SigPhi · Wilhelm Dilthey

Einleitung in die Geisteswissenschaften

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dürfen erklärte, war ebenjo nur ber Außdrud für einen anderen Theil diefer Bedingungen, die unter-Annahme von Materie, Raum, Zeit, Urſache, Subftanz zur Erklärung der Wirklichkeit ihm noth— wendig erſchienen. Sonach ift ein firenger Beweis für das Dajein Gottes von dem Kosmos aus fo lange unmög- lich, ala nicht die objektive Gültigfeit eines abgeſchloſſenen Syſtems von Naturbegriffen ihm zu Grunde gelegt werden kann. — Wir heben einzelne Bedenken noch bejonder hervor. Ein ſolcher Beweis ftünde unter der Vorausſetzung der Anwendbarkeit des Kaufalbegriffs auf den Weltzufammenhang; wie ſchon mittel- alterliche Philoſophen feftitellten, wilrde er nicht geftatten, auf einen Weltichöpfer zu fchließen, fondern nur, nach Kant's Aus— drud, „auf einen Meltbaumeifter, der durch die Tauglichkeit des Stoffes, den er bearbeitet, immer jehr eingeichräntt wäre”; er würde nicht über eine der erfannten gedantenmäßigen Einheit proportionale Urſache Hinausführen,, und Schritt für Schritt Haben ſich in der neueren Zeit die Naturbegriffe über diefe gedankenmäßige Einheit fo geändert, daß der Zwang des Schluffes auf ein jelbftändiges, von der Welt unterjchiedened perſönliches Weſen aufhörte.

Don jedem ſolchen einzelnen Beweis verjchieden ift das ihnen allen zu Grunde liegende Bewußtſein von Gedantenmäßigteit, welches mit der Betrachtung der Bahnen und Abmefjungen der Geftirne, jo= wie der Formen der organiſchen Welt verfnüpft ift: diejes drückt nur aus, daß wir über und hinaus in ein dem menschlichen Gedanken Analoges, ihm in der Welt Entiprechendes bliden. Es ift Die eine Seite des unvertilgbaren Gottesbewußtſeins der Dtenjchheit, und wie es die einzelnen Beweile bervorbringt, bleibt es beftehen, nachdem jie aufgelöft find, aber für fich enthält es nicht die Ge— wißheit eines von der Welt unterjchiedenen perfönlichen Weſens?).

Es giebt neben diefer Schlußart nur Eine andere, welche wir ala die pſychologiſche bezeichnen. Sie hat in der Analyfis der inneren Erfahrung ihren Ausgangspunkt; hier findet fie pfy- 1) Die Vorausſetzung der Schlüffe aus der Welt auf einen von ihr unterjchiebenen Gott, daß ein regressus in infinitum unmöglich fei, ift von Occam aufgelöft worben.

Die andere Schlußart ift die aus der inneren Erfahrung. 3093 chologiſche Beitandtheile zu einer lebendigen und perjönlichen Ueber- zeugung verbunden, welche unabhängig von aller Naturerfenntniß den Frommen des Dafeind Gottes verfichern. So führt bie freie und der Aufopferung des eignen Selbit fähige Moralität eines Weſens, welches ſich doch nicht als feinen eigenen Schöpfer zu betrachten vermag, dafielbe über alle Naturbegriffe hinaus und legt ala ihre Bedingung einen göttlichen Willen. Die Art, wie wir die Bergänglidhfeit in ung fühlen, alddann den Irrthum fowie die Unvollkommenheit deflen, was wir find, ſchließt, pſychologiſch angelehen, in fich, daß ein Maßſtab für und da ift, welcher über die Alles hinausreicht; käme diefem Maßftab feine Realität zu, dann wäre das Gefühl von Unvollkommenheit und Schuld eine leere Sentimentalität, die die Wirklichleit an unmirf- lichen Gedantenbildern meſſen würde. Das lebendige Bewußt- fein der ſittlichen Werthe fordert, daß fie nicht ala Nebenerfolg des Naturzuſammenhangs im Bewußtlein aufgefaßt werden, fondern ala eine machtvolle Realität, auf welche die Geftaltung der Welt Bingerichtet und welcher in der Weltordnung der Sieg gefichert iſt. Hatte dad antife Denken die in dem Beweis aus der einheitlichen Gedantenmäßigfeit de Kosmos entwidelte Seite unjerer meta- phyſiſchen Befinnung zur Darftellung gebracht, jo richtete ſich das hriftliche vornehmlich auf diefe andere Seite derſelben, die Tiefen unſeres Selbſt durchmefjend und die Erfahrungen des Willen aufrichtig im Innern zu vernehmen bemüht. Wol hat dad Chriften- thum in dem monotbeiftifchen &rgebniß der antiten Wiſſenſchaft des Kosmos feine gefchichtliche Vorausfeßung und in dem Bewußt⸗ fein der Gedankenmäßigfeit des Weltganzen einen bleibenden Be— ftandtheil feines Gottesgedankens; aber die Gewißheit Gottes, der für es mehr als eine intelligente Urſache ift, Tiegt ihm in erfter Linie in den Erfahrungen des Gemüths und des Willen?, und die ganze Kiteratur der Väter und des Mittelalters ift von Schlüfjen aus diejen inneren Erfahrungen auf das Dafein Gottes durchzogen, unter denen die drei oben angegebenen bejonderd hervortreten!).

