Abſtrahirt man von den Erfahrungen des Willens, jo liegt in dem iſolirt betrachteten Intellekt thatjächlicy ein über da In⸗ dividuum Hinaußreichender Zuſammenhang, vermöge deflen die Prämiffen des Denkens von Ariftoteles in das Denten des Plato 1) Da3 dritte Buch der Piychologie des Ariftoteles wurde ber Aus⸗ gangspunkt für bie Lehre vom einheitlichen Intellekt: Alexander von Aphro⸗ difiad, Themiftius, die pſeudoariſtoteliſche Theologie enttwidelten fie, und die arabifchen Peripatetiler benukten die Theorien vom leidenben und thätigen Berftande bei Alexander und Themiftius.
2) Die eingejchräntte Geltung des Sapes ex nihilo nihil fit hat ſchon Thomas don Aquino erkannt: der Satz bat feine Geltung für bie trans icendente Urfache, contra gentil. II c. 10. 16. 17. 97.
Die arabifchen Peripatetiler u. d. Theorie vom einheitlichen Verſtande. 405 und weiter des Parmenided 2c. zurüdteichen, und die Allgemein- gültigleit der Säbe dad Individuelle aufzuheben ftrebt. Dies Un⸗ perjönliche des Denken? erhält in dem Maße für die metaphyfiſche MWeltanficht größeres Gewicht, als das Syſtem der allgemeinen Begriffe und Wahrheiten im Geifte verjelbfländigt wird. Wird das Weſen des Menfchengeiftes im Denlen gefunden, jo fehlt ein Prinzip, welches dem Einzelgeifte feinen jelbftändigen Mittelpunkt ficherte, denn ein ſolches liegt nur in dem Lebenägefühl und dem Willen.
Menden wir diefe allgemeinen Sätze an. Der Intellektualis⸗ mus der arabilchen Peripatetifer, wie er in Ibn Roſchd feinen Höhepunkt erreicht Hat, findet in Borgängen des Wiſſens das Band des Weltzufammenhangs, und felbjt die Vereinigung der Seele mit Gott vollzieht fich ihm in der Wiſſenſchaft. Ihm fehlt ba- ber, in folgerihtigem Zuſammenhang mit dem Griumdgedanten der ariſtoteliſchen Vernunftwiſſenſchaft, Tür die geiftige Welt ein Prinzip der Imdividuation?!); da in der Materie ein ſolches nur für die finnlicyen Einzelexiſtenzen gegeben ift. Sa Yon Roſchd ift ih der Eigenschaften des Denken, welche die Alte deſſelben in verjchiedenen Individuen innerlich zu Einem Vernunftzufammenhang verbinden, fehr klar bewußt. Er jchließt daraus, daß das Denken dad Unveränderliche zu feinem Gegenftande hat, e8 müſſe jelber ewig fein?) In dem über Entitehfung und Untergang der Individuen hinausgreifen⸗ den Zufammenhang der Wiſſenſchaft iſt das Auftreten dieſes oder jened Denlkers nur zufällig, der Verſtand jelber ift ewig ®).
1) Averroed destructio destructionum II disp. 3 fol. 145 (Venet. 1562): nam plurificatio numeralis individualis provenit ex materia.
2) Averroed de animae beatitudine c. 3 fol. 150 ff.
3) Destructio destructionum II disp. 2 fol. 144K, Averroe zu der ratio decima: igitur necesse est ut sit non generabilis, nec cor- ruptibilis, nec deperditur, cum deperdatur aliquod individuorum, in quibus invenitur ille. et ideo scientiae sunt aeternae et nec generabiles nec corruptibiles, nisi per accidens, scilicet ex copulatione earum Socrati et Platoni...quoniam intellectui nihil est individuitatis.
406 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.
