Der Menſch ala eine der Geſchichte und Gejellichaft vorauf⸗ gehende Thatſache ift eine Fiction der genetiichen Erklärung; der= jenige Menſch, ben geſunde analytiiche Wiffenichaft zum Object hat, iſt das Individuum als ein Beitandtheil der Geſellſchaft. Das 40 Erſtes einleitendes Buch.
ſchwierige Problem, welches Piychologie aufzulöfen hat, ift: analy- tiſche Erkenntniß der allgemeinen Eigenjchaften dieſes Mtenfchen.
So aufgefaßt, ift Anthropologie und Piychologie die Grund- lage aller Erkenntniß des geichichtlichen Lebens, wie aller Regeln der Leitung und Fortbildung der Geſellſchaft. Sie ift nicht nur Vertiefung des Menjchen in die Betrachtung feiner ſelbſt. Ein Typus der Menfchennatur fteht immer zwilchen dem Gejchicht- Ichreiber und feinen Quellen, auß denen er Geftalten zu pul⸗ firendem Leben eriweden will; er fteht nicht minder zwijchen dem politiichen Denker und der Wirklichkeit der Gejellichaft, welcher diefer Regeln ihrer Fortbildung entwerfen will. Die Wiſſenſchaft will nur dieſem jubjeftiven Typus Richtigkeit und Yruchtbarkeit geben. Sie will allgemeine Säbe entwideln, deren Subject Diele Individualeinheit ift, deren Prädifate alle Ausſagen über fie find, welche für das Verſtändniß der Gejellichaft und der Gejchichte fruchtbar werben können. Diefe Aufgabe der Piychologie und An⸗ thropologie Jchließt aber in fich eine Erweiterung ihres Umfang. Ueber die bisherige Erforſchung der Gleichförmigfeiten bes geiftigen Leben? hinaus muß fie typiſche Unterjchiede defjelben erkennen, die Einbildungsfraft des Künſtlers, das Naturell des handelnden Menichen der Beichreibung und Analyfi3 unterwerfen und das Studium der Formen des geiltigen Lebens durch die Deicription der Realität ſeines Verlaufs, ſowie feines Inhaltes ergänzen. Hierdurch wird die Lüde ausgefüllt, welche in den bisherigen Syſtemen der gejellichaftlich-gefchichtlichen Wirklichkeit zwiſchen der Piychologie einerjeit3, ber Aeſthetik, Ethik, den Willenjchaften der politiichen Körper ſowie der Geſchichtswiſſenſchaft andrerjeits eriftirt: ein Plaß, der biaher nur von den ungenauen Generali- fationen ber Lebenderfahrung, den Echöpfungen der Dichter, Daritellungen der Weltmänner von Charafteren und Schickſalen, unbeftimmten allgemeinen Wahrheiten, welche der Gejchichtichreiber in feine Erzählung verwebt, eingenommen war.
Die Aufgaben einer ſolchen grundlegenden Willenjchaft kann die Piychologie nur löfen, indem fie fich in den Grenzen einer defcriptiven Wiſſenſchaft hält, welche Thatfachen und Gleichförmig- Die Biographie. 41 feiten an Thatſachen feititellt, Dagegen die erflärende Piychologie, welche - den ganzen Zuſammenhang des geiftigen Leben? durch gewiſſe Annahmen ableitbar machen will, von fich reinlich unter- ſcheidet. Nur durch dieſes Verfahren kann für die leßtere ein ge- naues, unbefangen feitgeftelltes Material gewonnen werden, welches eine Berification der pfychologiichen Hypotheſen geſtattet. Vor Allen aber: nur jo können endlich die Einzelwiffenichaften des Geiſtes eine Grundlegung erhalten, die jelber jet ift, während jet auch die beiten Darftellungen der Pſychologie Hypotheſen auf Hypotheſen bauen. | Wir ziehen das Ergebniß für den Zuſammenhang biefer Darlegung. Der einfachite Befund, welchen die Analyfis der gejellichaftlich-gefchichtlichen Wirklichkeit abzugetwwinnen vermag, liegt in der Piychologie vor; fie ift demnach die erfte und elementarfte unter den Einzelwifjenjchaften des Geiftes; dem entiprechend bilden ihre Wahrheiten die Grundlage des weiteren Aufbaued. Aber ihre Wahrheiten enthalten nur einen aus diejer Wirklichkeit außgelöften Theilinhalt und haben daher die Beziehung auf Diefe zur Voraus⸗ ſetzung. Demnach kann nur vermittelft einer erkenntniß⸗theoretiſchen Grundlegung die Beziehung der pſychologiſchen Wiſfſenſchaft zu den anderen Wiflenchaften des Geiftes und zu ber Wirklichkeit felber, deren Theilinhalte fie find, aufgelärt werden. Für die Piycho- Iogie ſelber aber ergiebt fi) aus ihrer Stellung im Zufammen- bang der Geifteswillenichaften, daß fie als deſcriptive Wiſſenſchaft (ein in der Grundlegung näher zu entwidelnder Begriff) fich unterjeheiden muß von der erflärenden Wiflenjchaft, welche, ihrer Natur nach Hypothetiich, einfachen Annahmen bie Thatfachen des geiitigen Leben? zu unterwerfen unternimmt.
