Verſuche, ſolche Leiftungen überjchreitend, die Geſammt⸗ gliederung der Wiſſenſchaften zu entdecken, welche die geſchichtlich⸗ gejellichaftliche Wirklichkeit zum Gegenftande haben, find von der Philoſophie ausgegangen. Sofern fie von metaphyſiſchen Prinzipien ber dieſen Zufammenhang abzuleiten verfuchten, find fie dem Schickſal aller Metaphyfik anheimgefallen. Einer beſſeren Methode bediente fi) ſchon Bacon, indem er mit dem Problem einer Er⸗ fenntniß der Wirklichkeit durch Erfahrung die vorhandenen Wiflen- Ichaften des Geiftes in Beziehung fette und ihre Leiftungen wie ihre Mängel an der Aufgabe maß. Comeniuß beabfichtigte in feiner Panfophia aus dem Verhältniß der inneren Abhängigkeit der Mahrheiten von einander die Stufenfolge, in welcher fie im Unter« richt auftreten müfjen, abzuleiten, und wie er jo im Gegenjak gegen den faljchen Begriff der formalen Bildung den Grundgedanken eined Tünftigen Unterrichtsweſens (das leider auch heute noch Zu⸗ kunft ift) entdeckte, hat er durch das Prinzip der Abhängigkeit der Wahrheiten von einander eine angemefjene Gliederung der Wiſſen⸗ ſchaften vorbereitet. Indem Comte die Beziehung zwiſchen diefem Iogiichen Berhältniß von Abhängigkeit, in welchem Wahrheiten zu einander ftehen, und bem gejchichtlichen Verhältniß der Abfolge, in welchem fie auftreten, der Unterfuchung untertwarf: ſchuf er bie Grundlage für eine wahre Philofophie der Willenfchaften. Die Con⸗ ftitution der Wiſſenſchaften der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklich" feit betrachtete er ala das Biel feiner großen Arbeit und in der That brachte fein Werk eine ftarfe Bewegung in diefer Richtung hervor; MIN, Littrs, Herbert Spencer Haben das Problem des Zufammen- hang der gejchichtlich-gejellichaftlichen Wiſſenſchaften aufgenommen!).
furze Darftellung des theologifchen Stubiumd. Zuerft Berlin 1810. Zweite umgearbeitete Audg. 1830. Bödh, Encyklopädie und Methodologie der philo- logifchen Wiffenichaften, herausgegeben von Bratuſchek. 1877.
1) Eine Meberficht ber Probleme ber Geiftesiwifienichaften nach dem inneren Zufammenbang, in welchem fie methodiich zu einander ftehen, und in welchem folgerecht ihre Auflöjung herbeigeführt werden kann, findet man entworfen in: Auguste Comte, Cours de philosophie positive 1830— 1842, vom vierten bis jechiten Bande. Seine fpäteren Werke, welche einen - veränderten Stanbpuntt enthalten, können einem foldyen Zweck nicht dienen.
