Hilfamittel tbeologifcher Dialektik benüßte und in Abälarb eine fühne Subjektivität die Rechte des Verftandes fcharffinniger geltend machte, als je vorher geſchehen. Wol zeriekte das negative Treiben der theologiichen Dialektiker jener Tage den Beftand der überlieferten Dogmatik; wie in den entjprechenden Erſcheinungen des Islam, entwidelte fi) auß den Antinomien der religidjen Vorftellung unmiderftehlich der Zweifel bis zur Verzweiflung des Verſtandes, und vergebens fuchten Bernhard von Clairvaux und die Biltoriner in der Myſtik den Frieden des Geiſtes. Aber erft dann hörte die theologiſche Metaphyfik auf, Mittelpunkt des ganzen europäilchen Denkens zu fein, ala nun das Naturwiflen und die Naturphilofophie der Alten und der Araber über den Horizont der abendländijchen Ebriftenheit traten und allmälig ganz ſichtbar wurden. Dies ift die größte Veränderung, welche im Verlauf der intellektuellen Entwicklung Europas während des Mittelalters ftatt- gefunden hat.
Diefe Beränderung im Abendlande wurde durch bie wiederholten Verbote der naturwiſſenſchaftlichen und metaphyſiſchen Schriften des Ariftoteles nicht aufgehalten. Schon im erften Drittel bes dreizehnten Jahrhunderts ift jo ziemlich der ganze Körper der ariftoteliichen Schriften übertragen. Die Syſteme des Ibn Sina und Ibn Roſchd werden befannt und bedrohen den chriftlichen Glauben. Die abendländifche Metaphuyfit des Mittelalters entſteht zum Schube diejed Glauben? aus der Verfnüpfung der Theologie des Chriſtenthums und der von ihr ausgehenden metapbufiichen Philoſophie der Gelchichte mit dem arabiſchen Ariftoteled und der mit feinem Studium verbundenen Naturerkenntniß. Die Uni: verfität Paris wird, ala Sit diefer Metaphyſik, zum Mittel punkt der geiftigen Bewegung Europad. Ein Jahrhundert hin⸗ durch von der Mitte de dreizehnten ab, während Albert der Große und fein Schüler vom Kölner Dominitanerklofter, Thomas von Aguino, Dun? Scotus und der fühnfte, gewaltigfte der Scholaſtiker, der papftfeindliche Wilhelm von Occam, lehren, find die Augen von ganz Europa auf diefe neue Vernunftwiſſenſchaft und ihr Scidfal gerichtet. — Zugleich ift nun das Material 380 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.
für eine jelbftändige Fortarbeit der abendländiichen Chriften in den Naturwiſſenſchaften gegeben. Langſam, breit und tief ent=- wicelte fi diefe Arbeit. Die äußeren Bedingungen, unter welchen die Wiflenichaften in den Klöftern und an von ber Kirche geleiteten Anftalten fi befanden, unterftüßten die Ueber— macht de theologijch-metaphufilchen Interefſſes, und die Beichäf- tigung des Hofes Friedrich's des Zweiten mit den Naturwifſen⸗ ſchaſten, wie fie durdy da8 Vorbild der Kalifen hervorgerufen war, fand feine Nachfolge. Die politiiche Verfaſſung Europas gab den Problemen ber Geichichte und des Staates ſowie den Schriften Hierliber ein Gewicht, welches fie in den Despotenreichen des Islam nicht bejaßen. Der Gang der öffentlichen Ange- legenbeiten im Abendlande war fchon damals von Ideen mächtig beeinflußt, und dieſe zogen da3 öffentliche Intereſſe beſonders auf ih. Die felbftändige, ja geniale Yortarbeit des chriftlichen Abendlandes in dem Ginzelwifien lag daher zunächſt während des Ddreigehnten und vierzehnten Jahrhundert? auf dem Gebiete der Geiſteswiſſenſchaften. So wurde die Erweiterung des Natur- wiſſens in erfter Linie benüßt, eine von