedorganen und ihren Affektionen jeitena der Außen welt bedingt; den Reichtum und die Beweglichkeit feiner Vor⸗ ftellungen und die Stärke ſowie die Richtung feiner Willendafte finden wir vielfach von Veränderungen in feinem Nervenſyſtem abhängig. Sein Willensantrieb bringt Muskelfaſern zur Ver— kürzung und fo ilt fein Wirken nad) außen an Veränderungen in den Lageverhältniffen der Maffentheilhen des Organismus ge- bunden; dauernde Erfolge feiner Willenshandlungen erijtiren nur in der Yorm von Beränderungen innerhalb der materiellen Welt. So iſt das geiftige Leben eines Menjchen ein nur durch Abitraf- tion loslösbarer Theil der pſycho⸗phyſiſchen Lebengeinheit, ala welche ein Menjchendajein und Menfchenleben fich darſtellt. Das Eyftem diejer Lebendeinheiten ift die Wirklichkeit, welche den Gegen- Stand der geichichtlich-gefellichaftlichen Wiſſenſchaften ausmacht. Und zwar ift der Menſch ala Lebenseinheit, vermöge des doppelten Standpunftes unjerer Auffaffung (gleichviel welcher der metaphyſiſche Thatbeſtand jet), jo weit innered Gewahrwerden reicht, al ein Zuſammenhang geiftiger Thatjachen, jo weit wir dagegen mit den Einnen auffallen, ala ein körperliches Ganze für und da. Innere Gewahrwerden und äußere Auffaffung finden niemal3 in demjelben Akte ftatt und daher ift und die Thatſache des geijtigen Lebens nie mit der unſeres Körper? zugleich gegeben. Hieraus ergeben fich mit Nothivendigkeit zwei verjchiedene, nicht in einander aufhebbare Standpunkte für die wiflenjchaftliche Auffaffung, welche die geiftigen Thatjachen und die Körperwelt in ihrem Zus ſammenhang, deſſen Ausdrud die piycho-phufiiche Lebenseinheit ift, erfaflen will. Gehe ich von der inneren Erfahrung aus, jo finde ich die gefammte Außenwelt in meinem Betwußtfein gegeben, Die piycho-phufiiche Lebenseinheit. 19 die Geſetze dieſes Naturganzen unter den Bedingungen meines Bemußtjeind ftehend und ſonach von ihnen abhängig, Dies ift der Standpunkt, welchen die deutjche Philojophie an der Grenze des achtzehnten und unſeres Jahrhundert? als Tranzfcendental- Philofophie bezeichnete. Nehme ich dagegen den Naturzufammenhang, jo wie er ala Realität vor mir in meinem natürlichen Auffaffen fteht, und gewahre in die zeitliche Abfolge diefer Außenwelt ſowie in ihre räumliche Vertheilung pfychiſche Thatjachen mit eingeordnet, finde ich von bem Eingriff, welchen die Natur felber oder das Grperiment macht und welcher in materiellen Veränderungen be- fteht, warn diefe an da8 Nervenſyſtem herandringen, Veränderungen des geiftigen Lebens abhängig, erweitert Beobachtung der Lebens⸗ entwidlung und der Erankhaften Zuftände diefe Erfahrungen zu dem umfafjenden Bilde der Bedingtheit des Geiftigen durch dag Körperliche: dann entjteht die Auffaffung des Naturforjchers, welcher von außen nad) innen, von der materiellen Veränderung zur geiftigen Veränderung vorandringt. So ift der Antagonismus zwilchen dem Philoſophen und dem Naturforfcher durch den Gegenſatz ihrer Ausgangspunkte bedingt.

Wir nehmen nun unjeren Ausgangspunkt in der Betrady- tungsweiſe der Naturiviffenichaft. Sofern dieje Betrachtungsweiſe fi ihrer Grenzen bewußt bleibt, find ihre Ergebniſſe unbeftreitbar. Sie empfangen nur von dem Standpunkt der inneren Erfahrung aus die nähere Beitimmung ihres Erkenntnißwerthes. Die Natur- wiflenfchaft zergliedert den urſächlichen Zufammenhang des Natur- laufe. Wo diefe Zergliederung die Punkte erreicht hat, an welchen ein materieller Thatbeftand oder eine materielle Veränderung regel- mäßig mit einem pſychiſchen Thatbeitand ober einer piychiichen Deränderung verbunden ift, ohne daß zwilchen ihnen ein weiteres Zwiſchenglied auffindbar wäre: da kann eben nur dieſe regelmäßige Beziehung felber feftgeftellt werden, da8 Verhältniß von Urfache und Wirkung kann aber auf diefe Beziehung nicht angewandt werden. Wir finden Gleichförmigfeiten des einen Lebenskreiſes regelmäßig mit folcden des anderen verknüpft und der mathematiſche Begriff der Yunktion ift der Ausdruck dieſes Verhältnifiee. Eine Auffafiung 20 Erſtes einleitendes Buch.