Der einheitliche Verſtand entipricht der Selbigkeit der Vernunft- wahrheit in den vielen Individuen‘). Nur jo ift erflärbar, dab der Intellekt das Allgemeine, und zwar nicht im Berhält- niß einer durch die Materie ihm zufallenden endlichen Stellung in der Körperwelt, zu erkennen vermag?). Daber ift die menſch⸗ liche Wiſſenſchaft ala in fich zufammenhängendes Ganze ein in Gott gegründeter, nothivendiger und ewiger Beltandtheil der MWeltordnung. Sie ift unabhängig von dem Leben des einzelnen Menfchen. Ex necessitate est, ut sit aliquis philosophus in specie humana >). — Innerhalb diefer panlogiftiicgen Ver⸗ faflung de Syſtems tritt von Neuem bei bon Rojchd die pantheiftiiche Konjequenz derjenigen Bernunftwiflenichaft hervor, welche die Gedantenmäßigkeit der Welt in dem realen Zuſammen⸗ Hang der Gattungen und Arten fieht. Ibn Roſchd's Lehre von dem ewigen und univerjellen Verftande entiprang näher aus der ariftoteliichen Anficht von den Prinzipien der Individuation. Das Einzelweſen befteht aus Stoff und Form; nun ift Stoff den Geiſtern ober Seelen nicht beizulegen, ihre Yorm oder Weſenheit aber ift identiſch; jonach müſſen fie jelber identiſch ſein ). — Und dem entipricht die Verjchiebung des Ausgangspunktes der Beweiſe für die Unfterblichkeit, die wir in feiner Darlegung derſelben her⸗ aushoben. In der Vereinigung mit dem von Gott audftrahlenden „wirkenden Geiſte“ befteht diejenige Unfterblichkeit des Menſchen⸗ 1) Destr. destr. Idisp. 1fol.20 1: et anima quidem Socratis et Platonis sunt eaedem aliquo modo et multae aliquo modo: ac si diceres sunt eaedem ex parte formae, et multae ex parte subjecti earum...anima autem prae caeteris assimilatur lumini, et sicut lumen dividitur ad divi- sionem corporum illuminatorum, deinde fit unum in ablatione corporum, sic est res in animabus cum corporibus.
2) Albertu3 Magnus de unitate intellectus contra Averroem c. 4. — Die Argumente find im Text frei wiedergegeben, da fie in ihrer genauen Faſſung die Spezialitäten der averroiſtiſchen Metaphyſik vorausſetzen. — Dal. übrigend Leibniz, Considerations sur la doctrine d’un esprit uni- versel, welche ſchon Averroes zu Spinoza in Beziehung eben.
3) Averroes de anim. beat. c. 2 fol. 1496.
4) Averroes destr. II disp. 3 fol. 145 ff.
Emanatiftiiche Form bes Panlogismus. 407 geiftes, welche Ibn Roſchd als in der Vernunftwiſſenſchaft begründet anerkennt!).
Mag trennt dieſe Theorie noch von Spinozas unendlichen göttlichen Sintellett oder von dem Panlogismus der deutlichen Identitätsphiloſophie? Innerhalb des naturwiſſenſchaftlichen Den- kens ift e3 die aſtronomiſche Konſtruktion der Welt, welche Gott räumlich von der Welt jondert und den Bezirk der volllommenen, unveränderlichen Bervegungen noch von dem der Beränderlich- keit, des Entſtehens und Vergehens ſcheidet. So entfteht bei den arabiichen Peripatetifern die emanatiftiihde Form ded Pan- logisſmus, welche der pantheiftilcden vorausgeht. Das Schema entipringt, nach welchem einerfeit3 ein Bewegungsſyſtem ſich ab» wärts in der Welt abftuft, andrerjeit3 ein Willen. Don der Wiſſenſchaft Gottes ftrahlt das Wiſſen aus und, dem Lichte gleich, das in die trübe Atmoſphäre hineinjcheint, zerftreut es fi und ſchwächt fi) ab, indem es von einem Weltkreiſe der Bewegung zum andern fich fortpflanzt. So trennen fi) in der emanatifti= ſchen Vorftellung des Ibn Roſchd Intelligenzen von einander, bis zu dem feparaten Intellekt abwärts, der im menjchlichen Denten fi) der Seele verbindet. Das ift der ganz vergängliche Theil der berühmten Theorie des Ibn Roſchd vom gejonderten einheit« lichen Intellekt, welche jo viele Yedern im chriftlichen Abendlande in Bewegung jebte.
Zwiſchen dieſer Wiffenjhaft von dem gedanten- mäßigen Zufammenhang des Kosmos und der Lehre von einem wirkliden Willen in Gott befteht ein unauflösbarer Widerſpruch. Der unerbittlihe Scharffinn des Ibn Roſchd hat ihn erfannt und fchließt den freien Willen in Gott durch folgende Beweizführung aus?). Die Welt ift entweder möglich in dem 1) Das Nähere hierüber bei Renan Averroès? p. 152ff. und exakter bei Munk, Le guide des égarés, traité de theologie et de philosophie t. I p. 484 Note 4. — Die Berichiebung der Beweiſe, nach welcher Ibn Roſchd hauptjächlich von der Thatſache ber abftratten Wiſſenſchaft ausgeht, ift angedeutet und belegt ©. 400.
2) Rhilojophie und Theologie bez Averroes (Müller) S. 79 ff.