Bliederungen nach dem Verhältniß der Abhängigkeit der Wahrheiten. 29 Diefe Arbeiten gewähren dem in die Geiſteswiſſenſchaften Eintre= tenden eine ganz andere Art von Meberblid als die Syſtematik der Berufäftudien. Sie ftellen die Geiftestiflenjchaften in den Zufammenhang der Erlenntniß, fie faſſen das Problem der⸗ ſelben in ſeinem ganzen Umfang, und nehmen die Löſung in einer die ganze geſchichtlich-geſellſchaftliche Wirklichkeit umfaſſen⸗ den wiſſenſchaftlichen Conſtruktion in Angriff. Jedoch, erfüllt von der unter den Engländern und Franzoſen heute herrſchenden ver⸗ wegenen wiſſenſchaftlichen Bauluſt, ohne das intime Gefühl der geſchichtlichen Wirklichkeit, welches nur aus einer vieljährigen Be⸗ ſchäftigung mit derſelben in Einzelforſchung ſich bildet, haben dieſe Poſitiviſten gerade denjenigen Ausgangspunkt für ihre Arbeiten nicht gefunden, welcher ihrem Prinzip der Verknüpfung der Einzel⸗ wiſſenſchaften entſprochen hätte. Sie hätten ihre Arbeit damit be— ginnen müſſen, die Architektonik des ungeheuren, durch) Anfügung beftändig erweiterten, von innen immer wieder veränderten, durch Jahrtauſende allmälig entftandenen Gebäudes der pofitiven Geiftez- wiflenfchaften zu ergründen, durch Vertiefung in den Baupları fich verftändlich zu machen, und jo der Bieljeitigfeit, in welcher dieje Wiſſenſchaften fich thatlächlich entwickelt haben, mit gefunden Blic für die Vernunft der Gefchichte gerecht zu werden. Sie haben Der bedeutendfle Gegenentwurf be3 Syſtems ber Wiflenfchaften ift von Herbert Spencer. Dem erften Angriff auf Gomte in Spencer, Essays, first series, 1858 folgte die genauere Tarlegung in: the classification of the sciences, 1864 (vergl. die Bertheidigung Comte's in Littre, Auguste Comte et la philosophie positive), Die ausgeführte Darftellung der Gliederung der Geifteswifjenichaften giebt nunmehr fein Syftem der ſynthetiſchen Phi- lofophie, von welchem die Prinzipien der Piychologie zuerft 1855 erichienen, bie der Sociologie ſeit 1876 hervortreten (mit Beziehung auf das Werk: De- scriptive Sociology), ber abfchließende Theil, bie Prinzipien der Ethik (von welchem er jelber erklärt, daß er ihn „für denjenigen halte, für welchen alle vorhergehenden nur die Grunblage bilden ſollen“) in einem erften Bande 1879 die „Thatſachen der Ethik“ behandelt. Neben dieſem Verſuch einer Gonftitution der Theorie der gefellichaftlich-gefchichtlichen Wirklichkeit ift noch der von John Stuart Mil bemerkenswerth; er ift enthalten im jechften Buch der Logik, das von der Logik der Beifteswiflenichaften oder ber moraliichen Wiflenichaften handelt, und in ber Schrift: Mill, Auguste Comte and Positivism. 1865..
30 Erftes einleitendes Buch.
einen Nothbau errichtet, der nicht haltbarer ift, als die verwegenen Speculationen eine® Schelling und Dfen über die Natur. Und fo ift es gefommen, daß die aus einem metaphyſiſchen Prinzip ent= widelten Geiftesphilojophien Deutſchlands, von Hegel, Schleiermacher und dem fpäteren Schelling, den Erwerb der pofitiven Geiftes- wiſſenſchaften mit tieferem Blick verwerthen, als die Arbeiten diejer pofitiven Philoſophen ed thun.
Andere Verſuche einer umfafjenden Gliederung auf dem Gebiet ber Geifteswiflenichaften find in Deutjchland von der Ver⸗ tiefung in die Aufgaben der Staatäwiflenichaften außgegangen, wodurch Freilich eine Einfeitigfeit des Geſichtspunktes bedingt iſt ).
Die Geifteswiflenjchaften bilden nicht ein Ganzes von einer logiſchen Conftitution, welche der Gliederung des Naturerkennens analog wäre; ihr Zuſammenhang hat ſich anderd entwidelt und muß wie er geſchichtlich gewachſen ift nunmehr betrachtet werden.
V. Ihr Material.
Das Material diefer Wiſſenſchaften bildet die geichichtlich-ge- ſellſchaftliche Wirklichkeit, jo weit fie ala gejchichtliche Kunde im Bewußtſein der Menfchheit fich erhalten bat, als gefellichaftliche, über den gegenwärtigen Zuſtand fich erſtreckende Kunde der Wiſſenſchaft zugänglich gemacht worden if. So unermeßlich dieſes Material iſt, ſo iſt doch ſeine Unvollkommenheit augen⸗ 1) Den Ausgangspunkt bildeten die Discuſſionen über den Begriff ber Geſellſchaft und die Aufgabe ber Geſellſchaftswifſenſchaften, in denen eine Ergänzung der Staatswiſſenſchaften gefucht wurde. Den Anftoß gaben 8. Stein, Der Socialismus und Communismus des heutigen Frankreich, zweite Aufl. 1848, und R. Mohl, Tüb. Beitichr. für Staatsw. 1851. Fortgeführt in feiner Geichichte und Literatur der Stantäwifjenichaften 3b. I, 1855 ©. 67 ff.: Die Staatswiflenichaften und die Geſellſchafts⸗ wiſſenſchaften. Wir heben zwei Verſuche der Gliederung als beſonders bemerkenswerth hervor: Stein, Syſtem ber Staatäwifjenichaft, 1852, und Schäffle, Bau und Leben des focialen Körpers, 1875 ff.