Die Darftellung der einzelnen pſycho-phyſiſchen Lebenseinheit it die Biographie. Das Gedächtnig der Menfchheit hat jehr viele Individualexiſtenzen des Intereſſes und der Aufbewahrung würdig befunden. Carlyle jagt einmal von der Geſchichte: „weiſes Erinnern und weiſes Vergeſſen, darin liegt Alles“. Das Singulare des Menjchenbafeind ergreift eben, nach ber Gewalt, mit der ba3 Individuum die Anſchauung und die Liebe anderer Individuen 43 Erftes einleitenbes Bud).
zu fich hinreißt, ſtärker ala irgend ein andered Object oder irgend eine Generalilation. Die Stellung der Biographie innerhalb der allgemeinen Geſchichtswiſſenſchaft entjpricht der Stellung der An- thropologie innerhalb der theoretiſchen Wifenjchaften der geichichtlich- gejellichaftlichen Wirklichkeit. Daher wird der Fortſchritt ber Anthropologie und die wachſende Erkenntniß ihrer grundlegenden Stellung auch die Einficht vermitteln, daß die Erfaflung der ganzen Wirklichkeit eined Individualdaſeins, feine Naturbeichreibung in feinem gejchichtlichen milieu, ein Höchſtes von Geichichtichreibung iſt, gleichwerthig durch die Tiefe der Aufgabe jeder gejchichtlichen Daritellung, die aus breiterem Stoff geftaltet. Der Wille eines Menſchen, in jeinem Berlauf und feinem Scidjal, wird bier in jeiner Würde ala Selbſtzweck erfaßt, und der Biograph ſoll den Menjchen sub specie aeterni erblideen, wie ex ſelbſt ſich in Momenten fühlt, in welchen zwilchen ihm und der Gottheit Alles Hülle, Gewand und Mittel ift und er fich dem Sternen- himmel jo nahe fühlt, ala irgend einem Theil der Erde Die Biographie ftellt jo die fundamentale gejchichtliche Thatjache rein, ganz, in ihrer Wirklichkeit dar. Und nur der Hiltorifer, der jo- zufagen von diefen Lebengeinheiten aus die Geichichte aufbaut, der durch den Begriff von Typus und Repräjentation ſich der Auf- faflung von Ständen, von geiellichaftlichen Verbänden über- haupt, von Zeitaltern zu nähern jucht, der durch den Begriff von Generationen Lebenzläufe aneinander kettet, wird die Wirklichkeit eine gejhichtlichen Ganzen erfaflen, im Gegenſatz zu den tobten Abſtraktionen, die zumeift aus den Archiven entnommen werben.
Iſt die Biographie ein wichtiges Hilfämittel für die weitere Entwidlung einer wahren Realplychologie, fo hat fie andrerjeit3 in dem dermaligen Buftande diefer Wifjenichaft ihre Grundlage. Man kann das wahre Verfahren des Biographen ala Anwendung der Wiſſenſchaft der Anthropologie und Piychologie auf das Problem, eine Lebenseinheit, ihre Entwidlung und ihr Schickſal lebendig und verftändlich zu machen, bezeichnen.
Regeln perjönlicher Lebensführung Haben zu allen Zeiten einen weiteren Zweig der Literatur gebildet; einige der jchöniten Die phyſiologiſche Piychologie. 43 und tiefften Schriften aller Literatur find diejem Gegenftande ge- widmet. Sollen fie aber den Charakter der Wiflenjchaft erlangen: fo führt eine ſolche Beitrebung zurüd in die Gelbftbefinnung über den Zuſammenhang zwilchen unjerer Erfenntniß von der Wirk- lichkeit der Lebenzeinheit und unjerem Bewußtfein von den Beziehungen der MWerthe zu einander, welche unjer Wille und unjer Gefühl im Leben finden.