408 Zweites Bud. Dritter Abfchnitt.
Sinne, daß aus der Wahl Gottes auch andere Eigenſchaften Der Dinge hätten hervorgehen Tönnen, oder in ihr ift ein höchfter Zweck vermöge der angemeflenen Mittel und: in einem Zujammenbang, der nicht anders gedacht werden kann, verwirflidt. Nur in Dem leßteren alle exiftirt für und ein vernünftiger Zuſammenhang, ber auf ein erſtes Denken führt. „Wenn man nicht einfieht, daß es zwilchen den Anfängen und den Bielpunkten in den berbor- gebrachten Dingen Mittelglieder giebt, auf welche die Exiſtenz der Zielpunkte gebaut ift, jo giebt e3 feine Ordnung und Reihenfolge, und wenn e3 dieje nicht giebt, jo exiftirt fein Beweis, daß dieje Mejen ein wollendes, wiſſendes Agens haben. Denn die Ordnung und Anreihung und das Gegründetfein der Urſachen auf Die Wirkungen beweift, daß fie von einem Willen und einer Weisheit abftammen.“ Den gedantenmäßigen Zufammenbang bis zu feinem erften Prinzip erkennen, ift ihm hiernach, Gott erfennen, und die Dinge ala zufällig betrachten, beißt ihm Gott leugnen. Auch ergiebt ſich die Unmöglichkeit der Wahlfreiheit in Gott daraus, daß fie in ihm einen Mangel, einen leidenden Zuftand, eine Veränderung vorausſetzen würde. Daher bedeutet der Wille in Gott, daß die Vorftellung des volllommenften Zweckes einen nothiwendigen Zuſammenhang der Verurſachung in Gott in Be- twegung feßt. Und dies nennt Ibn Roſchd die Güte Gottes! Stellt Thoma? von Aquino Hier wie überall nur ein fünftliche® Gleichgewicht zwiichen den Sätzen und Gegenſätzen ber, mit welchen die Scholaftif ringt!), jo Hat dagegen Duns 1) Thomas von Aquino verbleibt in der Auffaflung bes Willen unter dem Banne de3 Intellektualiſsmus; vergl. contra gentil. Ic. 8327. p.112 a. Er verlegt aber die Antinomie in den Willen Gottes jelber, indem er die Nothwenbigfeit, mit welcher biefer feinen eigenen Inhalt ala Zweck will, von ber Freiheit unterfcheibet, mit welcher er deſſen Mittel in der zufälligen Welt will, da er doch auch ohne diefe Mittel feine Bolllommens heit beißen könnte; vergl. summa theol. p. I qu. 19 art. 3. Und zivar enthält nach ihm ein joldder Wille keine Unvollfommenheit, weil ex fein Dbjelt ftet3 in fich felber hat; vergl. ebdf. art. 2. So will Gott ewig was er will, nämlich feine eigene Vollkommenheit, ſonach auf nothwendige Weile; ebdf. art. 3. Hiernach ift augenfcheinlich Gottes Wille nach Thomas in feinem Kern nothwendig, wie fein Wiffen.
Duns Scotu3 und die Antinomie zwilchen Intellekt und Wille in Bott. 409 Scotus) diefe Antinomie mit klarem Bewußtſein aufgefaßt, und er fuchte fie nicht wie Ibn Roſchd wegzuſchaffen, indem er den Willen bei Seite brachte, ſondern fein Syftem bezeichnet ben Puntt im mittelalterlicden Denten, an welchem mit derfelben energifchen Schärfe des Geiftes der verftandegmäßige Zufammenhang in der Welt und dad dem Berftande fich entziehende Walten der Freiheit anerlannt werden. Daher ift fein Syſtem von diefem Wider- fpruch in der Mitte zerriffen. Der Beitandtheil der Weltauffaffung, welcher einen gedanfenmäßigen nothwendigen Zuſammenhang er- kennt und ihn auf eine denfende Urſache zurüdführt, ift gänzlich ge⸗ trennt don dem anderen, welcher eine unableitbare Thatjächlichkeit, die eben jo gut ander? fein, und einen freien Willen, der wollen oder nicht wollen kann, feftftellt und Beides auf ein Prinzip des Willen? zurüdführt. Hiervon war die Bedingung, daß er eine erfte gründliche Analyje der Willensfreiheit vornahm; die⸗ jelbe zieht fich durch. feine ganze fchriftftelleriiche Thätigkeit hin- durch. Er ftellt fich dem Ariftoteles jelbftändig gegenüber, welcher das Problem des Unterſchieds von Wille und Denken nicht zu- reichend behandelt habe?), und thut den Schritt zu klarem Erfaſſen der fich ſelbſt beftimmenden Spontaneität®). Diele ift eine unmittelbar gegebene Thatſächlichkeit“). Diefelbe kann nicht geleugnet werden; denn die Zufälligfeit des Weltlaufs ift augenscheinlich, wer fie beftreitet, müßte gemartert werden, bis er zugefteht, es jei auch möglich, daß er nicht gemartert würde; diefe Zufälligfeit weift aber auf eine freie Urſache. Die Thatſache bes freien Willens kann andrerfeitd nicht erflärt werden; denn 1) Ich benuße befonderd? Duns Scotus in sent. I dist. 1 und 2; dist. 8 quaest. 5; dist. 39 befonber® quaest. 5; II dist. 25. 29. 48.