Natur des Materiald der Geifteswiflenichaften. 31 ſcheinlich. Intereſſen, welche dem Bedürfniß der Wiſſenſchaft keineswegs entſprechen, Bedingungen der Ueberlieferung, welche in keiner Beziehung zu dieſem Bedürfniß ſtehen, haben den Beſtand unſerer geſchichtlichen Kunde beſtimmt. Von der Zeit ab, in welcher, um das Lagerfeuer verſammelt, Stammes⸗ und Kriegs-⸗ genofſſen von den Thaten ihrer Helden und dem göttlichen Ur- fprung ihres Stammes erzählten, hat das ftarke Interefie der Mitlebenden aus dem dunklen Yluffe des gewöhnlichen mentchlichen Leben? Thatjachen emporgehoben und bewahrt. Das Intereſſe einer fpäteren Zeit und geichichtliche Yügung haben darüber ent- ſchieden, was von biefen Thatſachen auf uns gelangen follte. Geſchichtſchreibung, ala eine freie Kunft der Darftellung, faßt einen einzelnen Theil diefeg unermeßlichen Ganzen zujammen, der des Sinterefied unter irgend "einem Geſichtspunkt werth erjcheint. Dazu kommt: die heutige Geſellſchaft lebt fozufagen auf den Schichten und Trümmern der Vergangenheit; die Niederjchläge der Rulturarbeit in Sprache und Aberglaube, in Sitte und Recht, wie andererjeit3 in materiellen Veränderungen, die über Auf- zeichnungen hinausgehen, enthalten eine Ueberlieferung, welche in unſchätzbarer Weile die Aufzeichnungen unterftüßt. Auch über ihre Erhaltung hat doch die Hand der geichichtlichen Fügung entichieden. Nur an zwei Punkten befteht ein den Anforderungen der Wiſſen⸗ ſchaft entiprechender Zuftand des Materiald. Der Verlauf der geiftigen Bewegungen in dem neueren Europa ift in den Schriften, welche feine Beſtandtheile find, mit einer zureichenden Bollftändig- feit erhalten. Und die Arbeiten der Statiſtik geftatten für den engen Zeitraum und den engen Bezirk von Ländern, innerhalb deren fie zur Anwendung gelommen find, einen zahlenmäßig feft- geftellten Einblid in die von ihnen umfaßten Thatjachen der Ge⸗ jellichaft: fie ermöglichen, der Kunde des gegenwärtigen Zuftandes der Gejellichaft eine exakte Grundlage zu geben.
Die Unanfchaulichleit in dem Zuſammenhang dieſes uner- meßlichen Materiald kommt zu diefer Lückenhaftigkeit, ja hat nicht wenig dazu beigetragen, die leßtere zu fteigern. Als der menſch⸗ liche Geift die Wirklichkeit feinen Gedanken zu unteriverfen begann, 32 | Erſtes einleitendes Bud).