1) Aus dem großen Material können feine einzelnen Belege heraus⸗ gehoben werden. Thomas verweift ausdrüdlich diefe Begründung nur darum 394 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.

Wie fo Vieles im Mittelalter ſymboliſch ift, war damals diefer Bufammenhang der fittlihen Ordnung in Gott an der Hierarchie fichtbar, in welcher Gnade und Gewalt von Gott abwärts floßen; jedes Mebopfer ließ die Gegenwart Gottes im Dieſſeits gewahren. Was fo dem Frommen auf jubjeltive und perjönliche Weiſe gewiß war und Kirchenväter wie mittelalterliche Schriftiteller in unzähligen Formen frei und perjönfich ausgeſprochen haben, das wollte die chriſtliche Metaphyſik auf einen für Alle zwingenden Schluß bringen. Und ziwar hat dieje piycholo= giiche Begründung die am meiften abftrafte begrifflicde Fafſung in dem ontologifchen Beweis erhalten. Anſelm ſetzte fich die tief- gedachte Aufgabe, eine Begründung Gottes zu finden, welche die Exiſtenz und Beichaffenheit der Welt nicht zur Vorausſetzung habe. Gr leitete aus dem Begriff Gottes durch logiſche Analyſis die Einficht in fein Dafein ab. Die Unhaltbarkeit des jo entitehenden ontologifchen Beweiſes ift von Gaunilo bis Thoma von Aquino und von diefem bis Kant überzeugend gezeigt worden; nicht in dem abftraften Begriff Gottes, fondern in dem lebendigen Bufammenhang des Gottesgedankens mit ber Totalität des plychiichen Lebens ift eine von der Wiflenichaft des Kosmos un= abhängige Gewißheit Gottes begründet. Diejer lebendige und natürliche Zuſammenhang ift in dem früheren Beweis Anſelms angemefjener ausgedrückt; Hier wird ala Grundlage unjeres Bes wußtleind von verjchiedenen Graden des Guten und Vollkommenen das eines höchſten Gutes, einer unbedingten Vollkommenheit aufs gezeigt. So wird auf Gott ald das höchſte Gut geichloflen, im Unterfchied von dem Schluß auf ihn ala intelligente Urjache?).

aus jeiner Beweisführung, weil fie feine allgemeingültige Yaflung geitattet, summa theol. p. I quaest. 2 art. 1. Der Fortgang vom Streben nach dem höchſten Gut zu der Behriedigung in Gott wird in ber Regel im Mittel» alter nach Auguftinus (vgl. S. 833) dargeſtellt; an ihn fchließen fich die Myſtiker, unter denen fon Hugo von St. Viktor den Yeweiß aus ber Welt von ber Begründung aus dem religidjen Erlebniß untericheidet.

1) Die Vorausſetzung de3 ontologiichen Beweiſes, welcher aus dem esse in intellectu für das Weſen, quo majus cogitari non potest, da® esse Ration. Piychologie zweiter Beitandth. db. Begründ. d. tranzic. Welt: 395 Dem moraliſchen Beweis hat bekanntlich Raymund von Sabunde eine ziwingende Form zu geben verjudht.