Metaphyſik getragene encyklopädiſche Einheit des Wiſſens herzuſtellen. Diejer Richtung des Geiſtes entſprachen die Schrift über die Natur der Dinge des Thomas von Cantiprato, der Naturſpiegel des Vincenz von Beauvais, das Buch der Natur von Konrad von Megenberg, das Weltbild von Pierre d'Ailly, und die Geſammtthätigkeit des Albertug Magnus war von ihr beitimmt. Es fanıı noch nicht genügend beurtheilt werden, was von den Einzelergebniflen, welche und zuerjt bei Albertus begegnen, einem jelbftändigen Natur- ftudium entjprungen war; jedoch kann Förderung der bejchrei= benden Naturwiſſenſchaft in eigener Beobachtung und Unterfuchung ihm nicht abgeiprochen werden. Alsdann trat in Roger Ba— con dad Bewußtfein von der Bedeutung der Mathematik ald des „Alphabet? der Philofophie” und der erperimentalen Wiſſenſchaft ala der „Herrin der fpekulativen Wifjenichaften“ hervor. Er ahnte die Macht einer auf Erfahrung gegründeten Erkenntniß der wirken⸗ den Urfachen im Gegenfaß zu Tyllogiftiicher Scheinwiſſenſchaft, und jeine mächtige Einbildungskraft eilte den Ergebniſſen feiner Arbeit voraus in ſeltſamen Anticipationen künftiger Entdeckungen. Andrerfeitß traten im Abendlande allmälig bie theils herüber- gebrachten theils felhftändig gemachten Erfindungen auf, welche das Zeitalter der Entdeckungen vorbereiteten!).
Sechſtes Kapitel. Zweiter Zeitraum des mittelalterlicden Denleus.
Bon ber Uebertragung des arabiichen Naturwiſſens und der ariftoteliichen Philofophie hebt da3 neue Stadium des mittelalter- lichen Denkens an und dauert bis zum Ausgang des Mittelalters. Der frühere Zeitraum hatte eine Dialektik ala Grundlage der Theo- Iogie geichaffen, den von den Vätern, insbeſondere von Auguſtinus entivorfenen Beweis für das Dajein einer trandfcendenten Ord⸗ nung immaterieller Weſenheiten fortgebildet und die Aufgabe, einen verftandesmäßigen Zufammenhang des Glaubenzinhaltes zu ge= winnen, in einer Theologie gelöft, welche jedoch das dem Denken Erfaßbare noch nicht methodiſch von dem Unerfaßlichen ſchied. Schon diefe Aufgaben felber empfingen nun unter den neuen Bes dingungen eine reifere Faſſung. Die Vergleichung von Chriften- tum, Islam und Judenthum verbreitete ihre Helle über das Ge- biet der Theologie; die Vergleichung der VBernunftwiflenichaft des Ariftoteles mit der Theologie der Religionen erleuchtete die Grenzen des Beweisbaren und des religiöfen Geheimnifjes; die Verbindung bes Naturwifjena mit der Theologie erweiterte ben Horizont ber Vernunftwiſſenſchaft. Wie wurden mın unter den neuen Be- dingungen die Aufgaben, welche wir im vorigen Beitraum ſon⸗ berten, gefaßt und zu Iöfen verfucht?
1) Näheres in den grundlegenden Unterfuchungen von Libri, Histoire des sciences math&matiques t. II.
382 Zweited Bud. Dritter Abfchnitt.
1. Abſchluß der Metaphyſik der jubftantialen Formen.
Indem jebt mit der Theologie der monotheiftiichen Religionen die Wiffenichaft vom Kosmos verknüpft wurde, entiprangen zwar weitere unlösbare Schiwierigfeiten, welche die Zerſetzung der mittel- alterlicden Metaphyſik herbeigeführt haben, jedoch ſo lange fie ver- deckt werden Tonnten und das Gute des Willend mit dem Wer- nünftigen des Denkens, das Chriſtliche mit der griechiſchen Ver— nunftwiſſenſchaft in eins geſetzt wurden, ergab ſich hieraus Die Geltung einer glänzenden Formel, welche die bisherige Meta⸗ physik zu ſyſtematiſcher Einheit abſchloß.