wandte er fich zuerft, von Staunen angezogen, dem Himmel ent- gegen; dieje Wölbung über ung, die auf dem Rund des Horizontes zu ruhen ſcheint, beichäftigte ihn: ein in fi) verbundene räum⸗ lideg, den Menjchen ſtets und überall umgebende Ganze; fo war die Orientirung im Weltgebäude der Ausgangspunkt wiſſen⸗ Ichaftlicher Forſchung, in den öftlichen Ländern wie in Europe. Der Kosmos der geiftigen Thatfachen ift nicht dem Auge in feiner Unermeßlichkeit fichtbar, fondern nur dem fammelnden Geifte des Forſchers; in irgend einem einzelnen Theile tritt ex hervor, wo ein Gelehrter Thatſachen verbindet, und prüft und feitftellt: im inneren des Gemüthes baut er ſich dann auf. Eine kritiſche Sichtung der Ueberlieferungen, Feftitellung der Thatjachen, Samm- lung derjelben bildet daher eine erfte umfaflende Arbeit der Geiftes- wiſſenſchaften. Nachdem die Philologie eine muftergiltige Technik an dem fchwierigften und Ichönften Stoff der Gefchichte, dem claf- fiſchen Altertum, herausgebildet hat, wird diefe Arbeit theils in unzähligen @inzelforichungen geleiftet, theils bildet fie einen Beitandtheil von weiter reichenden Unterſuchungen. Der Zus ſammenhang diefer reinen Deſcription der gejchichtlich-gejellichaft- Iihen Wirklichkeit, wie er auf dem Grunde der Phyſik der Erde, angelehnt an die Geographie, die Vertheilung des Geiftigen und feiner Unterjchiede auf dem Erdganzen in Beit und Raum zu beichreiben zum Ziel bat, kann feine Anfchaulichkeit immer mur durch Zurückführung auf Mare räumliche Maße, Zahlenverhältniffe, Beitbeftimmungen, durch die Hilfsmittel graphiſcher Darftellung empfangen. Bloße Sammlung und Sichtung bed Materials geht bier in eine gedanfenmäßige Bearbeitung und Gliederung deflelben allmälig über.
VI. Drei Claſſen von Ausſagen in ihnen. Die Geifteswifienichaften, wie fie find und wirken, Traft der Vernunft der Sache, die in ihrer Gejchichte thätig war (nicht wie die kühnen Architekten, die fie neu bauen wollen, wünſchen), ver Drei Elafien von Ausfagen in den Geifteswiflenichaften. 33 fnüpfen in fich drei unterjchiedene Claſſen von Auslagen. Die einen von ihnen Äprechen ein Wirkliches aus, da8 in der Wahr: nehmung gegeben ift; fie enthalten den hiſtoriſchen Beftandtheil der Erkenntniß. Die anderen entwickeln da3 gleichfürmige Ver- halten von Theilinhalten diefer Wirklichkeit, welche durch Abftraf- tion ausgefondert find: fie bilden den theoretiſchen Beftandtheil derſelben. Die lebten drüden Werthurtheile aus und fchreiben Regeln vor: in ihnen ift der praftiiche Beitandtheil der Geiftes- wiſſenſchaften befaßt. Thatſachen, Theoreme, MWerthurtheile und Regeln: aus diejen drei Claſſen von Sätzen beitehen die Geiftez- wiflenfchaften. Und die Beziehung zwiſchen der Hiftorifchen Richtung in der Auffaflung, der abftraft=theoretifchen und der praftiichen geht ala ein gemeinfames Grundverhältnig durch die Geiſteswiſſen⸗ Ichaften. Die Auffafjung des Singularen, Individualen bildet in ihnen (da fie die beftändige Widerlegung des Satzes von Spinoza: omnis determinatio est negatio find) jo gut einen letzten Zweck ala die Entwidlung abftratter Gleichförmigkeiten. Bon der erften Wurzel im Bewußtſein bis zur höchſten Spibe ift der Zufammenbang ber Werthurtheile und Imperative unabhängig von dem der zivei erſten Claſſen. Die Beziehung diefer drei Aufgaben zu einander im denkenden Bewußtjein kann erft im Derlauf der erfenntniß- theoretijchen Analyfis (umfafjender: der Gelbftbefinnung) ent— wicelt werden. Jedenfalls bleiben Ausſagen über Wirklichkeit bon MWerthurtheilen und Imperativen auch in der Wurzel gefondert: jo entftehen zwei Arten von Süßen, die primär verjchieden find. Und zugleich muß anerkannt werden, daß diefe Verſchiedenheit innerhalb der Geiſteswiſſenſchaften einen doppelten Zufammenhang in denfelben zur Folge hat. Wie fie gewachſen find enthalten die Geiſteswiſſen⸗ Ichaften neben der Erfenntniß deffen was ift das Bewußtſein des Zu⸗ fammenhangd der Werthurtheile und Imperative, als in welchem Merthe, Sdeale, Regeln, die Richtung auf Geftaltung der Zukunft verbunden find. Gin politifches Urtheil, das eine Inſtitution verwirft, ift nicht wahr oder falfch, fondern richtig oder un— richtig, injofern feine Richtung, fein Ziel abgeſchätzt wird; wahr oder falih Tann dagegen ein politiiches Urtheil Iein, welches Dilthey, Einleitung.