An der Grenze der Naturwillenichaften und der Pſychologie bat fich ein Gebiet von Unterfuchungen außgejondert, welches von feinem erften genialen Bearbeiter ala Pſychophyſik bezeichnet twor- den ift und welches fi) durch da8 Zuſammenwirken hervorragender Forſcher zu dem Entwurf einer phyfiologiſchen Piychologie er- weitert bat. Diefe Wiflenfchaft ging davon aus, ohne Rückſicht auf den metaphufiichen Streit über Körper und Seele die that« fächlichen Beziehungen zwiſchen dieſen beiden Erjcheinungsgebieten möglichft genau feftftellen zu wollen. Der neutrale, in der äußerften hier denkbaren Abjtraktion verbleibende Begriff der Funktion in feiner mathematischen Bedeutung wurde hierbei von Fechner zu Grunde gelegt, und Feſtſtellung der beftehenden jo in zwei Rich» tungen bdarftellbaren Abhängigkeiten als das Ziel diejer Willen- ichaft feftgehalten. Den Mittelpunkt feiner Unterjuchungen bildete dad Funktionsverhältniß zwiichen Reiz und Empfindung Will jeboch diefe Wiſſenſchaft die Lücke, welche zwiſchen Phyfiologie und Piychologie befteht, vollftändig ausfüllen, will fie alle Berührungs- punkte des körperlichen und pſychiſchen Lebens umfafjen und zwiſchen Phyfiologie und Piychologie die Verbindung jo voll» ftändig und wirkſam als möglich herftellen: dann findet fie fi) genöthigt, diefe Beziehung in die umfafjende Vorſtellung des urſächlichen Zuſammenhangs der gejammten Wirklichkeit einzu⸗ ordnen. Und zwar bildet bie einjeitige Dependenz pfychiſcher That⸗ fachen und Veränderungen von phuyfiologiichen den Hauptgegenftand einer folchen phyſiologiſchen Piychologie. Sie entwidelt die Ab- hängigfeit be geiftigen Lebens von feiner Körperlichen Unterlage; unterfucht die Grenzen, innerhalb deren eine ſolche Abhängigkeit nachweisbar ift; ftellt alsdann auch die Rückwirkungen dar, welche 44 Erſtes einleitenbes Buch.
von den geiftigen Veränderungen zu den Zörperlichen gehen. So verfolgt fie dad geiftige Leben, von den Beziehungen, welche zwiſchen der phyfiologilchen Leitung der Sinnesorgane und dem piychiichen Vorgang von Empfindung und Wahrnehmung ob» walten, zu denen zwifchen dem Auftreten, Verſchwinden, der Ver⸗ fettung der Vorftellungen einerjeit?, der Struktur und den Funk— tionen des Gehirnd andrerjeit3, bis zu denen, welche zwiſchen dem Reflermechanigmus und motorischen Syſtem und entiprechend der Lautbildung, Sprache und geregelten Bewegung beiteben.
IX.
Stellung des Erkennens zu dem Zuſammenhang gefhichtlig: gefellfhaftliger Wirklichkeit. | Don diejer Zergliederung der einzelnen pſycho⸗phyſiſchen Ein- beiten ift diejenige unterjchieden, welche das Ganze der geichichtlich" gejellichaftlichen Wirklichkeit zu ihrem Gegenftande hat. Franzoſen und Engländer haben den Begriff einer die Theorie dieſes Ganzen entwidelnden Geſammtwiſſenſchaft entworfen und dieſelbe ala Sociologie bezeichnet. In der That kann die Erkenntniß der Ent- wicklung ber Gejellichaft nicht von der Erkenntniß ihres gegen- wärtigen status getrennt werden. Beide Claſſen von Thatjachen bilden Einen Zuſammenhang. Der gegenwärtige Zuftand, in welchem die Gejellfchaft fich befindet, iſt das Ergebniß des früheren und er ijt zugleich die Bedingung des nächſten. Der ermittelte status deflelben in dem jebigen Moment gehört im nädjiten be= reits der Geichichte an. Jeder Durchichnitt, der den status der Geſellſchaft in einem gegebenen Augenblid barftellt, ift daher, jo- bald man fich über den Moment erhebt, ala ein gejchichtlicher Zuftand zu betrachten. Der Begriff der Geſellſchaft kann ſonach gebraucht werden, dieſes fich entiwidelnde Ganze zu bezeichnen ).