Do waren alle Verſuche, dem Zuſammenhang der inneren, beſonders fittlihen Erfahrungen mit dem Gottesglauben die Form eined metaphyfiichen Beweisverfahrens zu geben, von einer ebenfo vorübergehenden Bedeutung, als da3 Unternehmen, aus dem Kos⸗ mos einen perfönlichen Gott zu erichließen. Denn die Elemente der inneren Erfahrung, aus deren Analyfi3 diefe Verſuche folgerten, find einer allgemeingültigen Darftellung nicht fähig. Ahr Gegenftand ift eben praftiiche Religion, und dieje ift perjönliches Leben. Ya dieſer praftiiche Glaube ift Jo unabhängig von feiner theoretifchen Darftellung, daß ein Menſch Gott gleichjam zu leben vermag, deijen intelletiuelle Lage ihm das Schickſal, Gott zu bezweifeln, auferlegt hat. Daher erfannte der praftiiche Glaube erft im Proteſtantismus, ala die Metaphuyfit des Mittelalters ſich aufgelöft hatte, die wahre Beſchaffenheit feiner Gewißheit.

Bon der rationalen Theologie, dem Mittelpunkte des mittelalter- lichen Dentens überhaupt, wenden wir und zur rationalen Pſychologie.

Sie empfing bereits von den Metaphyſikern aus der Zeit des Kampfes zwiſchen Chriſtenthum, Judenthum und griechiſch-römiſchem Götterglauben ihre dauernde ſyſtematiſche Geſtalt. Es iſt dargelegt, wie die Erfahrungen des Herzens, das Studium des Seelenlebens in den erſten Jahr⸗ hunderien nach Chriſtus in den Vordergrund traten. Schon das Ueberwiegen des Privatlebens wirkte in dieſer Richtung. Als⸗ dann lenkte die Imperatorenherrſchaft alle Blicke der römiſchen Geſellſchaft mit athemloſer Spannung auf Einen Mann, und man et in re erſchließt, iſt am deutlichſten in Anſelms apologeticus c. 1 u. 3. — In dem früheren Beweis Anſelms iſt beſonders der Satz im monologium c. 1 beacdjtenäwerth: quaecunque justa dicuntur ad invicem, sive pariter sive magis vel minus, non possunt intelligi justa nisi per justitiam, quae non est aliud et aliud in diversis. An bies frühere Be: weisverfahren Anjelm’s fchließt fich der vierte Betweisgrund des Thomas summa theol. p. I quaest. 2 art. 3.

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bemerkt an Tacituß, welche Veränderung nunmehr das hiſtoriſche Sehen erfuhr; feine Seelengemälde der Kaiſer find der Ausdrud der veränderten Intereſſen der Geſellſchaft. Tiefere Beweggründe traten hinzu; die Sehnfucht nach der Unfterblichkeit ift der Grund« zug des alternden Heidenthums. Die Grabinjchriften jener Zeit zeigen, daß die Vorftellung eines kraftloſen Traumlebens in der Unterwelt nun gänzlich zurüdtrat Hinter die Erwartung eines höheren Lebens. „Ihr hochgelobten Seelen der Frommen,“ heißt ed in einer ſolchen Grabinichrift, „Führet die ſchuldloſe Magnilla durch die elyfifchen Haine und Gefilde in eure Wohnungen.” Das Märchen von Amor und Piyche, die beliebt werdende Dar- ftelung der Piyche unter dem Symbol des Schmetterlinga find Sinnbilder diefer Sehnſucht. Miyfteriendienfte wieſen die Wege, auf welchen dies inbrünftige Verlangen das Herz der Gottheit ſuchte. Boetins’ ſchönes Werk „über den Troft der Philofophie“ bat den letzten Ausblick in der Zuverficht: wenn die Seele guten Gewiſſens, aus dem irdiſchen Gefängniß erlöft, nun frei dem Himmel zuftrebe, dann werde alles irdiiche Thun ihr ala Nichts ericheinen, vor dem Genuß der Freuden des Himmeld. Das Herz der Kriftlichen Literatur der erften Jahrhunderte ift das Gefühl von dem unendlichen Werthe der moraliichen Perſon vor Gott. Die Grundlegung der Lehre von einem Reiche ewiger individueller Seelenfubftanzen ift nur der wiſſenſchaft— lide Ausdruck diefer Veränderung des Seelenleben2.