34 Erſtes einleitendes Vuch.
die Beziehungen dieſer Inſtitution zu anderen Inſtitutionen erörtert. Erſt indem dieſe Einſicht für die Theorie von Satz, Ausſage, Urtheil leitend wird, entſteht eine erkenntniß-theoretiſche Grundlage, die den Thatbeſtand der Geiſteswiſſenſchaften nicht in die Enge einer Erkenntniß von Gleichförmigkeiten nad) Analogie der Naturwiſſen— ſchaft zufammendrängt und folchergeftalt verftümmelt, jondern wie fie gewachſen find, begreift und begründet.
vu.
Ansfonderung der Einzelwiflenfhaften ans der gefhidtlid: gefellfhaftlihen Wirklichkeit.
Die Zwecke der Geiftegwiflenjchaften, das Singulare, In⸗ dividuale der geichichtlichegejellichaftlichen Wirklichkeit zu erfaflen, die in feiner Geftaltung wirkſamen Gleichförmigkeiten zu erkennen, Ziele und Regeln feiner Fortgeftaltung feftzuftellen, können nur vermittelft der Kunftgriffe des Denkens, vermittelt der Analyſis und der Abitraktion erreicht werden. Der abitrafte Ausdrud, in welchem von beftimmten Seiten des Thatbeitandes abgejehen wird, andere aber entwicelt werden, ift nicht das ausſchließliche letzte Biel diefer Wiflenichaften, aber ihr unentbehrliches Hilfsmittel. Wie da abftrahirende Erkennen nicht die Selbftäntigfeit der anderen Zwede diejer Wiflenichaften in ſich auflöfen darf: fo kann weder die gejchichtliche, die theoretilche Erkenntniß noch die Ent- widlung der die Geſellſchaft thatfächlich leitenden Regeln dieſes abftrahirenden Erfennend entrathen. Der Streit zwiſchen ber biftoriichen und der abftraften Echule entftand, indem die ab- ftrafte Schule den erften, die Hiftoriiche den anderen Fehler be- ging. Jede Einzelwiſſenſchaft entfteht nur durch den Kunftariff der Herauglöfung eines Theilinhalte® aus der geichichtlich-gefell- Ihaftlihen Wirklichkeit. Selbft die Gefchichte fieht von den Zügen im Leben der einzelnen Menjchen und der Gefellichaft, welche in der von ihr darzuftellenden Epoche denen aller anderen Epochen Ausſonderung ber Einzelwifjenichaften. 35 gleich find, ab; ihr Blick ift auf dad Unterfcheidende und Singulare gerichtet. Hierliber kann fich der einzelne Gejchichtichreiber täufchen, da aus einer foldden Richtung des Blickes ſchon die Auswahl der Züge in feinen Quellen entipringt; aber mer die wirkliche Leiftung defjelben mit dem ganzen Thatbeftand der gejellichaftlich- gejchichtlichen Wirklichkeit vergleicht, muB es anerkennen. Hieraus ergiebt fi} der wichtige Sat, daß jede einzelne Wiſſenſchaft des Geiſtes nur relativ, in ihrer Beziehung zu den anderen Willen- ſchaften des Geiftes mit Bewußtſein erfaßt, die gejellichaftlich- geichichtliche Wirklichkeit erkennt. Die Gliederung dieſer Wiflen- ichaften, ihr gefundes Wachsthum in ihrer Bejonderung ift ſonach an die Einficht in die Beziehung jeder ihrer Wahrheiten auf das Ganze ber Wirklichkeit, in der fie enthalten find, fowie an das ftete Bewußtſein der Abftraktion, vermöge deren diefe Wahrheiten ba find, und bes begrängten Erkenntnißwerthes, der ihnen gemäß ihrem abitratten Charakter zukommt, gebunden. | Nun Tann vorgeftellt werden, welche die fundamentalen Zer⸗ legungen find, vermöge deren die einzelnen Wiſſenſchaften bes Geiftes ihren ungeheuren Gegenftand zu bewältigen verjucht haben.