1) Dex Begriff der Sociologie oder Geſellſchaftswiſſenſchaft, wie Comte, Spencer u. a. ihn faflen, muß ganz unterfchieden werden von dem Begriff, ben Geſellſchaft und Geſellſchaftswiſſenſchaft bei den beutichen Staatsrecht3: Stellung des Erkennen? zur Gejellichaft. 45 Viel verſchlungener noch, räthſelhafter als unfer eigener Organismus, als feine am meiſten räthſelhaften Theile, wie das Gehirn, ſteht dieſe Geſellſchaft, d. h. die ganze geichichtlich-gejell- ſchaftliche Wirklichkeit, dem Individuum ala ein Objekt der Be- trachtung gegenüber. Der Strom des Geſchehens in ihr fließt unaufbaltiam voran, während die einzelnen Individua, aus denen er beiteht, auf dem Schauplak des Lebens erjcheinen und von ihm wieder abtreten. So findet das Individuum fi in ihm vor,"ala ein Element, mit anderen Elementen in Wechſelwirkung. Es Hat dies Ganze nicht gebaut, in dag es hineingeboren ift. Es kennt von den Gefeßen, in denen bier Individuen auf einander wirken, nur wenige und unbeftimmt gefaßte. Wohl find es diefelben Vorgänge, die in ihm, vermöge innerer Wahrnehmung, ihrem ganzen Gehalt nach) bewußt find, und welche außer ihm diejed Ganze gebaut Haben; aber ihre Verwidelung ift jo groß, die Bedingungen der Natur, unter denen fie auftreten, find jo mannigfaltig, die Mittel der Meſſung und des Verſuchs find fo eng begrenzt, daß die Erkenntniß dieſes Baues der Gejellichaft durch kaum überwindlich erjcheinende Schwierigkeiten aufgehalten worden if. Hieraus entipringt die Verjchiedenheit zwiſchen un— ſerem Berhältniß zur Gejellichaft und dem zur Natur. Die That» beftände in der Gejellichaft find ung von innen verftändlich, wir fönnen fie in und, auf Grund der Wahrnehmung unferer eigenen Zuftände, bis auf einen gewiflen Punkt nachbilden, und mit Liebe und Haß, mit leidenschaftlicher Freude, mit dem ganzen Spiel unjerer Affekte begleiten wir anfchauend die Vorftellung der geichichtlichen Welt. Die Natur ift und ſtumm. Nur die Macht unſerer Imagination ergießt einen Schimmer von Leben und Innerlichkeit über fie. Denn fofern wir ein mit ihr in Wechſelwirkung ftehen- des Syſtem Törperlicher Elemente find, begleitet fein innered Ge⸗ wahrwerben das Spiel diefer Wechſelwirkung. Darım kann auch lehrern erhalten haben, welche in bem status einer gegebenen Zeit Geſellſchaft und Staat unterfcheiben, ausgehend von dem Bedürfniß, die äußere Organi- fation des Zuſammenlebens zu bezeichnen, welche die Vorausſetzung und Grundlage bes Staats bildet.
46 Erſtes einleitendes Bud).
die Natur für und den Ausdrud erhabener Ruhe haben. Dieſer Aus- druck ſchwände, wem wir daflelbe wechſelnde Spiel inneren Lebens in ihren @lementen gewahrten oder in ihnen vorzuftellen ges zwungen wären, welches die Gelellichaft für uns erfüllt. Die Natur ift und fremd. Denn fie ift und nur ein Außen, fein Inneres. Die Geſellſchaft ift unjere Well. Das Spiel der Wechjelivirtungen in ihr erleben wir mit, in aller Kraft unſeres ganzen Weſens, da wir in uns felber von innen, in lebendigfter Unrube, die Zuftände und Kräfte gewahren, aus denen ihr Syſtem ch aufbaut. Das Bild ihres Zuftandes find wir gendthigt in immer regjamen Werthurtheilen zu meiftern, mit nie ruhendem Antrieb des Willens wenigſtens in der Vorftellung umzugeftalten.