2) Duns Scotus in sent. I dist. 2 quaest. 7.
3) Bal. mit Ariftotele® S. 268 Tuns Scotus in sent. II dist. 25 quaest. 1.
4) Duns Scotus in sent. I dist. 8 quaest. 5: et si quaeras, quare igitur voluntas divina magis determinatur ad unum contradictoriorum, quam ad alterum, respondeo: indisciplinati est, quaerere Omnium causas et demonstrationem.. principii enim demonstrationis non est demonstratio: immediatum autem principium est, voluntatem velle hoc.
410 Zweites Buch. Dritter Abichnitt.
daß jie der Auflöfung in Vernunftzufammenhang unzugänglich ift, macht eben ihren Charakter aus. Sonach find das Denken in ' Gott und der Wille in ihm zwei letzte Erklärungsgründe, deren feiner auf den anderen zurüdgeführt zu werden vermag 1). Zwar ijt der Intellekt die Bedingung des Willend, aber biejer letztere kann das was der Intellekt vorftellt, wollen oder nicht tollen, ganz unabhängig von jenem. So ift in dem Syſtem des Duns Scotus Dualismus der Ausdrud der Antinomie, von welcher es beivegt ift. Er bat dieſe Antinomie jo durchſchaut, daß feine Begriffe nur in das Pſychologiſche und Erkenntnißtheoretiſche umgedacht zu werben brauchen. Denn der Verftand ift nach ihm eine natürliche und nach dem Gejehe der Nothwendigkeit wirkende Kraft, in dem Willen, aber nur in ihm allein, wird ber nothwendige Naturzulammenhang überfchritten, und zwar ift der Wille eben frei, jofern bier das Aufluchen einer ratio endet *). Schließlich Hat Dun? Scotuß die Annahme der vom Verſtande getrennten Frei⸗ heit in Gott big zu dem Sabe verfolgt, daß auch fittliche Geſetze ihm in diefem Willfürafte Gottes allein begründet fchienen. | So erkennt das Denken des Mittelalterd die Unmöglichkeit, ein inneres Verhältniß von Wille und Intellekt in diefem höchſten göttlichen MWejen (dem Abbilde des Gegenſatzes unſeres wiſſen⸗ Ichaftlichen Denkens des Kosmos und unjerer Willenserfahrungen in ungeheurem Maßftabe) zu entwerfen; denn es kann weder Mille in Gott noch PVerftand in ihm leugnen, e8 vermag aud) nicht eind dem andern unterzuordnen und am wenigiten kann ed fie koordinirt nebeneinander ftellen, ala lebte objektive und einander heterogene Thatjachen, wie Dund Scotus gethan hatte. Und wie in Ibn Roſchd die eine Seite diefer antinomijchen Meltordnung einfeitig entwidelt worden war, fo finden wir in 1) Duns Ecotu in sent. I dist. 2.
2) In sent. II dist. 1 qu. 2: sicut non est ratio, quare voluit naturam humanam in hoc individuo esse et esse possibile et contingens: ita non est ratio, quare hoc voluit nunc et non tunc esse, sed tantum quia voluit hoc esse, ideo bonum fuit illud esse. Vgl. hierzu und zur ganzen Lehre vom Willen Duns Scotus quaestiones quodlibetales, quaest. 16.
Occam und bie Theorie bes Willen. 411 dem Fortgang der Metaphufit des chriftlichen Abendlandes ins⸗ beſondere dur Occam die andere in ihre legten Konſequenzen fortgeführt). Jene mußte im weiteren Verlauf in dem Panlo- gismus endigen, diefe mußte die Metaphyſik gerftören und der inneren Erfahrung fowie dem in ihr gegebenen Willen Raum maden. Jene führt zu Spinoza und Hegel, dieje zu den Müftitern und Reformatoren. Inden aber in der Metaphyſik jelber da Prinzip des Willens, ja der Willkür geltend gemacht wird, zerießt der Hierin liegende Widerſpruch zwiſchen der Form und dem Inhalt die Metaphyſik, deren Weſen debuftive Folge⸗ richtigkeit ift, und er erfcheint in Occam und feinen Schülern ala Hrivolität und al Flucht in ein jupranaturaled asylum ignoran- tiae, während zugleich ein tiefer Emft in der Behauptung des großen Prinzips der Willendperfönlichkeit und ihrer freien Macht gegenüber aller Autorität und aller leeren Abftraftion in Occam fi geltend macht.