VIII.
Wiſſenſchaften der Einzelmenſchen als der Elemente dieſer Wirklichkeit.
Die Analyfi3 findet in den Lebenseinheiten, den piycho- phyfiſchen Andividuis die Elemente, aus welchen Gejelliehaft und Geſchichte fih aufbauen, und das Studium dieſer Lebenzeinheiten bildet die am meiften fundamentale Gruppe von Wiffenschaften des Geiſtes. Den Naturwiſſenſchaften ift der Sinnenſchein von Körpern verjchiedener Größe, die fih im Raume beivegen, fich ausdehnen und erweitern, zujammenziehen und verringern, in welchen Veränderungen der Beichaffenheiten vorgehen, ald Ausgangs⸗ punkt ihrer Unterfuchungen gegeben. Sie haben fi nur langjam 3* 36 Erſtes einleitendes Bud).
richtigeren Anfichten über die Conftitution der Mlaterie genäbert. In diefem Punkte befteht ein viel günftigered Verhältniß zwiſchen der geſchichtlich-geſellſchaftlichen Wirklichkeit und der Intelligenz. Diefer ift in ihr jelber die Einheit unmittelbar gegeben, welche da3 Element in dem vielverwidelten Gebilde der Gejellichaft ift, während daflelbe in den Naturwiflenichaften erjchloffen werden muß. Die Subjecte, an welche das Denken die Prädicirungen, durch die alle Erkennen ftattfindet, nach jeinem unmeigerlichen Geſetz beftet, find in den Naturwiſſenſchaften Elemente, welche durch eine Zertheilung der äußeren Wirklichkeit, ein Zerichlagen, Zeriplittern der Dinge nur hypothetiſch gewonnen find, in den Geiſteswiſſenſchaften find es reale, in der inneren Er- fahrung ala Thatjachen gegebene Einheiten. Die Naturwiſſenſchaft baut die Materie aus Kleinen, Teiner jelbftändigen Exiſtenz mehr fähigen, nur noch als DBeftandtheile der Molecüle denkbaren Elementartheilden auf; die Einheiten, welcje in dem wunderbar verfchlungenen Ganzen der Gefchichte und der Gefellichaft aufeinander wirken, find Individua, pſycho-phyſiſche Ganze, deren jedes von jedem anderen unterjchieden, derer jedes eine Welt ft. Iſt doch die Welt nirgend anders ala eben in der VBorftellung eines jolchen Individuums. Diefe Unermeßlichkeit eines pſycho⸗phyſiſchen Ganzen, in der |chließlich die Unermeßlichkeit der Natur nur enthalten ift, läßt jih an der Analyſis der Vorſtellungswelt verdeutlichen, ala in welcher aus Gmpfindungen und Borftellungen eine Cinzel- anſchauung fi aufbaut, dann aber, aus welcher Fülle von Ele- menten fie auch beftehe, ald ein Clement in die bewußte Ver- Inüpfung und Trennung der Borftellungen eintritt. Und Diele Singularität eined jeden folchen einzelnen Individuums, dag an irgend einem Punkte des unermeßlichen geiftigen Kosmos wirkt, läßt fi, gemäß dem Sat: individuum est ineffabile, in feine einzelnen Beſtandtheile verfolgen, wodurch fie erft in ihrer ganzen Bedeutung erfannt wird.