befielben, vermöge deren der Ablauf der geiftigen neben dem der förperlichen Veränderungen mit dem Gange von zwei gleichgeftellten Uhren vergleichbar wäre, iſt mit der Erfahrung jo gut im Einklang als eine Auffaffung, welche nur Ein Uhrwerk als Erklärungsgrund annimmt, unbildlich, welche beide Erfahrungskreiſe ala verſchiedene Ericheinungen Eines Grundes betrachtet. Abhängigkeit des Geiftigen vom Naturzufammenbang ift alſo das Verhältniß, welchem gemäß der allgemeine Naturzufammenhang diejenigen materiellen That⸗ beftände und Veränderungen urjächlich bedingt, welche für ung regelmäßig und ohne eine weitere erkennbare Vermittlung mit geiftigen Thatbeftänden und Veränderungen verbunden find. So fieht da8 Naturerkennen die Verkettung der Urſachen bis zu bem pigcho=phyfiichen Leben Hin wirken: bier entſteht eine Veränderung, an welcher die Beziehung des Materiellen und Phyſiſchen fich ber urſächlichen Auffaffung entzieht, und dieje Veränderung ruft rüd- wärt? in der materiellen Welt eine Veränderung hervor. In dieſem Zufammenbang jchließt fi) dem Experiment des Phnfiologen die Bedeutung der Struktur des Nervenſyſtems auf. Die verwirrenden Erſcheinungen des Lebens werden in eine Hare Vorftellung der Ab: bängigteiten zerlegt, in beren Berfolg der Naturlauf Veränderungen bi3 an den Menſchen heran führt, dieje alsdann durch die Pforten der Sinnesorgane in das Nerveniyftem dringen, Empfindung, Vor⸗ jtellen, Gefühl, Begehren entitehen und auf den Naturlauf zurüdwirken. Die Lebendeinheit jelbit, welche mit dem unmittelbaren Ge- fühl unjered ungetheilten Daſeins und erfüllt, wird in ein Syſtem von Beziehungen aufgelöft, die zwilchen den Thatfachen unferes Bes mwußtjeind und der Struktur jowie den Funktionen des Nerven- ſyſtems empirisch feftgeitellt werden können: denn jede pſychiſche Aktion zeigt fi” nur vermittelft des Nervenſyſtems mit einer Deränderung innerhalb unjered Körperd verbunden, und eine ſolche iſt ihrerfeit3 nur vermittelft ihrer Wirkung auf das Nerven- iyftem von einem Wechſel unferer piychiichen Zuftände begleitet.

- Aus diefer Zergliederung der pſycho⸗phyfiſchen Lebenzeinheiten entipringt nun eine deutlichere Vorftellung der Abhängigkeit der- jelben von dem ganzen Zuſammenhang der Natur, innerhalb deſſen Die Zerlegung berjelben. 21 fie auftreten, wirken und aus dem fie wieder zurücktreten, und jomit auch des Studiums der gefellfchaftlich-gefchichtlichen Wirklich- feit von der Naturerkenntniß. Hiernach kann ber Grad von Be- rechtigung feftgeftellt werden, der den Theorien von Gomte und Herbert Spencer über die Stellung diefer Wiſſenſchaften in der von ihnen aufgeftellten Hierarchie der Geſammtwiſſenſchaft zu⸗ fommt. Wie diefe Schrift Die relative Gelbftändigfeit der Geiſteswiſſenſchaften zu begründen verjuchen wird, jo hat fie als die andere Seite der Stellung derjelben im wifjenfchaftlichen Gejammtganzen dad Syſtem von Abhängigkeiten zu entwideln, vermöge defjen fie durch die Naturerlenntniß bedingt find, und fonad in dem Aufbau, welcher in der mathematifchen Grund» legung anhebt, das lebte und höchſte Glied bilden. Thatjachen des Geiftes find die oberfte Grenze der Thatjachen der Natur, bie Thatſachen der Natur bilden die unteren Bedingungen des geiftigen Lebend. Eben weil das Reich der Perjonen oder die menjchliche Geſellſchaft und Gefchichte die höchſte unter den Ericheinungen ber irdiſchen Erfahrungswelt ift, bedarf feine Erfenntniß an unzähligen Punkten die des Syſtems von Vorausſetzungen, welche für feine Entwidlung in dem Naturganzen gelegen find.