Nun erhebt fich über den Horizont der metaphufiichen Beſinnung die Geilterwelt und ihr Reich. Der literariide Ausdruck diejer Thatjache liegt in den Stylformen von Meditationen, Soliloquien, Monologien, und der einjame Verkehr des Geiftes mit fich felber it nun der tiefe Quellpunkt des willenjchaftlichen Denkens. Plotin, der reinfte und edelfte Vertheidiger des mit dem ChriftentHum im Todeskampfe ringenden Heidenthums, zeigt in jeinem Syſtem die Gemüthäverfaflung der neuen, dem ächten griehiichen und römischen Leben ganz fremden Zeit. War doch Ammoniu3, jein Lehrer, in dem neuen Seelenleben der chriftlichen Gemeinden aufgewachſen. Wenn nun die unfichere Neberlieferung Der einzige ſtrenge Beweis einer Seelenſubſtanz von Plotin entwidelt. 397 noch erkennen läßt, daß ſchon Ammonius die Immaterialität der Eeele zu erweifen unternahm), jo finden wir bei Plotin diejen Beweis zu einer vollftändigen Metaphyfit des Seelenlebens ent- wickelt, welche fich gegen die Theorien der Epilureer und Stoifer wende. Mit ihm berührt fi an manchen Punkten Origened in feiner Schrift über die Prinzipien, er löft für die im Kampfe mit den Gnoftifern begriffenen chriftlichen Gemeinden diejelbe Auf- gabe, wie Plotin für die heidniſche Welt.

Plotin erweist durch eine lange Reihe von Gründen, daß bie Eeele ald ein immaterielles Weſen eriftirt. — Wir heben zunächft das folgende Argument hervor: das Erkennen ift außer Stande, aus den Berhältnifien Törperlicher Elemente zu einander einen geiftigen Thatbeſtand abzuleiten, keine Zufammenjegung macht dag Hervortreten von Bemwußtjein, das in den Komponenten nicht vor⸗ handen war, erflärlih; dem Vernunftlofen kann durch Feine Kunſt Bernunft abgemonnen werden?)., Dieſe Berweisführung hat nur die Tragweite, piychiiches Leben ala eine für unfer Erkennen von dem materiellen Thatbeitand ganz unterfchiedene, nie auf ihn zu⸗ rüczuführende Thatfache aufzuzeigen’). — Aber Plotin geht in diefem Zuſammenhang zu demjenigen Beweis fort, welcher in der europäilchen Metaphyſik die erfte Stelle behauptet Hat. Er war bei Plato und Wriftoteleg vorbereitet. Plato hatte mit tiefem Blicke hervorgehoben: wenn wir im Stande find, das in verjchiedenen Sinnen Gegebene zu vergleichen, Aehnlichkeit oder Unähnlichkeit außzufprechen, dann kann das nur in einem von den Sinnedorganen Berfchiedenen, in der Seele jelber geichehen *). Dann hatte Ariftoteles erlannt, daß ein Urtheil: ſüß ift nicht weiß, unmöglich ift, wenn dieſe Empfindungen an ver- — 1) Nemefiuß de natura hominis c. 2. 3.

2) Plotinu® Enn. IV 1.7 p. 456 ff., gegen bie Epikureer (p. 457), einige Peripatetiter (p. 458) und die Stoifer (p. 458 S.) gerichtet und ein vortrefflicher Nachweis der Unmöglichkeit einer Ableitung piychiicher Thatſachen, wenn diejelben nicht jchon in ben Erklärungsgründen vorausgeſetzt find.

4) Plato Theaet. 185 ff.