Zunächſt jubftituirte man den analytifchen Ergebniflen des Plato und Ariſtoteles, welche letzte Vorausſetzungen des Kosmos enthalten, den konſtruktiven philonifch = neuplatoniichen Gedanken. Nach demjelben haben die Ideen in Gott ihren Ort, und bon diefer intelligiblen Welt ſtrahlen die da AU durchwirkenden Kräfte aus. Dielen Gedanken hatte Auguftinus, wie e8 andere Kirchen⸗ väter gethan, in die Philofophie des Chriſtenthums aufgenommen ') und mit der Schöpfungslehre in Verbindung gejeßt. Die Dinge find nad ihm von der Gottheit als Ausdruck der in ihr be— ftehenden intelligiblen Welt unveränderlicher Ideen geichaffen; fo empfängt die Metaphyſik als Vernunftwillenichaft nun eine ein= fachere und mehr ſyſtematiſche Faſſung ihres Zuſammenhangs: die intelligible Welt in Gott ift der Schöpfung einge- 1) Auguftinu3 Retractat. Ic.3. Nec Plato quidem in hoc errarit, quia esse mundum intelligibilem dixit, si non vocabulum, quod ecclesiasticae consuetudini in re illa non usitatum est, sed ipsam rem velimus atten- dere. mundum quippe ille intelligibilem nuncupavit ipsam rationem sempiternam atque incommutabilem, qua fecit Deus mundum. quam qui esse negat, sequitur ut dicat, irrationabiliter Deum fecisse quod fecit, aut cum faceret, vel antequam faceret, nescisse quid faceref, si apıd eum ratio faciendi non erat, si vero erat, sicut erat, ipsam videtur Plato vocasse intelligibilem mundum. Dal. weiter die S. 381 citirte Stelle. Dazu vgl. Leibniz’ Monadologie $ 43. 44: bie „ewigen Wahrheiten ober die Ideen, von benen fie abhängen”, müſſen in einem Reellen, Exiſtiren⸗ den ihre Grundlage haben.
Die abſchließende metaphyfiſche Formel. 988 bildet, und die diefem objektiven Zuſammenhang entiprechen- ben Prinzipien find in den von Gott geſchaffenen Einzel- geift hineingelegt?).
So bildete ih auf der Höhe diefer Entwidlung folgende Theorie, die Thomas von Aquino feinfinnig entiwidelt bat. Plato nahm nach ihm irrthümlich an, dag Objekt der Erfennt- niß müfle in fich jo erxiftiren, wie in unferem Willen, ſo⸗ nach immateriell und unbeweglid. In Wirklichkeit vermag die Abftraktion das, was in dem Objekt ungefondert if, zu fondern und einen Beftandtheil in ihm, abjehend von den anderen, für ſich zu betrachten. Der Beftandtheil, welchen unfer Denken im Allgemeinbegriff am Gegenſtande heraushebt, ift ſonach real, aber er ift nur ein Theil der Realität deflelben. Daher ift eine den Allgemeinbegriffen entjprechende Realität nur in den Einzeldingen gegeben; „die Univerjalia find nicht für fich be— ftehende Dinge, fondern haben ihr Sein allein in dem Gin- zelnen“. Jedoch wird andrerjeit? in den Univerjalien etwas Meienhaftes ausgeſondert von dem menjchlichen Intellekt, denn fie find in dem göttlichen Sntellett enthalten und von ihm den Objekten eingebildet. So kann Thomas fich einer den Streit über die Univerjalien jcheinbar beendenden Formel bedienen. Die Univerfalien find vor den einzelnen Dingen, in ihnen und nach ihnen. Sie find vor denjelben im göttlichen, vorbildlichen Deritande; fie find in den Dingen ala Theilinhalte derjelben, welche ihre allgemeine Wejenheit ausmachen, und fie find nach den- jelben ala Begriffe, welche durch den abftrahirenden Verftand her⸗ borgebradht find. Diefe Formel kann aladann leicht im Sinne der modernen Wifjenjchaft eriveitert werden, und eine ſolche Erweiterung bat ſtatigefunden; fie ift ſchon im Mittelalter vorbereitet: in Gott find nicht nur die allgemeinen Begriffe, fondern die allgemeinen Wahrheiten, die Gejeße der Veränderungen des Weltlaufs?).
2) Ueber die Entftehung diefer Formel nach ihrer logiſchen Seite aus⸗ führlich Prantl, Geichichte der Logik II, 305 f. 347 ff. IH, 94 ff. — Ueber die 384 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt.