Indem Occam ſo die Antithefis der Antinomie ebenfo ein- jeitig entwidelte, wie Ibn Roſchd die Theſis außgebildet Hatte, empfing nunmehr der Nominaligmuß einen Lebens— gehalt. Dieſer Hatte in Rozcellinug mit unfruchtbarer Negativität die Begriffe, welche ein Allgemeines oder ein Ganzes audfprechen, verneint, während gerade auf den lebteren die ganze theologilche Dogmatik ald Lehre von der Delonomie des Heils berubte. Jetzt wirkte das Prinzip der Erfahrung, welches bisher nur eine unfruchtbare Erinnerung des Alterthums und ein todtes Spiel des Verſtandes geweſen war, pofitiv und aufbauend. Es Hat in Roger Bacon das Studium der Außenwelt, in Occam die ſelb⸗ ftändige Betrachtung der inneren Erfahrung begründet. Occam ift die mächtigfte Denterperfönlichleit des Mtittelalterd ſeit Au⸗ auftinus. Wie er die Independenz des Willens verkündete, jo bat er fie auch kämpfend in feinem Leben dargeftellt. Ihn be= 1) Sie parallele Erfcheinung im Morgenlande fehlt auch bier nicht. Sie Mutalalimun fubftituirten dem Kauſalzuſammenhang ber Natur un: mittelbare Einzelakte Gottes und führten jo ben Weltlauf als zufällig auf den göttliden Willen zuräd.
412 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt.
ſeelt das moderne Prinzip der unabhängigen Willensmacht der Perſon. Das Objekt des Willens find die Einzeldinge; die allge- meinen Begriffe Zeichen; das Band zwiſchen ihnen und dem gött- lichen Intellekt, das alle Bernunftwifjenichaft zujammengehalten hatte, ift zerrifien; und die praktiſche Theologie jelber wird zerjeßt von dem Gegenſatz der jcholaitiichen Verftandeserörterung als ihrer Yorm, und der Willenderfahrung ala ihres Inhaltes.
Als Luther, ein eifriger Leſer Occam's, die Independenz der Erfahrungen des Willen? ausſprach und den perfönlichen Glauben von aller Metaphyſik auch in Bezug auf die Yorm fon- derte, da war die Metaphyſik bes Mittelalter burch eine freiere Geſtalt de Bewußtſeins abgelöfl. Aber jo langſam arbeitet Die Wahrheit in der Geſchichte, daß die altproteftantiiche Dogmatik wie in einem Schattenjpiel die Begriffe der mittelalterlichen theo- logiſchen Metaphyſik wieder erfcheinen ließ. Die Gedantenmäßigkeit der äußeren Welt ift die Grundvorausſetzung der Wiſſenſchaft, und dad Syftem der Erjcheinungen nach dem Sabe vom Grunde iſt ihr Sdeal; wo aber die Erfahrungen des Willens und des Ge⸗ müths beginnen, bat eine ſolche Erkenntniß feine Stelle mehr.
Antinomie zwifchen der Emwigleit der Welt und ihrer Schöpfung in der Beit.
Die Antinomie, welche die mittelalterliche Metaphyfit im Inner⸗ ften zerreißt, ſetzt fich in die Auffafjung des Verhältniffes Gottes zur Melt fort. Der Wiſſenſchaft vom Kosmos ift die Welt ewig, ber Erfahrung des Willens Schöpfung aus Nichts.in der Zeit. Die arabiichen Peripatetiler find die Repräfentanten der erfteren Lehre, und wie die Leugnung der Unfterblichteit Hat die Neberzeugung von der Ewigkeit der Welt und der Unabhängigkeit der Materie dem abendländilchen Mittelalter die Geftalt des Son Rojchd zu einem Typus des metaphyfiichen Unglaubens gemacht. Won Albertus ab bekämpft die abendländifche Metaphyſik diefe Meberzeugung mit einleuchtenden Gründen. Sie verfucht ihrerjeit? vergeblich, Die Ewigkeit ber Welt und Schöpfung aus Nichts. 413 Schöpfung der Welt aus Nichts in der Zeit vorftellig zu machen und in einer Wiffenichaft vom Kosmos ihr einen Platz zu be= ftimmen.