Dies Alles prägt dem Studium der Gejellichaft gewiſſe Grundzüge auf, welche es durchgreifend von dem der Natur unter- Icheiden. Die Gleichförmigkeiten, welche auf dem Gebiet der Geſellſchaft Feitgeftellt werden können, ftehen nach Zahl, Bedeu- tung und Beitimmtheit der Faſſung jehr zurüd Hinter den Gejeten, welche auf der ficheren Grundlage der Beziehungen im Raum und der Eigenschaften der Bewegung über die Natur aufgeftellt werden fonnten. Die Bewegungen der Geftirne, nicht nur unſeres Pla- netenſyſtems, fondern von Sternen, deren Licht erft nach Jahren unjer Auge trifft, können als dem fo einfachen Gravitationsgeſetz untertvorfen aufgezeigt und auf lange Zeiträume voraus berechnet werden. ine ſolche Befriedigung des Berftandes vermögen die Wiſſenſchaften der Gejellichaft nicht zu gewähren. Die Schivierig- feiten der Erfenntniß einer einzelnen piychilchen Einheit werden vervielfacht durch die große Verjchiedenartigkeit und Singularität diejer Einheiten, wie fie in der Geſellſchaft zufammentwirken, durch die Verwicklung der Naturbedingungen, unter denen fie verbunden find, durch die Summirung der Wechſelwirkungen, welche in der Aufeinanderfolge vieler Generationen ſich vollzieht und die es nicht geftattet, aus der menschlichen Natur, wie mir fie heute Tennen, die Zuflände früherer Zeiten direkt abzuleiten oder die heutigen Zuflände auß einem allgemeinen Typus der menſchlichen Natur zu folgen. Und doch wird dieſes Alled mehr als aufgewogen Grundzüge ihres Stubiums. 47 durch die Thatjache, daß ich jelber, der ich mich von innen erlebe und kenne, ein Beitandtheil dieſes gejellichaftlichen Körpers bin, und daß die anderen Beftandtheile mir gleichartig und ſonach für mich ebenfalld in ihrem Inneren auffaßbar find. Sch verſtehe das Leben der Geſellſchaft. Das Individuum ift einerfeitö ein Element in den Wechjelwirtungen der Gejellichaft, ein Kreuzungs⸗ punkt der verjchiedenen Syfteme diefer Wechjeliwirfungen, in be- wußter Willensrichtung und Handlung auf die Einwirkungen berjelben veagirend, und es ift zugleich die dieſes Alles anſchauende und erforfchende Intelligenzz. Das Spiel der für uns Jeelenlojen wirkenden Urfachen wird bier abgelöft von dem der Vorftellungen, Gefühle und Berveggründe. Und grenzenlos ift die Singularität, der Reichthum im Spiel der Wechſelwirkung, die Hier fich auſ— thun. Der Waflerfturz ſetzt ſich aus homogenen ftoßenden Wafler- theilcden zujammen; aber ein einziger Satz, der doch nur ein Hauch des Mundes iſt, erjchüttert die ganze bejeelte Geſellſchaft eine® Welttheild durch ein Spiel von Motiven in lauter indivi- duellen Einheiten: jo verjchieden ift die Hier auftretende Wechjel- wirkung, nämlich das in der Vorftellung entfpringende Motiv, von jeder anderen Art von Urſache. Andere unterjcheidende Grundzüge folgen hieraus. Das auffaflende Vermögen, welches in den Geiſtes⸗ wiſſenſchaften wirkt, ift der ganze Menſch; große Leiftungen in ihnen gehen nicht von der bloßen Stärke der Intelligenz aus, jondern von einer Mächtigleit des perjönlichen Lebens. Dieje geiftige Thätigfeit findet fich, ohne jeden weiteren Zweck einer Erkenntniß des Totalzufammenhangd von dem Gingularen und Thatſäch⸗ lichen in dieſer geiftigen Welt angezogen und befriedigt, und mit dem Auffaflen ift für fie praftiiche Tendenz in Beurtheilung, deal, Regel verbunden.
Aug diefen Grundverhältnifien ergiebt fi) für das Individuum - der Gejellfchaft gegenüber ein doppelter Anjabpunft feines Nach: denkens. Es vollbringt feine Thätigkeit an diefem Ganzen mit Be= wußtfein, bildet Regeln derjelben, ſucht Bedingungen derjelben in dem Zufammenhang der geiftigen Welt. Andrerſeits aber verhält ed fich als anjchauende Intelligenz und möchte in jeiner Er- 48 Erſtes einleitenbes Buch.
fenntniß dies Ganze erfaflen. So find die Wiſſenſchaften der Geſellſchaft einerjeit? von dem Bewußtſein des Individuums über feine eigene Thätigleit und deren Bedingungen audgegangen; auf diefe Weile bildeten ſich Grammatif, Rhetorik, Logik, Aefthetik, Ethik, Jurisprudenz zunächft aus; und bier ift begründet, daß ihre Stellung im Zufammenhang der Geifteswillenichaften zwischen Analyfi3 und Regelgebung, deren Objelt die Einzelthätigkeit des Individuums ift, und folder, die ein ganzes gejellichaftliches Syſtem zum Gegenftande bat, in unficherer Mitte bleibt. Hatte die Politik ebenfalls, wenigsten? Anfangs vorwiegend, dies Intereſſe: To verband es fich doch in ihr bereit mit dem einer Ueberficht über die politifchen Körper. Ausſchließlich aus ſolchem Bedürfniß eines freien, anjcjauenden, von dem Intereſſe am Menſchlichen innerlich bewegten Ueberblid3 entjtand dann die Geichichtichreibung. Indem aber die Berufßarten innerhalb der Gejellichaft fi) immer mannig- facher gliederten, die technifche Vorbildung für diejelben immer mehr Theorie entwidelte und in fich faßte: drangen dieſe tech- niſchen Theorien von ihrem praftiichen Bedürfniß aus immer tiefer in das Weſen ber Gefellichaft ein; das Intereſſe der Er- kenntniß geitaltete fie allgemach zu wirklichen Wiflenichaften um, welche neben ihrer praktiſchen Abzweckung an der Aufgabe einer Erkenntniß der gefchichtlich = gejellichaftlichen Wirklichkett mit- arbeiteten.