Metaphyſik als Vernunftwiffenichaft empfing in diefen Säßen die volllommenfte Form, welche ihr während des Mittelalters gegeben worden iſt. Diefe DVernunftwiflenjchaft will dad Ge: danfenmäßige de Weltalls deutlich und begreiflich machen; ihr Problem ift die Natur diefer Gedankenmäßigleit, der Urſprung derjelben in der Welt und der des Wiſſens von ihr im Bewußt⸗ fein. Die Löfung des Problems wird auch in dieſer Formel in ein Transſcendentes hineingeſchoben; denn fie enthält eine Relation zwiſchen drei Gliedem, in deren jedem daffelbe x, die unaufgelöfte, allgemeine Yorm der Einzeldinge, wiederfehtt. Die Sntelligenz, der Weltzufammenhang und Gott find dieſe Glieder. Und zwar ift Gott nicht nur bewegende und Zweckurſache der Melt, jondern auch vorbildliche Urſache derfelben. Oder wie Scotus Gott ala die Iehte Bedingung eines inneren und nothwendigen Weltzuſammenhangs aufzeigt: der Weltzuſammenhang enthält eine Verkettung der Urfachen, eine Ordnung der Zwecke, eine Stufen- reihe der Vollkommenheit; alle drei Reihen führen auf einen An⸗ fangspunkt, der nicht durch ein weiter zurückliegendes Glied der- jelben Reihe bedingt ift, und zwar in berjelben Weſenheit: denn, ebenjo wie |päter Spinoza folgert, das necesso esse ex se kann nur Einer Wejenheit zufommen. So ift Gott in diefem metaphy⸗ fichen Zuſammenhang die nothivendige Urjache ).
Die Zahl der Wahrheiten, welche dieſe Vernunfwiſſenſchaft feftftellen zu können glaubte, verringerte fich ihr beftändig während ihrer Arbeit; bis in dem Zeitalter Occam's die Formel felber, nach welcher in Gott die Welt in Allgemeinbegriffen angelegt ift, aufgeldft wurde und die Erfahrung des Singularen ihr Recht geltend machte, nicht nur in Rüdficht auf die Außenwelt, fondern jowol bei Roger Bacon als bei Occam auch in Bezug auf die innere.
Einfügung ber rationes in bieje Formel, 3. B. des Denkgeſetzes des Wider: ſpruchs, vol. S. 331. 1) Duns Scotus in sentent. I dist. 2 quaest. 2 und 3.
Ration. Theol. a. erſter Beſtandth. d. Begründ. d. tranzicendent. Welt. 385 2. Die verftandesmäßige Begründung ber trand- fcendenten Welt.
Da im Gottesbewußtfein der Mittelpunkt der mittelalterlichen Metaphyſik Tag und man von Gott aus die Welt und den Mtenfchen erblickte, hat diele Vernunftwifienichaft während des zweiten Zeit- raum der abendländiichen Philoſophie, ihrem Streben gemäß, Alles der Denknothwendigkeit zu unterwerfen, dad Dafein Gottes zu⸗ nächſt feitzuftellen verjucht, Gottes Eigenschaften entwidelt und von ihm aus fich über die geichaffenen geiftigen Weſen verbreitet. Dies Hatte zur Folge, daß Einzelbeweije für das Dajein Gottes an die Spibe der Metaphyſik traten und ſolche für den Beftand eines Geifterreiches, welchem auch die Menfchen angehören, feit- geftellt wurden. Die abſtrakte Metaphufit der wolffiſchen Schule hat auf der Baſis der Ontologie die rationale Theologie, Kosmo⸗ logie und Piychologie ala die drei Theile der metapbyfifchen Wiſſen⸗ ſchaft gleichwerthig behandelt, und Kant hat entjprechend aus dem einen Weſen der Vernunft die Ideen auf diefen drei Gebieten abzuleiten unternommen. Die gejchichtliche Betrachtung des Mittel- alterd zeigt, daß die rationale Theologie und Piychologie, als in eine transfcendente Melt des Glaubens mit ihren Schlüfien zurüdgreifend, eine ganz andere Stelle im menfchlichen Denkzu- fammenhang einnehmen wie die Kosmologie, welche nur die Be- griffe von der Wirklichkeit zu vollenden ftrebt.
Mir betrachten zunächft die Beweiſe für das Dafein Gottes, die vationale Theologie.