Die Lehre von der Ewigkeit der Welt war innerhalb der ariftotelifchen Wiflenjchaft nothivendig!). Es giebt innerhalb der kosmiſchen Anjchauung von dem Syſtem der Bervegungen feinen Weg zu dem Gedanken eines bewegungsloſen Zuſtandes oder gar zu dem einer Abweſenheit der Materie: dieſes Syſtem muß ala ewig gedacht werden. Der Sa: aus Nicht? wird Nichts fordert die Ewigkeit der Welt und fchließt jede Schöpfungslehre aus 2).
Die hriftlihe Schöpfungslehre war der vorftellungs- mäßige Ausdrud für die inmere Erfahrung der Trandfcendenz des Willens gegenüber der Naturordnung, wie fie in dem Vermögen, fein Selbft aufzuopfern, ihre höchſte Erfahrung Hat. Sie ver- neinte den Naturprozeß als Welterflärung, mochte er emanatiftijch oder naturaliftiich gedacht werden?), ſowie die Einſchränkung des göttlichen Vermögens durch eine Materie. Aber fie vermochte ihren pofitiven Gehalt mur durch die für die VBorftellung unvollziehbaren Formeln: „ex nihilo‘“‘, „nicht aus dem Weſen Gottes“, „in der Zeit“ auszudrücken *).
Aus dem Gegenjaß diefer beiden Begriffe entfteht eine Antinomie, jofern das religiöje Bewußtſein die Beziehung Gottes 2) Renan (Averroös? 108 ff.) giebt eine Erörterung bed Ibn Rofchb aud dem großen Kommentar defielben zur Metaphyfik bes Ariftoteles (Buch XII) in Uebertragung, twelche über diefe Theis fich zureichend aus. ſpricht.
3) Thomas contra gentil. I c. 81 8q. p. 1112; IV c. 18 p. 502: Deus res in esse producit non naturali necessitate, sed quasi per intel- lectum et voluntatem agens.
4) Die Yormel ex nihilo ift die Meberiragung von 2 Matt. VII, 28; in ber Stelle war möglicherweife das Nichtfeiendbe in platoniſchem Sinne zu verſtehen; jchon Hermas mandatum 1 (Pastor, herausgeg. v. Gebh. u. Harn. p. 70): 6 moınoas dx rou un ovros els TO elyaı ra navre, — Die Begründung der Antithefis, nämlich ber Schöpfungslehre 3. B. Thomas contra gentil. II c. 16 p. 145®.
414 Zweites Buch. Dritter Abſchnitt.
zur Welt irgendwie zu erfennen fi) auf dent untritiichen Stand- punkt genöthigt findet. Denn unter den Bedingungen de Wor- ftellend und Erkennen? muß die Welt entweder ewig oder in der Zeit entftanden und entweder aus der Materie geformt oder aus Nicht? geichaffen gedacht werden. Und zwar kann jebes diejer beiden Glieder durch Aufhebung des anderen gejeht werden.
Das Ringen de Mittelalters mit diefer Anti— nomie ftellt fi) darin dar, daß Sab wie Gegenjat durch ent= Icheidende Gründe vernichtet werden, aber die Berjuche einer befriedigenden pofitiven Aufftellung vergeblich find. Diefer Streit befteht jeit dem Anfang des achten Jahrhundert? zwijchen den arabiſchen Theologen und Philoſophen, aber insbeſondere Die Epoche von Ibhn Roſchd, Albertu® Magnus und Thomas von Aquino ift erfüllt von ihm. — Einerfeit3 wird die Eriftenz der Materie und die Ewigkeit der Welt von der Hriftlihen Phi— lofophie widerlegt. Langſam war die Lehre von der Formung ber Materie feit Ibn Sina bei den arabiichen PBeripatetifern her⸗ angewachſen; in Ibn Roſchd empfing fie ihre Härtefte Yorm, da nad ihm in der Materie die Formen Teimartig liegen und durch die Gottheit bervorgezogen werden (extrahuntur), und wie Dieje Lehren in’3 Abendland dringen, nimmt Albertu3 den Kampf gegen fie auf. Die Unmöglichkeit der Ewigkeit der Welt wird von Albertus daraus eriwiefen, daß von dem gegenwärtigen Zeitmoment ab rückwärts nicht eine unendliche Zeit verfloffen fein Tann, da fonft diefer Zeitmoment nicht eintreten Tonnte!).