Die Ausfonderung der Einzelwiſſenſchaften der Gejellichaft vollzog ſich ſonach nicht durch einen Kunftgriff des theoretiichen Derftandes, welcher das Problem der Thatſache der geichichtlich“ gejellichaftlichen Welt durch eine methodilche Zerlegung des zu unter⸗ juchenden Objektes zu löſen unternommen hätte: das Leben jelber vollbracdhte fie. So oft die Ausſcheidung eines gejellichaftlichen Wirkungskreiſes eintrat und diejer eine Anordnung von Thatlachen berborbrachte, auf welche die Thätigkeit des Individuums fich be= 309, waren die Bedingungen da, unter denen eine Theorie ent« ftehen Tonnte.e So trug der große Differenzirungöproceß der Gejellichaft, in welchen ihr wunderbar verjchlungener Bau ent- ftanden ift, in fich jelber die Bedingungen und zugleich die Es vollzieht ſich in Einzelwifienichaften. 49 Bedürfniffe, vermöge deren die Abfpiegelung eines jeden relativ ſelbſtändig gewordenen Lebenskreiſes Dderjelben in einer Theorie fich vollzog. Und fo ftellt fich jchließlich die Gefellichaft, in welcher, gleichſam der mächtigften aller Majchinen, jedes diejer Räder, dieſer Walzen nach feinen Eigenjchaften wirkt und doch in dem Ganzen feine Funktion bat, in dem Nebeneinanderbeftehen und Ineinander⸗ greifen jo mannichfacher Theorien bis zu einem gewillen Grade vollftändig dar.
Auch machte ſich zunächſt innerhalb der pofitiven Wiflen- Ichaften des Geiftes fein Bedürfniß geltend, die Beziehungen dieſer einzelnen Theorien zu einander und zu dem umfaflenden Zufammen- bang der gejchichtlich-gefellfchaftlichen MWirklichkeit, deſſen Theil⸗ inhalte fie ausgeſondert betrachteten, feftzuftellen. Spät und ver- einzelt find in dieſe Lüde die Philojophie des Geiftes, ber Ge- ſchichte, der Geſellſchaft eingetreten, und wir werden die Gründe aufzeigen, aus welchen fie den Beitand ftätig und ficher fich entwidelnder Wiffenchaften nicht geivonnen haben. So heben fich die wirklichen und durchgebildeten Wiſſenſchaften einzeln unb in leichten Verknüpfungen von dem weiten Hintergrunde der großen Thatſache der geichichtlich=gejellfchaftlichen Wirklichkeit ab. Nur durch die Beziehung auf dieje lebendige Thatjache und ihre deſtriptive Darftellung, nicht aber durch die Beziehung auf eine allgemeine Wiſſenſchaft ift ihre Stelle beftimmt.
X.
Bas wiſſenſchaſtliche Studinm der natürlichen Gliederung der | Menfcheit fowie der einzelnen Völker.
Dieſe deffriptive Darftellung, die man ald Gejchichtd- und Geſellſchaftskunde im weiteſten Verjtande bezeichnen kann, umfaßt die compleren Thatjachen der geiftigen Welt in ihrem Zuſammen⸗ hang, wie berjelbe in der Kunſt der Geichichtichreibung und in der Statiftit der Gegenwart erfaßt wird. Wir ſahen früher (S. 30), Diltheh, Einleitung.
50 Erſtes einleitendes Bud).
tie die bloße Sammlung und Sichtung des Materials in einer bunten Mannichfaltigkeit von Arbeiten allmälig, in continuirlicher Steigerung der benfenden Bearbeitung, in Wiſſenſchaft übergeht. Die Stellung der Gefchichtichreibung in diefem Zuſammenhang, zwiſchen der Sammlung der Thatfachen und der Auzfcheidung des Gleichartigen aus ihnen in einer einzelnen Theorie, ward in ihrer felbitändigen Bedeutung nachdrüdlich hervorgehoben. Sie war und eine Kunft, weil in ihr, wie in der Phantafie des Künſtlers ſelber, dag All⸗ gemeine in dem Befonderen angejchaut, noch nicht durch Abftraftion von ihm gejondert und für fich dargeftellt wird, was erft in der Theorie geihieht. Das Beiondere ift hier nur von ber Idee im Geifte des Geſchichtſchreibers gefätligt und geftaltet, und wo eine Generalifation auftritt, beleuchtet fie nur blikartig die Thatſachen und entbindet auf einen Moment dad abftrafte Denken. So dient ja auch dem Dichter die Generalifation, indem fie auß dem Unge— ftüm, den Leiden und Affelten, welche ex daritellt, einen Augenblic die Seele feine® Zuhörer? in die freie Region der Gedanken erhebt.