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Ichiedne Subjekte vertheilt werden und nicht vielmehr in demjelben Subjelt zujammen beftehen ).. Plotin unternimmt allgemein zu beweilen: wäre die Seele materiell, aladann könnte weder Wahr⸗ nehmung noch Denken oder Willen oder das Sittliche und Echöne vorhanden fein. Soll etwas, jo jchließt er hierbei, ein andered wahrnehmen, jo muß es eine Einheit fein; wenn die ein= tretenden Bilder, vermöge der Mehrheit der Sinnedorgane, ein Mannichfaches find, ja innerhalb des Empfindungskreiſes Eines Sinnedorgand ein Mannichfaltiges in fich Ichließen, jo müflen fie durch eine mit ſich jelbft idventifche Einheit zum Gegen— ftand verbunden werden; die Einnedeindrüde müffen in einer untheilbaren Einheit ji) begegnen. Er drüdt es in einem zu⸗ treffenden Bilde jo aus: die Wahrnehmungen müflen von der ganzen Peripherie des Sinneslebend her wie Radien eines Kreiſes in dem untheilbaren Mittelpunft des Seelenlebens zujammentreffen. Andern Falles würden innerlich viele Wahrnehmungen neben ein= ander entftehen, denn Theil A der materiellen und ausgedehnten Seele würde feine Eindrücde für ſich haben, ebenfo B und C; dies wäre alſo jchließlich fo, ala ob ein Individuum A und neben ihm ein Individuum B wahrnähme. Sind wir ferner im Stande, zwei Eindrücde unter einander zu vergleichen, von einander zu unter|cheiden, dann ſetzt bie voraus, daß fie in einer Ein = beit aneinandergehalten werden. In diefem wie in an« deren mehr untergeordneten Beweiſen ift der große Sag von der Unvergleichbarfeit der Leiſtung des Bewußtſeins mit dem, mad wir als Vorgang den Veränderungen in der Außenwelt zu Grunde legen, von Plotin ganz vollftändig durchgedacht worden. Dieſer Cab Hatte freilich irrthüimlicher Weiſe für ihn eine pofitive metapbufilche Beweidkraft; aber eine folche ift demſelben auch in der ganzen weiteren Entwidlung bis auf Leibniz, Wolff, Mendelsfohn, ja Lotze hin beigelegt werden; während er in Wirklichkeit nur einen negativen Werth, gegenüber jeder Art von materialiftifcher oder ogenannter moniftijcher Metaphyſik hat?).

1) Ariftotele3 de anima III, 2 p. 426b 15. 2) Plotinus Enn. IV 1.7 p. 461 ff. Bemerkenswerth aud) das parallele Auguftinus fügt eine erfenntnißtheoretiiche Unterlage hinzu. 399 Diefe Begründung der Lehre von feeliichen Subftanzen ift von Auguftinus durch feinen erkenntnißtheoretiſchen Geſichtspunkt vertieft und befeftigt worden. Er erklärt: „ich wage zu behaupten, daß ich in Bezug auf die Immaterialität der Seele nicht nur glaube, jondern ein ftrenges Willen habe” '). Sein Wiſſen ſahen wir?) darin gegründet, daß die ganze Erfenntniß der Außenwelt dem Skepticismus, der auf dieſe Erfenntniß fich bezieht, erliegen muß, dagegen die Selbftgewißheit in der inneren Erfahrung aufgeht. innere Erfahrung wird von ihm ala ein Willen erkannt, in dem und bereit3 das ganze Seelenleben gegeben ift, wann die Abſicht anftritt, deſſen Weſen zu erkennen. Der fpezifiiche Unter- ichied diefer inneren Erfahrung von aller Erkenntniß des äußeren Naturlaufs wird ausgeſprochen und die Inferiorität dieſer leßteren für den Erfenntnißzufammenhang wird durchſchaut. — Und zwar zeigt der „Inhalt der inneren Erfahrung auch dem Auguftinuß die Unvergleichlichteit de3 geiftigen Leben mit dem Naturlauf und ſonach die Unmöglichkeit einer Zurüdführung der geiftigen auf materielle Borgänge. Das geiftige Leben kann nicht al Qualität an dem Subjeft Körper aufgefaßt werden, denn man kann nicht die Leiftungen des geiftigen Lebens auf die eines materiellen Ganzen zurüdführen. Insbeſondere unterfcheidet den Geift, daB er in jedem Punkte des Körperd ganz gegenwärtig ift und die Empfindungen der Sinne zum Gegenftande des Bewußtſeins, ber Vergleihung und des Urtheild zu machen vermag?).

Die von den Neuplatonifern und dem an fie fich anjchließen- den Auguftinus begründete Metaphyſik der Seelenſubſtanzen ift Argument aus dem finnlicden Gefühl p. 462. Tenkt man fich die einzelne Stelle, an welche ich den Schmerz verlege, ihn empfindendb und eine Mittheis Yung dieſes Zuſtandes flattfindend, dann würben wir ben Schmerz aller in Mitleidenichaft gezogenen Stellen, alfe ein DVielfaches, fühlen. Geringer die Beweisführung aus dem Denken, der Zugend ꝛc. — Ueber ben nur nega= tiven Werth de3 Schluſſes vgl. S. 11ff. 487 f.