1) Albertus Magnus summa theol, II tract. 1 qu. 4 m. 2 art. 5 part. 1 p. 55aff. Dal. Kant 2,338 ff. (Roſenkr.). Eine gute Tarftellung im Kufart, wo ber erfte Lehrſatz der Mebabberim (das heißt der philofophirenden arabiſchen Theologen) jo gefaßt if: „Zueft muß man die Erichaffenheit der Welt feftftellen und dies durch Widerlegung des Glauben? an bie Nichter: Ichaffenheit beftätigen. Wäre die Zeit ohne Anfang, jo wäre die Zahl der in diejer Zeit bis jet beftandenen Individuen unendlich; was unendlich ift, tritt aber nicht in die Wirklichkeit, und wie find jene Individuen in die Wirklichkeit getreten, da fie ja ber Zahl nach unendlich find?"...„was in die Wirklichkeit tritt, muß endlich fein, was aber unendlich if, kann nicht in die Wirklichkeit treten.” Alſo hat bie Welt einen Anfang.
KHufari überſ. von Caſſel? ©. 402. Ebenfo beftimmt jchon bei Eaabdja Das Ringen mit diefer Antinomie. 415 Und die Unmöglichkeit einer Materie neben Gott wird daraus gezeigt, daß fie Gott einjchränten und ſonach feine Idee aufheben würde. — Andrerſeits weifen die Araber nad), daß in dem Zu— ſammenhang der natürlichen Weltanficht die Schöpfung nicht ge- dacht werden kann. Denn, wie Ihn Roſchd richtig folgert, die Entftehung aus Nicht? in der Zeit hebt den Grundſatz der Wiſſen⸗ ſchaft: ex nihilo nihil fit auf. Eine Veränderung, für welche von außen ein Grund nicht vorliegt und die von innen nicht aus einer anderen Veränderung folgt, kann nicht gebacht werden ). Dertheidigen fi Albertus und Thomas hiergegen durch die Unterfcheidung des natürlichen Bewegungsſyſtems und der trans⸗ feendenten Urjacje 2): jo find wir Hier bei einem Webergang aus dem Ueberfinnlichen zu den Naturvorgängen angelommen, welcher ſich der Borftellbarkeit entzieht. Daher denn ſchon von Thomas ab die Schöpfung dem Glauben überlaflen und von der Metaphyfik audgeichlofien wurde.
Cine andere Antinomie ift mit dieſer verfnüpft, führt aber bereit8 in die metaphufiiche Behandlung der Geiſteswiſſenſchaften. In Gottes Verſtande ift die Wirklichkeit in ewigen Wahrheiten und in der Form bed Allgemeinen gegeben, in feinem Willen ala Geichichte, und in dem Zuſammenhang derjelben ift es gerade die einzelne Berfon, auf welche der göttliche Wille fich bezieht.
Diefe Antinomien fönnen in feiner Metaphyſik aufgelöft werden.
So entfteht ber innerlich widerſpruchsvolle Charakter der mittelalterlichen Metaphufil. Der objektive und.denktnothiwendige Emunot, überf. vd. Fürſt S. 122, und anders gewendet bei Maimuni, More Nebochim I c. 74, 2 (Munt I, 422).
1) Averroed destruct. destr. I disp. 1 fol. 15ff.
2) Beſonders Thomas contra gentil. II c. 10. p. 140b; c. 16 sq.p. 145; c. 37 p. 1778 und summa theol. I qu. 45 art. 2: antiqui philosophi non consideraverunt nisi emanationem effectuum particularium a causis par- ticularibus, quas necesse est praesupponere aliquid in sua actione. et secundum hoc erat eorum communis opinio, ex nihilo nihil fieri. sed tamen hoc locum non habet in prima emanatione ab universali rerum principio.
416 Zweites Bud. Dritter Abſchnitt.
Zulammenhang der Welt findet fich gegenüber den freien Willen in Gott, deſſen Ausdrud die gefchichtliche Welt, die Schöpfung aus Nicht? und die moralifchereligidfe Ordnung der Geſellſchaft find. Hier begegnen wir der erften, noch unvolllommenen Form eines Gegenſatzes, welcher die Metaphyfif von innen zerftören und eine jelbftändige Geiſteswiſſenſchaft der Naturwiſſenſchaft gegenüber- ftellen mußte. Ja Kant's Kritik der Metaphyſik empfing ihre Richtung durch dieſe Aufgabe, den nothivendigen Kaufalzufammen= hang mit der moraliichen Welt zufammenzudenten.