Aus diefem genialen Weberblid des Gefchichtichreibers, ber fi über dad mannichfaltige Leben der Menſchheit verbreitet, löſt fi nun aber eine erſte deſtriptive Zufammenordnung von Gleihartigem aus. Sie jchließt fi) naturgemäß an die An- thropologie des Einzelmenſchen. Entwickelte dieſe den allge- meinen menſchlichen Typus, die allgemeinen Geſetze des Lebens der pſychophyſiſchen Einheiten, die in dieſen Geſetzen angelegten Differenzen von Einzeliypen: jo geht bie Ethnologie oder vergleichende Anthropologie von hier auß weiter; ihren Gegen- Stand bilden Gleichartigkeiten engeren Umfangs, durch welche Gruppen innerhalb der Gejammtheit fi) abgrenzen und ala Ein- zelglieder der Menjchheit fich darftellen: die natürliche Gliederung des Menſchengeſchlechts und die durch fie unter den Bedingungen des Erdganzen entjtehende Vertheilung des geiftigen Lebens und jeiner Unterfchiede auf der Oberfläche der Erbe. Dieje Völkerkunde erforjcht alfo, wie auf der Grundlage des Familienverbandes und der VBerwandtichaft, in durch den Grad der Abftammung gebildeten Studium der natürlichen Gliederung ber Menjchheit. 51 concentriichen Kreiſen, das Menfchengeichlecht natürlich gegliedert ift, d. h. wie in jedem engeren Kreife zuſammenhängend mit näherer BDerwandtichaft neue gemeinfame Merkmale auftreten. Bon der Trage nach der Einheit der Abftammung und Art, nach dem älteften Wohnfite, dem Alter und den gemeinfamen Merkmalen be3 Menfchengefchlecht3 wendet dieje Wiſſenſchaft fich zur Abgren- zung der einzelnen Racen und der Beitimmung ihrer Merkmale, zu den Gruppen, welche jede diefer Racen in fich faßt; auf der Grundlage der Geographie entwickelt fie die Bertheilung des geiftigen Lebens und jeiner Unterfchiede auf ber Oberfläche der Erde: man fieht den Strom der Bevölferung fich verbreiten, der Richtung der leichteften Befriedigung folgend, wie das Waſſernetz ſich ben Be- dingungen des Bodens anjchmiegt.
Mit diefer genealogiſchen Gliederung verweben fich gefchicht- liche That und geichichtliches Schickſal, und jo bilden fich bie Völker, lebendige und relativ jelbftändige Gentren der Kultur in dem gejellfchaftlichen Zuſammenhang einer Zeit, Träger der geichichtlichen Bewegung. Wohl Hat das Bolt in dem genea- Iogifchen Naturzufammenhang feine Grundlage, die fih auch leiblich zu erkennen giebt; aber während verwandte Völker eine Verwandtſchaft des förperlichen Typus zeigen, der fich mit wunder⸗ barer Feſtigkeit erhält, geftaltet fich ihre gefchichtliche geiftige Phy- fiognomie zu immer feiner verzweigten Unterjchieden auf allen ver- Ichiedenen Gebieten des Volkslebens.
Diele individuelle Lebendeinheit in einem Volle, die fich in der Verwandtſchaft aller feiner Lebenzäußerungen, wie jeines Rechts, jeiner Sprache, ſeines religiöjen Inneren, untereinander fundgiebt, wird myſtiſch durch Begriffe wie Volksſeele, Nation, Volksgeiſt, Organiamus außgedrüdt. Dieje Begriffe find fo un- brauchbar für die Gejchichte, al der von Lebenzkraft für die Phyfio- logie. Was der Ausdrud: Volk bedeute, kann nur analytijch aufgeklärt werden (innerhalb gewiſſer Grenzen), mit Hilfe von Un- terfuchungen, welche in dem methodologilchen Zuſammenhang der Geiſteswiſſenſchaften ala Theorien zweiter Ordnung bezeichnet werden können. Diefe haben die Wahrheiten der Anthropologie zu ihrer 4* 52 Erſtes einleitendes Bud).