1) Auguſtinus de Gen. ad litt. XII c. 38.

3) Belegftellen aus Auguflinus habe ich S. 332 angegeben, die Haupt: darlegung war im erften Buche de libero arbitrio.

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dann von den mittelalterlihen Philoſophen ausge— baut worden. Diefelben fchließen ſich an neuplatonijch gefärbte Quellen fowie an Auguftinus an und folgern aus der Beichaffen- heit geiftiger Vorgänge, daß dieſe nicht aus der Materie abgeleitet oder in irgend einem Sinne ala materiell aufgefaßt werden können '). Sie gehen in allen ftrengeren Beweilen für die Un— fterblichkeit von der Vergleichung der Leiftungen des piychiichen Lebens mit den Eigenjchaften eines Räumlichen und Körperlichen aus, folgern jo den Beſtand einer Seelenjubitanz, und aus diefem erſchließen fie die Unfterblichkeit. Wird die Beweisführung inZbe- ſondere durch die arabiichen Peripatetifer feiner und mannig= faltiger entwickelt, jo wird doch zugleich ihr Ausgangapunlt auf eine für die Beweiskraft nachtheilige Weile verjchoben. Man geht nicht von den Thatjachen des Wahrnehmen und Vergleichend, ſondern von denen einer abitrakten Wiſſenſchaft und der in ihr gegebenen all⸗ gemeinen Begriffe aus. Dies kann an den wichtigiten der arabilchen Beweiſe feſtgeſtellt werden, welche in der außgezeichneten Darftellung der Destructio destructionum bei Ibn Rojchd zufammengeftellt find. Der Hauptgrund ift hier: die abſtrakte Wiſſenſchaft ift untheilbare Einheit und kann ſonach nur einem Subjelt zufommen, das ebenfall3 untheilbare Einheit iſt—). Im Abendlande kehren diejelben Gründe wieder, e8 muß eine untheilbare Seelenjubitanz geben, das Untheilbare ift aber unzerftörbar *). Sie wurden dann durch foldhe von einem anderen Charakter ergänzt‘). Die fittliche 1) Thomas contra gentil. II c. 491. p. 197 ff.

2) Uverroed destructio destructionum II disputatio 2 und 3 fol. 135 n ff. 145 c ff. (Ven. 1562). Das Hauptargument in ber ihm von Ibn Sina gegebenen Geftalt findet fi) in den Gegenbemerfungen des Ibn Rojchd zu der ratio prima für die immaterielle Seelenfubftanz be: fonderd angegeben. Weitere Beweiſe Schließen aus der Undenkbarkeit defien, was aus der Annahme folgen würde, ein KHörperorgan 3. B. dad Gehirn denke; aladann wäre 3. B. ein Willen von unfrem Wiffen unmöglich. — Eine jehr korrumpirte Zufammenftellung der bei den Arabern gewöhnlichen Be: weite findet fich in bem Brief bes Ibn Sab'in an den Kaiſer Friedrich den Zweiten, der auch ragen bes Kaiſers über Unſterblichkeit beantwortet.

3) So Thoma contra gentil. II c. 49—55 p. 197 ff.

4) Dieſe Hlaffe von Argumenten gut zufammgefaht bei Bonavdentura in lib. II sententiarum dist. 19 art. 1 quaest. 1.

Das Mittelalter bildet ihn fort. 401 Ordnung fordert Strafen, dieſe treten aber im Dieffeit3 nicht regelmäßig ein; wir finden in una ein natürliches Streben nach Glückſeligkeit und dieſes muß zur Befriedigung gelangen; aus bem teleologifchen Zujfammenhang der Welt in Gott folgt, daß bie Schöpfung in ihr Prinzip zurückkehren muß, und wie fie von dem göttlichen Intellekt ausging, erreicht fie in geiftigen Weſen ihren Abſchluß ).