Und zwar ift der Menſch, gemäß jeiner jo bargelegten Stellung im caufalen Zufammenhang der Natur, von diejer in einer zwiefachen Beziehung bedingt.

Die pfycho⸗phyſiſche Einheit, jo ſahen wir, empfängt, vermittelt durch das Nervenſyſtem, beftändig Einwirkungen aus dem all» gemeinen Naturlauf und fie wirft wieder auf ihn zurüd. Nun liegt e8 aber in ihrer Natur, daB die Wirkungen, welche von ihr ausgehen, vornehmlich ala ein Handeln auftreten, welches von Zwecken geleitet wird. Für dieſe piycho-phyfiiche Einheit kann alfo einerjeit3 der Naturlauf und feine Bejchaffenheit in Bezug auf die Geftaltung der Zwecke jelber Teitend fein, andrerſeits ift ex für diejelbe ala ein Syitem von Mitteln zur Erreichung dieſer Zwecke mitbeftimmend. Und fo find wir felbft da, wo wir wollen, wo wir auf die Natur wirken, eben weil wir nicht blinde Kräfte find, fondern Willen, welche ihre Zwecke überlegend feitftellen, 22 Erfted einleitendes Bud).

von dem Naturzufammenhang abhängig. Demnach befinden fich die pſycho⸗phyſiſchen Einheiten in einer doppelten Abhängigkeit dem Naturlauf gegenüber. Dieſer bedingt einerjeit3 von der Stellung der Erde im kosſsmiſchen Ganzen ab als ein Shftem von Urjachen die aejellfchaftlich-gefchichtliche Wirklichkeit, und dag große Problem des DVerhältnifies von Naturzufammenhang und Freiheit in dieſer Mirklichkeit zerlegt fich für den empirischen Forſcher in unzählige Einzelfragen, welche das Verhältniß zwiſchen Xhatjachen des Geiſtes und Einwirkungen der Natur betreffen. Andrerſeits aber entſpringen aus den Zwecken dieſes Perſonenreiches Rück⸗ wirkungen auf die Natur, auf die Erde, welche der Menſch in dieſem Sinne als ſein Wohnhaus betrachtet, in dem ſich ein⸗ zurichten er thätig iſt, und auch dieſe Rückwirkungen find an die Benutzung des naturgeſetzlichen Zuſammenhanges gebunden. Alle Zwecke liegen dem Menſchen ausſchließlich innerhalb des geiſtigen Vorgangs ſelber, da ja nur in dieſem etwas für ihn da iſt; aber der Zweck ſucht ſeine Mittel in dem Zuſammenhang der Natur. Wie unſcheinbar iſt oft die Veränderung, welche die ſchöpferiſche Macht des Geiſtes in der Außenwelt hervorgebracht hat: und doch ruht in dieſer allein die Vermittlung, durch welche der jo geichaffene Werth auch für Andere da if. So find die wenigen Blätter, welche, als ein materieller Rüdftand tieffter Gedanken⸗ arbeit der Alten in der Richtung der Annahme einer Bervegung der Erde, in die Hand des Copernikus kamen, der Ausgangspunkt einer Revolution in unfrer Weltanficht getvorden.

An diefem Punkte kann eingejehen werden, wie relativ bie Abgrenzung dieler beiden Claſſen von Wiflenichaften von einander ° if. Streitigkeiten, wie fie über die Stellung der allgemeinen Sprachwiſſenſchaft geführt wurden, find unfruchtbar. An ben beiden Uebergangaftellen, weldje von dem Studium der Natur zu dem des Geiftigen führen, an den Punkten, an welchen ber Naturzufammenhang auf die Entwidlung des Geiftigen einwirkt, und an den anderen Punkten, an welchen derjelbe von dem Geiftigen Einwirkung empfängt oder auch die Durchgangäftelle für die Einwirkung auf anderes Geiftige bildet, vermiſchen fich Auf fie gegründete Beſtimmung bed Verhältnifiee. 95 überall Erfenntniffe beider Claſſen. Erkenntniſſe der Naturwiſſen⸗ ſchaften vermiſchen ſich mit denen der Geifteswiffenichaften. Und zwar verwebt ſich in diefem Zujammenhang, gemäß der zivie- fachen Beziehung, in welcher der Naturlauf das geiftige Leben bedingt, die Erlenntniß der bildenden Einwirkung der Natur Häufig mit der Feſtſtellung des Einflufjes, welchen dieſelbe ala Material des Handelns ausübt. So wird aus der Erkenntniß der Natur- gejeße der Tonbildung ein wichtiger Theil der Grammatik und der mufilalifchen Theorie ‚abgeleitet, und wiederum ift das Genie der Spradhe oder Muſik an diefe Naturgeſetze gebunden, und das Studium feiner Leiftungen ift daher bedingt durch dag Verſtändniß diefer Abhängigfeit.