Die Theorie diefer piycho-phyfilchen Lebengeinheiten ift bie Anthropologie und Pſychologie. Ihr Material bildet die ganze Gedichte und Lebenserfahrung und gerade die Schlüffe aus dem Die Wiflenichaften des Einzelmenichen. 37 Studium der pſychiſchen Maffenbewegungen werden in ihr eine ſtets wachſende Bedeutung erlangen. Die Verwerthung des ganzen Reichthums der Thatjachen, welche den Stoff ber Geiſteswiſſenſchaften überhaupt bilden, ift der wahren Piychologie jowohl mit den Theorien, von denen demnächſt zu ſprechen jein wird, als mit der Geſchichte gemeinfam. Aladann aber ift feft- zuhalten: außerhalb der piychifchen Einheiten, welche ben Gegen- ftand der Pfychologie bilden, giebt es überhaupt feine geiftige Thatſache für unfere Erfahrung. Da nun die Piychologie keines⸗ weg? alle Thatjadhen in ſich fchließt, welche Gegenftand der Geifteswitlenichaften find, oder (maß daſſelbe ift) welche die Erfahrung und an pſychiſchen Einheiten auffafjen läßt: jo ergiebt fih Hieraus, daß die Pſychologie nur einen Theilinhalt deſſen, was in jedem einzelnen Individuum vorgeht, zum Gegenftande dat. Sie kaͤnn daher nur durch eine Abftraction von der Ge- ſammtwiſſenſchaft der geſchichtlich⸗geſellſchaftlichen Wirklichkeit aus⸗ geſondert und nur in beſtändiger Beziehung auf fie entwickelt werden. Wohl iſt die pſfycho⸗phyſiſche Einheit dadurch in ſich ges ſchlofſen, daß für fie nur Zweck fein Tann, was in ihrem eigenen Willen gejett ift, nur werthvoll, was in ihrem Gefühl jo gegeben ift, nur wirklich und wahr, was ala gewiß, als evident vor ihrem Bewußtſein fich bewährt. Aber diefes ſo geichloffene, im Selbit- bewußtjein feiner Einheit gewiſſe Ganze ift andrerjeit3 nur in dem Zufammenbang der gejellichaftlichen Wirklichteit Herborgetreten; feine Organifation zeigt e8 al3 von außen Einwirkung empfangend und nad) außen zurückwirkend; feine ganze Inhaltlichkeit ift nur eine inmitten der umfaſſenden Inhaltlichkeit bes Geiftes in der Geſchichte und Gejellichaft vorübergehend auftretende einzelne Ge- ftalt; ja der höchfte Zug ſeines Weſens ift es, vermöge defjen es in etwas lebt, daß nicht es felber ift. Der Gegenftand der Piycho- logie ift alfo jederzeit nur da Individuum, welches aus dem lebendigen Zufammenhang der gejchichtlich-gefellichaftlichen Wirk- lichkeit außgefondert ift, und fie ift darauf angewieſen, die all gemeinen Eigenſchaften, welche pſychiſche Einzelweſen in diejem Zufammenhang entwideln, durch einen Vorgang von Abftraftion 38 Erſtes einleitendes Buch.
feftzuftellen. Den Menſchen, wie er, abgejehen von der Wechjel« wirkung in der Gefellichaft, gleichlam vor ihr ift, findet fie weder in der Erfahrung noch vermag fie ihn zu erjchließen: wäre das der Fall, jo würde der Aufbau der Geiſteswiſſenſchaften ſich un- gleich einfacher geftaltet Haben. Selbſt der ganz enge Umkreis unbeftimmt ausdrüdbarer Grundzüge, welche wir geneigt find dem Menſchen an und für ſich zuzufchreiben, unterliegt dem un⸗ geichlichteten Streit hart aneinanderftoßender Hypotheſen.