Die Beweiskraft des Schluſſes auf den Beſtand immaterieller Subſtanzen iſt während des Mittelalters unerſchüttert geblieben. Denn die dogmatiſchen Naturbegriffe der mittelalterlichen Meta⸗ phyſiker boten ein Fundament für die Folgerung auf ein von der Natur unterſchiedenes Geiſtige. Dagegen iſt der weitere Schluß auf die individuelle Fortdauer der Einzelſeelen ſchon von mittelalter⸗ lichen Denkern als unhaltbar erkannt worden. Wie im Morgen- lande Ibn Roſchd die individuelle Unſterblichkeit in Frage ftellte, ſo gingen auch im chriſtlichen Abendlande Amalrich von Bena und David von Dinanto, wahrſcheinlich unter dem Einfluß arabiſcher Lehren, zur Leugnung der perſönlichen Fortdauer fort. Und zwar zogen fie die Konfequenz ber Vernunſtwiſſenſchaft, wenn fie in bem Sein, dad dem höchſten Begriff entipricht, bie Diffe- renzen ber Gattungen, Arten und Individuen gleichfam nur ein- gezeichnet vorftellten und jo jedes Einzeldafein ihnen nur die vor⸗ übergehende Modifilation derjelben Subſtanz war. Und Duns Scotuß bedient ſich zwar einer der oben bdargelegten verwandten Betrachtungsweiſe, um jede Art materialiftifcher Vorſtellung abzu⸗ wehren, aber er erkennt bereit3 nicht mehr ar, daß die individuelle Fortdauer aus ihr folge 2).

Das Mittelalter hat, entiprechend feinem geringeren Intereſſe für die wiflenfchaftliche Durchbildung der Begriffe von der Wirk- 2) Ueber Amalrich von Bena und David von Dinanto Haureau histoire d. 1. phil. scol. I, 1 p. 73 ff, vgl. oben S. 386 |. — Die wichtige Befireitung ber Beweisbarkeit perfönlider Fortdauer, wie fie Duns Scotu3 in die hriftlicde Scholaftil einführte, vgl. bei Duns Scotus reportata Paris. ]. IV dist. 43 und die entſprechende Darftellung in sent.

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lichkeit, das Syſtem der kosmologiſchen Säße nur höchſt un— vollkommen entwickelt, und was es dem Erwerb des Alter⸗ thums zufügte, war ein aus dem Intereſſe an der transſcendenten Welt ſtammendes Problem. Denn die Antinomien, welche die Kritik der Eleaten, Sophiſten und Skeptiker in der Weltvor- ftellung aufgezeigt hatte, wie räumliche Endlichkeit und räumliche Unendlichkeit, Etätigfeit der äußeren Wirklichkeit und Zerlegbarkeit in diskrete Theile, wurden nun vergeſſen oder die Schärfe ihrer Begriffe wurde abgeftumpft. Dagegen trat diejenige hervor, welche den Angelpunft aller Kämpfe des jpäteren Mittelalters um Die veritandegmäßige Begründung der chriftlichen Gottegidee bildet. Dies ift die Antinomie zwilchen dem Theorem von der Ewigkeit der Welt und dem von ber Schöpfung d. h. dem Urſprung der Melt in der Zeit aus dem bloßen Willen Gotted. Die Yolge- richtigfeit des Weltzufammenhangs nad) den der Außenwelt an- gehörigen Berhältniffen der Bewegungen zu einander, deren Re— präjentanten Ariftoteled und Ibn Roſchd, der Ariftoteles der Araber, waren, fand fi in Widerjpruch mit der chriftlichen Glaubenswelt, und dies war der wichtigite Theil des ſogenannten Kampfes zwiſchen Glaube und Unglaube im Mittelalter.

3. Innerer Widerfprud der mittelalterliden Metaphyfil, der aus der Verknüpfung der Theologie mit der Wiſſenſchaft vom Kosmos entjpringt.

Charakter der fo entftehenden Syiteme.