Es kann an diefem Punkte weiter eingefehen werden, daß die Erkenntniß der Bedingungen, welche in der Natur liegen und von der Naturwiſſenſchaft entwickelt werden, in einem breiten Umfang die Grundlage für dad Studium der geiftigen Thatjachen bilden. Wie die Enwicklung bes einzelnen Menfchen, jo ift auch die Aus- breitung des Menſchengeſchlechts über das Erdganze und die Ge- ftaltung feiner Schickſale in der Geſchichte durch den ganzen kosmiſchen Bufammenhang bedingt. Kriege bilden 3.8. einen Hauptbeftandtheil aller Geſchichte, da diefe als politiiche e8 mit dem Willen von Staaten zu thun bat, diefer aber in Waffen auftritt und ſich durch diejelben durchjett. Die Theorie des Kriegs hängt aber in erfter Linie von der Erkenntniß des Phyfiſchen ab, welches für die ftreitenden Willen Unterlage und Mittel darbietet. Denn mit den Mitteln der phyfiſchen Gewalt verfolgt der Krieg den Zweck, dem Feinde unjeren Willen aufzuzwingen. Died jchließt in fi), daß ber Gegner auf der Linie bis zur MWehrlofigkeit, welche das theoretische Biel de ala Krieg bezeichneten Altes der Gewalt bildet, zu dem Punkte bingezwungen werde, an welchem jeine Lage nach⸗ theiliger ift ald da Opfer, das von ihm gefordert wird, und nur mit einer nachtheiligeren vertaufcht werden kann. In diejer großen Rechnung find alſo die für die Wiſſenſchaft wichtigften, fie zumeift befchäftigenden Zahlen die phufiichen Bedingungen und Mittel, während über die piychiichen Yaltoren jehr wenig zu jagen iſt.

24 Erſtes einleitenbed Buch.

Und zwar haben die Wiffenjchaften des Menſchen, der Gejellfchaft und der Gejchichte einmal die der Natur zu ihrer Grundlage, fofern die pſycho⸗phyſiſchen Einheiten jelber nur mit Hilfe der Biologie ftudirt werden können, al3dann aber, jofern das Mittel, in dem ihre Entwidlung und ihre Zweckthätigkeit ftattfindet, auf deſſen Beherr- ſchung alfo dieſe letztere fich zu einem großen Theile bezieht, die Natur ift. In der erfteren Rüdficht bilden die Wiſſenſchaften des Organis⸗ mus ihre Grundlage, in der zweiten vorwiegend bie der anorganijchen Natur. Und zwar befteht der jo aufzuflärende Zuſammenhang ein- mal darin, daß diefe Naturbedingungen Entwidlung und Bertheilung des geiftigen Lebens auf der Erdoberfläche beftimmen, aldbann darin, daß die Zweckthätigkeit des Menſchen an die Geſetze der Natur gebunden und jo durch ihre Erkenntniß und Benutzung bedingt ift. Daher zeigt das erftere Verhältniß nur Abhängigkeit des Menſchen von der Natur, das zweite aber enthält diefe Abhängig- keit nur als die andere Seite der Gejchichte feiner zunehmenden Herrichaft über das Erdganze. Derjenige Theil des erfteren Verhält- niſſes, welcher die Beziehungen des Menschen zu ber umgebenden Natur einjchließt, ift von Ritter einer vergleichenden Methode untertuorfen worden. Glänzende Blicke, wie beſonders feine vergleichende Schäßung der Erdtheile nach der Gliederung ihrer Umriſſe, ließen eine in den Raumverhältnifien des Erdganzen feftgelegte Prädeftination der Univerjalgefhichte ahnen. Die folgenden Arbeiten haben biefe bei Ritter ala Teleologie der Univerjalgejchichte gedachte, von einem Budle in den Dienft des Naturalismus gezogene Anfchauung doch nicht beftätigt: an die Stelle der Vorftellung einer gleichmäßigen Abhängigkeit de Menſchen von den Naturbedingungen tritt die borjichtigere Vorſtellung, daß das Ringen der geijtigefittlichen Kräfte mit den Bedingungen ber todten Räumlichkeit bei den ge- Ihichtlichen Bölfern, im Gegenfaß zu den geichichtzlofen, das Verhältniß von Abhängigkeit beftändig vermindert hat. Und fo hat auch bier eine jelbftändige, die Naturbedingungen zur Er- Härung benußende Wiſſenſchaft der gejchichtlich - gejellichaftlichen Wirklichkeit fich) behauptet. Das andere Verhältniß aber zeigt mit der Abhängigkeit, welche durch die Anpaffung arı die Bedingungen Abhängigkeit und Herrichaft des Menichen. 25 gegeben ift, die Bewältigung der Räumlichkeit durch den wiſſen⸗ ſchaftlichen Gedanken und die Technit jo verbunden, daß die Menſchheit in ihrer Gelchichte eben vermittelft der Unterordnung die Herrjchaft erringt. Natura enim non nisi parendo vincitur!).