Oder wie follte die objektive Unveränderlichkeit eines den Einzel- thatjachen vorhergehenden und ihre Bedeutung zeitlos ausdrücken⸗ den Ideenzuſammenhangs in einem Willen Beftand haben, der lebendige Geſchichte ift, deſſen Vorjehung auf dad Einzelne fich richtet und deſſen Thaten Einzelrealität find? Mit formaler Ge⸗ ichielichkeit haben Albert der Große und Thomas einen Vertrag diejer Begriffe miteinander errichtet. Duns Scotus zerreikt ihn. Er erfennt neben dem Intellekt einen freien Willen in Gott an, welcher auch eine ganz andere Welt hätte hervorbringen können!), und da⸗ mit ift der denknothwendige metaphyſiſche Zuſammenhang jo weit aufgehoben, ala diejer freie Wille reicht, welcher den rationalen Zu⸗ ſammenhang ausjchließt. — Und entfteht weiter die Aufgabe, Ver⸗ ftand und Willen in Gott, dieje fi) befehdenden Abftraftionen, in einen pſychologiſchen Zuſammenhang zu jeßen, jo finden wir eine ſolche Vorſtellung natürlich insgeheim durch die ungeeignete Analogie des menjchlichen Bewußtſeins geleitet; romanhafte Spiegel» bilder unſeres eigenen Seelenlebend, außeinandergezogen in’3 Große, treten und gegenüber. So gewiß die Perjönlichleit Gottes in unferem Leben ala Realität gegeben ift, weil wir und jelbft ge- geben find, jo gewiß können wir doch mur durch eine jpielende Uebertragung in die Gottheit und verjeßen, wobei dann der Wider- 1) Duns Scotus in sent. I. dist. 8 qu. 4.5. Die voluntas ift eben ba» duxch voluntas, daß eine ratio für ben Zufammendbang, aus welchem ber Willensatt hervorgeht, nicht aufgeftellt werden kann, vgl. ebd. II dist. 1 qu. 2. Die Unterſcheidung eines erften und zweiten Derflandes in Gott (ebdf. I dist. 39) Löft die jo entftehende Antinomie nicht auf.
Die Wideriprüche der mittelalterliden Metaphyſik find unauflöglid. 417 ſpruch zwiſchen einem foldhen von uns erjonnenen Weſen und dem Schöpfer Himmels und der Erde hervortritt. Eitle Träume! — Dccam läßt für den rationalen Zujammenhang feinen Schlupf: winkel in Gott übrig.
Wie follte, nachdem die Allgemeinbegriffe ala Schöpfungen der Abſtraktion anerkannt find, ein Daſein derjelben in Gottes Verftande abgefondert von dem Willen, als dem Erflärungdgrund der einzelnen Dinge, gedacht werden können? Eine ſolche An- nahme wiederholt nur den Irrthum von einem Syſtem der Ge- jeße und Ideen, welches, der Wirklichkeit voraußgehend, dieſer feine Gebote auflege. Geſetze find nur abftrafte Ausdrüde für eine Regel der Veränderungen, Allgemeinbegriffe Ausdrüde für das im Kommen und Gehen der Objelte Verharrende. Berlegt man dagegen ben Urjprung dieſes Syſtems von Ideen und Gefeben in die That Gottes, jo entjteht der andere Wiberfinn, daß der Wille Wahrheiten jchafft. Es giebt eben: hier feine metaphyfifche, jondern nur eine erkenntnißtheoretiſche Auflöfung. Die Provenienz deſſen, was ich Ding, Wirklichkeit nenne, ift eine andere als die Pro- venienz deſſen, was ich als Begriffe und Gelee, ſonach ala Wahr- heiten im Denten enttwicle, zu dem Zwecke entwickle, diefe Wirk- lichkeit zu erklären. Indem. ich von dieſer Verjchiedenheit des piy- chologiſchen Urſprungs ausgehe, kann ich zwar die Schwierig- feiten nicht auflöfen, aber ihre Unauflößbarleit erflären und die Trageftellung, in der fie entftanden, als eine unrichtige nachweiſen.
Mie Jollte der Streit, ob Gott die Welt, wie fie ift, ge ichaffen, weil fie jo gut ift, oder ob fie gut ift, weil er fie fo ſchuf, gefchlichtet werden können? Jede Erörterung diefer Fragen jeßt einen Gott, der will, aber in dem dad Gute noch nicht ift, oder einen ſolchen, in dem die intelligible Welt des Guten ift, der aber noch nicht will. Weder jener noch diefer ift ein wirt: licher Gott, und ſo ift diefe Metaphyſik nur ein Spiel ber Ab- ſtraktionen.
Dilthey, Einleitung. 27 418 Zweite Buch. Dritter Abſchnitt.
Siebentes Kapitel. Die mittelalterliche Metaphufil ber Geſchichte und Geſellſchaft.