Das Chriſtenthum hatte in dem monotheiftiicden Ergebniß der antifen Willenichaft des Kosmos feine geichichtliche Voraus— legung ’), und die Väter Haben den Schluß auf Gott auß dem Charakter der Welt, welcher zweckmäßige Schönheit und doch zugleich Veränderlichkeit ift, ala bindend betrachtet. Während der langen Jahrhunderte des Mittelalter? ift die Zurüd- führung der Welt auf Gott, bejonderd der Schluß von ber 1) Römerbrief 1, 19 ff. Apoftelgeichichte 14, 15 ff. 17, ef Dilthey, Einleitung.
386 Zweites Buch. Dritter Abfchnitt.
Drehung der Himmelskugel auf einen erften Beweger berjelben bon feinem emfthaften Forſcher verworfen worden, wenn auch der Grad feiner Evidenz der Unterſuchung unterzogen wurde; alle anderen Glaubendwahrheiten dagegen verfielen mehr oder minder der Diskuſſion. — Seit dem Jahre 1240 war De- zennien hindurch die firchliche Autorität im Kampfe mit einer Partei der pariler Univerfität, welche extreme Folgerungen der averroi- ftiichen Lehre außbreitete. So wurde innerhalb der Univerfität die Ewigkeit der Welt vertheidigt, da der „erite Anfang“ ala ein Mirakel den nothiwendigen Zuſammenhang der Wiſſenſchaft durdh- brach; die Echöpfung aus Nichts twurde angegriffen ala mit den Anforderungen der Wiſſenſchaft unverträglich; die Annahme eines eriten elternlojen Menfchen wurde verworfen, und mit dem erften leugnete man aud) die leßten Menſchen und ſonach das jüngfte Geriht. Der Mittelpunkt dieſer ſteptiſchen Berwegung lag in der Beitreitung der Tortdauer der Einzeljeele, da diefelbe aus der Lehre von den fubltantialen Formen nicht gefolgert werden Tann.
Aus diefen Vorausſetzungen folgte dann das kecke Wort: quod sermones theologi sunt fundati in fabulis, und ihm ent|pradh ein andered: quod sapientes mundi sunt philosophi tantum. Aber unter allen Säten, welche damald unter Studenten und Lehrern der pariler Univerfität umliefen und der kirchlichen Genfur untertvorfen wurden, findet fich feiner, welcher da8 Dafein Gottes in Frage gezogen hätte. — Ein zweiter Herd des ſteptiſchen Geiftes war während des dreizehnten Sahrhundertz!) der Hof Friedrichs des Zweiten im Süden. Der abergläubiiche Sinn des niederen Volles umgab die gedanfenmächtige Geftalt des großen Kaiſers mit Erzählungen, in welchen ala das Auffälligfte jein Skepticismus und feine Neigung zu experimenteller Beantwortung folcher Yragen hervortritt, die man ſyllogiſtiſchen Erörterungen zu überlafen ges wohnt war. Wollte man boch wiflen, er habe Menſchen den 1) Die Chronica Fr. Salimbene Parmensis (Parmae 1857) ſpricht p. 169 von ber destructio credulitatis Friderici et sapientum suorum, qui credi- derunt, quod non esset alia vita, nisi praesens, ut liberius carnalitatibus suis et miseriis vacare possent. ideo fuerunt epycurei...Der Schluß vom Kosmos auf Bott wird noch allgemein anertannt. 387 Leib öffnen laflen, zum Zwecke des Studiums der Verdauung; er habe Kinder von dem Verkehr abgejondert aufnähren laffen wollen, um die Yrage nach der Urſprache zu Löjen; ein jolcher Verſuch erinnert an den philojophiichen Roman des Ibn Tophail, welcher im dreizehnten Jahrhundert verbreitet war und die natür- liche Entwidlung eines Menſchen zum Gegenftande Hatte. Die Schriftftüde, die im Kampfe der Kurie gegen den Kaiſer ausge— arbeitet wurden, und die öffentliche Meinung beichuldigten ihn der Leugnung der Unfterblichkeit, und fanden den letzten Beweggrund feiner Schreckensherrſchaft im ſicilianiſchen Reiche in diefer ma⸗ terialiftifchen Bertverfung jeder Vorftellung eines jenjeitigen Lebens. Zwar dad furchtbare