Das Problem des Verhältnifies der Geiſteswiſſenſchaften zu der Naturerfenntniß kann jedoch erſt als gelöft gelten, wenn jener Gegenſatz, von dem wir auögingen, zwiſchen dem trand- fcendentalen Standpuntt, für welchen die Natur unter den Bes dingungen des Bewußtſeins fieht, und bem objektiv empirilchen Standpunft, für welchen die Entiwidlung des Geiftigen unter den Bedingungen ded Raturganzen fteht, aufgelöft fein wird. Diele Aufgabe bildet eine Seite des Erkenntnißproblems. Iſolirt man dies Problem für die Geiſteswifſenſchaften, fo ericheint eine für Alle überzeugende Auflöfung nicht unmöglid. Die Bedingungen derjelben würden fein: Nachweis der objeltiven Realität ber inneren Erfahrung; Vewahrheitung der Eriftenz einer Außenwelt; aladann find in diefer Außenwelt geiftige Thatſachen und geiftige Mejen Eraft eine Vorgangs don Mebertragung unferes Inneren in diefelbe da; wie das geblendete Auge, das in die Sonne geblict Hat, ihr Bild in den verfchiedenften Farben, an den verfchiedenften Stellen im Raume wiederholt: jo vervielfältigt unfre Auffaffung das Bild unfred Innenleben? und verjebt es in mannigfachen Abwandlungen an verichiedene Stellen ded una um⸗ gebenden Naturganzen; diejer Vorgang läßt fi) aber logiſch ala ein Analogieſchluß von dieſem originaliter und allen un mittelbar gegebenen Innenleben, vermittelt der Vorftellungen von den mit ihm verfetteten Aeußerungen, auf ein verwandten Er- Icheinungen der Außenwelt ent|prechend Verwandtes, zu Grunde Liegendes darftellen und rechtfertigen. Was immer die Natur an fh felber fein mag, dad Studium der Urſachen des Geiftigen kann fi) daran genligen laflen, daß jebenfalla ihre Erſcheinungen ala Zeichen des Wirklichen, daß die Gleichförmigfeiten in ihrem Zu⸗ fammenfein und ihrer Folge ala ein Zeichen folder Gleichförmig- 1) Baconis aphorismi de interpretatione naturae et regno hominis. Aph. 3.

26 Erſtes einleitendes Bud.

feiten in dem Wirklichen aufgefaßt und benußt werden können. Tritt man aber in die Welt des Geiſtes und unterjucht die Natur, jofern fie Inhalt des Geiftes, jofern fie ala Zweck oder Mittel in den Willen eingewoben ift: für den Geift ift fie eben, was fie in ihm ift, und was fie an fich fein mag, ift hier ganz gleich» gültig. Genug daß er jo, wie fie ihm gegeben ift, auf ihre Geſetz⸗ mäßigfeit in feinen Handlungen vechnen und den ſchönen Schein ihres Daſeins genießen kann.