Vorausſetzung, fie wenden diefe Wahrheiten auf die Wechſelwirkung don Individuen unter den Bedingungen des Naturzuſammenhangs an, und Jo entftehen die Willenjchaften der Syſteme ber Kultur und ihrer Geftaltungen, der äußeren Organijation der Geſellſchaft und der einzelnen Verbände innerhalb derjelben. An fich findet die Willenjchaft ziwilchen dem Individuum und dem verwidelten Berlauf der Geihichte drei große Claſſen von Objekten, die dem Stubium zu unteriverfen find: die äußere Organifation ber Ge- ſellſchaft, die Syſteme der Kultur in ihr und die Einzelvöller: dauernde Thatbeftände, unter benen ber von Volksganzen der am meiften complexe und ſchwierige it. Wie fie alle drei nur Theil- inhalte des wirklichen Lebens find, jo kann keiner ohne die Be⸗ ziehung auf das wiſſenſchaftliche Studium des anderen Hiftorifch aufgefaßt oder theoretiich behandelt werden. Jedoch ift, dem Ver⸗ hältniß der Verwicklung entſprechend, die Thatſache bes Einzel- volkes nur mit Hilfe der Analyfi3 der beiden anderen Thatſachen bearbeitet worden. Was durch den Ausdrud Volksſeele, Volks⸗ geiſt, Nation und nationale Kultur bezeichnet werde, das kann nur dadurch anfchaulich vorgeftellt und analyfirt werben, daß man zu= nächft bie verjchiedenen Seiten des Volkslebens, 3. B. Sprache, Religion, Kunft, in ihrer Wechſelwirkung auffaßt. Dies nöthigt zu dem nächften Schritt in der Analyfis der geichichtlich-gefell« ſchaftlichen Wirklichkeit.
XI.
XI.
Unterfheidung von zwei weiteren Claſſen von Einzelwiſſenſchaften.
Wer die Erſcheinungen der Geſchichte und Geſellſchaft ſtudirt, dem treten abſtrakte Weſenheiten überall gegenüber, dergleichen Kunſt, Wiſſenſchaft, Staat, Geſellſchaft, Religion find. Sie gleichen zufammengeballten Nebeln, die den Blid Hindern, zum Wirklichen zu dringen, und bie fich doch nicht greifen laſſen. Wie einft die Zwei weitere Clafſen von Einzelmwifienichaften. 55 fubftantialen Formen, die Geftirngeifter und Effenzen zwischen dem Auge des Forſchers und den Geſetzen ftanden, welche unter den Atomen und Miolelülen walten, jo verjchleiern diefe Weſenheiten die Wirklichkeit des geſchichtlich⸗geſellſchaftlichen Lebens, die Wechjel- wirkung der piychophufiichen Lebendeinheiten unter ben Bedingungen des Naturganzen und ihrer naturgeborenen genealogiichen Glie- derung. Ich möchte dieſe Wirklichkeit ſehen lehren — eine Kunſt, die lange geübt fein will wie die der Anſchauung von räumlichen Gebilden — und dieſe Nebel und Phantome vericheuchen.
Sn der unermeßlichen Mamnichfaltigkeit von Heinen, ſchein⸗ bar verfchwindenden Wirkungen, die von Individuum zu Indivi⸗ duum durch dad Medium materieller Vorgänge ausftrahlen, geht fo wenig eine Wirkung verloren, als ein Sonnenftrahl in der phyſiſchen Welt. Aber wer vermöchte, dem Lauf der Wirkungen dieſes Sonnenftrahla zu folgen? Nur wo gleichartige Effekte in der gejellichaftlichen Welt fich vereinigen, entitehen die That⸗ beftände, welche eine deutlidde und ftarfe Sprache zu und reden. Bon diefen entjpringen einige auß einer gleichartigen, aber vor= übergehenden Spannung der Kräfte in einer beftinmten Richtung oder auch durch die fingulare Gewalt einer einzigen mächtigen Willenskraft, welche doch immer nur in der Richtung Jolcher in ber Geichichte und Gejelichaft angejammelten Spannträfte große Wirkungen bervorbringen kam. So bredden in der Geſchichte plögliche gewaltige Erſchütterungen, wie Revolutionen und Striege, hervor, und gehen vorüber. Dauernde Wirkungen entjtehen aus ihnen nur, indem fie in einem ſchon vorhandenen conftanten ge= ſellſchaftlichen Gebilde eine Modifikation hervorbringen: jo wirkte die Epoche de Sturms und Drangd von ber mächtigen Perfon Rouffeau’3 aus auf die angefammelten Spannkräfte in unferm Volksleben und gab unfrer Dichtung eine andere Geftalt. Eben diefe conftanten Gebilde find der andere in der gejellichaft- lichen Wirklichkeit ſtark hervortretende Thatbeitand, fie entjpringen aber aus dauernden Beziehungen der Individuen, und fie allein