Wort von den drei Betrügern, den Be— gründern der drei Religionen de Abendlandes, kann nicht auf den Kaiſer zurüdgeführt werden; aber der Gedanke, daß die philo- ſophiſche Wahrheit in allen drei Religionen von Yabeln verhüllt fei, muß als ein Gemeingut der Aufgeflärten an diefem bunten, bald im Morgen» bald im Abendlande unter religiös gemifchten Bevölferungen refidirenden Hofe betrachtet werden. Und doch wird und unter allen Witzworten, welche damald von Friedrich ume gingen, feines überliefert, welches den Schluß auf Gott ala die Welturfache angetaftet hätte!). — Unterfucht man die Yeußerungen von Skepticismus aus anderen Kreifen, jo jeßen widrige und rohe Berhöhnungen Gottes wie die von Alberih von Romano be= richtete, durchaus das Dajein Gottes voraus?). Auch gingen die Zweifel der Nominaliften gegen jeden Punkt einer rationalen reli⸗ gidfen Willenichaft zwar bei Occam dazu fort, die Gründe für das Dafein Gottes einer Icharfen Kritik zu unterwerfen, ja dieſer ſprach ſchon kühn die Möglichkeit aus, daß die Welt fi felbft bewege; aber auch er erkannte doch die übertviegende Kraft der Beweisführungen für das Dafein Gottes an).
1) In der ſchönen auf perfönlicher Anfchauung beruhenden Schilderung ber erwähnten Chronik p. 166 heißt e3 von fyriedrich dem Zweiten: de fide Dei nihil habebat, aber biefe fides Dei ift augenfcheinlih im Sinne bes Gottesglaubens eines Ehriften zu verftehen.
3) Zu ben Icholaftifchen Debatten über das Daſein Gottes in den 388 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt.
Der Grund diejer Thatjache, daß der metaphufifche Geift des Mittelalter an der Evidenz des Dajeind Gottes einen unerſchütterlichen Stützpunkt Hatte, während feine andere Glau⸗ benswahrheit von dem Zweifel unberührt blieb, kann nicht in der Macht religiöfer Ueberzeugungen gefunden werden, denn dieje waren, wie wir eben fahen, vielfach erſchüttert. Er lag nicht in der Tradition des Zuſammenhangs der MWeltgefchichte, die an Gott mit ihrem Beginn und Schluß gebunden war; denn jo wichtig diefe für da Lebenagefühl und die Denkart des mittel- alterlihen Menſchen geweſen ift, jo ward fie doch von fühnen Geiftern mwenigftend dem Zweifel, wern auch noch nicht der Unter- ſuchung unterworfen. Am wenigſten können wir ihn in dem ontologifchen Argumente finden; denn die Kraft defjelben wurde von den hervorragendften gläubigen Forſchern beitritten. Er lag in dem Schluß, welcher auf Grund de damaligen Standes des Naturwifſens von den regelmäßigen, harmoniſch ineinandergreifen- den Bahnen der Geſtirne jowie von der die Formen der Natur durchwaltenden Zweckmäßigkeit auf Gott zurüdging. Diefer Schluß tritt nicht ala ein einzelnes Argument auf, jondern bildet, wie bei Ariftoteled, den Zuſammenhang der ganzen Naturanſicht. Wol haben die Scholaftifer dieſes Zeitraums zuerst eine geichlofjene Zahl von einander unabhängiger Einzelbeweile für das Daſein Gottes aufgeftellt, auch hat fich wenigſtens die Unterjcheidung des kosmo⸗ logiſchen und des teleologiichen (phyfito-theologijchen) Beweiſes in der Schulmetaphyfit erhalten; doch nicht in dieſer zerfplitterten Ihulmäßigen Yaflung lag die Macht der Gründe, die von ber Melt auf Gott Ichließen, über den mittelalterlichen Geift ').
Klöftern vgl. Thomas be Ecclefton de adventu fratrum minorum in Angliam (Monum. Francisc. Lond. 13858) p. 50: cum ex duobus parie- tibus construatur aedificium Ordinis, scilicet moribus bonis et scientia, parietem scientiae fecerunt fratres ultra coelos et coelestia sublimem, in tantum, ut quaererent an Deus sit.