Hier kann aljo ſofort ein Verfahren abgeiviefen werben, welches den Aufbau der Geifteswillenichaften unficher macht, indem es in die Grundmauern Hypotheſen einfügt. Das Verhältniß der Individualeinheiten zur Gefellichaft ift von zwei entgegengefehten Hypotheſen aus konſtruktiv behandelt worden. Seitdem bem Naturrecht der Sophiften Plato’3 Auffafjung des Staats ala des Menſchen im Großen gegenübertrat, befehden fich dieſe beiden Theorien, ähnlich wie die atomiftische und die dynamiſche, in Be- zug auf die Gonftruftion der Geſellſchaft. Wol nähern fie ſich einander in ihrer Fortbildung, aber die Auflöfung des Gegenjabes ift erſt möglich, wenn die conftruftive Methode, die ihn hervor⸗ brachte, verlaffen wird, wenn die einzelnen Wiflenichaften der gejellichaftlichen Wirklichkeit al Theile eine umfafjenden analy- tiihen Verfahrens, die einzelnen Wahrheiten als Ausſagen über Theilinhalle diefer Wirklichkeit aufgefaßt werden. In biefem analytiicden Gang der Unterſuchung kann die Piychologie nicht, wie durch die erfte dieſer Hypotheſen geichieht, als Darftellung der anfänglichen Ausftattung eines von dem geichichtlichen Stamme ber Gejellichaft losgelöſten Individuums entiwicelt werden. Gaben do 3. B. die Grundverhältniffe des Willens wol den Schauplat des Wirkens in den Individuen, aber nicht den Erflärungdgrund. Eine folche Iſolirung und dann eine mechanifche Zuſammenſetzung von Individuen, als Methode der Conſtruktion der Gejellfchaft, mar der. Srundfehler der alten naturrechtlichen Schule. Die Einjeitig- feit diefer Richtung ift immer wieder befämpft worden durch eine entgegengejeßte Einfeitigkeit. Diele hat, gegenüber einer mechanifchen Zufammenfeßung der Gejellichaft, Formeln entworfen, welche die Anthropologie und Piychologie. 39 Einheit des gejellichaftlichen Körpers ausdrüden und jo der an= deren Hälfte des Ihatbeftandes genugthun ſollten. Cine jolche Formel ift die Unterordnung des Verhältnifſes des Einzelnen zum Staat unter das Verhältniß des Theils zum Ganzen, welches vor dem Theil it, in der Staatälehre des Ariftoteles; ift die Durchführung der Vorftellung vom Staat als einem mwohlgeord- neten thieriichen Organismus bei den Publiciſten des Mittelalters, welche von bedeutenden gegenwärtigen Schriftitellern vertheidigt und näher ausgebildet wird; ift der Begriff einer Volksſeele oder eines Volksgeiſtes. Nur durch den geichichtlichen Gegenjab haben diefe Verſuche, die Einheit der Individuen in der Gejellichaft einem Begriff unterzuordnen, eine vorübergehende Berechtigung. Der Volksſeele fehlt die Einheit des Selbftbemußtjeind und Wirkens, welche wir im Begriff der Seele ausdrüden. Der Begriff des Organismus ſubſtituirt für ein gegebene Problem ein anderes, und zwar wird vielleicht, wie ſchon J. St. Mill bemerkt Hat, die Auflöfung des Problems der Gelellichaft früher und vollftändiger gelingen als die des Problems des thieriichen Organismus; ſchon jeßt aber kann die außerordentliche Verſchiedenheit diejer beiden Arten von Syſtemen, in denen zu einer Gelammtleiftung einander gegenjeitig bedingende Funktionen zufammengreifen, gezeigt werden. Das Verhältniß der piychiichen Einheiten zur Geſellſchaft darf ſo— nach überhaupt feiner Gonftruftion unterworfen werden. States gorien, wie Einheit und Vielheit, Ganzes und Theil, find für eine Conftruftion nicht benußbar: ſelbſt wo die Darftellung ihrer nicht entbehren kann, darf nie vergeflen werden, daß fie in der Erfahrung des Individuums von fich jelber ihren lebendigen Ur» Iprung gehabt haben, daß ſonach durch Feine Rückanwendung mehr an dem Erlebniß, welches das Individuum ſich felber in der Geſellſchaft ift, aufgeklärt werden Tann, ala die Erfahrung für ſich zu jagen im Stande it.