Aus der Vereinigung zweier Ströme, deren einer in Europa entjprungen tvar, der andere im Morgenlande, ift die mittelalter- liche Metaphyſik hervorgegangen. Indem fie in diefem Stadium ihre Aufgabe vollftändiger umfaßte, machte fi in ihr die An tinomie zwiſchen der inneren Erfahrung und dem Vorftellen, dem Erkennen viel gründlicher als vorher geltend. Dieje Antinomie ericheint nun ala MWiderfpruch zwijchen dem Bufammenhang ber Natur, deren Begriff von der äußeren Wahrnehinung aus feft- geftellt wird, und der moraliſch-religiöſen Weltordnung, deren Charakter der mittelalterliden Metaphyſik. 403 Gewißheit von den inneren Erfahrungen bes Willens aus in ber Menfchheit entftanden ift und ungerftörbar aus ihnen immer neu hervorwächſt. Die Antinomie war auf dem Standpunkt der natür- lichen Weltanficht, wie ihn Ariftotele8 begründet Hatte und bie Scholaſtik einnahm, nad) welchem die eine wie die andere Welt- ordnung ein objektiver Zuſammenhang ift, unauflösbar. Bald bewirkte fie die Ausbildung von Sat und Gegenſatz in den ver- ſchiedenen Schulen, bald arbeitete fie in den einzelnen Syſtemen Telber, diefelben durch Widerjprüche zerfeßend. Sie gejellte ih nun zu den Wiberfprüchen, an denen die Wiffenfchaft vom Kosmos und die Theologie bereits litten, und jo trat der allgemeine dur) An— tinomien beftimmte Charakter der mittelalterlichen Metaphyſik immer klarer hervor. Er äußerte fich in der Form ihrer Darftellung und löfte jedes Syftem in Quäftionen auf, in denen Sat und Gegenſatz fich an allen Stellen befämpften. Und der Hauptwiderſpruch kam an ganz verfchiedenen Punkten bes mittelalterlichen Syſtems wie ein geheimer Schaden im Blute zum Vorſchein, in dem Streit zwilchen dem Willen Gottes und feinem Veritande, zwiſchen der ewigen Welt und der Schöpfung aus Nichts, zwiſchen den ewigen Wahrheiten und der Delonomie bes Heild. Ya er erftredte fich in feinen Wirkungen jchließlich in Die Konfteuftion des großen gejellichaftlichen Dualismus der mittel- alterlichden Welt.

Antinomie zwiſchen der VBorftellung des göttlichen Intellekts und der Vorftellung de3 göttlichen Willens.

Die Metaphyſik als Vernunftwiſſenſchaft, wie fie in Arifto- tele ihren Abſchluß gefunden, Hatte die Gottheit ald „Denken des Denkens“ beitimmt. In Ariftoteles verkörperte ſich für das Mittelalter die Theft, nach welcher die Welt, wie fie in ber äußeren Erfahrung gegeben ift, einen dem Denken angemefjenen Zufammenhang bildet, welcher als Gedankenmäßigkeit, Zufammen- ftimmung, Zweckmäßigkeit erfannt und auf eine höchſte Intelligenz zurüdgeführt wird.

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Die Peripatetiker des Islam ftanden, wie wir ſahen, in Zuſammenhang mit ber älteren peripatetiichen Schule und unter dem Eindrud der fortichreitenden Naturerkenntniß. Sie zogen aus der Art, wie vom Studium der Außenwelt aus der meta- phyfiſche Zuſammenhang erjcheint, eine Yolgerung, welche die Ver⸗ nunftiviffenfchaft des Ariftoteles einen Schritt weiter, Spinoga und dem mobernen intellettualiftiichen Pantheismus entgegen führte ’). Berbleibt man innerhalb des Studiums ber äußeren Wirflich- feit, fo gilt daß: ex nihilo nihil fit?). Bon dieſer PBoraus- ſetzung aus Hält Ibn Rofchd an ber ariftoteliichen Ewigkeit der Welt feſt. Der gebantenmäßige Zuſammenhang dieſer ewigen Welt ſteht nun mit dem Berftande Gottes und zugleich mit dem menjchlichen Intellekt in Beziehung. Dies für die Vernunftwiſſen⸗ Ihaft grundlegende Verhältnig empfängt bei den arabijchen Peripa⸗ tetifern, inZbefondere bei Ibn Roſchd eine geänderte Fafſung, indem der leßtere nad) dem Vorgang des Ibn Badja die menjchlichen Einzelintelligenzen nicht von einander trennt, ſondern ala in dem univerjellen Verftande enthalten betrachtet. So entfteht die erfte Formel deffen, was dann ala unendlicher Intellekt Gottes bei Spinoza, ala Weltvernunft in der deutichen Spekulation erjcheint.

Diefe Einheit des in der reinen Erkenntniß wirkſamen Intellekts erjcheint unter einem beftimmten Gefichtspunkt ala berechtigte Konjequenz der ariftoteliicden Vernunftwiſſenſchaft.