1) An der Spite der summa theologiae des Thomas ftsht p. I quaest. 2 de Deo, an Deus sit (quaest. 1 behanbelt nur ben Begriff der chriltlichen Wiſſenſchaft); im dritten Artikel derſelben werden fünf Einzelbeweiſe gejondert: aus der Bewegung, aus der Berkettung der Urſachen und Wirkungen, aus Grund Hiervon in der Lage ber Naturwifienichaften. 389 Die Phyfit der Erde war in den erften Anfängen geblieben und wurde nicht auf die Erklärung der Phänomene der Geftirn- welt angewandt, weder die Hilfämittel der Rechnung noch die Kunſt des Inſtruments jchlugen eine Brüde von den Ereigniffen auf der Erde zu denen jenjeit3 im Weltraum, die Schwere wurde ala eine - terreftrifche Thatſache aufgefaßt, Veränderungen waren noch an feinem Punkte ala jenjeit3 der irdiſchen Atmoſphäre im Weltraum vorhanden nachgewieſen, und diefe Sonderung der Welt himm- Iiicher Körper von der unter dem Monde wurde zu einer vor- ſtellungsmäßigen, räumlichen Vergegenwärtigung des großen Ge- genſatzes benubt, in welchem das Chriftentfum allen irdiſchen Wandel und alle irdifche Unvollfommenheit dem gegenüber erblickt, was nicht von dieſer Welt ift. Die Bedeutung dieſer aftrono- mijchen Trandfcendenz für den Geift des mittelalterlichen Menjchen zeigt Dantes kosmiſches Gedicht, deſſen drei Theile nicht zufällig, ein jeder in anderer Wendung, mit einem anderen Ausblick auf den Sternenhimmel jchließen, der lebte mit den berühmten Worten: l’amor che muove il sole e l'altre stelle.
Der Schluß felber ging von der Gleichförmigleit der Be- wegungen am Himmel und ihrer Zweckmäßigkeit, vermittelft deren der ganze Haushalt der irdiichen Welt bis zum Menſchen hinauf geregelt wird, auf eine vollfommene und geiftige Weſenheit. Er berubte bei den meilten Scholaftifern auf der aftronomi- ſchen Konftruftion, die fie in ihrem Ariftotele® fanden, feltener auf der, melde fie aus Ptolemäus jchöpften. Bald bediente diefer Schluß fich des Hilfsfabes, den Anaxagoras, Plato und Ariftoteled anmwandten, daß jede Bewegung eined Sörperd im Raume eine Bewegungsurſache außerhalb deſſelben vorausſetze, bald der Unterjcheidung der Bewegungen auf der Erde, welche gradlinig find und in einem Ziele zur Ruhe fommen, von denen — dem Verhältniß des Möglichen, das ſein kann, doch nicht zu fein braucht, entſteht, ſich verändert und vergeht, zu dem Nothwendigen (der ſpätere Be⸗ weis a contingentia mundi), aus dem Verhaͤltniß der Grade in den Dingen zu einem Abſoluten, aus der Zweckmäßigkeit. Hiermit vgl. Duns Scotus in sent. I dist. 2 quaest. 2.
390 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt.
am Himmel, die kreisförmig und kontinuirlich find und ſonach auf ein intelligente® Prinzip von unendlicher Kraft zurückweiſen. Er kann jo gut bei Albertus Magnus ala bei Thomas, bei Bona= ventura ala bei Dund Scotus gefunden werden‘). Während ihm Strenge Evidenz zugejchrieben wurde, ift von den meilten Theologen Probabilität für die Annahme in Anſpruch genommen worden, daß die Gottheit durch geichaffene Geifter übermenfchlicher Art diefe Bewegungen am Himmel bewirfe, und die Zahl der beivegenden Engel durch die der bewegten Sphären beftimmt werden könne. Die Engellehre wurde auf Grund der ariftoteliichen Theorie mit der aftronomischen Weltanficht verfnüpft, und es waren daher auch Hier ſchließlich pſychiſche Beziehungen, welche ftatt eines mehanilhen Naturzufammenhangd den lebten Erklärungsgrund für die Bervegungen im Kosmos darboten. Die herrfchende europäische Metaphyſik fuhr fort, einen mythiſchen Willenszuſammenhang piychiicher Kräfte als Iekten Er- Hörungägrund des äußeren Weltzufammenhangs feſtzuhalten.