IV. Die Ueberſichten über die Geifteswiſſenſchaften.

63 muß verjucht werden, dem, welcher in da8 vorliegende Merk über die Geifteamifienichaften eintritt, einen vorläufigen Ueberblid über den Umfang diefer anderen Hälfte des globus intellectualis zu geben, und vermittelft defielben die Aufgabe des Werkes zu beftimmen.

Die Wiſſenſchaften des Geiftes find noch nicht ala ein Ganzes conftituirt; noch vermögen fie nicht einen Zuſammenhang aufzu= ftellen, in welchem die einzelnen Wahrheiten nad) ihren Abhängig- feitöverhältnifien von anderen Wahrheiten und von der Erfahrung geordnet wären.

Diefe Wiſſenſchaften find in der Praris des Lebens jelber er- wachjen, durch die Anforderungen der Berufsbildung entwidelt und die Syſtematik der dieſer Berufsbildung dienenden Fakultäten ift daher die naturgetwachlene Form des Zuſammenhangs derfelben. Wurden doch ihre erjten Begriffe und Regeln zumeift in der Aus⸗ übung der gejellfchaftlichen Funktionen jelber gefunden. Ihering bat nachgetviejen, wie juriſtiſches Denken durch eine im Rechts⸗ leben jelber ſich vollbringende bewußte geiftige Arbeit die Grund⸗ begriffe des römilchen Recht? geichaffen Hat. So zeigt auch die Analyſe der älteren griechiichen Verfaflungen in ihnen die Nieder- Ichläge einer bewundernwürdigen Kraft bewußten politischen Die Enchklopädien ber Berufawifienichaften. 97 Denken? auf Grund Harer Begriffe und Sätze. Der Grundgedanke, welchen gemäß die reiheit des Individuums in feinem Antheil an der politiichen Gewalt gelegen ift, diefer Antheil aber gemäß der Leiftung des Individuums für dad Ganze durch die ftaatliche Ordnung geregelt wird, ift zuerft für die politiiche Kunſt jelber leitend gewejen, danach von den großen Theoretikern der ſokratiſchen Schule nur in wiſſenſchaftlichem Zuſammenhang entwidelt wor⸗ den. Der Yortgang zu umfaflenden wiflenjchaftlichen Theorien lehnte fich dann vorwiegend an das Bedürfniß einer Berufßbildung der leitenden Stände an. So entiprangen ſchon in Griechenland aus den Aufgaben eines höheren politiichen Unterricht? in dem Zeit⸗ alter der Sophiften Rhetorik und Politik, und die Gejchichte der meiften Geiſteswiſſenſchaften bei den neueren Völkern zeigt den berrichenden Einfluß defjelben Grundverhältniſſes. Die Literatur der Römer über ihr Gemeinwejen empfing ihre ältefte Gliederung dadurch, daß fie in Inſtruktionen für die Priefterthümer und die einzelnen Magiftrate fich entwidelte!), Daher ift ſchließlich Die Syſtematik derjenigen Willenjchaften des Geiftes, welche die Grund lage der Berufäbildung ber leitenden Organe der Gejellichaft ent= alten, ſowie die Darftellung diejer Syſtematik in Enchflopädien au dem Bedürfnif der Ueberficht über da3 für ſolche Vorbildung Erforderliche hervorgegangen, und bie natürlichſte Form dieſer Enchtlopädien wird, wie Schleiermacher meifterhaft an der Theo⸗ logie gezeigt bat, immer die fein, welche mit Bewußtſein von diejem Zwecke aus den Zuſammenhang gliedert. Unter diejen ein= ſchränkenden Bedingungen wird der in die Geiſteswiſſenſchaften Eintretende in jolchen enchflopädifchen Werten einen Ueberblick über einzelne hervorragende Gruppen diefer Wiſſenſchaften finden 2).

1) Mommien, röm. Staatsrecht I, 3 ff.

2) Für den Zweck einer fo bedingten MWeberficht über einzelne Gebiete der Beifteswifienichaften kann auf folgende Encyflopädien verwieſen werben: Mohl, Encyklopäbdie der Staatswiffenichaften, Tübingen 1859. Zweite ums gearbeitete Aufl. 1872 (dritte 1881 Titelaufl.). Vergl. dazu Meberficht und Beurtbeilung anderer Encyklopäbdien in feiner Geſchichte und Literatur der Staatöwifjenichaften Bd. I, 111—164. Warnkönig, juriftifche Enchklopädie oder organilche Tarftellung ber Rechtswiſſenſchaft. 1853. Schleiermadher, TEE ih RESET u 28 Erſtes einleitended Buch.