Auf der Erde wurde an den organischen Wejen eine Zweck⸗ mäßigfeit nachgewiejen, welche auf Gott zurückleitete. Dieſen Schluß ftattete Albertus Magnus, welcher auch hierin dem Arifto= tele8 bejonder3 nahe Stand, mit dem größten Beweismaterial aus. „Dur die Weile und das Maß feines Seins, durch das jpezi- fiiche Weſen, das ihm in der Reihe der übrigen Gelchöpfe die be- ftimmte Stelle anweift, durch das Gewicht oder die Ordnung, in welcher es nach feiner Verwerthung mit den anderen in Harmonie ift und auf die Verwirklichung des Weltzwecks Einfluß übt, be= weist das Gejchaffene fichtlich die Macht eines mächtigen, weiſen und gütigen Urhebers“?).
1) Albertus Magnus de causis et processu universitatis lib. I tract. 4 c. 7. 8. lib, II tract. 2 c. 35-40. Zhoma3 contra gentil. III c. 23 sq. Bonaventura in lib. II sententiarum, befonders dist. 14. p. 1 (die Bor: außfegungen des Schluffeg am beutlichiten art. 3 quaest. 2: an motus coeli sit a propria forına vel ab intelligentia),, Duns Scotus qu. subt. in met. Arist. lib. XII q. 16—21.
D. befond. Form b. Schluffes entipr. d. Naturbegriffen jed. Zeitalters. 39] Der Beweis für das Dafein Gottes aus dem gedanfen- mäßigen Zuſammenhang der Vorgänge im Weltganzen bat una von Anaxagoras ab begleitet. Und zwar haben die Mittelglieder gewechſelt, durch welche in ihn aus der Anſchauung der Welt auf die dee Gottes geichloffen wird. Denn fie wurden in einem jeden Zeitalter durch diejenigen Begriffe von dem Zuſammenhang ber Natur gebildet, welche der Stand der pofitiven Willenjchaften entwidelt hatte. Die Funktion dieſes Beweiſes in dem Körper der Metaphyſik einer Epoche ift alfo abhängig von der zu derfelben Zeit entwidelten Naturanficht. Dieſes Grundverhältniß hat Kant's ungejchichtlicher Geift verfannt, wie er denn überhaupt den ver- geblichen Verſuch machte, eine Metaphyſik an fi) aus den Syſtemen zu ziehen, dabei aber in der Regel ſich begnügte, die wolffilchen Kompendien dur Machtipruch für diefe Metaphyſik an fich zu erllären. In Wirklichkeit Hat jede Yorm des vom Kosmos auf deffen Bedingung zurüdgehenden Beweijes für eine vernünftige Welturſache nur einen relativen Erfenntnißtverth, nämlich in ihrer Relation zu den anderen Naturbegriffen eines Zeitalters; und auch die vollftändige Begründung, weldhe nur im Zujammenhang des Syſtems jelber fich vollzieht und welche den für fich ganz unzureichenden kosmologiſchen Schulbeweis mit dem phyſiko⸗theo⸗ Iogijchen verbindet, hat feine hierüber hinausreichende Tragweite. Sie kann nur zeigen, daß unter Vorausſetzung der Begriffe, welche der Erklärung der Wirklichkeit in einer gegebenen Zeit zu Grunde gelegt werden, der Rüdgang auf eine erjte, zweckmäßig wirkende Urfache nothwendig if. Der Begriff Gottes ift in ihr nur ein Glied in dem Syſtem der Bedingungen, welches den Phänomenen zu ihrer Erklärung auf einer beftimmten Stufe ber Erkenntniß zu Grunde gelegt wird, und die Unenibehrlichkeit dieſes Gliedes ift abhängig von der Beziehung der Annahme auf andere Schon vorhandene Annahmen. So bedurfte Newton neben der Gravitation eines Anftoßes, er bedurfte eines Grundes für die Zweckmäßigkeit in den Abmeſſungen der Verhältnifie der Planeten- bahnen; hierbei war die Gravitation nur ein Augdrud für einen Theil der Bedingungen, und der Gott, deſſen er neben ihr zu be⸗